Die Legende der Alten - Torsten Thiele - E-Book

Die Legende der Alten E-Book

Torsten Thiele

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Beschreibung

Die Legenden sprechen davon, dass die Alten niemals starben, sie hatten das ewige Leben entdeckt. Wahrscheinlich nennen wir sie deshalb die Alten, vielleicht aber auch, weil das alles so unendlich lange her ist. Die Alten hatten den Hunger besiegt, die Alten hatten die Krankheiten besiegt, die Alten hatten den Tod besiegt. Aber niemand fragt sich, warum sie dann nicht mehr da sind. Die Menschheit hat überlebt, sich aufgerappelt. Erinnerungen an schlechtere Zeiten sind längst verblasst, auch wenn Ruinen davon künden. Die Überreste aus alten Tagen gelten als Statussymbol, die Menschen bewundern sie, verehren ihre Erbauer gar als Götter. Schnöde Alltagsgegenstände, Maschinen, halb zerfallene Schriften und Un-mengen wertloser Tand. Jeder möchte sie haben, wenige erforschen sie, verstanden werden sie von keinem. Und so wecken die Menschen unwissend längst vergessene Dämonen der Vergangenheit.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Die Legende der Alten

Danksagung

Verheißung

Kann es eine bessere Welt geben? Eine Welt, in der die Sehnsüchte der Menschheit erfüllt sind, in der jeder sein Glück findet? Eine Welt ohne Gewalt, ohne Hunger? Eine Welt, in der Krankheiten besiegt sind, ja selbst der Tod? Das muss eine wahrlich grandiose Welt sein. Je tiefer jemand im Dreck unserer heutigen Zeit steckt, desto sehnlicher wünscht er sich diese Welt herbei. Jene hoffen, beten, bitten und betteln zu den Alten. Sie mögen zurückkommen, ihnen diese Welt bringen. Hoffnung, oft ist es das einzige, das sie am Leben erhält. Es sind die Ärmsten der Armen, die, denen es an allem mangelt, selbst an Würde. Unter ihnen ist die Sehnsucht am stärksten, sie haben nichts zu verlieren.

Es sind die Legenden der Alten, die man sich in schäbigen Kaschemmen erzählt. Zu jener Zeit, so sagt man, lebten die Menschen in Städten, so groß, dass man sie an einem Tag nicht durchwandern konnte. Die Häuser der Alten ragten bis in den Himmel und glänzten in der Sonne. Und in der Nacht leuchteten die Städte, so, als sei die Sonne niemals untergegangen. Manche behaupten sogar, die Alten konnten fliegen, durch die Lüfte schweben, wie die Vögel, von einer Stadt zur anderen. Sonderbare Geräte nahmen den Alten die Arbeit ab, noch heute findet der, der sich traut, einige davon in den Ruinen. Keiner weiß, wie sie funktionieren. Dennoch sind sie ein Vermögen wert. Sie müssen reich gewesen sein, die Alten.  Vielleicht mussten sie auch deshalb nicht mehr arbeiten, so wie die Beseelten heute. Doch irgendwer muss die Arbeit getan haben und da die Legenden keine armen Menschen erwähnen – zur Zeit der Alten war jeder beseelt –,  bleiben nur die Geräte. Die Beseelten behaupten, die Alten seien bessere Menschen gewesen, und dass sie, die Beseelten, das Erbe der Alten in sich trügen. Das erhebt sie über alle anderen. Bei den Alten war niemand der Herr über den anderen. Es gab auch immer genug zu essen, für jeden, selbst im Winter. Und die Häuser waren warm, auch ohne Feuer. Kein Wunder, dass die Alten nicht krank wurden. Die Legenden sprechen davon, dass die Alten niemals starben, sie hatten das ewige Leben entdeckt. Wahrscheinlich nennen wir sie deshalb die Alten, vielleicht aber auch, weil das alles so unendlich lange her ist. Die Alten hatten den Hunger besiegt, die Alten hatten die Krankheiten besiegt, die Alten hatten den Tod besiegt. Aber niemand fragt sich, warum sie dann nicht mehr da sind.

Heute werden die Alten Götter genannt, die Priester bringen ihnen Opfer dar. Die Alten werden zurückkehren, versprechen die Priester, und mit ihnen diese bessere Welt.

Nur ein Kind

Großwesir Houst streifte mit einigen Wachen durch das Armenviertel der Stadt. Es war Herbst, der Himmel bedeckt und es regnete leicht. Nach der unbarmherzig brennenden Sonne des Sommers eine Wohltat, endlich konnte man wieder ohne den lästigen Gesichtsschal nach draußen. Wie immer blieb sein Blick an jeder Frau, jedem Mädchen hängen, dass ihm begegnete. Jetzt da die meisten nicht mehr verhüllt waren, konnte er ihre Gesichter sehen. Deswegen war er hier, das war seine Aufgabe. Er hielt Ausschau nach den jungen, den unverbrauchten, nach jenen, die gerade die Schwelle zum Erwachsensein überschritten hatten. Seinem geübten Auge entging dabei keine noch so versteckte Blüte, Schmutz und zerlumpte Kleidung täuschten ihn nicht. Wie immer würde er jedem Mädchen, das seinen hohen Ansprüchen gerecht wurde, ein in ihren Augen generöses finanzielles Angebot unterbreiten. Dafür mussten sie sich lediglich bereit erklären, auf einem Ball im Palast zu tanzen. Sie würden gewaschen, frisiert und bekämen ein hübsches Kleid. Man brachte ihnen sogar das Tanzen bei. Letztlich landeten die Mädchen aber in den Betten der ausschließlich männlichen Ballgäste. Housts Bruder, der König, belohnte mit ihnen verdiente Beseelte und sicherte sich deren Loyalität. Und obwohl sich Houst mehr oder minder klar ausdrückte, wussten die wenigsten der jungen Frauen, was sie erwartete. Sein Angebot wurde niemals abgelehnt. Jede Frau hatte ihren Preis, hier im Armenviertel war dieser nicht sehr hoch. Einige würden Houst sicher auch für das Versprechen einer warmen Mahlzeit begleiten. Doch Houst war ein gerechter Mann, zehn Silberlinge waren das Mindeste, das jedes der Mädchen bekam, und natürlich die Aussicht auf eine dauerhafte Anstellung innerhalb der Palastmauern. Die besonders Kecken konnten aber auch den fünffachen Preis herausschlagen. Sie versprachen beim Ball einen besonderen Unterhaltungswert.

Housts Blick blieb an einer Frau hängen, die ihm entgegen kam. Ihr Gesicht war mager, die Wangen eingefallen, das rechte Auge blau unterlaufen. Sicher ein Andenken an den letzten Streit mit ihrem Mann. Auf dem Ball würde sie nicht mehr tanzen, dafür war sie zu alt. Dennoch blieb Houst stehen, beobachtete sie, wartete. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor. Vielleicht hatte er sie einst angeworben, vor ein paar Jahren, als sie noch in der Blüte ihrer Jugend stand. Houst überkam oft ein beklemmendes Gefühl, wenn er diesen Frauen wieder begegnete. Jene, die nach dem Ball nicht im Palast unterkamen – und das waren die meisten von ihnen – landeten wieder hier im Armenviertel. Die Frau hielt einen kleinen Jungen an der Hand, Houst erinnerte der Junge an den alten Chak. Chak war sein Mentor, ein verdienter Forscher jenseits seiner besten Jahre, der regelmäßig an den Bällen teilnahm, sich dabei aber immer derart betrank, dass er von den Mädchen nichts hatte. Die Frau blieb direkt vor Houst stehen. Verächtlich verzog sie den Mund. Plötzlich spuckte sie Houst ins Gesicht. Zwei Wachen traten nach vorn, doch Houst hielt sie zurück. Die Frau ging weiter, ohne ein Wort zu sagen. Der kleine Junge blickte sich um, während ihn seine Mutter hinter sich her zerrte. Houst wischte sich mit einem Tuch die Spucke aus dem Gesicht und schaute ihr nach, bis sie hinter der nächsten Straßenbiegung verschwand.

***

„Wie immer vertieft in ein Puzzel aus Papierschnipseln. Ich werde nie verstehen, wie Ihr euch den ganzen Tag nur mit diesen Schriften aus der Zeit der Alten beschäftigen könnt. Mich langweilt das zutiefst. Viel lieber probiere ich die technischen Gerätschaften aus, die uns die Alten hinterlassen haben. Manche davon bringen zumindest einen Nutzen“, sagte Großwesir Houst als er in das Studierzimmer seines alten Mentors Chak eintrat.

Chak blickte von seinem Schreibtisch auf, seine Brille drohte ihm jeden Augenblick von der Nasenspitze zu rutschen. Er lächelte Houst entgegen.

„Ah, mein Schüler beehrt mich wieder einmal mit einem Besuch. Seit Ihr zum Großwesir aufgestiegen seid, macht Ihr euch ziemlich rar. Keine Zeit mehr für die Forschung? Und was meine Schriften angeht, wie oft seid Ihr – zumindest früher – schon zu mir gekommen, mit der Bitte, doch einmal in ebendiesen Schriften etwas über die Funktionsweise eines Eurer ach so nützlichen Geräte herauszufinden? Es gibt also keinen Grund, derart verächtlich auf die angeblich langweiligen Aufzeichnungen der Alten herab zu schauen. Sicher, sie erwachen nicht plötzlich zum Leben wie so manch eines der Geräte, aber ohne sie würde doch keiner von Euch Praktikern auch nur die einfachste dieser Maschinen verstehen. Im Übrigen habe ich eben einen sehr interessanten Artikel fertig übersetzt. Wollt Ihr ihn lesen?“, sagte Chak.

„Nun, Ihr lasst mich ja doch nicht wieder gehen, bevor ich diesen Artikel nicht gelesen habe. Also zeigt her“, entgegnete Houst und ging zu dem älteren Mann hinüber.

Angesichts der immer größer werdenden Energieknappheit plant die Europäische Weltraumorganisation ESA,  in Zusammenarbeit mit einem Konsortium der größten europäischen Energiekonzerne, die Entwicklung und den Bau eines im Orbit stationierten Sonnenkraftwerks. Das Kraftwerk soll die gigantische Leistung von 10 TW haben, mehr als genug Energie, um ganz Europa mit Strom zu versorgen. Allein die Größe der Basisstation stellt alle bisherigen Raumstationen in den Schatten. Riesige Sonnensegel werden die Energie der Sonne 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr einsammeln, ohne jemals von Wolken verdeckt zu werden. Befürchtungen, die Sonnensegel könnten die Sonneneinstrahlung auf der Erde verringern und so das Klima beeinflussen, entkräften die Wissenschaftler. Die Sonnensegel werden stets neben der Erde stehen, also nie ihren Schatten auf die Erde werfen, so heißt es in der Mitteilung der ESA. Wann das Kraftwerk fertig sein soll, steht noch nicht fest, ebenso wenig die Kosten. Angesichts der derzeit extrem hohen Strompreise, gehen die Verantwortlichen aber davon aus, dass es rentabel arbeiten wird.

Houst legte das Blatt mit dem Text zur Seite und blickte auf.

„Die Alten wollten das Licht der Sonne einfangen“, begann Chak aufgeregt, „Wenn es ihnen gelungen ist, schweben vielleicht heute noch die Geräte weit oben am Himmel. Sicher gibt es darüber noch weitere Aufzeichnungen, und ich werde sie finden.“

„Meint Ihr nicht, dass ein solches Gerät, wenn es denn je eines gegeben hat, längst vom Himmel gefallen sein müsste? Wie lange könnt Ihr einen Stein in der Luft schweben lassen, bevor er zu Boden fällt?“, entgegnete Houst und zog dabei die Augenbrauen zusammen.

„Ich habe Euch doch wohl nicht zu einem kleingeistigen Skeptiker ausgebildet. Jeder Mann, selbst ein so alter wie ich, braucht seine Visionen und Ziele. Ohne eine Aufgabe wird das Leben doch fad“, sagte Chak.

„Nun, wenn es Euch um eine Aufgabe geht, dann hätte ich vielleicht eine. Ich bin heute einem Jungen im Armenviertel begegnet, der Euch wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Und seine Mutter war bei einem unserer Bälle. Ihr habt nicht zufällig einen Sohn gezeugt?“, sagte Houst.

„Ein Junge, sagt Ihr… Und er könnte tatsächlich mein Sohn sein… Meine Frau hat mir all die Jahre nie ein Kind geboren. Das… Ich muss ihn sehen! Wo lebt er? Könnt Ihr mich zu ihm bringen. Diskret, so, dass es meine Frau nicht bemerkt natürlich“, stammelte Chak.

„Natürlich kann ich Euch zu ihm bringen“, antwortete Houst.

***

Kex spielte still in einer Ecke des Zimmers. Solange er keinen Lärm machte, würde ihn sein Vater übersehen. Der saß am Tisch, einen Krug Bier in den Händen und döste vor sich hin. Jemand donnerte mit der Faust kräftig an die Tür. Kex hielt inne und blickte auf.

„Die Tür ist offen!“, brüllte sein Vater.

Manchmal glaubte Kex, sein Vater sei mit dem Stuhl verwachsen. Kex Vater bewegte sich nicht gern, eine alte Verletzung an der Hüfte hinderte ihn daran. Wenn er es doch einmal tat, bedeutete es meist nichts Gutes, für Kex Mutter und auch für Kex selbst. Die Tür wurde aufgerissen und zwei Männer in Uniform traten ein. Kex Vater schaute kurz auf.

„Ah, mein alter Hauptmann kommt mich wieder einmal besuchen. Lust auf ein kleines Spielchen? Der Einsatz ist wie immer“, begrüßte er die Männer.

Die beiden Uniformierten setzten sich an den Tisch. Einer der Beiden stellte einen Becher ab, darin klapperten einige Würfel. Dann ließ er noch ein paar Kupferlinge auf die Tischplatte klimpern.

„Einsatz wie immer“, sagte er, „Aber müssen wir mit trockener Kehle spielen?“

„Weib… Weib, verdammt noch mal, wo bleibst du? Bring Bier, ich habe Gäste!“, brüllte Kex Vater.

Die Tür zur Küche ging auf und Kex Mutter lugte hindurch. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab, verschwand noch einmal kurz im Dunkel der Küche und kam wenig später mit zwei Bierkrügen beladen zurück. Als sie die Bierkrüge auf den Tisch abstellte, fasste ihr einer der Männer von hinten unter den Rock. Kex Mutter verzog angewidert das Gesicht, wehrte sich aber nicht.

„He, noch hast du nicht gewonnen!“, ereiferte sich Kex Vater.

„Halts Maul, Krüppel! Sei froh, dass wir dir überhaupt etwas für deine kleine Hure hier zahlen“, entgegnete der Mann und ließ dabei drohend seine Faust auf die Tischplatte sausen.

„Schon gut, schon gut“, sagte Kex Vater kleinlaut, „Spielen wir jetzt?“

„Ich denke, ich habe heute keine Lust zum Würfeln. Wir werden die Sache ein wenig abkürzen“, sagte der Mann.

Seine Hand immer noch am Hintern von Kex Mutter stand er auf, holte einen Silberling aus seiner Tasche und warf ihn Kex Vater zu. Dann drängte er Kex Mutter zum Bett in der Ecke. Kex hatte aufgehört zu spielen und starrte ihnen hinterher.

„Spiel draußen weiter, Kex“, sagte seine Mutter.

„Hast du nicht gehört, was deine Mutter gesagt hat? Raus mit dir!“, brüllte sein Vater, als Kex nicht sofort reagierte.

Kex rannte aus dem Haus.

***

Der Junge kam aus dem Haus gestürmt und rannte direkt in die Beine von Chak. Nachdem Chak nun bereits seit Wochen immer wieder um das Haus herumschlich, den Jungen und seine Mutter beobachtete, aber nie den Mut fand, sie anzusprechen, half ihm jetzt der Zufall. Erschrocken trat der Junge einen Schritt zurück und schaute mit großen, dunklen Augen zu Chak auf. Chak hätte beim Anblick dieser Augen beinahe geweint. Der Junge sah ihm so ähnlich, es musste sein Sohn sein. Natürlich, Chak konnte sich nicht an die Mutter des Jungen erinnern, aber was sagte das schon. Chak konnte sich nie an eine der Frauen auf den Festen des Königs erinnern, in den seltensten Fällen erinnerte er sich am nächsten Morgen an das Fest selbst. Dafür war er dem guten Wein viel zu sehr zugetan. Die Feiern waren sehr ausgelassen und ab und an verirrte sich auch eines der Mädchen zu ihm – so zumindest die Gerüchte, die er hier und da aufschnappte – warum also nicht die Mutter des Jungen. Es wäre zumindest denkbar. Chak kam plötzlich eine Idee.

„Na da hat es aber einer eilig. Ein Privileg der Jugend, möchte ich meinen. Wie heißt du, mein Junge?“, fragte Chak freundlich.

Der Junge schaute noch einen Moment misstrauisch, als würde er seine Optionen abwägen.

„Kex“, antwortete er schließlich.

„Kex? Ein passender Name für einen so aufgeweckten Jungen. Mein Name ist Chak. Hättest du Lust, dir ein paar Kupferlinge zu verdienen? Weißt du, ich bin nämlich ein Forscher, ich erforsche die Schriften der Alten. Dabei könnte ich einen Gehilfen wie dich gut gebrauchen. Du hast doch schon von den Alten gehört?“, sagte Chak.

Kex schüttelte mit dem Kopf.

„Nun, das macht eigentlich nichts. Das meiste, was man sich von den Alten erzählt, stimmt ohnehin nicht. Da ist es sogar besser, du kennst diese Geschichten erst gar nicht. Also, sind wir im Geschäft, Kex?“, fragte Chak und hielt dem Jungen seine Hand hin.

„Vater wird es nie erlauben“, antwortete Kex nach langem Zögern.

„Wir müssen es ihm ja nicht unbedingt erzählen. Es bleibt unser kleines Geheimnis. Abgemacht?“, versuchte es Chak noch einmal.

Kex kaute auf seiner Unterlippe, nervös rieb er sich mit den Händen über die Unterarme. Schließlich lachte er und schlug ein.

„Du erzählst es auch bestimmt nicht Vater?“, fragte er noch einmal.

„Bei den Alten, versprochen!“, antwortete Chak.

***

Kex lief durch die leeren Gassen, der Mond schimmerte durch einige Wolken. Er hatte sich von zuhause weggeschlichen, als seine Eltern schliefen. Eine brennende Fackel an einer Hauswand erhellte die Straße ein wenig. Kex zog noch einmal die Karte hervor, die er von Chak erhalten hatte. Es war eine Kopie einer Karte aus der Zeit der Alten, Chak hatte nachträglich die Straßen der heutigen Stadt eingezeichnet. Das Haus gleich an der nächsten Ecke war Kex Ziel. Im Keller dieses Hauses verbarg sich ein Zugang zu einer Ruine der Alten. Das Haus stand schon lange leer. Es ging das Gerücht, dass es darin spukte. Die ehemaligen Bewohner hatten sich oft über seltsame Geräusche beschwert. Irgendwann sind die Bewohner dann spurlos verschwunden. Seither traute sich niemand mehr, in diesem Haus zu wohnen. Kex würde also ungestört sein. Seit mehr als fünf Jahren arbeitete er jetzt schon für den Forscher, durchstöberte verlassene Orte für ihn, oder – was Chak natürlich nie erfahren durfte –  er brach in die Keller und Dachböden der Stadtbewohner ein, um dort nach vergessenen Artefakten der Alten zu suchen. Kex mochte den alten Kauz, nicht nur, weil er Kex für seine Dienste gut bezahlte. Chak hatte Kex noch nie geschlagen, selbst wenn es dafür sicher den einen oder anderen Grund gegeben hätte. Und er brachte ihm allerlei interessante, wenn auch wenig nützliche Dinge bei. So konnte Kex inzwischen Lesen und Schreiben, sogar recht leidlich von den Schriften der Alten, verstand sich prima aufs Rechnen und kannte die Geschichte der Alten besser als so mancher Priester. Alles Fähigkeiten, die in den Gassen des Armenviertels wenig gefragt waren. Einmal hatte er sogar eine Tracht Prügel bezogen, weil er einem Priester in dessen Ausführungen berichtigt hatte. Seither vermied Kex es besser, mit seinem Wissen zu prahlen. Lediglich sein mittlerweile geschultes Auge war von einigem Nutzen, konnte er doch so inzwischen die Artefakte der Alten recht zuverlässig von wertlosem Tand unterscheiden. Er war gespannt, was er heute finden würde.

Ein bereits halb verfaulter Fensterladen, gab sofort nach, als Kex an ihm zog. Das Holz zerbröselte regelrecht zwischen seinen Fingern. Kex stieg durch das Fenster ein, kleine Staubwölkchen spielten im Mondlicht, dass hinter ihm in den Raum eindrang. Kex zündete eine kleine Laterne an. Der Raum in dem Kex stand, war beinahe leer. Nur noch ein zusammengefallener Tisch und ein leeres Regal standen darin. Die Dielen knarzten gefährlich als Kex die ersten Schritte in Richtung Tür ging. Auf seinem Weg in den Keller durchstreifte Kex noch ein paar andere Räume des Hauses. Wie der erste, waren auch diese ausnahmslos leergeräumt. Hier hatten wohl Diebe bereits ganze Arbeit geleistet, es gab nichts Interessantes mehr zu entdecken. Im Keller des Hauses war es ungewöhnlich feucht, ein deutlicher Luftzug wehte Kex ins Gesicht. Manchmal klapperte etwas, so dass Kex ein ums andere mal erschrocken zusammenfuhr. Er blieb dann immer stehen und lauschte angestrengt. Doch außer einem leichten Säuseln, wohl vom Luftzug, blieb es danach immer still. Durch die breiten Ritzen einer Holztür pfiff der Wind besonders heftig. Kex öffnete sie und trat in den Raum. Gleich hinter der Tür klaffte ein großes Loch im Boden, beinahe wäre Kex hineingefallen. Aus dem Loch stieg feuchte Luft nach oben. Kex kniete sich vorsichtig an den Rand des Loches und hielt seine Laterne hinein. Das Licht der Laterne reichte jedoch nicht weit genug, es verlor sich nach ein, zwei Metern im Dunkel. Außer lehmiger Erde war nicht viel zu erkennen. Ganz unten ragten dünne Eisenstangen aus dicken, zerbrochenen Steinen. Zum Glück hatte Chak Kex ein Seil mitgegeben. Dieses band Kex nun an der Tür fest und ließ es durch das Loch nach unten fallen. Dann klemmte er sich den Griff der Laterne zwischen die Zähne und seilte sich selbst ab. Ein Erwachsener wäre vielleicht stecken geblieben, aber für Kex war das Loch weit genug. Unterhalb des Loches lag ein breiter Gang. Nach wenigen Metern erreichte Kex dessen Boden. Nicht weit hinter Kex stapelten sich Trümmer bis zur Decke, früher ging der Gang dort sicher noch weiter, jetzt war der Weg versperrt. Am anderen Ende des Ganges führten zwei Treppen parallel nebeneinander nach unten. Die Stufen waren aus einem matten Metall und etwas höher als die normaler Treppen. Wo die Treppen endeten, konnte Kex noch nicht erkennen, sie führten schier endlos nach unten. Endlich unten angekommen, öffnete sich vor Kex eine langgestreckte Halle. Wind heulte und die Luft kribbelte seltsam auf Kex Haut. Ein von der Decke baumelndes Schild klapperte in unregelmäßigen Abständen immer wieder an einen der Stützpfeiler in der Mitte der Halle. Am rechten, wie am linken Rand der Halle befand sich jeweils ein hoher Absatz. Unterhalb des Absatzes führten Schienen in die Dunkelheit. Manchmal zuckten winzige blaue Blitze über die Schienen. Nach wenigen Minuten standen Kex Haare in alle Richtungen ab. Über Kex Kopf tauchte ein großer Kasten auf. „U4“ stand darauf, daneben war eine Uhr, die aber längst stehen geblieben war. Zwischen dem Kasten und dem nächstgelegen Stützpfeiler hatte eine Spinne ihr Netz aufgespannt. Dahinter ergoss sich ein kleines Rinnsal über die geflieste Wand, zwischen den Schienen darunter hatte sich eine große Pfütze gebildet. Zwei tote Ratten schwammen darin. Am Ende der Halle führten die beiden Schienenstränge in runde Tunnel hinein. Nur noch ein schmaler Sims blieb zum Laufen. Eine Tür in einer Nische erweckte Kex Aufmerksamkeit. Sie war aus den Angeln gerissen und stand weit offen. Dahinter lag ein kleiner Raum. Den Raum dominierte ein großes Pult mit unzähligen Knöpfen und Schaltern. Das Pult nahm eine Seite des Raumes komplett ein. Kex drückte einige der Knöpfe aber nichts passierte. Über dem Pult befand sich ein großes Fenster, die Laterne spiegelte sich darin, was dahinter lag, blieb im Dunkel verborgen. Plötzlich ratterte es, erst leise, kamen die ratternden Geräusche schnell näher und schwollen an. Hinter dem Fenster wurde es hell, ein Blitz wanderte den Schienenstrang entlang, ein Wald aus Pfeilern tauchte in seinem fahlen Schein auf. Der Wind blies viel stärker als noch vor wenigen Augenblicken. Dann bogen zwei grelle Lichter um eine Kurve und blendeten Kex. Sie kamen direkt auf ihn zu. Er trat erschrocken einige Schritte zurück, bis er mit dem Rücken gegen die Wand stieß. Kex schloss die Augen. Die beiden Lichter huschten knapp an dem Raum vorbei. Dann quietschte es fürchterlich, das Rattern erstarb, Stille. Zitternd ging Kex zurück in die große Halle. An der rechten Seite stand nun ein Kasten, fast so lang wie die Halle selbst. Ganz vorn flackerte ein Licht. In regelmäßigen Abständen hatte der Kasten Türen, sie waren geöffnet. Vorsichtig lugte Kex in die erste hinein, bevor er selbst eintrat. Etwas sprang ihm entgegen, Kex ließ vor Schreck die Laterne fallen und landete selbst aus dem Hosenboden. Die Laterne erlosch dabei. Das etwas verschwand durch die Tür. Als Kex die Laterne auflas und sie wieder entzündete, blickte er direkt in die starren Augen einer Frau. Sie saß neben der Tür, ihre Finger krallten sich am Türrahmen fest. Kex schlich sich vorsichtig an der toten Frau vorbei aus dem Kasten hinaus. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Dann plötzlich hörte er eine Stimme. Er zuckte zusammen, ein kurzer Schrei entwich ihm. Die Stimme kam aus den Tunneln, sie wurde lauter. Es war eine Männerstimme, aber seltsam verzerrt, ihr eigenes Echo überlagerte sie. Kex konnte kaum ein Wort verstehen, es klang fremd, bedrohlich. Vielleicht war es ein Gefährte der toten Frau, oder Geister.

„Pst, ganz leise! Böse Männer lauern … sind böse … Müssen fliehen … fliehen … Geschwind, geschwind …“

Die Stimme verstummte auch nicht, als Kex die Treppe wieder nach oben gerannt war. Im Gegenteil, sie hallte hier noch lauter durch den Gang, vermischten sich mit den Geräuschen des Windes. Und noch immer kam sie näher. So schnell hatte Kex ein Seil noch nie erklommen. Fast wäre ihm dabei noch die Laterne aus den klappernden Zähnen gerutscht. Hastig zog er das Seil nach oben, drückte die Kellertür hinter sich zu. Er zitterte am ganzen Leib, teils vor Anstrengung, größtenteils aber vor Angst. Noch immer hörte er hinter sich deutlich die Stimme. Fast schon panisch rannte er aus dem Keller. Er schaute nicht einmal, ob ihn jemand beobachtete, als er aus dem Fenster nach draußen stieg. Erst mehrere Straßen weiter lehnte er sich schließlich in einer dunklen Nische an die Hauswand. Sein Atem ging schwer, er rutschte langsam in die Knie. Gerade noch rechtzeitig, bevor eine Wachpatrouille vorbeikam, löschte er endlich die Laterne.

***

Großwesir Houst hatte wenig Zeit, ein neues Gesetz, das die Position des Königs stärken und im Gegensatz die der Priesterschaft schwächen sollte, erforderte seine ganze Aufmerksamkeit. Er musste dafür die einflussreichsten Beseelten auf seine Seite ziehen. Doch ein paar Minuten für einen Besuch bei seinem alten Mentor würde Houst aufbringen. Der Diener hatte gesagt, es sei dringend. Er wurde ins Schlafgemach geführt, Chak lag in seinem Bett, die Augen geschlossen. Im ersten Moment erschrak Houst regelrecht. Das Gesicht von Chak war ausgemergelt, die Wangen eingefallen, der Teint ein helles Grau. Houst hatte zwar von Chaks Krankheit gehört, dass es so schlimm war, überraschte ihn dann doch. Kein Wunder, dass es der Diener derart eilig hatte, vielleicht würde Chak diese Nacht nicht mehr überleben. Dieser Besuch hieß Abschied nehmen, erkannte Houst. Immerhin hat Chak den Intrigen des Hofes bis jetzt getrotzt, er würde im hohen Alter in seinem Bett sterben. Ein Luxus, der nicht vielen vergönnt war. Houst trat an das Bett und nahm die Hand seines alten Mentors. Daraufhin wendete dieser langsam den Kopf und öffnete die Augen. Er begann zu sprechen. Es war so leise, dass sich Houst tief nach unten beugen musste, um Chaks Worte zu verstehen. Mühsam hob Chak etwas den Kopf.

„Du musst dich um den Jungen kümmern. Versprich mir, dass du dich um den Jungen kümmerst“, flüsterte er, dann sank sein Kopf wieder zurück auf das Kissen, seine Augen schlossen sich, er atmete flach.

Houst wartete noch einige Minuten, doch Chak rührte sich nicht mehr. Als er aus dem Schlafzimmer ging, übergab ihm Chaks Diener einen Brief und einen verrosteten Schlüssel. Beides steckte Houst in seine Manteltasche. Vor dem Haus begegnete ihm Wesir Kolat, einer der Beseelten, die er für das neue Gesetz zu überzeugen suchte. Houst lud ihn ein, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Chaks letzte Worte hatte Houst zu diesem Zeitpunkt bereits wieder vergessen.

***

Nichts rührte sich, als Kex an die Tür klopfte. Es war nun schon mehr als einen Monat her, seit er Chak das letzte Mal gesehen hatte. Daran würde sich auch heute nichts ändern. Hatte ihn der alte Kauz einfach vergessen? Wütend hämmerte Kex noch ein paarmal mit beiden Fäusten gegen die Tür. Dann setzte er sich auf die kleine Stufe davor und weinte. Nach einer Weile wischte er sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Mit hängenden Schultern trottete er nach Hause. Bereits auf der Straße hörte er den Streit seiner Eltern. Sein Vater brüllte, seine Mutter schrie und wimmerte. Er schlug sie wieder. Jetzt hinzugehen, war keine gute Idee für Kex. Als mit einem dumpfen Schlag die Schreie seiner Mutter plötzlich erstarben, tat er es doch. Kex Mutter lag auf dem Boden, ihr Kopf im eigenen Blut. Sein Vater drehte sich um.

„Was glotzt du so? Sie ist hingefallen! Los steh wieder auf, du kleine Schlampe“, lallte er und trat dabei Kex Mutter in den Bauch.

Sie rührte sich nicht.

„Ach was soll’s. Mach dich nützlich und bring mir Bier. Jetzt mach oder es setzt was!“, befahl Kex Vater, ging zum Tisch und setzte sich.

Kex tat wie ihm geheißen und ging in die Küche, Bier holen. Dabei musste er dicht an seiner Mutter vorbei. Sie lag immer noch regungslos am Boden, ihre Nase schien gebrochen, ihre Lippen waren aufgeplatzt, das rechte Auge komplett zugeschwollen. Eine große Platzwunde zog sich über die Stirn bis zur Schläfe, Blut rann über die Wange zum Ohr, tropfte von dort auf den Boden und versickerte zwischen den Ritzen der Holzdielen. Kex blieb stehen und beobachtete die Szene eine Weile. Seine Hände zitterten.

„Wo bleibt das Bier!“, brüllte sein Vater.

Kex zuckte zusammen und rannte in die Küche. Nachdem er vor seinem Vater das Bier auf den Tisch abgestellt hatte, kniete er sich neben seine Mutter auf den Fussboden. Er nahm ihren Kopf in beide Hände und tupfte mit einem Tuch das Blut von ihrer Stirn, so wie sie es bei ihm schon unzählige Male getan hatte. Er saß so für Stunden, weinte leise. Seine Mutter jedoch wachte nicht wieder auf.

***

Es war nun zwei Wochen her, seit sie Kex Mutter den Flammen übergeben hatten. Kex kam seither nur noch zum Schlafen nach Hause, meist spät in der Nacht, wenn sein Vater längst im Bett lag, oder zu betrunken war, noch die Hand gegen ihn zu erheben. So hatte er lediglich dreimal Prügel bezogen. Auch heute hoffte Kex, ungeschoren davonzukommen. Als er seinen Vater am Tisch sitzen sah, schwand seine Hoffnung. Sein Vater war nicht allein, ein weiterer Mann saß ihm gegenüber. Kex sah ihn nur von hinten. Der Mann hatte den Schädel kahl geschoren, ein Hut lag vor ihm auf dem Tisch. Neben ihm lehnte eine abgegriffene Holzkrücke an der Tischkante, dem Mann fehlte ein Bein.

„Ah, da ist ja mein Prachtjunge. Komm her!“, befahl Kex Vater in ungewöhnlich sanftem Ton.

Er schien nicht einmal sonderlich betrunken zu sein. Zögernd trat Kex an den Tisch. Im fahlen Licht der kleinen Kerze, die auf dem Tisch brannte, konnte Kex jetzt auch das Gesicht des Fremden sehen. Es war mit Narben und roten Pusteln übersät. Überall lösten sich kleine Hautschuppen. Der Fremde musterte Kex von oben bis unten.

„Komm näher. Zeig mal deine Zähne“, sagte der Fremde mit krächzender Stimme.

Kex rührte sich nicht. Sein Vater ballte die Faust, atmete dann langsam aus.

„Jetzt mach schon“, sagte er dann gepresst.

Langsam ging Kex zu dem Fremden, beobachtete ihn dabei misstrauisch. Der Mann wandte sich zu Kex um und tastete seine Oberarme ab.

„Die Zähne“, krächzte er noch einmal.

„Jetzt mach endlich dein Maul auf“, explodierte Kex Vater.

Kex zeigte dem Fremden seine Zähne. Der verzog kurz den Mund und drehte sich dann wieder zu Kex Vater.

„Er ist dürr, ihm fehlen zwei Zähne und besonders aufgeweckt scheint er auch nicht zu sein. Ich gebe dir fünf Silberlinge für ihn“, sagte der Mann.

„Das ist nicht Euer Ernst. Er kann kräftig anpacken, er braucht nur ein wenig Training. Der Junge ist mein einziger Sohn, seit dem unglücklichen Tod meiner Frau, das einzige, was ich noch habe. Vielleicht habe ich ihn nur einfach nicht hart genug rangenommen. Das könnt Ihr mir nicht zum Vorwurf machen. Ich hänge an dem Jungen und gebe ihn nur ungern weg. Es ist nur so, dass mir seit dem Tod meiner Frau das Geld fehlt. Es reicht einfach nicht mehr für den Jungen. Schließlich musste ich seit meinem Unfall den Dienst bei der Stadtwache aufgeben, Ihr wisst, meine Hüfte. Gerade Ihr müsstet das verstehen…“, lamentierte Kex Vater.

„Ach, ich mag wie Ihr ein Krüppel sein, doch im Gegensatz zu Euch hindert mich dies nicht, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Fünf Silberlinge, das ist mein letztes Angebot“, entgegnete der Fremde.

Er ließ die fünf Silbermünzen auf den Tisch klimpern.

„Aber davon kann ich kaum einen Monat leben“, jammerte Kex Vater, griff aber nach dem Geld.

„Das ist Eure Sache“, sagte der Mann.

Dann stand er auf, nahm seinen Hut vom Tisch, klemmte sich die Krücke unter die Achsel und trat neben Kex. Er legte seine Hand auf dessen Schulter.

„Mein Name ist Esrin. Du gehörst jetzt mir. Ich habe eine Menge Geld für dich bezahlt und muss dich obendrein noch durchfüttern. Du wirst für mich arbeiten und ich verlange Gehorsam. Verstanden?“, fragte er.

Kex nickte eingeschüchtert.

„Gut, dann pack deine Habseligkeiten zusammen und komm.“

Diebesbande

Die Einöde, meilenweit nichts als trockene Erde, grau, unwirtlich. In der Ferne zuckten Blitze über den Himmel. Aufgetrieben vom Wind huschten kleinere Trichter aus Staub über die Ebene, drehten sich, wirbelten mal in die eine Richtung, dann plötzlich in eine andere, fielen in sich zusammen, nur um kurz darauf, wenige Meter daneben, wieder neu zu entstehen. Fast schien es, als würden sie tanzen. Ein Ballet, die Einöde als Bühne und Kex als Zuschauer. Das gleichförmige Surren der beiden Windräder –Relikte der Alten –, die hinter Kex gespenstisch in den Himmel aufragten, lieferte die Musik dazu. Kex genoss die Aussicht. Mehrere hundert Meter erhob sich die Klippe hier über der Ebene. Unweit schmiegte sich der große Fahrstuhl an den Felsen, seine Holzbalken gebleicht von der Sonne. Er war der einzige Weg in die Einöde, schon seit Jahren hatte ihn niemand mehr benutzt. Was sollte man auch da unten? Dort gab es nur Staub. An die Verdammten, die in der Einöde leben sollen, glaubte Kex nicht. Er hatte schließlich noch nie einen von ihnen gesehen. Wahrscheinlich waren sie eine ebensolche Legende wie die Städte der Alten. Es soll sie ja geben, weit hinter dem Horizont. Kex kannte nur Ruinen, die wenigsten waren einladend. Trotzdem träumte er manchmal von den Städten. Eines Tages würde er hinausziehen, stellte Kex sich vor, und sie finden, irgendwann. Viele sind bereits aufgebrochen, nach ihnen zu suchen, bisher ist niemand zurückgekehrt. Er würde zurückkehren, er würde ein Held sein.

Ein plötzlicher, stechender Schmerz im Rücken riss Kex aus seinen Tagträumen. Er kannte diesen Schmerz und schon lange hatte er aufgegeben, zu zählen, wie oft ihm Esrin seine Krücke zwischen die Schulterblätter gerammt hatte. Mittlerweile nahm er es mit einem gewissen Stumpfsinn hin, wirklich daran gewöhnen konnte er sich wohl nie. Der Schmerz verging, der gekränkte Stolz aber blieb. Irgendwann würde er den alten Krüppel dafür umbringen, nicht jetzt, nicht heute, irgendwann.

„Habe ich mir doch gedacht, dass du wieder hier herumlungerst, du elender Taugenichts. Man sollte dich in die Einöde schicken, die du anscheinend so magst. Es ist Markttag, die Stadt voller Menschen und das Gedränge ideal für uns. Also mach gefälligst, dass du zu den anderen auf den Marktplatz kommst, es gibt Arbeit. Ich füttere dich nicht umsonst durch!“, krächzte Esrin.

Widerwillig erhob sich Kex. Ein paar kleinere Kieselsteine lösten sich vom Rand der Klippe und klimperten hinunter in die Einöde. Esrin war nervös einige Schritte zurückgetreten. Kurz nahm er den Hut mit der breiten Krempe vom Kopf und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Sein Gesicht war mit Pusteln übersät, Zeichen eines Lebens unter freiem Himmel. Einen Gesichtsschal, so wie Kex und die meisten anderen Menschen, trug er selbst im Sommer nicht. Normalerweise vermied Esrin es, hierher zu kommen. Auch ein Grund, warum Kex diesen Platz so mochte. Nur bei besonderen Anlässen holte Esrin Kex persönlich ab, es musste also einen solchen Anlass geben. Doch Esrin schwieg, während er neben Kex den Hügel hinauf zum Stadttor humpelte. Kex fragte nicht, er würde es noch früh genug erfahren.

Vor dem Tor warteten Händler, Bauern und Handwerker aller Art darauf, in die Stadt eingelassen zu werden. Gerade durchstöberten die Wachen den Karren eines Händlers. Sie begutachteten seine Waren von allen Seiten, schafften einige hübsche Stücke in das Wachhaus, andere warfen sie achtlos vom Wagen herunter. Der Händler lief aufgeregt herum, sammelte seine Waren von der Straße und lamentiert dabei über sein Schicksal. Nicht wenige hinter ihm in der Reihe schauten belustigt, andere sorgenvoll. Kex fragte sich, ob es der erste Besuch dieses Händlers in der Stadt war. Jeder wusste, dass die Wachen niemanden ohne Wegzoll einließen. Konnte oder wollte jemand nicht zahlen, bedienten sie sich bei seinen Waren. Fanden sie dort nichts, jagten sie den armen Narren einfach davon. Erst wenn ihre Börsen bereits gut gefüllt waren und das Wachhaus schier überquoll, zeigten sie sich milder. Wer nicht viel hatte, ließ anderen also gern den Vortritt. Allerdings war der Marktplatz begrenzt und wer zuerst kam, besetzte die aussichtsreichsten Plätze, dort, wo die Diener der Beseelten einkauften, oder manchmal sogar die Beseelten selbst flanierten. Die Letzten, die in die Stadt eingelassen wurden, konnten ihre Waren höchstens noch in einer der schäbigen Seitengassen feilbieten. Dort zahlte so mancher Kunde eher mit den Fäusten, oder schlimmer noch, mit Messerstichen, denn mit Geld. Insofern schienen ein paar Kupferlinge mehr für die Torwachen gut angelegt, wenn sie einen dafür nur früh genug einließen.

Wie immer unternahmen die Wachen nicht einmal den Versuch, Kex aufzuhalten. Zu oft schon hatten sie sich zum Gespött der halben Stadt gemacht, als sie hinter ihm her hetzten und über allerlei Hindernisse stolperten, die Kex mühelos vermied. Ihre fettgefressenen Bäuche schwabbelten dabei lustig über ihre Hosen. Jedes Mal hatten sie aufgegeben, ihre hübschen Uniformen verdreckt und zerrissen. Nicht umsonst nannten die anderen Kex Wiesel. Diesen Spitznamen hatte er sich redlich verdient. Mittlerweile quetschten die Wachen nur noch ein kurzes „Verschwinde!“ zwischen den Zähnen hervor und widmeten sich dann wieder ihrer lukrativeren Klientel. Esrin konnte nicht davonlaufen, zahlen musste aber auch er nicht. Welche Abmachung Esrin mit den Wachen getroffen hatte, konnte Kex bisher noch nicht herausfinden. Geheimnisse zu bewahren, zählte zu Esrins herausragenden Fähigkeiten.

Die anderen Jungen der Bande lungerten schon in einer Ecke des Marktplatzes herum. Scheinbar gelangweilt beobachten sie die Ankunft der Händler. Insgeheim schmiedeten sie aber sicher bereits Pläne, wie sie jeden einzelnen um einige Kupferlinge erleichtern konnten. Ein Gesicht kannte Kex noch nicht, ein kleiner Junge, wohl kaum einmal zehn Jahre alt. Er musste neu sein.

„Wer ist der Knirps? Der kommt doch kaum an den Hosenbund heran, so klein wie er ist“, fragte Kex.

„Er erfüllt seinen Zweck. Hoher Besuch ist heute angesagt, meine Quellen berichten von einer Beseelten samt Gefolge. Ich und der Kleine werden sie für euch ablenken, diese schüchternen Kinderaugen werden ihre Wirkung auch bei der Beseelten nicht verfehlen. Ich habe ihn extra dafür gekauft. Kümmer du dich mit den anderen gefälligst darum, dass den Herrschaften der Hosenbund etwas leichter wird. Sonst ziehe ich den Kaufpreis für den Balg von eurem Anteil ab“, raunzte Esrin.

„Das tust du doch sowieso“, erwiderte Kex.

Er biss die Zähne zusammen, als er zur Antwort Esrins Krücke im Rücken spürte. Betont gelassen schlenderte er zu den anderen Jungen hinüber, Esrin blieb zurück, er zeigte sich nie mit der ganzen Bande zusammen. Der kleine Junge trat schüchtern einen Schritt zur Seite, musterte Kex aber immer wieder verstohlen.

„Esrin will, dass wir uns um eine Beseelte kümmern“, sagte Kex.

„Die haben jede Menge Wachen dabei. Ich bin nicht scharf auf die Grube. Soll der alte Drecksack sie doch selber beklauen!“, monierte Bartar.

Er war ein stämmiger, großgewachsener Junge, überragte Kex und die anderen um mindestens einen halben Kopf. Die ersten Anzeichen eines Bartes zierten bereits sein Gesicht. Ein Ereignis, auf das Kex bei sich selbst bisher vergebens wartete. Dabei war er nur ein halbes Jahr jünger als Bartar. Bartar beschwerte sich oft, solange Esrin nicht in der Nähe war, tat aber immer wie ihm geheißen. Und obwohl alle zumindest ein bisschen Angst vor ihm hatten, respektierten ihn nur wenige und wohl kaum einer traute ihm. Das lag vor allem daran, dass er Esrin in dessen Gegenwart geradezu in den Hintern kroch. Keiner der Jungen hatte Lust, von Esrin verprügelt zu werden, nur weil Bartar seinem Meister alle Neuigkeiten aus der Bande zutrug. Stattdessen hatte die Bande Kex als Anführer auserkoren, Bartar beschwerte sich darüber nicht. Immer wenn Kex an seinen Rücken dachte, so wie jetzt, da der dumpfe Schmerz gerade erst abklang, hielt er Bartar für klüger als sich selbst.

„Der Neue soll sie ablenken. Wie heißt du?“, fragte Kex.

„Ich?“, stammelte der kleine Junge und schaute sich dabei um, in der Hoffnung hinter ihm stünde noch jemand, der an seiner statt gemeint sein könnte. Aber da stand niemand.

„Mein Name ist Lasikosa.“

Einige der anderen Jungen kicherten unverhohlen. Auch Kex konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Wer hat dir denn diesen bescheuerten Namen gegeben? Wir nennen dich am besten nur Kos“, entschied Kex.

Der Junge zog den Kopf zwischen die Schultern und nickte nur. Kex fragte sich, wie Kos in die Hände von Esrin geraten war. Viel tiefer konnte man nicht mehr sinken, eine Karriere als Dieb und Bettler. Früher oder später würden ihn die Wachen erwischen, vielleicht schon heute. Dann endete das Leben in der Grube. Von Bestien bei lebendigem Leib zerrissen, so erzählte man es sich zumindest in den Tavernen. Kein schöner Tod. Nur die Kinder in den Minen waren noch schlimmer dran, sie sahen kaum das Sonnenlicht. Obwohl, damit bekamen sie auch keine Sonnenkrankheit. Kex wischte diesen Gedanken beiseite. Solange er die Dinge nur richtig anpackte, musste niemand in die Grube, zumindest nicht heute.

***

Prinzessin Nomo hatte ihr schönstes Kleid angezogen, schließlich durfte sie zum ersten Mal in die Stadt auf den Markt. Schon von Kindes an faszinierte sie das Treiben auf den Straßen. Sie saß bisweilen stundenlang vor dem kleinen Fenster im Turm, von dem aus man über die Mauer des Palastbezirkes sehen konnte. Heute würde sie Teil dieses Treibens sein, sie war fürchterlich aufgeregt. Nach jahrelangem Betteln hatte Nomos Mutter diesem Ausflug endlich zugestimmt. Vielleicht beruhigte es ihre Mutter, dass Kirai Nomo begleitete. In letzter Zeit drängte er sich förmlich in Nomos Leben, wo sie war, konnte Kirai nicht weit sein. Kirai war durchaus ansehnlich, stolz, er gab sich öffentlich stets charmant, und so wie bei den meisten anderen Mädchen, hatte dies auch Nomos Herz die ersten Begegnungen schneller schlagen lassen, ihr die Stimme versagt. Doch wenige Treffen hatten Kirai entzaubert, Nomos Aufregung sich schnell gelegt. Er sprach selten mit ihr, nach einigen überschwänglichen Komplimenten bei der Begrüßung –  insbesondere wenn ihre Mutter anwesend war –  ignorierte er sie zumeist völlig. Ausgiebig unterhielt sich Kirai nur mit anderen Beseelten. Oder, waren keine Beseelten außer ihr anwesend, kommandierte er die Dienerschaft umher. Nomo hielt Kirai deswegen für ausgesprochen eingebildet, aber wenn er ihr zu diesem einmaligen Ausflug verhalf, würde sie seine Gesellschaft auch heute ertragen. Sicher gab es auf dem Markt genügend Ablenkung.

Als sich das Palasttor öffnete, zögerte Nomo für einen Moment. Dann holte sie noch einmal tief Luft und schritt hindurch. Zwei Diener liefen rückwärts vor ihr her und fächerten ihr mit großen Palmenwedeln Luft zu. Mit heftigen Armbewegungen scheuchte Nomo sie davon, der riesige, über sie gehaltene Sonnenschirm war schon auffällig genug. Am liebsten hätte sie auch diesen im Palast gelassen. Aber ohne seinen Schatten riskierte man die Sonnenkrankheit. Auch die Beseelten waren davor nicht gefeit und Nomos dünne Schleier schützten nicht genug. Neben ihr lief Kirai, er nickte ihr kurz zu, sein Blick war leicht verächtlich. Dafür mochte Nomo das Sonnenlicht, die meisten Gesichter waren verhüllt, nur die Augen waren noch zu sehen. Die Augen ersetzten die Mimik, nur wenige konnten mit ihren Augen lügen. Für einen geübten Betrachter – und Nomo war geübt – ließen die Augen wenig Raum für Fehlinterpretationen.

„Manche Beseelte erzählen immer, wie toll doch die Stadt sei. Aber wie Ihr bemerkt, die Sonne brennt hier noch schlimmer als im Palastgarten und die Straßen sind staubig. Man muss es nur einmal gesehen haben und hat für ein Leben genug“, sagte Kirai.

„Ich mag es!“, antwortete Nomo.

Sie hatte die Augen weit aufgerissen, wendete den Kopf neugierig mal in die eine, mal in die andere Richtung. Hinter ihr setzte sich ein ganzer Tross aus Dienern und Wachen in Bewegung. Ihre Augen blickten finster aus dem schmalen Spalt, den ihre Gesichtsschals frei ließen. Anscheinend freute sich außer Nomo niemand auf diesen Ausflug. Nomo hatte darauf bestanden, zu Fuß zu gehen, schließlich sollten sich die Beseelten nicht über die einfachen Menschen erheben. Im Gegensatz zu den meisten Beseelten, nahm sie die Lehren der Priester sehr ernst. Ihrer Mutter gefiel dies gar nicht, und beinahe hätte Nomo damit den ganzen Ausflug gefährdet, aber als auch Kirai ihr zustimmte, die Beseelten sollten ein Vorbild sein – vielleicht war er ja doch gar nicht so eingebildet – , hatte ihre Mutter klein bei gegeben. Und so gingen sie die breite, von Bäumen gesäumte, Straße hinunter zum Markt. Einige der Dächer glänzten dunkelgrau bis violett, spiegelten ein wenig den Himmel, wenn man sie im richtigen Winkel betrachtete. Dachsteine aus der Zeit der Alten. Hier in den besseren Vierteln nahe des Palastes ein Statussymbol. Passanten, die der Prozession begegneten, verneigten sich ehrfürchtig. Die Beseelten mischten sich nur selten unter das einfache Volk, und wenn, blieben sie meist hinter den Vorhängen in einer Sänfte verborgen. Während das unterwürfige Verhalten der Leute Nomo verlegen machte – sie blickte beschämt zur Seite und ihr Gesicht wurde heiß – sonnte sich Kirai förmlich darin. Immer wieder reckte er stolz den Kopf gen Himmel und hob gönnerhaft die rechte Hand. Er war eingebildet!

Zwar war die Stadt die größte Siedlung weit und breit, Nomo erschien sie das Zentrum der Welt, verglichen mit den Städten der Alten aus den Legenden, hieß es, sei sie nur ein mickriges Dorf. So dauerte es lediglich eine Viertelstunde, bis sie den Markt erreichten. Nomo war dennoch überwältigt. Sie wusste gar nicht wo sie zuerst hinschauen sollte. Tausend Eindrücke, verstärkt durch Nomos geschärfte Sinneswahrnehmung, stürmten auf sie ein. Eine besondere Fähigkeit der Beseelten, eine Fähigkeit, die zunehmend seltener wurde. Schon seit Jahren hatte die Hohepriesterin keine potente Linie mehr hervorgebracht. Mittlerweile begründete sich der Rang eines Beseelten meist nur noch auf einen dicken Geldbeutel, so wie bei Kirai. Für einen kurzen Moment blieb Nomo stehen, sog die Gerüche tief ein und lauschte dem Wirrwarr aus Stimmen. Alles war so lebendig. Im Gegensatz dazu erschien ihr der Palast trist und langweilig. Dicht an dicht drängten sich die Marktstände, nur schmale Gassen blieben für die Passanten. An einigen Stellen war es so eng, dass sich die Zeltplanen der gegenüberliegenden Stände beinahe berührten. In den Gassen wimmelte es von Menschen. Sie liefen in alle Richtungen, zwängten sich an denen vorbei die gerade mit einem der Händler feilschten, blieben abrupt stehen, wenn sie in den Auslagen etwas Interessantes endeckten, oder einer der Händler sie mit einem Angebot lockte. Nomo hatte noch nie so viele Menschen gesehen und wunderte sich, wie sich jeder Einzelne in diesem Chaos zurechtfand. Sie schüttelte kurz den Kopf, lachte fröhlich auf und ging dann zum ersten der Marktstände hinüber. Sofort scheuchte der Händler alle anderen Kunden davon und widmete Nomo und deren Gefolgschaft seine ganze Aufmerksamkeit.

„Edle Dame, schaut Euch nur meine Waren an. Es sind die besten im ganzen Königreich“, prahlte er.

Er verkaufte Tücher und Stoffballen in allen möglichen Farben und Mustern, Nomo fand sie wunderschön. Eine von Nomos Dienerinnen trat hervor, rieb einige der Stoffe prüfend zwischen den Fingern und rollte dabei mit den Augen.

„Minderwertige Ware, schlecht gewebt. Und seht nur, wie ungleichmäßig gefärbt die Stoffe sind, Prinzessin. Solch ein Plunder ist Eurer nicht würdig. Hier sollten wir nichts kaufen. Sicher hat ein anderer Händler Besseres zu bieten“, sagte sie.

„Wollt Ihr Eure Herrin beschämen? Sie kann sicher selbst entscheiden, dass meine Stoffe von bester Qualität sind. Es ist echte Seide aus den fernen Landen. Fühlt nur wie…“

„Ich bin die beste Schneiderin im Palast! Euren Dreck könnt Ihr einem unbedarften Bauern aufschwatzen, aber nicht mir“, fiel ihm Nomos Dienerin ins Wort.

Der Händler blickte zur Seite.

„Aber meine Dame, ich wollte gar nicht an Euren Fähigkeiten zweifeln. Es sind exotische Stoffe, vielleicht habt Ihr einen solchen nur noch nie angefühlt“, sagte er.

Die Dienerin starrte ihn nur böse an. Nomo hob entschuldigend beide Hände und zog dabei kurz den Kopf zwischen die Schultern. Dann ging sie weiter. So pilgerte sie von Stand zu Stand. Immer wieder fand einer der Diener oder Dienerinnen etwas an den Waren der Händler auszusetzen. Nomo störte sich nicht daran, sie war nicht hier, um etwas zu kaufen, sie war hier um so viel wie möglich zu sehen. Und davon gab es reichlich, war der Markt doch voll mit Menschen aus allen Ecken des Reiches. Manche trugen so exotische Kleidung, dass Nomo staunend stehen blieb. Andere Marktbesucher fluchten daraufhin, da Nomo den Weg blockierte. Ohnehin war es gar nicht einfach, mit einem so großen Gefolge durch die engen und überfüllten Gassen des Marktes zu gehen. Besonders die Wachen hatten ihre liebe Not. Eine Gruppe Jungen, fast schon Männer, machte sich einen Spaß daraus, immer wieder zwischen den Wachen herumzurennen und sie damit durcheinander zu bringen. Die Wachen schlugen mit den Schäften ihrer Lanzen nach den Jungen, erwischten aber selten einen. Kirai beobachtete dies mit zunehmender Unruhe. Nomo lachte fröhlich, am liebsten hätte sie mit den Jungen, die alle ungefähr in ihrem Alter waren, herumgetollt. Dass sie Kirai nervös machten, gefiel ihr umso mehr.

Eine Menschentraube direkt vor ihnen, aus der lautes Geschrei und das Weinen eines Kindes drang, zog Nomos Aufmerksamkeit auf sich. Als sie herantrat, machten einige der Schaulustigen eine Gasse für sie frei. Ein Mann in mittleren Jahren, ein Krüppel auf einem Holzbein, sein Gesicht nicht verhüllt und gezeichnet von der Sonnenkrankheit, drosch immer wieder mit seiner Krücke auf einen kleinen Jungen ein.

„Du nichtsnutziger Bengel, sieh nur, was du wieder angerichtet hast! Meine schönen Vasen. Die Arbeit eines ganzen Monats hast du zerbrochen. Aus dem Haus sollte ich dich jagen. Von was sollen wir jetzt leben“, schimpfte er dabei.

Auch das Gesicht des Jungen war unverhüllt, arme Leute, sie lebten nicht lange. Plötzlich stand der kleine Junge auf, rannte zu Nomo und klammerte sich hilfesuchend an sie.

„Bitte, bitte hilf mir, er schlägt mich tot“, bettelte der Junge.

„Ist das dein Vater?“, fragte Nomo und legte schützend ihre Hände auf die Schultern des Jungen.

Der Junge schüttelte nur mit dem Kopf, als er noch einmal laut aufschluchzte.

„Wie heißt du denn?“, fragte Nomo.

„Lasikosa“, antwortete der Junge.

Nomo schmunzelte leicht. Kirai zwängte sich durch die Dienerinnen und musterte den Jungen ebenfalls.

„Straßenkinder. Ihr solltet ihnen nicht trauen, Prinzessin. Ehe man sich‘s versieht, ist man um einige Goldlinge ärmer“, sagte er.

Dabei griff er sich an den Geldbeutel, der an seinem Gürtel befestigt war. Gerade noch rechtzeitig, denn im selben Moment war jemand dabei, diesen abzuschneiden.

„Diebe! Wachen, haltet sie auf“, rief Kirai und drehte sich um.

Die Wachen schreckten auf, sie hatten ebenso neugierig wie alle anderen auf die Prinzessin und den kleinen Jungen gegafft. Jetzt bezogen sie mit antrainierter Schnelligkeit Stellung, ihre Lanzen fest im Griff. Die dreisten Diebe, es waren die Jungen, die die Wachen bereits die ganze Zeit narrten, stoben in alle Himmelsrichtungen auseinander. Einige Wachen stellten ihnen nach, hatten im Gedränge des Marktes aber keine Chance. Prinzessin Nomo stand wie erstarrt, beide Hände an den Mund gepresst. Die Menschenansammlung um sie herum löste sich erstaunlich schnell auf. Niemand wollte mit den Diebstählen in Verbindung gebracht werden. Der Krüppel war längst verschwunden. Nur der kleine Junge stand noch unschlüssig neben ihr, einen Moment zu lange. Er wollte gerade ebenfalls davonlaufen, als Kirai ihn packte.

„Du läufst uns nicht auch noch davon, du dreckiger kleiner Dieb!“, raunzte Kirai ihn an.

***