Die Legende vom Grottenstein - Margret Richter - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Legende vom Grottenstein E-Book

Margret Richter

0,0
14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 14,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

„Zerstört den Grottenstein! Lasst niemanden entkommen!“ Eine brennende Burg, versinkende Dörfer. Ein Junge, von dem keiner wissen darf – denn er kennt Burg Grottenstein und könnte jemand Mächtigem sehr gefährlich werden. Auf hochgradig erotischen Abwegen gerät eine Frau zwischen zwei Männer – einer unerreichbar, der andere ein Schänder. Liebe und Verrat führen sie zum Grottenstein und einer vergessenen Tragödie. Kommen von dort die dunklen Reiter, deren Gesichter keiner kennt? Feuer wird eine Stadt fressen, entfesselte Wassermassen das Land aus der Tiefe reißen. Mittelalter mit Kopfkino-Potential! Spannend wie ein farbenfrohes Bild und mühelos zum Leben erweckt: Personen, die sich mit falschen Namen voreinander verbergen, eine sehr schöne Frau, die ihr Gesicht versteckt, zwei Herrscher mit abnormen Vorlieben, verschiedene raubeinige Sympathieträger... „Der Grottenstein schlägt ein wie eine Bombe! Einfach ein atemberaubender Mittelalter-Thriller!“ (Leserin)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Prolog

 

Ich war wie erstarrt. In der Schwärze fixierte mich ein Augenpaar. Riesig, brennend, rote Glut. Diese Augen! Tasteten nach dem Grund meiner Seele, griffen danach, zerrten. Ich schrie. Umklammerte mein Inneres und schrie. Da öffnete sich unter den Augen ein endloser Schlund. Ein Maul, das glühende Tiefen offenbarte wie der Krater eines Vulkans. Knisternde Hitze fauchte eruptiv nach oben und mit ihr eine Zunge, die einer sich ringelnden Geißel glich und nach mir schlug. Die Erschütterung sprengte meinen Körper. Ich raste auseinander. Meine zerstiebenden Teile entfernten sich im schwarzen Raum. Dennoch nahm ich noch wahr. Sah, was mich sterben ließ: das Maul, die Augen, den glühend-schuppigen Schlangenleib, die Klauen, die Flügel. Der Drache schwebte im Raum wie ein flammender Buchstabe. Funkelnde Feuergarben entströmten ihm. Er bewegte sich wie in Zeitlupe, anmutig. Ich entfernte mich. Selbst hier waren die Energiewellen noch spürbar, die von dem Lindwurm ausgingen. Die Luft bebte. Ich bebte. Wurde geschüttelt.

Erwachte.

Klatschnass geschwitzt, schnappte ich nach Luft.

„Sie haben geschlafen,“ sagte der alte Herr und ließ meine Schulter los.

„’tschuldigung,“ murmelte ich. „Dienstreise... Ich hab von einem Drachen geträumt.“

Die Augen des Alten blitzten. „Da sind Sie nicht der Erste! Auf dem Weg nach Nürnberg konnten die Menschen schon früher einem Drachen begegnen.“ Der Zug schaukelte leicht in der nächsten Kurve, es ging in ein schattiges Flusstal. Rechts und links steile Hänge. Ich verstand nichts. Das Traumbild noch auf meiner Netzhaut, fühlte ich mich benommen. „Der Drache kommt vom Grottenstein, heißt es in alten Schriften. Dort findet man ihn im Wappen der alten Herrscher.“

Ein Wappentier... Rechts vor dem Fenster wichen die Berge plötzlich zurück. Sonnenlicht spiegelte gleißend auf dem Wasser und dahinter öffnete sich eine weite Ebene. In deren Zentrum dominierte ein Berg, dessen Spitze eine Burg krönte, beschirmt durch einen gewölbten Felsen. Mauern und Türme leuchteten in der Sonne. Zu Füßen der Burg kuschelte sich eine kleine Stadt an die Hänge.

„Das ist Burg Grottenstein!“, sagte der alte Mann. „Sie steht in einer Kalksteingrotte, die der Fluss ausgewaschen hat - die Breyde. Als sie noch durch dieses große Tal mäanderte. Aber sie hat ihren Lauf geändert.“ Der Zug donnerte an der Ebene vorbei. Ich folgte dem Grottenstein mit Blicken, bis sich die Berghänge davor schoben. Die ganze Zeit war der Fluss neben uns.

„Wie kann so ein breiter Fluss seinen Lauf ändern?“

„Vor siebenhundert Jahren war die ganze Ebene für mehrere Jahrzehnte vollständig überflutet, wie Bodenproben gezeigt haben. Kilometerweit überflutetes Land! Etwas war in der Lage, das Wasser der Breyde so zu stauen, dass es in der ganzen Ebene breit floss. Später konnte es wieder abfließen, und der Fluss suchte sich ein neues Bett.“

Er schwieg und ich verarbeitete das Gehörte, bevor ich vorsichtig fragte: „Sind Sie sicher, dass es so war?“

„Als Historiker wurde ich lange aus alten Handschriften nicht schlau. Sie beschreiben den Grottenstein im Zentrum eines riesigen Sees und es wird ein ‘Wasserdrachen’, ein ‘Lindwurm über den stillen Fluten’ erwähnt, und obwohl das Drachenmotiv zu einer Herrscherdynastie gehört, unter der die Gegend eine Blütezeit erlebte, war mir das Wasser ein Rätsel, denn heute ist nichts mehr davon zu sehen. Inzwischen weiß man mehr. Ich könnte Ihnen - wenn Sie wollen - die Legende vom Grottenstein erzählen, gewürzt mit dem, was die Wissenschaft herausgefunden hat. Es hat sich da im Mittelalter eine hochinteressante Geschichte zugetragen.“ Er lachte. „Dagegen sind irgendwelche Romane geradezu banal!“

Die Legende vom Grottenstein...!

Der Zug hielt kurz, und der weißhaarige Herr deutete aus dem Fenster auf der anderen Seite: „Das ist die Ortschaft Hofel. Sehen Sie die Mauern da?“ Über der Stadt und dem Fluss erhob sich auf einem hochragenden Felssporn eine schroffe Ruine. Dunkle, verwitterte Mauerreste starrten finster ins Tal. „Das war die Burg Hohenfels. Sie spielt eine wichtige Rolle bei dem, was ich Ihnen erzählen kann.“ Dann räusperte er sich, strich sich mit der Hand übers Kinn und sagte mit einem Seufzen in der Stimme: „Zwischen den Hohenfelsern und den Grottensteinern hat es eine Fehde gegeben. Damit fing alles an.“ Er lächelte und lehnte sich zurück

Ich entspannte mich langsam. Zur richtigen Zeit war ich am richtigen Ort. Der Drache aus meinem Traum verblasste und machte Platz für eine Geschichte.

 

Leise, wie ein Ton aus längst vergangenen Zeiten, weht eine Mähr heran, flüsternd von Schrecken und Verderben, von Schönheit und Sinneslust, von Zorn und Rache, Mut und Elend. Und von Freude und von Liebe auch.

 

1.Buch: Das Buch einer Kindheit

 

MAI 1277

Die Reiter auf den verschwitzten Pferden ließen die Ebene hinter sich, zügelten ihre Tiere am Ufer des Flusses, damit sie saufen konnten und stiegen für einen Moment ab. Erschöpft fielen sie ins Gras, die Kleidung voll Blut. Jemand holte einen Schinken hervor, tönerne Flaschen kreisten.

„Jetzt noch so ein blondes Ding, wie das auf der Burg!“, sagte einer lachend.

„Die war zu widerspenstig! Vier Männer mussten sie festhalten! Jetzt bin ich fix und fertig.“

Raues Lachen.

„Ich geh mal pissen.“ Der Mann erhob sich und ging ein Stück flussabwärts. Flügelschlagend flüchtete ein Reiher. Es war eine Schweinerei gewesen, die sie da auf der Burg angerichtet hatten. Schreie und Sterben, Blut und Tote. Keiner hatte entkommen dürfen, so hieß der Befehl. Der Mann bog um einen Felsvorsprung und sah plötzlich etwas, das den Blicken der anderen Männer verborgen war.

Im Licht des späten Tages prangte ein wahrhaft gigantisches Holzgerüst, das sich den ganzen steilen Berghang nach oben zog und mit armdicken Seilen und riesigen Eisensplinten am Fels vertäut war.

Dämlicher Einfall, so ein Ding hierher zu bauen! Sollte man alles zerschlagen! Bodomar würde sich freuen und vielleicht sogar seinen Sold erhöhen. Schon hatte der Mann nach dem Schwert gegriffen und hieb auf eines der Taue ein, welches so fest gespannt war, dass es unter seinen Schlägen nicht einmal vibrierte. Zerschnittene Faserbündel ringelten sich wie Würmer. Der Mann hielt inne, als er von hoch oben ein Knirschen vernahm. Grauen wuchs in ihm und Verstehen. Er sah, wie das von ihm angeschnittene Tau sich ohne sein Zutun weiter aufdröselte, immer schneller... und dann mit platzendem Knall zersprang. Der Mann warf sein Schwert weg und rannte. Zu spät. Der Berg brüllte auf. Unendlich langsam neigte sich der ganze Steilhang, bevor er unter Baumsplittern ins Tal hinab raste, alles unter sich begrabend: Holzgerüst, Männer, Pferde, Fluss.

Als der Staub sich später gelegt hatte, war das Tal breiter geworden und einer der Hänge schimmerte hell wie eine frische Wunde. Schutt und Erdreich und Steine lagen wie ein monströser Wall im Fluss, der auf einer Seite zum Stillstand kam, auf der anderen sich staute. Es war ein breiter Fluss, und das Wasser stieg unaufhaltsam...

 

Seit vielen Stunden brannten die Trümmer. Rauchschwaden drängten sich wie schwarze Schleier vor die späte Sonne des Frühsommertages. Erstorben waren die Laute der Bewohner - Stimmen, Hundegebell, Vogelsang. Nur die Flammen prasselten, Balken brachen krachend herunter und zischende Funkengarben stoben. Qualm waberte in dichten Schwaden um zerstörte Mauern und trug den Gestank dessen mit sich, was die Flammen fraßen: Holz und lehmbeworfenes Flechtwerk, Lumpen, Horn und Fleisch. Tierisches Fleisch, menschliches Fleisch. Im Prasseln der Flammen verborgen die Stille des Todes.

Lange noch würde der Rauch aufsteigen, weit übers Land hin sichtbar. Das, was hier brannte, war vor einem halben Tag noch eine Burg gewesen, ein gedrungenes Bauwerk, das sich im Schatten eines imposanten Felsens duckte, der es in schöner Wölbung halb umschloss. Doch jetzt hatte die Nachbarschaftsfehde zwischen Grottensteinern und Hohenfelsern ein erbarmungslos blutiges Ende gefunden.

Am Fuße der Burgmauer, dort, wo sich der Brandgeruch mit dem Gestank der Fäkalgrube zu einem unerträglichen Gemisch verband, regte sich etwas. In der hereinbrechenden Abenddämmerung wurde die Gestalt eines Knaben sichtbar, der sich aus den Fäkalien herauswühlte, geschüttelt von Brechreiz. Während seine Därme sich zusammenkrampften, hämmerte hinter der kotbeschmierten Stirn nur ein einziger Gedanke: Etwas Furchtbares ist geschehen...!

Das Kind zitterte haltlos, doch nicht vor Kälte. Diese Nacht war nicht kalt, denn ein Brand hielt die abendliche Dunkelheit fern, größer und wärmer als Kaminfeuer.

Dunkler, stinkender Schleim bedeckte den Körper des Kindes, scharfer Ammoniak ätzte ihm die Haut und nahm ihm schier den Atem. Wasser! Der Junge erhob sich unsicher und wankte den Hügel hinab, vorbei an verkohlten Häuserresten, stolpernd über Steine und - Körper? Nie war der Weg zum Fluss so lang gewesen. Die vom Hochwasser noch immer angeschwollene Breyde rauschte mit starker Strömung. Der Junge riss sich die schmierigen Kleider vom Leib und stieg mit den Füßen ins Wasser. Zuerst trank er hastig, den Mund eintauchend wie ein Tier. Dann begann er sich mit fliegenden Händen zu reinigen. Aber so viel er auch wusch, der ekle Gestank haftete an ihm wie ein Pesthauch, und der Junge dachte voll Angst, dass er ihn niemals mehr loswerden würde. Ewig würde er nach Kot stinken...Er setzte sich mit dem Rücken zum Fluss ans Ufer und starrte hinüber in den Feuerschein, der die nächtliche Dunkelheit erhellte.

Die Burg brannte. Das Torhaus und der Bergfried waren zwei einzige Fackeln, und aus dem Dach des Palas schlugen die Flammen, während sich soeben eine Mauer mit knirschendem Geräusch langsam zur Seite drehte, kurz in der Schräge verharrte und dann mit dumpfem Aufprall zu Boden sank. Wo die Wirtschaftsgebäude, die Ställe und die Scheunen gewesen waren, starrten verkohlte Balken schwarzen Rippen gleich zum Himmel.

Etwas Furchtbares ist geschehen!

 

Erinnerungen huschten wie Schatten durch das Bewusstsein des Knaben.

Er hatte im Abort-Erker gesessen und durch das kleine Fenster dem geschäftigen Treiben vor den Burgmauern zugesehen, die er nicht oft verlassen durfte. Da waren Wagen voll Heu vor dem Tor, viele. Plötzlich ein Pfiff, bewaffnete Männer sprangen aus dem Heu, überwältigten die Torhut, bahnten sich hauend und stechend einen Weg über die Zugbrücke. Wie eine Welle brachen die Männer ins Burginnere ein und eine große Reiterschar, die offenbar schon lange Zeit in der Ebene versteckt gewartet hatte, brauste heran, nahm den offenen Zugang zur Burg. Dann war alles nur noch Blut und Schreien und Feuer und überall das Wappen der Hohenfelser.

Als das Knistern der Flammen laut wurde und Rauch dem schreckensstarren Jungen den Atem nahm, als schwere Schritte sich eindeutig näherten, da kletterte er, den sicheren Tod vor Augen, durch eine der Fallöffnungen im Abort und sprang in die Tiefe. Rasend schnelle Luft um den Knaben, in seinem Bauch eine Art flimmernde, flirrende Kugel, die sich schnell ausdehnte.

Patsch!

Die Landung war weich, aber unangenehm. Menschlicher Kot, der hier den Burggraben füllte, umschmiegte den Kinderkörper wie Brei. So harrte er aus, halb ohnmächtig vor Angst und Gestank, darauf wartend, dass die Hohenfelser wieder abziehen würden. Lange dauerte das, und der Knabe hörte das grausige Klangbild des Sterbens, das über die Burg gekommen war. Er ahnte, dass dies für immer in seinen Ohren, in seinem Herzen bleiben würde, dass nichts die Schreie zum Verstummen bringen könnte. So lange er lebte nicht.

Als die Sonne sank und ringsumher sich eine grauenvolle, feuerprasselnde Stille breit machte, da schrie es in dem Jungen weiter.

 

Die Nacht war klar und blinkte mit tausend Sternen. Der nackte Knabe nahm überrascht wahr, dass er inzwischen im Wasser saß. Stieg denn der Fluss noch immer? Wollte er doch in alle Ewigkeit so weitersteigen, alle Feuerbrände löschen, all das Elend mit sich reißen!

Der Knabe erhob sich steifbeinig, und unbewusst zog es ihn zur brennenden Burg, wo es warm war. Jetzt, da er langsamer ging, konnte er auf dem hell erleuchteten Hügel die Augen nicht mehr vor dem verschließen, was er lieber nie gesehen hätte: Zwischen den zerstörten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden vor den Burgmauern lagen Tote. So viele Tote! Große Leiber, kleine Leiber, verstümmelte, verbrannte Leiber, Männer, Frauen, Kinder... Es war entsetzlich! Sie lagen so, wie sie gefallen waren, manchmal in grotesken Verrenkungen, manchmal zusammengekrümmt, als suchten sie sich zu schützen. Ein kleines Mädchen mit braunem Lockenhaar sah fast aus, als schliefe sie nur. Friedlich war ihr Gesicht, der Körper entspannt. Aber sie schlief in einer Lache von dunklem Blut ihren letzten Schlaf...

Des Jungen bemächtigte sich eine zunehmende Benommenheit, als er an die Menschen dachte, mit denen er zusammengelebt hatte, die er alle kannte. Seine Eltern - hatten auch sie die Katastrophe überlebt und suchten nun verzweifelt nach ihm? Regte es sich nicht im Flackern der Flammen? Doch die Hitze, die von den brennenden Mauern ausging, war ein mörderischer Atem, der kein Leben duldete, der selbst in großer Entfernung schmerzhaft auf der Haut glühte. In der Burg war niemand mehr am Leben, nur der Tod würde ihn angrinsen. Und er, ein kleiner Junge, der gerade sieben Jahre alt geworden war, blieb völlig allein zurück. Entsetzt machte er sich bewusst, dass niemals jemand von den Toten zurückkehrt, dass sie alle gegangen waren. Was gäbe er darum, einen einzigen lebenden Menschen zu sehen!

Matt ließ er sich an das noch warme Holz eines ausgebrannten Wagens sinken. Die Hohenfelser würden zurückkommen, wenn die Burg aufgehört hatte zu brennen. Wenn sie ihn dann töteten, müsste er sich nicht mehr einsam fühlen, nicht mehr den Kotgeruch in der Nase haben, und würde wieder mit all seinen Lieben vereint sein. Als er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, wurde er ganz ruhig und spürte plötzlich, wie müde er war. Er schloss die Augen und ließ den Schlaf wie eine Woge über sich hinwegrollen.

 

Mein Name ist Gotthard! - Der Mann wiegte seinen Oberkörper hin und her und flüsterte eindringlich. - Mein Name ist Gotthard. Oh Himmel, tut mir der Arm weh! Über sechzig Sommer habe ich gesehen und war dem Herrn immer ein treuer Diener. Oh, Schmerz!!! Kalt ist es in diesem dunklen Loch! Die Röhre über mir ist eng und glitschig, und ich wage nicht, nach oben zu kriechen. Oben ist die Hölle. Wahrlich, der Leibhaftige selbst hat uns heimgesucht und seinen Pesthauch verbreitet, auf dass er töte Mensch und Vieh! Ich darf nicht ohnmächtig werden! Mein Name ist Gotthard. Sechzig Sommer! Gotthard. Der alte Gotthard. Himmel, welch eine Strafe! Mein Arm! Mein Arm!... - -

 

Seine Kleider waren nass, schmutzig, zerrissen. Als er in den Brunnen gesprungen war, hatte er sich an den schartigen Steinen die Schulter aufgerissen. Er achtete nicht darauf – musste aus dem eisigen Wasser raus, wenn er nicht erfrieren wollte. Von oben her drangen Schreie und Waffengeklirr an sein Ohr, roter Feuerschein fiel bis zum Grund des Brunnens. In seinem Licht konnte er Vertiefungen im Gestein erkennen, die sich wie eine Perlenkette nach oben zogen. Als der Brunnen in den Kalkstein geschlagen worden war, hatte man daran gedacht, eine Aufstiegsmöglichkeit zu schaffen für jene, die den Brunnen reinigen mussten oder falls ein Pechvogel hineinfiel, so wie er. Nur dass er kein Pechvogel war, im Gegenteil. Er hatte gesehen, was da oben los war, und der Brunnen war ihm wie das rettende Heil erschienen, als er sich ohne zu zögern hineingestürzt hatte.

Nun zog er sich mit schon klammen Gliedern aus dem Wasser heraus. Dort lag der Tunnel! Gotthard war einer der wenigen Menschen, die davon wussten. Einst hatten die Brunnenbauer Höhlen und Gänge im Kalkstein durch einen breiten Stollen miteinander verbunden, der sich Richtung Fluss bewegte und dort, gut versteckt im Uferhang, wieder ans Tageslicht führte. Doch der Weg aus der Burg war nicht das einzige Geheimnis dieses Ganges - Gotthard wagte nicht daran zu denken, was verborgen unter der Erde ruhte.

Dunkel war es hier, Gotthard musste sich auf seine tastenden Hände verlassen. Nun spürte er den Schmerz in Schulter und Arm, das warm fließende Blut. Stolpernd und rutschend kam er voran.

Plötzlich erzitterte die Erde! Ein vibrierendes Beben, das in den glitschigen Wänden des Ganges spürbar war. Gotthards Nackenhaare sträubten sich, er hielt den Atem an und lauschte. War das ein dumpfes Dröhnen von fern? Nein. Alles ruhig. Auch die Erde stand wieder still. Gotthard wartete noch einige Augenblicke, ehe er es wagte weiterzugehen. Was war das nur gewesen? Er schüttelte den Kopf in der Dunkelheit und konzentrierte sich auf seinen Weg.

Einmal hallten seine Schritte in einer kleinen Höhlenwölbung wider und Gotthard wusste, hier musste er sich nach rechts bewegen. Linker Hand jedoch war das, an das er lieber nicht denken wollte...

Ewigkeiten schienen vergangen zu sein und Gotthard hoffte auf den Lichtschein am Ende des Tunnels, als seine Füße plötzlich durch Wasser patschten! Mit klopfendem Herzen folgte er dem Gang, der sich in schwachem Winkel nach unten neigte. Wo kam denn all das Wasser her? Es stieg unaufhaltsam. Warum hatte Friedebald das Wasser nicht erwähnt, als er ihm von diesem Gang erzählt hatte? Gotthard begann zu schwimmen und sein verletzter Arm schmerzte bei jeder Bewegung. Als der Alte mit der Stirn an den Felsen stieß und begriff, dass es kein Weiterkommen gab, fiel ihm das Hochwasser ein. Natürlich! Der Tunnel war geflutet, sein Ausgang unerreichbar. Gotthard war schlecht vor Angst und Kälte.

Die Wunde hatte zwar zu bluten aufgehört, dafür schmerzte sie furchtbar. Gotthard saß nun an jener Stelle, wo der Gang in den Brunnen mündete. Von oben schimmerte der Feuerschein zu ihm hinunter. Hier würde er sitzen und warten, bis es dort nicht mehr brannte. Vor Müdigkeit und Kälte zitterte er wie ein alter Hund und der Schmerz ließ ihn am Rand der Bewusstlosigkeit dahintreiben.

Gotthard ist mein Name, Hofkaplan Gotthard, der Alte...

 

DEZEMBER 1276

Isas gewaltige Oberarme hatten ihn stets beeindruckt. Sie waren dicker als einer seiner Oberschenkel, was nicht weiter schwierig war, denn er war erst sechs Jahre alt und hatte vor einigen Wochen eine schwere Darmgrippe durchgemacht, bei der er bis zum Skelett abgemagert war. Dass er jetzt wieder besser aussah, hatte er zum großen Teil der dicken, alten Isa zu verdanken, die in der Küche das leibliche Wohl der Grottensteiner in ihren fleischigen Händen hielt. Jene Hände, die jetzt geschickt einer fetten Gans die Federn ausrissen, denn Weihnachten stand vor der Tür. Isa schnaufte, während ihre Finger immer wieder in das weiße Federkleid des Vogels griffen, dessen Kopf mit blicklosen Augen langhalsig von ihren Knien baumelte. Es roch talgig nach den Federn, die sich zu Isas Füßen häuften und eine gute Bettfüllung abgeben würden. Auf dem Tisch lagen weitere tote Gänse.

Isa wischte sich mit dem Handrücken das verschwitzte, angegraute Haar aus der Stirn und warf einen missbilligenden Seitenblick zum Feuer, an dem der Junge hockte. Dieser Blick galt nicht ihm, sondern dem großen schwarzen Wolfshund, der an seiner Seite schlief. Isa mochte Tiere in ihrer Küche nicht, ausgenommen der toten, die sie kochen wollte. Aber den jungen Sohn der Grottensteiner ließ sie gewähren.

„Amatus! Auf dem Tisch steht eine Schale mit Grütze für dich!“ Isa zwinkerte verschwörerisch. „Ich habe ein Ei und etwas Honig drunter gemischt!“

Der Junge erhob sich: „Danke Isa.“ Er begann die Grütze auszulöffeln und fragte sich, wie es kam, dass Isa glaubte, süße Speisen seien ihm besonders lieb. Er mochte stark Gewürztes viel mehr. Die besten Gewürze kamen aus dem Orient oder aus dem Süden und waren entsprechend teuer. Die gab nur selten auf dem Tisch, denn jeder wusste, dass Friedebald nicht gern Geld ausgab! Doch auch heimisches Würzkraut war dem Jungen Recht, und Amatus dachte wehmütig an den Geschmack von Liebstöckel, Petersilie und frischem Knoblauch, während er die süße Grütze schluckte. Isa war immer so eifrig darauf bedacht, ihn zu füttern und seiner Gesundheit auf die Beine zu helfen, dass er sie einfach nicht über seinen Geschmack aufklären konnte aus Angst, sie zu enttäuschen. Mit leisem Klappern stellte Amatus die hölzerne Schüssel auf den Tisch zurück und setzte sich erneut zu dem Hund ans Feuer, wo er sich weiter in der Betrachtug von Isas wogenden Oberarmen verlor, deren Haut mit den unzähligen roten Pünktchen ihn stark an die der gerupften Gänse erinnerte.

Hier in der Küche brannte das Feuer den ganzen Tag, weil Isa stets kochte. Im Sommer war die Hitze neben der Herdstelle mörderisch, aber im Winter konnte Amatus sich nichts Angenehmeres vorstellen, denn so warm wie die Küche war selbst die Kemenate nicht, und das war immerhin der einzige beheizbare Bereich der ganzen Burg! Wenn draußen die kalten Winde pfiffen, war es gut, in einem Raum zu sitzen, dessen Fenster mit dicken Brettern zugenagelt und mit Werg und Lumpen abgedichtet waren, damit es nicht kalt hereinzog. Nur das Feuer sorgte für Helligkeit. Alles in allem, dachte Amatus, war Isas Küche doch eher eine Art Höhle, deren gewölbte, stark geschwärzte Decke so niedrig war, dass Nordbert, der große Schmied, hier den Kopf einziehen musste.

Gerade kam Magel herein - das Gesicht rot vor Kälte - und mit ihr ein Schwall frostiger Luft, der in dem Küchendunst von Holzfeuer und Gänsefedern für einen Moment angenehmer Frische sorgte. Magel trug auf dem Rücken eine Holzkiepe, die sie nun ächzend absetzte. „Mistwetter!“ zischte sie ärgerlich und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren. Das magere Mädchen war seit sechs Jahren Isas Gehilfin und von Hause aus schwere Arbeit gewohnt, denn ihr Vater war ein Kornbauer in der großen Ebene, die den Grottenstein-Hügel umschließt. Während das Mädchen Holz aus dem Korb in einer Ecke aufstapelte, legte Isa die fertig gerupfte Gans zu den anderen auf den Tisch und griff nach der nächsten. Trotz ihrer enormen Körperfülle bewegte sie sich behände und arbeitete schnell. Ihr Leinenkittel hatte große nasse Flecke unter den Armen.

Der Wolfshund neben dem Jungen hob plötzlich seinen Kopf, witterte und begann dann leise winselnd mit dem Schwanz zu wedeln. Isa warf ihm einen kurzen Blick zu: „Ingram ist zurück. Kein Vergnügen, bei diesem Wetter unterwegs zu sein.“

Nur Augenblicke später öffnete sich die Tür erneut, mit Kälte und wirbelnden Flocken wehte ein vermummter Mann herein, den lautes Gebell empfing. „Drakor!“, sagte er lachend und suchte sich vergeblich gegen den großen Hund zu wehren, der immer wieder an ihm hochsprang.

Amatus war aufgesprungen und half dem Mann aus dem schneenassen Reisepelz: „Hast du sie verkauft, Ingram?“

„Natürlich! Was dachtest du denn? Der Hohenfelser höchstpersönlich hat das Prachtmädchen haben wollen und einen anständigen Preis dafür bezahlt. Friedebald wird sich freuen!“ Er klopfte lachend auf einen klimpernden Lederbeutel an seinem Gürtel.

„Der Hohenfelser, sagst du? Bodomar von Hohenfels?“ Amatus’ Augen glänzten vor Neugier. „Er ist gefährlich, sagt mein Vater. Wie sieht er denn aus?“

„Ganz normal eigentlich. Er war in lauter warme Pelze gehüllt. Sein Gesicht - na, vielleicht guckt er ein wenig verkniffen mit seinem schmalen Mund und den kleinen Augen, aber direkt gefährlich sah er nicht aus.“

„Aber du musstest sogar verschweigen, dass du von unserer Burg kommst, als du Annabella verkauft hast!“ Amatus dachte an die schöne weiße Stute, mit der Ingram gestern früh in die Grafschaft der Hohenfelser aufgebrochen war, und die nun dem Mann gehörte, der als der schlimmste Feind aller Grottensteiner galt.

„Friedebalds übertriebene Vorsicht!“ Ingram winkte ab. „Bodomar scheint ganz nett zu sein. Ich habe Annabella bis in ihren neuen Stall begleitet – sie wird es gut haben dort! Und dann durfte ich mich in der Küche aufwärmen, in der es fast so gemütlich ist wie hier!“ - Isa strahlte. - „In dieser Küche - Amatus, ich muss dir unbedingt was erzählen, sobald ich Friedebald das Geld gebracht habe.“

In Ingrams Augen saß ein seltsamer Glanz, der normalerweise nicht dort hin gehörte und gespannte Erwartung machte sich in Amatus breit. Der Knecht hatte sich schon den Schafpelz übergeworfen und war durch das Schneetreiben auf dem Weg zum Palas. Auch der Junge schlüpfte in seine warmen Sachen. Er würde im Stall auf Ingram warten. „Komm, Drakor!“ Und gemeinsam mit dem schwarzen Hund verließ er das heimelige Gewölbe.

Isa schaute ihm kopfschüttelnd nach: „Drakor! Was für ein Einfall, den Hund ‘Drachen’ zu nennen!“ Und schnaufend beugte sie sich wieder über ihre Arbeit.

 

Jeder braucht einen Freund!

Amatus’ Problem war, dass er keine adligen Geschwister oder Spielgefährten hatte, denn der Grottenstein war nur eine kleine Burg. Die Kinder der Bediensteten hatten oft keine Zeit zum Spielen, sie wurden schon früh zu leichten Arbeiten herangezogen.

Das zweite große Problem war die Angst seiner Eltern, dass ihm außerhalb der Burg etwas zustoßen könnte. Vielleicht lag es daran, dass sie schon alt waren, als er auf die Welt kam. Auch war er das einzige Kind, ein männlicher Nachfolger, auf dem nun alle Hoffnungen ruhten, und dem unter keinen Umständen irgend etwas passieren durfte! Nie war er aus den Mauern der elterlichen Burg herausgekommen und kannte praktisch nur die Leute, die hier wohnten. Schon in der kleinen Siedlung vor dem Burgtor würde er ein Fremder sein...

Jeder braucht einen Freund!

Nanni, die früher seine Amme gewesen war, verbrachte mehr Zeit mit ihm als seine leibliche Mutter. Sie kümmerte sich um sein monatliches Bad, die Sauberkeit seiner Haare und Zähne, um seine Unterhaltung (ach, sie konnte wunderbar singen!), um seine Pflege, wenn er krank war. Nanni war jung und schön und sie tat alles, was eine liebevolle Mutter ihrem Kind tun würde. Und genau das war sie für ihn - eine Art Mutter. Aber kein Freund.

Gotthard war natürlich viel zu alt. Er wusste eine Menge, der Unterricht bei ihm nahm einen ganzen Teil des Tages ein. Auch konnte man sich an ihn wenden, wenn man Fragen über dies und jenes hatte, aber Gotthard war zu sehr Kaplan und Lehrer, er taugte nicht als Freund.

Sibo, den Sohn des Gärtners, war ein anmaßender Rüpel, der sich über Amatus lustig machte, ihn herausforderte, solange kein Erwachsener in der Nähe war und die entsetzlichsten Lügen erzählte. Großen Leuten gegenüber legte er eine weinerlich-kriecherische Art an den Tag, die Amatus verabscheute. Mit Sibo konnte er niemals warm werden.

Doch dann hatte Ingram, der stille Pferdeknecht, vor einem Jahr die Arbeit im Stall übernommen und hatte Drakor mitgebracht. Alle gingen dem Hund aus dem Weg, der in seiner Größe viel gefährlicher aussah, als er tatsächlich war. Sehr zum Entsetzen seiner besorgten Eltern blieb jedoch Amatus in stiller Bewunderung stehen, als das gewaltige Tier schnuppernd auf ihn zukam. Das war der Beginn einer besonderen Zuneigung gewesen, denn Hund und Junge mochten sich auf Anhieb und verbrachten nun viel Zeit zusammen. Oft sah man sie spielend durch den Burghof rennen, wobei Amatus erstmals Spaß an der Bewegung bekam. Wie gern wäre er mit diesem Hund durch die Wälder gezogen! Was sollte schon passieren? Aber das Burgtor blieb für ihn verschlossen, weil die Liebe seiner Eltern ihn zum Gefangenen machte.

Drakor lebte im Stall bei Ingram, wo Amatus schnell mit dem jungen Mann ins Gespräch kam, der viele interessante Dinge von draußen zu erzählen wusste und eine angenehme Art hatte. Zwischen Kind und Mann entwickelte sich eine Freundschaft, die übers Jahr gewachsen war. Ingram gelang es, Amatus die Pferde näher zu bringen, Tiere, die ihm bis dahin wie monströse Kreaturen erschienen waren mit ihrem angsteinflößenden Schnauben und den gefährlichen Hufen, den gelben Zähnen und peitschenden Schwänzen. Unter Ingrams Einfluss wandelte sich dieses Schreckensbild, und inzwischen waren Pferde für Amatus schöne, geduldige Arbeitstiere mit einer eigenen Seele. Und wenn man die in ihren braunen Augen sah, musste man sie einfach gern haben! Amatus hatte reiten gelernt. Heimlich natürlich, nur immer den Gang im Stall auf und ab. Er konnte ein Pferd satteln und zäumen, wusste sich beim Aufsteigen zu helfen: von einer niedrigen Mauer, einem umgedrehten Eimer oder einem großen Stein aus schaffte er es auf den Pferderücken. Er träumte davon, in schnellem Galopp dahinbrausen zu können oder seine Reitkünste den staunenden Eltern vorführen zu dürfen. Aber dann würde Ingram Schwierigkeiten kriegen, und das wollte er nicht.

Ingram hatte eine Flöte gebaut. Wenn er dem Instrument Töne entlockte, klang das herrlich! Und war doch keine einfache Kunst, wie Amatus feststellte. Aber Ingram zeigte und erklärte es ihm geduldig, und nach gar nicht langer Zeit konnte der Junge einfache Melodien spielen.

Seit Ingram auf der Burg weilte, war Amatus’ Leben sehr viel schöner und reicher geworden. Seine Eltern sagten nichts zu der Freundschaft mit dem Knecht, weder lobten noch tadelten sie ihn dafür. Und Amatus genoss den Hauch von Freiheit, der sich dadurch in sein Leben stahl.

 

Der Stall war aus Holz und hatte ein schweres Tor. Es sperrte den Schneesturm aus, der draußen heulend und pfeifend durch den düsteren Nachmittag tobte.

Amatus stand aufatmend in der vertraut riechenden Wärme des Pferdestalles, dessen langer Gang von einem Fettlicht in gläserner Laterne schwach beleuchtet wurde. Fackeln duldete Ingram hier nicht - er war in hölzernen Gebäuden sehr vorsichtig, nachdem er als junger Knecht einen Stallbrand erlebt hatte! Feuer konnte schrecklich sein! Wo es ausbrach, fraß es alles nieder. Man hörte von ganzen Städten, die mit allen Häusern und unzähligen Menschen vernichtet worden seien!

Im Dunkel zu beiden Seiten des Ganges regten sich große Schatten. Schnauben, mahlende Kaugeräusche, Kettenklirren. Hier lebten die Pferde im Winter, wenn sie nicht auf die Weide getrieben werden konnten. Acht waren es, nachdem Annabella verkauft worden war. Amatus flüsterte ihre Namen, als er an den Boxen vorbeiging. Dem großen Fohlen Golo war der Platz zu eng neben seiner Mutter. Im Frühjahr würde man einen Käufer für den kleinen Hengst suchen.

In der linken hinteren Box lebte Ingram. Er roch immer nach Stall, besonders jetzt im Winter, denn aufgeschichteter Pferdemist an den Wänden hielt das Gebäude warm. Amatus setzte sich zu Drakor auf die dicke Strohschütte und wartete. Ihn erstaunte oft, dass Ingram außer drei zusammengenähten Schaffellen, der Rohrflöte und einem kleinen Kruzifix nichts besaß. Er dachte an die Truhen voll Sachen im Palas, an die Teppiche, die Betten! Noch mehr hätte den Jungen verwundert, wenn er gewusst hätte, dass es Menschen gab, die weniger besaßen als Ingram, die kaum genug Lumpen am Leib trugen, um ihre Blöße zu bedecken. Aber so etwas gehörte zu der Welt da draußen, und die war Amatus fremd.

Drakor hatte sich wärmend auf seine Beine gelegt, während der Junge sich auf Ingrams Flöte probierte, als der Knecht leise fluchend in den Stall gestolpert kam und den Schnee abschüttelte. Bei diesem Wetter hatte er heute den ganzen Tag im Sattel gesessen, manchmal im Flockenwirbel den Weg kaum findend! Der treue Wallach Esbert hatte ihn durch das Unwetter getragen und ruhte jetzt in der Box aus, wo sein Fell unter einem Flies langsam trocknete.

Ingram ließ sich neben dem Jungen aufs Stroh fallen, erschöpft und hungrig. Isa hatte ihm Brot und Speckscheiben gegeben und er begann konzentriert zu kauen.

„War mein Vater zufrieden mit dir?“, fragte Amatus.

Der Knecht nickte mit vollem Mund. „Zufrieden mit dem Geld! Aber dass Annabella jetzt dem Hohenfelser gehört, hat ihn zornig gemacht. Ich hätte sie ihm nicht verkaufen dürfen, sagte er! Aber was blieb mir übrig?!“ Er biss ins Brot und schob eine Speckscheibe hinterher. „Kann ich denn sagen: Hochwohlgeborener Herr, für Euch ist dieses Pferd nicht zu haben?! Der würde mich rädern lassen! Da ist mir ein wütender Friedebald schon lieber.“

„Er liegt in Fehde mit dem Hohenfelser!“

„Um das zu verstehen, bin ich noch nicht lange genug hier. Worum geht es bei dieser Fehde eigentlich genau?“

„Da war mal was zwischen Bodomar und meiner Mutter. Irgendwas mit Notzucht. Sie beschimpfen sich gegenseitig und verlangen Entschuldigungen voneinander. Seit Jahren geht das hin und her. Hoffentlich ist bald Schluss, damit ich auch mal die Burg verlassen kann! Mein Vater würde ganz gern Frieden schließen, glaube ich...“

Der Knecht nickte müde.

„Ingram, du wolltest mir erzählen, was in der Küche der Hohenfelser passiert ist.“

Alle Müdigkeit war wie weggeblasen. „Richtig! Dort habe ich ein Mädchen getroffen, das sah aus wie eine Wüstenblume! Solch eine Frau habe ich noch nie gesehen! Als sie mir eine Schüssel mit Essen in die Hand drückte, haben sich unsere Finger berührt. Das war, als ob jemand geradewegs an mein Herz gegriffen hätte! Wie sie mich mit ihren schwarzen Augen angesehen hat!“ Ein verzücktes Lächeln lag auf seinen Lippen und Amatus hatte keine Ahnung, wovon Ingram da sprach. Aber er lächelte schwach und nickte.

„Ich bin verliebt, Amatus. In meinem Bauch ist alles ganz leicht! Diese Frau will ich heiraten!“

„Hast du mit ihrem Vater gesprochen? Gibt er sie dir?“

„Ich weiß nicht, wer ihr Vater ist - sie sieht aus wie eine sarazenische Bedienstete. Mit rabenschwarzem Haar und ebensolchen Augen und einer Haut wie dunkler Honig!“

„Du willst eine Bedienstete von Burg Hohenfels heiraten?! Aber Ingram! Dazu brauchst du die Erlaubnis ihres Herrn, und die gibt er dir niemals! Du gehörst zum Grottenstein, vergiss das nicht!“

Natürlich hatte der Junge Recht! Aber durfte er so grausam das schöne Traumbild zerstören? Unwirsch knurrte der Knecht: „Du redest wie ein Alter, nicht wie ein Bengel von sechs Jahren!“

„Fast sieben!“

„Sechs,“ beharrte Ingram. Dann schwieg er. Natürlich heiratete man nicht aus Liebe, das wusste er selber! Aber der Wunsch, mit dieser Frau sein ganzes Leben zu verbringen, war mächtig! Sollte er sie zu seiner Geliebten machen? Ohne Bindung alle ehelichen Freuden genießen? Er wusste nicht, was er tunssollte! Und behelligte in seiner Torheit einen kleinen Jungen mit Problemen, für die es vielleicht gar keinen Ausweg gab!

„Reden wir nicht mehr davon, Amatus!“

Sie schwiegen und lauschten dem Pfeifen des Sturms, der um das festgefügte Holzhaus jaulte.

„Wie heißt sie denn?“

„Wer?“

„Deine Sarazenin!“

„Weiß nicht. Hab sie gar nicht gefragt.“

 

Im Palas klang es, als sei der jaulende Sturm in den Räumen gefangen. Es pfiff durch alle Ritzen und der Winter knackte in den Mauern. Amatus fröstelte und blies weißen Dampf aus Mund und Nase.

Der Junge hatte den Weg durch Burgkapelle und Rittersaal eingeschlagen, um in die Kemenate zu gelangen. Er hatte sich bei Ingram im Stall eine Laterne angezündet und Glück gehabt, dass sie der Sturm nicht ausgeblasen hatte! Jetzt war sie ihm in der Dunkelheit der unbewohnten Räume willkommen.

Die Tür zur Kapelle hatte eine uralte Klinke, an die Amatus sich mit dem ganzen Körpergewicht hängen musste, ehe der Hebel seine Wirkung tat und das Schloss aufsprang. Im Inneren der Kapelle war es so dunkel wie überall in den winterlichen Räumen, weil man die Fensterlöcher verstopft hatte. Feuchter schien es hier zu sein und noch kälter komischerweise. Amatus hatte von Glasfenstern gehört - ob die die Kälte wirkungsvoller aussperrten? Seine Laterne beleuchtete trübe die Steinplatten des Fußbodens, flackernd huschte der Schein über die Orgel, die wie ein Schwalbennest oben an der Wand klebte. Wenn gesungen wurde und das Instrument seine Flötenstimme erhob, waren das die schönsten Momente des Gottesdienstes für Amatus. Selbst jetzt, als er den hallenden Raum durchschritt, schien noch der Hauch einer Melodie zwischen den Wänden zu schwingen.

Eine weitere Tür verband die Kapelle direkt mit dem Rittersaal, damit bei großen kirchlichen Festen auch die Bediensteten am Gottesdienst teilnehmen konnten, im Saal stehend und Gotthards Stimme durch die Kapellentür lauschend. Der Saal war groß genug für viele Leute und war ein selten genutzter Raum. Die meiste Zeit des Jahres stand er leer und fing muffige, feuchtkalte Luft zwischen seinen dicken Wänden. Gelage gab es selten, Friedebald sparte an solchen Vergnügungen. Zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten diente der Saal geistlichen Zwecken. Sonst war er nutzlos. Man wohnte nicht in ihm, niemand hielt sich gerne darin auf, denn es fehlte ein Kamin, der die Kälte aus den Mauern bannte. Wenn ich mal Burgherr bin, werde ich das ändern, dachte Amatus. Entweder ein beheizbarer Saal oder gar keiner!

Dabei konnte es wirklich schön hier drin sein, erinnerte er sich. Zu Friedebalds fünfzigstem Geburtstag im Spätsommer hatte Gerburg, sein streitbares Weib, ihn dazu überredet, hier zu tafeln, wie es sich für ein richtiges Herrscherhaus gehört. Tafeln hatte es gegeben, die sich unter erlesenen Speisen bogen, unzählige Gäste hatten nach Herzenslust zugelangt. So ein Saal konnte zum Leben erwachen, wenn man ihn ließ! Jetzt aber lag er kalt im Dunkel und Amatus beeilte sich, dass er hindurch kam.

Über den sich anschließenden Flur betrat er die Kemenate, in der die Veränderung der Raumtemperatur angenehm auffiel. Dies war das beheizbare Gelass, wo winters kein Frost herrschte. Trotzdem war es nicht so warm, dass man sich die schweren Pelze ausziehen konnte. Auf dem Dielenboden lagen Teppiche und Felle, die niedrige Holzbalkendecke war geschwärzt vom Rauch des Kaminfeuers und der blakenden Talglichter.

Friedebald und Gerburg saßen konzentriert über ein Schachspiel gebeugt. Das Feuer im Kamin brannte, zwei große Kohlenbecken spendeten Wärme. Es roch nach Rauch und verbrauchter Luft. Amatus dachte an die nach Essen duftende Kuschelwärme in Isas Küche.

„Wo hast du gesteckt?“, fragte Gerburg missbilligend. Wenn sie spielte, wollte sie nicht gestört werden, Amatus war im unpassenden Moment erschienen.

„In der Küche war ich. Da ist es wärmer als hier. Und spannender!“ Er grinste, als er an Ingrams Liebesgeschichte dachte, bereute es aber sofort, denn Gerburg hob endlich den Blick vom Spielbrett und richtete ihre seltsam farblosen Augen, die ihn immer an gekochten Fisch erinnerten, auf ihren Sohn: „Respektlosigkeiten? Treibt sich rum, wie ein Kind gemeiner Leute! Das ist der Dank für all unsere Sorgen! Wir opfern uns auf für ihn...!“ Ihre Stimme klang, als würde sie Tränen unterdrücken, doch Amatus hatte noch nie Tränen bei seiner Mutter gesehen. Vielleicht können diese blassen Augen gar nicht weinen, dachte der Junge. Er bedauerte es, ihren Zorn entfacht zu haben, aufbrausend und rechthaberisch, wie sie war. Gerburgs stattliche Gestalt wirkte unter all den Pelzen noch stattlicher, ihr Busen hob und senkte sich vor Empörung. Im Hintergrund verstummte das leise Klappern der hölzernen Stricknadeln zweier Mägde.

„Aber Liebes!" Friedebald griff sich scheinbar ratlos in den kurzen, weißen Vollbart. Er war kleiner und schmächtiger als seine Frau und wirkte, als könne er es nicht mit ihr aufnehmen. Dabei war es oft seine stille Art, die Gerburgs Zorneswellen auf Sand laufen ließen. Mit verschmitztem Lächeln sah er sie jetzt an und flüsterte: „Pass auf deinen König auf!“

Gerburg blickte wieder auf das Spiel, während Friedebald sich augenzwinkernd an seinen Sohn wandte: „Schön, dass du da bist, Junge. Willst du dich noch zu uns setzen oder bist du schon müde?“

„Ich geh’ lieber ins Bett.“ Amatus unterdrückte ein Gähnen, lächelte seinen Vater an und ging zu seinen Gemächern. Es waren zwei Räume, von denen er einen bewohnte, während in der angrenzenden Kammer Nanni schlief. Sie war es auch, die ihn lebhaft empfing: „Wo warst du? Amatus, ich habe mir Sorgen gemacht, als es dunkelte und du immer noch nicht zurück warst.“

„Heute war es zeitig dunkel - so lange hast du dich gesorgt? Tut mir Leid, Nanni. Ich war noch bei Isa und dann bei Ingram im Stall, und dann haben wir geredet und die Zeit dabei vergessen. Bei den verschlossenen Fenstern sieht man so schlecht, wann es Nacht wird...“

Nanni lachte erleichtert: „Na, mein kleiner Prinz, nur nicht allzu sehr zerknirscht! Was ist? Spielen wir noch eine Partie Dame?“

„Heute nicht. Ich geh ins Bett und dann kannst du mich in den Schlaf singen.“ Nanni kannte so viele Lieder, zu jedem Anlass wusste sie eins. Als er, angetan mit einem Leinenhemd und hellen Schafwollsocken, in das angewärmte Bett gekrochen war, sang Nanni ein Lied von der Dunkelheit der Nacht, die Wege und Stege verschlingt und den Wanderer in die Irre führt. Nanni hatte eine helle Stimme, ebenso jung wie sie selbst, und umso klarer, je höher die Töne kletterten. Während des Singens im Gottesdienst konnte er immer ihre Stimme aus allen anderen heraushören, sie funkelte wie ein Kristall zwischen Kieselsteinen. Und passte so gut zu Nannis zierlicher Gestalt, ihrem glatten Blondhaar und den großen blauen Augen, sogar zu ihrer etwas spitz geratenen Nase, die wie bei einem Schnupfen leicht gerötet war. Sie hatte etwas Verletzliches an sich, obwohl sie nicht verletzlich war. Seit sechs Jahren sorgte sie für Amatus, als wäre sie seine Mutter, nachdem ihr eigenes kleines Bastardkindlein verstorben war und dessen wohlhabender Vater sie zum Grottenstein vermittelt hatte. Sie hatte Amatus gestillt und war ihm später ein gutes Kindermädchen gewesen. Nanni liebte ihren Schützling wie ein eigenes Kind und es schmerzte sie der Gedanke, dass sie sich bald für immer trennen würden. Amatus wurde im nächsten Mai sieben Jahre alt, und adlige Söhne diesen Alters schickte man auf eine andere Burg, wo sie zuerst als Page, später als Knappe ihre Ausbildung zum Ritter erhielten. Diese Trennung würde Nanni hart ankommen. Manchmal hegte sie die törichte Hoffnung, dass Amatus entgegen aller Gewohnheit vielleicht doch auf dem Grottenstein bleiben durfte, er, um den sich hier alle so viele Sorgen machten, dessen Sicherheit das Allerwichtigste war. Gleichzeitig wusste sie, wie sehr Amatus sich die Freiheit wünschte...

Nichts von diesen dunklen Gedanken klang in ihren Liedern mit.

Die früh hereinbrechenden Winterabende galten ausgefüllt zu werden mit Dingen, für die man wenig Licht brauchte. Beleuchtung jeder Art war teuer und unzureichend. Man konnte sich Geschichten erzählen, wobei die Frauen ihre Spindeln drehten oder strickten, man konnte Brettspiele machen oder singen und musizieren. Meist jedoch ging man früh ins Bett.

Amatus mochte sein Bett sehr. Es war kurz und hatte einen Himmel. Ringsumher konnte er die dicken Vorhänge zuziehen. Der so entstehende kleine Raum erwärmte sich schnell und er brauchte nicht zu frieren. Amatus verstand nie, wieso die Erwachsenen in ihren Betten beinahe sitzend schliefen. Er selbst lag gerne flach. Kissenberge im Rücken mochte er nur, wenn er krank war und im Bett essen wollte, aber schlafen konnte er so nicht. Wenn er einst so groß sein würde, dass er in diesem Bett nicht mehr ausgestreckt liegen konnte, würde er sich ein größeres anfertigen lassen, das stand fest.

Die Müdigkeit ließ Amatus’ Lider schwer werden, und plötzlich stahl sich Ingrams Geschichte mit der schwarzhaarigen Sarazenin in sein Schlaf suchendes Bewusstsein. „Nanni, kennst du auch ein Liebeslied?“

Die junge Frau staunte. Dann bekam ihr Gesicht einen ernsten, aber auch stolzen Ausdruck. „Ja“, sagte sie und sang von dem Ritter, dessen Minnewerben die edle Frau unerlaubterweise erhört hatte, und der nach einer gemeinsamen Liebesnacht in der nahenden Morgendämmerung ihr Gemach heimlich wieder verlassen muss, worüber sie viele bittere Tränen vergießt. Und während ihrem Schützling die Augen zufielen, strich ihm Nanni liebevoll das Haar aus der Stirn. Mein Amatus, dachte sie. Die Zeit vergeht und plötzlich ist er groß...

 

März 1277

„Guten Morgen, mein Prinz! Aufstehen!“

Das Traumbild verblasste, flackerte, erlosch. Dämmerlicht sickerte durch seine geschlossenen Lider. Wer hatte ihn gerufen? Mühsam kriegte Amatus ein Auge auf und sah in Nannis lächelndes Gesicht. Nie würde er begreifen, wie sie es fertig brachte, zu früher Stunde derart gut gelaunt zu sein! Jetzt machte er beide Augen auf und starrte sie vorwurfsvoll an. Als hätte sie darauf gewartet, setzte Nanni eine sehr zufriedene Miene auf und verkündete: „Es ist Frühling, Amatus! Guck doch mal raus!“

Das kleine Fenster stand offen - der pergamentbespannte Holzrahmen war herausgenommen - und ließ ein goldenes Lichtbündel auf den Fußboden fallen, in dem unzählige Stäubchen tanzten. Zum Rauschen der sich belaubenden Bäume aus dem Burggarten sang ein Amselmännchen. Sein verschlungener Flötenton gab Nanni Recht.

Frühling!

Jetzt kriegte Amatus endlich die Füße auf die Matte und stieg auf einen hölzernen Tritt, um aus dem Fenster sehen zu können: In weitem Blau spannte sich der Himmel, gesprenkelt mit vereinzelten Weißwölkchen. Der Burggarten hatte junges Grün angelegt und duftete nach bereiter Erde. Schneeglöckchen standen in Büscheln auf der Wiese, wie schwatzhafte junge Mädchen.

Nanni war neben Amatus ans Fenster getreten und stellte fest, dass er selber aussah, wie eine erwachende kleine Pflanze mit seinem zerzausten, dunkelbraunen Haar und diesen blauen Augen. Als wären zwei Stückchen des Frühlingshimmels direkt in seinem Gesicht gelandet!

Als sie Amatus mit dem Hornkamm das nachtverstrubbelte Haar ordnete, das sich bald in halblange Wellen legte, genoss sie es so ausgiebig, als kämmte sie ihn zum ersten Mal. Oder zum letzten Mal? Nanni erschrak bei diesem Gedanken, wie so oft in letzter Zeit. Das ist vielleicht unser letzter gemeinsamer Frühling, fiel ihr ein. Bald werden sie ihn wegschicken. Sie ließ den Kamm sinken und sah Amatus an, als wolle sie sich sein Gesicht in allen Einzelheiten für immer ins Gedächtnis schreiben. Dieses schöne Kindergesicht!

„Was ist los, Nanni?“

„Ach, ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders!“

„Hast du an einen Traum gedacht?“

„Vielleicht.“

„Ich habe auch geträumt, gerade als du mich geweckt hast. Jetzt weiß ich nicht mehr, was es war.“

„Und wenn du ganz fest daran denkst?“

„Je fester ich daran denke, desto weiter rückt es weg...“

„Dann denk überhaupt nicht dran, vielleicht kommt es wieder und du erinnerst dich.“

Amatus lachte. „Ich kann’s probieren.“

„Jetzt, kleiner Prinz, will ich dir in die Sachen helfen. Dann solltest du bei Isa ein Frühmahl nehmen, bevor du zum Unterricht gehst.“

 

Der Kaplan wartete in seinen eigenen Räumen auf Amatus, die, getrennt von den Räumlichkeiten der Herrscherfamilie, in der Kemenate lagen.

Der alte Mann liebte die Abgeschiedenheit, der Trubel der Welt war ihm unwichtig geworden. In sechzig Jahren Leben hatte er einiges erlebt und gesehen, aber an seinem Lebensabend sehnte er sich nach Ruhe. Nicht nach Faulheit natürlich - die konnte sich kaum jemand leisten. Aber die Gottesdienste, der Schreibkram für Friedebalds Regierungsgeschäfte und die erste Erziehung seines jungen Sohnes waren ihm nicht zuviel. Ihm blieb genug Zeit für das Studium der heiligen Schrift und die Seiten eines naturwissenschaftlichen Werkes, von dem er eine wertvolle Abschrift besaß.

In Gotthards zwei verstaubten Zimmern gab es viel zu sehen, unter anderem eine große Landkarte aus Pergament, auf der sogar das Paradies eingezeichnet war. Die Vorstellung, die Welt von oben zu betrachten, als wäre man ein Vogel, gefiel Amatus so gut, dass er mit ungeübten Kinderhänden schon den Versuch unternommen hatte, einen Grundriss der väterlichen Burg zu zeichnen. Natürlich nicht auf teurem Pergament, sondern auf glatt geschliffenen Birkenholzscheiben.

In einem verschlossenen Glaszylinder bewahrte Gotthard farbig glänzende, naturgeformte Salzkristalle auf. Amatus hielt die Natur für einen großartigen Baumeister.

Und in Gotthards kostbarem Buch war alles zusammengetragen, was kluge Leute erforscht, was Abenteurer gesehen, was Gelehrte niedergeschrieben hatten. Auf einem Bild wurde ein Mann in einem Korb von einer ganzen Schar Schwäne in die Luft gehoben. Der würde von da oben Landkarten zeichnen können! Es gab Kapitel über Medizin, Aderlass und Kräuter. Seltene Tiere aus fernen Ländern waren abgebildet: ein Pferd mit langem Hals, ein Meeresungeheuer, das Wasser speien konnte, Wesen mit dem Oberkörper eines Menschen und dem Schwanz eines Fisches. Von Himmelserscheinungen und Schweifsternen konnte man lesen, die Unglück bedeuten, Hungersnöte, Seuchen, Krieg und große Not.

Amatus liebte die Unterrichtsstunden, in denen Gotthard das dicke Pergamentbuch aufschlug, die Bilder erklärte und ihn die geschwungene Schrift lesen ließ.

Aber heute lag nicht das Buch auf dem Pult, sondern eine sauber geschliffene Birkenholzplatte. Amatus seufzte, denn das hieß schreiben...

Gotthard bemerkte milde: „Es ist zwar unüblich, aber dein Vater und ich halten es für wichtig, dass ein zukünftiger Landesherrscher lesen und schreiben kann. So bemühe ich mich nach Kräften, dich diese Kunst zu lehren, auch wenn sie nicht dein Wohlgefallen findet. Drum greife zur Feder und schreibe auf, heute will ich dich Tischsitten lehren.“

Amatus tauchte die Feder in das gläserne Tintenfass und erwartete gesenkten Kopfes Gotthards Worte. „Zum Ersten: Säubere während des Essens deine Zähne nicht mit dem Messer! Zum Zweiten: Wirf Knochen und Abfälle unter den Tisch, aber verletze niemanden dabei! Zum Dritten: Furzen bei Tisch sollte durch angemessenes Hüsteln übertönt werden! Zum Vierten: Kratze deine Floh- und Wanzenbisse unauffällig! Zum Fünften: Greife nicht mit dem Dreckfinger, der dir Nase und Hinterteil reinigt, in die gemeinsame Schüssel!“

Amatus schrieb mühsam und die Konzentration fiel ihm schwer, denn auch Gotthard hatte sein Fenster geöffnet. Wenn der Junge den Kopf hob und hinausschaute, konnte er im Burggarten einen Obstbaum sehen, dessen Knospen zum Platzen prall waren, so dass sie glänzten wie braune Perlen.

„Machen wir Schluss für heute.“

Amatus fuhr zusammen und starrte Gotthard ungläubig an. Eigentlich müsste der Alte das große Stundenglas noch einmal umdrehen, ehe der Unterricht vorbei war!

„Nun Junge, auch wenn ich alt bin, weiß ich doch einiges von der Macht des Frühlings. Die Säfte schießen ins Kraut, die Rosse wollen sich tummeln, der Bock wird stößig. Und die Menschen wollen hinaus aus den engen Mauern, den Winterdreck abschrubben im Badehaus...“

„Aber wir haben doch gar kein Badehaus!“

„Wir haben unsere eigenen Zuber und Isas großen Kessel.“

„Wie ist es in einem Badehaus? Ich habe noch nie eins gesehen, aber du...“

„Ich war noch ganz jung damals“, beeilte sich Gotthard zu sagen. „Und noch nicht Kaplan, denn ein Diener Gottes sollte den Ort der Sünde meiden. Ja, sündhaft geht es dort zu, denn nicht allein Reinlichkeit gibt es in Badehäusern; sondern auch das Laster und die Fleischeslust, vor der man sich hüten muss wie vor dem Teufel!"

Fleischeslust, ein seltsames Wort. Amatus wusste nicht, was diese ruckartigen Bewegungen, das Ächzen und Stöhnen mit Fleisch zu tun hatte. Er dachte da eher an saftigen Braten! Aber einmal hatte Amatus den Schmied Nordbert und dessen Frau beobachtet, die ein eigenartiges Spiel in einer Ecke der Schmiede trieben. Erschreckt war er zu Hanna gelaufen, die ihm erklärte, das sei normal, und ihre Eltern machen das häufiger. Er selbst hatte seine Eltern noch nie dabei gesehen und konnte sie sich auch nicht bei einer so würdelosen Beschäftigung vorstellen. Als er Gotthard auf dieses Problem hin ansprach, hatte dieser verlegen gesagt, dass „Fleischeslust“ dafür verantwortlich wäre. Fleischeslust. Amatus konnte nicht herausfinden, was genau sich dahinter verbarg, aber irgend etwas Dunkles, Verbotenes haftete dem Wort an, das in seiner Unbegreiflichkeit interessant und - verlockend? - war.

„Gehen wir in den Garten und widmen uns dem Studium der Pflanzen!“

„Gibt es denn schon welche?“

„Mehr als du denkst!“

 

Natürlich war Sibo im Garten und hatte es sich unter einem schon blühenden Pflaumenbaum bequem gemacht. Nun sprang er bei ihrem unvermuteten Anblick hastig auf und tat so, als sei er eifrig bei der Arbeit. Vorjahreslaub musste von der Wiese unter die Bäume gerecht werden. Fauler Sack, dachte Amatus. Warte nur, wenn ich groß bin! Jeder dahergelaufene Wanderarbeiter wäre ein besserer Gärtner als du!

„Zorn ist ein schlechter Ratgeber, mein Junge!“ Gotthard sah seinen Schützling liebevoll an, als er ihn zum Gemüsegarten führte. Dieser war vom Obstbaumhag mit seiner saftigen Wiese durch einen Zaun aus Weidengeflecht getrennt. Noch lag die dunkle Erde brach, nur der Lauch wuchs mit kräftiggrünen Spitzen. „Koste mal!“, sagte Gotthard. Zuerst war es kühl im Mund, dann wurde es richtig scharf! Mit tränenden Augen lächelte der Junge und stellte sich sein heutiges Abendessen vor: Brot mit gelber Butter und klein geschnittenem Lauch! Wenn nur Isa nicht wieder auf die Idee kam, ihm ein Rührei mit gehackten Mandeln und Honig zu reichen! Ob Rührei mit Schnittlauch auch gut schmeckt?, überlegte er.

„....und auch der Dill ist ein hervorragendes Würzkraut, wie du weißt.“ Gotthard sprach über Küchenkräuter. Das war endlich mal ein interessantes Thema! „Dill verstreut man wild im ganzen Garten oder lässt ihn sich selbst versähen, dann werden die Pflanzen hoch und kräftig. Hier, so sieht er aus, wenn er jung ist!“ Gotthart zeigte ihm ein winziges Kräutlein. Kaum zu glauben, dass der Anfang einer Pflanze so bescheiden war!

Wenig später saßen sie auf der Gartenmauer und blickten in den Burghof hinab. Gotthard ächzte wohlig, als ihm die Sonne auf den krummen Rücken schien. Amatus fiel auf, wie alt sein Lehrer schon war, weißhaarig, unzählige Falten im hellen Gesicht, das nicht oft an der Sonne war. Jetzt sah er zufrieden aus wie eine dösende alte Katze.

Aus dem Stall kam Ingram mit dem braunen Wallach Esbert und ließ im Kreis traben, damit er beweglich blieb. Erst wenn die Wiesen trockener wurden, konnten die Pferde hinaus auf die Weide.

Zwei Mägde liefen mit klappernden Holzschuhen zum Brunnen und drehten das Schöpfrad, während eine Schar Gänse vorüberschnatterte. Aus Nordberts Schmiede klangen Hammerschläge in den Vormittag und von der Küche her hörte man Isa, die durchdringend etwas rief.

Esbert war ein starkes Tier, dessen Muskeln wie Pakete unter der Haut sichtbar waren. In schwerem Trab ließ er seine großen Hufe gleichmäßig auf das Pflaster klatschen und reckte stolz den Kopf, als wäre er sich seiner Zuschauer bewusst. Die schwarze Mähne wippte bei jedem Schritt.

Und plötzlich wusste Amatus, dass er heute Morgen von einem Pferd geträumt hatte! Von einem großen Rappen, dessen gewellte Mähne fast den Boden berührte. Hufe mit schwarzen Fesselbehängen. Das Körperhaar des Tieres hatte geglänzt wie Teer. Von diesem Pferd war strotzende Kraft ausgegangen, Mut und Schnelligkeit. Im Galopp fegte es donnernd dahin und aus seinen fast schwarzen Augen hatte ein Stolz gesprochen, wie man ihn selten findet! Amatus atmete tief ein und reckte den Kopf, froh, sein Traumbild wieder zu haben! Wenn es ein solches Pferd irgendwo auf der Welt gab, würde er es finden!

„Du siehst froh aus, Amatus!“

„Bin ich auch.“

„Ach, die unschuldige Kindheit! - - Ingram dagegen scheint von innerem Feuer verzehrt zu werden - sicher steckt eine Frau dahinter...“ In die Augen des Alten war etwas Träumerisches getreten, ein ferner Schimmer vergangener Jugend.

„Kann ich zu Ingram runtergehen, Gotthard?“

„Geh mit Gott mein Junge! Ich sitze hier noch ein bisschen in der Sonne.“

Esberts Hufschlag hallte im Hof lauter als oben auf der Gartenmauer. Klapp, klapp, klapp, klapp. Amatus stellte sich zu Ingram, der sich mit der Laufleine langsam im Kreis drehte. „Kann ich auch mal?“ Ohne sein langsames Kreisen zu unterbrechen, drückte Ingram dem Jungen die Leine in die Hand und flüsterte ihm zu: „Vor zwei Tagen war ich unterwegs wegen Golo, dem Hengstfohlen. Friedebald will ihn verkaufen. Und die Grafschaft der Hohenfelser liegt so günstig, also bin ich wieder hingeritten.“

„Außerdem gibt’s dort deine Herzensdame!“

„Nicht so laut!! Ja, ich habe sie wiedergesehen. Und sie hat einen herrlichen Namen! Sie heißt Orella.“

„Klingt ungewöhnlich. Ist sie eine Sarazenin?“

„Nur zur Hälfte. Ihre Mutter war Sarazenin und dann hat Bodomar sie... also, na ja, sie ist eine Uneheliche, weißt du? Sie ist -“ Ingram lachte „- ist sozusagen Bodomars Tochter und die Halbschwester von Prinz Wunibert, seinem Sohn. Das musst du dir mal vorstellen! Prinzessin Orella!“

„Hast du sie gefragt, ob sie dich heiraten will?“

„Ja - sie will!“ Ingram strahlte.

Ihm sitzt der Frühling in den Knochen, dachte Amatus. Himmel, was diese Jahreszeit mit den Menschen anstellt... „Und wie geht’s jetzt weiter? Du musst bei Bodomar um ihre Hand anhalten!“

„Werde ich auch! Dass ich vom Grottenstein komme, braucht er nicht zu wissen. Ich nenne ihm einfach eine andere Grafschaft. In knapp zwei Monaten bin ich wieder dort – der Käufer, den ich für Golo gefunden habe, will ihn erst nehmen, wenn er ein bisschen älter ist und schon mal auf der Weide gestanden hat. Der Geizhals will wahrscheinlich so lange wie möglich das Futter sparen!“

„Und wenn du Golo dann in zwei Monaten verkaufst?“

„Halte ich bei dieser Gelegenheit bei Bodomar um Orellas Hand an.“

„Du hast ja Mut! Das würde sich so schnell kein zweiter wagen!“

„Was bleibt mir übrig? Ich liebe Orella.“ Ingram seufzte tief und Amatus grinste. Dachte er jedoch daran, wohin den Knecht seine Verliebtheit trieb, bekam er ein ungutes Gefühl. Wagemutig war es. Und gefährlich.

 

Im Rittersaal waren alle fünf Fenster weit zur Sonne hin geöffnet. Es würde hier drin noch lange nach feuchtem Kalk und Wandschimmel riechen, aber der Saal konnte nun zwei Monate auslüften, ehe er im Mai zu Amatus’ Geburtstag gebraucht wurde. „Wir müssen unbedingt Boten losschicken, um die Gäste einzuladen, sonst wird es zu spät!“ Gerburg sah ihren Mann eindringlich an.

Was für eine schöne Frau sie noch immer ist, dachte Friedebald und betrachtete ihr dunkles, welliges Haar, in das sich erst wenige graue Strähnen mischten. Der Junge hat das Haar seiner Mutter! Würde er auch irgendwann ihre stattliche Größe haben? Oder eher klein geraten, so wie er selber? Wir werden es sehen, wenn wir dann noch am Leben sind... Friedebald war fünfzig, Gerburg zweiundvierzig Jahre alt, und in zehn Jahren konnte eine Menge passieren. Der graue Herrscher war neben seine Frau getreten und sah an ihr vorbei aus dem Fenster. Sie wiederholte: „Hast du mir zugehört? Wir müssen die Boten...“

„...losschicken. Ja, Liebes, und noch heute werde ich alles veranlassen. - - Hast du gesehen, wie Amatus mit dem Wallach umgehen kann? Esbert ist ein ruhiges Pferd, aber ich finde, der Junge macht seine Sache wirklich gut!“

Gerburg kniff den Mund zusammen, und als sie sprach, schwang unterdrückte Erregung in ihrer Stimme mit: „Ich beobachte ihn schon lange. Immer ist er mit diesem Pferdeknecht zusammen! Welch gefährlicher Unsinn kann dabei entstehen! Stell dir vor, unser Sohn setzt sich auf ein Pferd! Er könnte herunterfallen und sich das Genick brechen!“

„Andere adlige Söhne lernen das Reiten viel früher! Es ist nicht so schlimm, wie du denkst.“

„Andere adlige Söhne! Ja, andere Adelshäuser haben mehrere Kinder! Da ist der Tod eines Erben zwar ein großer Verlust, aber ein nächster Sohn kann seine Stelle einnehmen. Wir aber haben nur dieses eine Kind, daran musst du immer denken! Er ist unser größter und wertvollster Besitz, wir müssen ihn hüten wie einen Augapfel! Aus diesem Grunde sehe ich es nicht gern, wenn ihm dieser Knecht das Reiten beibringt.“

„Auf Mutmaßungen sollte man nicht bauen! Nimm lieber die Tatsachen! Und Tatsache ist doch, dass Amatus inzwischen ein gut entwickelter Junge ist.“

„Er ist zu klein und ständig krank.“

„Weil er zu viel drinnen hockt - in der Küche, im Stall, in Gotthards Gemächern oder seinen eigenen. Ein bisschen frische Luft und Abhärtung würden ihm gut tun! Ist dir nicht aufgefallen, dass er viel seltener krank ist als früher, seit er mit diesem Hund draußen herumtollt? Letzten Winter hatte er nur diese Darmgrippe. Sonst ist er immer die ganze kalte Jahreszeit über krank gewesen und der Bader hat ihn dauernd zur Ader lassen müssen.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Gerburg gepresst.

„Ich will damit sagen, dass wir ihn nicht zu sehr einsperren dürfen. Gerburg, wir waren fünfzehn Jahre kinderlos, und dann hat es dem Herrn gefallen, deinen Leib doch noch zu segnen. Ich bin sicher, dass er über dieses Geschenk, was er uns da gemacht hat, schützend seine Hand hält. Wir sollten ein bisschen mehr Vertrauen in unseren Schöpfer haben!“

Gerburg schwieg verbissen.

„Und zu seinem Geburtstag“, fuhr Friedebald fort, „wird sich unter den zahlreichen adligen Gästen auch eine Familie finden, die ihn für die Zeit seiner Ausbildung aufnehmen wird.“

„Nein, Friedebald!!! Wie leichtsinnig!!! Als Knappe wird er Waffenübungen haben und seinen Ritter womöglich auch noch zu Kriegszügen begleiten! Denkst du, ich sehe tatenlos zu, wie mein einziges Kind dahingemetzelt wird?!“

„Du kannst ihn ja ins Kloster stecken!“, sagte Friedebald jetzt in scharfem Ton. „Das ist der sicherste Ort der Welt für jemanden, der pausenlos behütet sein soll! Allerdings wirst du dann dein geliebtes Kind im Leben nicht wiedersehen, und es wird schlimmer sein, als wenn er tot ist! Soll er aber hier auf dieser Burg einmal das Ruder in der Hand halten, muss er ein Ritter werden! Und das duldet keinen Aufschub, Gerburg! Wir sind beide alt und haben nicht mehr viel Zeit!“

Er hatte Recht. Natürlich... Die Wahrheit, vor der Gerburg stets die Augen verschlossen hatte, stand jetzt unerbittlich vor ihr: Noch in diesem Jahr würde sie Abschied nehmen müssen von Amatus! „Zu wem willst du ihn schicken?“, fragte sie mit belegter Stimme.

„Ich dachte an die Greifenburg, immerhin wird er die kleine Ortlind heiraten. Ihre Eltern sind vernünftige Leute und werden ihn gut behandeln. Wir laden sie zu Amatus’ Geburtstag ein und besprechen uns dann genauer.“

„Willst du ein Turnier ausrichten zum Geburtstag? Es ist schließlich sein siebenter!“

Friedebald seufzte: „Ein Turnier ist teuer, meine Liebe. Selbst wenn wir genug Geld haben - man muss ja nicht verschwenderisch sein! Ein Tag mit Gauklern, Musikanten und einem Festgelage wird Amatus auch gefallen. Aber ein Turnier!... Sei froh, dass du einen Mann mit Weitblick hast, der zusammenhält, was er besitzt!“

Das Gespräch wurde leiser und verklang, als das Paar den Saal verließ.

Und Amatus genoss im Hof den Frühling und sein Kindsein, dessen Ende nun unaufhaltsam nahte. Es waren die letzten Tage seiner Kindheit auf Burg Grottenstein.

 

Er würde die Welt sehen!!! Endlich die Burg verlassen dürfen! Amatus war in seinem ganzen Leben noch nie so glücklich gewesen!

Sein Vater hatte ihn zu sich gerufen und war sehr feierlich, fast ein bisschen förmlich gewesen. Dann hatten sie ein richtiges Männergespräch geführt, zu zweit, ohne Mutter oder Amme oder Dienstpersonal.