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Seit dem tragischen Unfalltod seines Vaters in jener stürmischen Nacht vor 12 Jahren lebt Jack Anderson mit seiner Mutter ein ruhiges, normales Leben. Doch alles ändert sich schlagartig, als ein mysteriöser, vernarbter Bettler auftaucht, der ihm nachzustellen scheint. Ehe Jack weiß, wie ihm geschieht, findet er sich in Sértania wieder, einer Welt, der eine dunkle Zukunft prophezeit ist. Und ausgerechnet er scheint der Einzige zu sein, der das bevorstehende Unheil abwenden kann.
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Seitenzahl: 478
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die wahre Freiheit eines Menschen liegt in seiner Fantasie.
Seit dem tragischen Unfalltod seines Vaters in jener stürmischen Nacht vor 12 Jahren lebt Jack Anderson mit seiner Mutter ein ruhiges, normales Leben. Doch alles ändert sich schlagartig, als ein mysteriöser, vernarbter Bettler auftaucht, der ihm nachzustellen scheint.
Ehe Jack weiß, wie ihm geschieht, findet er sich in Sértania wieder, einer Welt, der eine dunkle Zukunft prophezeit ist.
Und ausgerechnet er scheint der Einzige zu sein, der das bevorstehende Unheil abwenden kann.
Die Reise beginnt...
Joachim C. Roth wurde 1986 in Landau in der Pfalz geboren. Schon in seiner Schulzeit begann er mit dem Schreiben von Kurzgeschichten, Gedichten und anderen Texten. Nach seinem Abitur 2005 studierte er Film- und Fernsehregie in Köln und Mittweida. Im Anschluss an seinen Bachelor 2008 und einige folgende Kunstkurse absolvierte er eine zusätzliche Ausbildung zum Physiotherapeuten.
Joachim C. Roth lebt in der Südpfalz.
Für meine Eltern Angelika und Wolfgang Roth, die mich stets unterstützten und förderten und ohne die dieses Buch nie hätte entstehen können
und
für Iris Köhler, die so viel tat und half, aus dem Traum der Veröffentlichung Wirklichkeit werden zu lassen.
Prolog
Teil 1: Der Aufstand der Entehrten
Kapitel Eins: Der Bettler
Kapitel Zwei: Eine andere Welt
Kapitel Drei: Die Lehre der Magie
Kapitel Vier: Harte Lektionen
Kapitel Fünf: Das geheime Zeichen
Kapitel Sechs: Die totale Zerstörung
Kapitel Sieben: Die Entführung
Kapitel Acht: Die Heilerin
Kapitel Neun: Der Verräter
Kapitel Zehn: Der Angriff
Kapitel Elf: Ein riskanter Plan
Kapitel Zwölf: Der Augenblick der Wahrheit
Eine Nachricht nach so langer Zeit...
Sie war überraschend unauffällig gekommen. Ein geschlossenes Kuvert, das einfach so auf der Hausschwelle lag. Ohne Absender, ohne Adresse.
Glücklicherweise hatte seine Frau es nicht geöffnet. Er hatte gleich geahnt, von wem der Brief stammte, und ihn deswegen zunächst einfach nicht öffnen wollen. Eigentlich hatte er mit alldem abgeschlossen.
Doch sein alter Freund und Mentor hätte ihm nicht geschrieben, wenn es nicht dringend gewesen wäre...
Und so hatte er den Umschlag schließlich doch geöffnet und saß nun in seinem grauen, unscheinbaren Auto, das ihn die enge, gewundene Schotterstraße hinauf zur Kapelle führte, dem vorgeschlagenen Treffpunkt.
Es war bereits fast Nacht, und die düsteren Wolken, die am Horizont aufzogen, kündigten den bevorstehenden Sturm an. Die Atmosphäre knisterte regelrecht, und der aufkommende Wind ließ die Bäume rauschen.
Er parkte ein paar Meter vor dem großen, schweren Portal der kleinen Kirche. Für einen kurzen Moment blieb er im Auto sitzen und atmete tief durch. Dann stieg er aus.
Für Ende Oktober war es bereits ziemlich kalt, und es versprach, ein strenger Winter zu werden.
Thomas zog seinen Mantel enger um sich und blickte auf die Lichter der Stadt unter ihm. All diese Menschen dort unten lebten ein ruhiges, mehr oder weniger geordnetes Leben, ohne etwas von seiner Vergangenheit zu ahnen oder davon, was ihn einst zur Flucht bewogen hatte.
Er beneidete sie um ihre Unwissenheit.
Schließlich wandte er sich um und ging mit langsamen Schritten auf die Kapelle zu. Unter seinen Füßen knirschte der Kies. Er stieg die paar ausgetretenen Stufen zum Portal empor und zog probeweise an dem alten, verrosteten Eisenring. Die Kapelle war verschlossen.
Thomas seufzte. »War ja klar. Ach, verdammt. Wieso zwingst du mich dazu?«
Mit einem Blick nach beiden Seiten vergewisserte er sich, dass ihn wirklich niemand beobachtete, und machte ein paar schnelle Handbewegungen am Schloss. Dann zog er die Tür auf und betrat die kleine Kirche.
Drinnen war es recht düster, doch vorn beim Altar standen zwei große, mehrarmige Kerzenständer, die alles in ein flackerndes, schummriges Licht tauchten.
Dort, in der zweiten Reihe, saß ein alter Mann mit dem Rücken zum Eingang. Er schien zu schlafen.
Thomas atmete tief durch, dann schritt er zielstrebig durchs Kirchenschiff und setzte sich neben den Alten. Dieser hielt weiter seine Augen geschlossen, doch ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Es freut mich, dass du gekommen bist, Ránon!«
Thomas blickte stur auf die Flammen der Kerzen und antwortete. »Diesen Namen habe ich vor vielen Jahren abgelegt, wie du sehr wohl weißt, Mestabor.«
Der Greis öffnete die Augen und sah ihn an. Nach einem kurzen Schweigen meinte er: »Nun, wie du möchtest, Thomas. Doch dieser Name ändert nichts daran, wer du bist.«
Thomas verkrampfte sich etwas und meinte dann, den Blick noch immer nach vorn gerichtet: »Wie geht es Sarnos?«
Das Lächeln verschwand vom Gesicht des Alten, und er sah wieder nach vorn zum Altar. »Besser. Es war sehr schwierig, doch es ist uns gelungen, die meisten seiner Wunden zu heilen. Das Ganze liegt jetzt schon Jahre zurück, doch er ist immer noch geschwächt und wird wohl nie wieder der Alte sein. Er hat ein paar schlimme, unheilbare Narben behalten, nicht nur körperlich. Nach alldem ist er jetzt noch entschlossener, Endoras Einhalt zu gebieten.«
Thomas nickte ernst. »Richte ihm bitte meine Grüße aus, wenn du ihn siehst.«
»Das werde ich«, versprach Mestabor.
Draußen begann es zu regnen. Tropfen klopften leicht gegen die großen, bunten Fenster, und der immer stärker werdende Wind pfiff durch die Ritzen des Gemäuers. In der Ferne erklang Donnergrollen.
Nachdem eine Zeit lang beide ihren Gedanken nachgehangen hatten, seufzte Thomas schließlich und sagte: »Also gut, lass' uns endlich zum Punkt kommen. Wieso wolltest du mich sprechen?«
Mestabor zögerte kurz, als würde er seine nächsten Worte mit Bedacht wählen. »Es geht um Endoras. Vor nicht einmal einer Woche haben wir erfahren, dass er nun Heerführer von Zénohron ist.«
Thomas sah sein Gegenüber überrascht an: »Heerführer?«
Der Greis nickte. »Ja, er hat sich ziemlich hochgearbeitet. In den Grenzregionen wird es immer gefährlicher. Ich befürchte, dass er alles tun wird, um noch mehr Macht zu erlangen und uns irgendwann zu vernichten. Er wird mit jedem Tag stärker und sein Einfluss wächst. Ich mache mir große Sorgen, Ránon.«
»Thomas!«, verbesserte ihn der Angesprochene scharf und meinte dann: »Ich verstehe deine Sorgen, Mestabor. Das klingt alles andere als erfreulich. Aber was hat das mit mir zu tun?«
Der alte Mann blickte ihn durchdringend an. »Vor uns liegen sehr schwere Zeiten. Eines Tages wird Endoras angreifen, und es wird ein vernichtender Schlag werden. Sarnos ist gerade dabei, einen Rat aufzustellen, der Endoras' Machenschaften entgegentritt. Doch wir sind viel zu wenige. Du warst einst mein bester Schüler. So gut wie niemand konnte es mit dir aufnehmen. Mit deiner Hilfe könnten wir Endoras bestimmt die Stirn bieten.«
»Nein!«, erwiderte Thomas ohne zu zögern und erhob sich. »Ich habe das alles hinter mir gelassen. Dies ist nicht mein Krieg. Ich habe Sértania und allem, was damit verbunden ist, den Rücken zugekehrt. Für mich gibt es kein Zurück.«
Er wandte sich zum Gehen, doch Mestabor hielt ihn zurück. »Bitte, Ránon. Denk' darüber nach. Wir brauchen dich; Sarnos braucht dich! Ist dir das alles egal?«
Thomas blieb stehen und sah zu Boden. Dann sagte er leise: »Ránon ist tot.«
Mestabor sah ihn an und senkte dann betroffen den Blick. »Ich kann dich natürlich nicht zwingen.«
»Es tut mir leid«, sagte Thomas, ohne sich umzudrehen.
Wieder herrschte Schweigen, und nur der Lärm des Sturms war zu hören. Es klang, als ginge draußen die Welt unter und als sei man nur hier drinnen noch geschützt.
Thomas wollte gerade gehen, da brach der Greis das Schweigen noch einmal. »Was ist mit deinem Sohn?«
Mitten in der Bewegung hielt Thomas inne. Er spürte, wie er sich verkrampfte. Langsam drehte er sich zu Mestabor um, der noch immer in der Kirchenbank saß. Mühsam unterdrückte er seine Erregung und fragte: »Was meinst du damit? Was hat mein Sohn damit zu tun?«
Mestabor erhob sich und blickte Thomas an. »Wie alt ist er jetzt?«
»Fünf«, erwiderte er und versuchte, dabei ruhig und gelassen zu klingen.
»Und was weiß der Junge über seinen Vater und dessen Vergangenheit?«
»Nichts. Und er wird es auch nicht erfahren! Ich will, dass er als normaler Junge aufwächst! Er soll die Chance auf ein friedliches Leben haben.«
Mestabor strich sich durch seinen Bart. »Das ist zwar ein edles Vorhaben, aber eines Tages wird ihm auffallen, dass etwas nicht stimmt. Er ist eben kein normaler Junge, Thomas! Wie willst du verhindern, dass er das bemerkt?«
Thomas griff ärgerlich in seine Jackentasche und zog ein kleines Fläschchen hervor, das eine schwarze Flüssigkeit enthielt.
»Hiermit!«, sagte er und warf es dem Greis zu, der es geschickt auffing, musterte, dann den kleinen Korken löste und daran roch. Er zog anerkennend die Brauen hoch.
»Elegant, das muss ich zugeben. Wie bist du darauf gekommen?«
»Wie du schon sagtest, Mestabor: Ich war einst dein bester Schüler.«
Die beiden sahen einander abschätzend an. Dann nickte Mestabor, warf das Fläschchen zurück und wandte sich um. Er schritt zum Altar und blickte hinauf zu dem großen Holzkreuz, an dem eine leidende Christus-Figur hing.
Nach einiger Zeit sagte er: »Jeder Mensch und jedes Lebewesen hat ein Schicksal. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es das Schicksal deines Sohnes ist, ein normales Leben zu führen, wie du es dir wünschst. Er hat ein Recht darauf zu erfahren, wer er ist und wozu er fähig ist.«
»Halte dich von ihm fern, Mestabor!«, zischte Thomas, der seinen Zorn kaum noch im Zaum halten konnte. »Ich warne dich! Wenn du oder ein anderer ihm zu nahe kommen... Ich werde nicht zögern, es mit jedem aufzunehmen, der das Leben meines Sohnes gefährdet!«
Mestabor sah ihn an und nickte dann ernst. »Ich hoffe, dass es nicht nötig sein wird, alter Freund. Doch ein Versprechen kann ich dir nicht geben, und das weißt du auch. Mein Gefühl sagt mir, dass der Tag kommen wird, an dem das Versteckspiel nicht mehr möglich ist. Weder für dich noch für deinen Sohn.«
»Fahr zur Hölle! Ich schwöre dir, bei meinem Leben, dass ich das nicht zulassen werde!«
Thomas wirbelte herum und schritt wutentbrannt auf den Ausgang zu. Er riss die Tür auf. Sofort fegten Sturmböen von draußen herein. Eiskalter Regen peitschte ihm ins Gesicht, während der Wind an seinem Mantel zerrte. Doch all das spürte er kaum. Zu groß war sein Zorn. Er musste hier weg, bevor er sich vergaß.
Er setzte sich in seinen Wagen und trat aufs Gas. Die Reifen drehten durch und wirbelten Kies auf. Dann raste das Auto los. Es schoss die schmale Straße hinunter, hinein in den Wald. Schwarze Bäume zogen schemenhaft an ihm vorbei. Der sintflutartige Regen hämmerte auf den Wagen ein, und die Scheibenwischer konnten die Wassermassen kaum bewältigen. Dennoch trat Thomas nicht auf die Bremse. Er war zu aufgebracht.
»Wieso bin ich Narr nur hergekommen. Ich hätte den Brief einfach ignorieren sollen. Ach, verdammt! Ich werde nicht zulassen, dass du einer von ihnen wirst, mein Sohn! Ich werde es verhindern! Ich werde dich beschützen! Vor allem!«
Er erreichte die Hauptstraße. Nur wenige andere Autos waren um diese Zeit noch unterwegs. Er ließ sie hinter sich zurück. Aufgebrachtes Hupen folgte ihm. Es war ihm egal.
Da riss ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken und direkt neben ihm flackerte ein Licht auf. Thomas zuckte zusammen und blickte auf sein Handy, das er bei der Abfahrt achtlos auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Es klingelte.
»Was zum...?«, murmelte er verständnislos, drückte den grünen Hörer und hielt sich das Gerät ans Ohr.
»Ja? - Jack? Wieso schläfst du nicht? Du solltest seit Stunden im Bett liegen! - Schon wieder der Traum?«
Thomas seufzte. Das hatte jetzt gerade noch gefehlt. Er versuchte den Zorn, der noch immer in ihm brodelte, zu unterdrücken und sagte: »Du hast deiner Mutter nichts davon erzählt, richtig? Wie du es mir versprochen hast. Es ist wichtig, dass du...«
In seiner Erregung sah er die rote Ampel zu spät.
Der LKW erfasste den Wagen mit ungeheurer Wucht und ließ von dessen Fahrer und seinen Absichten nichts übrig.
Der Wecker klingelte.
Es war ein lautes, störendes Klingeln, das keinen weiteren Schlaf zuließ.
Jack zog sich die Decke über die Ohren, aber das schrille Geräusch schien alles zu durchdringen. Seufzend versuchte er, mit seiner Hand den Wecker zu erwischen, um ihn auszuschalten. Ein paarmal schlug er ins Leere und stieß sich schmerzhaft die Finger an der Ecke seines Nachttisches an, ehe er das Gerät schließlich mit der Außenkante seiner Hand traf und es zu Boden warf, wo es stur weiterlärmte.
Es blieb Jack nichts anderes übrig, als die Augen kurz zu öffnen. Vorsichtig blinzelte er mit seinem linken Auge, schloss es dann aber sofort wieder, da ihn die Sonne blendete, die durchs Fenster direkt auf sein Kissen schien.
Irgendwie hatte er das Gefühl, als wäre eine Verschwörung gegen ihn im Gange: Die Sonne schien heute besonders hell zu strahlen, der Wecker besonders laut zu klingeln.
Schlaftrunken setzte Jack sich auf. Er hob den schellenden Wecker vom Boden auf, brachte ihn zum Schweigen und stellte ihn zurück auf den Nachttisch.
Es war Samstag. Jack warf einen Blick auf die Uhr. Die Zeiger standen auf sieben.
»Oh, typisch, da könnte man schon mal ausschlafen und dann vergesse ich natürlich, den nervigen Wecker auszuschalten...«
Er drehte sich auf die Seite und versuchte, wieder einzuschlafen.
Seine Augen waren, wenn überhaupt, für ein paar Sekunden geschlossen, als sich die Tür öffnete und die Stimme von Anne, seiner Mutter, erklang: »Guten Morgen, du Langschläfer. Es ist schon neun. Raus aus den Federn! Wir wollten doch auf den Markt. Los, steh' auf! In einer halben Stunde fahren wir los.«
Die Tür schloss sich wieder. Jetzt war er sich sicher, dass es sich um eine Verschwörung handeln musste. Er seufzte. Also doch nicht ausschlafen.
Murrend stand er auf, wankte durch die Berge von Kleidern und Büchern, die auf dem Boden lagen, und zog sich an. Nicht einmal am Wochenende konnte man im Bett bleiben! Doch er hatte Anne versprochen, ihr zu helfen.
Seit sein Vater vor zwölf Jahren bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen war, half Jack seiner Mutter, wo er nur konnte. Er liebte sie und wusste, wie sehr sie sich bemühte, gut für ihn zu sorgen.
Sie arbeitete als Krankenschwester und musste oft Nachtschichten einlegen, damit sie genug Geld verdiente, um sie beide über Wasser zu halten. Und so hatte sich Jack daran gewöhnt, oft allein zu sein und sich um das Haus zu kümmern.
Normalerweise machte es ihm nichts aus, seiner Mutter zur Hand zu gehen, aber heute hätte ihm die Stadt gestohlen bleiben können.
Müde schleppte er sich die Treppe hinunter und setzte sich an den Frühstückstisch. Nach Kommunikation war ihm gerade nicht zumute, und so gähnte er demonstrativ und vertiefte sich in sein Müsli.
Seine Mutter sah auf die Uhr.
»Oh, schon nach halb zehn! Ich wollte noch schnell zur Bank und am Friedhof vorbei. Bist du soweit?«
Jack hob die Schüssel an den Mund und trank sie mit einem genüsslichen Schlürfen aus.
»Mein Gott, wer hat dir bloß Benehmen beigebracht?«, fragte Anne mit gespielter Resignation.
Jack grinste und erwiderte: »Keine Ahnung, aber ich fürchte, er oder sie hat ziemlich versagt!«
»Marsch, Schuhe anziehen! In drei Minuten ist Abfahrt!«, fauchte ihn seine Mutter an und gab ihm einen spielerischen Klaps auf den Po.
Es war gerade mal viertel vor zehn und doch zeigte das kleine Thermometer im Wagen bereits 26 Grad an.
»Soll heute wieder ein heißer Tag werden«, meinte Jacks Mutter. »Hast du heute Mittag schon etwas geplant?«
»Ich wollte mit Aaron an den See und danach vielleicht noch ins Kino. In 'Camelots Fluch'.«
»Klingt spannend. Fantasy?«
»Jupp. Soll ziemlich gut gemacht sein. Bin mal gespannt.«
Anne seufzte. »Irgendwann musst du dich auch mal wieder mit etwas Realem beschäftigen. Hast du Hausaufgaben übers Wochenende?«
»Mama, in zwei Wochen sind Sommerferien! Da geben uns die Lehrer nicht mehr viel auf.«
»Ach, du hast es noch gut«, erwiderte Anne.
Nach einem kurzen Stopp bei der Bank fuhren sie zum Friedhof. Insgeheim hasste Jack diese Besuche. Er konnte sich kaum an seinen Vater erinnern. Ein freundliches Lächeln und ein strahlender Mann, der ihn in die Höhe warf und wieder auffing und der hin und wieder für ihn gesungen hatte - mehr war nicht übrig.
Den Rest seiner Erinnerung stellten Bilder dar, die zu Hause in der Wohnung standen. Auf einem schleckte Jack ungeheuer stolz drei große Kugeln Eis, während ihm sein Vater geduldig einen großen, braunen Schokoladenfleck abwischte, der gerade auf seinen Pullover getropft war. Auf einem anderen Bild hatte er Jack auf seine Schultern genommen, und sie spazierten durch eine Allee.
Wenn er vor dem Grab stand, stiegen seltsame Empfindungen in ihm auf. Wie eine Leere, die aber verblasst zu sein schien und sich nicht wirklich greifen ließ. Es war fast, als stünde er vor dem Grab eines Fremden, und das kam ihm nicht richtig vor.
Seine Mutter hingegen wurde immer sehr still, wenn sie den Friedhof besuchten. Er ließ sie dann oft eine Weile allein, und auch danach dauerte es meist ein bisschen, bis sie wieder gesprächiger wurde.
Sie gingen den Kiesweg entlang zu der Stelle unter der alten Eiche und sahen sich, wie schon so oft, die Grabinschrift an:
Hier ruht:
Thomas E. Anderson
* 29.02.1958 + 28.10.06
Geliebter Ehemann und Vater
Nun aber bleibet Glaube, Liebe, Hoffnung - diese drei, aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.
<1. Kor. 13, 13>
»Hol' bitte etwas Wasser für die Blumen, Jack«, sagte Anne schließlich, ohne ihren Sohn anzusehen. Dieser nickte und machte sich auf die Suche nach einer der großen, grünen Gießkannen.
Er fand eine, füllte sie an dem in alle Richtungen spritzenden Wasserhahn und machte sich auf den Weg zum Grab.
Da sah er, dass jemand bei seiner Mutter stand.
Es war ein Bettler, trotz der Hitze in einen zerrissenen, fleckigen, braunen Mantel gekleidet. Die grauen, längeren Haare und der Bart, der ebenfalls beachtlich war, waren zerzaust und verfilzt, die Schuhe durchgelaufen, und durch ein Loch vorn in der Spitze sah man ein paar Zehen. Eine seltsame, schwarze Narbe zog sich links an seinem Hals herab und verschwand unter dem Mantel. Überhaupt schien er einige Narben zu haben.
Da Jack noch ein Stück weit entfernt war, konnte er nicht hören, was seine Mutter mit dem Mann besprach. Doch dann verbeugte dieser sich leicht und schlurfte davon, ohne ihn wahrzunehmen.
Jack wartete einen Augenblick, ehe er zu seiner Mutter trat und ihr die Gießkanne reichte.
»Wer war das denn?«
»Ein Obdachloser. Er hat mich gefragt, ob das mein Mann sei und ob ich allein wäre.«
»Was hast du gesagt?«
»Na, dass ich mit dir hier bin. Dann bat er mich um etwas Kleingeld. Ich hab' aber keins, und da hat er sich einfach bedankt und ist gegangen. Komischer Kauz.«
Jack blickte stirnrunzelnd in die Richtung, in die der alte Bettler verschwunden war. Irgendetwas an dem Mann war seltsam gewesen.
»Na los, lass' uns weiterfahren«, sagte seine Mutter schließlich.
Sie wandten sich zum Gehen und verließen den Friedhof.
Keiner der beiden bemerkte, wie der Bettler aus dem Schatten eines Baumes trat und ihnen nachdenklich hinterher sah.
Sie fuhren zum Markt, kauften ein und machten sich anschließend auf den Nachhauseweg. Nachdem sie gemeinsam gegessen hatten, half Jack seiner Mutter beim Abwasch.
Am frühen Nachmittag klingelte Jacks Freund Aaron Frankler an der Tür, um ihn abzuholen. Aaron war ein Jahr älter als Jack und fast so etwas wie ein Bruder für ihn. Zwar lagen sich die beiden auch häufiger in den Haaren, was nicht selten an Aarons teilweise großspuriger, unbedachter und manchmal etwas befehlshaberischer Art lag, doch insgesamt hatten sie schon viel miteinander durchgemacht, standen füreinander ein und konnten aufeinander zählen.
Jack hatte nicht viele Freunde. Mit seiner nachdenklichen, bisweilen etwas vorsichtigen Art kamen viele nicht gut klar; doch Aaron schien das nichts auszumachen. Wenn Jack nichts sagte, redete sein Freund einfach für ihn mit.
»Und wer ist natürlich noch nicht fertig? Boah, Junge. Pünktlichkeit ist wirklich nicht so deine Stärke, 'ne?«, stichelte Aaron und grinste.
Jack schulterte seinen Rucksack und holte sein Fahrrad aus der Garage.
»Lass' uns fahren.«
»Mandy, Louis und Sora kommen direkt an den See. Die wollen aber nicht mit ins Kino, weil sie der Film nicht so interessiert«, sagte Aaron.
»Okay. Wir können ja auch zu zweit gehen«, erwiderte Jack achselzuckend.
»So sieht es aus. Und, wo warst du heute morgen? Hab' versucht, bei euch anzurufen. Dein Handy war ja mal wieder aus«, meinte Aaron.
»Der Akku ist hin. Ich brauche echt einen neuen. Jedenfalls war ich mit meiner Mum auf dem Markt und davor auf dem Friedhof.«
»Oh, okay.«
Jacks Vater war immer schon ein Thema gewesen, über das die beiden nicht gerne sprachen. Irgendwie war es unangenehm, und so hatten sie die stille Übereinkunft getroffen, immer, wenn das Thema aufzukommen drohte, schnell über etwas anderes zu reden.
»Ist echt verdammt heiß heute!«
»Ja. Es sollen bis zu 39 Grad werden, haben sie im Wetterbericht gebracht.«
»Dann wird es am See bestimmt ziemlich voll sein. Hey, könnte doch sein, dass ein paar hübsche Mädchen da sind!«
»Manchmal könnte man echt meinen, es gäbe für dich kein anderes Thema mehr«, stöhnte Jack.
»Du musst echt endlich mal ein bisschen mehr Selbstvertrauen bekommen. Sonst wird das nie was mit dir«, erwiderte Aaron.
»Lass' gut sein. Am Ende würde ich noch so werden wie du...«
»Nee du. Ich bin einmalig. Mich kann man nicht kopieren!«
»Na, Gott sei Dank«, meinte Jack.
Die beiden Freunde fuhren grinsend nebeneinander her und schwiegen eine Weile.
Schließlich erreichten sie den See, an dem sich tatsächlich schon eine beachtliche Menschenmenge tummelte.
»Da vorne sind die anderen!«, sagte Aaron und nickte in eine Richtung.
Die Freunde begrüßten sich fröhlich und die beiden Neuankömmlinge breiteten ihre Handtücher aus.
Irgendwann sprang Aaron auf und schnappte sich den Wasserball. Während die anderen sich aufteilten und ein Spiel begannen, blieb Jack sitzen und zog stattdessen das Buch, das er gerade las, aus der Tasche. Es hatte den Titel: „Das Amulett der Götter“ und handelte von drei jungen Gefährten, die durch eine geheimnisvolle Welt reisten auf der Suche nach einem Amulett, das seinem Träger die Macht der Götter verlieh. Auf ihrer Suche gelangten sie in seltsame, unbekannte Städte, wurden Opfer von Intrigen, und nicht selten galt es, Kämpfe gegen scheinbar übermächtige Dämonen durchzustehen. Eine der wenigen Personen, die sie dabei unterstützte, war der geheimnisvolle alte Magier Malagon. Er tauchte immer dann auf, wenn die Lage aussichtslos erschien; doch wer er wirklich war, woher er kam und was seine Ziele waren, blieb im Dunkeln.
Der Greis gehörte zu Jacks Lieblingsfiguren. Ein undurchsichtiger, mächtiger Mann, der nie offenbarte, wie stark er wirklich war; der sich die Kräfte der Natur zu eigen machen konnte. Das war geradezu mysteriös. Es war spannend.
Magie hatte Jack sowieso schon immer fasziniert. Feuerbälle, Blitze und Lichtkugeln, von Menschen erschaffen und gelenkt - das war beängstigend, aber es hatte auch etwas unwiderstehlich Anziehendes an sich! Wie oft hatte er sich schon gewünscht, selbst über derartige Kräfte zu verfügen und durch solch eine Welt zu reisen. Nun, jeder möchte mal ein Held sein; aber ob es dann wirklich so wäre, wie man es sich vorstellte? Wie würde er reagieren, wenn ein furchteinflößender Dämon ihn angriffe? Vermutlich schreiend davonlaufen.
Jack lachte. Ja, schreiend davonlaufen würde er. Er hätte viel zu viel Angst, um sich zu wehren. Nein, er war kein Held, und manchmal war er sehr froh, dass Magie nur in Büchern existierte. Er begnügte sich damit, über sie zu lesen. Und von ihr zu träumen.
Der Wasserball traf Jack am Kopf und jagte ihm einen gehörigen Schreck ein. Aaron lachte: »Komm schon, du Langweiler! Das Wasser ist herrlich! Lesen kannst du auch zu Hause.«
Jack seufzte und legte das Buch beiseite. Dann folgte er den anderen ins Wasser.
Gegen Abend machten sich Jack und Aaron auf den Weg ins Kino.
Der Film übertraf ihre Erwartungen. Die Produzenten hatten wirklich nicht an Kosten gespart, um die mittelalterliche Welt von Camelot und die Magie Merlins eindrucksvoll in Szene zu setzen.
Als die beiden Freunde das Kino schließlich verließen, waren sie noch mitten in die Geschichte und die besten Szenen vertieft. Es war bereits dunkel geworden und schon deutlich kühler als noch vor ein paar Stunden. Neonlichter erhellten die Straßen und aus einigen Bars erklangen laute Musik und Gelächter.
»Und dann, als Mordred auf Merlin zugeht und Merlin streckt einfach seinen Stab vor und Baam! Wahnsinn, oder?«, meinte Aaron begeistert.
Jack grinste und nickte. Er wollte gerade etwas sagen, als ihm plötzlich jemand auf die Schulter klopfte.
Er wandte sich um und fuhr zusammen.
Vor ihm stand jener Bettler, den er morgens bei seiner Mutter auf dem Friedhof gesehen hatte. Unwillkürlich wich Jack einen Schritt zurück und prallte gegen Aaron.
»Hey!«, beschwerte sich dieser und bemerkte dann den Greis ebenfalls.
Der sah die beiden aus aufmerksam funkelnden Augen an und fragte dann mit etwas heiserer Stimme: »Hat einer von euch Jungs ein bisschen Kleingeld für einen armen, alten Mann?«
Die beiden Freunde sahen einander an. Dieser Bettler war ihnen beiden irgendwie nicht geheuer. »Verschwinde, Alter. Wir haben nichts für dich!«, sagte Aaron und versuchte, dabei selbstsicher und abfällig zu klingen, was ihm nicht so recht gelang. Doch der Blick des Obdachlosen ruhte unentwegt auf Jack. Die Augen dieses Mannes waren wirklich beunruhigend. Sie schienen hellwach zu sein und direkt ins Innere eines Menschen zu sehen.
Nervös kramte Jack in seinen Taschen und zog ein paar Münzen hervor.
»Hier, bitte«, sagte er und gab sie dem Greis.
»Bist du bescheuert? Der gibt das Geld doch eh nur für Alkohol und Zigaretten aus!«, protestierte Aaron.
Der Bettler ignorierte ihn. Er lächelte und schloss seine Hand um die Münzen, ohne dabei jedoch den Blick von Jack abzuwenden. »Ich danke dir, mein Junge. Irgendwann werde ich mich dafür revanchieren, das verspreche ich dir!«
Jack schluckte. Er war sich nicht sicher, ob er das wirklich wollte.
»Noch einen schönen Abend euch beiden«, sagte der Alte, grinste, wandte sich dann um und humpelte davon. Jack und Aaron starrten ihm nach.
»Was war das denn für eine Gestalt? Der war ja mal echt unheimlich!«, meinte Aaron schließlich.
»Ja, fand ich auch«, stimmte Jack ihm zu. »Los, komm'. Ich will irgendwie nur noch nach Hause.«
Sie schlossen ihre Fahrräder auf und fuhren nebeneinander über die Straße. Auf der gesamten Rückfahrt sprach keiner der beiden ein Wort.
Als Jack schließlich die Haustür aufschloss und den Flur betrat, lag dort ein kleiner Zettel, den seine Mutter für ihn hinterlassen hatte:
'Jack, das Krankenhaus hat angerufen. Schwester Mikaele hat einen ziemlichen Migräneanfall, und ich muss für die Nachtschicht einspringen. Essen steht im Kühlschrank. Komme morgen so gegen neun heim. Hab' dich lieb, Anne.'
Er hatte das Haus also mal wieder für sich. Jack seufzte. Irgendwie wäre es ihm heute Abend lieber gewesen, nicht allein zu sein.
Er hob den Zettel auf, zog seine Jacke aus und ging dann in die Küche. Wie versprochen, wartete im Kühlschrank eine Portion Nudeln mit Tomatensoße auf ihn.
Er stellte sie in die Mikrowelle, schaltete diese an und setzte sich anschließend vor den Fernseher.
Es lief gerade eine Spätausgabe der Lokalnachrichten. Mit sachlicher Stimme verkündete der Reporter: »... ist es der Polizei immer noch nicht gelungen, Licht in den rätselhaften Diebstahl aus der Bibliothek zu bringen, der sich vor zwei Tagen ereignete. Scheinbar wahllos entwendete am Donnerstag Abend ein Unbekannter über dreißig verschiedene Bücher aus den Bereichen Geschichte, Physik und Philosophie sowie einige Romane aus dem Mythen- und Sagen- sowie dem Fantasy-Bereich.«
Ein kurzes Statement der Bibliothekarin wurde eingespielt: »Keine der Türen war aufgebrochen. Sie waren alle noch verschlossen und auch die Fenster waren intakt und keines stand offen. Es gab ein paar nasse Fußabdrücke in der Vorhalle und dann einen Zettel vom Täter, auf dem er sich entschuldigt und die Rückgabe der Bücher garantiert. Außerdem lag eine Goldmünze dabei, die offenbar ziemlich viel wert ist! Es ist uns ein Rätsel, wie der Einbrecher hier hinein- und wieder hinausgelangen konnte.«
Erneut sprach der Reporter: »Zwei Augenzeugen berichteten, am Abend der Tat einen Obdachlosen vor dem Gebäude beobachtet zu haben. Von diesem fehlt allerdings bislang jede Spur. Sollten Sie, liebe Zuschauer, Hinweise über den Verbleib des Mannes haben, bittet die Polizei, diese an sie weiterzugeben. Laut der Beschreibung der Augenzeugen ist der Verdächtige mittelgroß, hat graues, längeres Haar, einen ebenfalls grauen Bart, einige auffällige, dunkle Narben und trägt einen abgetragenen braunen Mantel. Es ist nicht auszuschließen, dass...«
Wie in Trance schaltete Jack den Fernseher aus und starrte auf den schwarzen Bildschirm. Kein Zweifel, die Beschreibung passte genau. Was sollte er nun tun?
Hinter ihm erklang ein Piepsen und ließ ihn zusammenfahren. Er brauchte einen Moment, ehe ihm klar wurde, dass es sich um die Mikrowelle handelte.
Geistesabwesend holte er das Essen heraus und stellte es auf ein Tablett. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer und zog sein Handy aus der Hosentasche. Es war ausgeschaltet.
»Scheiß Akku!«
Verärgert griff er nach dem Telefon. Er wählte und hielt sich den Hörer ans Ohr.
»Hallo?«, meldete sich eine Stimme.
»Aaron, bist du es? Ich bin es, Jack!«
»Hey, Jack. Was ist denn los?«
»Hast du das mit dem Diebstahl in der Bibliothek mitbekommen?«, fragte Jack.
»So am Rande. Mein Vater hat gestern beim Mittagessen irgendwas von verschwundenen Büchern erzählt, wieso?«
Aarons Vater, Gene Frankler, war Polizist, und so wusste Jacks Freund oft als Erster von Einbrüchen, Verkehrsunfällen oder sonstigen Geschehnissen.
Damals, in der Nacht als Jacks Vater ums Leben gekommen war, hatte Inspektor Frankler ihnen die Nachricht überbracht.
»Da kam gerade ein Bericht in den Nachrichten. Es hieß, man verdächtige einen Obdachlosen mit längeren Haaren, Bart und dunklen Narben!«
»Was? Aber das ist doch der Kerl, den wir vorhin am Kino gesehen haben!«, sagte Aaron überrascht.
»Eben!«
»Okay, warte. Ich frag' mal meinen Vater, was er dazu meint. Ich ruf' dich gleich zurück.«
Nachdenklich saß Jack auf dem Sofa und blickte ins Leere. Wieso sollte ein Obdachloser Physik- und Geschichtsbücher klauen? Ein Einbruch in einen Lebensmittelladen oder ein Spirituosengeschäft, das klang logisch; aber in eine Bibliothek?
Und dann der Zettel und die Goldmünze... Welcher Einbrecher hinterließ eine Nachricht, in der er sich entschuldigte und die Rückgabe des Diebesgutes garantierte? Wieso lieh er sich nicht einfach die entsprechenden Bücher aus? Und woher sollte ein Bettler eine Goldmünze haben?
Das alles wirkte völlig absurd.
Gedankenversunken spießte Jack mit seiner Gabel einige Nudeln auf. Er machte gerade den Mund auf, als das Telefon klingelte.
Aaron meldete sich: »Hey Jack, ich bin es. Du hattest recht, was den verdächtigen Bettler angeht. Ich hab' meinem Vater davon erzählt. Er hat seinen Kollegen angerufen, und sie sind jetzt zum Kino gefahren, um die Gegend abzusuchen.«
Jack lauschte den Schilderungen seines Freundes und schob sich dabei ein paar Nudeln in den Mund. Sie waren immer noch so heiß, dass er sich die Zunge verbrannte.
»Ah, verdammt!«, ärgerte er sich.
»Was ist los? Ich dachte, du wolltest, dass die Polizei nach dem Kerl sucht«, fragte Aaron irritiert.
»Nee, klar. Das will ich auch! Hab' mir nur gerade die Zunge verbrannt, das ist alles.«
»Schon komisch, oder?«, fuhr Aaron fort. »Der Typ war mir gleich irgendwie unheimlich. Ich frage mich, was...«
Plötzlich war die Leitung tot und im gleichen Moment erloschen alle Lichter im Haus.
Einen kurzen Moment spürte Jack, wie sein Herz zu rasen begann. Er zwang sich, ruhig zu bleiben, stand auf und ging zum Fenster. Auch in den anderen Häusern fehlte der Strom, und die Straßenlaternen waren ausgefallen. Hinter einigen Fenstern flackerten Kerzen auf.
»Nicht schon wieder!«, seufzte er. »Diese Idioten vom Stromwerk. Das kann doch echt nicht wahr sein!«
Drei Nächte zuvor war ein starker Sturm mit Hagel und Gewitter über die Region gezogen und hatte viele Strommasten und Bäume umgeknickt. Zwar war es den Einsatzkräften schließlich gelungen, die betroffenen Gebiete über andere Leitungen mit Strom zu versorgen, doch noch immer kam es zu kurzzeitigen Stromausfällen.
Jack schüttelte entnervt den Kopf, suchte in der Dunkelheit nach Streichhölzern und entzündete schließlich ein paar Kerzen. Es war nicht absehbar, wie lange es dauern würde, bis er wieder Elektrizität hätte, und so beschloss er, nach oben zu gehen, noch ein wenig zu lesen und dann zu schlafen.
Er stieg die Treppe hinauf, wusch sich kurz und ging dann in sein Zimmer. Dort zog er sich bis auf die Unterwäsche aus und wollte gerade ins Bett gehen, als er durchs Fenster eine Bewegung wahrnahm.
Vorsichtig näherte er sich dem Glas und sah hinunter.
Da gefror ihm das Blut in den Adern. Trotz des nur schwachen Mondlichts erkannte er die in einen Mantel gehüllte Gestalt sofort. Auf der Wiese im Garten stand der Bettler und sah zu seinem Fenster hinauf.
Jack schrie auf und stürzte zum Telefon, das er auf sein Bett geworfen hatte. Doch die Leitung war noch immer tot. Nervös kramte er sein Handy hervor. Doch der Bildschirm war schwarz und es ließ sich nicht einschalten. Der defekte Akku... Verdammt!
Was sollte er nun tun?
Mit Herzrasen drückte sich Jack an die Wand und schob sich langsam erneut in Richtung Fenster. Doch als er hinaus blickte, war der Obdachlose verschwunden.
Jack blinzelte. Hatte er sich das eben nur eingebildet? Nervös lauschte er in die Dunkelheit, doch bis auf das leise Rauschen der Bäume und den fernen Autoverkehr war alles still.
Er zwang sich dazu, tief durchzuatmen. Es gab keinen Grund, nervös zu werden. Vermutlich hatten ihm seine Sinne einfach einen Streich gespielt. Er war müde, und wahrscheinlich war es das Beste, wenn er einfach ins Bett ging.
Jack setzte sich und löschte die Kerze.
Er wollte sich gerade die Decke über den Kopf ziehen, als er Geräusche unten im Haus hörte. Sie klangen seltsam, als würde etwas an der Wand kratzen, während die Dielen quietschten.
'Er ist hier im Haus. Er ist hinter mir her!', schoss es ihm durch den Kopf. Er merkte, dass er zitterte. Sein Atem ging flach und hektisch.
Vorsichtig schlüpfte er aus dem Bett und schlich zu dem Hockey-Schläger, der hinter seiner Tür lehnte. Jack spürte, dass ihn das Gewicht und die Härte des Schlägers etwas beruhigten.
Und nun? Sollte er hinuntergehen und den Einbrecher auf frischer Tat ertappen? Was, wenn dieser ebenfalls bewaffnet war?
Unten erklang ein seltsames Klicken, gefolgt von einem Quietschen. Dann verstummten die Geräusche.
Jack kauerte hinter seiner Zimmertür und wagte kaum zu atmen. Er horchte, doch alles blieb still. War der Eindringling verschwunden? Wonach hatte er gesucht? Oder war er vielleicht noch immer im Haus?
Minuten verstrichen, doch Jack kamen sie wie Stunden vor. Noch immer war kein Laut zu hören.
Schließlich hielt er es nicht länger aus, tatenlos herumzusitzen.
Er nahm all seinen Mut zusammen und öffnete vorsichtig seine Zimmertür, jederzeit bereit, mit dem Hockey-Schläger zuzuschlagen. Im Haus war es immer noch ziemlich finster.
Schritt für Schritt tastete sich Jack an die Treppe heran und sah über das Geländer. Alles schien normal zu sein.
Doch dann sah er einen seltsamen Lichtschimmer auf dem Boden. Er schien direkt aus der Wand zu kommen.
Neugierde erfasste Jack, doch noch immer befürchtete er, dass jederzeit der Bettler aus einem Schatten herausspringen und sich auf ihn stürzen könnte.
Langsam und am ganzen Körper angespannt schlich er die Treppe hinunter.
Dann sah er, woher das Licht kam. Ein Teil der Dielenwand hatte sich geöffnet und offenbarte eine zuvor perfekt verborgene Tür.
Jack runzelte die Stirn und pirschte sich näher heran.
Mit einem Auge schielte er durch den Spalt. Er sah einige Kerzen auf einem Ständer brennen. An der Wand stand ein Bücherregal mit sehr alt aussehenden Büchern.
Vom Bettler jedoch war nirgendwo eine Spur zu sehen.
Jack ergriff die Geheimtür und zog ein wenig daran, um sie weiter zu öffnen. Sie quietschte. Erschrocken sprang er zurück und umklammerte den Schläger in seinen Händen, bereit, sich zu verteidigen. Doch nichts rührte sich.
Nachdem er einige Augenblicke gewartet hatte, beschloss Jack, sich weiter vorzuwagen. Er schob sich durch den dünnen Spalt in den geheimen Raum dahinter und sah sich um.
Es war ein seltsames Zimmer, kaum mehr als zehn Quadratmeter groß. Neben dem Regal mit den alten Büchern gab es noch ein weiteres, auf dem verschiedene Flaschen mit Flüssigkeiten unterschiedlichster Farbe standen, einen geschlossenen Schrank, einen Schreibtisch mit einem wackeligen Holzhocker davor und den brennenden Kerzenständer. Auf allem lag eine dicke Staubschicht, und es war offensichtlich, dass der Raum lange Zeit von niemandem betreten worden war. Bis heute... Auf dem Boden waren frische Fußabdrücke zu erkennen, welche erst zu dem Regal mit den verschiedenen Flaschen, dann zum Schreibtisch führten. Anschließend verlief die Spur wieder aus dem Raum heraus. War der Bettler schon wieder verschwunden? Wonach hatte er gesucht?
Nervös sah Jack sich weiter um. An der einen Wand hing eine Weltkarte und daneben ein Abrisskalender. Das letzte Blatt zeigte den 28. Oktober 2006.
»Papas Todestag«, hauchte Jack. Dann blieb sein Blick an einem großen Porträt hängen, welches gegenüber der Weltkarte hing. Er riss die Augen auf und starrte das Gemälde an.
Es zeigte seinen Vater, zwar jünger, als Jack ihn in Erinnerung hatte, doch er erkannte ihn sofort. Er war in eine seltsame dunkelviolette Robe gehüllt und blickte streng, doch lächelnd nach vorn. Neben ihm saß eine hübsche Frau, ungefähr in seinem Alter, welche ein elegantes grünes Kleid trug. Vor den beiden stand ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen mit dunkelbraunen Zöpfen und grünen Augen. Jacks Vater hatte eine Hand auf die Schulter des Mädchens gelegt. Die drei schienen glücklich zu sein. Fast wie... eine Familie?
Jack trat näher an das Porträt heran. Wer waren die Frau und das Mädchen? Was hatte all dies zu bedeuten? Das Bild schien schon recht alt zu sein, sofern Jack dies beurteilen konnte. Nirgends war eine Jahreszahl oder eine Signatur zu erkennen.
Wie hypnotisiert starrte er die drei dargestellten Personen an.
Hinter ihm zischte eine Kerze und ließ ihn zusammenfahren und herumwirbeln. Jacks Herzschlag, der sich kurzzeitig beruhigt hatte, war plötzlich wieder so stark und schnell, als wollte das Herz aus seiner Brust springen.
Mit beiden Händen umklammerte er den Schläger und suchte die Ecken des Raumes ab, doch er war allein. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch. Dort lagen allerlei alte Bücher und Schriften. Doch auf der freien Fläche in der Mitte lag ein Dokument mit einer kleinen Haftnotiz daran.
Jack ging darauf zu und nahm das Papier in die Hand. Seltsame Zeichen schienen eine Art Geheimbotschaft zu bilden, wobei die Tinte stellenweise schon sehr verblasst und verschmiert war:
Jacks Blick glitt zu der Haftnotiz. Darauf stand in der Handschrift seines Vaters: '28.10. Treffen mit M., Christuskapelle.'
Fassungslos blickte er den kleinen Zettel an. Erinnerungen an die Nacht des Unfalls stiegen in ihm auf. Er war noch klein gewesen und hatte vieles nicht verstanden, und doch hatten sich die Bilder und Gespräche jener Nacht in sein Gedächtnis eingebrannt...
Es war mitten in der Nacht, als der kleine Jack schreiend aus dem Schlaf erwachte.
Einen Moment lang wusste er nicht, wo er war; glaubte noch immer die Schreie und das grausige Lachen zu hören. Doch nach und nach erkannte er in der Dunkelheit die Umrisse seines Zimmers und fühlte die warme, weiche Matratze unter sich.
Der Traum! Es war schon wieder dieser Alptraum gewesen...
Zitternd lag der Fünfjährige in seinem Bett und zog die Decke weit über den Kopf. Sein Atem ging flach und schnell.
Draußen vor dem Fenster tobte ein heftiges Gewitter. Regen schlug gegen die Scheibe, als versuchten die Wassermassen gewaltsam ins Haus einzudringen. Das Heulen des Sturms durchdrang den dünnen Stoff von Jacks Decke mühelos.
Verkrampft lag der Junge in seinem Bett und versuchte, wieder einzuschlafen. Doch sobald er die Augen schloss, sah er erneut die gewundene, steile Treppe vor sich, die tief in den Felsen hinabführte. Das Flackern der Fackeln, das den Raum dort unten in Zwielicht tauchte und gespenstische Schatten tanzen ließ. Die vermummte Gestalt mit dem riesigen Messer. Und dann das Blut; das viele Blut, das wie rote Schlangen über den Boden kroch, hin zu dem seltsamen, leuchtenden Zeichen; diesem schrecklichen Symbol, das regelrecht zu pulsieren schien. Es machte Jack unvorstellbare Angst. Er wollte wegsehen, doch es gelang ihm nicht.
Und wieder glaubte er, die grausige Stimme zu hören, die ihm zurief: »Sieh her! Sieh dir genau an, was du getan hast! Dank dir ist es soweit! Dank dir kann ich sie endlich befreien! Du hast versagt, Held! Bei allem, was du angestrebt hast, bist du gescheitert. Nun ist es endlich soweit - der Anfang vom Ende ist gekommen!«
Jack riss die Augen wieder auf. Er war schweißgebadet und sein Herz raste. Tränen liefen seine Wangen hinab. Draußen schien der Sturm noch an Intensität zugenommen zu haben. Donner grollte.
Der Fünfjährige krabbelte aus seinem Bett. Er wollte zu seinem Papa. Papa schaffte es immer, dass er sich besser fühlte.
Er rannte ins Schlafzimmer seiner Eltern. Doch da war niemand. Wahrscheinlich saßen sie noch im Wohnzimmer. Jack wollte gerade kehrtmachen, da fiel ihm durchs Fenster auf, dass der Wagen seines Vaters nicht wie sonst im Carport stand. Seine Brust schnürte sich zusammen. Papa war nicht da!
Aber er musste doch mit ihm reden! Und wenn er es Mama erzählte? Aber nein – Papa hatte es ihm verboten! Schon als er den Traum das erste Mal gehabt hatte, war die Reaktion seines Vaters so komisch gewesen... 'Erzähle das nicht deiner Mutter!', hatte er gesagt. 'So etwas regt sie nur unnötig auf, hörst du? Versprich es mir! Wenn du so etwas mal wieder träumst, dann komm' direkt zu mir. Mama braucht das nicht zu wissen. Das bleibt dann unser Geheimnis, einverstanden?' Und Jack hatte genickt. Wie sehr er das jetzt bereute. Er musste mit jemandem reden!
In seiner Not ergriff er das schnurlose Telefon, das im Flur stand. Papa hatte für Notfälle seine Handynummer auf der Eins abgespeichert. Jack drückte die Kurzwahltaste und huschte zurück in sein Zimmer, wo er sich wieder unter die Decke kauerte.
»Ja?«, meldete sich die vertraute Stimme seines Vaters.
»Papa, ich bin's!«
»Jack? Wieso schläfst du nicht? Du solltest seit Stunden im Bett liegen!«
Irgendwie klang sein Vater komisch. So einen Tonfall hatte er sonst nur, wenn er schimpfte.
Verunsichert wimmerte Jack: »Ich... ich war wieder da! In der Höhle! Das furchtbare Bild auf dem Boden... Ich...«
»Schon wieder der Traum?«, fragte sein Vater seltsam genervt und schien zu seufzen.
Jack nickte und presste sich den Hörer ans Ohr. Die Tränen brannten in seinen Augen.
»Du hast deiner Mutter nichts davon erzählt, richtig? Wie du es mir versprochen hast. Es ist wichtig, dass du...«
Ein fürchterliches Krachen erklang. Es war so laut, dass der Junge erschrocken das Telefon fallen ließ.
Als er es wieder aufhob, war nur noch ein Besetztzeichen zu hören.
Verwirrt und ängstlich wählte Jack die Nummer erneut – ohne Erfolg. Was war los? Wieso war Papa plötzlich weg?
Angespannt lag der Junge in der Dunkelheit und wartete kurz, ehe er einen erneuten Versuch unternahm. Wieder nur besetzt.
In diesem Moment erhellte ein Blitz das Zimmer und ein gewaltiger Donnerschlag erklang, als bräche das Haus entzwei.
Jack schrie auf, stürzte aus dem Bett und rannte nach draußen auf den Gang.
Seine Mutter kam gerade aus dem Bad. Jack rannte auf sie zu und umarmte sie. Anne sah ihren Sohn an, hielt ihn fest und meinte mit ruhiger Stimme: »Schatz, was hast du denn? Kannst du nicht schlafen? Du zitterst ja richtig!«
Jack presste sich an sie und hielt die Augen geschlossen. Tränen strömten seine Wangen hinab. Sollte er ihr von dem Telefonat erzählen? Aber dann würde sie sicher nach dem Traum fragen! Und Papa hatte so oft gesagt, dass Jack ihr nichts erzählen sollte...
Seine Mutter strich ihm zärtlich über den Kopf. »Du brauchst keine Angst zu haben. Es ist bloß ein Gewitter. Hier drinnen kann uns nichts passieren.«
Sie standen eine Zeit lang da und Anne murmelte beruhigende Worte. Dann löste sie die Umarmung und ging in die Hocke, sodass sie ihrem Sohn in die Augen sehen konnte. »Komm', wie wär's, wir trinken eine heiße Schokolade mit Sahne? Dann geht es dir gleich besser.«
Jack schluchzte und nickte schließlich tapfer.
Seine Mutter lächelte, gab ihm einen Kuss und nahm ihn bei der Hand. Sie gingen in die Küche, wo Anne die Schokolade zubereitete. Dann setzte sie sich zu ihm an den Tisch und zündete ein paar Kerzen an. »Ist doch gemütlich. Und wenn der Strom ausfallen sollte, ist es wenigstens nicht dunkel«, meinte sie.
Eine ganze Weile saßen sie einfach nur da und tranken ihre Schokolade. Jacks Gedanken kreisten um das seltsame Telefonat, doch er schwieg. Der Regen prasselte gegen die Fenster und immer wieder donnerte es. Irgendwann wurden die Abstände zwischen den Blitzen schließlich größer und die Donnerschläge allmählich leiser.
Annes Blick fiel auf die alte Kuckucksuhr, die an der Wand hing. Sie runzelte die Stirn und sah auf ihre Armbanduhr. »Oh, die Uhr ist stehen geblieben. Komisch, die war doch noch nie kaputt!«
Sie wollte gerade aufstehen, als es an der Haustür klingelte. »Wer bitte klingelt denn um diese Zeit? Es ist nach Mitternacht! Warte hier Jack, ich seh' kurz nach!«
Sie ging zur Tür und ließ den Jungen am Tisch zurück. Er hatte sich wieder beruhigt und selbst die Erinnerung an den bedrohlichen Traum war durch den Genuss der leckeren Schokolade verblasst. Andächtig schlürfte Jack den letzten Schluck seines inzwischen fast kalten Getränks.
Aus dem Flur hörte er, wie seine Mutter die Tür öffnete. Sie klang überrascht. »Herr Frankler, was machen Sie denn hier? Noch dazu bei so einem Wetter?«
Jack stand auf und schlich sich auf leisen Sohlen in Richtung Flur. Er mochte Herrn Frankler, den Vater seines besten Freundes. Wenn Jack Aaron besuchte, spielte der Polizist ab und zu mit den beiden Jungen. Sie waren immer die beiden Räuber und er der Gesetzeshüter, der sie fangen musste. Wenn Jack einmal groß war, so sagte er sich, wollte er auch Verbrecher jagen und eine Uniform tragen. Jetzt jedoch würde er Herrn Frankler erschrecken. Er grinste, als er sich näher Richtung Tür schob.
»Was ist denn los?«, fragte seine Mutter gerade.
»Es geht um Ihren Mann, Frau Anderson.«
»Oh, das tut mir leid, Thomas ist vorhin weggefahren. Aber ich denke, er sollte bald zurück sein. Wollen Sie hier auf ihn warten? Ich hab' gerade mit Jack eine heiße Schokolade getrunken. Wenn Sie auch eine möchten...«
»Nein, danke. Hören Sie, das wird jetzt nicht leicht...«
Jack blieb stehen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Herr Frankler war ein immer freundlicher, gut gelaunter Mann, doch jetzt klang er ernst und erschöpft. Vorsichtig blickte der Junge um die Ecke und beobachtete die beiden Erwachsenen.
Der Polizist fuhr fort: »Ihr Mann hatte vor einer knappen Stunde einen schweren Autounfall. Die Rettungshelfer konnten leider nichts mehr für ihn tun. Es... es tut mir sehr leid.«
Plötzlich war es still.
Anne stand regungslos da und starrte Herrn Frankler verwirrt an. Dann begann sie leicht den Kopf zu schütteln. »Wa... aber... nein! Nein, er wollte doch nur kurz weg... ich...«, stammelte sie und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Herr Frankler legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Es tut mir leid.«
Jacks Mutter sah in die Augen ihres Gegenübers, als suche sie etwas. Dann begannen die Tränen ihre Wangen hinabzulaufen. Sie schüttelte erneut den Kopf. Ihr Blick irrte umher und fiel auf Jack, der sich am Türpfosten zusammengekauert hatte und die beiden Erwachsenen schüchtern beobachtete. In Annes Miene standen Verwirrung und Angst geschrieben. Als Jack ihren Blick sah, begann er zu weinen. Er hatte plötzlich wieder furchtbare Angst. Seine Mutter kam auf ihn zu. Sie umarmte ihn und presste ihn an sich. Mit zitternden Händen strich sie ihm durchs Haar. »Schsch!«, machte sie. »Hab' keine Angst! Ich bin ja bei dir!«
Die Worte wirkten leer; als kämen sie von weit weg.
Dann wandte sie sich an den Polizisten. »Darf ich kurz meinen Sohn zu Bett bringen?«
»Natürlich«, erwiderte Herr Frankler.
Anne nahm Jack auf den Arm und trug ihn die Treppe hinauf in sein Zimmer. Sie legte ihn ins Bett und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Ich... ich schaue später noch mal nach dir, versprochen. Aber jetzt muss ich erst zu Herrn Frankler. Versuch', ein bisschen zu schlafen, Schatz. Ich hab' dich lieb.«
Erneut gab sie ihm einen Kuss, dann zog sie ihm die Decke zurecht und ging aus dem Zimmer. Jack lag da und fühlte sich hilflos und klein. Was geschah hier? Das alles schien so unwirklich zu sein. Der Junge schloss die Augen und versuchte einzuschlafen, doch erneut sah er den Blick seiner Mutter vor sich. Jack wälzte sich hin und her. Was besprachen die beiden Erwachsenen? Die Unwissenheit quälte ihn.
Schließlich schlüpfte er wieder aus dem Bett und schlich zur Tür. Er öffnete sie einen Spalt breit und lauschte. Gedämpft drang die Stimme des Polizisten an sein Ohr.
»Kann ich irgendetwas für Sie tun? Soll ich vielleicht jemanden anrufen, der nach Ihnen sieht?«
»Nein. Nein, danke. Ich...« Annes Stimme zitterte. »Was... was genau ist passiert?«
Herr Frankler räusperte sich. »Ihr Mann ist bei Rot über eine Ampel gefahren und mit einem LKW kollidiert. Er war wohl auf der Stelle tot. Wir haben am Unfallort ein kaputtes Handy gefunden. Das wurde vermutlich beim Aufprall aus dem Wagen geschleudert. Vielleicht hat er telefoniert oder war sonst irgendwie abgelenkt.«
Die Worte trafen Jack wie ein Schlag ins Gesicht. Handy – abgelenkt – tot!
In einem Moment unbarmherziger Klarheit begriff er, worum es sich bei dem seltsamen Krachen gehandelt hatte...
Seine Kehle schnürte sich zu. Sein Herz schien stillzustehen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ins Leere.
»Das war ich...«, stammelte er. »Ich habe ihn abgelenkt...«
Aus weiter Ferne hörte er seine Mutter sagen: »Ich verstehe das nicht. Er ist so ein sicherer Fahrer.«
»Vielleicht war er in Gedanken«, wandte der Polizist ein. »Das kann schnell passieren. Ein Moment der Unachtsamkeit und...«
»Er war den ganzen Tag schon sonderbar. Irgendwie angespannt und gereizt. Ich weiß nicht, was mit ihm los war. Aber ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht«, meinte Anne. Es klang, als sage sie es eher zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber.
»Wissen Sie, wohin ihr Mann so spät am Abend wollte?«
»Nein. Er hat mir nur gesagt, dass er nochmal kurz weg müsste und dass es nicht lange dauern würde.«
»Okay. Sollte sich etwas Neues ergeben, werden wir uns bei Ihnen melden. Sind Sie sicher, dass ich niemanden anrufen soll?«
»Ja, ich... Danke, ich komme irgendwie zurecht.«
»In Ordnung. Mein herzliches Beileid.«
Wenig später fiel die Haustür ins Schloss.
Das Geräusch riss Jack aus seiner Starre. Wie in Trance schlich er leise in sein Bett zurück. Dort lag er auf dem Rücken und starrte die Zimmerdecke an. Immer wieder murmelte er »Ich war das... Ich hab' ihn abgelenkt...«
Es dauerte eine ganze Weile, bis Anne die Treppe heraufkam und leise die Tür seines Zimmers öffnete. Jack wusste nicht weshalb, doch er tat so, als ob er schliefe. Am liebsten hätte er ihr alles gesagt, hätte sich schluchzend an sie geklammert. Doch er konnte es nicht; er durfte es nicht.
Anne setzte sich vorsichtig zu ihm aufs Bett und strich leicht über sein Haar.
Er hörte, wie sie leise weinte und schließlich murmelte: »Wieso nur? Wo warst du? Wieso musstest du noch einmal weg?«
Jacks Gedanken kehrten ins Hier und Jetzt zurück.
Noch immer hielt er das seltsame Dokument mit der Haftnotiz in den Händen. Es hatte also eine Nachricht gegeben. Das war der Grund, weshalb sein Vater damals aufgebrochen war. Er hatte sich mit jemandem getroffen; mit M.! Aber wer war das? War sein Vater vielleicht daher angespannt gewesen, wie Anne gemeint hatte? Und was war in der Kapelle passiert?
Ein Schauer durchlief Jacks Körper. Er wollte hier weg - er musste hier weg! Er legte die seltsame Nachricht auf den Schreibtisch und ging zurück in den Flur.
Genau in diesem Moment ertönte direkt hinter ihm ein leises Quietschen, gefolgt von einem dumpfen Schlag.
Jack schrie auf und wirbelte herum. Vor lauter Verwirrung hatte er den Bettler völlig vergessen und rechnete nun damit, dass dieser ihn angriff.
Blindlings schlug er mit dem Hockey-Schläger zu. Doch hinter ihm stand niemand. Stattdessen traf der Schlag eine Vase auf der kleinen Kommode im Flur, die mit einem lauten Klirren zersprang. Die Scherben regneten auf den Boden.
Zitternd sah Jack auf die Glassplitter hinab. Dann erst bemerkte er den Grund für die seltsamen Geräusche. Die geheime Tür war zugefallen. Vergeblich hielt Jack nach einer Öffnung oder einem Spalt Ausschau. Die Wand wirkte massiv und wie aus einem Guss.
Vorsichtig trat Jack näher und tastete sie ab. Er klopfte probeweise, doch sie klang nicht hohl. Vermutlich gab es irgendeinen Mechanismus, der sie öffnete.
Noch während er überlegte, ging plötzlich das Licht im Gang wieder an. Erneut zuckte Jack zusammen, doch auch in den anderen Räumen brannten nun die Lampen wieder und durch das Wohnzimmerfenster sah er, dass im Nachbarhaus der Strom ebenfalls wieder da war.
Und nun? Von der geheimen Tür fehlte jede Spur, und auch der Eindringling schien verschwunden zu sein. Sollte er die Polizei anrufen? Oder Aaron? Aber würden sie ihm glauben? Ein Geheimraum, ein Einbrecher, der nichts stahl und keine Spuren hinterließ... das klang wenig überzeugend. Nein, seine einzige Chance bestand darin, den geheimen Mechanismus zu finden und den verborgenen Raum erneut zu öffnen.
Eine Viertelstunde lang suchte Jack die Wand ab, zog an jedem Kleiderhaken, verrückte die Kommode, doch nirgends fand er einen Schalter oder Hebel. Beinahe hätte er sogar einen der Kleiderhaken abgerissen.
Schließlich gab er auf. Er fegte die Scherben zusammen und ging hinauf in sein Zimmer. Dort blickte er aus dem Fenster, doch da stand niemand. Leichter Nebel war aufgezogen und hing zwischen den Bäumen.
Entmutigt und immer noch nervös legte er sich ins Bett und zog sich die Decke zurecht. Den Hockeyschläger lehnte er in Griffweite an den Nachttisch, nur für alle Fälle.
Eine Zeit lang lag er wach da und horchte. Doch das leise Gluckern der Heizung und die entfernten Verkehrsgeräusche waren alles, was er vernehmen konnte.
Bestimmt würde alles morgen mehr Sinn ergeben. Dann konnte er in Ruhe bei Tageslicht nach dem Schalter suchen.
Er drehte sich zur Seite und versuchte zu schlafen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er schließlich in unruhigen Träumen versank. Er träumte von seltsamen Schriftzeichen, geheimen Botschaften und von seinem Vater, der in einem verborgenen Zimmer ein riesiges Porträt aufhängte. Und immer wieder sah er die kleine Kapelle über der Stadt vor sich und hörte die Stimme seiner Mutter, die flüsterte: 'Wo warst du? Wieso musstest du noch einmal weg?'
Als Jack früh am nächsten Morgen erwachte, hatte er einen Entschluss gefasst.
Der Nebel war immer dichter geworden und schien Farben und Geräusche wie ein milchiger dumpfer Vorhang zu verschlucken.
Es war erst kurz nach fünf Uhr morgens, und das Licht der gerade aufgehenden Sonne erschien verwaschen und träge, als müsste es sich erst mühsam einen Weg durch den zähen Dunst bahnen.
Jack stand in der Küche und packte belegte Brote und eine Flasche Apfelsaft zusammen mit einer Taschenlampe, seinem Taschenmesser und Taschentüchern in seinen Rucksack.
Er hatte nochmals beinahe eine halbe Stunde vergeblich versucht, die Geheimtür zu öffnen. Doch die Wand bewegte sich nicht, und es schien, als hätte es die verborgene Kammer nie gegeben.
So hatte er schließlich seinen Rucksack geholt und bereitete sich nun darauf vor, seinen Entschluss, den er beim Aufwachen gefasst hatte, in die Tat umzusetzen.
Er prüfte, ob er alles dabeihatte, dann schulterte er den Rucksack, hinterließ im Flur eine Notiz für seine Mutter, in der er sich auch für die zerbrochene Vase entschuldigte, und holte sein Fahrrad aus der Garage. Bei dieser schlechten Sicht konnte er nur langsam fahren. Vermutlich würde er mindestens eine oder sogar zwei Stunden brauchen, um sein Ziel zu erreichen, aber das war ihm egal. Er wollte nicht länger warten. Es war, als drängte ihn eine innere Stimme.
Er saß auf und trat in die Pedale. Um diese Zeit war noch kaum jemand auf der Straße. Nur ein Junge, der die Sonntagszeitung austrug und eine ältere Frau, die in einem schrillen Jogginganzug mit ihrem kleinen Hund spazieren ging.
Nach etwas mehr als einer halben Stunde hatte Jack den Stadtrand erreicht und fuhr auf den Radweg, der durch den Wald führte. Der Nebel schien hier noch dichter zu sein und ließ die Bäume wie gespenstische Silhouetten aussehen. Ein paar wenige Sonnenstrahlen stachen wie Speere aus Licht durch die Blätter und Zweige und zeichneten helle Flecken auf den Boden. Es war sehr still, und Jack fröstelte in seiner Jacke. Dennoch war er entschlossen, sein Ziel zu erreichen.
Der Weg begann anzusteigen und machte das Treten schwerer. Mühsam strampelte er den Berg empor. Straße und Radweg verliefen hier in vielen Kurven und schienen immer steiler zu werden.
Schließlich bog Jack in den Kiesweg ein, der ihn zur Kapelle führte. Er brauchte nicht lange, bis er den kleinen Platz erreichte, auf dem das Gebäude stand. Normalerweise hatte man hier einen schönen Blick über die Stadt, was gerade nachts oft Liebespaare an diesen Ort zog. Doch jetzt war nur eine grauweiße Wand zu sehen, die langsam waberte und stetig neue Formen annahm.
Vor ihm ragte die Silhouette der Kapelle aus dem Nebel auf. Sie wirkte größer und eindrucksvoller als sonst. Schon vor etlichen Jahren hatte man sie geschlossen. Teile des Daches waren eingestürzt. Die alte Glocke war verrostet und grünlich angelaufen. Efeu rankte an der Vorderfront in die Höhe, die großen, schweren Eichentüren wirkten massiv und unbeweglich. Irgendwann einmal hatte eine Stiftung versucht, den Verfall der Kapelle aufzuhalten, aber das war lange her.
Heutzutage diente die Kapelle hauptsächlich als Hintergrundmotiv für Hochzeitsfotos und als eine Art stilles Denkmal der Stadt.
Jack stieg ab, lehnte sein Fahrrad an eine kleine Mauer und legte die Kette an. Dann wandte er sich dem Gebäude zu. Was nun?
Eigentlich wusste er selbst nicht recht, wonach er suchte. Doch wenn sein Vater wirklich in der Nacht sei
