Die Legende von Myriam - Rainer Kertmann - E-Book

Die Legende von Myriam E-Book

Rainer Kertmann

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Beschreibung

Eigentlich sehnten sich alle nur nach einem Bisschen Ruhe, als Myriams aufblitzende Augen das nächste Unheil anzukündigen schienen. Fedorn, der König der Wölfe, war mit seinem Rudel erschienen, um sich Feria und Gainor untertan zu machen. Doch mit vereinten Kräften, und der Hilfe der Großen Mutter, kann dieses Vorhaben vereitelt werden. Und endlich können Myriam und ihre Freunde auch ihr Versprechen einlösen und den Tempel der Elemente errichten. Kaum sind alle Elemente miteinander verbunden, öffnet sich ein Portal nach Gaiahara und allen wird bewusst: Die Zeit der Prophezeiung hat begonnen. Was bedeutet, Cyntia und Feria müssen sich ihren Ängsten stellen. Cyntia muss ihr Versprechen gegenüber Kyra, der Mutter der Feen, einlösen und dem Rat der Feen gegenübertreten. Nur wenn sie dazu bereit ist, kann sie die Feen in eine neue Zukunft führen und sie vor ihrem Untergang bewahren. Feria muss in ihre alte Heimat zurückkehren. Dorthin, wo ihr Hass auf die Menschen seinen Ursprung hat. Dorthin, wo sie alles verlor, was ihr etwas bedeutet hatte. Aber um eine Zukunft für die Mondwölfe zu schaffen, muss sie die Vergangenheit hinter sich lassen und ein Bündnis mit den Menschen eingehen. Wird sie es mit der Hilfe ihrer Seelengeschwister schaffen? Und selbst wenn, wie wird diese Zukunft aussehen?

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Widmung

Dieses Buch widme ich meinem Bruder Pit, der mich bei der Veröffentlichung meiner Bücher immer tatkräftig unterstützt hat.

Inhaltsverzeichnis

Ende von Band 3

1 Wenn Mauern fallen

2 Zeit für den Abschied

3 Anders als gedacht

4 Altes geht, Neues entsteht

5 Tempel der Elemente

6 Wieder in Gaiahara

7 Die Stadt der Feen

8 Das Herz als Wegweiser

9 Die Gedanken sind frei

10 Die alte Heimat

11 Kaserne am Zyprion

12 Der alte Feind ist zurück

13 Die Schatten der Vergangenheit

14 Treffen der Generationen

15 Unverhoffte Hilfe

16 Neue Wege

17 Vertrauen

18 Zurück zur Familie

19 Abschied

20 Getrennte Wege

21 Kurze Zeit später im Nest

Namensverzeichnis

Ende von Band 3

„Endlich zu Hause“, seufzte Wiroja, und alle lachten entspannt.

„Und, wie gefällt euch euer neues Heim?“, wandte sich Wiroja an Nara und Sina.

„Es ist schön“, antwortete Sina.

„Und es ist gemütlich“, fügte Nara hinzu.

„Ich freue mich, dass es euch gefällt. Vor allem, weil …“ Wiroja hatte sich unterbrochen, da Myriams Augen wieder aufgeblitzt waren. Als Myriam jetzt auch noch die Augenbrauen zusammenzog und sich erhob, stöhnte sie: „Von wegen, einige ruhige Tage.“

Doch Myriam reagierte nicht und ging schnellen Schrittes hinaus, gefolgt von den anderen.

Gainor stand rechts vor der Hütte, von Feria war nichts zu sehen. Dafür standen, außer in Gainors Nähe, auf der gesamten Lichtung Wölfe, dicht gedrängt. Einen erkannte Myriam sogar. Mit zerzaustem und an vielen Stellen blutgetränktem Fell stand Nanuk mit gesenktem Kopf. Von seinem restlichen Rudel konnte Myriam niemanden sehen. Es musste zum Kampf gekommen sein, daher befürchtete Myriam das Schlimmste. Plötzlich öffnete sich eine Gasse und ein weißer Wolf schritt mit erhobenem Haupt hindurch. Als er an Nanuk vorbeiging, duckte sich dieser. Myriam wusste nicht, was geschehen war, aber sie mochte die Ausstrahlung des weißen Wolfes nicht. Als dieser vor Gainor stehen blieb und in der Wolfssprache zu sprechen begann, übersetzte Myriam den Freundinnen gewohnheitsmäßig.

„Ich bin Fedorn, König der Wölfe“, begann der Weiße Wolf seine Ansprache. „Ich habe von deinem Leid und dem deiner Mutter gehört. Daher bin ich gekommen, um dich in mein Rudel, meine Gefolgschaft aufzunehmen.“

Der König verbeugte sich nicht oder war auf eine andere Art höflich. Sein ganzes Auftreten war arrogant, von oben herab. So sehr Myriam sich auch bemühte, sich dadurch nicht berühren zu lassen, konnte sie nicht verhindern, dass sie ihn nicht mochte. Worin seine darauffolgenden Worte sie nur bestärkten.

„Wenn du mir Treue schwörst“, fuhr Fedorn fort, „werden wir die Menschen gemeinsam für euer Leid büßen lassen.“

Myriam stand sprachlos da, der Mund offen. Es schien diesen König nicht zu interessieren, dass hier Menschen standen. Oder wusste er nicht, dass Myriam die Wolfssprache verstand? Noch war Myriam in ihre Gedanken vertieft, als eine andere, ihr wohlbekannte Stimme knurrend über die Lichtung hallte.

„Ich bin die einzige Tochter von Eria, Königin der Lunaren. Und ich bin die Tochter von Cyferin, König der Lunaren, der Blut und Leben für sein Volk gab.

ICH BIN FERIA!“

1 Wenn Mauern fallen

Überrascht sah Fedorn an Gainor vorbei. Doch schnell änderte sich der Ausdruck, als er Feria auf sich zukommen sah.

Mit hocherhobenem Kopf und stolzgeschwellter Brust schritt sie langsam auf Fedorn zu. Mit der gleichen Arroganz, mit der Fedorn gesprochen hatte, traf ihn jetzt der Blick aus Ferias Augen.

Feria und Gainor sind Lunaren oder Mondwölfe. Die Schulterhöhe eines Mondwolfs entspricht der Körpergröße eines ausgewachsenen Mannes. Von daher war es für Feria leicht, auf Fedorn herabzusehen. Und mit einer Körperlänge von mehr als drei Metern waren sie beeindruckend und einschüchternd, wenn sie es wollten.

So hatte Myriam ihre Seelenschwester noch nie gesehen.

Feria war jetzt die Königin der Lunaren, aber bisher hatte sie es nie für nötig gehalten, es zu verdeutlichen.

Hier schien Feria es für angebracht zu halten.

Sie senkte den Kopf gerade so weit, dass sie Fedorn in die Augen sehen konnte. Stolz strahlte ihre gesamte Haltung aus, als sie vor Fedorn stehen blieb.

Was dem weißen Wolf deutlich missfiel. Wütend schaute dieser hinter sich.

Insgeheim erwartete Myriam, dass Blitze aus Fedorns Augen schießen und den armen Nanuk töten würden.

Doch Nanuk entging die Reaktion. Ungläubig starrte er Feria an. Was Fedorn wiederum bewies, dass Nanuk nichts von Feria gewusst hatte.

Myriam hatte gehofft, dass nach Ferias Auftreten diese Angelegenheit erledigt wäre. Aber als Fedorn sich wieder Feria zuwandte, lag ein heimtückisches Funkeln in seinen Augen. Ein hämisches Grinsen umspielte seine Schnauze. Wahrscheinlich hoffte er, in Feria eine weitere Verbündete zu finden. Das Gemetzel zwischen Lunaren und Menschen war weithin bekannt.

Langsam schlich Myriam zwei Schritte zurück, sodass sie zwischen ihren Freundinnen stand. Nara, Wiroja, die beiden Feen Cyntia und Sina traten etwas dichter an Myriam heran.

In Wirklichkeit hießen die beiden Feen Cylah’dinai und Sina’mandyr. Der Hohe Rat der Feen hatte aber allen Bewohnern, unter Androhung von Verbannung verboten, sich einem Menschen zu offenbaren. Daher benutzten sie in der Menschenwelt diese Namen. Außerdem war es unter Freunden nicht notwendig, sich mit den Familiennamen anzusprechen.

Für einen Außenstehenden sah es so aus, als hätten sie Angst. Dabei diente es nur dazu, dass Myriam jetzt leiser sprechen konnte, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Gruppe zu ziehen.

„Ich grüße euch, Feria, Königin der Lunaren und letzte Überlebende des Massakers“, begann Fedorn und verbeugte sich dieses Mal.

Hatte er gehofft, Feria damit eine Reaktion zu entlocken, so hatte er sich getäuscht. Feria schaute mit steinernem Blick auf ihn hinab.

„Was wollt ihr?“, knurrte sie kalt.

Diese Kälte schien Fedorn zu irritieren, denn er zögerte, bevor er fortfuhr. „Hätte ich gewusst, dass es noch eine Überlebende von Cyferins Blut gibt, so hätte ich mich natürlich zuerst an euch gewandt. Umso mehr freue ich mich, euch hier und jetzt zu treffen.“

Glaubt der Kerl, er kann mich mit solchem Geplapper einwickeln?, dachte Feria.

Es hat den Anschein, antwortete Gainor auf gedanklichem Weg.

Er weiß nichts von unserer Verbindung. Er versucht dich und Gainor für seinen Kampf gegen die Menschen zu gewinnen. Natürlich unter seiner Herrschaft, bemerkte Myriam durch ihre geistige Verbindung zu Gainor und Feria.

Das kann er vergessen, erwiderte Feria wütend. Eher reiße ich ihn in Stücke.

Bleib ruhig und überlege dir gut, was du sagst. Es gibt viele Unschuldige hier. Ich würde gerne unnötiges Blutvergießen vermeiden, antwortete Myriam.

Ich ebenso. Aber zuerst müssen wir einmal wissen, was genau er will.

„Kommt zur Sache und sagt, was ihr wollt“, wandte sich Feria an Fedorn.

„Ihr habt sicher nicht die Gräueltaten an eurem Volk vergessen. Was die Menschen eurem Vater angetan haben.

Einem König, der nichts weiter wollte, als sein Land und Volk zu schützen. Ebenso wie ich.“

Myriam spürte, wie Feria wütend wurde. Was Feria durch ein tiefes, grollendes Knurren äußerte. Fedorn interpretierte es allerdings anders. Er glaubte, dass Feria ihm zustimmte, wie man an seinem hämischen Lächeln erkannte. Allerdings ließ Fedorn einen Umstand völlig außer Acht.

Warum hielten Feria und Gainor sich in der Nähe von Menschen auf, wenn sie diese hassten?

Wahrscheinlich war es für ihn unvorstellbar, dass ein Wolf keine Menschen verabscheute. Sie sogar als Freunde akzeptierte.

„Ich bin gekommen, um mit euch gegen die Menschen zu kämpfen. Euch in mein Rudel aufzunehmen.

Zusammen werden wir die Menschen das Fürchten lehren!“ Jetzt war klar, was Fedorn beabsichtigte. Er sah in Feria nicht die Königin, sondern eine nützliche Untergebene. Ebenso wie in Gainor. Beide sollten Angst und Schrecken unter die Menschen tragen. Ihm selbst würden die Menschen weniger Beachtung schenken.

Höchstens wegen seines weißen Fells. Aber wahrscheinlicher war, dass Fedorn sich weit entfernt halten würde.

Dementsprechend fielen Ferias Gedanken aus. Myriam wollte schon Feria gedanklich beruhigen, als jemand anderes neben Feria auftauchte und mehr Aufmerksamkeit auf sich zog, als Myriam lieb war.

Von allen gänzlich unbemerkt hatte Nara sich davongeschlichen, zwei Eimer besorgt und diese mit Wasser gefüllt. Von hinten war sie zwischen Gainor und Feria hindurchgegangen und hatte einen der Eimer vor Gainor abgestellt. Jetzt stellte sie den zweiten vor Feria ab und wandte sich, ohne Fedorn eines Blickes zu würdigen, um.

Das glaub’ ich nicht, schoss es Myriam durch den Kopf.

Wie kommt sie nur dazu, sich so in Gefahr zu bringen?

Wobei sie sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen konnte. Sie erkannte, was Nara damit bezweckte. Im nächsten Moment glaubte Myriam, ihr Herz bliebe stehen. Fedorn war nur kurz von Naras Auftauchen überrascht. Als diese sich herum drehte, schnellte er vor und schnappte nach Naras Arm.

Doch Feria hatte im letzten Augenblick Nara einen Stoß verpasst, der sie auf den Boden beförderte. Dadurch verfehlte Fedorn sein Ziel um Haaresbreite. Laut knallten seine Zähne aufeinander.

„Sie gehört zu uns!“, knurrte Feria drohend.

Fedorn wollte ein weiteres Mal zuschnappen, doch Feria ging einen Schritt nach vorn und stellte sich ihm in den Weg. „Geh zu Myriam zurück“, wandte sie sich an Nara.

Fedorn lief drei Schritte rückwärts und zog die Augen zusammen, bevor er sich erneut an Feria wandte. „Was bedeutet, sie gehört zu euch? Und wieso sprecht ihr die Sprache der Menschen?“

„Ich glaube nicht, dass euch das etwas angeht“, gab Feria kalt zurück.

„Oh, ich denke, es geht mich sehr wohl etwas an, wenn ich euch in mein Rudel aufnehmen soll“, gab Fedorn lauernd zurück.

„Wir in eurem Rudel“, lachte Feria, „ihr könnt einer unserer Untergebenen sein!“

Fedorns Augen verengten sich etwas weiter, bevor er antwortete: „Wenn das eure Antwort ist, haben wir nichts mehr zu besprechen.“ Fedorn drehte sich herum und trottete zurück zwischen sein Rudel. Dort angekommen drehte er sich zu Feria herum. „Euer Vater wäre sicher stolz auf euch!“, höhnte er lachend.

Hätte Gainor sich nicht sofort Feria in den Weg gestellt, wäre Feria über Fedorn hergefallen und hätte ihn zerrissen. Egal, ob hundert Wölfe um ihn herumstanden oder nicht. So aber war es Gainor und Myriam möglich, sie so weit zu beruhigen, dass sie keine Dummheiten mehr vorhatte. Als Fedorn erkannte, dass ihm keine Gefahr drohte, setzte er hinzu: „Königin von Nichts!“

Er wandte sich ab und befahl seinem Gefolge weiterzuziehen. Nanuk trieben sie ebenfalls mit, der unweit von Fedorn humpelnd versuchte, das Gleichgewicht zu behalten.

„Halt!“, dröhnte Gainors Stimme kalt über die Lichtung.

Verwundert blieb Fedorn stehen und schaute zu Gainor zurück.

„Was wollt ihr? Habt ihr es euch anders überlegt?“

„Das glaubt ihr doch wohl selbst nicht“, gab Gainor lachend zurück. „Nanuk und sein Rudel, sie bleiben hier!“

Gainor, was tust du?, sandte Myriam ihrem Seelenbruder. Ich möchte Nanuk ebenfalls retten, aber dafür ist später noch Zeit. Provoziere ihn nicht, es gibt nur unnötiges Blutvergießen.

Das sehe ich anders, gab Gainor zurück. Vertrau mir.

„Wieso sollte ich euch Nanuk und sein Rudel überlassen, er gehört zu meinen Untergebenen?“, fragte Fedorn lauernd. Und so, wie er das Wort Untergebene betonte, zeigte er deutlich, was er von anderen Wölfen hielt. Nichts!

„Er hat mir bisher gute Dienste geleistet, ist mir aber noch etwas schuldig“, antwortete Gainor, ohne weiter auf die herablassende Art Fedorns einzugehen.

Fedorn schaute von Gainor zu Nanuk, der sich kaum auf den Beinen halten konnte.

„Ich mache euch ein Angebot“, startete Fedorn einen neuen Versuch, doch einen der Mondwölfe für sich zu gewinnen. „Ihr schließt euch meinem Rudel an, dafür unterstelle ich euch Nanuk und sein Rudel. Was sagt ihr zu meinem großzügigen Angebot?“

„Ich habe schon einmal nein gesagt und daran wird sich auch nichts ändern“, entgegnete Gainor.

„Dann bleibt Nanuk und sein Rudel bei mir!“, antwortete Fedorn wütend.

„Wollt ihr euch wirklich mit uns anlegen?“, fragte Gainor drohend, streckte sich und wurde ein Stück größer.

„Anlegen? Mit wem? Zwei Mondwölfe und diesen …

Menschen?“, fragte Fedorn mit vor Verachtung triefender Stimme. „Das würdet ihr nicht überleben.“

„Ihr unterschätzt uns. Aber wie dem auch sei, ihr überlebt es ebenfalls nicht“, erwiderte Gainor ruhig und machte einen Schritt auf Fedorn zu.

Gainor, in der Großen Mutter Namen, hör auf. Das wird nur in einem Blutbad enden, versuchte Myriam, ihren Bruder zum Aufhören zu bewegen.

„Ihr wollt ihn also unbedingt haben?“, schrie Fedorn, dessen Stimme sich vor Wut überschlug. „Dann sollt ihr ihn haben ... als Kadaver!“

Mit einem Satz war Fedorn bei Nanuk, hatte ihn mit seiner Brust umgeworfen und seine Zähne in dessen Kehle versenkt. Für einen Augenblick standen alle wie versteinert da. Doch als sich Fedorns weißes Fell an der Schnauze rot färbte, begriffen sie, was er getan hatte.

Feria und Gainor senkten ihre Köpfe in Angriffsposition und ein wütendes Knurren erklang aus ihren weit geöffneten Mäulern.

Die anderen Wölfe standen eher in Verteidigungs- als in Angriffsstellung. Fletschten zwar die Zähne und stellten ihre Nackenhaare auf, aber das wütende Knurren blieb aus. Keiner wollte die Mondwölfe weiter provozieren und mit einer Gefahr von den Menschen rechnete niemand, Fedorn schon gar nicht. Langsam schlichen die Wölfe rückwärts, wobei sie ihre Ruten zwischen die Hinterläufe klemmten.

„Nanuk, nein!“, schrie Wiroja und versuchte loszurennen, doch Nara klammerte sich an sie. Keine der anderen Frauen hatte auf Wirojas Schrei reagiert. Wie gelähmt starrten die drei auf Fedorns blutiges Maul. Mit aller Kraft krallte sich Nara an Wiroja und versuchte, sie aufzuhalten.

„Lass mich los! Ich muss sehen, ob ich Nanuk noch retten kann“, schrie Wiroja verzweifelt.

„Und in die gefletschten Zähne der Wölfe rennen?“, presste Nara hervor. „Du würdest nicht mal zu Nanuk durchkommen“, fügte sie hinzu.

Nara hatte zwar Nanuk nicht kennengelernt, aber nach Wirojas Reaktion konnte es sich nur um den getöteten Wolf handeln.

„Ich muss es versuchen“, bettelte Wiroja mit vor Tränen schwerer Stimme.

Einen Augenblick sahen sich die beiden tief in die Augen.

„Gut!“, erklärte Nara plötzlich, richtete sich auf, stellte sich neben Wiroja und hakte sich bei ihr unter.

Wiroja schaute Nara überrascht an. Diese machte mit ihrem freien Arm eine weit ausholende Bewegung, als würde sie sich eine Decke umlegen. Vom Bach, der neben Wirojas Haus floss, schoss eine Wasserfontäne auf die beiden zu und umschloss Wiroja und Nara in kurzer Entfernung. Unaufhörlich floss die nach oben offene Wassersäule um die beiden herum.

„Komm“, sagte Nara und nickte Wiroja zu.

Mit gleichmäßigen Schritten bewegten sich beide auf die Wölfe zu.

Feria und Gainor erkannten, wer und was da auf sie zukam. Daher zogen sie sich etwas zurück. Sie versuchten, Nara und Wiroja nicht im Weg zu stehen.

Die anderen Wölfe hatten es bemerkt. Da sich die Mondwölfe zurückzogen, richteten sie ihre Verteidigungslinie neu aus. Nur wussten sie nicht, wie sie diesem neuen Gegner begegnen sollten. Was allein schon daran zu erkennen war, dass sie ihre Ruten weiter zwischen die Hinterläufe klemmten und ihre Zähne nicht mehr fletschten.

Fedorn bemerkte es und schrie sie wütend an. „Ihr Feiglinge! Das sind nur zwei Menschen, die sich in Wasser gehüllt haben. Stellt euch ihnen in den Weg und greift sie an!“

Da er aber selbst nicht wusste, wie die Menschen dies zuwege gebracht hatten, hob er den Kopf und fletschte die Zähne, während er sich über Nanuk stellte. So einfach würde er ihn den Menschen nicht überlassen.

Da seine Untergebenen nicht bereit waren, die Feinde aufzuhalten, schrie er: „Beschützt euren König!“

Erst jetzt setzten sich die mutigsten von ihnen in Bewegung und stellten sich Wiroja und Nara in den Weg.

Nachdem einer der Wölfe versucht hatte, in die Wasserwand zu beißen und unbeschadet blieb, dauerte es nicht lange und die Freundinnen waren von Angreifern eingekreist. Kein ernsthafter Vorstoß versuchte, die Frauen zu erreichen, aber Nara und Wiroja kamen auch nicht weiter.

„Und jetzt?“, flüsterte Wiroja und sah sich ängstlich um.

„Ich habe eine Idee“, antwortete Nara, „weiß aber nicht, ob meine Fähigkeit und Energie ausreicht. Ich hoffe nur, du musst mich hinterher nicht zurück tragen“, fügte Nara lächelnd hinzu.

Wiroja wollte schon fragen, was Nara meinte, als diese ihre freie Faust hob. Das Wasser aus den beiden Eimern, die bei Gainor und Feria standen, schlängelte sich durch die Luft, legte sich um ihre Wassersäule und bildete kleine Eisspitzen. Obwohl das Wasser der Säule weiterhin um die Frauen floss, bewegten sich die Spitzen nicht. Je mehr Nara ihre Faust öffnete, umso länger und größer wurden die Eisdornen. Wiroja hatte diesem Schauspiel mit angehaltenem Atem zugesehen. Naras Gesicht zeugte von der Anstrengung, ebenso wie die Schweißperlen auf ihrer Stirn.

„Gehen wir weiter?“, fragte Wiroja daher leise. Nara antwortete nur mit einem leichten Nicken. Doch schon nach wenigen Schritten stolperte das Mädchen. Lange würde es diese Anstrengung nicht durchhalten.

Die ersten Wölfe, die versuchten hindurchzukommen, machten eine blutige Erfahrung. Die Stacheln waren fein und dadurch spitz wie Nadeln. Nachdem einige jaulend davongerannt waren, stellten die Wölfe ihre Taktik um.

Sie begannen damit, die Spitzen abzubeißen. Zwar ließ Nara diese neu entstehen, aber es kostete sie zusätzlich Kraft, was sie schneller ermüdete.

Wiroja konzentrierte sich auf ihren Energiefluss, um Nara zu unterstützen, was die Freundin mit einem leichten Lächeln beantwortete. Langsam kamen sie Fedorn, der weiterhin über Nanuk stand, näher. Wiroja hoffte, dass sie Nanuk retten konnte. Doch was, wenn Fedorn nicht zurückwich? Würden sie ihn aufspießen oder aufgeben, wenn er sich nicht zurückzog? Nur wenige Zentimeter trennten die Spitzen der Stacheln von Fedorns Schnauze. Mit gesträubtem Nackenfell, weit aufgerissenem Maul, in dem die Zähne wie Dolche wirkten, knurrte er sie wütend an. Es hatte nicht den Anschein, dass er aufgeben würde, als…

Myriams Gedanken überschlugen sich und ihr Herz schlug wild. Warum hatte Gainor nicht auf sie gehört?

Warum musste es so weit kommen? War nur ein einzelner Anstoß notwendig, um ihre Geschwister und Freundinnen alles vergessen zu lassen, was sie erlebt und gelernt hatten? War nur ein einzelner Anstoß notwendig, damit alle in ihre alten Gewohnheiten zurückfielen, in der Gewalt mit Gewalt beantwortet wurde?

Links neben Myriam stand Sina. Vor Angst zitternd hatte sich die junge Fee keinen Millimeter bewegt. Ihre Krähe Anduril hüpfte nervös und schimpfend auf dem Felsen über ihnen hin und her.

Cyntia hatte rechts neben Myriam gestanden. Jetzt kniete sie und hatte die Finger ins Erdreich versenkt.

Das leichte Zittern, das durch deren Körper lief, zeigte Myriam, wie angespannt die Freundin war. Sie wusste, was Cyntia vorhatte und was dann unweigerlich passieren würde. Die Fee würde die größeren Pflanzen um Hilfe bitten. Da deren Wurzeln unterhalb der Lichtung verteilt waren, würden sie überall aus dem Boden schießen und die Wölfe ohne Vorwarnung attackieren. Bei so vielen Tieren, die dort standen, war eine Katastrophe, ein Blutbad unausweichlich. Die Erkenntnis wühlte Myriam so sehr auf, dass sie die leise Stimme in ihrem Inneren fast überhört hätte.

Myriam. Myriam, beruhige dich. Myriam.

Erst nachdem Myriam ihre Augen geschlossen und die Geräusche ausgeblendet hatte, konzentrierte sie sich auf die Stimme. So ist es gut, vernahm Myriam die Stimme von Ria in ihren Gedanken.

Ria war Myriams Tante und einzige Mutter, die sie gekannt hatte. Gestern erst hatten sie Rias physischen Körper ꞌMutter Erdeꞌ zurückgegeben, nachdem diese bei einem Angriff von Banditen ihr irdisches Dasein beendet hatte.

Myriam, ich weiß, dass es schwer ist, solche Reaktionen zu ignorieren, solange man in einem physischen Körper steckt, erklärte Ria. Aber erinnere dich an das, was du weißt und erlebt hast. Jeder hat eine Aufgabe in diesem Leben übernommen, damit andere, und er selbst lernen und reifen können. Fedorn ebenso. Lass dich nicht von den äußerlichen Umständen blenden. Sie sind nur Mittel zum Zweck und werden vergehen, sobald ihre Aufgabe beendet ist. Erinnere dich an deine Aufgabe und handle danach. Du weißt, du wirst niemals allein auf deinem Weg sein. Viele stehen dir zur Seite, selbst wenn du sie jetzt nicht kennst. Glaube an dich und an die Kraft, die in dir steckt. Es ist an dir zu zeigen, dass die Liebe der ꞌGroßen Mutterꞌ alles Leben einschließt.

Mit jedem weiteren Atemzug verflogen Myriams Angst und Nervosität. Wurden ersetzt durch Ruhe, Vertrauen und absolute Zuversicht. Eingehüllt in die unendliche Liebe, die von der ꞌGroßen Mutterꞌ selbst stammte. Nein, sie war nicht allein. Ohne den geringsten Zweifel an sich selbst und ihrer Aufgabe öffnete Myriam die Augen.

Nachdem Myriam zuerst Sina und danach Cyntia berührt hatte, erkannte sie die gleiche Zuversicht in deren Augen, als sie ihr zunickten. Als Myriam auf die Lichtung hinaustrat, strahlte ihre Aura stärker und legte sich wie ein Schild um sie.

„Hört bitte auf damit“, erklärte sie, wobei ihre Stimme den Tonfall einer liebenden Mutter hatte, die ihre Kinder zur Ordnung ruft. Obwohl Myriam leise gesprochen hatte, wurde sie von jedem gehört, denn ihre Stimme war überall. Es war nicht notwendig, in der Menschenoder Wolfssprache zu reden. Jeder verstand sie, denn sie sprach mit der ꞌStimme der Machtꞌ. Myriams Körper und Geist waren in vollkommenem Einklang mit der ꞌGroßen Mutterꞌ. Nichts Materielles blieb von dieser Stimme unberührt. Sie drang in jede Zelle ein und offenbarte deren wahre Natur.

Die Auren aller Lebewesen begannen zu leuchten, die Bäume wurden durchsichtig, als seien sie aus Glas. Die Wassersäule, die Nara und Wiroja einschloss, leuchtete in allen Regenbogenfarben auf, bevor sie in sich zusammenbrach.

Sofort richteten sich alle Augen auf Myriam, die langsam und lächelnd auf Nara, Wiroja und Fedorn zuging.

Je näher sie dem Rudel kam, umso weiter zog es sich zurück. Nicht aus Furcht, sondern aus Schmerz. Schmerzen, die sie selbst, ihrem ꞌHöheren Wesenꞌ im Laufe ihres Lebens zugefügt, und hinter einer Mauer aus Selbsttäuschung und Lügen weggesperrt hatten. Im Licht der Ewigen Liebe die Myriam ausstrahlte, blieb nichts verborgen. So wie die Sonne die Nacht verdrängt, so löscht die Liebe alle Schleier der Selbsttäuschung, ließ alle errichteten Mauern zerfallen. Alle ꞌHöheren Wesenꞌ wurden davon berührt, gab ihnen Kraft. Ihre Besitzer erkannten all ihre Handlungen. Fühlten, wie es hätte sein können. Der Schmerz über ihre Handlungen ließ viele der älteren Wölfe jaulend das Weite suchen.

Mehr und mehr lichteten sich die Reihen, bis nur junge Wölfe übrig waren, deren Gewissen nicht so schwer wog.

Während Myriam weiter auf die Freundinnen zuging, schweifte ihr Blick langsam ab. Ihre Augen folgten etwas, was nur sie sah. Sie schaute zwischen Fedorn und den beiden Mondwölfen hindurch, als sich ihr Lächeln verstärkte, gefolgt von einem leichten Nicken.

Als Myriam bei den Freundinnen ankam, war Fedorn zurückgewichen. Vor Schmerzen am ganzen Körper zitternd, stierte er Myriam wütend an. Nanuk lag frei aber leblos vor ihnen.

Wiroja hatte es schon einmal erlebt, dass Myriam mit der ꞌStimme der Machtꞌ sprach. Damals in ihrer Hütte hatte Myriam die Augen geschlossen, daher fiel Wiroja sofort das Leuchten in deren Augen auf. Nara starrte Myriam nur ungläubig an.

„Myriam … er hat… hat Nanuk getötet“, erklärte Wiroja mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen.

Myriam schüttelte leicht den Kopf. „Liebe Wiroja, du solltest mittlerweile gelernt haben, dass dies nicht möglich ist.“

„Willst du damit sagen, dass wir Nanuk zurückholen können?“

„Das könnten wir“, erklärte Myriam sanft, „wenn er es wollte.“

Wieder glitt Myriams Blick hinüber zu den Bäumen.

Wiroja und Nara sahen ebenfalls hinüber, konnten aber nichts Außergewöhnliches entdecken.

„Was meinst du damit und was ist dort drüben?“, wandte sich Wiroja erneut an die Freundin.

Myriam schaute Wiroja kurz an, bevor ihr Blick mit einem Lächeln wieder hinüber wanderte.

„Dort drüben steht Nanuk bei seiner Frau und seiner Tochter; er ist glücklich. Nein, er wird nicht zurückkommen. Sei nicht traurig, Wiroja. Freue dich für ihn, dass er wieder mit seiner Familie vereint ist.“ Myriam wandte sich der Freundin zu, die versuchte, zu lächeln und glücklich auszusehen.

„Sein Weg ist für dieses Mal beendet, aber unserer noch nicht“, erklärte Myriam. „Würdest du dich bitte mit Cyntia um den Rest von seinem Rudel kümmern und sie dann zu mir bringen? Ich habe noch eine Nachricht für sie, von Nanuk. Nara würdest du bitte zu Sina zurückgehen, damit sie sich nicht allein fühlt?“

„Das mache ich gerne“, antwortete Nara lächelnd und nickte.

Nara war zu Sina gegangen und zusammen sahen sie Cyntia und Wiroja zu, wie sie alle Wölfe mit ihren Heilfähigkeiten versorgten. Selbst jene, die mit Fedorn gekommen waren.

Myriam kniete sich neben Nanuks Körper ins Gras und streichelte sachte über dessen Fell. Jeglicher Schmutz und Blut verschwanden daraus und es glänzte wie frisch gestriegelt. Alle Wunden hatten sich geschlossen. Sanft fuhr sie ihm über die Augen und schloss die Lider. Jetzt sah es aus, als würde Nanuk schlafen, bereit jeden Augenblick aufzuspringen. Einen Augenblick lang schaute sie auf den Körper des Freundes hinunter, bevor sie den Kopf hob und aufstand.

2 Zeit für den Abschied

Auf wackeligen Beinen und schwer atmend stand Fedorn in einiger Entfernung vor ihr. Die Ausstrahlung der Liebe belastete ihn, aber er war nicht bereit aufzugeben. Myriam schloss die Augen. Als sie diese wieder öffnete, war der goldene Glanz darin verschwunden.

Ihre Pupillen hatten Farbe und Form derer eines Wolfes angenommen. Sie hatte Mitleid mit dem König der Wölfe.

Nachdem sich Fedorn etwas erholt hatte, trottete er einige Schritte auf Myriam zu. Schaute erst sie, dann Nanuks Körper an.

„Seinetwegen solltest du keine Tränen vergießen, er war schwach“, erklärte Fedorn in der Wolfssprache.

Er hat gewusst, dass ich ihn verstehe, dachte Myriam.

„Ich weine nicht seinetwegen, sondern deinetwegen“, antwortete sie.

„Warum? Wirst du mich jetzt von deinen beiden Schoßwölfen töten lassen? Ich brauche dein Mitleid nicht“, gab Fedorn giftig zurück.

„Nein“, antwortete Myriam ruhig und schüttelte den Kopf. „Hier braucht dich niemand mehr zu töten, dass hast du bereits ganz allein geschafft. Alles Gute und Liebenswerte hast du, bis auf einen kleinen Rest, bereits in dir getötet. Was übrig geblieben ist, kann man kaum noch als Leben bezeichnen.“

„Was weißt du schon über mich? Nichts! Du weißt nicht, was mir die Menschen angetan haben.“

„Du irrst dich. Durch die Gnade der ꞌGroßen Mutterꞌ durfte ich sehen, was dir widerfahren ist. Und auch was danach dort geschah.“

Fedorn sah Myriam ungläubig an. „Lüge, alles Lüge. Du kannst nicht wissen, was damals geschehen ist“, erklärte Fedorn, wobei er unruhig hin und her lief.

„Dann höre, was mir die ꞌGroßen Mutterꞌ gezeigt hat.

Überzeuge dich hinterher von der Richtigkeit meiner Worte und urteile selbst“, erklärte Myriam unbeeindruckt und setzte sich, ohne Fedorn aus den Augen zu lassen.

„Du warst damals noch sehr jung. Trotz der Verbote deines Vaters, dich dem Hof und den Schafen zu nähern, tatest du in jener Nacht genau dies. Aber dein Vater kannte dich, daher ließ er dich beobachten. Kaum war klar, wohin du wolltest, wurde dein Vater davon unterrichtet und dieser machte sich sofort auf den Weg, um dich aufzuhalten.

Allerdings traf er zu spät ein. Du hattest bereits die Schafe aufgeschreckt und dadurch auch den Bauern, der mit einem Gewehr aus dem Haus stürmte. Als dein Vater bei dir eintraf, um dich zu holen, schoss der Bauer. Dein Vater wurde getroffen, während du unverletzt verschwinden konntest.“

„Ja, ein Mensch hat meinen Vater getötet und mir alles genommen, was ich noch hatte. Dafür habe ich die Menschen büßen lassen und sie werden auch weiterhin meinen Zorn zu spüren bekommen“, schleuderte Fedorn seinen Hass Myriam entgegen.

„Ich war noch nicht fertig“, entgegnete Myriam gelassen.

„Da gibt es nichts mehr zu sagen. Der Bauer hat meinen Vater getötet und dafür wird er seine gerechte Strafe noch bekommen!“

„Darauf wartet er seit jener Nacht“, erklärte Myriam.

Fedorn blieb ruckartig stehen und sah Myriam ungläubig an.

„Der alte Mann war damals schon fast blind“, fuhr Myriam fort. „Er konnte im Dunkeln nur noch Schatten erkennen. Nicht in der Lage zu unterscheiden, was Schaf und was Wolf ist, schoss er schräg in die Luft um euch zu erschrecken. Doch die Kugel traf einen Ast, prallte von ihm ab und traf deinen Vater.“

„Das erfindest du, kannst es aber nicht beweisen“, rief Fedorn dazwischen.

„Am nächsten Morgen“, fuhr Myriam unbeirrt fort, „wollte der alte Mann nach seinen Schafen sehen, als er deinen Vater fand. Er lebte noch, war aber bereits sehr schwach, daher konnte es nicht mehr lange dauern, bis er seine Reise antrat. Der alte Mann setzte sich neben deinen Vater und legte dessen Kopf in seinen Schoß. Er weinte, während er deinem Vater über den Kopf streichelte und ihm immer wieder sagte, dass er das nicht gewollt hatte und es ihm leid tut. Selbst als dein Vater seine Reise bereits angetreten hatte, hörte der alte Mann damit nicht auf. So fand ihn seine Tochter Stunden später, als sie aus dem Dorf zurückkam.“

Myriam legte eine kleine Pause ein und schaute Fedorn, der sich mittlerweile vor sie gelegt hatte, in die Augen.

Feria und Gainor lagen hinter ihr, wie sie deutlich spürte, und lauschten ebenfalls ihren Worten.

„Der alte Mann ließ es sich nicht nehmen“, fuhr Myriam abermals fort, „deinen Vater eigenhändig zu begraben.

Genau an dem Platz, an dem er ihn gefunden hatte. Den Baum ließ er fällen, da seine Kräfte dafür nicht mehr ausreichten. Aus den Brettern ließ er eine kleine Gedenkstätte am Grab deines Vaters errichten. Ein Freund von ihm schnitzte, auf seinen Wunsch hin, das Abbild eines Wolfes, der auf einem Felsen steht, in die Rückwand. Unter diesem Bild sind vier Worte eingeschnitzt.“

Es tut mir Leid

„Er ist seit vielen Jahren blind, hat aber seiner Tochter das Versprechen abgenommen, sich um das Grab zu kümmern, selbst wenn er nicht mehr sein sollte. Jetzt wartet er jeden Tag darauf, dass der weiße Wolf zu ihm kommt, den er glaubt gesehen zu haben.“

Fedorn sah Myriam lange in die Augen, bevor er sich wortlos erhob und aufbrach.

Was wird er mit diesem Wissen anfangen?, überlegte Myriam.

Das wüsste ich ebenfalls gerne, erklang leise und sanft Ferias Gedanken in Myriams Bewusstsein. Was sie daran erinnerte, dass sie nicht allein war und ein Versprechen einzulösen hatte. Das Versprechen, das sie Nanuks ꞌHöherem Wesenꞌ gegeben hatte.

Myriam stand auf und drehte sich herum. Dass, was sie sah, zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht und ließ ihr Herz vor Freude schneller schlagen.

Gainor und Feria lagen direkt vor ihr. Nur ein kleines Stück rechts davon saßen Wiroja neben Cyntia und Nara neben Sina auf dem Boden. Umringt wurden sie von den Wölfen aus Nanuks Rudel. Links neben Cyntia lag Ilea.

Jene junge Wölfin, deren Verletzungen Cyntia vor einiger Zeit geheilt hatte. Seither verband die beiden etwas miteinander. Cyntias Hand lag auf Ilias Kopf und kraulte die Wölfin zwischen den Ohren.

Nur ein kleines Stück neben Nanuks Rudel lagen die jungen Wölfe, die mit Fedorn gekommen waren, zehn an der Zahl. Keiner wirkte angespannt oder nervös. Das gesamte Bild strahlte Ruhe und Frieden aus.

Als Myriam sich Nanuks Rudel zuwandte, erhoben sich alle. Feria und Gainor trotteten hinterher, da sie den Freundinnen übersetzten, was Myriam dem Rudel zu sagen hatte. Da Wiroja und Cyntia sich zu den beiden Mondwölfen stellten, folgten ihnen Nara und Sina.

Mit einer leichten Verbeugung begrüßte Myriam das Rudel.

„Ich freue mich, das ihr alle wohl auf seid. Nanuk wird von nun an nicht mehr mit euch jagen und euch über verborgene Pfade führen. Er hat sich entschieden, bei seiner Frau und Tochter zu bleiben. Aber er ist nicht gegangen, ohne mich zu bitten, euch eine Nachricht zu überbringen. Doch bevor ich sie euch mitteile, würde mir vielleicht jemand sagen, was mit seiner Frau und Tochter geschehen ist?“

Myriam sah deutlich die Traurigkeit in den Augen der Wölfe, die ihre Worte hervorgerufen hatte. Wie Myriam es erwartet hatte, war es Ilea, die sprach.

„Nanuk war lange allein. Keine der Wölfinnen interessierte ihn, bis er Rani begegnete. Sie gehörte zu einem anderen Rudel. Nanuk verschwand mehrere Tage und wir machten uns bereits Sorgen, als er plötzlich mit Rani an seiner Seite vor uns stand. Doch ihr Glück dauerte nicht sehr lange. Schon als Rani das erste Mal ein Kind unter dem Herzen trug, geschah das Unglück. Es hatte mehrere Tage geregnet und der Boden war durchgeweicht. Rani lief oberhalb eines kleinen Abhangs entlang, als der Boden unter ihr nachgegeben haben musste.

Sie muss hinuntergerutscht sein, und eigentlich wäre es auch keine große Sache gewesen, aber dabei muss sie auch einen Felsen gelöst haben, der nach ihr den Hang hinunterrollte. Zumindest ist es das, was wir aus den Spuren vermuten. Von Rani selbst haben wir nur einige Fellbüschel gefunden, die hinter dem Felsen hervor schauten“, berichtete Ilea.

Betroffen sahen alle Wölfe und Mondwölfe zu Boden.

Myriam kullerten bereits die Tränen, als sie das entsetzte Aufstöhnen der Freundinnen hörte, nachdem Feria übersetzt hatte.

„Nanuk war nicht mehr derselbe“, fuhr die Wölfin fort.

„Er war immer noch ein sehr guter Anführer, versteh das bitte nicht falsch, aber jegliche Freude schien aus seinem Herzen gewichen zu sein. Es war, als hätte das Leben seinen Sinn für ihn verloren. Dies änderte sich erst wieder, nachdem er dir und Tanor begegnet war. Er wollte hinterher von Tanor, dem Bären, alles über eure erste Begegnung wissen. Ich weiß nicht, was er sich davon erhoffte, aber es gab ihm seinen Lebenswillen zurück“, beendete Ilea ihre Erzählung.

Myriam nickte. Sie hatte gespürt, dass in Nanuk, nach ihrer ersten Begegnung, eine Veränderung stattgefunden hatte. Sie kannte Nanuk aber zu wenig, um es zu verstehen.

Myriam schaute nacheinander jeden Wolf aus Nanuks Rudel an. Zuletzt sah sie wieder zu Ilea und fuhr fort.

„Ich soll euch von Nanuk ausrichten, dass es ihm eine Ehre war, euer Anführer sein zu dürfen. Er war stolz darauf, mit euch zu jagen. Als seine treuen Gefährten, lässt er euch durch mich seinen Dank ausrichten. Ihr sollt nicht traurig sein, sondern nach vorn, in die Zukunft schauen. Ihr seid noch jung und habt noch viele Jahre vor euch. Ihr habt ihm immer vertraut, und so bittet er euch darum, ihm auch dieses Mal zu vertrauen, wenn er Ilea als seine Nachfolgerin vorschlägt.“

Die Wölfe schauten Myriam überrascht an. Allen voran Ilea selbst, die schon ablehnend den Kopf schüttelte. Sie war die jüngste und die schwächste des Rudels. Myriam lächelte. Wie gut Nanuk sie doch gekannt und ihre Reaktion vorausgesehen hatte.

„Ilea“, sagte Myriam und schaute die Wölfin verständnisvoll an. „Nanuk hat deine Reaktion geahnt und daher soll ich dir Folgendes von ihm ausrichten: Du magst jung sein, aber du bist von allen die Schlaueste, sogar schlauer als ich es je war. Mehr als einmal hatten wir es dir zu verdanken, dass wir einer Gefahr entkommen konnten oder gute Beute machten, nicht mir.

Trotzdem hast du dich nie mir, oder anderen gegenüber als überlegen aufgespielt, sondern hast dich immer ins Rudel eingefügt. Dies beweist mir, dass dir das Rudel am Herzen liegt, und das ist mit das Wichtigste für einen guten Anführer. Die Mitglieder seines Rudels müssen ihm am Herzen liegen, jedes einzelne. Daher bittet er dich, seinen Vorschlag anzunehmen.“

Myriam hob den Kopf, um wieder alle Wölfe anzuschauen, bevor sie weitersprach.

„Es ist natürlich eure Entscheidung, wen ihr zu eurem neuen Anführer wählt, aber jetzt wisst ihr, wie er sich entschieden hätte.“

Myriam verbeugte sich, bevor sie mit den Freundinnen und Seelengeschwistern zurück zu Nanuks Körper lief.

Dort angekommen kniete sich Wiroja neben Nanuk und streichelte sanft über dessen weiches Fell.

„Wo werden wir ihn beerdigen?“, fragte sie, ohne den Blick zu heben.

„Würdest du ihn denn beerdigen wollen?“, fragte Myriam.

Erschrocken fuhr Wiroja hoch und zu Myriam herum.

„Du willst ihn hier liegen lassen? Wieso, er war unser Freund?“, fragte sie mit entsetzt aufgerissenen Augen.

„Hier nicht unbedingt, aber auf alle Fälle nicht vergraben“, antwortete Myriam gelassen.

„Aber wieso?“, erwiderte Wiroja, „bedeutet er dir nichts?“

Traurig sah Myriam ihre Freundin an, bevor sie antwortete: „Gerade weil er mir etwas bedeutet, werde ich ihn nicht begraben.“

Wiroja schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ist es nicht auch eine Art, jemandem seine Achtung zu erweisen, indem man seinen Glauben und seine Rituale respektiert?“, fragte Myriam die Freundin. „Wölfe begraben ihre Toten nicht. Sie leben nach anderen Regeln und Gebräuchen.“

Wiroja sah nachdenklich zu Feria und Gainor. „Wie seht ihr beiden das?“

Feria und Gainor sahen sich kurz an, bevor dieser Wiroja antwortete. „Es ist richtig, was Myriam sagt. Bei uns heißt es: Aus der Erde bist du gekommen und Luft und Wasser haben dein Bitten vernommen. Es soll bedeuten, dass wir zwar aus der Erde kommen, aber Luft und Wasser, die wir während unseres Lebens aufnehmen, nur geliehen sind. Wenn unsere Leiber auf der Oberfläche zerfallen, geben wir das zurück, was uns geliehen wurde. Unter der Erde kann die Luft nicht zurückgegeben werden. Abgesehen davon, würdet ihr Nanuks Rudel die Möglichkeit nehmen, von ihrem Anführer Abschied zu nehmen. Dazu gehört normalerweise der körperliche Kontakt, um dessen Kraft und Weisheit in sich aufzunehmen und so zu bewahren. Vergleiche es nicht mit Rias Beerdigung. Dort haben wir eure Gepflogenheiten akzeptiert und unsere angepasst.

Nanuks Rudel würde es aber nicht verstehen.“

Wiroja nickte. Sie hatte Probleme, sich mit dem Gedanken anzufreunden, empfand es aber als falsch, dem Rudel den Abschied zu verwehren. Sie waren Nanuks Gefährten gewesen und er hätte es so gewollt.

Schweren Herzens drehte sie sich zu Myriam um, atmete hörbar aus und nickte. Myriam sah die anderen drei Freundinnen an. Nachdem jede von ihnen zustimmend genickt hatte, aktivierte sie ihre Wolfskräfte und kniete sich neben Nanuk. Vorsichtig schob sie ihre Arme unter dessen Körper. Da beim Anheben Nanuks Kopf und Hinterleib herunterhing, eilten Cyntia und Wiroja zur Hilfe. Die drei Frauen, denen Nanuk damals als Feind gegenübergetreten war, trugen ihn heute auf ihren Armen ehrfürchtig zu seiner letzten Ruhe. Langsam liefen sie zu dem Platz unter den Bäumen, wo Myriam Nanuks ꞌHöheres Wesenꞌ zuletzt gesehen hatte, und legten ihn vorsichtig ab. Sie richteten den Körper aus und glätteten das Fell. Als wäre es abgesprochen, hob jede eine Hand und legte sie auf Nanuks Kopf. Überrascht schauten sich die Freundinnen an, als sich ihre Finger berührten. Jede bedankte sich in Gedanken bei Nanuk für das, was sie zusammen erlebt hatten. Durchliefen die Erinnerungen, die einen Feind zu einem Freund werden ließen. Die Tränen der Freundinnen tropften auf Nanuks Fell, wobei sie kurz golden aufleuchteten, als würde sein Körper sich dafür bedanken.

Nachdem sich die Freundinnen erhoben hatten, verbeugten sie sich ein letztes Mal, bevor sie zu den Wartenden zurückgingen.

Sie kamen bei Sina und Nara an, als sich Ilea vom Rudel abwandte und zu ihnen herüberkam. In einigem Abstand blieb sie stehen und bat Myriam zu sich.

Myriam war etwas verwundert darüber, daher fragte sie Ilea: „Warum kommst du nicht zu uns?“

Ilea schaute verstohlen zu Feria. „Die Königin“, war alles, was sie antwortete.

Feria war erst etwas verwirrt, bevor sie verstand, warum Ilea zögerte. Ihr Auftreten gegenüber Fedorn hatte Ilea mitbekommen.

„Ich bin Feria“, sagte sie daher zu der jungen Wölfin, „und das Königin vergiss einfach wieder. Es diente nur dazu, Fedorn in seine Schranken zu weisen. Für alle Freunde bin ich einfach nur Feria, einverstanden?“ Ilea nickte und trottete zu Myriam.

„Ich wollte eigentlich keine Anführerin werden“, erklärte die Wölfin, „aber das Rudel hat mich dazu gedrängt, Nanuks Nachfolge anzutreten.“

„Ich bin sicher, Nanuk wusste was er sagte und was in dir steckt. Ich weiß, es ist eine große Verantwortung, aber ich glaube auch, dass du eine gute Anführerin sein wirst“, bestätigte Myriam Nanuks Vorschlag.

„Das wird sich rasch herausstellen“, erklärte Ilea. „Jetzt müssen wir erst mal unser Jagdrevier verteidigen. Ohne Nanuks Stärke wird das alles andere als einfach. Es gibt da ein Rudel, das es lieber heute als morgen übernehmen würde, und dieses ist größer als unseres.“ Myriam versuchte Ilea zu antworten, als Gainor ihr in Gedanken mitteilte: Da möchte scheinbar noch jemand etwas von dir. Myriam schaute zu den jungen Wölfen, die mit Fedorn gekommen waren. Einer hatte sich vom Pulk gelöst und stand abwartend näher an der Gruppe um Myriam. Sie winkte ihm, damit er herüberkam, aber er reagierte nicht.

„Wenn du etwas möchtest, kannst du ruhig zu mir kommen“, forderte sie ihn dann in der Wolfssprache auf.

Langsam kam der Wolf näher, gleichzeitig senkte er aber immer weiter den Kopf. Ilea sah dem Wolf entgegen, wendete sich ab und kehrte zu ihrem Rudel zurück.

Myriam ärgerte sich, dass sie daran nicht gedacht hatte.

Nur weil Ilea und das Rudel die anderen Wölfe in ihrer Nähe duldeten, hieß es nicht automatisch, dass sie Freunde waren. Sie nahm sich vor, sich bei Ilea dafür zu entschuldigen.

Der junge Wolf stand vor Myriam, schaute zu Boden und schwieg.

„Sieh mich bitte an und sag uns, was du möchtest“, forderte sie ihn erneut auf.

„Man hat mich gelehrt“, erklärte der Wolf zögerlich, „in Anwesenheit einer Göttin nur zu sprechen, wenn man aufgefordert wird, und ihr niemals in die Augen zu sehen.“ Myriam klappte den Mund auf. Sprachlos sah sie zu Wiroja.

Nachdem Feria übersetzt hatte, zuckte Wiroja nur mit den Schultern. „Wundert dich das etwa?“, fügte sie hinzu.

Myriam sah von Cyntia über Sina zu Nara und alle zuckten nur mit den Schultern. Gleichzeitig vernahm sie das leise, gedankliche Lachen von Feria und Gainor.

Ihr seid mir schöne Geschwister und keine große Hilfe im Moment, sendete sie ihnen.

Was erwartest du denn nach deinem Auftritt von eben?, fragte Feria. Du stehst hundert Wölfen gegenüber und schlägst sie in die Flucht, ohne eine Hand zu heben.

Selbst ihr König hätte vor dir auf dem Boden gelegen, wenn du es gewollt hättest. Der Wolf ist jung, aber blind ist er sicher nicht.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, sendete Myriam zurück, aber das sicher nicht. Und ich will es auch nicht.

„Wie heißt du?“, wandte sich Myriam an den Wolf.

„Ich heiße Ragnar, erhabene Göttin“, antwortete der junge Wolf, ohne den Kopf zu heben.

„Ich möchte nicht infrage stellen, was man dich gelehrt hat Ragnar, aber ich bin keine Göttin, ich bin ein Mensch. Ich gebe zu ein etwas seltsamer, aber immer noch ein Mensch. Und da ich ein Mensch bin, kannst du mich auch ruhig ansehen. Ich bin Myriam und so möchte ich genannt werden.“

Zögerlich hob der Wolf den Kopf, worauf Myriam ihm auffordernd zunickte.

„Erhabene Myriam…“

„Warte“, unterbrach Myriam ihn sofort.

Der Wolf zuckte bei ihren Worten zusammen. Daher lief sie zu ihm, kniete sich vor ihn, nahm seinen Kopf in beide Hände und schaute ihm in die Augen.

„Nur Myriam, bitte. Kein Titel, nichts, einfach nur Myriam. Und du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Hast du das verstanden?“

Der Wolf nickte und nahm seinen Mut zusammen, um zu sprechen. „Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen, Myriam“, worauf er eine kurze Pause einlegte und wartete, ob sie ihn wieder unterbrach, bevor er fortfuhr.

„Meine Freunde und ich wissen nicht, was wir jetzt unternehmen sollen. Zu unserem König möchten wir eigentlich nicht mehr zurück, auch wenn es bedeutet, unsere Familien und Rudel nicht mehr wiederzusehen.

Andererseits wissen wir aber auch nicht, wo wir sonst hin können. Daher soll ich fragen, ob du uns einen Rat geben kannst?“.

Myriam sah von Ragnar zu den anderen Wölfen, die sie ebenfalls erwartungsvoll ansahen und wieder zurück.

„Lieber Ragnar, ob ihr zurückkehrt oder nicht, ist ganz alleine eure Entscheidung. Ich kann und werde mich da nicht einmischen. Was euren weiteren Aufenthaltsort angeht, so weiß ich gerade nicht, wie ich euch helfen kann.“

„Warum fragst du nicht Ilea, ob sie die Wölfe in ihr Rudel aufnimmt?“, schlug Gainor vor.

Myriam drehte sich zu ihrem Seelenbruder herum.

„Hältst du das für eine gute Idee, nachdem sie eben so reagiert hat? Immerhin waren diese Wölfe an den Taten gegen Nanuk und das Rudel beteiligt.“

Ragnar senkte betroffen den Kopf. „Ihr habt unseren König erlebt. Wir hatten keine andere Wahl.“

Myriam drehte sich wieder zu dem Wolf herum, der traurig vor ihr stand.

„Man hat immer eine Wahl, Ragnar“, erklärte Myriam sanft. „Ich weiß aber auch, das es in dieser Welt oft mit Schmerzen und Verlust verbunden ist, zu seiner inneren Stimme zu stehen. Es kostet viel Kraft und Mut, nach ihr zu handeln. Aber egal wie ein Wesen sich auch entscheidet“, fuhr Myriam nach einer kleinen Pause fort, „an der Liebe der ꞌGroßen Mutterꞌ zu ihm, wird sich nichts ändern!“

Ragnars Kopf fuhr hoch und er sah Myriam überrascht an.

„Ich habe die Liebe deutlich gespürt, aber sie hat mir auch Schmerzen bereitet. Wenn auch nicht so stark wie bei den anderen.“ Wobei er mit dem Kopf in Richtung Wald deutete, wo die älteren Wölfe jaulend verschwunden waren.

„Wenn die ꞌGroße Mutterꞌ uns alle gleich stark liebt, egal wie wir uns entscheiden, warum fügt sie uns dann Schmerzen zu?“, fragte er ungläubig.

Myriam lächelte. Ragnar schien seine Furcht ihr gegenüber überwunden zu haben und er war schlau. Sie wusste, dass es nicht leicht werden würde, ihm die Verbindungen der höheren Regeln zu erklären.

Während sie überlegte, erklärte Myriam: „Es ist nicht die ꞌGroße Mutterꞌ, die euch diese Schmerzen zu fügt.“

Nicht nur Ragnar sah Myriam überrascht an. Er stellte die Frage, die in allen Augen zu lesen war. „Wenn es nicht die ꞌGroße Mutterꞌ ist, wer ist es dann?“

Myriam überlegte einige Zeit, wie sie es am verständlichsten erklären konnte, bis ihr eine Idee kam.

„Glaubst du, dass deine Mutter dich geliebt hat?“, fragte sie den jungen Wolf.

„Ich denke schon, aber ich verstehe nicht, was es damit zu tun hat.“

„Ich versuche, es dir zu erklären, und deine eigenen Antworten werden dir, so denke ich, zu verstehen helfen“, antwortete Myriam lächelnd, bevor sie die nächste Frage stellte.

„Hat sie dir manchmal gesagt, was du nicht machen sollst, und du hast es trotzdem getan?“

„Ja … manchmal.“

„Was zum Beispiel und was ist danach passiert?“, stellte Myriam sofort die nächste Frage.

Wie so oft wenn Myriam etwas von den ꞌHöheren Zusammenhängenꞌ erklärte, hörten die Freundinnen genau zu. Nur dieses Mal waren sie auf Ferias Übersetzung angewiesen.

„Meine Mutter hat mich, und auch meine anderen Geschwister, immer wieder ermahnt, im Winter nicht zu nahe an den Steilufern der Flüsse und Bäche entlangzulaufen“, begann Ragnar zu erzählen. „Sie erklärte uns, das der Schnee die Uferkanten verdeckt und trügerisch macht. Dadurch bestünde die Gefahr, dass wir über die Ufer hinaustreten und ins Wasser fallen könnten. Ich fand es immer übertrieben und hielt sie für übervorsichtig. In meinem ersten Winter spielte ich mit meinen Geschwistern in der Nähe eines Baches und kam dem Ufer zu nahe. Die Schneekante brach ab und ich fiel hinunter. Er führte nicht viel Wasser, daher konnte ich leicht herauskommen, aber mein Fell hatte sich voll Wasser gesogen. Meine Mutter schimpfte, machte sich aber auch Sorgen. Zwei Tage später wurde ich krank und fühlte mich elendig. Es hat fast eine Woche gedauert, bis ich wieder zu Kräften kam“, beendete Ragnar seine Geschichte.

Myriam nickte. „Hat deine Mutter dich hinterher weniger geliebt wie vorher?“, fragte sie.

„Nein, eigentlich nicht. Vielmehr schien sie seitdem noch mehr um mich besorgt. Aber was hat das alles mit der ꞌGroßen Mutterꞌ zu tun?“, fragte Ragnar, der nicht verstand, worauf Myriam hinaus wollte.

„So wie sich deine Mutter Sorgen um ihre Kinder macht“, begann jetzt Myriam zu erklären, „so macht sich auch die ꞌGroße Mutterꞌ Sorgen um ihre Kinder. Daher erklären beide ihren Kindern, worauf sie achten und aufpassen sollen. Jetzt kann es natürlich vorkommen, dass du vergisst, was deine Mutter dir gesagt hat. Dafür hat die ꞌGroße Mutterꞌ deine innere Stimme, oder wie wir Menschen sagen, ein Gewissen, geschaffen. Diese innere Stimme wird dich immer daran erinnern, wie du handeln solltest. Und wenn du auf sie hörst, wirst du keinen Fehltritt machen. Allerdings wird sie dich nicht daran hindern, eine andere Entscheidung zu treffen. Sie ist ein Berater, kein Wächter.“

Myriam legte eine Pause ein, um Ragnar Zeit zu geben, das Gehörte zu überdenken. Er nickte, womit er zu verstehen gab, dass er es verstanden hatte.

„Da du den gut gemeinten Rat deiner Mutter ignoriert hast, hattest du – oder genauer gesagt dein Körper – die Konsequenzen für deine Handlung zu tragen. Du wurdest krank und fühltest dich elend.“

Abermals nickte Ragnar.

„Nun besitzt jedes körperliche Wesen auch ein geistiges, ein ꞌHöheres Wesenꞌ und dies ist wiederum ein Teil der ꞌGroßen Mutterꞌ. Also ruft die ꞌGroße Mutterꞌ ständig nach ihren Kindern, um sie daran zu erinnern, was sie ihnen gesagt hat. Leider hat der materielle Körper, dein Verstand oder Ego, die Fähigkeit entwickelt, dieses Rufen verstummen, oder besser gesagt sehr leise werden zu lassen. Er errichtet eine Mauer um das ꞌHöhere Wesenꞌ und seine Stimme. Sodass, egal wie laut sie auch ruft, sie nicht mehr gehört wird. Ein ꞌHöheres Wesenꞌ kann zwar nicht körperlich krank werden, aber dafür empfindet es Trauer und Schmerz umso stärker. Das Einzige, was die ꞌGroße Mutterꞌ möchte, ist, ihre Liebe zu verschenken, damit alle ihre Kinder glücklich sind.

Wenn ein Kind nicht hören möchte, so bereitet es seinem ꞌHöheren Wesenꞌ Schmerzen, denn das Höhere Wesen fühlt sich elend.“

Ragnars Augen hatten sich geweitet. Langsam schien er zu begreifen, was Myriam ihm da versuchte zu erklären.

„Was vorhin passiert ist, lässt sich einfach erklären.

Durch die Liebe der ꞌGroßen Mutterꞌ wurden alle ꞌHöheren Wesenꞌ stark genug, ihre Trauer und Schmerzen hinauszuschreien.

Alle um sie herum errichteten Mauern stürzten ein und die Schmerzen konnten nicht mehr ignoriert werden.“

Ein Aufstöhnen erklang um Myriam herum, jeder begriff langsam, was Myriam damit sagen wollte.

„Nur … nur damit ich es richtig verstanden habe“, begann Ragnar stockend. „Du willst damit sagen, dass wir uns alle diese Schmerzen selbst zugefügt haben, weil wir sie unserem ꞌHöheren Wesenꞌ zugefügt hatten?“

„Genau das!“, nickte Myriam zustimmend.

Einen Augenblick war nur das leichte Säuseln des Windes zu hören. Jeder versuchte, auf seine Weise das eben Gehörte zu verarbeiten.

„Aber die ꞌGroße Mutterꞌ hätte doch bestimmt andere Möglichkeiten, ihre Kinder zu erinnern, bevor solche Schmerzen zusammengekommen sind? Und warum ist es so wichtig zu wissen, dass man ein ꞌHöheres Wesenꞌ hat?“, fragte Sina leise.

Myriam drehte sich zu der jungen Fee herum, bevor sie antwortete.

„Die hätte sie, aber hast du auch an den Preis gedacht, der dafür zu zahlen wäre?“, fragte Myriam zurück, ohne eine Antwort zu erwarten. Daher fuhr sie fort. „Wie würdest du dich fühlen, wenn ständig jemand neben dir herläuft und dir sagt: Tue dies, lasse das? Du könntest dich nicht mehr frei entscheiden, könntest dein Leben nicht leben, wie du es möchtest. Möchtest du solch ein Leben?

Davon abgesehen, könntest du nichts anders machen, könntest dich nicht entwickeln. Nichts miteinander vergleichen, denn es gäbe nur einen Weg. Aber zu leben bedeutet, sich zu verändern. Leben ist Veränderung, Wachstum. Die ꞌGroße Mutterꞌ hat dir einen freien Willen gegeben. Dein ꞌHöheres Wesenꞌ hilft dir in allen Lebenslagen. Du bist nie alleine, bekommst immer Hilfe, wenn du es möchtest, aber du hast auch die freie Entscheidung, sie anzunehmen oder abzulehnen.“

Myriam fügte eine weitere Pause ein, in der sie alle nacheinander ansah. Aber alle waren in ihre Gedanken versunken, daher sprach sie weiter.

„Als körperliche Wesen sind wir voneinander getrennt.

Dieses Getrenntsein führt aber dazu, dass viele Lebewesen nur noch an sich denken. Besonders bei den Menschen ist dieses Denken sehr stark ausgeprägt. Aber als geistiges, ꞌHöheres Wesenꞌ sind wir es nicht. Alles, was dich umgibt, ist auf dieser Ebene miteinander verbunden. Ragnar, Feria, der Baum, die gesamte Mutter Erde und weit darüber hinaus. Leidet auch nur ein ꞌHöheres Wesenꞌ unter Schmerzen, so leiden alle um dich herum Schmerzen. Je mehr Lebewesen ihrem ꞌHöheren Wesenꞌ Schmerzen zufügen, umso mehr Schmerz umgibt uns alle, was sich dann wieder auf das körperliche Leben auswirkt. Angst, Misstrauen, Unzufriedenheit und körperliches Leiden sind die Folge.

Ein bisschen mehr Verständnis um diese Verbundenheit könnte viel Leid verhindern.“

Keiner sah Myriam an, alle waren mit ihren Gedanken beschäftigt. Myriam sah zu Ilea und dem Rudel hinüber.

Die Nacht kündigte sich an, was bedeutete, dass das Rudel bald von Nanuk Abschied nehmen würde. Vorher beabsichtigte Myriam mit ihnen wegen der anderen Wölfe zu sprechen, deshalb lief sie hinüber.

Ilea drehte sich herum, um mit dem Rudel zum Waldrand zu trotten, und sah Myriam auf sich zukommen.

Daher schickte sie den Rest des Rudels voraus.

„Ich wollte mich bei euch bedanken, dass ihr Nanuk nicht vergraben habt“, sagte Ilea.

„Wir dachten, wir sind es ihm und euch schuldig, eure Gepflogenheiten zu respektieren.“

„Danke“, wiederholte Ilea und nickte. „Ist es etwas Wichtiges, weswegen du gekommen bist? Ich würde gerne Abschied nehmen“, erklärte sie.

„Zuerst möchte ich mich bei dir entschuldigen, dass ich mich während unseres Gespräches Ragnar, dem jungen Wolf, zugewandt habe. Das ist unhöflich, entschuldige bitte.“

Ilea sah Myriam verständnislos an, nickte dann aber.

Myriam erklärte ihr, was Gainor vorgeschlagen hatte.

Ilea verengte die Augen.

„Es wundert mich, dass Gainor dies vorgeschlagen hat“, antwortete Ilea. „Er sollte wissen, dass es nicht alleine die Anzahl an Wölfen ist, die die Stärke eines Rudels ausmacht. Es ist das gegenseitige Vertrauen, das uns stark macht. Wenngleich ich die letzten Ereignisse außer Acht lassen würde, wären sie uns im Kampf gegen das andere Rudel nur eine geringe Hilfe, wenn überhaupt.

Ich werde mit den anderen reden, aber erst morgen früh.

Das ist alles, was ich dir anbieten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie einverstanden sind, ist aber gering.“

Myriam nickte. „Danke für deine ehrlichen Worte, ich werde sie so weitergeben.“

Ilea nickte zum Abschied, bevor sie ihrem Rudel folgte.

Die Freundinnen und Ragnar warteten auf Myriam. Sie berichtete kurz, was Ilea ihr geantwortet hatte.

„Ich kann sie verstehen und sie hat natürlich recht“, erklärte Ragnar. „Wenn ihr erlaubt, werden wir bis morgen hier warten, und dann erst entscheiden, wie es weitergehen soll.“

Myriam erklärte ihren Freundinnen die Umstände und fragte, ob die Wölfe bis morgen bleiben dürften. Alle nickten zustimmend. Ragnar verabschiedete sich dankbar und schlenderte zu seinen Freunden zurück.

3 Anders als gedacht

„Was für ein Tag. Jetzt freue ich mich auf einen Tee und etwas Ruhe in meinen vier Wänden. Hatte ich das gestern Abend nicht auch schon gesagt?“, erklärte Wiroja und machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Ach hör auf“, entgegnete Myriam, „ich kann doch auch nichts dafür.“

„Das sagst du immer“, hielt Wiroja dagegen, hakte sich aber gleichzeitig bei Cyntia und Myriam unter, um sie in Richtung Hütte zu ziehen. Nara hakte sich bei Sina unter und folgte den dreien. Gainor und Feria gingen auf die Jagd. Hinterher würden sie sich ebenfalls von Nanuk verabschieden.

Die Stimmung war gedrückt an diesem Abend und so kam kein richtiges Gespräch in Gang. Schon bald fingen Nara und Sina an zu gähnen. Daher begaben sich alle früh zur Nachtruhe. Cyntia und Sina machten es sich vor dem Kamin gemütlich. Die anderen schliefen in dem übergroßen Bett in Wirojas Schlafzimmer. Obwohl Myriam müde war, stellte sich der Schlaf nicht ein und sie drehte sich von einer Seite auf die andere. Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf, der durch ein körperliches Bedürfnis beendet wurde. Genervt und mit halb geschlossenen Augen verließ sie die Hütte. Kaum draußen war sie hellwach. Die Kälte kroch unter ihr dünnes Nachthemd, was sie daran erinnerte, dass Feria und Gainor keinen Unterschlupf für den Winter hatten.

Myriam beeilte sich, wieder ins Bett zu kommen, wo sie dieses Mal, in die warme Decke eingekuschelt, schnell einschlief.

Kaum dass sie die Augen am Morgen öffnete, erinnerte sie sich. Alle Freundinnen unterhielten sich schon nebenan. Schnell zog sie sich an. Der Geruch des Kräutertees ließ ihren Magen laut grummeln, worauf sie Wiroja sagen hörte.

„Sehen kann ich dich noch nicht, aber schon hören“, was alle zum Lachen brachte. Als Myriam die Tür öffnete, drehten sich alle Köpfe zu ihr um und begrüßten sie mit einem breiten Lächeln.

Myriam setzte sich auf ihren Platz am Kopfende des Tisches und schaute in die Runde. Scheinbar waren alle schon mit Essen fertig, tranken aber noch ihren Tee.

„Warum habt ihr mich denn nicht geweckt, dann hätten wir zusammen frühstücken können?“

„Wer nachts herumläuft darf morgens auch mal länger schlafen“, erklärte Wiroja und stellte eine dampfende Tasse vor Myriam auf den Tisch.

„Außerdem ist dieser Tag einmal nicht schon verplant.

Oder sehe ich das falsch?“, fügte Wiroja hinzu, legte den Kopf schief, zog eine Augenbraue hoch und sah Myriam lauernd an.

Myriam schloss die Augen und sog tief den Duft des Tees ein, was ihren Magen dazu veranlasste, sich abermals zu melden. Als Myriam die Augen öffnete, schaute sie in breit lächelnde Gesichter.

„Nein, heute ist noch nichts geplant“, antwortete Myriam gespielt ernst. „Allerdings hat der Gang nach draußen mich daran erinnert, dass Feria und Gainor bisher keinen Unterschlupf für den Winter haben. Weiß jemand eine Höhle hier in der Gegend, die für die beiden groß genug wäre?“

Alle schüttelten den Kopf oder zuckten mit den Schultern, was Myriam befürchtet hatte. Es gab zwar einige Höhlen in der Gegend, aber die waren für einen Mondwolf zu klein, erst recht für zwei. Vielleicht konnten Feria und Gainor eine Erdhöhle vergrößern? Allerdings wusste sie nicht, wie lange so etwas dauern würde. Sie musste unbedingt mit den beiden darüber reden. Myriam hatte sich ein Brot mit Fruchtmus bestrichen und schaute in die Runde.

„Habt ihr schon etwas für heute geplant?“

„Wir sollten die Gelegenheit nutzen und schauen, was wir noch an Nüssen, Früchten und Kräutern finden“, erklärte Wiroja. „Wir sind mehr Personen, was bedeutet das sich unsere Vorräte schnell leeren werden. Ich möchte mich nicht alleine auf die Unterstützung aus dem Dorf verlassen. Außerdem sollten Nara und Sina wissen, wo sie etwas finden können, wenn sie alleine hier sind.“

Myriam nickte. „Und wir müssen Ilea noch nach der Entscheidung des Rudels fragen“, fügte sie hinzu.

Ich denke, das werdet ihr gleich erfahren. Ilea und das Rudel nähern sich den jungen Wölfen, erklärte ihr Feria in diesem Moment.

„Ilea kommt“, erklärte Myriam und erhob sich.

Sie verließ die Hütte gefolgt von ihren Freundinnen, um zu hören, was Ilea zu sagen hatte. Diese wartete, bis Menschen und Mondwölfe bei ihnen waren. An Myriam und Ragnar gewandt erklärte sie: „Wir sind übereingekommen, den jungen Wölfen eine Chance in unserem Rudel zu geben. Es ist einerseits nicht einfach für uns zu vergessen, andererseits dürfte es Ragnar und seinen Freunden ähnlich ergehen. Vertrauen kommt nicht von heute auf morgen, aber wenn jeder bereit ist daran zu arbeiten, kann etwas Gutes daraus entstehen. Doch bedenkt, bevor ihr euch entscheidet, dass wir wahrscheinlich direkt in einen Kampf verwickelt werden“, fügte Ilea hinzu.

„Wir haben uns ebenfalls lange besprochen“, antwortet Ragnar. „Auch das wir eventuell in einen Revierkampf verwickelt werden, habe ich gestern zufällig aufgeschnappt und in unsere Diskussion eingebracht. Keiner von uns kämpft gerne, aber wenigstens wissen wir dieses Mal, wofür es nötig ist. Daher werden wir dir alle als unserer Anführerin folgen.“

Ilea und Ragnar nickten einander und dann Myriam zu.

Nachdem Feria übersetzt hatte, waren die Freundinnen erleichtert. Der Winter stand vor der Tür und es war wichtig, dass das Rudel ein Revier hatte. Ilea trottete mit dem Rudel davon.

Myriam besprach mit ihren Seelengeschwistern, wie sie diesen Tag verbringen würden.

Feria und Gainor hatten vor zu jagen, um für die kühleren Tage gerüstet zu sein und gleichzeitig weiter nach einer Höhle für sie suchen. Die Freundinnen tranken einen weiteren Tee, bevor sie in den Tag starteten.

Sie hatten sich entschieden, alle zusammenzubleiben, sodass jeder die Plätze kannte, an denen Nahrung zu finden war.

Dieser und die nächsten beiden Tage verbrachten sie wie geplant damit, die Vorräte aufzufüllen. Gleichzeitig stellten sie leider fest, dass die Hütte für die vielen Vorräte und Personen zu klein wurde. Dieses Problem musste aber auf nach dem Winter verschoben werden.

Am Abend des dritten Tages, die Freundinnen saßen, wie so oft, bei einer Tasse Tee zusammen, fuhr Sina schreiend auf und wich zitternd an die Wand zurück. Die Freundinnen schauten erst zu ihr, dann in die Richtung, in die sie mit Angst geweiteten Augen starrte. Dort sahen sie Seraphora, mit Überraschung im Gesicht, aus dem Eimer schauen. Myriam glaubte, etwas Verlegenheit in ihren Gesichtszügen zu erkennen.

„Entschuldigt, ich wollte Nara nur fragen, wann sie mit dem Unterricht weitermachen möchte?“

Dies führte dazu, dass Sina die Augen weiter aufriss und abwechselnd Seraphora und Nara ungläubig ansah.

„Ihr … ihr könnt sie doch auch sehen und hören, oder?“, stammelte Sina.

Als alle nickten, schüttelte sie nur verständnislos den Kopf. Myriam sah überrascht zu Cyntia.

„Wird in unseren Schulen nichts mehr über die Hüter der Elemente gelehrt?“, fragte diese Sina.

Da Cyntias Stimme einen leicht genervten Unterton hatte, sah Sina sie ängstlich an, ohne zu antworten. Erst da erkannte Cyntia, dass es für Sina wie eine Anklage geklungen haben musste.

„Entschuldige, es klang anders, als es gemeint war.

Vieles, was unsere ach so erhabene Kultur betrifft, trifft bei mir mittlerweile einen wunden Punkt“, erklärte Cyntia und lächelte verlegen. „Wird noch etwas über die Hüter gelehrt?“