Die Legende von Skirek - K. A. Stone - E-Book

Die Legende von Skirek E-Book

K. A. Stone

0,0
4,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Auftakt der Trilogie "Die Legende von Skriek" Man nennt mich Skriek - ich bin ein Bastard, halb Mensch, halb Echse. Einem Zauberer darf man niemals vertrauen, hat meine Mutter immer gesagt. Ich hätte auf sie hören sollen. Stattdessen bin ich nun im Auftrag eines Zauberers unterwegs, um König Angrias zu meucheln. Mich begleiten ein Trupp sturer Amazonen, zwei selbstherrliche harbaische Brüder und eine übellaunige Zauberschülerin; und sie alle sehen in mir nicht mehr als ein dumpfes Tier. Doch das wird ihnen noch leid tun. Zu lange bin ich als Mischwesen, als Bastard verachtet und verhöhnt worden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 668

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



K. A. Stone

Die Legende von Skirek

Das Attentat

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

01

02

03

04

05

06

07

08

09

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

Impressum neobooks

Prolog

DIE LEGENDE VON SKRIEK

Das Attentat

K. A. Stone

Umschlaggestaltung:

Juliane Schneeweiss

www.juliane-schneeweiss.com

Bildmaterial:

www.depositphotos.com

Lektorat:

Melanie Vogltanz

www.melanie-vogltanz.net

copyright by K. A. Stone

Der Inhalt dieses Buches ist urheberrechtlich geschützt.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden.

Man nennt mich Skriek - ich bin ein Bastard, halb Mensch, halb Echse.

Einem Zauberer darf man niemals vertrauen, hat meine Mutter immer gesagt.

Ich hätte auf sie hören sollen.

Stattdessen bin ich nun im Auftrag eines Zauberers unterwegs, um König Angrias zu meucheln.

Mich begleiten ein Trupp sturer Amazonen, zwei selbstherrliche harbaische Brüder und eine übellaunige Zauberschülerin;

und sie alle sehen in mir nicht mehr als ein dumpfes Tier.

Doch das wird ihnen noch leid tun.

Zu lange bin ich als Mischwesen, als Bastard verachtet und verhöhnt worden.

Einige wenige werden als Helden geboren

und enden auf dem Schlachtfeld.

Viele werden ohne Zukunft geboren,

vermeinen, Helden zu sein,

und enden auch auf dem Schlachtfeld.

Wie viel klüger ist es doch,

Bahlunas Weg zu folgen!

Skriekische Weisheit

Inhaltsverzeichnis

Meine Mutter schläft und träumt Bahlunas Traum.

In ihrem Traum hat sie goldene Flügel und schwebt hoch über den weißen Wolken. Der Wind spielt mit ihr und trägt sie weiter und weiter fort. Da taucht vor ihr ein Gebirge auf. Mächtige Gipfel aus Eis und Schnee glitzern in der Sonne. Meine Mutter genießt die schwindelerregende Höhe und das berauschende Gefühl von grenzenloser Freiheit. Ein Lied zu Ehren ihrer Göttin Bahluna kommt von ihren Lippen und sie überlässt sich ganz der Melodie, doch plötzlich spürt sie einen eigenartigen Sog, dem sie nicht widerstehen kann. Es fühlt sich für sie beinahe so an, als ob ein Wesen mit großer Macht eindringlich und fordernd nach ihr rufen würde. Ihre Flügel schlagen und drücken sie abwärts. Langsam gleitet sie der Erdoberfläche entgegen und fliegt an Tannen vorbei, die hoch in den Himmel wachsen. In den Ästen sitzen schwarze Raben und beäugen meine Mutter. Erneut schwebt sie empor und erhebt sich über die Wipfel der Bäume. Nach einer Weile blickt sie sich um. Vor ihr ist ein Plateau, auf dem ein uraltes Schloss mit unzähligen Türmen steht. Das Bauwerk ist von gewaltigen Ausmaßen. Meine Mutter fliegt näher heran und landet vor dem schmiedeeisernen Tor. Erst jetzt erkennt sie, dass Sommer ist. Sie sucht unter einer Kiefer nahe der Schlossmauer Schutz vor der allumfassenden drückenden Hitze. Die Zeit vergeht. Meine Mutter wartet. Schließlich setzt die Abenddämmerung ein und die Sonne verschwindet glutrot hinter dem Horizont. Die Luft flirrt noch immer von der drückenden Hitze des Tages. Neugierig blickt sich meine Mutter um. Irgendetwas hat sich im Traum verändert. Anfangs weiß sie nicht, was es ist, doch nach einer Weile wird ihr bewusst, dass es ringsum ganz still ist. So still, wie es nur in einem Traum sein kann. Kein Rabe krächzt, keine Grille zirpt, kein Insekt summt. Selbst der Wind scheint innezuhalten.

Da sieht meine Mutter drei Wesen. Sie gehen ruhigen Schrittes über den weitläufigen Vorhof des Schlosses. Ihre Stiefel wirbeln Staub auf, wenn sie auf uralte, zerbrochene Steinfliesen treten.

Die drei kommen näher. Eine Aura von Macht und Unendlichkeit umgibt sie.

Meine Mutter kann sie jetzt besser erkennen. Es sind zwei Männer und eine Frau.

Links schreitet ein Herrscher. Groß, hager, mit dunklen Stoffen bekleidet, ein Rapier an seiner Seite. Er trägt Handschuhe. Sein Gesicht verhüllt eine schwarze Maske, in die Zeichen mit kleinen diamantenen Steinen gestickt sind.

Rechter Hand marschiert ein Zauberer. Ein großer Schlapphut mit breiten Rändern sitzt ein wenig schief auf seinem Kopf. Seine Gesichtszüge sind verdeckt, aber meine Mutter meint, einen dichten Vollbart zu erkennen. Der Zauberer trägt die traditionelle Kleidung der magischen Bruderschaft: einen grauen Mantel mit den beiden Runensymbolen auf Schulterhöhe, eine purpurne Schärpe und darunter eine weiße Toga. In seiner Hand hält er einen langen Stab aus Zedernholz. Schmale Eisenbänder sind um seine Enden geschmiedet.

Zwischen den beiden Männern geht eine Hohepriesterin mit anmutigen, fließenden Bewegungen. Ihre Haut ist dunkel wie Ebenholz. Langes, schwarzes Haar fließt über ihren Rücken. Ein goldener Stirnreif schmückt ihr Haupt. Ihr Gesicht ist fast überirdisch schön. Sie trägt ein enganliegendes, knöchellanges Kleid von blutroter Farbe. Ein breiter, schwarzer Gürtel liegt um ihre schmalen Hüften. Zwei lange, spitz zulaufende Dolche sind daran befestigt.

Sind diese drei Wesen gut oder böse?

Meine Mutter erhält in ihrem Traum keine Antwort. Aber sie spürt instinktiv, dass sie sehr gefährlich sind.

Der Herrscher, der Zauberer und die Hohepriesterin gehen weiter. Sie erreichen das große, schmiedeeiserne Tor. Es ist verschlossen.

Mit einem Schlag erkennt meine Mutter diesen Ort, obwohl sie ihn nie noch nie zuvor aufgesucht hat.

Kalmania! Das verlassene Königsschloss, hoch oben in den Malthinischen Bergen. Tausend Jahre hat Kalmania über den Kontinent geherrscht, doch dann wurde seine Macht gebrochen und seit langer Zeit hat niemand mehr die sagenumwobene Königsburg betreten. Die Steine sind verwittert, die Balken von der Sonne ausgebleicht. Zerbrochene Dachziegel liegen im Innenhof. Efeu rankt sich um die hohen Türme. Knöterich und Schlehdorn haben die Säulen und Stelen überwuchert.

Die Hohepriesterin hebt ihre Hand. Knarrend entriegelt sich das große Tor und die Flügel schwingen auf.

Meine Mutter sieht lange Flure und mottenzerfressene Teppiche. Breite Treppen mit marmornen Geländern führen nach oben. Putz bröckelt von den Wänden. Spinnweben spannen sich über Kästen und Simse. Und überall ist Staub.

Sie betreten den großen Ratssaal. Ein modriger Geruch, entstanden in Jahrhunderten, erfüllt die Luft. Rostige Schwerter und Hellebarden hängen an den Wänden. Samtene Vorhänge verrotten. Die bunten Glasfenster sind eingeschlagen und Vögel haben sich eingenistet. Der goldene Thron ist mit Taubenkot bedeckt. Ein großer, ovaler Tisch steht in der Mitte des Raumes. Seine Platte hat Sprünge und Risse. Sieben Stühle stehen rund um den Tisch. Sie sind ohne Ausnahme morsch und faulig.

In diesem Ratssaal haben früher die Könige und Königinnen von Kalmania geherrscht – Gesetze verabschiedet, Verträge geschlossen, Handelsbeziehungen aufgebaut, Hochzeiten vereinbart und Kriegszüge angeordnet. Doch das ist lange vorbei. Geblieben sind nur Verfall und Asche.

Der Zauberer hebt erst seine rechte Hand, dann die linke. Lichtsäulen strahlen aus seinen Fingern. Staub und Unrat verschwinden, ebenso die Risse und Sprünge in dem Tisch. Die Stühle knarren. Ihr Holz strafft sich, die Sitzbezüge erscheinen wie neu.

Der Herrscher nickt. „Nun ist es angemessen.“ Seine Stimme klingt kratzig und spröde, ganz so, als ob er viele Monate kein Wort gesprochen hätte.

Die drei setzen sich. Meine Mutter kann erneut ihre Kraft spüren und erzittert in ihrem Traum.

„Meine Legionen stehen bereit“, sagt der Herrscher. „Sie können jederzeit zuschlagen.“

„Ist das klug?“, zweifelt die Hohepriesterin. Ihre Stimme klingt dunkel, ihr Timbre ist rauchig. „Du brauchst deine Soldaten, um die Grenzen zu sichern und um deine Länder zu befrieden. Es gibt immer noch Rebellen und Aufständische. Und der Emporkömmling aus dem Süden ist noch nicht besiegt.“

„Die Legion ist nur eine Möglichkeit“, erwidert der Herrscher. „Es gibt Alternativen.“

„Vier Wege“, sagt der Zauberer. Er spricht leise, weich, flüsternd. „Einen direkten mit deinen Legionen. Und drei indirekte, verschlungene. Zwei davon kurz, einer lang.“

Die Hohepriesterin legt ihre Dolche auf die Tischplatte. „Meine Meuchlerinnen sind bereit für den einen Weg.“

Der Herrscher starrt sie durch die Augenschlitze seiner Maske an. „Sind sie gut genug?“

Anmutig neigt die Hohepriesterin den Kopf. Ihr goldener Stirnreif funkelt. „Die Zeit wird es weisen.“

„Die Zeit!“ Der Herrscher spuckt die beiden Wörter beinahe aus.

„Wir haben viel davon“, meint der Zauberer mit seiner leisen Stimme. „Mehr als je ein Wesen vor uns.“ Er berührt einen blauen Siegelring, der auf seinem linken Ringfinger steckt.

Der Herrscher greift zu seinem bronzenen Armreif. Die Hohepriesterin umfasst ihre silberne Halskette.

„Die Reliquien haben uns über all die anderen erhoben“, fährt der Zauberer fort, „und uns reich beschenkt. Mit Wissen, Macht, Magie. Und vor allem mit Zeit.“

„Dennoch fehlen noch zwei“, entgegnet der Herrscher.

„Wir werden sie uns holen“, sagt die Hohepriesterin.

„Nun gut.“ Der Herrscher legt seine Handflächen aneinander. „Ein kurzer Weg sind die Meuchlerinnen. Der andere kurze Weg bedeutet Diebstahl.“ Er öffnet seine Hände. „Also wird die Gilde der Diebe von mir hören. Sie wird Unsummen von Gold verlangen.“

„Ist das ein Problem?“, fragt der Zauberer.

„Nein.“ Der Herrscher schüttelt beinahe unmerklich den Kopf. „Aber ich bezweifle, dass die Gilde über geeignete Frauen verfügt.“

Die Hohepriesterin beugt sich nach vorne. „Meine Göttin Haspanarte ist eine Frau. Und mächtiger als all die anderen Götter.“

„Ich zweifle weder an dir noch an deiner Göttin“, sagt der Herrscher. „Ich zweifle an den Menschenfrauen.“

„Trotzdem ist es einen Versuch wert“, wirft der Zauberer ein.

Die drei sehen sich an. Die Luft knistert von all der Magie.

Und meine Mutter versteht.

Der Herrscher möchte Macht und Ordnung.

Der Zauberer Frieden und Harmonie.

Und die Hohepriesterin Glauben und Gehorsam.

Starke Gründe. Gründe, für die die drei bereit sind, alles zu tun. Auch zu morden?

Meine Mutter hat Angst. Sie will nicht mehr träumen.

Da ergreift erneut der Herrscher das Wort. „Und der lange Weg?“

Die Hohepriesterin lächelt. „Ich habe nachgedacht ...“

Der Zauberer erwidert ihr Lächeln. „Ich auch.“

Meine Mutter erwacht. Sie zittert am ganzen Körper. Ihre Hände beben. Flehentlich ruft sie nach unserer Göttin Bahluna.

Ich öffne meine Augen. Das Rufen meiner Mutter hat mich aufgeweckt.

Ich bin noch jung, dennoch kann ich die Angst in den Augen meiner Mutter erkennen. Zögernd frage ich, was sie bedrückt.

Sie beugt sich zu mir, streicht liebevoll über meine ledernen Schuppen und erzählt mir von ihrem Traum. Langsam, ausführlich.

Ich höre aufmerksam zu. „Hat dir Bahluna diesen Traum geschickt?“, frage ich, als sie mit ihrer Erzählung geendet hat.

„Ja“, haucht sie.

„Hat dieser Traum mit mir zu tun, Mutter?“

„Ich weiß es nicht.“

01

Meine Mutter war eine Skriek. Groß, stark, schnell, mit üppigen weiblichen Formen und frei von jeglichem Haar. Ihren Körper bedeckten, wie es für Skriekfrauen typisch ist, unzählige kleine, rotgoldene, lederne Schuppen. Wenn direktes Sonnenlicht auf ihre Schuppen fiel, glitzerten sie in bunten Farben. Sie hatte ovale, schräg stehende Augen von einem intensiven, dunklen Blau. Ich habe ihre Augen geerbt.

Ein Skriekauge hat keine Pupille und keine Iris, dennoch ist es jedem menschlichen Auge weit überlegen.

Meine Mutter hatte schöne Hände und Füße. Ihre Schuppen waren dort von einem besonders dunklen Rot. Schlanke, hornige Krallen, die sich zum Ende hin verjüngten und nach unten bogen, schmückten ihre Finger und Zehen und erlaubten ihr, steile Felswände mühelos zu erklimmen. Ihre Zähne waren spitz und weiß, die Nase schmal und lang. Unförmige Nasenflügel, die die Gesichter der Menschen so verunstalten, fehlen den Skriek. Meine Mutter hatte ausgeprägte, hohe Wangenknochen und kleine, rundliche Ohren, die eng an ihrem Kopf anlagen. Meist trug sie bunt gefärbte Kleider aus leichten Baumwollstoffen. Ein breiter Gürtel mit zahlreichen Taschen umschloss ihre Hüften, sodass sie all die Gerätschaften, die eine Skriekfrau benötigte, stets bei sich hatte. Nach ihrem Tod nahm ich den Gürtel an mich. Ich trage ihn seither jeden Tag voll Stolz und seine Taschen sind stets gut gefüllt.

Meine Mutter war eine Künstlerin und verstand es vortrefflich, auf einer Knochenflöte zu musizieren. Sie spielte traurige Weisen und fröhliche Tänze. Manches Lied hat sie allein für den Mond komponiert. Die große Göttin Bahluna hat sie in dieser Hinsicht mit reichlich Talent gesegnet. Meine Mutter war aber auch gütig, klug und weise. Sie kannte die alten Geschichten und lachte gerne. Aber das Wunderbarste an ihr war, dass eine wahrhaft große Seele ihren Körper bewohnte.

Ich glaube aus ganzem Herzen, dass die Seele meiner Mutter nun im großen Mondschloss weilt und neben Bahluna im Garten der Freuden an einem stillen Weiher sitzt und glücklich ist.

Ich vermisse sie jeden Tag.

Alle Skriek sind groß, über zwei Meter, und stark. In einem Ringkampf kann ein einzelner, egal ob Skriekfrau oder Skriekmann, es leicht mit drei, vier Menschenmännern aufnehmen.

Skriek leben in losen Familienverbänden. Meist ziehen sie in kleinen Gruppen durch das Alltanische Gebirge. Manchmal wandern sie auch entlang der zahlreichen Flüsse Embriens und durchqueren die Lungerischen Tiefebenen. Stets folgen sie dem Ruf Bahlunas, auf der Suche nach einem Lied oder einer Geschichte. Die Menschen würden sie wohl als ausgesprochen neugierig einstufen. Die Skriek hingegen bezeichnen sich selbst als mahamsanazu; es weist auf ihr unstillbares Interesse an all den Dingen hin, die Bahluna erschaffen hat, und an all den Begebenheiten, die sich im Leben ereignen können.Da alle Skriek von ihrer Göttin Bahluna eine große, weite Seele geschenkt bekommen haben, sind sie stets auf der Suche nach Schönheit, Wahrheit und Liebe, um ihre Seelen zu erquicken. Die niederen Triebe der Menschen widern sie an. Kein Skriek hat Freude am Kampf oder gar am Töten. Habgier und Neid sind ihnen fremd. Macht und Besitz streben sie nicht an, Stadtmauern und Burgen engen sie ein. Vorschriften und Gebote gibt es unter ihnen nicht.

Die Skriek mögen auch kein Eisen und keinen geschmiedeten Stahl. Sie haben zum Schutz und zur Abwehr lediglich Stöcke aus Holz. Das muss genügen. Vielleicht gibt es aber auch deswegen nur mehr so wenige Skriek? Oder es liegt daran, dass die Skriek kein Talent zum Überleben haben. Nur wenige werden älter als fünfzig Jahre, obwohl es ihren Körpern möglich wäre, viele Jahrhunderte zu überdauern.

Viele Völker verabscheuen die Skriek. Manche hassen sie sogar und halten sie für Mörder und Leichenschänder. Darum werden die Skriek auch so oft gejagt und getötet. Doch das ist ein großes Unrecht! Die Skriek achten alle Wesen. Niemals würden sie mit einem Troll oder Gnom Streit suchen. Selbst den Menschen begegnen sie friedvoll und mit Achtung vor deren Seelen, obwohl sie wissen, dass die Seelen der Menschen klein und kümmerlich sind.

Die Skriek jagen und essen keine Tiere, sei es nun Reh, Wildschwein oder Fisch, sondern sie ernähren sich von Pflanzen, Wurzeln und Kräutern. Ich selbst esse Fleisch. Es hat aber viele Jahre gebraucht, bis ich akzeptierte, dass mein Körper nach gegartem und gekochtem Fleisch verlangt. Dieses Verlangen verdanke ich meinem Vater.

Skriek sind, im Gegensatz zu den Menschen und Riesen, auch über alle Maßen treu. Haben sie einmal ihren Seelenpartner gefunden, bleiben sie ein Leben lang mit ihm verbunden.

Der Seelenpartner meiner Mutter hieß Soltanisono. Er war von hohem, schlankem Wuchs und hatte wie jeder Skriekmann breite Schultern und dunkelblaue Schuppen. Seine Augen waren golden, und meine Mutter erzählte mir einst, dass sie sich zuerst in seine Augen verliebte. Das erste Mal trafen sie sich vor über dreißig Jahren an den Hängen des Taltorron. Soltanisono kam mit seiner Sippe einen schmalen Weg entlang. Meine Mutter und ihre beiden Schwestern saßen auf einem großen Felsen und spielten mit ihren Knochenflöten eine alte Weise. Soltanisono hielt an und lauschte der Melodie. Nach einer Weile trat er vor meine Mutter, grüßte höflich und sah ihr lange in die Augen.

Meine Mutter erzählte mir oft, dass sich in diesem Moment ihre Seelen berührt hätten. Lächelnd kletterte sie vom Felsen und ergriff seine krallenbewehrte Hand. Das war der Beginn ihrer Liebe. Viele Monde zogen Soltanisono und meine Mutter durch die Länder des allunischen Kontinents. Sie durchstreiften Wälder und Auen, Steppen und Ebenen, aber am liebsten waren ihnen die verschlungenen Bergpfade Masturiens. Sie fertigten Knochenflöten, aßen Pilze und Knollen, tranken edle Weine, suchten nach Silber und liebten sich inniglich. Nach zwei Jahren war die Zeit des gegenseitigen Erkennens endlich vorbei und Soltanisono und meine Mutter wollten ihren ewigen Bund vor Bahluna zelebrieren. Meine Mutter zog sich in eine Klause des Masturischen Waldes zurück, band einen Kranz aus Wiesenblumen, spielte ihre Knochenflöte und wartete. Sie war aufgeregt und glücklich. Und sie spürte, dass ihr Leib bereit war, zu empfangen. In ein, zwei Monden würde neues Leben in ihr heranwachsen.

Soltanisono ging währenddessen zu den Kathlonischen Furten, um dort nach Silber zu suchen, das er meiner Mutter schenken wollte. So war es Brauch bei den männlichen Skriek, wenn sie sich mit ihrer Seelenpartnerin auf ewig verbinden wollten. Die Höhlen rund um die Kathlonischen Furten waren bekannt für ihren Silberreichtum. Man wusste aber auch, dass dort entflohene telberische Soldaten ihr Unwesen trieben und auf der Suche nach Sklaven für die vinbonischen Märkte waren. Soltanisono schreckten diese Gefahren aber nicht. Er wollte so viele Silberstücke wie möglich für meine Mutter finden. So tief ging seine Liebe zu ihr, dass er kein noch so großes Risiko scheute.

Die Skriek sind das wundervollste Volk unter der Sonne, aber ich sagte es schon, sie haben leider kein Talent zum Überleben. Kurz bevor Soltanisono die Kathlonischen Furten erreichte, stieß er auf drei telberische Soldaten. Sie zogen ohne Vorwarnung ihre Schwerter und hielten sie an Soltanisonos Hals. Er wusste, was das bedeutete: Gefangenschaft und Sklaverei!

Soltanisono dachte an meine Mutter und spürte die unendliche Liebe, die er für sie empfand, tief in seinem Herzen. Er konnte ohne sie nicht leben. Daher beschloss er zu kämpfen. Aber auch wenn er viel größer und stärker als die menschlichen Soldaten war, so war er in seiner Seele doch vor allem ein Sänger und Künstler und im Kampf völlig unerfahren. Es gelang ihm zwar mit einem raschen, kraftvollen Hieb einem Soldaten mit seinem Holzstab den Schädel einzuschlagen, als er jedoch die gebrochenen, toten Augen des Menschen sah, erfüllte Trauer seine Seele und er zögerte. Diesen Moment nutzten die beiden anderen Soldaten, um ihre Schwerter in seine Brust zu treiben. Soltanisono starb mit einem lauten Ruf nach meiner Mutter. Dann entschwebte seine Seele zu Bahluna.

So eng und innig waren die Seelen meiner Mutter und ihres Geliebten verbunden, dass sie den Augenblick seines Todes unmittelbar miterlebte. Und sogar seinen verzweifelten Ruf nach ihr vermeinte sie zu spüren.

Tiefe, schwarze Trauer erfüllte meine Mutter. Langsam nahm sie den Blumenkranz von ihrem Kopf. Dunkle Tränen rannen über ihre Wangen und ihr Herz war voll Leid. Stunden vergingen. Schließlich erhob sie sich und machte sich auf den Weg. Nach kurzer Suche fand sie Soltanisonos Leichnam. Die Soldaten hatten ihn gehäutet und seine schuppige Lederhaut mit sich genommen, um sie an einen fahrenden Händler für goldene Taler zu verkaufen. Meine Mutter harrte bei ihrem Liebsten aus, bis der erste Tag des Vollmondes gekommen war. Dann nahm sie all ihr Silber aus ihren Gürteltaschen und legte es auf seine Brust, dort wo einst seine edle Seele gewohnt hatte. Sie übergoss ihn mit reichlich Fackelöl und zündete ihn an. Es dauerte lange, bis alle Flammen erloschen waren. Mit bebenden Fingern ergriff meine Mutter eines von den angerussten, verschmolzenen Silberstücken und verwahrte es als Andenken an ihren geliebten Soltanisono in einer ihrer Gürteltaschen. Sie nahm Stab und Knochenflöte an sich und ging los. Bahluna hatte ihre Seele berührt und ihr eine klare Botschaft geschenkt. Meine Mutter sollte Allunien verlassen und sich nach Euptonien, dem Kontinent der Menschen, begeben, um dort aus einem menschlichen Oberschenkel eine neue Knochenflöte zu Ehren Soltanisonos anzufertigen.

Tagelang war sie unterwegs. Sie kannte weder Rast noch Ruh. Endlich erreichte sie die Meeresenge von Tassuan und die ersten Ausläufer von Kornium, dem östlichsten Teil Euptoniens. Mit einem Mal fühlte sie einen Frieden in sich, den sie seit Soltanisonos Tod nicht mehr verspürt hatte. Das Ziel ihrer Reise war nahe. Sie blieb stehen und witterte. Ihre kleinen, runden Ohren zuckten. Plötzlich hörte sie die schmerzerfüllten Schreie eines Mannes. Vorsichtig schlich sie in jene Richtung, aus der die Rufe gekommen waren. Sie bewegte sich geschmeidig und leise von Baum zu Baum. Schließlich erreichte sie den Rand einer Lichtung. Zwei bärtige Männer, bekleidet mit einfachen Fellhosen und ärmellosen Jacken, standen über einem toten, telberischen Soldaten. Sie hatten ihn mit ihren Streitäxten niedergestreckt. Meine Mutter dankte Bahluna für ihre Weisheit und formte das heilige Zeichen des Mondes mit ihren Krallenhänden. Telberische Soldaten hatten Soltanisono getötet und nun würde sie aus dem Oberschenkelknochen eines Telberiers die Knochenflöte für ihren Liebsten anfertigen. Das schien ihr gut und richtig zu sein.

Mit einiger Ungeduld wartete meine Mutter gut verborgen hinter einem Baum, bis die beiden bärtigen Männer dem telberischen Soldaten all seine Münzen und Waffen geraubt hatten und sich endlich von dannen machten.

Schließlich hatte das Warten ein Ende und meine Mutter konnte sich zu dem toten Telberier begeben. Mit ihren scharfen Krallen legte sie den rechten Oberschenkel des Getöteten frei und holte seinen Oberschenkelknochen aus dem blutigen Fleisch. Meine Mutter säuberte den Knochen notdürftig und dankte Bahluna erneut für das großzügige Geschenk. Anschließend stand sie auf, um sich auf den Rückweg nach Euptonien zu machen, um dort mit der Bearbeitung des Knochens zu beginnen. Wenn die Flöte vollendet war, würde sie jedes Mal, wenn sie auf ihr spielte, mit ihrem geliebten Soltanisono verbunden sein.

Meine Mutter hatte erst wenige Schritte getan, als die zwei bärtigen Männer von vorhin aus einem nahegelegenen Dickicht traten. Sie waren in Begleitung von sechs weiteren Kriegern zurückgekehrt, drei davon waren mit Steinschleudern bewaffnet. Einer von ihnen trug einen bronzenen Stirnreif und schien ihr Anführer zu sein. Sein Name, so erfuhr meine Mutter später, war Chandrion.

Die Männer schwärmten aus. Meine Mutter versuchte zu fliehen, doch da flog ein Stein heran und traf ihre Schläfe. Sie wankte, aber sie war stark und flink. Ihre Krallen schossen nach vorne und schlugen blutige Furchen in das bärtige Gesicht eines Angreifers. Der Mann schrie heulend auf und stürzte zu Boden. Meine Mutter wirbelte geschmeidig zur Seite, hob ihren Stab und fauchte herausfordernd. Ihre große Seele spürte zum ersten Mal so etwas wie Hass. Sie erschauerte. Ein weiterer Stein, größer und schwerer als der erste, sauste heran und traf sie knapp über dem linken Ohr. Erneut taumelte sie.

Dann waren die bärtigen Männer über ihr. Ein Eisenschild wurde mit Wucht gegen ihren Kopf geschlagen und meine Mutter verlor das Bewusstsein.

Viel später erwachte sie mit dröhnenden Kopfschmerzen und schlimmem Durst. Sie lag in einem Pferdestall auf einem Strohlager, war in Eisen gekettet und nackt. Ihre Kleider lagen zerfetzt auf dem schmutzigen Boden. Über ihr stand Chandrion. Er war ebenfalls nackt. Seine Augen funkelten lüstern. Meine Mutter spürte in ihren Körper hinein und stellte erschüttert fest, dass sich der bärtige Krieger während ihrer Bewusstlosigkeit bereits zwei Mal an ihr vergangen hatte. Sie zerrte heftig an ihren Ketten, doch vergebens. Das Eisen war zu stark.

Da wuchs wiederum der Hass in ihrer Seele und erneut erschauerte sie. „Warum?“, fragte sie Bahluna. „Warum nur?“ Sie bekam keine Antwort.

Meine Mutter wusste, dass die meisten Menschen die Skriek als hässlich empfanden. Doch sie hatte auch davon gehört, dass einige Menschenmänner ein perverses Vergnügen daran hatten, Skriekfrauen zu besteigen.

Ein Skriekmann würde niemals einer Menschenfrau Leid zufügen! Wie verdorben und böse Menschenmänner doch waren!

Wieder und wieder zerrte meine Mutter an den eisernen Ketten. Chandrion lachte höhnisch über ihre nutzlosen Bemühungen und legte sich erneut zu ihr auf das Strohlager.

Ein drittes Mal verging er sich an meiner Mutter. Dieses Mal bekam sie alles mit und ihre Seele wollte vor Leid zerspringen. Als Chandrion fertig war, spuckte er meiner Mutter ins Gesicht und lachte höhnisch. Meine Mutter sah ihn eine Weile nur ausdruckslos an. Schließlich bat sie ihn um einen Schluck Wasser. Verärgert darüber, dass meine Mutter ihn ohne Unterwürfigkeit oder gar Angst angesprochen hatte, griff er nach seinem Schwert, das er zuvor an einen Pfosten gelehnt hatte. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie in diesem Moment sicher war, sterben zu müssen. Aber Chandrion überlegte es sich im letzten Augenblick anders. Anscheinend hatte er zu großen Gefallen an ihr gefunden und wollte sie noch nicht töten. Er legte sein Schwert zur Seite, holte eine Kelle mit Wasser und hielt sie an ihre blutenden Lippen. Meine Mutter trank gierig. Dann schlug sie zu. Ihre Krallen fuhren durch seine empfindliche Menschenhaut, zerfetzten Muskeln und Blutgefäße und bekamen schließlich seine Gedärme zu fassen. Sie zog sie mit einem kräftigen Ruck aus seinem Leib und er starb mit einem erbärmlichen Wimmern.

Meine Mutter langte nach dem Schwert. Sie brauchte fünf Schläge, bis die Kette endlich zerbrach. Immer noch spürte sie diesen beängstigenden, ihr lange Zeit so fremden Hass. Sie hob das Schwert und rammte es in Chandrions Brust, dorthin, wo sich seine kümmerliche, kleine Menschenseele befunden hatte. Dann floh sie, bevor Chandrions Männer sie aufhalten konnten.

Siebzehn Monde später kam ich in der Nähe des Pastallischen Haines zur Welt. Meine Mutter weinte bei meiner Geburt bitterliche Tränen.

Ich bin ein Bastard. Halb Skriek, halb Mensch. Meinen Hals, meinen Rücken, meine Schultern und Teile meines Hinterkopfes sowie meine Arme und meine Beine bedecken grünliche Schuppen. Mein Gesicht, meine Stirn und meine Brust haben eine menschliche Haut. Ich habe die Nase und die Augen eines Skriek, aber meine Ohren sind fast so fleischig und groß wie bei einem Menschen. Einzelne, dunkle Haare wachsen auf meinem Kopf, meinen Wangen und meinem Kinn, daher rasiere ich mich jeden Tag. Nur meine vier Eckzähne sind spitz, alle anderen sind ebenso flach wie jene von Menschen und Wiederkäuern. Ich bin groß, ebenso groß wie meine Mutter. Meine Hände und Füße sind eine Mischung zwischen Skriek- und Menschengliedern. Ich habe nur wenige Schuppen auf Fingern und Zehen. Meine Krallen sind kürzer als jene der Skriek und den Nägeln der Menschen nicht unähnlich. Sie verjüngen sich an den Enden, sind dick und kräftig und erlauben es mir, fast ebenso geschickt wie ein Skriek über Felsen zu klettern.

Ich spiele die Knochenflöte, verehre meinen Gott und esse Fleisch. Eisen und Stahl schrecken mich heute nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Ich nenne zwei Streitäxte, einen Kampfstab und ein Rundschild mein Eigen.

Ich empfinde das mahamsanazu der Skriek, und auch der Hass und der Zorn der Menschen sind mir wohlvertraut. Täglich mehre ich meine Kraft und feile an meiner Kampftechnik. Ich habe Menschen und andere Wesen getötet und es hat mich erschreckt. Anfangs.

Ich fühle und denke oft wie ein Skriek. Doch ich bin auch ein Bastard und weiß, dass meine menschliche Seite sehr stark ist. An manchen Tagen wünsche ich mir sehnlichst, dass ich die große, schöne Seele eines Skriek besitze, doch in ehrlichen Stunden weiß ich, dass dieses Wünschen vergebens ist.

02

Meine Mutter suchte, während ich in ihrem Körper heranwuchs, nach ihren Schwestern. Ein den Skriek eigener Instinkt führte sie zu ihrer Stammsippe, wo sie bereits sehnsüchtig von ihren beiden Schwestern und all den anderen Sippenmitgliedern erwartet wurde, die in einer hoch oben gelegenen Höhle nahe den Pastallischen Hainen lagerten. Es war damals für alle keine glückliche Zeit, da nicht nur meine Mutter, sondern auch ihre Schwestern großes Leid in sich trugen. Mahansata, die ältere, hatte erst wenige Monate vor meiner Niederkunft ihren geliebten Seelenpartner verloren. Er war unglücklicherweise einem überaus gereizten Troll über den Weg gelaufen. Puntamina, die jüngere, litt immer noch in ihrer Seele unter dem plötzlichen Tod ihres jüngsten Sohnes, der vor eineinhalb Jahren von einer Felslöwin getötet worden war. Wie schon erwähnt, die Skriek haben nur wenig Talent zum Überleben. Und so waren die drei Schwestern in jener Zeit, als meine Mutter mit mir schwanger war, einander Stütze und Hilfe und versuchten, sich in ihrer Seelenqual beizustehen und zu trösten. Und alle, auch die restlichen fünfzehn Sippenmitglieder, erwarteten schon gespannt meine Geburt. Meine Mutter hatte nämlich allen vorbehaltlos von ihren schlimmen Erlebnissen mit den Nordmännern und von ihrer Vergewaltigung durch einen von ihnen, die schließlich zu meiner Zeugung geführt hat, erzählt.

Bei den Skriek gab und gibt es diesbezüglich keine falsche Scham. Was auch immer ihre großen, reinen Seelen belastet, muss ans Tageslicht gebracht werden, damit es sich nicht als böse Dunkelheit in ihnen einnistet. Darum erzählen die Skriek jederzeit frei von sich, ihren Gedanken, Gefühlen, Ängsten, Sorgen, Träumen und Wünschen. Später hielt es meine Mutter auch so mit mir. All ihr Wissen, ihre Lieder, ihre Geschichten und Erlebnisse breitete sie vor mir aus und ließ mich so an ihrer Seele und ihrem Leben teilhaben. Ich selbst erfuhr von ihr höchstpersönlich einige Jahre nach meiner Geburt all die Umstände, die zu meiner Zeugung geführt hatten. Meine Mutter sprach oft über ihre ewige Liebe zu Soltanisono, über die Schmerzen, die ihr mein Vater Chandrion zugefügt hatte und davon, wie sie seinen Unterleib mit ihren Krallen aufgeschlitzt hatte. Manches Mal erzählte sie auch von ihrer langen und mühsamen Rückkehr nach Allunien, bis sie schließlich ihre Schwestern und deren Familien in den Pastallischen Hainen gefunden und sich auf meine Geburt vorbereitet hatte.

Ich kam auf jene Welt, die Bahluna in ihrer Weisheit und Güte erschaffen hatte. Alle Skriek aus der Sippe meiner Mutter beäugten mich skeptisch und interessiert. Sie waren im Zustand des mahamsanazu. Wie würde ich, ein Mischling zwischen Menschenmann und Skriekfrau, wohl sein? Würde ich eine große, reine Seele haben? Und vor allem, würde Bahluna mich annehmen?

Meine Mutter weinte lange, als sie erstmals meine grünen Schuppen sah, die nicht einmal meinen ganzen Körper bedeckten. Grün war die Farbe der Pflanzen, aber auch der faulenden Verderbnis. Hatte mich Bahluna für immer mit einem Makel gezeichnet? Es beunruhigte die Skriek, dass ich, der ich ja ein Knabe war, keine blauen Schuppen hatte. Anfangs, im frühen Stadium der Entwicklung, waren die Schuppen bei einem gesunden Skriekknaben von einem zarten Hellblau, um sich schließlich bei Erreichen des Mannesalters zu einem satten, dunklen Blau zu verfärben. Wie, fragten sich die Skriek, werden meine Schuppen wohl aussehen, wenn ich erst erwachsen bin? Auch die Krallen an meinen Fingern und Zehen waren untypisch für einen Skriek. Sie waren zu kurz, zu breit und zu wenig spitz zulaufend. Besorgnis machte sich innerhalb der Sippe breit und sie sahen einander an. War nur mein Äußeres missgestaltet, oder mein ganzes Wesen? Es dauerte lange, bis die Tränen meiner Mutter versiegten. Doch schlussendlich legte sie mich an ihre Brust und ich begann zu saugen. Nach einer Weile strich sie mir zärtlich über den Kopf und gab mir den Namen Hamalalenno.

Zwei Wochen später wollten die Skriek weiterziehen. Sie meinten, den Ruf Bahlunas zu vernehmen. Aber sie zögerten, ihre Gürteltaschen zu schnüren und zu ihren Stäben und Knochenflöten zu greifen. Und das lag an mir. Noch immer war nicht geklärt, ob ich ein schlechtes Omen für die Gemeinschaft bedeutete. Reisen waren gefährlich, vor allem für die Skriek, die von allen angefeindet und verfolgt wurden. So gesehen, war eine kleine, unreine Seele, die möglicherweise in meinem fremdartigen Körper wohnte, noch ein zusätzliches, kaum einschätzbares Wagnis. Die Skriek wollten auf keinen Fall, dass ihnen Bahluna zürnte, wenn sie mich auf ihrer Wanderschaft mitnahmen. So beschlossen sie, den nächsten Vollmond abzuwarten und mich dem Urteil ihrer Göttin zu überlassen. Meine Mutter hüllte mich in ein warmes Biberfell und legte mich, kaum dass die Abenddämmerung einsetzte, auf einen sichelförmigen Fels unweit unserer Höhle. Tränen liefen über ihre Wangen, als sie mir noch einmal tröstlich über die Stirn strich. Dann wurde ich meinem Schicksal überlassen.

Doch Bahluna war mir wohlgesonnen und kein Raubtier kam, um mich zu fressen, noch erschienen Gnome oder Kobolde, um mich zu rauben. Bahluna hatte ihr Urteil gesprochen und ich wurde von den Skriek als Sippenmitglied angenommen. Meine Mutter jauchzte erfreut und spielte ihrer Göttin eine fröhliche Weise auf ihrer Knochenflöte. Zwei Tage später zogen wir zu den Zangischen Felsen, stets Bahlunas Ruf folgend.

Ich wuchs heran, wurde größer und stärker und spielte mit den anderen Skriekkindern. Mein fremdes Aussehen schien niemanden mehr zu stören und alle waren freundlich zu mir. Sie riefen mich Hama und erzählten mir Geschichten. So erfuhr ich schon als kleines Kind viel über die Länder unseres magischen Kontinents Allunien, der nicht nur die Skriek beheimatete, sondern auch von vielen anderen Wesen bewohnt wurde. Ich hörte von Gnomen, Kobolden, Zwergen, Riesen und Trollen, die in ihren jeweiligen Territorien herrschten. Ich hörte aber auch von Kampftruppen und Freischärlern, die zahlreich und maßlos durch Allunien zogen.

Die männlichen Skriek der Sippe berichteten von ihrer Suche nach Silber und zeigten mir, wie man einen Wanderstab mit einem Knochenmesser schnitt. Mahansata lehrte mich das Singen und die Neue Sprache, die in Euptonien gesprochen wurde. Mit Puntamina übte ich die Hohe Sprache Alluniens, mittels derer sich Gnome, Kobolde, Riesen, Trolle und Zauberer verständigten. Meine Mutter brachte mir das Schnitzen und Spielen von Knochenflöten bei.

An dieser Stelle ist es mir wichtig anzumerken, dass sich viele Lügen und falsche Legenden um die Knochenflöten der Skriek ranken. Niemals würde ein Skriek ein anderes Wesen töten, um an einen Oberschenkelknochen heranzukommen. Sie bedienen sich lediglich bereits Verstorbener, die gewaltsam oder durch eine Krankheit zu Tode gekommen waren. Den Knochen aller Wesen wohnt eine Melodie inne, die es einem Wesen mit großer Seele ermöglicht, unmittelbar mit Bahluna in Kontakt zu treten. So ist es nur zu verständlich, dass die Skriek, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet, nicht davor zurückschrecken, einen Oberschenkelknochen mit ihren scharfen Krallen aus dem Fleisch bereits Toter zu schneiden.

Die Skriek wissen seit tausenden von Jahren, dass es von Volk zu Volk deutliche Unterschiede im Klang der Oberschenkelknochen gibt. Die Knochen der Gnome und Kobolde sind von einem weichen, zarten Ton. Zwerge klingen erdig und manchmal auch rau. Trollknochen haben eine harmonische Schwingung, die Bahluna besonders gut gefällt, sie sind aber nur schwer zu bekommen. Die Knochen der Riesen verströmen Kraft und Stärke, auf ihnen kann man vor allem die tiefen Töne sehr gut spielen. Die Skriek verwenden auch gerne Menschenknochen, da sie leicht und schnell zu bearbeiten sind und fröhlich und hell klingen. Vor allem junge Frauen haben einen sehr ansprechenden Klangkörper.

Leider führte und führt die Liebe der Skriek zur Musik wiederholt zu Missverständnissen mit den anderen Wesen. Daher werden sie auch immer noch völlig zu Unrecht verfolgt und getötet und ihre Zahl ist stark im Schwinden.

Doch von all dem Hass, der den Skriek entgegenschlug, merkte ich anfangs, als ich noch klein war, kaum etwas. Damals erreichten wir völlig ungehindert das nördliche Tannengebirge, das Ziel meiner ersten Reise. Ich war knapp über ein Jahre alt, als wir dort ankamen, und keiner aus unserer Sippe war während des Marsches verstorben. Die Skriek werteten dies als gutes Zeichen und meinten, dass ich Bahluna günstig stimmen würde. Meine Mutter war sehr stolz auf mich.

Wir blieben fast zwei Jahre im Tannengebirge und ich lernte von den anderen Kindern, wie man steile, glatte Felswände bezwingen konnte. Anfangs stellte ich mich noch ungeschickt an und war allen anderen Kindern unterlegen. Die spitzen, scharfen Krallen der Skriek waren gegenüber meinen breiten, kurzen Krallen beim Klettern deutlich im Vorteil. Auch verfügten die anderen Skriekkinder über eine Gelenkigkeit, die ich durch mein väterliches Erbe nicht hatte. Doch an Kraft war ich den anderen ebenbürtig. Und ich besaß deutlich mehr Ehrgeiz. Stundenlang, während meine Spielkameraden längst die steilen Felswände verlassen und sich anderen Beschäftigungen zugewandt hatten, übte ich, bis meine Muskeln brannten und ich völlig außer Atem war. Mahansata merkte einmal kritisch an, als sie mich verschwitzt und keuchend in den Felsen beobachtete, dass meine Seele vielleicht doch nicht so groß sei, aber meine Mutter zuckte nur mit den Schultern und sagte, dass ich eben gerne klettern würde.

Eines Tages wurde es dann Zeit weiterzuziehen und das Tannengebirge Richtung Süden zu verlassen. Bahlunas Ruf hatte uns erreicht. Wir wanderten entlang der Lungerischen Ebene bis zum Tor von Santanien, das die Kontinente Allunien und Euptonien durch einen schmalen Streifen Fels und Erde verband. Nördlich des Tores, so erzählte mir Puntamina, bereits auf Euptonien gelegen, befindet sich das Land der Amazonen. Sie leben in ihrer Burg Ontron, die am Flusse des On gelegen ist, und herrschen über die Hügel, Wälder und Berge dieser Region. Die Amazonen sind Menschenfrauen, die über geheime Tränke und seltenes Wissen verfügen. Außerdem sind ihre Seelen für Menschen außergewöhnlich groß und rein. So erzählen es zumindest die alten Geschichten.

Eine Weile blieben wir in der Nähe des Tores, gut verborgen in den dichten Wäldern. Schließlich wurde es Herbst und wir wussten instinktiv, dass ein ganz besonders strenger Winter bevorstand. So zogen wir weiter gegen Süden, durchquerten die Mallunische Steppe und verbrachten den Winter im Wald von Taballion, um schließlich das Große Meer zu erreichen. Diese zweite Reise, vom Tannengebirge bis zum Großen Meer, dauerte fast zwei Jahre und sie war, im Vergleich zu meiner ersten, eine recht traurige.

Zwei männliche Skriek, Junkoloso und Fangdeso, keiner von beiden älter als dreißig Jahre, wurden auf einer Waldlichtung von einem Trupp Kobolde gestellt, als sie gerade auf der Suche nach Pilzen waren. Junkoloso und Fangdeso versuchten zwar noch eiligst zu fliehen, doch es war bereits zu spät. Die kleinen, vergifteten Armbrustbolzen der Kobolde durchschlugen die dunkelblauen Schuppen meiner Gefährten, drangen tief in ihr Fleisch ein und ließen sie qualvoll sterben.

Nachdem der Koboldtrupp endlich weitergeritten war, eilten wir zu unseren gefallenen Brüdern. Die blauen Schuppenhäute waren den beiden friedliebenden Skriekmännern von den geldgierigen Kobolden abgezogen worden. Ich erschauerte bei all dem Blut und dem grässlichen Anblick, der sich mir bot. Ganasammana, die Seelenpartnerin Fangdesos, schlug sich vor Verzweiflung gegen die Brust und weinte unzählige Tränen. Junkolosos Seelenpartnerin war schon vor meiner Geburt gestorben, dennoch war die Trauer um ihn nicht minder groß.

Auch ich bedauerte den Tod der beiden sehr. Sie hatten oft mit mir gespielt und gelacht. Ich fühlte, dass es mir mit einem Mal in meiner Brust eng wurde und ich kaum Luft bekam. Meine Zähne knirschten, meine Hände waren zu Fäusten geballt. Verwirrt kam meine Mutter zu mir und fragte, was mit mir los sei. Ich antwortete mit einer Gegenfrage.

„Warum haben sich Junkoloso und Fangdeso nicht gewehrt?“

„Weil sie Bahluna treu gedient haben“, sagte meine Mutter.

„Wir sollten“, knurrte ich, „diese Kobolde jagen und töten.“

Meine Mutter starrte mich entgeistert an. Mahansata und Puntamina waren währenddessen zu ihr getreten. Sie hatten meine letzten Worte gehört. Die drei Frauen formten das heilige Zeichen des Mondes mit ihren Krallenhänden. Meine Mutter neigte sich zu mir und erzählte mir zum wiederholten Male mit leiser, trauriger Stimme, dass sie selbst einst getötet hatte, nämlich meinen Vater, und dass diese Tat immer noch schwer auf ihrer Seele laste und sie daher noch viele Male die Knochenflöte spielen müsse, bis ihre Seele völlig frei von diesem Makel sei.

Ich verstand meine Mutter nicht und blickte sie trotzig an. Mit meinen noch nicht einmal fünf Jahren war ich natürlich unwissend und dumm wie alle kleinen Kinder. Dennoch schien es mir schon damals falsch zu sein, die Kobolde ungestraft davonkommen zu lassen. Noch dazu, wo ein Skriek mindestens doppelt so groß und dreimal so schwer wie ein kleiner, dunkler, haariger Kobold ist.

„Ich will die Kobolde aber töten“, wiederholte ich daher stur meine Forderung. Meine vier spitzen Eckzähne schlugen verärgert aufeinander. Und da hörte ich zum ersten Mal jenes Wort, das mich noch bis heute in den Schlaf verfolgt. „Halbseele“, sagte jemand aus der Sippe. „Hama ist eine Halbseele.“

Ich weiß bis heute nicht, wer als erster von meiner Sippe dieses Wort verwendete. Bis auf meine Mutter und ihre beiden Schwestern, die mir direkt gegenüber standen, hockten alle anderen rund um die beiden Ermordeten, und ich konnte nicht ausmachen, wer gesprochen hatte. Im Endeffekt spielte es wohl auch keine Rolle. Von nun an hörte ich immer wieder das Wort Halbseele. Anfangs nur hinter meinem Rücken, später wurde es mir auch direkt ins Gesicht gesagt.

Auf dem Rückweg von der Lichtung zu unserem Lager fragte ich meine Mutter, warum die Kobolde Fangdeso und Junkoloso gehäutet hatten. Erneut traten Tränen in ihre Augen. „Unsere ledernen Schuppenhäute“, erklärte sie mir, „bringen auf den Märkten gutes Geld.“

„Warum?“, wollte ich wissen.

„Sie machen Taschen, Schuhe, Gürtel und lederne Beutel aus uns“, sagte meine Mutter.

Ich knurrte. Und wieder spürte ich dieses seltsame Ziehen in meiner Brust. Heute weiß ich, dass es Wut und Hass waren, aber damals war ich noch zu unerfahren, um diese Gefühle richtig einordnen zu können.

Es herrschte eine sehr bedrückte Stimmung, als wir Richtung Großes Meer weiterzogen. Tagelang spielte Ganasammana auf ihrer Knochenflöte und sang zu Bahluna. Mit der Zeit war ich ihrer Gesänge so überdrüssig, dass ich an mich halten musste, um sie nicht anzuschreien. Etwa um jene Zeit geschah es auch, dass mich ein kleines Skriekmädchen eines Abends zu einem Wettlauf herausforderte. Sie hieß Malamannina, war ein Jahr jünger als ich und die Tochter von Puntamina. Ich wusste, dass die Skriek schneller liefen als ich, aber ich rechnete mir gegen das jüngere Mädchen durchaus Chancen aus. Doch Malamannina gewann um Längen. Wut kochte in mir hoch, als ich atemlos und weit abgeschlagen hinter ihr in unser Lager gestürmt kam und sah, dass sie schon bei den anderen stand und sich über ihren leichten Sieg freute. Ich lief zu Malamannina und schlug ihr ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht. Sie fiel zu Boden und kreischte auf, als Blut aus ihrer Nase lief. Die anderen Skriek kamen angelaufen. Ich sah das Entsetzen in ihren Gesichtern, als sie erkannten, was ich getan hatte. Auch meine Mutter war bei ihnen. Ihre rotgoldenen Schuppen färbten sich dunkel, sie atmete keuchend ein und aus und ihr vorwurfsvoller, trauriger Blick fand den meinen. Langsam wurde mir klar, was ich getan hatte und ich schämte mich zutiefst. Und dann hörte ich wieder das so verhasste Wort: Halbseele! Ich schluchzte, schlug die Hände vor das Gesicht und lief aus dem Lager.

Stunden später fand mich meine Mutter, an den Stamm einer alten Esche gelehnt. Sie legte ihre Knochenflöte in meinen Schoß. „Du musst für Malamannina spielen“, sagte sie.

Ich nickte, stand auf und ergriff ihre Hand. Beschämt und verwirrt kehrte ich mit meiner Mutter ins Lager zurück.

03

Malamannina hörte in den darauffolgenden Tagen meinem Knochenflötenspiel folgsam zu, doch ihr abweisendes Verhalten mir gegenüber änderte sich nicht. Immer noch schreckte sie zurück, wenn sie meiner ansichtig wurde. Sie versuchte, so gut es in unserer kleinen Gemeinschaft eben ging, sich von mir fernzuhalten.

Ich war unglücklich und fühlte mich böse. Warum konnte ich nicht so großmütig und rein wie die anderen Skriek sein? Immer öfter haderte ich damit, einen menschlichen Vater zu haben, denn ich gab ihm die Schuld daran, dass meine Seele so verkümmert war. Doch es gab auch eine andere Stimme in mir, eine sehr leise, die mir nächtens seltsame, beängstigende Dinge zuflüsterte. Sie sprach von Kampf, Blut und Rache.

Ich war damals erst fünf Jahre alt und ein verwirrtes Kind und konnte nicht ahnen, wie machtvoll die einst so leise Stimme in mir noch werden sollte. Vielleicht hätte ich diese Stimme vehementer bekämpfen sollen, ernsthafter versuchen sollen, sie zum Verstummen zu bringen? Ich weiß es nicht. Aber tief in mir glaube ich jetzt, so viele Jahre später, dass die Götter all unsere Wege mit Mondstaub vorgezeichnet haben und unsere Seelen nicht stark genug sind, gegen diese Wege zu verstoßen. Und mein Gott hat mich als machtvollen Krieger gemalt. Doch das war mir damals noch nicht klar. Damals galt meine größte Sorge Malamanninas Verhalten mir gegenüber. Auch den anderen Skriek blieb die Veränderung an dem kleinen Mädchen nicht verborgen. Vor allem ihre Mutter Puntamina und meine eigene Mutter zeigten besorgte Gesichter und steckten oft die Köpfe zusammen, um einander Rat und Trost zu spenden.

Eines Tages, wir hatten das Große Meer erreicht und den Winter gut überstanden, sagte Puntamina, dass sie mit ihrer Tochter unsere Sippe für einen Monat verlassen würde. Ich wusste sofort, worum es ging. Malamanninas Seele war noch nicht geheilt. Und das war allein meine Schuld.

So verließen die beiden unsere Gemeinschaft, begleitet von unseren besten Wünschen. Jeder von uns wusste, wie gefährlich es war, nur zu zweit durch die Lande zu streifen, aber der Ruf Bahlunas war nicht zu überhören und sogar ich selbst vermeinte, ihr Wispern zu vernehmen.

Jeder Tag des folgenden Monats war voller Qual für mich. Ich sorgte mich um Puntamina und Malamannina.

Meine Mutter nahm mich nach einer Woche zur Seite und hockte sich mit mir in den weißen Sand, gegen den sanft die Wellen des Großen Meeres anliefen. Ich hatte im letzten Winter schwimmen gelernt und fühlte eine seltsame Verbindung zu dem Meer. Es machte mich ruhig und friedlich. Meine Mutter hatte dies bemerkt, deswegen wählte sie das sandige Ufer, um mit mir zu sprechen. Wenn es um die Seele geht, kann man vor einem Skriek kaum etwas verbergen.

Viele Jahre später habe ich die unterschiedlichsten Wesen kennengelernt: Zwerge und Trolle, Riesen und Menschen. Alle erscheinen mir noch heute im Vergleich mit den Skriek dumpf und einfältig zu sein.

Damals am Strand sprach meine Mutter von meinem menschlichen Erbe und davon, dass nur gewisse Teile meines Körpers mit Schuppen bedeckt waren. Der Rest jedoch zeigte menschliche, sonnengebräunte Haut. Ich hatte also, meinte meine Mutter, nicht nur äußerlich Ähnlichkeit mit meinem Vater, auch meine Seele zeigte deutlich menschliche Schwächen. Wenn ich ärgerlich oder traurig wurde, erklärte mir meine Mutter, verzogen sich meine Gesichtsmuskeln und meine, damals als Kind noch hellgrünen, Schuppen, verfärbten sich zu einem giftigen, dunklen Grün. Das waren Zeichen, auf die ich achten müsste. Wenn mich Ärger überkam, sollte ich das Wasser aufsuchen, ruhig atmen, das heilige Zeichen des Mondes formen und zu Bahluna beten. Das würde den wütenden menschlichen Teil in meiner Seele besänftigen.

Ich nahm mir an jenem Tag fest vor, die Ratschläge meiner Mutter zu befolgen und meine Schuppen stets genau zu beobachten, wenn ich in mir Zank oder Hader spürte. Das sagte ich auch meiner Mutter mit ernster Stimme. Daraufhin lächelte sie mich an und strich mir liebevoll über den Kopf. Unsere Blicke verschmolzen und unsere dunkelblauen, ovalen Augen, die im Gegensatz zu denen anderer Wesen weder das Weiß rund um die Iris noch Pupillen hatten, verbargen nichts vor dem anderen. Wir konnten einander tief in die Seelen blicken und ich fühlte mich meiner Mutter in diesem Moment ganz nah.

Da hörten wir plötzlich das Knirschen von beschlagenen Pferdehufen im weißen Meeressand. Reiter kamen herangeritten, direkt auf uns zu. Erschrocken wollte ich hochspringen und fliehen, doch meine Mutter hielt mich zurück.

„Bleib, Hama“, sagte sie.

Ich starrte sie verwundert an. Meine Mutter lächelte und zeigte mit ihrer Krallenhand hinter mich. Schnell drehte ich mich um und sah drei Reiter auf großen, weißen Pferden. Es waren zwei Männer und eine Frau. Sie wirkten machtvoll und erhaben. Graue Mäntel umwallten ihre Körper, sie trugen weiße Togen und purpurne Gürtel. In ihren Händen hielten sie lange Stäbe aus Zedernholz, deren Enden mit feinem Eisen beschlagen waren.

„Wer sind sie?“, fragte ich.

„Zauberer“, flüsterte meine Mutter und senkte demütig den Kopf.

Ich tat es ihr gleich.

Die drei Wesen ritten an uns vorüber. Einer nickte uns freundlich zu, die anderen beiden hoben grüßend die Arme. Dann waren sie vorbei und feiner Sand senkte sich in die Hufspuren, die sie am Strand hinterlassen hatten. Meine Mutter erhob sich und blickte ihnen hinterher. Ich stellte mich zu ihr.

„Die Zauberer sehen wie Menschen aus“, sagte ich verwundert.

Meine Mutter nickte. „Es sind Menschen, aber Menschen mit einer großen Seele. Daher können sie Magie wirken und verfügen über große Macht.“

„Warum haben sie uns nichts getan?“, fragte ich. Alle Wesen, die mir auf meinen Wanderungen bisher begegnet waren, hatten sich den Skriek gegenüber feindlich gezeigt.

„Die Zauberer sind die Bewahrer Alluniens“, erklärte meine Mutter. „Sie tagen im Bastolischen Schloss in einem großen Saal aus marmornen Säulen und halten Rat. Die unterschiedlichen Völker Alluniens sind dort vertreten und werden von den allmächtigen Zauberern angehört. Streit wird von ihnen geschlichtet, Friedensverträge ausgehandelt und Recht gesprochen.“

Ich hörte gespannt zu, meine menschenähnlichen Ohren zuckten interessiert.

„Alle“, fuhr meine Mutter fort, „sind dem Rat der Zauberer unterworfen. Die drei zwergischen Königreiche ebenso wie die sieben Riesenstämme, die vier Trollhorden sowie die Kobolde und Gnome, die ihre Reiche in zahlreiche Fürstentümer aufgeteilt haben.“

„Und haben auch wir Skriek eine Stimme im Rat der Zauberer?“, wollte ich wissen.

„Nein“, sagte meine Mutter und schüttelte ihren schuppigen Kopf. „Wir Skriek leben frei. Wir haben weder Länder noch Städte. Wir bestellen keine Felder und betreiben keinen Handel. Unser Streben geht allein dahin, Bahlunas Ruf zu folgen. Kein Skriek würde seine Tage in einer marmornen Halle verbringen und über Zwistigkeiten debattieren. Dabei würde seine reine Seele verkümmern.“

„Ach so.“ Ich überlegte. „Wir haben also keinen Sitz im großen Saal. Daher dürfen uns all die anderen Wesen jagen, töten und häuten.“

Meine Mutter seufzte. „Niemand darf uns jagen und töten“, erklärte sie. „Der Rat der Zauberer hat es verboten. Aber es gibt viel Streit in Allunien und die Zauberer haben alle Hände voll zu tun, die Grenzen zwischen den einzelnen Fürstentümern und Königreichen zu sichern. Selbst die Wesen eines einzigen Volkes sind sich oft uneins. Zwerg kämpft gegen Zwerg, Troll gegen Troll. So kann es keinen Frieden geben und die Zauberer stehen vor einer schier unlösbaren Aufgabe.“

„Und sie haben daher keine Zeit, sich um uns zu kümmern“, vollendete ich die Ausführungen meiner Mutter.

„So ist es, kleiner Hama“, sagte sie.

Drei Wochen später kehrten Puntamina und Malamannina unversehrt zu uns zurück. Ich stieß einen Schrei der Freude aus und lief Malamannina lachend entgegen, um sie herzlich zu umarmen. Ohne Scheu erwiderte sie meine Begrüßung und ich atmete auf. Sie war geheilt.

Vier Tage später zogen wir entlang der Küsten des Großen Meeres weiter. Unterwegs fanden wir zwei tote Kobolde, deren Körper von kleinen Blasrohrpfeilen gespickt waren. Wir nahmen ihre Oberschenkelknochen und fertigten vier handliche, kleine Flöten, die wir Puntamina und Malamannina schenkten.

Von allen wurden die beiden toten Kobolde als gutes Zeichen Bahlunas gewertet und ich fühlte, dass die Sippe mir wieder wohlgesonnen war. Meine Verfehlung gegenüber Malamannina wurde mir endgültig verziehen und es sollte einige Zeit vergehen, bis ich wieder das verhasste Wort Halbseele hörte.

Eines Tages, wir durchquerten soeben einen Ausläufer des Großen Meeres, überfiel mich völlig überraschend mahamsanazu. Ein unstillbares Interesse brannte plötzlich in meiner Seele und ich wurde unruhig. Meine Mutter erkannte meinen Zustand und nickte mir aufmunternd zu. Wir verließen die Sippe. Mit festem Griff hielt ich die Hand meiner Mutter und überließ mich meinen Instinkten, die mich in östliche Richtung führten. Wir schlugen einen Waldweg ein, schlichen um Bäume und Büsche und hielten Ausschau. Nach einer Weile schnupperte meine Mutter in den Wind und lächelte zufrieden. Mit Gesten hieß sie mir, ihr leise zu folgen. Vorsichtig näherten wir uns einer Lichtung, an deren Rändern Brombeersträucher wuchsen. Ich sah eine Gruppe Kobolde und wieder kochte die Wut in meiner Seele hoch. Die Schuppen an meinen Armen färbten sich augenblicklich dunkelgrün. Da spürte ich die besänftigende Krallenhand meiner Mutter auf meiner Schulter und so versuchte ich ruhig zu bleiben, mein mahamsanazu zu leben und die Kobolde zu beobachten. Nach drei, vier Atemzügen und dem Formen des heiligen Mondzeichens wurde meine Seele wieder friedlicher.

Die Kobolde, es waren rund ein Dutzend, schienen einen Wettstreit auszutragen. Sie hatten Lederschlingen, die sie über ihren Köpfen wirbelten, um kleine, runde Kiesel abzuschießen.

„Das sind Steinschleudern“, flüsterte meine Mutter und zwei goldene Schuppen auf ihrer Stirn färbten sich dunkel.

Da wusste ich, dass sie an die Männer meines Vaters dachte, die sie heimtückisch mit Steinschleudern angegriffen hatten. Zwei Steine, so hatte mir meine Mutter mehrmals erzählt, hatten ihren Kopf getroffen und sie beinahe zu Boden geworfen. Sanft berührte ich ihren Unterarm. Ich wusste, wie schwer es für sie war, die Kobolde mit den Steinschleudern anzusehen, trotzdem blieb sie, gut versteckt vor den koboldischen Augen, neben mir im Gebüsch hocken, damit ich meinem mahamsanazu folgen konnte.

Zwei Kobolde öffneten in regelmäßigen Abständen kleine, aus Weiden geflochtene Käfige, um Singvögel freizulassen. Zwei andere Kobolde zielten auf die gefiederten Tiere und fast jeder Steinwurf brachte einen Treffer. Die restlichen Kobolde, die als Zuschauer fungierten, jubelten bei jedem getroffenen Vogel. Nach einer Weile war der Wettstreit zu Ende und die toten Vögel wurden gezählt. Dann reichte einer der beiden steinschleudernden Kobolde dem anderen ein schmales goldenes Messer. Das war wohl der Siegespreis. Die Kobolde verließen die Lichtung und ich spürte, wie mein mahamsanazu langsam nachließ.

Auf dem Rückweg war ich ungewöhnlich still. Nachts hatte ich einen seltsamen Traum und am nächsten Morgen begann ich, unbeholfen und ungeschickt eine Steinschleuder zu bauen. Ich wollte ein ebenso vorzüglicher Schleuderer wie die Kobolde werden. Als meine Mutter sah, was ich tat, wurde sie traurig und ich erschrak über meine Gedankenlosigkeit. Eilig lief ich zu ihr und bat sie um Verzeihung. Sie schüttelte aber nur den Kopf und sagte, dass dies eben mein mahamsanazu sei.

Da wusste ich, dass sie mir ihren Segen gegeben hatte, und ich arbeitete weiter an meiner Steinschleuder. Ich zielte auf Felsen und Baumstümpfe. Anfangs traf ich kaum, doch mit der Zeit wurde ich geschickter und so mancher Stein fand sein Ziel. Da mich das Schleudern der Steine entspannte und friedlicher machte, ließen mich die Skriek gewähren. In dieser Zeit färbten sich meine Schuppen nur sehr selten dunkel und nur ab und zu ballte ich meine Hände zu Fäusten. Es war eine schöne Zeit und ich fühlte mich behütet und geliebt.

Doch eines Tages, ich war bereits sieben Jahre alt und wir zogen immer noch die Ufer des Großen Meeres entlang, flog über uns eine Möwe. Sie krächzte und keckerte und fast schien es mir so, als würde sie uns verspotten. Ohne nachzudenken griff ich nach meiner Schleuder und drehte sie. Ein rundlicher Stein löste sich von dem Lederband und traf die Möwe mitten im Flug. Das war der beste Wurf, den ich bis dahin abgeschossen hatte und ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass ich tatsächlich treffen würde.

Die Möwe stürzte auf den Strand und verstarb zuckend.

Und da war es wieder, das verhasste Wort. „Halbseele“, sagten sie. „Du hast getötet!“

Meine Mutter formte das heilige Zeichen des Mondes, nahm die Steinschleuder aus meiner Hand und warf sie ins Meer. Ich musste die Möwe begraben und drei Tage an ihrem Grab für sie auf der Knochenflöte spielen.

Ich begann, das tote Tier zu hassen.

Danach wurde alles schlimmer. Die Sippe betrachtete mich noch skeptischer als damals, als ich Malamannina geschlagen hatte, denn jetzt hatte ich sogar getötet.

Innerlich war ich verzweifelt und immer öfter krochen Ärger und Wut in meine Seele. Schließlich nahm mich eines Tages meine Mutter zur Seite, um mit mir zu reden. Sie erzählte erneut, wie sie mit ihren Krallen die Gedärme meines Vaters aufgeschlitzt hatte und wie sehr sie noch immer unter ihrer Tat litt. Jeden Tag bedauerte sie seinen Tod und ihre Seele hatte immer noch einen Makel.

„Du, Hama“, sagte sie, „bist ein Kind und hast schon ein Tier getötet. Du musst in Zukunft viel besser auf deine Seele achten.“

Doch ich spürte kein Bedauern wegen der Möwe. Ein Teil von mir war sogar stolz auf meinen Steinwurf. Meine Mutter spürte dies genau und Trauer verdunkelte ihr Gesicht.

An die nächsten Monate erinnere ich mich nur als eine Zeit der Zweifel und daran, dass ich meist das Gefühl hatte, ganz allein zu sein. Die Sippe zog sich von mir zurück und ich selbst haderte mit mir, weil meine Seele so kümmerlich und klein war. Es gab aber auch Momente, in denen ich zu wissen meinte, dass die Skriek sich irrten und erbarmungswürdige Feiglinge waren. Doch Augenblicke später schämte ich mich wegen dieser Gedanken und fühlte mich noch unvollkommener und verdorbener.

So wurde ich acht Jahre alt und schließlich neun. Wir hatten das Große Meer verlassen und uns wieder Richtung Norden gewandt. Die Alltanischen Berge waren unser Ziel.

In den letzten Monaten hatten sich zwei Sippenmitglieder von uns verabschiedet und sich einer anderen Gruppe angeschlossen. Insgeheim wusste ich, dass sie meinetwegen gegangen waren.

Eine Skriekfrau und ein Skriekmädchen starben, als wir die Furt eines seichten Flusses durchquerten. Ostalische Soldaten griffen uns völlig überraschend an. Bahluna sei Dank, entkamen wir anderen ihren Schwertern und Speeren. Doch mittlerweile war ich so voller Zweifel und Selbsthass, dass ich mir auch die Schuld am Tod der beiden Skriek gab. Meine Mutter widersprach mir zwar, aber ich fühlte mich trotzdem schuldig, da ich glaubte, dass meine dunkle Seele das Unglück anziehen würde. Und ich war mir sicher, dass einige aus meiner Sippe auch so dachten.

Dann geschah etwas, das mich für einige Zeit aus meinen Selbstzweifeln riss.

Es war spät am Abend und wir hatten bereits die Mondandacht vollendet, als wir leise Schritte hörten. Wir lauschten erst angespannt, doch schnell entspannten wir uns wieder. Es waren unüberhörbar drei Skriek, die sich unserem Lager näherten. So stießen Jolandolo, ein großer Skriekmann, Susama, seine fünfjährige Tochter, und Katrilla, eine überaus hübsche Skriekfrau, zu uns.

Schon nach wenigen Augenblicken fiel mir auf, dass Jolandolo voll Stolz und Erhabenheit war. Er hatte einen Wanderstab, dessen Enden, nicht unähnlich den Stäben der Zauberer, mit Eisen beschlagen waren. Das verwunderte mich sehr, denn kein Skriek mag Metall in seiner Nähe, geschmiedetes Eisen schon gar nicht. Doch mich faszinierte der Stab und ich verspürte keinerlei Abscheu gegenüber den eisernen Enden.

Ich mochte Jolandolo von Anfang an und ich fühlte mich auf eigenartige Weise zu ihm hingezogen. Heute weiß ich, dass ich in ihm jenen Vater sah, den ich mir so oft gewünscht hatte.

Katrilla war ebenfalls bemerkenswert. Sie schritt selbstbewusst einher, gelegentlich erhob sie ihre Stimme, ganz selten war sie sogar in einer beinahe aggressiven Stimmung und ballte ihre Krallenhände.

Das alles faszinierte mich und ich suchte unablässig die Nähe von Jolandolo und Katrilla.

Die anderen Mitglieder der Sippe blieben den beiden gegenüber aber reserviert und zurückhaltend.

Einige Zeit später sollte ich erfahren, dass die Zurückhaltung der anderen Skriek unter anderem auch darin begründet lag, dass Katrilla und Jolandolo keine Seelenpartner waren und trotzdem das Lager miteinander teilten.

Es kommt bei den Skriek ja des Öfteren vor, dass ein Seelenpartner stirbt. Danach dauert es, wenn es überhaupt jemals wieder geschieht, sehr viele Jahre, bis die Seele eines Skriek bereit ist, einen neuen Seelenpartner anzunehmen. Jolandolo hatte sich aber schon ein halbes Jahr nach dem Tod seiner Seelenpartnerin, die die leibliche Mutter der kleinen Susama war, mit Katrilla zusammengetan. Hinzu kam, dass jeder Skriek aus unserer Sippe spürte, dass Jolandolo und Katrilla mehr aus Lust denn aus Liebe beieinander waren.

Mir war das völlig egal. Für mich zählte nur, dass sie zu uns gestoßen waren und meinem Leben ein neues, helles Licht gebracht hatten. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, sprach ich mit Jolandolo, der Bahluna sei Dank niemals müde wurde, mir zuzuhören.

Eines Tages erzählte ich ihm auch von meiner Steinschleuder und der Möwe, die ich im Flug getroffen hatte. Er hörte wohl den Stolz in meiner Stimme, doch tadelte er mich deswegen nicht. Nein, ganz im Gegenteil, er zeigte sich ausgesprochen interessiert und fragte nach, wie ich meine Steinschleuder gebaut hatte.

Eine Woche später kam Jolandolo zu meiner Mutter und bat sie, dass ich ihn für zwei Tage begleiten dürfe. Er sagte zu ihr, dass er den Ruf Bahlunas gehört hätte. Meine Mutter war skeptisch und hatte Mühe, ihm zu glauben, aber da Skriek niemals logen, gab sie schließlich, wenn auch äußerst widerwillig, ihre Erlaubnis.

Ich war hocherfreut und überglücklich. Aufgeregt schwatzend marschierte ich neben Jolandolo über eine Blumenwiese und erzählte von meiner Zeugung und wie meine Mutter meinen Vater getötet hatte.

Jolandolo gab nur einsilbige Antworten. Offensichtlich war er mit seinen Gedanken ganz woanders. Schließlich hielt er an und holte zu meiner großen Überraschung zwei Steinschleudern aus einer seiner Gürteltaschen. Er sagte, dass er sie nach meiner Erzählung gebaut habe und nun, fernab von der Sippe, gezeigt bekommen möchte, wie man damit umginge.

Er drückte mir vier kleine Kiesel in die Hand. Ich fragte ihn, ob es wirklich Bahlunas Ruf gewesen war, der ihm geheißen hatte, dass ich mit ihm mitkomme, doch er gab mir keine Antwort, sondern lachte nur kurz auf.

Wir zielten auf den Stamm eines Apfelbaumes. Bald hatte Jolandolo das Prinzip verstanden und traf viel besser als ich.

Die Stunden vergingen und wir übten immer noch. Da hörten wir Stimmen. Ein Trupp von acht Soldaten, alle mit Schwert, Speer und Schild bewaffnet, marschierte über die Wiese. Da sie noch weit entfernt waren, wäre es ein Leichtes gewesen, zu fliehen, doch Jolandolo hielt mich zurück.

„Ich will nicht fliehen“, sagte er. „Ich will noch hierbleiben und weiter mit der Schleuder üben. Kein Skriek sollte vor anderen Wesen davonlaufen.“

„Die Soldaten werden uns töten“, erwiderte ich und meine Stimme war vor Angst ganz heiser.

„Tritt hinter mich“, befahl Jolandolo. Dann verstaute er seine Schleuder in einer Gürteltasche und griff nach seinem Stab mit den eisernen Enden.

Die Soldaten marschierten auf uns zu. Ein Dutzend Schritte vor uns hielten sie an und hoben ihre Speere.

„Den großen Echsenmann häuten wir“, sagte ihr Anführer und spuckte verächtlich aus. „Den kleinen nehmen wir als Sklaven.“