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In unserer gemeinsamen Arbeit werden wir versuchen, eine Ebene zu berühren, die vor den Unterschieden liegt. Wir werden versuchen, Beginnende zu sein. Am Beginn zu sein ist etwas, was man tut. Ein Kind lebt am Beginn. Für ein Kind ist alles, was es tut, das erste Mal. Der Wald, den es betritt, ist der erste Wald. Für uns mit unseren Prägungen ist jeder Wald derselbe Wald, und wir sagen, das ist ein Wald. Aber der Wald ist lebendig und verändert sich ständig. Wenn wir etwas tun, denken wir daran als an etwas, was bereits geschehen ist, oder träumen davon als von etwas, was erst geschehen wird. Wir befinden uns ständig zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aber am Beginn sein bedeutet, Hier und Jetzt sein. In meiner Arbeit suche ich ein Selbstverständnis des Handelns, das den Kräften der Natur gleicht. Der Beginnende ist vor den Unterschieden. Uns diesem Punkt des Beginnens zu nähern, ist das Ziel der Arbeit im kommenden Jahr.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2014
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In unserer gemeinsamen Arbeit werden wir versuchen, eine Ebene zu berühren, die vor den Unterschieden liegt. Wir werden versuchen, Beginnende zu sein. Am Beginn zu sein ist etwas, was man tut. Ein Kind lebt am Beginn. Für ein Kind ist alles, was es tut, das erste Mal. Der Wald, den es betritt, ist der erste Wald. Für uns mit unseren Prägungen ist jeder Wald derselbe Wald, und wir sagen, das ist ein Wald. Aber der Wald ist lebendig und verändert sich ständig. Wenn wir etwas tun, denken wir daran als an etwas, was bereits geschehen ist, oder träumen davon als von etwas, was erst geschehen wird. Wir befinden uns ständig zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aber am Beginn sein bedeutet, Hier und Jetzt sein. In meiner Arbeit suche ich ein Selbstverständnis des Handelns, das den Kräften der Natur gleicht. Der Beginnende ist vor den Unterschieden. Uns diesem Punkt des Beginnens zu nähern, ist das Ziel der Arbeit im kommenden Jahr.
Walter Pfaff, geb. 1949 in Zürich, ist Regisseur und Theateranthropologe. Er inszenierte an Theatern in Europa, den USA und Indien und unterrichtete an zahlreichen Universitäten. 1989 gründete er Parate Labor zur Erforschung der parathetralen Arbeit nach Jerzy Grotowski. Als Direktor des Centre de Travail de Recherches Théâtrales im Burgund (1992 bis 2004 ) verband er diesen Ansatz mit der Erkundung der Beziehungen zwischen modernen europäischen und traditionellen asiatischen Körpertechniken des Performers. 2005 gründete er das interkulturelle MAXIM Theater in Zürich, das er bis 2010 leitete. Seit 2011 entwickelt Walter Pfaff in Zusammenarbeit mit Psychiatrischen Kliniken theatrale Spielformen für die Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten.
DAS SCHWARZE BUCH
DAS BLAUE BUCH
DAS GELBE BUCH
DANKSAGUNG
FRÜHERE VERÖFFENTLICHUNGEN
Heute, am zwölften November, beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles so genau aufschreiben, wie es mir möglich ist. Ich stütze mich dabei auf mein Tagebuch aus jener Zeit der Lehre, aber die Aufzeichnungen sind unvollständig, und so kann ich nur hoffen, dass sich in meiner Erinnerung alles so ausnimmt, wie ich es wirklich erlebte.
’Ich bin ausgestiegen‘, lautet der erste Satz in dem abgegriffenen schwarzen Heft, ’ein Wunder, dass der Zug überhaupt angehalten hat‘. Ich sehe den leeren Bahnsteig noch heute vor mir. Ich war der einzige, der ausstieg. Es stieg auch niemand ein. Ein verlassener Bahnhof ohne Ort. Die eine Fassade starrte auf die nackten Geleise, die schnurgerade auf den bleichen Himmel zu liefen, die andere auf ein schwarzes Asphaltband, das in der Hitze dampfte. Weit und breit kein Mensch. Warum nur bin ich ausgestiegen, dachte ich, aber für innere Stimmen war es jetzt zu spät. Der Gedanke daran, was auf mich zukommen wird, darf jetzt nicht gedacht werden, dachte ich. Später vielleicht. Aber jetzt nicht. Ein Bahnhof ist der beste Ort für einen Anfang.
Ich setzte mich in die Halle und wartete. Ich wartete lange. Ich war bereit, alle Pläne aufzugeben, die ich mir gemacht hatte, aber alle weiteren Züge fuhren durch. Es waren nicht gerade viele, vielleicht einer oder zwei, aber keiner hielt an. Drattatà Drattatà Drattatà: Sie brausten durch die Station und liessen mir den Geruch von verbranntem Eisenstaub zurück.
Heute frage ich mich, weshalb ich die Reise damals überhaupt angetreten hatte. Ich glaube, es war wegen Chris und dem Bild, das er mir damals gezeigt hatte, das Bild von drei Kindern auf einer Strasse in Island. Es sei das erste Bild des Glücks für ihn, sagte er. Er müsse es eines Tages ganz allein an den Anfang eines Filmes setzen, sagte er, und danach nur Schwarzfilm. Wenn man das Glück im Bild nicht sehen könne, würde man wenigstens das Schwarz sehen. Ich sah das Glück auf dem Bild, und in dem Augenblick erwachte in mir auf einen Schlag die Erkenntnis, dass ich den Zustand der Glückseligkeit seit allzu langer Zeit vermisste. Aus der Erschöpfung kommend, stürzte ich mich in das Abenteuer, diesen Zustand wieder zu finden. Heute erscheint es mir manchmal, dass meine Reise aus jenem Punkt getrieben war, wo man sich entweder erneuert oder aber selber aufgibt. Aber vielleicht war das Gegenteil wahr. Jedenfalls sass ich mit abgewetztem Herz in der Bahnhofshalle und träumte von den Kindern in Island. Sie rollten in Purzelbäumen einen Abhang hinab.
Mitten hinein in das Traumbild rumorte von aussen mein Taxi, eine braune Déesse. Der Chauffeur stieg aus und blieb als dunkle Silhouette in der Türöffnung stehen. Mit seiner schief über die Stirn gezogenen Schirmmütze erinnerte er mich an den Fahrer, der mich am Beginn einer anderen Reise in Barcelona zum Hafen gefahren hatte. Ich nahm meinen Seesack und meine grüne Jacke und wir gingen zum Wagen. Ich legte den Sack auf den Rücksitz und setzte mich neben den Lenker. Er schaute mich von der Seite an, legte den Gang mit einem gebieterischen Ruck am Lenkradhebel ein und fuhr los. Wir glitten dahin wie auf Luft. In einer DS ist jede Strasse gut. Ich starrte durch die staubige Frontscheibe auf die Strasse. Schweigend fuhren wir durch dichte Waldungen nach Westen.
Die Fahrt endete abrupt an einem mit Ginster überwachsenen Steinbruch. Der Fahrer stieg aus, den Motor liess er laufen. Ich sah auf einen langgestreckten waldigen Hügelkamm. Ein einsamer Bussard flog vom Rand der Geröllhalde auf und segelte in Richtung der Berge. Ein ockergelber Pfad verlor sich im Gestrüpp. Ich nahm meine Jacke vom Rücksitz. Einen Augenblick standen wir, als gäbe es noch etwas zu sagen. Ich verstand, und zählte Scheine in seine hungrige Hand. Sechs Scheine. Er sagte nicht Danke. Er schob die Mütze zurück, ging um den Wagen, setzte sich ans Steuer, schlug die Tür zu und rollte davon. Und wie damals in Barcelona an der Mole, vor mir das offene Meer, hockte ich zögernd am Bordsteinrand. Vor mir ein Gewirr von dunklen Hügeln, Kuppen, langen waldgrünen Rücken. Eine stumpfe, abweisende Melancholie lastete auf dem Abhang. Bleich kroch ein staubiger Dunst aus dem Tal und färbte das Land grau. Ich kann noch heute die dumpfe Angst heraufrufen, die mich plötzlich packte. Ich begann zu laufen. Ich lief immerzu bergan auf einem schmalen Streifen Weg, der sich durch das Gebüsch zog. Ich sah weder nach rechts noch links, ein sanfter Zwang hielt meine Füsse auf der Bahn und trieb mich voran.
Der Weg endete an einer alten Mauer, hinter der sich ein hohes Gebäude aus gelbem Stein versteckte. Ich folgte der Mauer bis an das Tor und sah durch die Metallstäbe in einen weitläufigen Innenhof. Die Hausfassade hatte die klare Strenge einer Kaserne aus der napoleonischen Zeit. Sie wirkte beinahe vornehm. Die Fenster waren geschlossen. Sie lagen hoch, man konnte vom Boden aus nicht hineinsehen. Eine Steintreppe führte in fünf breiten Stufen zu einer abgeblätterten senfgelben Holztür. Aus dem rostroten Sand im Hof wuchs hartes Gras. Ich stiess das Tor auf. Ich habe das heisere Kreischen der Torflügel in den Angeln noch heute im Ohr, jener vertraute Missklang, der mich lange Zeit begleiten sollte. Ich stand im Hof und lauschte. Nichts regte sich. Ich stieg die Steinstufen hinauf und klopfte an die Haustür, erst vorsichtig, dann ungeduldig und laut. Ich drückte die Klinke, aber die Tür war abgeschlossen. Ich ging um das Haus herum und fand mich in einem verwilderten Garten. Das Gras ging mir bis an die Brust. Unter einem wuchernden Jasminstrauch entdeckte ich eine Gartentür, über der eine alte Schulglocke hing. Ich zog entschlossen an der rostigen Kette. Die Glocke schlug scharf und hell. Ich wartete, aber nichts geschah. Doch, eine braune Eidechse kroch aus dem Efeu, hielt neben dem Türpfosten und beäugte mich mit einem uralten Blick. Dann kletterte sie die Hauswand senkrecht hoch und plumpste in die Dachrinne. Ich war wie betäubt vom Geruch von Gras und dem Singsang des Windes in den Zweigen. Mir war, als würde das Leben sich verlangsamen und stillstehen. Ich dachte, das Einfachste ist, ich lege mich hin, bis die Nacht kommt. Wenn der Mond aufsteigt, wird alles seinen rechten Platz finden.
Wie ich so im Gras lag, öffnete sich hoch über mir ein kleines Fenster und ein bärtiges Gesicht schaute auf mich herab. Ich sprang auf. „Gehen sie“, sagte die dazugehörige Stimme, die mir später so vertraut werden sollte, „die Schule ist geschlossen, wir nehmen keine Schüler auf.“ Das Fenster schlug zu. Inzwischen war es dunkel geworden, dunkel auch in mir. Ich muss im Garten eingeschlafen sein. Einmal stolperte eine Ratte über meine langen Beine und ich zuckte hellwach auf, aber vielleicht ist das eine Erinnerung von einer anderen Reise, jedenfalls war ich hundemüde und schlief tief und fest, wie ich es damals so prächtig konnte. Heute ist an tiefen und festen Schlaf nicht mehr zu denken. Die Zeiten des tiefen Schlafes sind für mich endgültig vorbei. Vielleicht schreibe ich deshalb diesen Bericht.
Am nächsten Morgen stand ich auf und ging unsicher in den roten Hof hinauf. Und setzt du nicht das Leben ein / nie wird dir das Leben gewonnen sein, redete ich mir ein. Das Bartgesicht, seiner abgetragenen Latzhose nach der Hauswart (dachte ich, so kann man sich täuschen) sass, wie er es liebte, aber das wusste ich damals noch nicht, in den Anblick der Steine versunken auf seinem braunen Klappstuhl am Tor und trank Tee aus einer blauen Blechtasse. Die Art, wie er regungslos den Kopf hielt, erinnerte mich an einen Falken auf dem Ansitz, kurz vor dem Zustoss. Eine schwebende Bedrohung ging von ihm aus. „Der Meister ist nicht da“, zischte er durch eine Lücke zwischen seinen gelben Schneidezähnen. „Ich weiss nicht, wann er zurückkommt. Es kann lange dauern. Ich rate ich dir, geh besser wieder fort. Der Alte nimmt keine neuen Schüler auf.“
Ich war von dieser Eröffnung wie gelähmt. Ich bin sonst nicht auf den Mund gefallen, aber damals brachte ich kein Wort heraus. Es muss sich ein dichtes Schweigen ausgebreitet haben, bis es aus dem grauen wolligen Bart plötzlich - und heute denke ich, aus Mitleid - murrte: „Wenn du Angst hast, dahin zurück zu gehen, von wo du gekommen bist, dann warte. Aber ich kann dir nicht sagen, wie lange das Warten dauern wird. Frag mich also nicht.“ Dann widmete er sich wieder dem Betrachten der Steine. Ich sah’s an seinem Rücken, dass ich nicht weiter fragen durfte. Ich musste dringend nachdenken. Ich zerrieb den langen Abend mit Auf- und Ablaufen an der Mauer. Als ich endlich stumpf und müde war, legte ich mich im Garten ins hohe Gras, und die Nacht fiel aus einem schwarzen Himmel sachte auf mich herab; so ward aus Morgen und Abend der erste Tag.
Den nächsten Tag verbrachte ich damit, ziellos durch die Gegend zu streifen. Ich sprach laut mit mir selbst und sagte mir zur Unterhaltung die stolzen Worte des Prinzen von Homburg auf. Beim Gedanken an meine Prinzessin Natalie kamen mir beinahe die Tränen. Am Abend hockte der Wächter mit einem Laib Brot und einem Stück Wurst auf seinem Klappstuhl am Tor. Ich setzte mich neben ihn auf den Boden. Er gab mir ein Stück Brot, und wir kauten in stiller Eintracht. Weshalb ich noch immer da sei, fragte er dann. Die Antwort, die ich gab, bereitet mir noch heute Kopfzerbrechen. Ich hatte ja keine Ahnung! Ich sagte: „Ich will Gehen lernen!“ Wie kam ich wohl gerade darauf ? Jedenfalls war mit dieser Antwort, das ist mir heute ganz klar, meine Zukunft besiegelt. Aber das ahnte ich damals nicht. Damals nahmen die Dinge ihren geheimnisvollen Lauf wie von selbst.
„Gehen lernen!“ Der Mann schaute auf, mir direkt ins Auge. Ich sehe ihn vor mir, wie er kurz auflacht, sich bedächtig eine zweite Scheibe Brot bricht und Wurst hinterher schiebt. Er kaute quälend langsam und nahm sich viel Zeit, bis er die fettigen Lippen mit dem Handrücken abwischte. „So So!“, sagte er, „Gehen lernen?“ Und dann murmelte er leise: „Wehe dir, wenn du hier Theater spielen willst! Wenn wir uns hier verwandeln, dann für immer. Verstanden?“ Dann schwieg er. Die Sekunden wurden wie ganze Tage und die Minuten nahmen das Gewicht von Jahrhunderten an.
Der nächste Eintrag im Tagebuch nennt einen Freitag, demnach mussten zwei Tage vergangen sein, an die ich mich bei bestem Willen nicht erinnern kann. Ich glaube aber nicht, dass dies sehr wichtig ist. An jenem Freitag begann ich, Gehen zu lernen. „Wenn du Gehen lernen willst, musst du Stehen lernen“, sagte, laut Tagebucheintrag ‚mild‘, der Wächter. Wir gingen zusammen in den Garten und übten dort im hohen Gras das Stehen. Ich beobachtete, was der Wächter mir vormachte, und machte es ihm ganz genau nach. Ich solle nicht fragen, hatte er befohlen. Das war die erste Regel die ich lernte.
Wie oft bin ich seither gestanden, und jedes Stehen hat mich, wie ich heute sehen kann, tiefer in die Arme des Jägers getrieben. Hätte ich das damals vorausgesehen, ich weiss nicht, ob ich mich dem Wächter so fraglos ausgeliefert hätte. Er hatte von Anfang an etwas von einem Kobold, aber ich war wohl blind vor törichter Ungeduld und Langeweile. Allzu oft habe ich seither meine damalige Halsstarrigkeit belächelt, allzu oft mich gefragt, ob es eine Alternative gegeben hätte, ob ich den Weg zurück hätte finden können zu dem kleinen verlassenen Bahnhof und zum Schienennetz, das ihn mit der Stadt verband. Wie dem auch sei, es ist geschehen, wie es geschehen musste, und ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ich kann nur diesen Bericht so getreulich wie möglich niederschreiben und versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen. Ich weiss nicht, ob jemand diese Aufzeichnungen je lesen wird. Im Augenblick weiss ich nicht einmal ob ich das wünsche. Das Wünschen hat mir oft Unglück gebracht. Vielleicht werde ich es wissen, wenn ich den Bericht zu Ende geschrieben habe.
Der Wächter stellte sich vor mich hin, und ich machte sein Stehen nach so gut ich damals konnte. Viel gab es für meine unerfahrenen Augen nicht zu sehen. „Ist das wirklich alles“, höre ich mich fragen, worauf er nachsichtig murrt, „was mehr kann es geben?“ Ich mühte mich also ab mit der Stellung der Arme und des Kopfes, mit der Neigung des Oberkörpers und der Position des Beckens, mit lauter Kleinigkeiten. “Ist denn das so schwer“, murmelte der Wächter und zog am Stummel der kalten Zigarette, während mich ein Zittern schüttelte, „wenn der Schmerz beginnt, beginnt erst die Arbeit“. Auf Schnelligkeit kam es dem Wächter wahrlich nicht an. Aber er duldete nichts Ungefähres. Alles geschah sehr, sehr langsam, als gehörte ihm der Lauf der Zeit. Ich stand zum Schluss so still wie der Nussbaum vor mir. Je länger ich ihn anschaute, desto mehr schaute der Nussbaum zurück. Eben noch hatte die Zeit sich ins Endlose ausgedehnt und ganz plötzlich, wie auf einen Schlag, drängte sie mit tausend leuchtenden Sonnenkringeln und bewegten Schatten auf mich ein und verbündete sich mit dem Geschrei der Vögel, dem Gesumse der Insekten und der sanften Berührung des Windes. Es wurde eigenartig still in mir, still von Menschen, still mitten im grossen Klang der Welt.
’Ich bin immer noch da!‘ steht mit Ausrufezeichen quer über der neuen Seite im schwarzen Heft. Ich muss mich also mächtig gewundert haben. Gewundert über mich selbst, gewundert darüber, dass ich nicht längst abgehauen war. Rechtzeitig wegzugehen war bisher immer meine Stärke gewesen, weshalb nur blieb ich hier hängen? Der Wächter liess mich noch immer nicht ins Haus, aber meinen Sack hatte er schon mal im Geräteschuppen untergestellt. Nachmittags lag ich faul und misslaunig im Garten, nachts schlief ich wie ein Toter im Gras. Zum Glück war es ein trockener Sommer, es regnete nicht und ich war zufrieden mit meinen Schlafplatz unter den Sternen. Der Wächter hatte mir noch immer seinen Namen nicht genannt, aber da wir meist schwiegen, fiel es mir nicht einmal besonders auf.
Etwas hatte ich in jenen ersten Tagen erkannt und voller Stolz auf die neu erworbene Genauigkeit im schwarzen Heft notiert: Ich stehe, aber ich weiss jetzt, wie! Jetzt beobachte ich beim Stehen die Arbeit meiner Muskeln. Dazu habe ich als erstes die so genannte Grundposition gelernt. Dabei stehen die Füsse genau eine Faustbreit auseinander. Ich messe diese mit der Hand ab und vergewissere mich, dass die Füsse ganz genau parallel sind. Meist bleibt mir dabei eine ganze Weile das starke Gefühl, sie stünden einwärts gedreht, aber ich weiss jetzt, das Gefühl täuscht, es folgt der Macht einer alten Gewohnheit. Ich entspanne die Knie,
