Die Leidenschaft der Lady Shelton - Brenda Joyce - E-Book

Die Leidenschaft der Lady Shelton E-Book

Brenda Joyce

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Beschreibung

Eine Liebe, die London in Aufruhr versetzt … Im viktorianischen London ist Lady Nicole Bragg Shelton eine provozierende Erscheinung. Schön, rebellisch und von unwiderstehlicher Sinnlichkeit, verweigert sie sich den starren Konventionen. Ihre verzehrende Affäre mit dem mächtigen Herzog von Clayborough ist der Klatsch der Stadt – eine Liaison, die den Herzog seine Pflicht und Ehre vergessen lässt. Doch hinter den verschlossenen Türen der Leidenschaft, im Rausch verbotener Berührungen, brodeln in Nicole tiefere Sehnsüchte. Sie ist mehr als nur die Mätresse, mehr als nur die Quelle sündiger Freuden. Nicole will wahre Liebe, aufrichtige Anerkennung – eine Verbindung, die ihr Herz wirklich erfüllen kann. Ein leidenschaftlicher Roman voller Gefühle für alle Fans von Sabrina Jeffries.  

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Im viktorianischen London ist Lady Nicole Bragg Shelton eine provozierende Erscheinung. Schön, rebellisch und von unwiderstehlicher Sinnlichkeit, verweigert sie sich den starren Konventionen. Ihre verzehrende Affäre mit dem mächtigen Herzog von Clayborough ist der Klatsch der Stadt – eine Liaison, die den Herzog seine Pflicht und Ehre vergessen lässt. Doch hinter den verschlossenen Türen der Leidenschaft, im Rausch verbotener Berührungen, brodeln in Nicole tiefere Sehnsüchte. Sie ist mehr als nur die Mätresse, mehr als nur die Quelle sündiger Freuden. Nicole will wahre Liebe, aufrichtige Anerkennung – eine Verbindung, die ihr Herz wirklich erfüllen kann.

eBook-Neuausgabe März 2026

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1992 unter dem Originaltitel »Scandalous Love«. Die deutsche Erstausgabe erschien 1998 unter dem Titel »Das entflammte Herz« bei Heyne.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1992 Brenda Joyce Senior

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1999 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Covergestaltung: MostlyPremade - Nadine Most unter Verwendung von stock.adobe.com (4595886, VJ Dunraven, RinaM)

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ma)

 

ISBN 978-3-69076-679-1

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Brenda Joyce

Die Leidenschaft der Lady Shelton

Roman

Aus dem Amerikanischen von Traudi Perlinger

 

Für Adam Matan Senior, geboren am 14. September 1991 um 2 Uhr 30 morgens.

 

Herzlich willkommen in der Welt, mein Liebling!

 

Und wie immer, das versteht sich von selbst, für meinen besten Freund und meine große Liebe, meinen Ehemann – Elie

Prolog

 

Clayborough, 1874

 

Angeregtes Stimmengewirr, das Lachen der Gäste und die Klänge eines Streichquartetts hallten durch das weitläufige Haus. Der kleine Junge lag in seinem viel zu großen Bett zwei Stockwerke über dem Ballsaal und horchte auf die Geräusche. Er starrte schlaflos in die Dunkelheit, die kleinen Fäuste in die Bettdecke gekrallt.

Als Sechsjähriger war er schon zu groß, um Angst im Dunkeln zu haben. Deshalb wollte er die Lampe neben dem Bett auch nicht brennen lassen. Er fixierte die flackernden Schatten an den Wänden seines Zimmers. Die Kinderfrau hatte die Tür einen Spalt offengelassen, durch ihn fiel der Schein der Gaslampen vom Flur ins Kinderzimmer.

Das Kind redete sich ein, die flackernden Schatten seien Menschen, keine Ungeheuer. Damen in funkelnden Juwelen und Herren im schwarzen Frack. Der Junge sah sich als erwachsenen Mann im Kreise seiner Gäste, stark und mächtig wie die Herren unten im Ballsaal. So stark und mächtig wie sein Vater, der Herzog. Nein – stärker. Und mächtiger.

Das Kind lächelte bei dem Gedanken, ein erwachsener Mann zu sein. Dann hörte er sie, und sein Lächeln schwand. Er setzte sich kerzengerade auf. Seine Augen weiteten sich angstvoll.

Sie waren vor seiner Tür im Flur. Er horchte angestrengt – obwohl er gar nicht hören wollte, was sie sagten. Seine Mutter sprach leise, beinahe flüsternd. »Ich habe dich noch nicht erwartet. Komm, ich helfe dir.«

Und dann der Vater. »Hast du es so eilig, mich ins Bett zu schaffen?« Die Stimme des Herzogs von Clayborough war ganz und gar nicht leise.

Der kleine Junge krallte die Fäuste fester in die Steppdecke. Die Schatten jagten ihm keine Angst mehr ein. Das Ungeheuer war jetzt leibhaftig vor seiner Tür, draußen auf dem Flur.

»Was ist los, Isobel?« fragte Francis Braxton-Lowell schnarrend. »Bist du beunruhigt? Man sieht dir deutlich an, daß du dich nicht freust, mich zu sehen. Fürchtest du, ich könnte mich bei den Gästen in meinem eigenen Haus sehen lassen?«

»Nein, natürlich nicht«, entgegnete die Mutter ruhig.

Obwohl der kleine Junge Angst hatte, das Bett zu verlassen, stand er auf, schlich auf Zehenspitzen zur offenen Tür und spähte in den Flur.

Sein Vater war hochgewachsen, blond und gutaussehend, seine Mutter war noch blonder und wunderschön. Der Herzog war unrasiert, sein Anzug war zerknittert, während sie das Bild makelloser Eleganz bot, in einer eisblauen Abendrobe aus Satin, blitzende Diamanten zierten ihren Hals. Die Gesichtszüge des Herzogs waren verzerrt, er wandte sich abrupt ab und schwankte den Flur entlang. Das starre Lächeln im Gesicht der Mutter schwand. Sie folgte ihm ängstlich.

Der Junge ließ die Eltern nicht aus den Augen. Vor der Tür zu seiner Suite blieb der Herzog stehen. »Ich brauche deine Hilfe nicht.«

»Kommst du später hinunter?«

»Fürchtest du, daß ich dich bloßstelle?«

»Nein, nein.«

»Du lügst. Warum bittest du mich nicht, nach unten zu kommen, Isobel?«

Die Mutter stand mit dem Rücken zu dem kleinen Jungen, er konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch ihre Stimme hatte ihre Gelassenheit verloren. »Wenn du hinunterkommen willst, solltest du dich vorher umziehen.«

»Vielleicht tu’ ich das«, knurrte er. Plötzlich heftete sich sein Blick auf das Diamantkollier an ihrem Hals. »Diese Similisteine hab’ ich noch nie gesehen.«

»Ich habe es erst kürzlich anfertigen lassen.«

»Zum Teufel – das sieht gar nicht aus wie geschliffenes Glas!«

Isobel schwieg.

Eine lastende Stille legte sich zwischen das Ehepaar. Der kleine Junge hatte sich in den Flur gewagt und kauerte hinter einer alten Kommode. Die Augen des Herzogs weiteten sich, und plötzlich riß er ihr das Kollier mit aller Gewalt vom Hals. Isobel stieß einen erstickten Schrei aus. Den kleinen Jungen packte das Grauen. Er stürmte nach vorn.

»Das Zeug ist echt!« brüllte der Herzog. »Bei Gott, das sind echte Diamanten! Du betrügerisches Miststück! Du hast Geld vor mir versteckt!«

Die Herzogin stand starr.

Der atemlose Junge suchte hinter der Mutter Schutz.

»Antworte!« donnerte Francis. »Woher hast du Geld für diese Diamanten? Woher? Verdammtes Luder!«

»Von den Schürfrechten«, antwortete Isobel mit bebender Stimme. »Die ersten Lizenzgebühren der Dupres-Minen sind eingegangen.«

»Zuerst verpachtest du mein Land ohne meine Erlaubnis«, schrie Francis wütend. »Und jetzt versteckst du Geld vor mir. Du hörst wohl nie auf?«

»Ich will doch nur dein Erbe retten.«

Francis bewegte sich für einen Betrunkenen mit erstaunlicher Behendigkeit auf sie zu und schlug seiner Gattin mitten ins Gesicht. Sie schrie auf und taumelte gegen die Wand.

»Du warst schon immer eine Betrügerin, Isobel. Vom Tag an, an dem ich dich kennenlernte. Eine Lügnerin und Betrügerin!«

Er schwankte mit hocherhobenem Arm auf sie zu.

»Aufhören!« schrie der Junge und umklammerte die Knie seines Vaters. »Tu ihr nicht weh! Du darfst ihr nicht weh tun!«

»Ich verfluche dich und ich verfluche ihn!« schrie Francis und schlug wieder zu.

Der Schlag traf die Herzogin am Kinn und schleuderte sie zu Boden. Der Junge trommelte in blinder Wut mit den Fäusten auf die Schenkel seines Vaters ein. Er haßte seinen Vater so sehr, daß es ihn schmerzte.

Francis packte den Knaben am Genick wie eine junge Katze und schleuderte ihn angewidert von sich. Das Kind landete auf dem Rücken, sein Hinterkopf schlug auf die Dielen, Sterne tanzten vor seinen Augen.

»Du kümmerlicher Zwerg! Hältst dich wohl für einen Mann, wie? Morgen kriegst du die Strafe, die dir gebührt, weil du dich in Dinge einmischst, die dich nichts angehen!« Sein Vater stand drohend über ihm. »Du kümmerlicher Zwerg und Betrüger – genau wie deine Mutter!«

Der Junge blinzelte benommen. Sein Vater war verschwunden. Aber nicht die Worte, nicht die grausamen, haßerfüllten Worte, die im Kopf des Kindes nachhallten. Einen Augenblick blieb er zitternd liegen. In seiner Brust, in seinem Herzen brannte ein glühendes Feuer. Er hatte starke Schmerzen. Doch der Schmerz rührte nicht von der körperlichen Züchtigung seines Vaters. Der Junge schloß die Augen, Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Er kämpfte einen erbitterten Kampf, bis alles von ihm wich, der Schmerz, der Drang zu weinen, der Haß, das Leid. Bis nichts mehr davon übrig war.

Und als er die Augen öffnete, sah er seine Mutter, die immer noch ausgestreckt auf dem Parkett lag. Er rappelte sich hoch und kroch zu ihr. Im gleichen Moment öffnete sie die Augen, Tränen liefen über ihre Wangen. »Mutter? Hat er dir weh getan?« Seine Stimme klang nicht wie die eines Kindes. Er sprach wie ein Erwachsener.

»O Liebling!« schluchzte Isobel und schloß ihren Sohn in die Arme. »Dein Vater hat es nicht so gemeint, er hat es nicht so gemeint!«

Geduldig ließ der Junge ihre Umarmung über sich ergehen, dann löste er sich von ihr. Er nickte dumpf und wußte, daß sie ihn nur beruhigen wollte, daß es nicht stimmte, was sie sagte. Er wußte, daß sein Vater jedes Wort, jeden Schlag so gemeint hatte. Und er wußte, daß dieser Mann seine Mutter haßte und ihn haßte. Aber das zählte nicht.

Es zählte nicht mehr. Ein Gutes hatte diese Nacht. Endlich war der Schmerz gewichen. Der Knabe hatte gelernt, den Schmerz zu beherrschen, ihn zu verscheuchen. Er hatte gelernt, die Leere willkommen zu heißen. Eine unendlich große Leere.

Kapitel 1

 

Dragmore, 1898

 

»Sie haben Besuch, Mylady.«

»Ich? Mich besucht niemand«, widersprach Nicole.

Aldrics zerknittertes Gesicht war undurchdringlich, nur seine braunen Augen blitzten. »Die Ladies Margaret Adderly und Stacy Worthington, Mylady.«

Nicole war erstaunt. Es war natürlich übertrieben zu behaupten, sie bekäme nie Besuch. Ihre beste Freundin, die Viscountess Serie, auch ihre näheren und weiteren Verwandten schauten häufig vorbei. Doch das zählte nicht wirklich. Tatsache war, daß sie nicht den üblichen Schwarm von Besuchern empfing wie andere junge Damen der Oberschicht. Seit einigen Jahren nicht. Seit dem Skandal. Welches Anliegen mochten die Damen haben? Damen, die sie gar nicht kannte?

»Ich komme gleich. Bieten sie Erfrischungen an, Aldric«, sagte sie dem Butler. Sie war richtig aufgeregt.

Aldric nickte, doch bevor er sich entfernte, zog er eine seiner buschigen, weißen Augenbrauen hoch und räusperte sich diskret. »Vielleicht sollte ich den Damen sagen, es dauert noch ein paar Minuten, Mylady?« meinte er höflich.

Nicole begriff und schaute betreten an ihren Reithosen und den lehmbespritzten Stiefeln hinunter. Man stand kurz vor dem Beginn eines neuen Zeitalters – des zwanzigsten Jahrhunderts –, doch Frauen durften keine Männerhosen tragen, auch nicht aus triftigem Grund – etwa zum Reiten. Manche Dinge änderten sich nie. »Danke, daß Sie mich daran erinnern, Aldric. Ich möchte die Damen nicht verscheuchen, ehe ich den Grund für ihren Besuch herausgefunden habe.«

Schmunzelnd wartete sie, bis Aldric gegangen war, und malte sich den Schock aus, den die beiden wohlerzogenen Damen erleiden würden, wenn sie Nicole in Männerhosen zu Gesicht bekämen. Das wäre über die Maßen unschicklich.

Nicole seufzte. Sie war ehrlich genug sich einzugestehen, daß ihre sorglose Art im Umgang mit Menschen und ihr unpassender Sinn für Humor ihrer Situation nicht unbedingt zuträglich waren. Das brachte sie nicht wirklich in eine prekäre Situation, denn sie zog das Leben auf dem Land dem gesellschaftlichen Treiben in London bei weitem vor. Achtlos kramte sie im Schrank nach passender Unterwäsche und gestand sich ihre Freude darüber ein, daß zwei junge Damen ihr ihre Aufwartung machten. Nicht, daß sie in Drag- more nicht glücklich gewesen wäre. Sie liebte Pferde und Bücher. Aber sehr viel mehr gab es in Dragmore auch nicht. Doch freute sie sich auch über ein wenig Abwechslung.

Nicole zog eine seidene Hemdhose an, Strümpfe und einen gerüschten Unterrock. Sie haßte Korsetts und weigerte sich, sie zu tragen, obwohl sie mit dreiundzwanzig kein junges Mädchen mehr war. Sie hätte es lächerlich gefunden, bei ihrer Körpergröße von einsfünfundsiebzig – mit der sie viele Frauen und viele Männer überragte – sich einzuschnüren. Sollten zierliche Püppchen sich getrost Wespentaillen schnüren, um noch zerbrechlicher zu wirken. Nicole jedenfalls wollte sich ihre Bewegungsfreiheit nicht einengen lassen. Würden die Leute ihre Ansicht zu dieser Modetorheit kennen, hätten sie wieder etwas zu klatschen. Die Leute redeten gern, das hatte Nicole am eigenen Leib erfahren, aber sie hatte sich nicht beirren lassen.

Es ging ihr bei ihrer Abneigung gegen Fischbeinstäbchen nicht ausschließlich um Bequemlichkeit. Nicole war sich mit einigen ihrer Lieblingsautoren einig, die Unterhemd und lange Pumphosen bevorzugten, daß einengende Schnürungen höchst ungesund waren. Korsetts! Die moderne Gesellschaft bediente sich nicht nur der Etikette und eines Wustes unsinniger Anstandsregeln, um weibliche Wesen in Zaum zu halten, sie machte sich auch die Mode dafür zunutze.

Eine Frau im Fischbeinstäbchenkorsett, die unter Atemnot litt und unentwegt dagegen ankämpfte, in Ohnmacht zu sinken, brachte höchstens ein gequältes Lächeln hervor. Sie konnte nicht laufen, nicht reiten, geschweige denn denken.

Eine eingeschnürte, unter Atemnot leidende Frau war bescheiden und folgsam.

Nicole hütete sich indes, ihre rebellischen Ansichten über das erwünschte Frauenbild ihrer Zeit von sich zu geben. Sie hatte gelernt, ihre Meinung für sich zu behalten.

Nun warf sie einen Blick in den Spiegel, und ihr Gesicht verfinsterte sich. Es lag nicht an dem schlichten marineblauen Kostüm. Es war etwas anderes in ihrer Erscheinung, das ihr mißfiel.

Nicole seufzte. »Was willst du eigentlich?« fragte sie ihr Spiegelbild. »Wärst du lieber nicht so groß? Oder lieber blond? Was bist du? Eine dumme Gans? Die Menschen, die dich nach deinem Aussehen beurteilen, sind ohnehin keinen Pfifferling wert!«

Die Tür wurde geöffnet. »Haben Sie gerufen, Madam?«

Nicole errötete. Wenn die Dienstboten sie dabei ertappten, daß sie Selbstgespräche führte, würde man sie endgültig für übergeschnappt halten! »Ah ... ja Annie, sei so nett und bring Sue Ann die Reithose. Sie soll am linken Knie einen Flicken aufnähen.« Sie lächelte, bis ihre Zofe mit der Hose verschwunden war. Dann betrachtete sie sich wieder stirnrunzelnd im Spiegel. Sie war zu groß und zu dunkel. Ihr Vater war ein dunkler Typ, während ihre Mutter feingliedrig und blond war. Nicole seufzte. Könnte ihr Haar nicht wenigstens lichtbraun sein statt kohlrabenschwarz?

Hätte sie Annie nur gebeten, ihr bei der Frisur zu helfen, statt die Geschichte mit dem Flicken am Knie zu erfinden. Nun versuchte sie, ihre schwarze Lockenfülle zu kämmen, die ihr bis zur Taille reichte. Doch die wilde Mähne war nur mit fremder Hilfe zu bändigen. Da die Zeit drängte, band Nicole die Locken kurzerhand mit einer Seidenschleife nach hinten.

Unten warteten die Ladies Adderly und Worthington. Es wäre unhöflich, sie noch länger warten zu lassen. Nicole verließ das Zimmer und sauste die Treppe hinunter, ohne darauf zu achten, daß sie Röcke trug, bis sie sich im Saum verhedderte und zu einem damenhafteren Gang gezwungen wurde.

In der Eingangshalle atmete sie tief durch, um ihre bebenden Nerven zu beruhigen. Wie lächerlich, dachte sie. Sie empfing Besuch, etwas, das für andere zum Alltag gehörte. Entschlossen eilte sie den langen, marmorgefliesten Korridor entlang und wünschte, ihre Mutter wäre zu Hause. Doch die Gräfin weilte in London mit Nicoles jüngerer Schwester Regina die nicht auf dem Lande versauern wollte, während in London die Ballsaison in vollem Gange war. Nicole wünschte, ihre Eltern würden einer Heirat Reginas zustimmen und vergessen, daß sie, die ältere Schwester, noch unverheiratet war, da dieser Zustand sich ohnehin nicht mehr ändern würde.

In der offenen Tür des gelben Salons verharrte sie. Die beiden jungen Damen auf dem Chintzsofa unterbrachen ihr Gespräch. Die eine war blond und sehr schön, die andere brünett und ebenso schön. Die Besucherinnen blickten Nicole mit großen Augen entgegen. Einen Moment kam Nicole sich vor wie ein exotisches Insekt unter einem Vergrößerungsglas.

Lächelnd ging sie durch den Salon. »Guten Tag. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«

Die Damen erhoben sich. Während der höflichen Vorstellung wanderten ihre Blicke mit unverhohlener Neugier über Nicoles hohe Gestalt. Ich bin eine Riesin neben zierlichen Porzellanpüppchen, dachte Nicole. »Miss Shelton«, sagte die Blondine, »ich bin Margaret Adderly, und das ist meine Freundin Stacy Worthington.«

Nicole bat die Damen, sich wieder zu setzen und stellte zufrieden fest, daß ihnen Tee und Kekse gereicht worden waren. Sie nahm in einem brokatbezogenen Ohrensessel Platz. Stacy Worthington musterte sie.

»Haben Sie schon vom Herzog gehört?« platzte Margaret aufgeregt heraus.

Es kam nur ein Herzog infrage. »Sprechen Sie vom Herzog von Clayborough?« Was mochte er mit den jungen Damen zu tun haben?

»Ja!« strahlte Margaret. »Chapman Hall ist in seinen Besitz übergegangen. Er ist jetzt Ihr Nachbar!«

»Gewiß«, meinte Nicole. Sie wußte nichts über den Herzog, bis auf die Tatsache, daß er vor kurzem in Chapman Hall eingetroffen war, einem heruntergewirtschafteten Herrensitz, eine Meile von Dragmores Parktoren entfernt. Vorher hatte sie nichts von der Existenz dieses Herzogs gewußt.

»Er ist mein Cousin«, verkündete Stacy Worthington mit einem blasierten Lächeln, als sei die Tatsache, die Cousine eines Herzogs zu sein, von immenser Bedeutung.

»Schön für Sie«, lächelte Nicole.

Stacy entging Nicoles Sarkasmus. »Wir kennen uns von Kindheit an«, fuhr sie hochtrabend fort.

Nicole nickte.

»Er hat Chapman Hall bezogen«, erklärte Margaret. »Und am kommenden Freitag veranstalten meine Eltern einen Maskenball zu seinen Ehren in Tarent Hall. Wir wollen ihn gebührend als Nachbarn begrüßen.«

»Reizende Idee.«

»Ihre Eltern hätten es sich mit Sicherheit nicht nehmen lassen, den Ball ihm zu Ehren auszurichten, doch da sie in London weilen, hat meine Mutter die ehrenvolle Aufgabe übernommen.«

Nicole nickte wieder.

Stacy lächelte. »Wir wußten ja, daß Sie nicht in London sind und wir Sie hier antreffen. Und es wäre ungehörig, Sie nicht einzuladen. Deshalb sind wir hier.«

Nicole blinzelte verdutzt und straffte die Schultern. Eine derart unhöfliche Einladung hatte sie noch nie erhalten. Die junge Dame hatte ihr in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß die Etikette die Einladung zwar erforderte, Nicole aber unerwünscht war. Außerdem hatte diese Stacy mit ihrer Bemerkung, daß Nicole sich nicht mit ihren Eltern und ihrer Schwester und all den anderen unverheirateten jungen Damen von Stand und Vermögen in London aufhielt, zum Ausdruck gebracht, sie sei auch in ihrer Familie unerwünscht. Schlimmer noch, sie sei in Londons Gesellschaft unerwünscht. Und das stimmte nicht.

Jedenfalls nicht in dieser Form.

»Aha«, war alles, was Nicole in ihrer Verdutztheit zunächst über die Lippen brachte. Sie besuchte nur selten Bälle – seit Jahren nicht. Wußte Stacy davon? Natürlich wußte sie es. Jeder wußte davon.

»Sie kommen doch«, lächelte Stacy. »Oder?«

Nicole konnte sich kein Lächeln abringen. Dies war eine Herausforderung. Ihr Magen verkrampfte sich. Es war so lange her. Mittlerweile mußte man doch vergessen haben.

»Nun?« fragte Stacy immer noch lächelnd.

Nicole konnte diese Stacy nicht ausstehen, die nur hoffte, sie würde ihre Einladung ablehnen. Jeder wußte, daß Nicole selten ausging. Die beiden Damen hatten sie nicht in freundlicher Absicht besucht, nein, nur weil der gute Ton es erforderte. Es wäre ein Affront, die Tochter des Grafen von Dragmore zu einem so großen gesellschaftlichen Ereignis nicht einzuladen. »Selbstverständlich komme ich«, antwortete Nicole stolz und mit ernstem Gesicht.

Stacy versteinerte. Ihre Miene war allerdings nichts im Vergleich zu Margarets Entsetzen. »Tatsächlich?« quietschte die Blonde.

Zorn stieg in Nicole hoch. Stacys Motive, die sie immer noch nicht durchschaute, interessierten sie herzlich wenig. Wichtig war nur die Herausforderung. »Also dann, bis Freitag«, sagte Nicole im Aufstehen.

Als die beiden Damen sich verabschiedet hatten, kamen Nicole Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Hätte sie aber Stacy Worthingtons Herausforderung zurückgewiesen, wäre sie sich vorgekommen wie ein Feigling. Mittlerweile müßte doch Gras über die leidige Sache gewachsen sein. Oder nicht?

Seit dem Skandal war Nicole die Zielscheibe häßlicher Gerüchte und übler Nachrede. Zwar mißbilligten ihre Eltern das Verhalten ihrer Tochter, doch wollten sie nicht zulassen, daß sie sich zu Hause vergrub.

Im übrigen war Nicole kein Feigling und besuchte Empfänge und Gesellschaften der Ballsaison, als sei nichts vorgefallen.

Hocherhobenen Hauptes ertrug sie die gaffenden Blicke und das Tuscheln hinter ihrem Rücken.

Erst als der Skandal abzuflauen begann, zog Nicole sich wieder aufs Land zurück. Sie war schon in ihrer ersten Saison nicht sonderlich beeindruckt von Bällen, Soireen und Dinnerpartys, die sich endlos hinzogen und sie grenzenlos langweilten. Sie sprang lieber bei Sonnenaufgang aus den Federn und verbrachte den Tag im Sattel, um mit ihrem Vater und ihren Brüdern auf Dragmore nach dem Rechten zu sehen. Ein gutes Buch fand sie bei weitem unterhaltsamer als all diese sinnlosen Feste.

In den letzten vier Jahren hatte sie sich nicht unglücklich gefühlt. Nicole liebte ihre Familie, sie liebte Dragmore und war zufrieden mit dem einfachen Leben in Gottes freier Natur. Das war letztlich ja auch der Grund, warum sie den Skandal heraufbeschworen hatte.

Nur ... gelegentlich, wenn ihre jüngere Schwester Regina mit der Mutter in London einen Ball nach dem anderen besuchte, in prächtige Seidenkleider gehüllt und von gutaussehenden Männern hofiert, vermißte Nicole ihre Familie und fühlte sich einsam. Und dann hatte sie plötzlich den Wunsch, gleichfalls große Feste zu besuchen, Ballkönigin zu sein wie ihre bezaubernde Schwester. Seufzend wurde ihr schnell klar, daß sie unerfüllbaren Träumen nachhing. Sie verdrängte die Wunschträume und führte sich vor Augen, welch gräßliches Spießrutenlaufen die Abende gewesen waren, als sie nach dem Skandal mit ihrer Familie ausgegangen war. All die neugierigen Blicke und das Flüstern waren abscheulich gewesen.

Diese Erinnerungen genügten, um wehmütige Sehnsüchte nach dem Londoner Gesellschaftsleben wochenlang zu vergessen.

Diesmal stand ihr nicht nur ein großes gesellschaftliches Ereignis bevor, sie würde ohne Begleitung daran teilnehmen. Ihre Eltern waren mit Regina in London, ihr Bruder Ed studierte in Cambridge, und der älteste Bruder Chad hielt sich geschäftlich in Frankreich auf. Nicole hatte keinen Begleiter. Und eine Dame der Oberschicht besuchte eine Gesellschaft ohne Begleitung nur, wenn sie das dreißigste Lebensjahr überschritten hatte.

Nicole war trotzdem fest entschlossen, das Maskenfest auch ohne Begleitung zu besuchen. Und sie würde sich einen großen Auftritt verschaffen und es dieser hochnäsigen Stacy Worthington zeigen.

Nicole drapierte das rote Cape aus feinem Tuch um die Schultern und machte sich auf den Weg nach Tarent Hall. Bis kurz vor dem Aufbruch war sie ein völliges Nervenbündel gewesen. Den ganzen Tag über hatten sie heftige Zweifel geplagt. Schließlich aber hatte sie alle Bedenken von sich geschoben. Man hatte sie herausgefordert; und sie war kein Hasenfuß. Sie würde den Maskenball besuchen, komme was wolle.

Allerdings beschlich sie eine unheilvolle Ahnung, daß sie diesen Abend bereuen würde. Es wäre vernünftiger gewesen, Stacy Worthington zu vergessen und zu Hause zu bleiben, wie eine wohlerzogene junge Dame dies tun würde.

Zu spät. Nicole zupfte fahrig die Rüschen des orangeroten Unterkleides unter dem grellrosa Rock zurecht. Sie hatte zwar eine gute Erziehung genossen, hatte sich aber nie wirklich wie eine wohlerzogene junge Dame benommen. In ihr schlummerte eine wilde, verwegene Rebellin. Ein Erbteil der Familie väterlicherseits – behauptete zumindest ihre Mutter. Der Graf wiederum beharrte darauf, das Mißachten von Konventionen sei ein typischer Wesenszug der Barclays. Mit dreiundzwanzig hatte Nicole wenigstens genügend Einsicht, diese ungewöhnliche Eigenschaft zu erkennen und zu akzeptieren. Ihrem rebellischen Wesen war es jedenfalls zuzuschreiben, daß sie Stacys Herausforderung angenommen hatte und bei ihrer Zusage blieb – wider besseres Wissen.

Nicole hatte Reglementierungen und Konventionen stets gehaßt, besonders solche, die den Frauen Fesseln anlegten. Damit war sie nicht allein. Sie teilte ihre kämpferischen Ansichten mit einer kleinen radikalen Minderheit, angeführt von Suffragetten wie Elizabeth Cady Stanton und deren Tante Grace Bragg. Die Gesellschaft erwartete von Frauen, daß sie ausschließlich weiblichen Beschäftigungen nachgingen, etwa Blumen zu binden und einfältige Aquarelle zu pinseln. Schon als Kind hatte Nicole Wutanfälle bekommen, wenn die Fächer Malerei, Handarbeit und Musik angesagt waren. Sollte sie ihre Tage damit verbringen, Rosen abzumalen, während Chad, Ed und ihr Vater durch die Gegend reiten durften, mit Pächtern und Bauern schwatzten und zur Jagd gingen? Niemals!

Natürlich wurde sie von ihrer Lehrerin und auch von den Eltern gezwungen, diese mädchenhaften Tugenden und Fertigkeiten zu erlernen, ohne daß sie in einem einzigen Fach mehr als magere Ergebnisse erzielt hätte. In ihrer freien Zeit hing sie den Brüdern wie eine Klette an den Rockschößen, bis man ihr erlaubte, die jungen Männer nach Erledigen ihrer Hausaufgaben zu begleiten, was eine unerhörte Freiheit für ein junges Mädchen von Adel bedeutete. In ihrer Kindheit und Jungmädchenzeit haßte es Nicole, ein Mädchen zu sein und wäre viel lieber ein Junge gewesen. Wenn sie nicht über Wiesen und Felder galoppierte, fand man sie in der Bibliothek in ein Buch vertieft. Sie las alles, was sie in die Finger bekam, von Byrons schwärmerischen Liebesgedichten bis zu John Stuart Mills revolutionärem sozialkritischem Werk Die Rechte der Frauen. Niemand in der Familie hatte sonderliche Bedenken wegen Nicoles Freiheitsdrang, bis sie plötzlich eine erwachsene Frau war. Und dann trösteten sich ihre Eltern mit dem Gedanken, ihre Tochter würde alsbald Vernunft annehmen, wenn man ihrer unkonventionellen Art nur keine allzu große Beachtung schenkte.

Vermutlich würde die Eltern der Schlag treffen, wenn sie wüßten, was Nicole vorhatte; schlimmer noch, wenn sie ihre Tochter in diesem Kostüm sehen könnten.

Obgleich ihr nur drei Tage blieben, um ein passendes Kostüm für den Maskenball zu finden, war das Problem schnell gelöst. Nicole hatte den Speicher durchwühlt. Ihre Mutter war die Schauspielerin Jane Barclay gewesen, die ihre vielversprechende Karriere nach der Hochzeit aufgegeben hatte, um sich Ehemann, Kindern und dem Haushalt in Dragmore zu widmen. Die Schauspielerei lag ihr im Blut, denn Jane war in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten, der berühmten und unvergleichlichen Sandra Barclay. Auf dem Speicher standen Kisten und Koffer, angefüllt mit fantasievollsten Bühnenkostümen.

Nicole hatte die Verkleidung einer Zigeunerin gewählt. Und sie mußte sich eingestehen, daß sie mit ihrem pechschwarzen Haar, dem olivfarbenen Teint in den bunten Kleidern aussah wie eine echte Zigeunerin. Das Kostüm war gewagt und nicht gerade sittsam. Die schulterfreie Rüschenbluse war tief ausgeschnitten, und die Volantröcke reichten nur bis zum Knie. Aber Zigeunerinnen – wie ihre vierzehnjährige Zofe Annie versicherte – gingen barfuß in kniekurzen Röcken. Nicole war das gerade recht. Wenn Stacy Worthington und ihre Freundin sie sahen, würde es ihnen die Sprache verschlagen. Vermutlich rechneten die beiden dummen Gänse gar nicht mit ihrem Kommen.

Lächelnd lehnte sie sich in die weichen Lederpolster der eleganten Dragmore-Kutsche zurück. Sie ließ es sich nicht nehmen, sechsspännig mit vier livrierten Lakaien vorzufahren. Und sie begann, sich auf den Ball zu freuen. Seit einer Ewigkeit war sie nicht mehr ausgegangen, und noch länger war es her, seit sie einen Maskenball besucht hatte.

Im Halbrund der Auffahrt vor dem roten georgianischen Ziegelbau des Herrenhauses standen bereits viele Karossen und elegante Equipagen. Soeben bog eine herrschaftliche Kutsche von enormer Größe in das Rondell ein. Im schwarzen Hochglanzlack des Wagens spiegelten sich die festlich erleuchteten Fenster. Im Schein der acht Kutschenlampen glänzte das erhaben geprägte Familienwappen an den Wagenschlägen. Zwei goldene Löwen stützten mit den Vorderpranken den rotgoldenen Wappenschild. Ein dritter Löwe kauerte zähnefletschend über dem Wappen, unter dem ein geschwungenes Silberband mit dem Motto der Familie flatterte: ›Ehre über alles‹. Dieses kunstvolle, reichverzierte Wappen konnte nur dem Herzog von Clayborough gehören.

Die Karosse wurde von acht prachtvollen Rappen gezogen, auf deren stolzen Köpfen goldener Federschmuck wippte. Vier Lakaien standen auf den schwarz lackierten Trittbrettern in rotschwarzen, goldverbrämten Uniformen. Die Karosse wurde von zwölf Vorreitern in den herzoglichen Farben auf edlen kastanienbraunen Wallachen begleitet. Der festliche Zug wäre einem Mitglied des Königshauses würdig gewesen, dem der Herzog, wie Nicole wußte, nicht angehörte.

Ihre Kutsche hielt hinter der Prachtkarosse des Herzogs. Nicole reckte den Hals, um einen Blick auf den illustren Ehrengast zu werfen. Sie konnte nur eine hochgewachsene, stattliche Männergestalt im Frack erkennen, umwallt von einer schwarzen, mit roter Seide gefütterten Pelerine. Der hohe Gast zog es vor, unkostümiert und ohne Damenbegleitung zu erscheinen.

Ein Lakai half Nicole aus der Kutsche. Sie eilte die breiten Steinstufen zum hellerleuchteten Herrenhaus hinauf. Beide Flügel des Portals waren geöffnet. Ein livrierter Diener nahm ihr Cape entgegen, ohne beim Anblick ihres gewagten Kostüms mit der Wimper zu zucken. Als sie einem anderen Diener zum Ballsaal folgte, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Sie wurde nach ihrem Namen gefragt und antwortete wie in Trance.

Plötzlich mußte sie an die Soireen nach dem Skandal denken, an all die schmachvollen Demütigungen. Und einen kurzen Moment ließ ihr Mut sie im Stich. Angst beschlich sie.

Nicole stand hinter dem Herzog, dessen Erscheinen mit lauter, volltönender Stimme angekündigt wurde. Er war sehr groß, überragte sie um einen Kopf und hatte sehr breite Schultern. Sein Haar – zu lang, um modisch zu sein – war dunkelblond. Selbst in der künstlichen Beleuchtung war zu sehen, daß es von der Sonne gebleicht war, ein Zeichen dafür, daß er viel Zeit im Freien verbrachte.

»Hadrian Braxton-Lowell, der Neunte Herzog von Clayborough«, verkündete der Butler und ließ eine endlos lange Reihe weiterer Titel folgen.

Der Herzog blieb abwartend stehen, seine Haltung drückte Ungeduld und Lässigkeit aus. Kaum war der Butler mit der Aufzählung fertig, schritt er die Treppe in den Ballsaal hinab. Nicole trat vor, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Im Saal wurde der Herzog von einer Dame in kostbarer Abendrobe begrüßt, allem Anschein nach die Gastgeberin.

»Lady Nicole Bragg Shelton«, verkündete der Butler.

Nicole hörte nichts. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Mit einem Mal war sie sich auf das Peinlichste ihrer nackten Beine und bloßen Füße bewußt. Sämtliche Gäste im festlich geschmückten Saal starrten sie an. Nicht nur wegen ihres Kostüms, sondern auch, weil sie unmittelbar nach dem Herzog angekündigt worden war. Gespräche verstummten. Nicole hoffte inständig, daß den Gästen das Erscheinen des Herzogs die Sprache verschlagen hatte und nicht ihr Kostüm.

Nun drehte auch der Herzog sich halb nach ihr um und fixierte sie.

Nicole schritt hoch erhobenen Hauptes die Treppe herab. Barfuß wie eine echte Zigeunerin, mit klirrenden Armreifen und Ketten, das wehende offene Haar bis zur Taille, die Volants ihrer grellroten Röcke raschelten um ihre nackten Beine. Ein Raunen ging durch die Menge. Nicole konnte vor Befangenheit kaum atmen.

Sie hätte nicht kommen dürfen. Niemand hatte den Skandal vergessen, und ihr Kostüm war selbst für einen Maskenball zu gewagt.

Und dann fiel ihr Blick auf Stacy Worthington ganz vorne in der Menge in einem noblen weißen Empirekleid, genau das Richtige für ein Kostümfest in Adelskreisen. Stacy blickte keineswegs verdutzt. Sie lächelte hämisch.

Nicole nickte Stacy Worthington kaum merklich zu. Der Herzog, der sie immer noch unverwandt ansah, raubte ihr den Atem. Irgendwie schaffte sie es, vor die Gastgeberin zu treten und einen tiefen Knicks zu machen. »Lady Adderly«, murmelte sie tonlos.

Die Viscountess sah sie verwundert an. Nicole spürte den brennenden Blick des Herzogs. »Oh, Lady Shelton, reizend, daß Sie kommen konnten. Und welch ... ehm ... bezauberndes ... Kostüm.«

Nicole konnte nicht lächeln, konnte nicht einmal atmen. Sie wußte nicht, ob sie wegen der gaffenden Blicke der etwa hundert Gäste befangen war oder wegen des Mannes, der ihr so nahestand, daß sie seine Körperwärme zu spüren vermeinte. »Vielen Dank«, hauchte sie.

»Ein wundervolles Kostüm«, sagte der Herzog mit volltönender und weittragender Stimme.

Nicole fuhr herum und begegnete seinen Augen. Der Fußboden schien unter ihren Füßen zu schwanken.

Er sah hinreißend gut aus, umwerfend männlich. Seine dunklen Augen hielten sie in ihrem Bann. »Sehr originell, Lady Shelton«, fügte er hinzu, und sein Blick wanderte über ihre Figur. »Und das finde ich ausgesprochen erfrischend.«

Unvermittelt drehte er ihr den Rücken zu, verneigte sich vor der Gastgeberin und entfernte sich.

»Originell«, entfuhr es Lady Adderly verdutzt.

Nicoles Herz begann wieder zu schlagen. Ein jauchzendes Hochgefühl stieg in ihr auf. Gütiger Himmel – dieser blendend aussehende Mann hatte ihr ein Kompliment gemacht!

Nicole schwebte wie auf Wolken durch das Gedränge. Immer noch starrten die Menschen sie an, doch ihre feindseligen Blicke konnten ihr nichts mehr anhaben. Seine Stimme, seine Worte klangen ihr im Ohr: »Ein wundervolles Kostüm ... Sehr originell, Lady Shelton ...«

Nicole hielt ein Glas Champagner in der Hand, ohne zu wissen, wer es ihr gereicht hatte. Ihr Puls raste. Sie war erhitzt. Ihr Blick flog über die Menge. Und sie entdeckte ihn, ohne suchen zu müssen. Er sah sie eindringlich an.

Sie waren Meilen voneinander entfernt, und ohne seine Augen deutlich sehen zu können, fühlte sich Nicole von seinem Blick wie versengt, gefangengenommen. Sie war unfähig, die Augen abzuwenden. Erst als er lächelnd sein Glas hob, wandte Nicole sich erschrocken ab. Der Herzog von Clayborough. Wie lange würde er in Chapman Hall bleiben? War er verheiratet? Was ging in ihr vor? Sie war ein bebendes Nervenbündel. Wieder suchten ihre Blicke nach ihm.

Er stand in einer Gruppe von Herren und Damen, wirkte gelangweilt und ungeduldig wie bei seiner Ankunft. Stacy Worthington stand neben ihm und himmelte ihn an. Nicole spürte einen scharfen Stich der Eifersucht, dessen Heftigkeit sie verblüffte. Als spüre er ihren Blick, wandte sich der Herzog in einer halben Drehung ihr zu. Sein Blick durchbohrte sie. Statt scheu die Lider zu senken, wie es schicklich gewesen wäre, sah sie ihn unverwandt an; sie konnte nicht anders.

Ihre Blicke trafen einander, und es war wie ein Blitz, der vom Himmel zuckte.

»Liebste Nicole, wie lange haben wir uns nicht gesehen!« Widerstrebend löste sie den Blick vom Herzog, während seine Lippen sich zu einem spöttischen Lächeln verzogen. Sie erkannte in der grauhaarigen Dame vor ihr die Marquise von Hazelwood, und in ihr krampfte sich etwas zusammen.

Sie war eine ihrer schärfsten Kritikerinnen gewesen nach dem Skandal.

Doch nun lächelte die Marquise honigsüß, als seien sie alte Freundinnen. »Wie ich mich freue, Sie wiederzusehen, Nicole. Man stelle sich nur vor, der Herzog nannte Sie originell, wie reizend.«

Nicole wußte nicht, was die Schlange im Schilde führte, und hatte nicht die geringste Lust, ihr mit besonderer Freundlichkeit zu begegnen. »Ja, es ist lange her«, entgegnete sie kühl. Sie hatte nicht vergessen, wie tief die Frau sie vor vier Jahren gedemütigt hatte. »Vier Jahre, wenn ich mich recht entsinne – seit der Soiree bei den Castletons. Wissen Sie noch?«

Mit Sicherheit erinnerte sich die Marquise, wie sie Nicole mit schneidenden Worten vor den Gästen der Castletons geschmäht hatte. Sie war sogar so weit gegangen, Nicole eine Ausgestoßene zu nennen, wohl wissend, daß Nicole jedes Wort hören konnte. Doch nun lächelte sie, als sei das alles nie geschehen.

»Nun ja, man besucht so viele Feste, da vergißt man schon mal das eine oder andere«, lächelte sie und beäugte Nicoles Kostüm mit vorgehaltenem Lorgnon. »Tja«, nickte sie dann. »Ich verstehe, warum der Herzog Ihr Kostüm originell findet. Wenn Sie das nächste Mal in der Nähe von Hazelwood sind, müssen Sie uns unbedingt besuchen. Meine Empfehlung an den Grafen und die Gräfin.« Damit tätschelte sie Nicoles Hand gönnerhaft und rauschte davon.

Nicole war entrüstet. Die Marquise hatte sie nur nach Hazelwood eingeladen, weil der Herzog ein nettes Wort über sie verloren hatte. Wäre er heute abend nicht anwesend oder hätte ihm ihr Kostüm nicht gefallen, hätte die Marquise sie vermutlich keines Blickes gewürdigt.

Nicole schlenderte durch den Saal, nahm ein zweites Glas Champagner und hielt heimlich Ausschau nach dem Herzog. Sie wäre ihm zu gerne noch einmal begegnet. Zu ihrem Erstaunen zogen viele Gäste sie ins Gespräch und luden sie ein, unbedingt vorbeizuschauen. Nicole fühlte sich keineswegs geschmeichelt, gewann aber einen Vorgeschmack vom Ausmaß der Macht, die ein Mann wie der Herzog ausübte.

Er hatte nicht versucht, sie mit seiner anerkennenden Bemerkung vor Feindseligkeiten zu schützen. Seine Worte hatten ehrlich geklungen, waren keine hohle Schmeichelei. Und plötzlich taten alle so, als habe es nie einen Skandal gegeben.

»Sie sehen nicht besonders glücklich aus, Lady Shelton«, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Nicole fuhr herum, der Champagner schwappte über. Der Herzog stand ihr so nah, daß ihre Brüste unter der dünnen Seidenbluse seinen Arm streiften. Verwirrt trat sie einen Schritt zurück und verschüttete noch mehr Champagner.

Sein Blick war rätselhaft, als er ihr das Glas abnahm. Seine Augenfarbe war nicht dunkelbraun, stellte sie fest, es war ein bernsteinfarbenes Leuchten darin. Er wirkte amüsiert. Seine Hand berührte die ihre und verbrannte ihre Seele.

»Ich besorge Ihnen ein neues Glas«, sagte er. Und schon war ein Diener mit perlenden Champagnergläsern auf einem Silbertablett zur Stelle. Der Herzog reichte ihr ein Glas. »Sind Sie verstimmt?«

Nicole hatte Mühe, ihre Fassung wiederzuerlangen. »Nein, nicht wirklich«, antwortete sie vorsichtig. Aus der Nähe sah er noch besser aus, und seine Wirkung auf sie war alarmierend. Ihr Blick heftete sich auf seinen Mund. Wie würde ein Kuß von ihm sich anfühlen? Entsetzt wies sie den Gedanken von sich.

»Nun sehen Sie jedenfalls nicht mehr verstimmt aus«, meinte er.

Sein Tonfall jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Ihre Brustknospen richteten sich auf, als habe er sie tatsächlich berührt. »Nein, ich bin nicht verstimmt«, hauchte sie.

Seine Stimme war wie eine Liebkosung. »Gut. Es wäre bedauerlich, wenn Sie böse mit mir wären. Da wir uns doch eben erst kennengelernt haben.«

Hinter seinen Worten schien ein tieferer Sinn zu liegen, den Nicole nicht einmal zu erraten sich traute. Wenn seine Miene nur nicht so undurchdringlich, so rätselhaft wäre. Sie konnte sich nicht erklären, warum er sie angesprochen hatte. Als aber seine Augen sich in die ihren senkten, geriet ihr Herzschlag ins Stolpern. »Wie könnte ich Ihnen böse sein«, hörte sie sich flüstern. Dann errötete sie, denn ihre Stimme klang wie die eines der gezierten Gänschen, die sie verachtete. .

»Nun, jedes Ding hat zwei Seiten. Ich könnte mir vorstellen, daß auch Ihr Zorn etwas Erfrischendes, Anregendes hat.«

Sie blickte ihn sprachlos an, wußte keine Antwort und konnte sich nicht denken, worauf er hinauswollte.

»Finden Sie nicht auch?«

»Ich ... ich weiß nicht«, stammelte sie.

»Ich zweifle nicht daran.« Seine Stimme war noch tiefer. »Und ich zweifle auch nicht daran, daß Ihre Originalität sich auch auf private Bereiche erstreckt.«

Nicole war sich klar darüber, daß ihre Art, in Männerhosen über Wiesen und Felder zu reiten, als originell angesehen wurde. Endlich kein verfängliches Thema. Sie sah ihn direkt an, und das Atmen fiel wieder ein wenig leichter. »Ja, gewiß.«

Er zog den Atem scharf ein, seine Augen sprühten Funken. Nicole hatte plötzlich den Eindruck, er habe sie falsch verstanden und lege einen Sinn in ihre Worte, den sie nicht beabsichtigt hatte. Sie suchte krampfhaft nach einem unverfänglichen Thema. »Wir sind Nachbarn«, sagte sie höflich. »Chapman Hall ist gar nicht weit von Dragmore entfernt.«

»Wie angenehm«, antwortete er trocken. »Dann ist es meine nachbarliche Pflicht, Sie in mein Haus einzuladen, finden Sie nicht?«

Seine goldbraunen Augen hielten sie gefangen. Sie glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Sie lächelte und begriff nicht, wieso er erneut die Luft scharf einzog. »Ich reite häufig an Chapman Hall vorbei«, sagte sie eifrig.

»Wenn das so ist, bitte ich Sie, das nächste Mal unbedingt anzuhalten und guten Tag zu sagen.« Seine Worte trugen das Gewicht eines herzoglichen Befehls.

»Das werde ich«, rief Nicole begeistert. »Ganz bestimmt.«

Kapitel 2

 

Gegen Mitternacht kehrte der Herzog von Clayborough in gereizter Stimmung nach Chapman Hall zurück. Er haßte es, hofiert zu werden und wußte genau, aus welchen Gründen der Landadel ihn einlud. Er war von verschlossener Natur, lebte zurückgezogen und hielt nichts davon, nur wegen seiner Titel, seines Reichtums und seiner Macht geschätzt zu werden. Er hatte wenig Respekt vor Menschen wie den Adderlys, die ihn in geradezu schamloser Weise umschmeichelten und sich seiner Ansicht nach zum Narren machten.

Er hatte sich nie etwas aus Bällen und endlos öden Soireen gemacht, die in Adelskreisen so beliebt waren. Für ihn waren diese Zerstreuungen reine Zeitverschwendung. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr verwaltete er den riesigen Besitz der Clayboroughs, während sein Vater Francis, der Achte Herzog, immer mehr Schulden anhäufte. Ein Berg, der zuletzt die schwindelerregende Summe von einer Million Pfund Sterling erreicht hatte. Francis frönte seinen kostspieligen Lastern, während sein Sohn bemüht war, den Besitz vor dem wirtschaftlichen Ruin zu bewahren. Der Landbesitz der Clayboroughs umfaßte über vierzigtausend Hektar mit etwa zweihundert Bauernhöfen, die in Sussex, Kent, Derbyshire und Durham verstreut lagen. Der Reichtum des Herzogs bestand – wie der nahezu aller Hocharistokraten – seit Jahrhunderten aus Landbesitz und Forstwirtschaft. Mit der fortschreitenden Industrialisierung hatte die englische Landwirtschaft allerdings in den letzten Jahrzehnten starke Einbußen erlitten. Das Königreich konnte nicht mit den aus Amerika importierten maschinell hergestellten Produkten konkurrieren. Um das Clayborough-Vermögen zu erhalten und gegen die Wirtschaftskrise anzukämpfen war mehr als Disziplin und harte Arbeit nötig. Kühne und innovative Strategien waren gefragt, um den Anschluß an das Industriezeitalter nicht zu verlieren. Während Francis seine Tage in den Spielsalons und die Nächte in weiß Gott welchen Betten verbrachte, versuchte sein Sohn und Erbe, mit geschickten Investitionen, Grundstücksgeschäften und Börsenspekulationen Kapitalzuwächse zu erzielen. Aber der Schuldenberg seines leichtsinnigen Vaters war immer höher gewachsen und jahrelang eine kaum erträgliche Belastung gewesen.

Doch diese Zeiten waren gottlob vorüber. Der Herzog empfand keine Spur von Trauer, als sein Vater vor zwei Jahren das Zeitliche segnete – in einem fremden Bett, all seiner Wertsachen und seiner Brieftasche beraubt. Das eigentlich Schmutzige an der Geschichte – Francis vergnügte sich nicht mit einer Frau im Bett, sondern mit einem jungen Mann – wurde von seinem Sohn erfolgreich vertuscht, ehe großer Schaden angerichtet war. Nicht, daß die Neigungen seines Vaters ein Geheimnis gewesen wären; darüber machte sich der Herzog keine Illusionen. Ihm war vollkommen klar, daß jeder wußte, was für ein Mensch der Achte Herzog war, ebenso wie jedermann wußte, daß sein Sohn Hadrian das genaue Gegenteil von ihm war.

 

Sein Vater hatte an allen Jagdgesellschaften teilgenommen, sich auf Bällen und Redouten bis zum Morgengrauen amüsiert und nie vor zwölf Uhr mittags das Bett verlassen. Der Neunte Herzog war bei Sonnenaufgang auf den Beinen und zog sich gewöhnlich vor Mitternacht in seine Gemächer zurück. Seine geschäftlichen Aktivitäten erforderten ständige Kontrolle, daher verbrachte er die meisten Abende hinter dem Schreibtisch. Dabei wurde er nicht nur von Disziplin getrieben, seinem Arbeitseifer lag ein brennender Ehrgeiz zugrunde, der ihm von der Familie seiner Mutter mitgegeben war. Die de Warennes waren berühmt für ihren Geschäftssinn. Ein Geschick, das im Übrigen auch die Herzoginwitwe in hohem Maß besaß. Als der Herzog begann, die Verwaltung des Familienbesitzes zu übernehmen, arbeitete er Seite an Seite mit seiner Mutter und staunte, mit welcher Umsicht sie die Güter in den vergangenen Jahren verwaltet hatte – ohne die geringste Unterstützung ihres Gemahls.

Nach dem Maskenball kam er schlecht gelaunt nach Hause. Am nächsten Tag wollte er wie gewohnt im Morgengrauen aufstehen, da eine Menge Arbeit auf ihn wartete. In seinen Kreisen galt sein Arbeitseifer als schrulliger, beinahe krankhafter Wesenszug, worüber der Herzog nur milde lächeln konnte. Er wollte endlich zu Bett gehen, sonst würde ihm das Aufstehen morgen schwerfallen. Dieser Abend war eine einzige Verschwendung von Zeit und Energie gewesen.

Der Herzog betrat Chapman Hall. Sein Butler Woodward und sein Kammerdiener Reynard waren aufgeblieben. Der Oberlakai Jakes geleitete seinen Herrn ins Haus. Woodward nahm dem Herzog den rotgefütterten Umhang ab. »Kann ich noch etwas für Sie tun, Euer Gnaden?«

»Nein, gehen Sie schlafen, Woodward!« Er entließ den Butler mit einem Wink. Vielleicht war der Abend doch keine so elende Zeitverschwendung gewesen, dachte der Herzog beim Durchqueren der Halle. Das Bild einer Zigeunerin ließ sich nicht verdrängen. »Ich brauche Sie auch nicht mehr, Reynard. Danke, Jakes. Gute Nacht allerseits.«

Reynard und Jakes zogen sich zurück. Nur Woodward räusperte sich diskret. An der Treppe wandte sich der Herzog mit hochgezogener Augenbraue um.

»Die Herzoginwitwe ist unerwartet angereist, Euer Gnaden. Ich habe sie im blauen Zimmer im Westflügel unterbringen lassen, Euer Gnaden.«

»Gut gemacht.« Der Herzog nickte und begab sich nach oben. Was um Himmels willen führte seine Mutter überraschend nach Chapman Hall? Allzu dringend konnte die Sache nicht sein, sonst hätte die Herzoginwitwe sich nicht bereits zurückgezogen, sondern auf ihn gewartet, ungeduldig im Salon auf und ab wandernd. Dennoch, von ihrem Witwensitz in Derbyshire war die Anfahrt ziemlich beschwerlich. Und falls sie aus ihrem Stadthaus in London angereist kam, war sie beinahe den ganzen Tag unterwegs gewesen. Um mit ihrem Sohn zu plaudern, war sie gewiß nicht gekommen – sie mußte ein Anliegen haben.

Ein Anliegen, das bis morgen warten mußte. Morgen. Würde die verführerische Lady Shelton ›vorbeischauen‹? Ein Lächeln umspielte die Lippen des Herzogs. Das erste entspannte Lächeln an diesem Abend, in dessen Genuß nur der graue Barsoi kam, der seinen Herrn mit begeistertem Schwanzwedeln im Schlafgemach begrüßte.

Clayborough entkleidete sich. Er war immer noch schockiert von ihrem freimütigen Geständnis, sie sei privat ebenso originell wie in der Öffentlichkeit. Und wieder stellte er sie sich nackt in seinem Bett vor, auf ihm reitend, ihn mit ihrer dunklen Zigeunerglut verschlingend. Er lag passiv unter ihr, was den realen Gegebenheiten freilich nicht entsprochen hätte. Die Fantasie erregte ihn, eigentlich verwunderlich, denn er gehörte nicht zu denen, die sich in erotischen Träumen verloren.

Sie war mehr als nur originell. Sie war mutig, sie war verwegen. Es mußte eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen ihr und dem Grafen von Dragmore bestehen, den er kannte, bewunderte und achtete. Nicolas Shelton war ihm in vieler Hinsicht ähnlich: tüchtig, diszipliniert und ein schlauer und weitblickender Geschäftsmann. Seine Schwiegertochter? Eine Cousine?

Mit Sicherheit war sie verheiratet. Sie war kein Backfisch mehr, und ihre Kühnheit, ohne Begleitung in diesem gewagten Kostüm zum Ball zu erscheinen, konnte seine Vermutung nur bestätigen. Der Herzog war daran gewöhnt, daß verheiratete Frauen sich an ihn heranmachten, ihn umgarnten und keine Koketterien scheuten, um ihn ins Bett zu kriegen. Ihm lag nichts an Glücksspielen, Alkohol oder anderen sündigen Vergnügungen, aber einer schönen Frau konnte er nicht widerstehen, auch wenn er selten die Initiative ergriff. Er hielt sich eine Geliebte, wurde der Damen freilich rasch überdrüssig und wechselte seine Gespielinnen häufig. Er genoß den Ruf eines unverbesserlichen Frauenhelden, was ihn keineswegs störte – wenigstens war er kein Päderast wie sein verstorbener Vater.

Lady Shelton wäre als Mätresse gut geeignet, das spürte er, ohne sie eigentlich zu kennen. Da sie aber verheiratet und von Adel war, kam sie als Geliebte bedauerlicherweise nicht infrage. Der Herzog würde sich mit einer heimlichen Affäre begnügen müssen. Seine Abenteuer mit verheirateten Frauen waren meist kürzer als die Affären mit seinen Mätressen. Ihm fehlte die Zeit für heimliche Treffen mit einer verheirateten Frau. Meist war die Sache nach ein paar heißen Begegnungen erledigt. Lady Shelton interessierte ihn, und er glaubte nicht, daß ein paar heiße Nächte mit ihr seinen Hunger stillen würden.

Er seufzte bei dem Gedanken an die damit verbundenen Unbequemlichkeiten.

 

Die Herzoginwitwe war eine unzeitgemäße Frühaufsteherin. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte Isobel de Warenne Braxton-Lowell sich diese plebejische Gewohnheit zugelegt, als Francis das Erbe nach dem Tod des Siebten Herzogs antrat. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie erkannte, daß ihr Gemahl nicht beabsichtigte, seine Allüren eines Lebemanns abzulegen. Die unbezahlten Rechnungen häuften sich, und Isobel engagierte einen Sekretär, der sich um die Begleichung der Schulden kümmerte. Als sie erfuhr, wie begrenzt die baren Mittel des Herzogs waren und in welchem erbärmlichen Zustand die Landgüter sich befanden, war es ein schlimmer Schock für Isobel gewesen. Doch nichts war so schlimm wie die Gewalttätigkeit, mit der Francis sie behandelte. Jemand mußte die Leitung der riesigen herzoglichen Besitzungen übernehmen. Isobel übernahm diese Aufgabe, und je mehr Erfolg sie damit hatte, desto wütender und haßerfüllter wurde Francis gegen sie.

Kurz nach sechs Uhr trug Woodward die versilberte Teekanne in das Frühstückszimmer. Niemand aus dem Bekanntenkreis der Herzoginwitwe benutzte versilbertes Tafelgeschirr, schon gar keine verbeulten versilberten Teekannen. Ein deutlicher Hinweis auf den miserablen Zustand von Chapman Hall.

Isobel trug trotz der frühen Morgenstunde ein elegantes blaues Tagesensemble, hochgeschlossen, mit weiten Keulenärmeln, schmaler Wespentaille und einem Glockenrock mit tiefen Kellerfalten im Rücken. Isobel hatte sich mit vierundfünfzig ihre mädchenhaft schlanke Figur erhalten, auf die sie peinlich genau achtete. Außer den Krähenfüßen um ihre strahlendblauen Augen und einigen Falten um den Mund war ihre Haut dank sorgfältiger Pflege und kostbarer Cremes makellos und beinahe jugendfrisch. Ihr ovales Antlitz mit den hohen Backenknochen war von aristokratischer Ebenmäßigkeit, ein Gesicht, das vorteilhaft alterte. Heute noch eine sehr attraktive Frau, war sie in ihrer Jugend eine vielgepriesene Schönheit gewesen.

Zu dem blauen Seidenkleid trug sie Ohrgehänge aus Saphiren und ein breites, ebenfalls mit Saphiren besetztes Diamantarmband. An ihrer rechten Hand funkelte ein großer Saphirring. Sie trug keinen Ehering. In ihrer Erleichterung über das Ende ihres Martyriums hatte sie den Ring ihrem verblichenen Gemahl mit ins Grab gegeben.

»Ich wußte, daß du schon auf bist«, stellte der Herzog fest, der in engsitzenden Reithosen, hohen Stiefeln und einem weiten weißen Hemd den Frühstücksraum betrat. »Guten Morgen, Mutter.« Er küßte sie auf beide Wangen.

»Guten Morgen.« Isobel betrachtete ihren Sohn, der sich ans Kopfende des zerkratzten Mahagonitisches setzte. Sie war stolz auf ihr einziges Kind, das sie spät empfangen hatte, sieben Jahre nach der Hochzeit, im Alter von vierundzwanzig. Sie war nicht nur auf sein gutes Aussehen und auf seine Männlichkeit stolz. Er war ein ehrenwerter Mann, ein Sohn, auf den jede Mutter stolz wäre. Stark, zuverlässig und verantwortungsbewußt, das absolute Gegenteil seines Vaters, der schwach, unzuverlässig und pflichtvergessen gewesen war. Und dennoch beschlich sie ein Hauch Wehmut, da sie in dem mächtigen, erwachsenen Mann immer noch den verbitterten, verschlossenen kleinen Jungen sah, der um seine unbeschwerte Kindheit gebracht worden war.

»Ich fürchte beinahe, die Frage zu stellen«, begann der Herzog, während Woodward ihm starken schwarzen Kaffee eingoß. »Was führt dich zu mir?«

Statt zu antworten fragte Isobel: »Wie war der Ball?« Ein Diener trug gebratene Eier mit Speck und geräucherten Hering auf.

Der Herzog lächelte. »Sterbenslangweilig, wie du dir denken kannst.«

Sie registrierte sein zufriedenes Lächeln ein wenig verwundert, dankte Woodward höflich, der den Frühstücksraum verließ. Mutter und Sohn waren allein. »Ich mache mir um Elizabeth Sorgen, Hadrian.«

Bei der Erwähnung des Namens seiner Verlobten ließ der Herzog die Gabel sinken. »Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Wenn du etwas mehr Zeit mit ihr verbringen würdest, müßtest du nicht danach fragen«, meinte Isobel sanft.

Der Herzog legte die Gabel auf den Teller zurück. »Clayborough läuft nicht von selbst, Mutter, das weißt du genau.«

»Gewiß. Aber ihr seht euch in letzter Zeit immer seltener, und ich weiß, daß sie sich deswegen Sorgen macht. Sie grämt sich richtig.«

Die Miene des Herzogs wurde sehr ernst. »Das tut mir leid«, sagte er schließlich. »Es liegt mir fern, ihr weh zu tun. Ich dachte immer, sie sei glücklich mit ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen in London. Ich hätte nicht gedacht, daß sie ... ehm ... mich vermißt.«

»Sicher ist sie glücklich in London, doch du bist ihr Verlobter. In wenigen Monaten wollt ihr heiraten. Man fängt schon an zu reden.«

»Bist du deshalb gekommen?«

»Nein. Ich habe Elizabeth vorgestern gesehen, Hadrian. Sie versichert zwar, sie fühle sich wohl und alles sei in bester Ordnung, aber ich sehe ihr an, daß etwas nicht stimmt.«

»Ist sie krank?«

»Ich fürchte beinahe. Sie ist sehr blaß und hat abgenommen. Ich habe sie schließlich rundheraus gefragt, und es kostete mich einige Mühe, sie zum Reden zu bringen. Du kennst Elizabeth. Sie will niemand zur Last fallen. Schließlich gestand sie mir, daß sie ständig müde ist. Und obwohl sie nicht weniger ißt, hat sie so sehr abgenommen, daß ihre gesamte Garderobe geändert werden mußte. Ich habe ihr dringend geraten, einen Arzt aufzusuchen, doch sie lachte nur und meinte, es sei eine kleine Unpäßlichkeit, die bald vergehen würde.«

»Nun, das klingt nicht sonderlich besorgniserregend, Mutter. Elizabeth würde einen Arzt aufsuchen, wenn sie ernsthafte Beschwerden hätte. Ich reise nächste oder übernächste Woche nach London, sobald die dringendsten Reparaturarbeiten hier erledigt sind. Ich werde der Sache nachgehen, und wenn sie ärztliche Behandlung braucht, werde ich dafür sorgen, daß sie untersucht wird.«

Isobel wußte, daß sie sich auf ihren Sohn verlassen konnte. Er hielt sich zwar – wie die meisten Aristokraten – eine Mätresse, würde aber ein guter Ehemann sein. Er behandelte Elizabeth mit ausgesuchter Höflichkeit, war freundlich und respektvoll zu ihr. Und das war kein Theater – es lag in seiner Natur. Nie schlug er ihr einen Wunsch ab, nicht einmal die Bitte, irgendwelche Gesellschaften, die er verabscheute, zu besuchen. Er war niemals grob oder unhöflich zu ihr, und seine Affären behandelte er mit aller Diskretion.

Isobel wußte, daß er Elizabeth gerne hatte. Die beiden waren Cousin und Cousine. Hadrian war zwölf und Elizabeth zwei, als sie einander versprochen wurden. Hadrian empfand keine glühende Liebe für Elizabeth, mochte sie vielmehr wie eine Schwester. Elizabeths Liebe zu ihm war indes keine geschwisterliche Zuneigung. Doch das hätte Isobel keinen Kummer bereitet. Wichtig war, daß die Verlobten Freunde waren, und daß Hadrian seine Braut ehrte und achtete. Isobel hatte viel Leid erlebt und wußte, daß Freundschaft wahrhaftig keine schlechte Basis für eine Ehe war, denn die wenigsten Menschen hatten das Glück, die Liebe kennenzulernen, und noch schlechter war es mit der Liebe zwischen Ehepaaren bestellt. Isobels Gedanken wanderten in eine andere Zeit zurück, und Wehmut beschlich sie.

Der Herzog aß schnell und dachte über die Worte seiner Mutter nach. Er verstand ihre Besorgnis nicht ganz, wegen einer Unpäßlichkeit seiner Verlobten die beschwerliche Reise nach Chapman Hall unternommen zu haben. Sein erster Weg in London würde ihn zu Elizabeth führen, um mit ihr über ihre angegriffene Gesundheit zu sprechen. Und er würde sich nicht beschwichtigen lassen. Er würde mit ihr das Theater und die Oper besuchen. Seine Mutter hatte vollkommen recht. Er hatte sich ausschließlich um seine Arbeit gekümmert und seine Verlobte vernachlässigt, er hatte sie über einen Monat nicht gesehen. Dafür gab es keine Entschuldigung. Er nahm sich fest vor, ein solches Verhalten nach der Hochzeit nicht wieder einreißen zu lassen.

Der Herzog erhob sich. Dringende Geschäfte riefen ihn. Chapman Hall befand sich in einem verwahrlosten Zustand, und er hatte sich vorgenommen, das Anwesen wieder in- standzusetzen. Beim Verlassen des Frühstücksraums drängte sich das Bild der verwegenen Lady Shelton wieder in seine Gedanken. Er hatte gestern heftig mit ihr geflirtet, was gar nicht seine Art war. Er hatte ihr regelrecht den Hof gemacht.

Sie nach Chapman Hall eingeladen zu haben, bereute er mittlerweile. Seine Mutter würde voraussichtlich erst am nächsten Tag abreisen, und es galt, eine Begegnung zwischen ihr und Lady Shelton unter allen Umständen zu vermeiden.

Es wäre der Gipfel der Geschmacklosigkeit und Respektlosigkeit, seine Mutter mit einer seiner Liebeleien bekanntzumachen. Er war leichtsinnig und gedankenlos gewesen gestern abend.

 

Den Vormittag verbrachte der Herzog damit, die Ländereien zu inspizieren, die nicht mehr als acht Hektar umfaßten. Der Vorbesitzer hatte Chapman Hall nur als Landhaus genutzt, ohne sich um die Landwirtschaft zu kümmern. Später aß der Herzog mit seiner Mutter zu Mittag. Isobel, eine exzellente Reiterin, war am Vormittag ausgeritten. Nun eröffnete sie ihm, daß sie am nächsten Morgen nach London abreisen würde.

Hadrian erzählte seiner Mutter von seinen Plänen für Chapman Hall, sie zeigte an allen Belangen des herzoglichen Besitzes großes Interesse. Mutter und Sohn waren soeben mit dem Essen fertig, als Woodward Besuch ankündigte.

Der Herzog wußte, um wen es sich handelte, ehe Woodward Lady Nicole Shelton förmlich ankündigte. Isobel sah ihren Sohn fragend an. »Nicole Bragg Shelton von Dragmore, Hadrian?«

Ein rosiger Hauch färbte seine hohen Wangenknochen. Er erhob sich. »Eine Verabredung zu einem Reitausflug«, meinte er knapp. Sein Tonfall schloß jede weitere Frage aus. Eilig verließ er den Speisesaal. Seine Mutter sah ihm fragend nach.

Der Herzog eilte den Korridor entlang. Die Tür des kleinen Salons stand offen. Der Herzog verlangsamte bei ihrem Anblick die Schritte. Ein animalisches Verlangen stieg in ihm hoch, als er sie auf dem Sofa sitzen sah. Sie erhob sich. Ihre Blicke trafen sich.

Sie war keine Zigeunerin mehr, aber nicht weniger bezaubernd. Sie trug ein flaschengrünes Reitkostüm mit passendem Hut, unter dem ihre Lockenfülle verborgen war. In der Hand hielt sie schwarze Lederhandschuhe und eine Reitgerte.

»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind«, sagte er leise und blieb vor ihr stehen. Sein Blick wanderte über ihre Gestalt. Ja, sie war ebenso schön wie er sie in Erinnerung hatte. Seine Fantasie hatte ihm keinen Streich gespielt.

Sie wollte in einem tiefen Knicks versinken, doch er hob abwehrend die Hand. »Keine Formalitäten. Das wäre unter den gegebenen Umständen ziemlich lächerlich, finden Sie nicht auch?«

Sie blinzelte. Ihre Augen waren von sehr hellem Blau, das beinahe silbern wirkte. Sie stand unbeweglich. Hatte sie seine Worte nicht gehört? Oder hatte sie ihn nicht verstanden?

Er staunte über ihr Erröten und ihre Verwirrung, als sei sie eine unerfahrene Frau. Vielleicht aber empfand sie die körperliche Anziehungskraft ebenso stark wie er.

»Vielen Dank, Euer Gnaden«, ihre Stimme war leise, ein wenig belegt.

Er hörte Schritte im Flur und straffte die Schultern. Die Herzoginwitwe. Es gab keinen eleganten Ausweg aus der peinlichen Situation. Er mußte die Damen miteinander bekannt machen. Er biß die Zähne aufeinander.

Isobel betrat den Salon. Ihr beunruhigter Blick flog von der Besucherin zu ihrem Sohn. Der Herzog las Mißbilligung in ihren Augen. »Lady Shelton, die Herzoginwitwe von Clayborough«, stellte er förmlich vor. Seine Stimme gab keinen Aufschluß über seinen Mißmut.

Die beiden Damen begrüßten einander. »Sie nehmen sicher eine Tasse Tee mit uns, Lady Shelton? Woodward, bringen Sie uns eine Erfrischung.«

Der Herzog wehrte mit einer Handbewegung ab und nahm Nicoles Arm. »Tut mir leid, Mutter. Wir sind zu einem Ausritt verabredet.«

Bevor Isobel ihre Einladung zum Tee wiederholen konnte, führte der Herzog seine Besucherin aus dem Salon und durch die Halle ins Freie. »Es wäre eine Schande, den wunderschönen Tag nicht zu nutzen«, meinte er. Und sehr bald wollte er auch das Angebot der verführerischen Dame nutzen.

»Ja ... gewiß«, stammelte Nicole, verwirrt über die eilige Verabschiedung, und warf einen Blick über die Schulter. Der Herzog zweifelte nicht daran, daß seine Mutter sein Vorhaben ahnte und schockiert war, daß er nicht einmal den Versuch machte, sein Rendezvous zu verheimlichen.

Er war selbst schockiert über sein Tun. Was allerdings nichts an seiner Absicht änderte. Nicht im Geringsten.

Kapitel 3

 

Der Herzog führte Nicole, die wieder einen Blick über die Schulter warf, die flachen Steinstufen hinunter. Die Herzoginwitwe war auf die Veranda getreten und sah dem Paar mißbilligend nach. Nicole mußte bekümmert feststellen, daß die Mutter des Herzogs über das Interesse ihres Sohnes an ihr nicht erbaut zu sein schien. Mit Sicherheit wußte auch sie über Nicoles schmachvolle Vergangenheit Bescheid, wie alle Welt.

Doch dann verscheuchten seine rauchige Stimme, seine Worte die Gedanken an die Herzoginwitwe. »Ich hoffte, Sie würden mich heute schon besuchen, Nicole.«

An den Stallungen angekommen, gab er einem Stallburschen Anweisung, die Pferde zu bringen. Nicole konnte die Augen nicht von seinem Gesicht wenden. Er hatte sie Nicole genannt. Alles geschah so schnell, es war wie im Traum.

Letzte Nacht hatte sie kaum ein Auge zugetan, ständig hatte sich sein Bild in ihre Gedanken gedrängt. Sie erinnerte sich an jedes Wort, das er auf dem Maskenball an sie gerichtet hatte. Nicole, die sich nie sonderlich für Männer interessiert hatte, erkannte plötzlich die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau. Ihre Gefühle konnten nichts anderes sein als Liebe.

»Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich Sie Nicole nenne.« »Wie könnte mich das stören?« murmelte sie. Seine Stimme jagte ihr prickelnde Schauer über den Rücken.

»Gut, dann sollten wir die Förmlichkeiten beiseitelassen. Nennen Sie mich Hadrian.«

»Hadrian«, flüsterte sie mit großen Augen.

Der Stallbursche erschien mit den Pferden. Während der Herzog den Sattelgurt ihres Pferdes überprüfte, hatte Nicole Gelegenheit, ihn ungestört zu betrachten. Im schwarzen Abendanzug hatte er schon hinreißend ausgesehen, heute wirkte er noch männlicher und attraktiver. Seine Reithosen aus feinem Rehleder umspannten seine kraftvollen Schenkel wie eine zweite Haut.

Als er sich ihr wieder zuwandte, senkte sie rasch die Augen und hoffte, er habe ihre unverblümte Musterung nicht bemerkt.