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Nie hätte Daniela geglaubt, zu so etwas fähig zu sein! Als sie nach einer Gefängnisstrafe buchstäblich vor dem Nichts steht, erscheint ihr das Angebot der Industriellenwitwe Lisbeth Siebert als einziger Ausweg: Lisbeth sucht eine Leihmutter, die das Kind ihres im Sterben liegenden Sohnes austrägt. Daniela ahnt nicht, dass sie mitten in die erbitterten Erbstreitigkeiten um ein Firmenimperium gerät, die sie selbst in Gefahr bringen. Auch gelingt es ihr bald nicht mehr, das kleine Wesen in ihrem Bauch als das Kind einer anderen anzusehen. Doch auch Lisbeth begreift im Lauf der Zeit, dass Daniela mehr ist als ein nützliches Werkzeug.
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Seitenzahl: 510
Veröffentlichungsjahr: 2018
Renee Milan
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Nie hätte Daniela geglaubt, zu so etwas fähig zu sein! Als sie nach einer Gefängnisstrafe buchstäblich vor dem Nichts steht, erscheint ihr das Angebot der Industriellenwitwe Lisbeth Siebert als einziger Ausweg: Lisbeth sucht eine Leihmutter, die das Kind ihres im Sterben liegenden Sohnes austrägt. Daniela ahnt nicht, dass sie mitten in die erbitterten Erbstreitigkeiten um ein Firmenimperium gerät, die sie selbst in Gefahr bringen. Auch gelingt es ihr bald nicht mehr, das kleine Wesen in ihrem Bauch als das Kind einer anderen anzusehen. Doch auch Lisbeth begreift im Lauf der Zeit, dass Daniela mehr ist als ein nützliches Werkzeug.
Erster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Zweiter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Dritter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Vierter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
Fünfter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Sechster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Siebter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Achter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Neunter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
Zehnter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Ein seltsames Angebot
Es war ein sonniger Frühlingstag, gerade richtig, um mit dem Sportcabrio eine Spritztour zu unternehmen. Jens Siebert wandte sich mit einem fröhlichen Grinsen an seine Begleiterin: »Wohin möchtest du fahren, Linda? Zur Auswahl stehen das neue Musical in Hamburg, eine Filmpremiere in Berlin oder Gletscher-Skifahren in der Schweiz.«
Linda Holmes, eine hübsche, schlanke Blondine, schüttelte den Kopf. »Nichts von alledem. Zum einen habe ich nicht einmal eine Zahnbürste bei mir, und zum anderen wäre deine Mutter zutiefst gekränkt, wenn wir ihre Party heute Abend schwänzen.« Ihr anglokanadischer Akzent war nicht zu überhören.
Jens verzog das Gesicht. »Stimmt, die Party hätte ich beinahe vergessen. Vaters alter Freund Max wird sechzig, und ich habe noch nicht einmal ein Geschenk. Ich muss dringend nach München zurück und etwas besorgen.«
Nach einem kurzen Blick in den Rückspiegel hielt er an, wendete, bevor ein Auto entgegenkommen konnte, und fuhr in hohem Tempo die Strecke zurück, die sie gekommen waren.
»Puh, das war aber gefährlich!«, rief Linda erschrocken.
»Ich habe alles im Griff.« Jens lachte und beschleunigte den Wagen. Als er knapp vor einem entgegenkommenden Wagen überholte, schrie Linda entsetzt auf.
»Fahr bitte langsamer!«
Stattdessen trat Jens noch stärker aufs Gas. »Ich will für Max noch was in seinem Lieblingsteeladen kaufen, doch der macht am Samstag früher zu. Daher muss ich mich beeilen.«
Erst als sie München erreicht hatten, mäßigte er sein Tempo, überschritt aber immer noch die erlaubte Höchstgeschwindigkeit.
Linda hatte sich noch längst nicht beruhigt. »Das machst du kein zweites Mal mehr«, schimpfte sie.
Jens nickte zwar, drückte aber den Gashebel seines Sportboliden kurz bis zum Anschlag durch und amüsierte sich über eine ältere Frau, die auf dem Gehweg vor Schreck zur Seite sprang.
»Die ist noch ängstlicher als du!«, spottete er.
Linda sah ihn kopfschüttelnd an. »Du bist und bleibst ein Kindskopf.«
In dem Augenblick, in dem die Ampel vor ihnen auf Rotgelb umschlug, schoss Jens los. Die breiten Reifen des Sportcabrios hinterließen schwarze Schleifspuren, und einige Passanten schimpften hinter dem Auto her.
Jens lachte nur und missachtete die Anzeige seines Tachos, der auf über achtzig stand. Innerhalb kürzester Zeit erreichte er die nächste rote Ampel, doch diesmal bremste er. Eine halbe Sekunde später hielt ein schwerer SUV neben ihm.
»Sieh an, mein geliebter Cousin Ralf mit seinem Heuwagen. Der wird nur meinen Auspuff sehen«, rief Jens, zeigte dem Fahrer des SUV den Mittelfinger und legte den Gang ein.
»Mach keinen Unsinn!«, bat Linda, doch Jens schien das nicht zu hören. Er kam sehr schnell von der Ampel weg, aber sein Cousin blieb trotz des höheren Gewichts seines Fahrzeugs knapp hinter ihm.
An der nächsten Ampel standen sie wieder nebeneinander. Nun zeigte Ralf Siebert seinerseits den Stinkefinger und brachte seinen Motor auf Touren, um keine Zehntelsekunde zu verlieren.
»Nicht mit mir!«, stieß Jens hervor und raste los, kaum dass das letzte Auto die Straße gequert hatte.
Ralf Siebert beschleunigte nur um einen Sekundenbruchteil später.
An der nächsten Kreuzung war die Querstraße leer, und so fuhr Jens trotz roter Ampel einfach durch.
»Bist du verrückt?«, kreischte Linda. »Wenn da ein anderes Auto gekommen wäre …«
»Ist es aber nicht«, stieß Jens aus.
Für ihn war das Einzige, was noch zählte, den verhassten Cousin hinter sich zu lassen. Dass er eigentlich ein Geschenk für Max Christaller hatte besorgen wollen, war längst vergessen.
Trotz aller Finten konnte er seinen Cousin nicht abhängen. Erst als sich die beiden Fahrspuren auf eine verengten, blieb Ralf nichts anderes übrig, als sich hinter Jens einzureihen. Dieser zog davon und ignorierte die Tachoanzeige, die wieder weit über den erlaubten fünfzig Stundenkilometern stand.
Eine weitere rote Ampel kam in Sicht. Ein Blick nach links und rechts zeigte Jens, dass ihm kein Fahrzeug in die Quere kommen konnte, und so raste er über die Ampel hinweg.
Linda schrie gellend auf.
Im Vertrauen auf die rote Ampel fuhr gerade ein schwerer Lkw aus einer Einfahrt auf die Straße und blockierte diese. Im letzten Augenblick trat Jens auf die Bremse und schaffte es gerade noch, anzuhalten. Sein Cousin wollte seinen Wagen ebenfalls zum Stehen bringen, doch es war zu spät. Mit einem hässlichen Geräusch prallte der SUV auf das Heck des Cabrios und schob das leichtere Fahrzeug unter den Lkw.
Lisbeth Siebert starrte auf das von medizinischen Geräten umgebene Bett, in dem ihr Sohn lag, und spürte, wie sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog. Mit einer schroffen Bewegung wandte sie sich an den Arzt, dessen Miene tiefes Mitgefühl ausdrückte.
»Es muss doch eine Möglichkeit geben, Herr Doktor! Sie dürfen meinen Sohn nicht sterben lassen!«
Sie trug noch immer das gold schimmernde Paillettenkleid und die Schuhe mit hohen Absätzen, die sie für Max Christallers Geburtstagsparty angezogen hatte. Max selbst, ein trotz seiner sechzig Jahre agil wirkender Herr, war mit ihr gekommen, wusste aber nicht, wie er seine Freundin trösten sollte.
Mit einer resignierenden Geste wies der Arzt auf die Apparaturen rechts und links neben dem Bett. »Es gibt Grenzen, die auch die moderne Medizin nicht überschreiten kann, Frau Dr. Siebert. Ihr Sohn wird nur noch durch diese Geräte am Leben erhalten. Würde ich eines davon ausschalten, wäre er in fünf Minuten tot.«
»Gibt es denn nichts mehr, was man für Jens tun kann? Holen Sie so viele Geräte und Spezialisten, wie Sie benötigen. Geld spielt keine Rolle!«, erwiderte Lisbeth Siebert mit brüchiger Stimme.
»Wir haben Ihrem Sohn alle Hilfe angedeihen lassen, die möglich war, Frau Dr. Siebert«, versicherte der Arzt. »Selbst wenn Sie eine Million einsetzen, würde es an dem Ergebnis nichts ändern.«
»Er muss überleben!«, erklärte sie schluchzend.
Max Christaller legte den Arm um sie. »Lisbeth, der Arzt hat gewiss alles getan, was in seiner Macht steht.«
»Nicht nur ich«, erklärte dieser. »Ich habe sofort meinen Kollegen, Professor Foscara, sowie drei weitere Spezialisten hinzugezogen. Wir können Ihren Sohn eine Weile mit unseren Geräten am Leben erhalten. Es wäre jedoch ein Wunder, wenn er aus dem Koma erwachen würde. Und selbst dann wären seine Gehirnverletzungen zu schwer, als dass er je wieder ein normales Leben würde führen können.«
Für einen Augenblick sah es so aus, als würde Lisbeth Siebert unter dieser Information zusammenbrechen. Dann aber richtete sie sich auf und blickte Max mit zornerfüllter Miene an. »Ralf ist schuld. Er wollte Jens umbringen.«
»Es war ein Unfall, Lisbeth«, wandte Max ein. »Ralf ist selbst verletzt. Das hätte er niemals riskiert, wenn …«
»Verletzt? Ha!«, unterbrach Lisbeth ihn erregt. »Er hat sich ein paar Prellungen zugezogen, das ist alles. Er wusste, dass sein Airbag ausgelöst werden würde. Jens aber wurde durch den Aufprall unter dem Lkw zerquetscht.«
»Trotzdem halte ich es für ausgeschlossen, dass es Absicht war«, sagte Max mit fester Stimme.
»Auf jeden Fall ist Ralf schuld.« Lisbeth blickte erneut auf ihren Sohn hinab. »Ich lasse nicht zu, dass er und sein Vater einen Vorteil aus dieser Tat ziehen können. Was Carl und Ralf Siebert meinem Mann und mir alles angetan haben, weißt du selbst.«
Max Christaller kannte die Hintergründe der langjährigen Familienfehde, und ihm war klar, dass es keinen Sinn hatte, auf Lisbeth einzureden. In ihren Augen war der Neffe ihres verstorbenen Mannes an Jens’ Schicksal schuld, genauso, wie Ralfs Vater und zuletzt auch dieser selbst für die meisten Schwierigkeiten verantwortlich waren, mit denen ihr Mann und sie während langer Jahre hatten kämpfen müssen.
»Wenigstens ist Linda nicht viel passiert«, sagte Max, um Lisbeths Gedanken auf etwas anderes zu lenken.
Die Frau nickte, sah dann aber den Arzt an. »Wie geht es Linda Holmes?«
Froh, eine positive Antwort geben zu können, hellte sich die Miene des Arztes auf. »Frau Holmes hat einen Schock erlitten und ein paar Schnittwunden und Prellungen davongetragen. Ihr Glück war, dass der Aufbau des Lkws an ihrer Seite höher war als auf der Seite Ihres Sohnes und sie den Sitz weit nach hinten gestellt hatte. Sie wird die Klinik wahrscheinlich innerhalb einer Woche verlassen können.«
»Das freut mich«, antwortete Lisbeth Siebert, obwohl es ihr tausendmal lieber gewesen wäre, wenn ihr Sohn an Lindas Stelle gewesen wäre. Irgendwie empfand sie es als eine Ironie des Schicksals, dass Jens tödliche Verletzungen davongetragen hatte, während Linda keine Armlänge von ihm entfernt glimpflich davongekommen war. Oder war es eher ein Glücksfall, dass Linda den Unfall so gut überstanden hatte?
Dieser Gedanke ließ Lisbeth nicht mehr los. Vielleicht konnte doch noch etwas gut werden. Immerhin war Linda Jens’ Verlobte und würde verstehen, was sie von ihr fordern musste.
»Sie sagen, es gibt keine Aussicht mehr, dass mein Sohn je wieder ohne Geräte leben kann?«, fragte sie den Arzt.
»Bedauerlicherweise kann ich Ihnen da wirklich keinerlei Hoffnung machen.«
»Sie werden verstehen, dass ich meine Hoffnung auf einen Enkel nicht einfach aufgeben will«, erklärte Lisbeth Siebert. »Daher frage ich Sie, ob es möglich ist, das Sperma meines Sohnes zu gewinnen und aufzubewahren. Er kann dafür natürlich auch in eine andere Klinik verlegt werden.«
Der Arzt zögerte einen Augenblick, da er begriff, dass Lisbeth Siebert plante, ihr Enkelkind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Den Gesetzen nach war dies hier in Deutschland verboten, anderswo jedoch erlaubt. Schließlich nickte er. »Es ist nicht nötig, Ihren Sohn zu verlegen. Wenn Sie es wünschen, werde ich alles Nötige veranlassen.«
»Ich wünsche es.« Für den Augenblick entspannte sich Lisbeths Gesicht ein wenig.
»Was hast du vor?«, fragte Max verwundert.
Mit glitzernden Augen wandte Lisbeth sich zu ihm um. »Linda ist Jens’ Verlobte. Also wird sie sein Kind austragen. Das ist sie mir schuldig.«
»Das ist …« Max Christaller brach mitten im Satz ab.
Zwar verstand er Lisbeths Beweggründe, und doch sträubte sich alles in ihm gegen diesen Vorschlag. Lisbeth hätte es gewiss fertiggebracht, das Kind eines sterbenden Verlobten auszutragen. Aber ob Linda Holmes dazu bereit war, darauf wollte er nicht wetten.
»Kann ich mit Linda sprechen?« Lisbeths Frage galt wieder dem Arzt.
Dieser wiegte zweifelnd den Kopf. »Frau Holmes steht noch unter Schock und …«
»Du solltest ihr ein paar Tage Zeit geben«, unterbrach Max die zögernde Antwort des Arztes. »Wenn es ihr wieder besser geht, wird sie deinen Vorschlag gewiss positiver aufnehmen als jetzt.«
Diesem Rat konnte Lisbeth sich nicht entziehen, und so nickte sie. »Ich rede nächste Woche mit ihr, werde sie aber vorher besuchen. Könntest du dich darum kümmern, dass sie jeden Tag frische Blumen ins Zimmer gestellt bekommt?«
»Das mache ich gerne«, antwortete Max. Er hätte noch so vieles mehr für Lisbeth getan. Doch im Augenblick konnte niemand die Mauer durchdringen, die durch den schweren Unfall ihres Sohnes in ihrem Kopf entstanden war.
Von Geschäftspartnern wurde Lisbeth Siebert die Eislady genannt, denn bei Verhandlungen war sie kalt bis ins Mark. Als sie eine knappe Woche nach dem Unfall ihres Sohnes in Linda Holmes’ Krankenzimmer trat, waren ihre Miene und ihre Haltung jedoch sanft und zugewandt. Max begleitete sie auch diesmal und schob ihr den Stuhl neben das Bett.
Das Zimmer stand voll duftender Blumen, und auf dem Nachttisch lagen ein Sachbuch und eine fast leere Schachtel Pralinen. Abgesehen von der verbundenen linken Hand und einem großen Pflaster auf der Wange sah Linda Holmes gut aus. Sie war etwas größer als der Durchschnitt, hatte lange, hellblonde Haare und ein ebenmäßiges Gesicht mit großen, blauen Augen. Ihr Studium hatte sie in Kanada mit Auszeichnung abgeschlossen und dort nur deswegen noch keinen Job angenommen, weil sie bei Jens hatte bleiben wollen.
»Hallo, Linda«, grüßte Lisbeth sie.
Linda richtete sich lächelnd auf. »Hallo, Lisbeth. Schön, dass du mich wieder besuchst. Hier im Krankenhaus ist es wirklich langweilig. Ich bin froh, dass ich morgen entlassen werde.«
»Darüber bin ich auch froh.«
»Gibt es etwas Neues von Jens? Die Ärzte haben mir nur gesagt, dass er verletzt sein soll?«, fragte Linda.
Ein Schatten huschte über Lisbeths Gesicht, und sie nickte. »Er liegt im Koma, und die Ärzte bezweifeln, dass er überleben wird.«
»Er wird nicht überleben?« Für Linda war es ein Schock. Damit brach ihre gesamte Lebensplanung zusammen. Sie hatte es sich so schön vorgestellt, an Jens’ Seite eine bedeutende Stellung in der High Society einzunehmen. All das war vorbei, nur weil er wie ein Verrückter jede Regel im Straßenverkehr hatte brechen müssen.
»Das tut mir leid«, sagte sie daher überraschend kühl.
Im Gegensatz zu Linda spürte Lisbeth den Schmerz um den Sohn wie glühenden Draht, der sich in ihren Kopf bohrte, und wischte sich über die tränenfeuchten Augen. »Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass sein Vermächtnis nicht verloren geht.«
»Ich werde ihn niemals vergessen«, versprach Linda.
»Das weiß ich doch.« Lisbeth fasste nach der rechten Hand der jungen Frau und hielt sie fest. »Du warst Jens’ Verlobte und hast ihm nähergestanden als jeder andere. Daher wirst du mir gewiss meinen innigsten Wunsch erfüllen.«
»Welchen Wunsch?«, fragte Linda mit einer gewissen Abwehr in der Stimme.
»Ich will einen Enkel!«, erklärte Lisbeth eindringlich. »Die Ärzte haben Jens’ Sperma entnommen und bereiten alles für eine künstliche Befruchtung vor. Du wirst gewiss glücklich sein, sein Kind zur Welt zu bringen.«
Max hatte dem Gespräch angespannt gelauscht und trotz aller Zweifel gehofft, Linda würde Lisbeths Vorschlag nicht von vorneherein ablehnen. Doch als er das entgeisterte Gesicht der jungen Frau wahrnahm, spürte er, dass diese Unterredung für Jens’ Mutter mit einer Enttäuschung enden würde.
Linda schüttelte heftig den Kopf. »Ich soll das Kind eines quasi Toten austragen? Das ist krank!«
»Du hast Jens doch geliebt«, antwortete Lisbeth ebenso verzweifelt wie verärgert.
»Ja, das schon. Aber wir haben beide keine Kinder gewollt«, behauptete Linda.
Sie hatte sich vorgestellt, nach einer Heirat mit Jens erst einmal das Leben zu genießen. Kinder wären für sie, wenn überhaupt, frühestens in zehn Jahren infrage gekommen. Der Gedanke, nun ein Kind ohne Ehemann zu bekommen und es im Schatten der Großmutter aufziehen zu müssen, wirkte so irrsinnig auf sie, dass sie sämtliche Stacheln aufstellte.
»Tut mir leid, aber das kann nicht dein Ernst sein. Außerdem habe ich keine Zeit dafür. Ich wollte bereits nach Abschluss meines Studiums in Professor Longhorns Forschungsteam eintreten und habe es nur Jens’ wegen nicht getan. Gestern habe ich den Professor angerufen und erfahren, dass der Platz noch frei ist.«
»Longhorn forscht doch in Kanada!«, rief Lisbeth erschrocken.
Linda nickte lächelnd. »Nach diesem schrecklichen Erlebnis will ich in meine Heimat zurückkehren. Das musst du verstehen.«
»Ich verstehe nur eins: Du willst Jens und mich im Stich lassen!«, antwortete Lisbeth empört. »Dabei geht es um weit mehr als nur um den Wunsch einer alten Frau nach einem Enkelkind. Wenn mein Sohn ohne Nachkommen stirbt, fällt unsere Firma einem alten Erbvertrag zufolge an meinen Schwager Carl, und dessen Sohn ist schuld am Tod meines Sohnes.«
Besorgt trat Max zu ihr hin und legte ihr den Arm um die Schulter. »Reg dich bitte nicht auf. Wenn Linda nicht will, können wir nichts daran ändern.«
Lisbeth musterte die junge Frau mit einem kalten Blick. »Wenn du Jens je geliebt hast, solltest du auf meinen Vorschlag eingehen. Denke darüber nach.«
Es war ein Versprechen von einem Leben im Reichtum. Doch Linda war klar, dass es eher einem goldenen Käfig gleichen würde. Solange Lisbeth lebte, würde sie nur für das Kind da sein dürfen und keine Chance bekommen, ihr Leben so zu führen, wie sie es wollte. Dies schloss auch eine neue Partnerschaft aus. Dazu aber war sie nicht bereit.
»Ich fliege nächste Woche nach Vancouver und werde so schnell nicht nach Deutschland zurückkommen«, erwiderte sie.
»Nächste Woche schon?« Für einen Moment sah es so aus, als würde Lisbeth die Fassung verlieren. Dann aber zuckte sie mit den Schultern. »Wenn du meinst. Ich wünsche dir eine gute Reise.«
Mit diesen Worten stand sie auf und verließ ohne einen Abschiedsgruß das Krankenzimmer.
Max folgte ihr mit betrübter Miene. An der Tür blieb er noch einmal kurz stehen, drehte sich um und sagte: »Viel Glück.«
»Danke«, antwortete Linda und wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Dann griff sie zum Telefon, wählte die Nummer der Air Canada und ließ sich ein Ticket für die kommende Woche reservieren. Das nächste Telefonat galt Professor Longhorn, und als sie es beendet hatte, war sie tatsächlich in dessen Forschungsteam aufgenommen. Zwar würde sie in ihrer Heimat kein Leben in der High Society führen können, wie es ihr als Jens’ Ehefrau möglich gewesen wäre. Aber sie war frei und würde nicht von einer alten, verbitterten Frau abhängig sein, die sie zu einer Gebärmaschine degradieren wollte.
Lisbeth Siebert schwieg, bis sie neben Max im Auto saß und sich von ihm nach Hause fahren ließ. »Du hattest recht«, sagte sie. »Lindas Liebe zu Jens war nur äußerlich. Im Herzen hat es sie nie berührt.«
»Bist du nicht ein wenig streng mit ihr?«, fragte Max. »Vielleicht hättest du ihr mehr Zeit geben sollen. So aber bist du mit der Tür ins Haus gefallen.«
»Ob heute oder in einem Monat oder zwei. Wenn Linda Jens wirklich geliebt hätte, wäre sie auf meine Bitte eingegangen. Sie hatte wohl nur ein mondänes Leben an seiner Seite im Kopf.«
»Auf jeden Fall musst du die Sache aufgeben.«
Lisbeth schüttelte mit einem verkrampften Lächeln den Kopf. »Das Wort ›Aufgeben‹ existiert nicht in meinem Wortschatz, mein Lieber. Ich will einen Enkel, und ich werde ihn bekommen.«
»Und wie, da Linda doch nicht will?«
»Es gibt noch andere junge Frauen. Mit Geld ist das auf jeden Fall zu machen. Sobald das Kind geboren ist, gehört es mir, und ich kann es so erziehen, wie ich es will. Das hätte eigentlich mein erster Gedanke sein sollen. Stattdessen habe ich Linda angeboten, als meine quasi verwitwete Schwiegertochter bei mir zu bleiben. Damit hätte ich mir nur Ärger an den Hals gebunden. So ist es auf jeden Fall besser.«
Max winkte begütigend ab. »Du solltest dich nicht in einen so verrückten Gedanken verrennen, Lisbeth. Leihmutterschaft ist hier in Deutschland verboten. Würde dein Plan bekannt, dürften Carl und sein Sohn Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um dich daran zu hindern. Es würde eine Schlammschlacht werden und das Ganze mit Sicherheit vor Gericht landen.«
Lisbeth dachte eine Weile nach. »Dann muss es anders gehen. Wenn Carl und Ralf Siebert glauben, sie könnten sich jetzt meine Firma unter den Nagel reißen, haben sie sich getäuscht. Da mein Sohn sie nicht weiterführen kann, soll dein Junge sie bekommen.«
»Du vergisst den Erbvertrag deines Schwiegervaters«, wandte Max ein. »Darin heißt es, dass die Anteile der Firma an den überlebenden Zweig der Familie fallen sollen, wenn der andere ohne Erben erlischt.«
»In dem Vertrag ist von Firmenanteilen die Rede, nicht von getrennten Firmen.«
»Das ist Auslegungssache. Carl Siebert wird auf diesen Passus pochen. Du solltest ihn und seinen Sohn nicht unterschätzen.«
»Das tue ich gewiss nicht.« Lisbeths Miene wurde hart, und in ihren Augen glühte der Hass auf die Verwandtschaft ihres verstorbenen Mannes, die nicht nur ein Mal mit harten Bandagen versucht hatte, sie und ihre Firma aus dem Geschäft zu drängen.
»Wenn ich Carl und Ralf nur durch einen leiblichen Enkel meines Mannes fernhalten kann, werde ich dafür sorgen, dass ich einen erhalte. Und komm mir nicht mit dem Gesetz! In Deutschland mag Leihmutterschaft verboten sein, anderswo ist sie es nicht. Wir müssen nur klug und unter strengster Geheimhaltung vorgehen. Da ist es gut, dass Linda nach Kanada zurückfliegt. So ist sie aus dem Spiel, kann aber von uns noch als Schachfigur verwendet werden.«
»Das verstehe ich nicht«, antwortete Max und fluchte dann leise, weil er bei dem intensiven Gespräch beinahe übersehen hätte, dass ein Wagen vor ihm stark bremste, um in eine Parklücke einzuscheren.
Lisbeth lehnte sich in den Sitz zurück und sah ihren Begleiter triumphierend an. »Wir müssen die Sache geheim halten, aber wenn etwas heraussickert, werden wir behaupten, dass Linda die Mutter meines zukünftigen Enkels ist. Damit verhindern wir auch jedes Gerede über eine Leihmutterschaft. Ist Jens’ Sohn dann erst einmal auf der Welt …«
»Und wenn es ein Mädchen ist?«, fragte Max mit einem Hauch von Spott.
»Dann habe ich eben eine Enkelin. Die ist genauso erbberechtigt«, meinte Lisbeth versonnen, um sich dann wieder in die knallharte Geschäftsfrau zu verwandeln, als die Max sie kannte. »Nach außen hin soll es so aussehen, als wäre Linda nach der Geburt ihres Kindes nach Kanada zurückgekehrt. Das braucht uns derzeit noch nicht zu kümmern. Ich rufe jetzt Haase an und bitte ihn, zu mir nach Hause zu kommen. Er wird mir die entsprechende Frau besorgen. Sie muss jedoch einige Bedingungen erfüllen.«
»Und welche?«
»Sie soll Linda so ähnlich sehen, dass man sie auf eine gewisse Entfernung für diese halten wird. Außerdem setze ich eine höhere Intelligenz und einen entsprechenden Bildungsstand voraus.«
Max lachte leise. »Du suchst die Eier legende Wollmilchsau als Quasischwiegertochter. Ob du da die Richtige findest, bezweifle ich.«
»Lass mich nur machen, mein Lieber«, antwortete Lisbeth und nahm ihr Mobiltelefon zur Hand, um den Termin mit ihrem Anwalt zu vereinbaren.
Seit diesem Gespräch war fast ein Monat vergangen. Am anderen Ende von München, weit entfernt von den Villen der Reichen, starrte Daniela Reuss mit brennenden Augen auf den kleinen Wandkalender in ihrer Gefängniszelle. Der fünfundzwanzigste April war rot umrandet. Sie nahm einen Bleistiftstummel aus dem Spind und strich den Dreiundzwanzigsten durch. Heute war der Vierundzwanzigste und damit der letzte Tag, den sie im Gefängnis verbringen musste.
Für diesmal, setzte sie in Gedanken hinzu. Wahrscheinlich würde sie schon bald wieder hier sein. Es sei denn, sie nahm das Angebot einer früheren Nachbarin an. Die flotte Lola arbeitete als Prostituierte und hatte ihr in mehreren Briefen vorgeschlagen, ebenfalls ins horizontale Gewerbe einzusteigen. Aber so tief, dass sie sich und ihren Körper für ein paar Kröten an fremde Kerle verkaufen musste, war sie noch nicht gesunken.
Zu ihren Eltern konnte sie nicht mehr zurückkehren. Gefangen in der kleingeistigen Welt einer Sekte hatte ihr Vater sie, als sie sechzehn geworden war, so heftig geschlagen, dass sie erst nach einiger Zeit am Boden liegend und mit blutdurchtränkter Kleidung zu sich gekommen war. In seinen Augen hatte sie eine Todsünde begangen, indem sie sich Antibabypillen besorgt hatte, um mit ihrem damaligen Freund, einem Schulkameraden, intim werden zu können. Der strengen christlichen Gemeinde zufolge, der ihre Eltern angehörten, musste eine Braut rein und unberührt in die Ehe gegeben werden. Das hieß, Jungfrau zu bleiben, bis es irgendeinem pickligen Burschen aus der Kirchengemeinde einfiel, ihren Vater um ihre Hand zu bitten.
»Zustände wie im Mittelalter«, murmelte sie bei den Erinnerungen an ihre Kindheit.
Sie hatte sich schon geraume Zeit gegen die enge Weltsicht ihres Vaters aufgelehnt, war dabei gegen himmelhohe Mauern gerannt und immer wieder verprügelt worden. Seit jenem unvergesslich schlimmen Tag, an dessen Ende ihr Körper nur noch aus blutigen Striemen und blauen Flecken bestanden hatte, war ihr einziges Bestreben gewesen, aus ihrem Elternhaus freizukommen. Es war nicht leicht gewesen, denn man sperrte sie abends ein und ließ sie tagsüber von anderen Sektenmitgliedern überwachen. Doch schließlich war es ihr gelungen, auszureißen und zu ihrem Freund zu fliehen. Der hatte noch bei seinen Eltern gewohnt und war zu feige gewesen, ihr zu helfen. So viel zur Liebe, dachte sie mit bitterem Spott. Schließlich war sie bei einem Typen gelandet, den sie ein paar Wochen zuvor in einem Einkaufszentrum kennengelernt hatte.
Seit damals waren über zwei Jahre vergangen, und Daniela fand, dass die Zeit besser hätte verlaufen können. Sie hatte das Gymnasium abbrechen müssen, um nicht von dort zu ihren Eltern zurückgeschleppt zu werden, und sich mit Gelegenheitsjobs durchgebracht, für die keine Papiere verlangt wurden. Bei der Wahl ihres Freundes hatte sie jedoch danebengegriffen. Mike hatte sie dazu gebracht, in einem Supermarkt, in dem sie geputzt hatte, in die Kasse zu greifen. Prompt war sie erwischt worden und hatte eine Bewährungsstrafe aufgebrummt bekommen.
»Ich hätte es bei dem einen Mal belassen sollen«, flüsterte Daniela, die immer wieder von ihren Erinnerungen gequält wurde.
Doch Mike, der keiner geregelten Arbeit nachgegangen war und, wie sie jetzt wusste, sein Geld recht unregelmäßig als Dealer verdiente, hatte so lange gedrängt, bis sie erneut lange Finger machte, um nicht von ihm auf die Straße geworfen zu werden. Dabei bestellte er in jener Zeit ohne ihr Wissen Waren im Internet auf ihren Namen und verkaufte sie bei eBay, um Schulden bei seinem Großdealer zu bezahlen und den Handel mit Rauschgift fortsetzen zu können. So kam es, dass in ihrem Schrank bei einer Hausdurchsuchung Kokain gefunden wurde. Man verurteilte sie wegen Ladendiebstahls, Online-Handel-Betrugs und des Besitzes von Rauschgift.
Der Richter hatte ihr nicht geglaubt, dass sie von dem Kokain nichts gewusst hatte, und ihr angesichts ihrer Vorstrafe ein halbes Jahr Gefängnis ohne Bewährung aufgebrummt. Am nächsten Morgen würde sie entlassen werden und stand dann vor dem Nichts. Ihr Freund oder besser gesagt ihr Ex-Freund war, wie sie von ihrer Nachbarin erfahren hatte, von einem Tag auf den anderen verschwunden und hatte ihr einen Haufen Schulden hinterlassen. Dabei gab es für sie nicht die geringste Chance, irgendwie an Geld, einen Job und damit an eine Wohnung zu kommen.
»Entweder zu der flotten Lola und ihren Freiern oder zur Bahnhofsmission. Etwas anderes bleibt mir wohl nicht übrig«, setzte Daniela ihr Selbstgespräch fort. Da sie ihre Strafe vollständig abgesessen hatte, gab es nicht einmal einen Bewährungshelfer, bei dem sie sich melden und nach einer Unterkunft hätte fragen können.
Es wurden bittere Stunden für sie, da sie an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit in der Gefängnisküche gehen konnte. Das hätte sie wenigstens abgelenkt. Stattdessen konnte sie nichts anderes tun, als über ihr verpfuschtes Leben nachzudenken.
Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren trüben Gedanken.
»Was ist los?«, fragte sie.
»Sie haben Besuch, Frau Reuss.« Es war Irmgard, die Wärterin, die immer einen gemeinen Spruch auf den Lippen hatte. Daher wunderte Daniela sich, dass sie stumm blieb, als sie die Zelle aufschloss und beiseitetrat, damit die Gefangene herauskommen konnte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wer sie besuchen sollte. Außer der flotten Lola gab es niemanden, der sich für sie interessierte, und die schrieb ihr nur Briefe, denn sie hasste diesen Ort, weil sie selbst schon hier eingesessen hatte.
Als die Wärterin die Tür des Besuchsraums öffnete, wunderte Daniela sich noch mehr, denn auf der anderen Seite des Tisches saß ein Herr in einem perfekt sitzenden Nadelstreifenanzug, einem Seidenhemd und einer dezent gemusterten Krawatte.
Daniela konnte sich nicht vorstellen, dass er ihretwegen gekommen war, und nahm an, Irmgard habe sich geirrt. Wahrscheinlich würde man sie gleich wieder in ihre Zelle zurückbringen.
»Setzen Sie sich!«, forderte der Herr sie auf.
Daniela gehorchte unwillkürlich.
Ihr Gegenüber schlug einen dünnen Ordner auf und schaute kurz hinein. »Sie sind Daniela Reuss, neunzehn Jahre alt, geboren in Lichtenfels«, las er vor.
»Das stimmt«, antwortete Daniela.
»Sie sind wegen Rauchgiftbesitzes, Online-Betrugs und Ladendiebstahls zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt worden und werden morgen entlassen«, fuhr der Mann fort.
»Das mit dem Rauschgift und dem Online-Betrug war ich nicht, und was den Ladendiebstahl angeht, weiß ich nicht, ob es in diesem Land gerecht ist, für eine Tube Hautcreme und eine kleine Salami für ein halbes Jahr eingesperrt zu werden, während Leute, die einen anderen Menschen zusammenschlagen und schwer verletzen, mit Bewährung und Sozialstunden davonkommen«, erklärte Daniela. Es war doppelt bitter, denn nach Mike hätte sie um einiges mehr klauen sollen, es aber dann doch nicht getan.
»Ich muss Sie darauf hinweisen, dass es nicht Ihr erster Ladendiebstahl war. Sie sind immerhin schon mal mit Bewährung davongekommen. Beim letzten Mal haben Sie zugegebenermaßen einen ungewöhnlich strengen Richter erwischt, denn ein Warnarrest von zwei Wochen und anschließende Sozialstunden hätten es auch getan. Was die Sache mit dem Rauschgift betrifft, ist diese vom Tisch. Ein Bekannter Ihres damaligen Lebensgefährten hat gestanden, dass sie Ihren Schrank als Versteck verwendet haben.«
Daniela fuhr empört auf. »Und warum musste ich dann das halbe Jahr absitzen? Schließlich war das Kokain der Hauptgrund, weswegen man mich in den Knast gesteckt hat.«
Dann aber sagte sie sich, dass die zwei Wochen Warnarrest, von denen der Mann gesprochen hatte, ebenfalls dazu geführt hätten, dass sie ihre Unterkunft verlor und auf der Straße stand.
»Sie wissen ja verdammt viel über mich, während ich nicht den geringsten Dunst habe, wer Sie sind«, fuhr sie ruhiger fort.
Der Mann lächelte nachsichtig. »Ich habe mich über Sie schlaugemacht. Sie werden morgen in Freiheit sein, aber ohne Perspektive – und das mit insgesamt zehntausend Euro Schulden am Hals. Ich bezweifle, dass Sie diese Summe in absehbarer Zeit durch liegende Arbeit verdienen können, und eine andere werden Sie angesichts Ihres Strafregisters kaum noch finden.«
Irmgard, dieses Mistvieh, musste die Briefe, die sie mit der flotten Lola gewechselt hatte, gelesen und an diesen Mann weitergegeben haben, dachte Daniela und stellte ihre Stacheln auf. »Es geht Sie einen Scheißdreck an, wie ich mein Geld verdiene!«
»Es könnte sein, dass Sie einem Irrtum unterliegen«, antwortete der Herr und zog ein paar Blätter aus seinem Ordner.
Daniela sah sie durch und begriff nach einer Weile, dass er ihre Schulden bei ihrem und Mikes Vermieter, jene bei den Versandhäusern und die bei der Staatskasse für die Kosten der Verurteilung beglichen hatte. Die Summe stand unten aufgelistet und betrug 10493 Euro.
»Sie können noch von Glück sagen, dass mehrere Versuche Ihres bisherigen Lebenspartners, weiterhin auf Ihren Namen Waren zu beziehen und bei eBay zu versteigern, misslungen sind.«
»Aber was soll das Ganze?«, fuhr Daniela auf. »Wer gibt Ihnen das Recht, in mein Leben einzugreifen? Wenn ich schon auf die Schnauze falle, will ich wenigstens wissen, warum ich das tue.«
»Wer sagt, dass ich Sie – wie Sie es nennen – auf die Schnauze fallen lassen will?«, antwortete der Mann noch immer lächelnd.
Dabei musterte er die junge Frau gründlich. Trotz ihres vor Empörung verzerrten Gesichts und des verkrampften Körpers fand er sie hübsch. Die schulterlangen Haare mit ihren verschiedenen Rottönen waren gewöhnungsbedürftig, doch ihr Ansatz zeigte ein Weizenblond. Das Gesicht war fein gezeichnet, und die blauen Augen sprühten vor Leben.
»Stehen Sie auf und drehen sich einmal um die eigene Achse! Ganz langsam, bitte«, setzte er hinzu, als Daniela ihn verblüfft anschaute, sich aber erhob und drehte.
Sie war vielleicht zwei, drei Zentimeter kleiner als erhofft, hatte jedoch eine schlanke und trotz des Gefängnisaufenthalts sportliche Figur. Ihr Busen hätte eine Körbchengröße mehr vertragen können, und ihr Gesäß war einen Hauch zu knabenhaft. Doch im Großen und Ganzen war er mit dem, was er sah, zufrieden.
»Wer sind Sie?«, fragte Daniela noch einmal, als sie sich wieder gesetzt hatte. »Und sagen Sie nicht, Sie wären vom Fernsehen und suchen eine blöde Kuh für eine noch blödere Fernsehsendung.«
»Als blöde Kuh würde ich Sie nicht bezeichnen. Laut der Gefängnispsychiaterin sind Sie sehr intelligent, auch wenn Sie keinen Gebrauch davon machen.«
»Muss ich mir Ihr Geschwätz noch länger anhören?«, fragte Daniela ätzend.
»Sie können natürlich auch wieder in Ihre Zelle zurückgehen und morgen die tolle Lola aufsuchen, um sich von ihr anlernen zu lassen.«
Es kam so trocken, dass Daniela nicht wusste, ob es spöttisch oder ernst gemeint war. »Wie ist das mit meinen Schulden? Da Sie diese bezahlt haben, bin ich doch aus dem Schneider«, stichelte sie.
Der Mann lehnte sich ein wenig zurück. »Ich habe die Schulden nicht für Sie bezahlt. Sie wurden von Ihren Schuldnern auf mich übertragen. Es gibt einen Paragrafen, der dies möglich macht. Er wird in der Regel von Inkassounternehmen genützt, und wer es mit denen zu tun bekommt, hat meistens nichts zu lachen.«
»Und was wollen Sie dann von mir?«
»Ich will, dass Sie mir zuhören und sich danach eine Meinung bilden.«
Daniela stieß protestierend die Luft aus der Nase. »Sie quatschen mich doch schon die ganze Zeit voll.«
»Das waren nur die Präliminarien, sprich die Einführung, wenn Sie so wollen. Bevor ich zum Zweck meines Hierseins komme, möchte ich Ihnen zwei Ereignisse näherbringen.
Es geschah vor etwa einem Monat. Ein junger Mann – Sie werden noch mehr von ihm hören – hatte seine Verlobte abgeholt und fuhr mit ihr in seinem Sportwagen durch die Stadt. Man kann annehmen, dass die beiden in dem Augenblick vollkommen glücklich waren.«
»Das wäre ich bei einem Freund mit einem schweren Sportwagen auch«, wandte Daniela bissig ein.
»Lassen Sie mich weiterreden.« Der Mann verfiel wieder in seinen erzählenden Tonfall. »Die beiden fuhren im Cabrio durch die Stadt. Der junge Mann war ein – nennen wir es mal so – sehr sportlicher Fahrer. Unterwegs traf er auf einen Bekannten, und die beiden fochten gewissermaßen ein Duell aus, wer schneller ist.«
»Also ein illegales Autorennen«, fand Daniela.
»Jedenfalls kam es zu einem Unfall, bei dem sich die Begleiterin des jungen Mannes leichte Blessuren zuzog, er aber so schwer verletzt wurde, dass er nun im Koma liegt und wohl nie mehr aufwachen wird.«
»Schön und gut, aber was hat das mit mir zu tun?«, fragte Daniela. Sie hatte wahrlich genug eigene Probleme am Hals.
»Ich bin noch nicht fertig«, tadelte der Mann sie sanft. »Der junge Mann hat eine Mutter, die durch das Schicksal ihres Sohnes tief getroffen ist. Sie wünscht sich dringend ein Enkelkind und hat daher Sperma ihres Sohnes nehmen lassen. Ihre Hoffnung war, seine Verlobte würde ihr zu dem ersehnten Enkel verhelfen. Aber aus Gründen, die aufzuzählen ich nicht für relevant halte, lässt sich dies nicht verwirklichen.«
»Die Alte erwartete anscheinend Treue über den Tod hinaus. Mir kommen gleich die Tränen«, spottete Daniela.
»An dieser Stelle komme ich ins Spiel«, fuhr der Mann fort, ohne sich von ihrem Zwischenruf aus dem Konzept bringen zu lassen. »Meine Aufgabe ist es, eine junge Frau zu finden, die bereit ist, meiner Mandantin zu einem Enkelkind zu verhelfen.«
»Was wollen Sie dann bei mir?«, fragte Daniela, begriff erst dann, was seine Worte bedeuteten, und schüttelte empört den Kopf.
»Sie meinen mich? Nein danke, kein Bedarf. Eher gehe ich für die zehntausend Mäuse wieder in den Knast.«
»Wenn ich mich nicht irre, befinden Sie sich im Augenblick in einer Frauenhaftanstalt, und ich habe nicht den Eindruck, als würden Sie diese sehr wohnlich finden.«
»Ich mache es nicht, nicht für zehntausend Euro und nicht für zwanzigtausend.«
»Wie wäre es mit einhunderttausend?«
Nun riss es Daniela vor Verblüffung beinahe vom Stuhl. Einen Augenblick später begann sie zu lachen. »Das Ganze ist doch hirnrissig. Außerdem ist Leihmutterschaft, soviel ich weiß, hier in Deutschland verboten.«
»Es kommt immer darauf an, wie man die Verträge abschließt«, antwortete der Mann. »Wenn Sie auf das Angebot eingehen, werden diese hunderttausend Euro auf ein Sperrkonto übertragen. Sie erhalten die Summe samt den bis dahin aufgelaufenen Zinsen in dem Augenblick ausbezahlt, in dem Sie Ihren Vertrag zur Gänze erfüllt haben.«
»Was heißt das?«, fragte Daniela misstrauisch.
»Meine Mandantin will, dass Sie, wenn das Kind geboren ist, es zwei Jahre pflegen und persönlich stillen. Der zweite Geburtstag des Kindes gilt als Stichtag für die Erfüllung des Vertrags.«
»Das sind ja fast drei Jahre!«
»Wahrscheinlich noch ein wenig mehr, da Sie ärztlich untersucht und auf die Schwangerschaft vorbereitet werden müssen. Sie haben früher einmal Drogen genommen. Von denen muss Ihr Körper gereinigt werden.«
»Was heißt hier gereinigt? Das ist über zwei Jahre her. Ich habe das Zeug einmal probiert und dann nie wieder, weil es mir darauf fürchterlich schlecht gegangen ist. Mein Freund Mike war ganz froh darum, denn so konnte er das, was ich sonst genommen hätte, an andere verkaufen.«
Daniela war sauer und wäre am liebsten gegangen. Das aber konnte sie erst, wenn Irmgard kam und die Tür aufsperrte. Daher stellte sie die Frage, die ihr schon geraume Zeit auf der Zunge lag. »Wie sind Sie überhaupt auf mich gekommen?«
»Meine Mandantin wünscht eine Frau, die der Verlobten ihres Sohnes ähnlich sieht. Ein Zufall brachte es mit sich, dass ich Ihnen vor einem halben Jahr im Gerichtsgebäude begegnet bin. Damals ist mir Ihre Ähnlichkeit mit der jungen Dame aufgefallen, die mit dem Sohn meiner Mandantin verlobt war. Als ich den Auftrag erhielt, eine Frau zu suchen, die meiner Mandantin zu ihrem Enkel verhelfen soll, habe ich mich an Sie erinnert.«
Er verschwieg ihr, dass er fast vier Wochen lang vergebens nach einer passenden jungen Frau gesucht hatte und ihm Daniela erst in den Sinn gekommen war, als er bereits hatte aufgeben wollen.
Er beugte sich vor und fasste nach ihrer Hand. »Hören Sie mir genau zu! Wenn Sie auf mein Angebot eingehen, werden Sie für einige Monate in den Niederlanden leben. Dort wird auch die künstliche Befruchtung vorgenommen. Bis zur Geburt des Kindes und darüber hinaus werden Sie Ihr Abitur nachholen. Nach Ablauf des Vertrags erhalten Sie die genannten einhunderttausend Euro sowie die Gelegenheit für ein Studium Ihrer Wahl. Sie bekommen genügend Taschengeld, um sich ganz auf das Studium konzentrieren zu können. Außerdem wird Ihnen eine Wohnung zur Verfügung gestellt.«
»Ihre Mandantin ist anscheinend Krösus’ Witwe«, erwiderte Daniela, die dem Mann längst nichts mehr glaubte.
»Sagen wir, sie besitzt genug Geld, um sich diese Extravaganz leisten zu können«, erklärte der Anwalt. »Sie selbst könnten es nicht besser treffen. Für die nächsten drei Jahre haben Sie damit einen festen Job und hinterher die Gelegenheit zu einer Ausbildung, mit der Sie diesen Ort hier für immer vergessen können.«
Der Anwalt schwieg einige Augenblicke, um seine Worte auf Daniela wirken zu lassen. Danach fuhr er im beschwörenden Tonfall fort: »Überlegen Sie es sich gut, ob Sie mein Angebot ausschlagen wollen. Ihre Alternativen sind entweder Prostitution, ein Leben in Obdachlosenasylen oder weitere Gefängnisaufenthalte. Ich lasse Sie jetzt allein. Wenn Sie morgen um neun Uhr entlassen werden, steht mein Wagen vor der Tür. Sie brauchen nur einzusteigen.«
Damit gab er Danielas Hand frei und drückte den Knopf, der der Wärterin anzeigte, dass das Gespräch beendet war.
Als Daniela in ihre Zelle zurückgebracht wurde, wusste sie nicht, wo ihr der Kopf stand. Entweder war sie verrückt oder dieser nadelgestreifte Mensch war es.
Irmgard hingegen musterte sie neugierig. »Ich wusste gar nicht, dass du Herrn Dr. Haase kennst.«
»Heißt er so?«, fragte Daniela.
Irmgard nickte. »Der Herr ist ein bekannter Anwalt, und seine Kanzlei vertritt die ganz großen Fälle. Persönlich kommt er nur selten ins Gericht, aber wenn er es tut, geht es um Summen von einer Million aufwärts.«
Daniela spürte die Neugier der Vollzugsbeamtin, aber da die Frau sie ein halbes Jahr lang schikaniert hatte, war sie nicht bereit, auch nur eine Andeutung zu machen.
»Keine Ahnung, was der von mir wollte«, sagte sie daher und war froh, als die Zellentür hinter ihr geschlossen wurde.
Die Fragen aber blieben. Was war das für eine Frau, die mehr Geld ausgeben wollte, als die meisten Leute in etlichen Jahren harter Arbeit verdienten, um einen Enkel zu bekommen? Wahrscheinlich würde es noch um einiges teurer, da die einhunderttausend Euro nur die Summe waren, die Anwalt Haase ihr versprochen hatte.
»Die Welt ist verrückt«, murmelte sie, während sie sich auf ihr Bett legte und zur Decke starrte. Haases Vorschlag erschien ihr so abstrakt, dass sie den Gedanken an diese Begegnung zunächst weit von sich schob. Aber als sie das Abendessen erhalten hatte und ihre Zellentür zum letzten Mal verschlossen wurde, konnte sie sie nicht mehr fernhalten. Das Ganze konnte doch nicht ernst gemeint sein. Andererseits hatte der Mann nicht den Eindruck gemacht, als würde er sich nur einen Spaß mit ihr erlauben.
Was steckt dahinter?, fragte Daniela sich. Ging es tatsächlich nur um eine Frau, die sich nach dem Tod des Sohnes einen Enkel wünschte? Der Gedanke, das Kind eines im Koma liegenden Fremden auszutragen, hatte etwas Gespenstisches an sich. Andererseits war künstliche Befruchtung heutzutage etwas fast Normales.
Ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe. War es wirklich so schlimm, einer alten Dame diesen Wunsch zu erfüllen? Gut, ihr Körper würde neun Monate mit einem Untermieter beschäftigt sein, aber das hatten auch andere Frauen gut überstanden. Sich für fremde Männer hinzulegen und an sich herummachen zu lassen, war in ihren Augen weitaus schlimmer. Welche Möglichkeit hatte sie sonst? Das Sozialamt? Dort konnte man ihr höchstens einen Platz in einer Unterkunft für obdachlose Frauen besorgen. Und das wäre nicht mehr als ein Zwischenbehelf. Ohne einen festen Wohnsitz fand sie keine Arbeit, und ohne Arbeit verdiente sie nicht das Geld für einen festen Wohnsitz. Wenn sie Pech hatte, würde sie den nächsten Winter unter den Isarbrücken verbringen müssen. Ob die obdachlosen Männer dort sie in Ruhe lassen würden, hielt sie für fraglich.
Wie sie es auch drehte und wendete, es gab überall einen Pferdefuß, und daher freundete sie sich allmählich damit an, sich Haases Angebot wenigstens einmal näher anzusehen. In drei Jahren war sie zweiundzwanzig und hatte ihr Leben noch vor sich.
Sie stellte sich vor, wie es wäre, zu studieren. Schon als junges Mädchen hatte sie es sich gewünscht, doch ihr Vater war strikt dagegen gewesen. Ohne das Eingreifen des Lehrers, der ebenfalls zu der Sekte gehörte, wäre es ihr nicht einmal möglich gewesen, aufs Gymnasium zu gehen. Wie es aussah, konnte sie nun neu beginnen und später ein Leben führen, in dem der Aufenthalt in diesem staatlichen Nullsternehotel eine kleine Episode bleiben würde. Mit dieser Überlegung schlief sie endlich ein.
Als Daniela am nächsten Morgen erwachte, war sie überzeugt, sie hätte das Gespräch mit Rechtsanwalt Haase nur geträumt. Kein normaler Mensch würde einer wildfremden Frau einen solchen Vorschlag machen.
Erste Zweifel kamen ihr, als die Tür aufgeschlossen wurde und Irmgard das Frühstück hereinbrachte.
»Guten Morgen, Frau Reuss. Heute geht es in die Freiheit. Sie freuen sich sicher darauf«, grüßte die Vollzugsbeamtin. Dabei hatte sich ihr Wortschatz um diese Zeit sonst nur auf ein geknurrtes »Aufstehen! Frühstück!« beschränkt.
An diesem Tag lag sogar ein Stück Brot auf dem Tablett, das mit Salami belegt war und nicht mit einer Scheibe undefinierbaren Leberkäses. Verwundert stand Daniela auf, wusch sich und putzte sich die Zähne. Danach zog sie sich an und begann zu essen. Sogar der Kaffee schien ihr besser als sonst.
Wenig später erschien Irmgard mit den Kleidungsstücken, die Daniela bei ihrem Haftantritt getragen hatte. Diese waren in der Gefängniswäscherei gewaschen worden, jemand hatte sogar die Löcher in den Jeans und dem T-Shirt gestopft. Im ersten Moment ärgerte Daniela sich darüber, dann schoss ihr durch den Kopf, dass sie sich Haase besser nicht mit zerrissenen Sachen präsentieren sollte.
»Haase …«, murmelte sie. Würde er wirklich draußen auf sie warten, wie es er angekündigt hatte?
Daniela beendete ihr Frühstück, zog sich an und kam sich gleich wie ein anderer Mensch vor. Doch sie fühlte sich gespalten. Einesteils sehnte sie ihre Entlassung herbei, und andererseits fürchtete sie sich davor.
Als Irmgard erschien und ihr ankündete, dass es so weit wäre, atmete sie tief durch und folgte der Wärterin in das Zimmer, in dem sie den Rest ihrer Sachen ausgehändigt bekam. Viel war es nicht, eine billige Uhr, deren Batterie den Geist aufgegeben hatte, ein Schlüsselmäppchen ohne Schlüssel, da sie diese an den Besitzer der Wohnung hatte zurückgeben müssen. Dazu kamen ein Geldbeutel mit zehn Euro und vierunddreißig Cent.
Während sie ihre spärlichen Habseligkeiten einsteckte, ärgerte Daniela sich, dass sie ihrem Freund am Abend vor ihrer Verhaftung die beiden schwer verdienten Fünfzigeuroscheine überlassen hatte. Mike ist ein Schwein, dachte sie. Was hatte sie nur je an dem Kerl gefunden? Mein Gott, war ich blöd!, hallte es in ihren Gedanken. Und da behauptet dieser Haase, ich wäre intelligent.
»Das wäre alles, Frau Reuss«, sagte Irmgard und lächelte zum ersten Mal, seit Daniela sie kannte. »Viel Glück in der Freiheit!«
»Danke, das kann ich brauchen«, antwortete Daniela.
Als die Tür der Frauenhaftanstalt hinter ihr zuschlug, dachte sie daran, wie oft sie sich vorgestellt hatte, was sie der Wärterin zum Abschied alles sagen würde. Doch irgendwie war das nun nicht mehr wichtig.
Sie trat auf den Gehsteig und sah keine zehn Meter weiter eine große Limousine stehen. In dem Augenblick, in dem sie daran vorbeigehen wollte, wurde die Fahrertür geöffnet, und eine junge Frau mit Pagenschnitt in einem dunkelgrauen Kostüm stieg aus.
»Frau Reuss, wenn ich mich nicht irre«, sagte sie.
Daniela blieb vor ihr stehen und kniff die Augen zusammen. »Sie irren sich nicht.«
»Herr Haase schickt mich, um Sie abzuholen. Wo haben Sie Ihr Gepäck?«
»In meinen Hosentaschen. Mehr besitze ich im Augenblick nicht.« Daniela sah die Frau an, dann das Auto und begriff, dass sie sich entschieden hatte.
Die junge Frau wies einladend auf den Wagen. »Steigen Sie ein. Ich bin Adrienne Wiegel und werde Sie in der nächsten Zeit betreuen. Sobald Sie mit Herrn Haase gesprochen haben, sollten wir einen Einkaufsbummel machen.«
»Ich habe derzeit zehn Euro vierunddreißig im Geldbeutel. Sie werden mir zeigen müssen, wie ich damit einen Einkaufsbummel machen kann«, antwortete Daniela mit bitterem Unterton.
»Das sind Betriebsausgaben«, erklärte Adrienne und wies auf den Beifahrersitz.
Daniela nahm Platz, schloss den Sicherheitsgurt und sah zu, wie Adrienne losfuhr.
»Gehören Sie zu Haases Stall?«, fragte sie nach einer Weile.
»Hasenstall? Ach so meinen Sie das.« Adrienne lachte auf, bevor sie weitersprach. »Ich bin als Anwaltsgehilfin in Dr. Haases Kanzlei angestellt. Für die nächsten Monate ist es jedoch meine Aufgabe, Sie zu betreuen.«
»Was heißt hier betreuen?«
»Ich werde erst einmal dafür sorgen, dass Sie neu eingekleidet werden. Außerdem werde ich Ihren Umzug nach Holland in die Wege leiten. Sie werden einige Monate dort bleiben«, erklärte Adrienne, während sie sich dem Verkehrsfluss anpasste.
»Noch ist nichts in trockenen Tüchern«, wehrte Daniela ab.
Allerdings war es angenehmer, in diesem Auto zu sitzen als in Bahn oder Bus. Das kannst du nun immer haben, meldete sich jener Teil ihres Bewusstseins, der sich längst für Haases Angebot entschieden hatte.
Daniela fühlte sich gespalten. Zwar lockte das bessere Leben, aber es würde sie vorerst der Freiheit berauben, tun und lassen zu können, wofür sie sich selbst entschied. Auch stellte sie es sich nicht so leicht vor, ein Kind auszutragen. Ist ja bloß für neun Monate, tat etwas in ihr diesen Einwand ab und fügte verlockend hinzu: Nie mehr putzen gehen! Nie mehr stehlen müssen!
»Ja, aber ich muss darüber hinaus noch für zwei Jahre die Milchkuh spielen«, sagte sie und sprach damit aus, was ihre rebellische Seite ihr einflüsterte.
»Was sagten Sie?«, fragte Adrienne.
»Nichts«, antwortete Daniela knapp und lehnte sich zurück.
Bevor sie sich den Kopf weiter zerbrach, wollte sie erst einmal wissen, welche Pferdefüße der Rechtsanwalt ihr noch vorsetzen würde.
Lisbeth Siebert und Max Christaller standen in einem Büro der Anwaltskanzlei und sahen durch das Fenster zu, wie die Limousine vor der Tür anhielt und zwei Frauen ausstiegen. Da sie die Anwaltsgehilfin kannte, richtete Lisbeth ihre Aufmerksamkeit auf deren Begleiterin.
»Das soll die Frau sein, die Jens’ Kind zur Welt bringen soll? Sie sieht Linda überhaupt nicht ähnlich«, stellte sie naserümpfend fest.
»Warte erst einmal ab, wenn du sie von Nahem siehst«, wandte Max ein. »Ihr Gesicht erinnert schon an Linda, und wenn sie entsprechend geschminkt wird …«
Nun bemerkte Lisbeth ebenfalls, dass das Mädchen auf die Entfernung mit Linda verwechselt werden konnte, aber das nahm sie nicht für die Unbekannte ein, die nun hinter Adrienne das Haus betrat. Angespannt wandte Lisbeth sich dem Computermonitor zu, der das Bild der Überwachungskamera in Dr. Haases Büro zeigte. Der Anwalt saß in seinem bequemen Sessel, hatte einen Aktenordner vor sich liegen und blickte zur Tür.
Wenig später klopfte es, und die beiden Frauen traten ein. Lisbeth vergrößerte Danielas Bild so, dass deren Gesicht beinahe den ganzen Bildschirm ausfüllte.
»Eine gewisse Ähnlichkeit ist tatsächlich vorhanden«, sagte sie. »Aber die kurzen, rot gescheckten Haare passen wirklich nicht. Mit denen wird niemand sie für Linda halten.«
»Du willst also immer noch vorgeben, dass Linda die Mutter des Kindes ist?«, fragte Max.
»Nur so lange, bis es zur Welt gekommen ist, sonst geben wir Carl schon im Vorfeld Munition gegen uns in die Hand. Aber die Frau hier, die geht gar nicht.«
»Dann nimm dein Handy und teile Dr. Haase mit, er soll die Sache abblasen.«
Lisbeth schüttelte den Kopf. »Noch nicht.«
Ihr Begleiter lächelte nachsichtig. »Eigentlich ist es gleichgültig, ob die junge Frau Linda ähnlich sieht. Ist sie erst einmal schwanger, haben dein Schwager und sein Sohn ausgespielt.«
»Denen traue ich alles Schlechte zu«, stieß Lisbeth aus, ohne den Bildschirm mit Daniela aus den Augen zu lassen. »Sie würden gewiss alles versuchen, die Geburt des Kindes zu verhindern.«
»Ist das nicht ein wenig zu weit hergeholt?«, fragte Max.
Er wusste jedoch selbst, mit welchen Methoden Carl Siebert gegen seinen Bruder Ludwig und nach dessen Tod gegen Lisbeth vorgegangen war. Einen Mord an der jungen Frau würde Carl Siebert wohl nicht begehen, aber den Versuch, bei der Schwangeren eine Fehlgeburt herbeizuführen, hielt er für möglich.
»Wir werden gut auf das Mädchen achtgeben müssen«, sagte er leise.
Lisbeth hob die Hand. »Bitte, sei still! Haase redet gerade mit ihr.«
Das große Büro mit dem riesigen Schreibtisch und den wuchtigen Schränken, die mit juristischen Werken gefüllt waren, schüchterte Daniela doch etwas ein. Hier in seinem Reich war Rechtsanwalt Dr. Haase eine noch beeindruckendere Erscheinung. Er musterte sie mit einer gewissen Zufriedenheit und schob ihr den Aktenordner zu.
»Soll ich das alles lesen?«, fragte Daniela erschrocken.
»Nur die Passagen, die ich mit roten und blauen Markern gekennzeichnet habe. Die roten Passagen enthalten die Bedingungen, die Sie einzuhalten haben, die blauen diejenigen, die meine Mandantin erfüllen muss, sprich, Ihr Honorar für diese Aktion«, erklärte Haase.
»Das interessiert mich am meisten.« Noch während sie es sagte, schlug Daniela den Ordner auf und überflog einige Seiten. Der Vertrag war geschickt aufgesetzt, denn es war kein einziges Mal von Leihmutterschaft oder Ähnlichem die Rede. Stattdessen hieß es, dass Daniela Reuss von einer Firma für ein mehrjähriges Projekt engagiert worden sei und nach Abschluss dieses Projekts das Ergebnis ihrer Auftraggeberin zu überlassen habe. Daniela las auch den Passus mit dem Honorar durch, das sie erhalten sollte. Es stimmte mit dem überein, was Haase ihr am Vortag angeboten hatte. Dieses Geld würde für sie der Schlüssel für den Eintritt in ein anderes Leben sein, in dem sie nicht erneut lange Finger machen musste, um ihren Hunger zu stillen.
»Und was muss ich leisten?«, fragte sie und suchte die erste rote Markierung. Die Formulierungen beinhalteten die Forderung, das Projekt geheim zu halten und niemandem gegenüber auch nur die geringste Andeutung fallen zu lassen. Eine Anmerkung brachte sie dazu, den Kopf zu heben.
»Hier steht: Weitere Vertragsbedingungen siehe Anlage zwei. Aber die finde ich hier nicht.«
»Das können Sie auch nicht, da diese unter Verschluss gehalten wird.«
»He, so haben wir nicht gewettet! Ich will wissen, was darin steht«, rief Daniela empört.
»Das ist Ihr gutes Recht.« Dr. Haase zog eine dünne Mappe aus seinem Schreibtisch und las den Inhalt vor. »Sie haben sich während der Zeit des Projekts eines gesunden Lebenswandels zu befleißigen. Das heißt, nicht zu rauchen, keine Drogen zu nehmen sowie keinen Alkohol zu trinken. Männerbekanntschaften und sexuelle Kontakte sind während der gesamten Vertragszeit verboten …«
»Nachdem ich mit meinem Freund Mike so danebengegriffen habe, habe ich derzeit keinerlei Bedarf an einer intimen Beziehung«, warf Daniela ein.
»Dann steht nichts dagegen, dass Sie diesen Vertrag unterschreiben.«
»He, so schnell mach ich das nicht! Da ist noch mehr, und das haben Sie mir bisher noch nicht vorgelesen.« Empört wies Daniela auf die Mappe in seiner Hand.
»In diesen Passagen versichern Sie, dass Sie die Anweisungen der Ärzte und der mit Ihrer Betreuung beauftragten Personen befolgen werden. Diese Passagen wurden aus dem Hauptvertrag ausgegliedert und sind streng geheim. Im offiziellen Vertrag werden sie durch andere Klauseln ersetzt. Diese Mappe wird, sobald Sie unterschrieben haben, an einer sicheren Stelle aufbewahrt«, antwortete der Anwalt.
»Die Klauseln sind also nicht koscher, sprich verfassungskonform«, trumpfte Daniela auf.
»Wenn Sie mit Verfassung das Bürgerliche Gesetzbuch meinen, muss ich Sie enttäuschen. Diese Klauseln mögen Ihnen und anderen vielleicht seltsam vorkommen, doch sind sie weder gesetz- noch sittenwidrig.«
»Und warum sollen sie dann an geheimer Stelle verwahrt werden?«
»Das ist für Sie persönlich irrelevant. Meine Auftraggeberin wünscht es so.«
Dr. Haase klang, als verliere er allmählich die Geduld mit Daniela. Trotzdem beantwortete er ihre Fragen ausführlich und wies sie zuletzt darauf hin, dass sie, wenn sie unterschrieb, keine Rücktrittsmöglichkeiten mehr habe.
»Ich bin dann, wie es aussieht, so was wie eine Sklavin«, antwortete Daniela bissig, obwohl sie längst wusste, dass ihr keine andere Wahl blieb, als auf dieses Angebot einzugehen, wenn sie jemals ein Leben führen wollte, wie sie es sich vorstellte.
»Sie sind in der vertraglich vereinbarten Zeit zumindest verpflichtet, die Anweisungen, die man Ihnen gibt, zu befolgen. Das müssten Sie in einer Firma ebenfalls«, sagte der Anwalt und blickte auf die Zeitanzeige seines Handys. Es war nur eine Geste, die Daniela dazu bringen sollte, zu unterschreiben.
Zwei Zimmer weiter blickte Lisbeth mit wachsender Abscheu auf den Bildschirm. »Diese Proletin soll die Mutter meines Enkels werden? Eine, die aus dem Gefängnis kommt und nicht einmal weiß, wie man mit Messer und Gabel isst?«, sagte sie erbittert.
»Du kannst die Sache immer noch absagen«, mahnte Max.
Lisbeth schüttelte den Kopf. »Damit Carl gewinnt? Haase hat mich auf einen für mich relevanten Passus im Übergabevertrag aufmerksam gemacht, den mein Schwiegervater mit beiden Söhnen geschlossen hat. Sie schreibt den Rückfall des gesamten Betriebsvermögens an den überlebenden Familienteil vor. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Jens so lange am Leben erhalten wird, wie es nur irgendwie möglich ist. Sobald er tot ist, wird Carl meine Firma fordern.«
»Dass solche Verträge überhaupt möglich sind …«, sagte Max verwundert.
»Mein Schwiegervater wollte Ludwig und Carl damit zur gedeihlichen Zusammenarbeit zwingen. Was daraus geworden ist, weißt du ja.«
»Nach seinem Tod haben die beiden Brüder sich heillos zerstritten«, erwiderte er.
»Carl hat Ludwig aus der Firma gedrängt und mit ein paar in seinen Augen wertlosen Grundstücken abgefunden. Darauf haben wir von meinem Geld die Fabrik gebaut, und die könnte Carl mir nun, wenn mein Sohn stirbt und ich keinen Enkel bekomme, einfach wegnehmen.«
»Dann können wir nur hoffen, dass diese … wie heißt sie?«
»Daniela Reuss«, half Lisbeth Max aus.
»… dass das Mädchen bald schwanger wird und du Carls Griff nach deiner Firma abwehren kannst.«
»Ich habe mir so gewünscht, Linda würde es tun, aber die ist nach Kanada zurückgekehrt und hat mir nicht einmal ihre neue Adresse mitgeteilt.« Lisbeth Siebert war immer noch gekränkt, weil die Verlobte ihres Sohnes ihre Bitte um einen Enkel so schroff abgewiesen hatte. Nun blieb ihr nur diese absolut unmögliche junge Frau, die Haase aus dem Gefängnis rekrutiert hatte. Ihr Blick streifte das Telefon. Sie musste nur einen Knopf drücken, um dem Anwalt zu signalisieren, dass sie mit dieser Kandidatin nicht einverstanden war. Es juckte sie in den Fingern, es zu tun. Doch was war, wenn Haase keine andere geeignete Frau fand? Immerhin hatte sie Bedingungen für das Aussehen und die Intelligenz der Frau gestellt, die ihren Enkel zur Welt bringen sollte, die allein dieses heruntergekommene Subjekt erfüllte.
Der Knopfdruck unterblieb. Stattdessen sah Lisbeth wieder auf den Bildschirm und nickte trotz aller Bedenken, als Daniela sich von Dr. Haase einen Füllfederhalter reichen ließ und das aus mehreren Teilen bestehende Vertragswerk zu unterschreiben begann.
Wenn sie es genau nahm, hatte Daniela nicht die geringste Ahnung, worauf sie sich hier einließ. Wie wird die ganze Sache ablaufen?, fragte sie sich beklommen. Dennoch war sie erst einmal froh, nicht zum Sozialamt oder der Bahnhofsmission gehen zu müssen, geschweige denn zur flotten Lola.
Sie unterschrieb und reichte den Füller zurück. »Sind Sie jetzt zufrieden?«
»Aber ja«, antwortete der Anwalt, wirkte jedoch missgestimmt.
»Dann kann ich mich, wie Adrienne versprochen hat, auf eine Shoppingtour machen. Ich habe nämlich nicht einmal eine Zahnbürste.«
Daniela hatte nicht viele Wünsche, doch sie benötigte dringend ein paar Pflegemittel und etwas Garderobe.
Dr. Haase schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, doch Sie werden Ihren Einkaufsbummel verschieben müssen. Es ist wichtig, dass Sie München noch heute verlassen. Adrienne wird Sie begleiten. Wenn Sie an Ihrem Ziel angekommen sind, werden Sie alles bekommen, was Sie benötigen.«
»Ja schon, aber …« Daniela empfand die Sache nun arg verwirrend.
»Sie werden weder hier in München noch auf der Reise mit irgendjemandem darüber sprechen, wer Sie sind, wohin Sie wollen noch was Sie vorhaben.«
»Ich bin doch nicht bescheuert! Wenn ich erzähle, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist, steckt man mich in die Klapsmühle. Vielleicht gehöre ich sogar dorthin, weil ich mich auf diesen Scheiß eingelassen habe«, erwiderte Daniela giftig, doch der Anwalt ging nicht darauf ein.
»Sie haben Ihre Anweisungen erhalten. Ich rufe jetzt Adrienne, damit sie Ihre Abreise vorbereitet. Sie warten inzwischen in einem Raum meiner Kanzlei, der nicht dem Publikumsverkehr dient. Ach ja, Sie sollten sich ab jetzt einer gepflegteren Sprache bedienen. Es ist erwiesen, dass Kinder bereits vor der Geburt einen Teil des Wortschatzes der Mutter aufnehmen.«
»Falls Sie es vergessen haben sollten: Noch bin ich nicht schwanger.«
»Sie werden es aber bald sein und sollten bis dorthin lernen, ohne Worte wie Scheiße, Klapsmühle und Ähnlichem auszukommen.« Noch während er es sagte, drückte der Anwalt eine Taste.
Kurz darauf kam Adrienne herein. »Ist alles erledigt, Herr Dr. Haase?«
Der Anwalt nickte. »Frau Reuss hat sich bereit erklärt, das Projekt zu übernehmen. Sie werden jetzt zwei Fahrkarten für den nächsten ICE nach Hamburg besorgen und von dort aus mit dem Nachtzug nach Amsterdam weiterfahren.«
»Wieso nach Hamburg? Wäre Köln hier nicht besser?«, fragte Adrienne.
»Und warum nehmen wir nicht das Auto statt die doofe Bahn, die sowieso immer zu spät kommt?«, mischte sich Daniela ein, bevor Haase antworten konnte.
»Ich habe Hamburg gewählt, um mögliche Nachforschungen zu erschweren. Sie werden dort erst die Fahrkarten nach Amsterdam kaufen, und zwar in bar«, beantwortete der Anwalt Adriennes Frage, um dann weitere Anweisungen zu geben. »Sobald Sie in den Niederlanden angekommen sind, werden Sie einen Wagen mieten. Er soll der unteren Mittelklasse angehören und unscheinbar sein. Dieses Fahrzeug tauschen Sie alle vier Wochen aus.«
»Soll das etwa ein James-Bond-Abenteuer werden?«, fragte Daniela misstrauisch.
»Natürlich nicht. Aber es geht niemanden etwas an, wer Sie sind, wohin Sie fahren und was Sie dort tun.« Der Anwalt lächelte zwar, doch Daniela kam es falsch vor.
»Wie es aussieht, steckt mehr hinter der Sache, als Sie mir gesagt haben. Ich will …«
