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"Vergiss nicht, wer du bist und was du kannst. Niemals. Auch wenn Samata versucht, dich in die Knie zu zwingen. Auch wenn alles verloren scheint." Anthea ist gerettet, doch auf Lyvi wartet die nächste unmögliche Aufgabe. Um Noah vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren, reist sie in eine magische Festung am Ende der Welt – und trifft dort ausgerechnet Wajiyad wieder, den Prinzen aus Stahl, der ihren Betrug im Anderswald nicht vergessen hat. Zwischen ihnen steht die jahrtausendealte Feindschaft ihrer Völker, doch als sie beide zur Zielscheibe derselben dunklen Macht werden, müssen sie zusammenarbeiten. Werden sich Lyvi und Waji allen Hindernissen zum Trotz in ihrer finstersten Stunde aufeinander verlassen können?
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Inhaltshinweise
Dieser Roman enthält Themen, die bei einigen Leser*innen Unwohlsein hervorrufen bzw. persönliche Trigger darstellen können. Eine Auflistung dieser Themen ist am Ende des Buches zu finden, da sie Spoiler zur Geschichte enthält.
Über die Autorin
Lea Koringer (*1991) lebt für das Schreiben und Erschaffen fantastischer Welten. Am liebsten schreibt sie morgens, wenn die Welt noch still ist, mit einer großen Tasse Kaffee, Kerzenlicht und ihrer Lieblingsmusik. Wenn Lea nicht schreibt oder im sozialen Bereich arbeitet, treibt sie sich gern in Wäldern herum, versinkt in Hörbüchern oder denkt sich neue Zaubersprüche aus.
Instagram: @leakoringer
WREADERS E-BOOK
Band 220
Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen
Vollständige E-Book-Ausgabe
Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg
Verlagsleitung: Lena Weinert
Druck: epubli – Neopubli GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Miriam Schwardt
Illustration: Lea Koringer
Lektorat: Sarah Maier, Vanessa Janke
Satz: Annina Anderhalden
www.wreaders.de
ISBN: 978-3-96733-429-6
Für meine Eltern
1
Sedina, Seeland
Wie oft willst du dieses Schwert noch putzen?«
»Ich bin gleich fertig«, murmelte ich, ohne den Blick von Elrys’ blassilberner Klinge in meinem Schoß zu nehmen.
Vor ein paar Tagen war ich aus Faelhem zurückgekehrt, wo ich mich mit Gelyth getroffen hatte – endlich, nach vielen langen Monaten. Einen ganzen Tag hatten mein Onkel und ich in dem Dorf verbracht, waren ein paar Stunden durch Seelands Wildnis gewandert und hatten einander unsere Geschichten erzählt. Ganz Estéllian wartete darauf, dass das Jahr nach Irins Tod verstrich und im Herbst ein neuer König gekrönt werden konnte – Gelyth, der diese Würde verdiente wie kein anderer. Insbesondere weil er dies nicht für selbstverständlich hielt.
Das Wiedersehen mit meinem Onkel hatte eine Wunde in mir geheilt. Gleichzeitig hatte es mich beunruhigt. Seine Erzählungen vom ruhenden Krieg im Dämmertal hatten mich daran erinnert, wie abgeschieden Sedina vom Rest der Welt war. Echte Ereignisse passierten da draußen, ob ich es wahrhaben wollte oder nicht.
Dass Gelyth mir ein Angebot gemacht hatte, mit dem ich niemals gerechnet hätte, machte mich nur noch unruhiger. Doch darüber würde ich jetzt nicht nachdenken. Nicht in dieser Woche, die ohnehin schon genug in mir auslöste.
Durch das offene Fenster schwebten mit dem kühlen Frühlingswind Johlen und Gesang ins Zimmer, auch wenn es erst früher Nachmittag war. Es war Nymphenzeit in Sedina, eine von zwei Wochen im Jahr, in denen die Wasserwesen des Dorfes ihre Flossen in Beine verwandeln und an Land gehen konnten. Erst im Herbst würde ihnen das wieder möglich sein. Und natürlich ließen Sedinas Einwohner es sich nicht entgehen, mit den Nixen und Wassermännern zu feiern.
Wenn Brandy hier wäre …
Ich biss auf meine Unterlippe und verstärkte den Druck des Poliertuchs auf die Klinge. Nach Mondfeuer war Rosendorn an der Reihe, ein kleines Messer und Erbstück meiner Mutter, das Irin mir im letzten Jahr genommen hatte. Gelyth hatte es unter Irins Besitztümern gefunden und mir in Faelhem zurückgegeben.
Die Stimmen in meinem Kopf waren unbarmherzig. Sie ist nicht hier, wisperten sie. Brandy ist nicht hier, weil sie meinem blöden Plan gefolgt ist.
Noah seufzte. »Lyvi.« Er ging vor mir in die Hocke. Seine Augen waren so strahlend blau wie die See an einem wolkenlosen Tag. »Irin ist tot, im Dämmertal herrscht immer noch Waffenruhe. Es ist vorbei. Sogar deine Gabe lässt dich zufrieden, seitdem wir wieder hier sind.«
Ich schluckte. Und schon wieder stiegen mir Tränen in die Augen.
Erst heute Morgen hatte ich um Brandy geweint. Um die Freundin, die ihr Leben im Anderswald gelassen hatte, weil sie meiner absurden Idee vertraut hatte. Weil ich geglaubt hatte, ich könnte einen Elfenkönig austricksen, der sich einer Magie hingegeben hatte, die älter war als die Welt selbst.
»Brandy hat diese Woche geliebt«, wisperte ich mit heiserer Stimme .
Noah rückte ein Stück näher, nicht ohne einen missbilligenden Blick auf Elrys zu werfen. Er legte eine Hand auf mein Knie und drückte es. »Wir haben darüber gesprochen. Brandy wusste, auf welche Gefahr sie sich einlässt. Das wussten wir alle.«
Ich nickte. Dennoch rollte eine Träne meine Wange hinab.
Noah lächelte und wischte sie mit seinem Daumen weg. »Weißt du, was sie wollen würde?«
Er legte den Kopf schief.
Ich schniefte und schüttelte den Kopf.
»Brandy würde wollen, dass du dein Kostüm anziehst und mit uns feierst.«
Ich zog eine Grimasse. Richtig. Mein Kostüm.
Zu Ehren der Wasserwesen verkleidete sich ganz Sedina am ersten und letzten Tag der Nymphenwoche wie beliebige See- oder Meeresbewohner.
Noah hatte sich schon verkleidet. Er trug eine Tunika mit glitzernden Pailletten und eine Fischflosse auf dem Kopf, die er selbst aus blau gefärbtem Pergament und Draht gebastelt hatte.
Mein Blick fiel auf das Stück blasse Haut, das unter seinem offenen Kragen aufblitzte. Ich runzelte die Stirn. Ein blauer Striemen schimmerte dort.
»Wie geht es deiner Wunde?« Ich streckte den Finger aus, um den Stoff seiner Tunika zur Seite zu schieben, doch Noah schnalzte mit der Zunge und hielt meine Hand fest.
»Das wird schon«, sagte er. »Es wird auch nicht besser, wenn wir drei Mal am Tag darüber reden.« Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. »Wenn du mich aus anderen Gründen ausziehen willst, wäre ich allerdings dafür zu haben.«
Ich ignorierte die Anspielung und wand meine Hand aus seinem Griff. Noch vor ein paar Wochen hätten seine Worte ein Kribbeln in meinem Bauch ausgelöst. Jetzt nervte es mich, dass er diesem Thema immer wieder auswich.
»Benutzt du Edgars Salbe?«, fragte ich.
Noah verdrehte die Augen. Die Pergamentflosse auf seinem Kopf wippte, als er sich erhob.
»Ja«, sagte er. »Du brauchst mich nicht mehrmals am Tag daran zu erinnern.«
Ich nickte knapp. »Gut.«
Während wir mit den Wunden unserer Seelen noch länger zu kämpfen haben würden, waren die äußerlichen Verletzungen, die Irin, Varuna und ihre Magie uns zugefügt hatten, längst verheilt. Mit einer Ausnahme.
Noah hatte einen Kratzer auf der Brust davongetragen, als die Schlangenpforte explodiert und uns das Innerste der Erde um die Ohren geflogen war. Die lange Wunde war tief gewesen, doch es war bereits Monate her. Immer noch war sie nicht ganz verheilt. Ihr Anblick verursachte mir jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Meine Reaktion war vermutlich übertrieben, doch da gab es etwas, das ich seit Monaten verdrängte.
Meine offene Rechnung mit Nefelda.
Opfere einen deiner Lieben, rette alle anderen.
Das war der Preis der Göttin dafür gewesen, dass sie Irins Magie ausgeschaltet hatte. Noch immer hatte ich niemandem davon erzählt, doch ich machte mir permanent Sorgen um jeden meiner Freunde. Um Noah, so harmlos seine Wunde auch sein mochte. Wen würde sich Nefelda aussuchen? Und wann?
Ich musste Sedina bald verlassen, war vermutlich schon zu lange hiergeblieben. Zwar bezweifelte ich, dass allein geografische Distanz die Göttin vergessen lassen würde, wer mir wichtig war, trotzdem erschien mir das sicherer.
Nefelda würde zusehen wollen, wenn der Zahltag gekommen war.
Noahs heiteres Summen riss mich aus meinen düsteren Gedanken. Er stand vor dem Spiegel und zupfte seine Fischflosse zurecht. Sie erinnerte entfernt an eine Zipfelmütze. Ich öffnete den Mund, um eine weitere Frage zu stellen, die ihn die Augen verdrehen lassen würde. Doch laute Schritte erklangen auf dem Flur.
Die Tür flog auf. Eine kichernde Rita stolperte ins Zimmer, gefolgt von Jilly. »Wo bleibt ihr? Edgar hält gleich seine Rede!«
Rita sah zu mir, dann zu Noah, ein halbvolles Weinglas in der Hand. Auch sie seufzte, als sie Elrys in meinem Schoß sah.
»Wo ist dein Kostüm, Lyvi? Ich hoffe doch, das Schwert gehört nicht dazu? Versteh mich nicht falsch, es ist eine hübsche Klinge mit diesem wunderschönen Mondkristall, aber … es passt nicht ganz zum Motto.«
Rita verdiente ihren Lebensunterhalt mit der Fertigung von Schmuck und hatte ein sehr gutes Auge für Kristalle und Edelsteine.
Noah hob die Augenbrauen. »Und wo ist dein Kostüm, Rita?« Er sah an ihr auf und ab. »Du siehst nicht aus wie ein –«
»Ach, halt den Mund, Schipgaard«, fauchte die Zwergin. »Nicht jeder will den ganzen Abend aussehen wie ein stinkender Fisch.« Sie posierte für uns und schürzte die Lippen. »Ich bin eine Piratenkönigin.«
Jilly, die mit verschränkten Armen im Türrahmen lehnte, grunzte. »Wie wäre es dann mit einer Augenklappe, Piratenkönigin?« Spott funkelte in ihren graublauen Augen.
Noah und ich wechselten einen Blick. Und lachten.
Rita schnalzte mit der Zunge, doch Jilly hatte recht. Die Zwergin sah mit ihrem langen dunkelgrünen Samtkleid und dem goldenen Krönchen auf ihrem Kopf zwar königlich aus, aber nichts an ihr erinnerte an eine Piratin. Stattdessen trug sie eine Kette und Ringe, die mit ihren winzigen Smaragden und Rubinen perfekt zu der Krone in ihrem rotblonden Haar passten.
Noah gluckste. »Gib wenigstens zu, dass du dich schon seit Monaten darauf freust, einen ganzen Abend als Prinzessin herumzulaufen, Höhlengießer.«
Rita nahm einen Schluck aus ihrem Glas und zuckte mit den Schultern. Der Geruch des süßen Weines kroch in meine Nase. »Königin, bitte sehr. Immerhin habe ich mich überhaupt verkleidet.« Sie bedachte Jilly und mich mit einem spöttischen Blick. »Im Gegensatz zu den beiden Langweilern aus Estéllian. Schade, dass Dora schon wieder in Bentuath ist. Sie hätte große Freude daran, euch darauf hinzuweisen, dass ihr mal wieder die Spaßbremsen seid.«
Ohne mit der Wimper zu zucken, deutete Jilly auf ihre rechte Wange. Eine Muschel leuchtete dort, gezeichnet mit lilafarbenem Lippenstift. »Ich bin verkleidet, Rita.«
Die Zwergin verdrehte die Augen. »Wenn du meinst. Ich hätte noch –«
»Nein«, knurrte Jilly. »Zum dritten Mal – nein.«
»Mmh«, machte Rita. Sie wandte sich mir zu. »Und du?«
Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Vielleicht könnte mir auch einfach jemand eine Muschel auf die Wange –«
»Nichts da.« Noah griff nach meiner Hand und zog mich auf die Füße. »Rita, nimm ihr das Schwert ab.«
Ohne das Glas abzustellen, streckte Rita den Arm nach Mondfeuer aus, doch Jilly kam ihr zuvor.
»Vorsicht, Höhlengießer, sonst spießt du dich noch selbst auf«, murmelte sie.
Rita nahm noch einen Schluck von ihrem Wein. »Spaßbremsen«, flötete sie.
Doch Noah zog mich bereits aus der Tür, über den Flur in das gegenüberliegende Zimmer. Das Zimmer, das eigentlich meines gewesen war, nachdem er mir das größere am Tag nach meiner Ankunft in Sedina in einem Racheakt entwendet hatte.
Seit Wochen durfte ich es nicht betreten, Noahs Anordnung. Ich hatte eine dunkle Vorahnung.
»Wo ist Alyssa?«, fragte ich Jilly über meine Schulter.
»Im Bett«, sagte sie. »Sie liest seit Tagen in einem Buch über die Himmelsberge, hat kaum geschlafen. Es wird Zeit, dass wir aufbrechen.«
Noch eine Veränderung, die sich anbahnte. Alyssa hatte ihre Gefährtin überzeugt, mit ihr nach Batari zu kommen. Ein echter Liebesbeweis Jillys, denn Waldelfen lebten in der nördlichen Steppe gefährlich. Dank Irin Celestian. Er hatte seine Truppen regelmäßig in das Grenzgebiet Estéllians geschickt, um Dörfer zu überfallen und den Bataris zu beweisen, wer im Norden das Sagen hatte.
Ich nickte. »Wann?«
Jilly seufzte. »Wenn die Nymphenwoche vorbei ist. Alyssa möchte zu Nadaam in Batari sein, dem großen Wettkampf der Nomadenclans. Reiten, Bogenschießen, Ringen. Soll ein wahnsinniges Spektakel sein.«
Rita tippte mich an und deutete hinter mich, wo Noah ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.
»Augen zu«, sagte er und kletterte die Strickleiter zur Schlafebene empor, die nur eine gute Armlänge unter der Decke installiert worden war. Das Holz ächzte gefährlich. Mir war ein wenig flau im Magen, doch ich gehorchte. Hinter mir kicherte die Zwergin, Jilly fluchte leise. Wieder knarzte Holz.
Ein Räuspern.
»Augen aufmachen.« Noah stand vor mir, ein …
Ich runzelte die Stirn. Ja, was hatte er in den Händen?
»Dein Kostüm. Selbstgemacht.«
»Heilige Götter«, wisperte Jilly.
Doch in Noahs Augen tanzte ehrliche Freude, als er mir das Etwas entgegenhielt. Das Etwas, das aus weißen Stoffstreifen und einer mit ebenfalls weißem Seidenpapier bespannten Drahthaube bestand.
Ich blinzelte. »Was –«
Noah drehte mich herum. »Eine Qualle!«
Jilly und Rita beobachteten uns mit betretenen Gesichtern.
»Das hier kommt über die Schultern, dann das hier über den Kopf … So!«
Der Draht kratzte an meiner Kopfhaut. Die weißen Stoffstreifen, die vorn und hinten an mir herabhingen, waren so lang, dass ich schon bei meinem ersten Schritt darüber stolpern würde.
»Sie sieht aus, als hätte sie sich in Zuckerwatte gewälzt«, flüsterte die Zwergin Jilly hinter vorgehaltener Hand zu.
Die Waldelfe biss sich auf die Lippen und nickte. »Du hättest lieber öfter auf deiner Laute herumklimpern sollen, Barde«, sagte sie und erntete dafür einen finsteren Blick von Noah. Einen Blick, der zu finster für die eigentlich harmlose Bemerkung war.
Ich hatte ein Quallen-Problem. »Noah.« Ich drehte mich um und zupfte an einem Stoffstreifen, der vermutlich Teil eines Lakens gewesen war. »Danke, aber muss ich mich wirklich verkleiden? Ich –«
»Lass mich ein Glas Wein für dich besorgen«, murmelte Rita. Eilig verschwand sie aus der Tür, Jilly hinter ihr.
Doch das Leuchten in Noahs Augen war Antwort genug. »Ja.« Er nahm meine Hand. »Für Brandy.«
Ich zupfte an meinen Stofftentakeln und holte tief Luft. »In Ordnung«, hauchte ich.
Für Brandy.
Ein paar Stunden später saß ich neben Alyssa auf dem langen Steg, der weit in den Jadesee hineinragte. Die Sonne war gerade erst untergegangen, in den schönsten Violett- und Rosatönen.
Doch Sedina tobte bereits.
Überall waren Leute, die sich links und rechts des Stegs ins kühle Wasser stürzten, die Überreste ihrer Kostüme kreuz und quer verteilt. Unten, auf einem großen Floß im See, spielte Musik, eine beschwingte, fröhliche Melodie. Tante Murielles Quintett, eine neue Gruppe um die schrullige, blauhaarige Menschenfrau, in deren Café ich letztes Jahr gearbeitet hatte.
Nach dem Mittwinterfest hatte ich wieder vor Murielles Tür gestanden, um nach Arbeit zu fragen. Und hatte auf dem Absatz kehrtgemacht, als ich auf der neuen Speisekarte eine Forellenfrikadelle entdeckt hatte. Die langen Jahre als Kellnerin im Grauen Segel, einem Restaurant an Estéllians Küste, hatten mir den Appetit auf Fisch gründlich verdorben.
Stattdessen arbeitete ich nun bei einem vom Alter gebeugten Dämon namens Zabó, der eine kleine Schneiderei am Rande des Ortskerns führte. Außerdem war Zabós Laden ein Sammelsurium aus alten Dingen wie Büchern, Spielzeug und sonderbaren Dekorationsartikeln. Der alte Dämon beachtete mich zumeist nicht, während er leise fluchend durch die Schneiderei schlurfte, doch er bezahlte mich gut. Und ich hatte bereits den ein oder anderen Fluch in Istava aufschnappen können, mit denen ich die anderen bei unseren Küchenabenden im Rabennest gern erheiterte.
Jilly hatte vorhergesagt, dass niemand Zabó während der Nymphenwoche zu Gesicht bekommen würde, weil der Schneider Lärm und Trubel hasste. Bisher hatte sie recht behalten.
Ruderboote trieben verstreut in Ufernähe, teilweise mit Baldachinen und Vorhängen verdeckt, um ihrer meist aus zwei, manchmal mehr Personen bestehenden Besatzung Privatsphäre zu geben. Feuerschalen säumten den Steg. Ihre Flammen loderten im wilden Rhythmus der Trommeln und Streicher des Quintetts. Über uns, neben einem blassgelben Vollmond, blinkten die ersten Sterne.
Es würde eine lange Nacht werden. Insbesondere für die Wasserwesen des Dorfes, die von ihren neuen Möglichkeiten nicht genug bekommen konnten.
Alyssa kicherte. »Mir scheint, im nächsten Herbst wird es besonders viele Wasserkinder geben.«
Sie nickte unauffällig in Richtung eines Pärchens, einem Wassermann und einer Dämonin, die sich glucksend Hand in Hand davonstahlen.
Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Vermutlich.«
In meinem Schoß lag Noahs selbst gebastelter Fischflossenhut. Meine eigene Quallenhaube hatte ich absichtlich verloren. Ich hoffte, dass Noah das Drahtgestell mit den Seidenpapierfetzen, das in Ufernähe im Wasser trieb, nicht wiedererkennen würde. Das Weinglas, das Rita mir vor Stunden in unserer Küche in die Hand gedrückt hatte, war immer noch fast voll.
Mir war nicht danach, Wein zu trinken.
Alyssa, die sich Rita mit beeindruckender Sturheit widersetzt hatte und kein Kostüm trug, verpasste mir einen leichten Stoß in die Seite. Unsere Beine baumelten über der Kante des Stegs, unter uns das leise Gurgeln des Sees. »Was ist los?«
Ich schluckte und sah flüchtig über meine Schulter. »Ich weiß nicht«, wisperte ich.
Eine Lüge. Der Anblick der glücklichen Feiernden machte mir einmal mehr deutlich, dass ich nicht mehr dazugehörte. Ich musste mit Ylva sprechen, und zwar so schnell wie möglich. Die Hexe war vielleicht die Einzige, die wusste, wie ich mich aus einem Versprechen, das ich einer Göttin gegeben hatte, herauswinden konnte. Schon vor Wochen hatte ich Phypsi mit einer Nachricht für sie losgeschickt, doch noch immer keine Antwort erhalten.
Also war ich einfach geblieben.
Ein paar Meter hinter uns hatte sich eine Gruppe in Badekleidung versammelt, darunter auch Noah und Jilly, die gerade aus zwei alten, langen Holzplanken eine provisorische Rutsche zusammenbauten. Die Ersten waren schon dabei, sich mit irgendeiner Art Fett einzureiben, das nach Walnuss und Orange roch.
»Hat Gelyth dir etwas erzählt?«, fragte Alyssa. »Gibt es neue Entwicklungen im Dämmertal?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«
Ich muss dir etwas sagen.
Die Worte drängten sich in meiner Kehle empor. Doch sie blieben dort stecken, zurückgehalten von der Angst, von meinen Freunden verurteilt zu werden. Ich hatte keine Wahl gehabt, als ich Nefelda eines ihrer Leben versprochen hatte. Alle sieben Völker Antheas hatten auf dem Spiel gestanden. Und doch schämte ich mich. Weil ich schon wieder eine Entscheidung getroffen hatte, durch die jemand anderes sein Leben verlieren würde.
Wie Brandy.
Ein Johlen erklang hinter uns, als sich der Erste aus der Gruppe die Rutsche hinunterstürzte. Noah, natürlich. Noah, der für solche Manöver meiner Meinung nach schon zu viel Wein getrunken hatte. Ich hielt die Luft an, dann …
Klatsch!
Wasser spritzte hoch, ein Prusten von unten. Jilly und die anderen applaudierten.
»Gut gemacht, Schipgaard!«, rief jemand.
»Aber ich kann es immer noch nicht glauben, dass alles vorbei ist«, sagte ich. »Erst war Irin noch König und dann … war er einfach weg. Genau wie Antheas Magie. Einfach weg.«
Klatsch!
Der Nächste landete im See, ein Kobold mit schmalem Gesicht und braunen Locken.
Stumm beobachtete Alyssa Jilly dabei, wie sie Anlauf nahm und sich über den Stegrand stürzte.
Klatsch!
»Mir ging es ähnlich, als Jilly und ich vor ein paar Jahren in Sedina angekommen sind«, sagte sie. »In Estéllian war alles schwierig. Wir mussten uns ständig verstecken. Mit der Angst, dass Irin mich für eine seiner Machtdemonstrationen auswählen und hinrichten könnte, bin ich aufgewachsen. Es hat Jahre gedauert, bis ich diese Angst loslassen konnte. Ich war so an sie gewöhnt.«
Mein Herz fühlte sich noch schwerer an. Alyssa hatte recht. Auch ich hatte mich daran gewöhnt, darauf zu warten, dass die nächste schlimme Sache passierte. Daran, auf der Hut zu sein. Mich geduckt zu halten. Mit einem Unterschied: Ich wusste, dass wieder etwas Schreckliches passieren würde. Es war noch nicht vorbei.
Ich schluckte. Alyssa verdiente die Wahrheit. Und wann sollte ich damit rausrücken, wenn nicht jetzt? Worauf wartete ich?
Das Holz unter uns bebte unter schnellen Schritten, laute Anfeuerungsrufe schallten über den Steg. Ich räusperte mich, meine Hände ein verkrampftes Knäuel in meinem Schoß.
»Ich muss dir etwas –«
»Noah, pass auf, das Boot!«
Als das laute Poltern hinter uns ertönte, gefolgt von einem hässlichen Knacken und einem Schmerzensschrei, war ich sofort auf den Beinen. Ich wechselte einen Blick mit Alyssa, die ebenfalls auf die Füße gesprungen war.
Die Musik verstummte, jemand keuchte.
»Noah?« Meine Nackenhaare sträubten sich. Glas splitterte, als ich alles fallen ließ und zu Jilly und den anderen hastete, die über die Stegkante lugten.
Nichts. Nichts außer einem Ruderboot, zwischen dessen Vorhängen zwei Wassermänner und eine Zwergin hervorlugten, Schrecken in ihren Augen. Neben dem Boot trieben Holzplanken auf den dunkelgrünen Wellen. Mein Herzschlag war ein lautes Pochen in meinen Ohren.
Wo war Noah? Er war ein guter Schwimmer, aber was, wenn er bewusstlos war?
»Das Boot hat die Planken gerammt. Er ist ausgerutscht, zwischen die Bretter geraten und auf den Bug geknallt. Sah nicht gesund aus«, sagte der Kobold mit den braunen Locken, dessen Stimme ungewöhnlich hoch war.
»Scheiße«, fluchte Jilly.
Im nächsten Augenblick sprang sie, ihr Körper gespannt wie ein Bogen. Ich streifte meine Schuhe, meinen Umhang ab und folgte ihr.
»Lyvi –«
Kaltes Wasser empfing mich, lähmte meine Muskeln, doch ich tauchte. Immer Jillys blondem Haarschopf hinterher, der vor meinen Augen zu einem hellen Punkt verschwamm.
Noah. Noah. Noah.
Sein Name war der Anker, der mich nach unten zog, weiter und weiter in das Grün des Jadesees. Doch der Grund war nicht weit und kaum zwei Herzschläge später kam mir Jilly schon entgegen, einen leblosen Körper in ihren Armen.
Gemeinsam zogen wir Noah nach oben. Wasser, überall war Wasser. Mir wurde schummerig, meine Muskeln protestierten …
Lass. Ihn. Nicht. Los.
Nur noch ein paar Meter.
Lass. Ihn. Nicht. Los.
Als wir endlich durch die Wasseroberfläche brachen und Luft in meine Lunge strömte, war Noah ein totes Gewicht zwischen uns, doch wir kämpften uns zum Ufer. Irgendwann, den Göttern sei Dank, kamen drei Wasserwesen dazu und lösten Jilly und mich ab.
»Vorsichtig!«, rief jemand am Strand.
Edgar. Er rannte uns entgegen, seine Heilertasche in den Armen. Auch Rita war plötzlich an meiner Seite und stützte mich, als ich aus dem Wasser wankte, meine Knie wackelig und mein Kopf viel zu leicht.
»Setz dich«, befahl die Zwergin. Ihr Atem roch nach Wein, doch ihr Blick war klar.
Meine Beine gaben nach.
Jilly plumpste mit einem Keuchen neben mir in den Sand, Alyssa an ihrer Seite.
Meine Brust hob und senkte sich, mein Atem immer noch zu schnell, während sie Noah im Wasser auf eine schmale Krankenliege zogen und ihn an Land trugen.
Edgar riss Noahs paillettenbesetztes Hemd auf und begann, das Wasser aus seinen Lungen zu pumpen.
Rita wollte mich festhalten, doch ich machte mich los und kroch auf allen vieren zu Noah, nasser Sand in meinem Mund.
Er hustete, sein Atem kehrte zurück. Erleichterung durchflutete mich, auch wenn sein Gesicht totenblass war.
Edgar fing meinen Blick auf. Meine Kehle wurde eng, als ich den Ernst in seinen dunklen Augen sah. Der Kobold hob Noahs Hemd gerade so weit an, dass nur ich darunter spähen konnte.
»So etwas habe ich noch nie gesehen«, raunte er.
Ich erstarrte.
Die Haut auf Noahs Brust war feucht und blass, sein Atem immer noch unregelmäßig. Und die Ränder seiner Wunde vom Tag der Schlangenpforte waren … blau. Blau wie der Ozean.
Ich schluckte und legte eine zitternde Hand an Noahs Stirn. Meine Stimme war ein heiseres Krächzen.
»Was bedeutet das?«
Bitte sag, es ist nichts Schlimmes. Bitte gib uns noch ein wenig mehr Zeit, Nefelda.
Edgars Tonfall erfüllte meine Hoffnung nicht. »Ich weiß es nicht.« Er schloss Noahs Hemd. »Aber wir sollten nach Ylva schicken. Das ist etwas für Hexenaugen.«
2
Arain, Galmáron
Es klopfte an der Tür, doch Nuria Tiamaty hob noch nicht einmal den Kopf.
»Jetzt nicht.«
Sie fuhr damit fort, sich mit einem feuchten Waschlappen Blutspritzer von den Unterarmen zu wischen.
Heute Nachmittag hatte sie eine komplizierte Operation an einem Hofsteinmetz durchführen müssen, der sich beinahe eine Hand abgesägt hatte. Ihrer Meinung nach ein einfältiger Tölpel, der es wahrscheinlich verdient hätte, seine Hand zu verlieren. Aber sie würde sich nie beschweren. Alles war besser, als mit den Hebammen zu arbeiten. Oder auf Hausbesuchen in der Stadt unterwegs zu sein, um den Genesungszustand der Patienten der letzten Woche zu kontrollieren.
Wie geht es uns denn heute?
Haben Sie immer noch Durchfall?
Vergessen Sie nicht, Ihren Kräuteraufguss zu trinken.
Nein, es war nicht ihr Ding, die Hände der Kranken zu halten und ihnen zuzuflüstern, dass alles wieder gut werden würde. Gebrochene Knochen, heraushängende Eingeweide und sedierte Patienten, die den Mund hielten, schon eher.
Es klopfte wieder. Lauter.
»Ich habe gesagt, jetzt nicht.« Nuria presste die Lippen zusammen und rubbelte an einem besonders hartnäckigen Blutfleck herum. »Ich habe Feierabend.«
Die einzige Person, die sie zu dieser Uhrzeit noch freiwillig in ihr Zimmer gelassen hätte, war nicht in der Stadt.
Davo war auf Grenzpatrouille im Norden unterwegs, musste jedoch irgendwann in den nächsten Tagen nach Arain zurückkehren. Ihr Herz wurde warm, wenn sie an ihn dachte. Immer noch ein so merkwürdiges Gefühl.
Na ja, und Wajiyad. Auch wenn ihr bester Freund, der für sie wie ein Bruder war, selten um Erlaubnis fragte, wenn er ihr Zimmer betreten wollte. Er war der Grund, warum sie ihre Tür stets abgeschlossen hielt. Ihre Kehle wurde eng, wie immer, wenn sie an ihn dachte. Seit Monaten hatte sie nichts von ihm gehört, auch wenn sie bereits drei Briefe in das Hauptlager der Armee in Zaláty geschickt hatte.
Wajiyad war nicht der Typ, der auf einen Brief mit einem Roman antwortete. Aber ein paar Zeilen waren nicht zu viel verlangt. Wenn ihre Briefe ihn überhaupt erreicht hatten. Wenn er noch lebte. In Zaláty, im Bürgerkrieg, hatte man keine Gewissheiten.
Über den Winter hatte Davo sie von ihren Sorgen abgelenkt. Sie mochte seine ruhige Gegenwart, die stillen Nachmittage, die sie miteinander verbrachten. Davo war ein begnadeter Zeichner, der es jedes Mal kaum erwarten konnte, die graue Uniform der solyóni loszuwerden und sich in Gola, Arains Künstlerhügel, unters Volk zu mischen. Wovon im Kiraly natürlich niemand wusste. Niemand außer ihr.
Genau wie sie lebte auch Davo ein Doppelleben. Ihm konnte sie erzählen, dass sie davon träumte, Arain den Rücken zu kehren. Ihre Heilerinnenrobe an den Nagel zu hängen, um sich die prächtigsten Bauten der Welt anzusehen. Zu studieren, wie sie konstruiert worden waren, mit welchen Materialien. Was ihre Schwachstellen waren und welche Schutzwälle die besten. Nachdem Paros von den Faunkindern in Medea erwähnt hatte, dass einer ihrer Vorfahren den Kiraly-Palast errichtet hatte, hatte sie der Gedanke nicht mehr losgelassen. Nuria hatte ein Buch nach dem anderen gelesen und schließlich Davo gebeten, seine Techniken mit ihr zu teilen, damit sie ihre Ideen festhalten konnte. Da sie durch ihre Heilertätigkeit geschickt mit ihren Händen war, machte sie schnell Fortschritte.
Ja, sie war abgelenkt gewesen. Mit Arbeit, Zeichnen … und den Freuden eines warmen Bettes im Winter. Auch Davos Hände waren geschickt. Genau wie sein Mund.
Nuria biss auf ihre Unterlippe und rubbelte noch energischer an ihrem Arm herum. Die Wärme, die sich in ihrer Mitte ausbreitete, hatte nichts mit dem Feuer im Kamin zu tun.
Das Klopfen an ihrer Tür war zu einem lauten Hämmern geworden, das das leise Rieseln des Sandsturmes gegen ihre Scheiben übertönte. Schon den ganzen Tag hatte der Wind geheult und den Staub der westlichen Provinzen in die Hauptstadt getragen.
»Nuria! Ich brauche dich noch einmal«, riss eine weibliche Stimme sie aus ihren Gedanken. »Ein Notfall.«
Margyt?
Was hatte ihre Ausbilderin kurz vor Mitternacht vor ihrer Tür zu suchen?
Nuria fluchte leise und pfefferte den Lappen ins Waschbecken. Er roch nach Blut und dem hochprozentigen Alkohol, den sie zur Desinfektion der Instrumente benutzte. Wahrscheinlich roch sie selbst danach, zusätzlich zu dem Aroma der Kräutermischung, mit der sie die Patienten vor Operationen in den Tiefschlaf beförderte.
Sie warf sich ihre dunkelrote Robe über, griff nach ihrer Tasche und drehte den Schlüssel um. »Was ist?«
Doch ihre Ausbilderin schnalzte bloß mit der Zunge und griff nach ihrem Arm.
»Dem König geht es nicht gut«, erklärte Margyt ihr, während sie sie den leeren Flur entlang zog. »Kayza hat heute Nachtdienst, aber er hat explizit nach dir gefragt.« Sie grunzte. »Nur Istari weiß, warum.«
Nuria verdrehte die Augen.
Danke auch.
Aber ihr Magen kribbelte vor Aufregung. Manor wollte sie sehen. Nicht Kayza, nicht Margyt. Das konnte ihre Gelegenheit werden, den König zu fragen, ob er etwas von seinem Sohn gehört hatte.
»Was hat er?«, fragte Nuria so gleichgültig wie möglich.
Margyt schob sie durch die Tür, die den Heilerflügel des Kiraly-Palastes vom großen, zentralen Treppenhaus trennte.
»Weiß ich nicht«, zischte ihre Ausbilderin. »Das hat mir sein Kammerdiener nicht mitgeteilt.«
Nurias Lippen zuckten, doch sie bekam sich in den Griff.
Margyt war gekränkt, und das nicht nur ein bisschen.
Im Laufschritt folgte sie der älteren Heilerin die Treppen nach oben. Es war dunkel hier, dunkler als sonst, als hätte die Dienerschaft vergessen, die Lampen an den Wänden zu entzünden. Nur der Mond schien durch die gigantische Fensterfront, sein Licht zeichnete silbrige Muster auf die Fliesen. Margyts Absätze klackerten laut auf dem glatten Stein, ihr schwarzgrauer Haarknoten wippte mit jeder Stufe auf und ab. Aus ihrer dunkelroten Robe waberte der süße Rosenduft, mit dem sie sich einparfümierte, solange Nuria zurückdenken konnte.
Das Treppenhaus war ebenfalls leer.
Überhaupt war es während der Wintermonate still im Kiraly geworden. Viele Angestellte hatten ihren Dienst niedergelegt und waren verschwunden, einige Adlige waren in ihre eigenen Städte und Dörfer zurückgekehrt. Erst hatte Nuria geglaubt, sie würden wiederkommen, wenn sich die Unruhe, die Wajis und ihre Rückkehr verursacht hatte, gelegt hatte.
Doch jetzt war es Frühling. Und immer noch war der Kiraly wie ausgestorben. Auch der Marktplatz unten in der Stadt wurde jeden Tag leerer. Schließlich hatte Nuria realisiert, dass es so gekommen war, wie sie selbst es prophezeit hatte.
Die Leute waren unzufrieden.
Unzufrieden damit, was der Mann veranstaltete, der auf dem Gipfel des Königshügels saß. Schon wieder hatte er ihren heiß geliebten Prinzen davon geschickt. Dann hatte sich das Gerücht verbreitet, dass der König die halbe Armee aus dem Dämmertal abziehen würde. Eine militärische Entscheidung, die an Wahnsinn grenzte, solange das Verhältnis zu Estéllian nicht geklärt war. Solange Nuria auch darüber nachdachte, ihr fiel kein Grund ein, warum dieser Schachzug eine kluge Idee war.
Vielleicht steckte Bela Zen Zilágosh dahinter, Wajis Vetter und der Sohn von Manors verstorbenem jüngeren Bruder. Vor ein paar Wochen war er im Kiraly aufgeschlagen. Wenn sie den Gerüchten trauen konnte, verbrachten Bela und Manor viel Zeit hinter verschlossenen Türen, um Dinge zu besprechen, die Wajis Zukunft als Thronfolger garantiert nicht zuträglich waren. Soweit Nuria wusste, hatte sein Vetter Jahre als Botschafter am Hof in Zemliva verbracht und um die Aufmerksamkeit der Gargaryns, der astralischen Königsfamilie, gebuhlt. Scheinbar erfolglos, doch das beruhigte sie nicht im Geringsten. Nicht alles, was wichtig war, drang auch an die Öffentlichkeit. Wer wusste schon, welche Verträge und Abkommen Bela im Namen Galmárons geschlossen hatte? Für die ihr Volk noch Jahrzehnte bezahlen würde?
Nuria traute Bela nicht und seine Präsenz im Kiraly war ein schlechtes Zeichen. Punkt.
Höher und höher stiegen Margyt und sie, bis sie endlich Manors Gemächer erreichten. Man konnte sich sicher sein, die richtige Etage gefunden zu haben, wenn man einem halben Dutzend grimmig dreinschauender solyóni gegenüberstand, die vor der Eingangstür Wache hielten. Auch hier brannte nur eine einzige Lampe.
Margyt übergab Nuria mit einem gezischten »Guten Abend!« an die Soldaten. Und mit einem Blick gab sie ihr zu verstehen, dass sie ihre Aufgabe besser gut machte, ansonsten würde es Ärger geben.
Aber Nurias Herz schlug nur ein klein wenig schneller, als einer der solyóni an Manors Tür klopfte. Was sollte schon passieren? Sosehr sie ihren Vater auch verabscheute, sein Ruf und Geld waren ein unsichtbarer Schutzschild, wo immer sie hinging. Nein, Manor wusste, dass er es sich mit ihr nicht verscherzen durfte.
»Ich will nur Tiamaty sprechen«, kam es aus dem Gemach. »Niemand anderen.«
Einer von Nurias Mundwinkeln zuckte, als sie über die Schwelle trat und Margyt im Flur zurückließ. Der Geruch von Räuchersalbei empfing sie, vermischt mit den Aromen eines Rotweines und … Blut. Nurias Zuversicht war plötzlich wie weggewischt. Etwas war komisch. Der junge solyón schlüpfte flink wie ein Wiesel wieder aus dem Zimmer, ein gehetzter Ausdruck in seinen hellbraunen Augen.
Manor saß in einem Sessel vor dem Kamin. Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Auf seinem Kopf schimmerte ein Silberreif in seinem seidenschwarzen Haar, geformt wie Federn, die sich in der Mitte um einen ovalen Obsidian schlossen. Die Krone Galmárons. Immerhin war er allein.
Holzscheite knackten leise im Feuer, draußen peitschte ein Windstoß eine Ladung Staub und Sand gegen die Fensterscheiben. Sandstürme im Frühjahr waren in Galmáron normal, aber das Unwetter draußen schien sich zu einem größeren Ungeheuer zu entwickeln.
»Majestät«, sagte Nuria. »Ihr habt nach mir geschickt.«
Ohne sie anzusehen, wies Manor auf den Sessel gegenüber von seinem eigenen.
»Setz dich.«
Nuria nickte, schritt langsam auf den Kamin zu und ließ sich in das dicke rote Polster sinken. Hinter der steinernen Maske ihres Gesichts stutzte sie.
Manor war blass, aber das war nichts Neues. Der König ging selten nach draußen. Schweiß stand auf seiner Stirn, seine Züge waren angespannt und dunkle Schatten hingen unter seinen Augen. Doch etwas war komisch. Er sah krank aus, erschöpft, aber auch … jünger. Die Falten, die der Bürgerkrieg und die Dürre über das letzte Jahrzehnt in sein Gesicht gegraben hatten, schienen geglättet zu sein.
Er hob eine Augenbraue und nahm einen Schluck aus dem Rotweinkelch in seiner Hand. »Und, wie lautet die Diagnose?«
Nuria rührte keine Miene. »Ich rate zu weniger Wein.«
Manor gluckste leise. »Du hast Schneid, Tiamaty. Das hat mir schon immer an dir gefallen.«
Nuria nickte knapp. »Was kann ich für Euch tun?«
Manor deutete auf die Karaffe, die auf dem niedrigen Beistelltisch neben seinem Sessel stand. »Auch ein Glas? Erygias beste Traube.«
Nuria zwang sich zu einem Lächeln. Es missglückte ihr, wie jedes Mal. »Danke, nein. Meine Schicht beginnt bei Sonnenaufgang.«
Doch Manors Blick war bereits in die Ferne gerichtet. Für einen langen Augenblick saßen sie stumm nebeneinander. Als der König sie wieder ansah, lag Kälte in seinen Augen. »Margyt berichtet, dass aus dir eine vorzügliche Heilerin geworden ist.«
Nuria neigte höflich den Kopf. »Ich danke Euch, Majestät, aber –«
Manor machte eine abwehrende Geste, als wollte er ein lästiges Insekt verscheuchen.
»Du weißt, dass du das Lob verdienst, Nuria. Ich habe dich zu mir gerufen, weil ich den Rat einer guten Heilerin brauche.« Seine Augen wurden schmal. »Margyt hat mir berichtet, dass deine Fähigkeiten mit Nadel und Faden bemerkenswert sind. Dass es keine Wunde, keinen Knochenbruch gibt, den du nicht heilen könntest. Ist das wahr?«
Nuria, die ihren Ruf der Heilerin mit dem steinernen Gesicht in den letzten Jahren wohlbehütet hatte, hätte am liebsten laut gelacht.
Margyt, die alte Schlange.
In all den Jahren, die Nuria unter ihr gearbeitet hatte, hatte sie kein einziges Kompliment aus dem Mund der älteren Heilerin gehört. Doch offenbar war sie gut genug, dass Margyt mit ihr vor dem König prahlte.
Sie zuckte mit einer Schulter. »Es scheint, heraushängende Gedärme liegen mir besser als nervöse Leiden, ja.«
Manor nickte. »Dann habe ich eine hypothetische Frage an dich.«
Nuria hob die Augenbrauen. »Ja?«
Er legte den Kopf schief. In seinen Augen blitzte etwas auf, das sie nicht zuordnen konnte. »Wie verhält sich ein Körper, wenn man, sagen wir … ein Stück Metall mit ihm verbindet?«
Nuria stutzte. Ihre Hände krampften sich um den Griff ihrer Heilertasche in ihrem Schoß. »Es ist möglich. Wir nutzen Metall, um Knochen zu ersetzen oder zu stabilisieren. Zähne, ein Schienbein, es macht keinen Unterschied. Für diejenigen, die es sich leisten können.«
So war das Leben in Galmáron. Amputation für die Armen, neue Gelenke aus Stahl und Gold für die Reichen.
Manor legte den Kopf schief. Er blieb stumm, doch sein intensiver Blick blieb an ihr haften. Seine Augen waren schwarz wie die Nacht zwischen den Sternen.
Zähe Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Im Kamin fiel ein Holzscheit mit einem Zischen in sich zusammen.
Nuria schluckte.
Verdammt.
Waji hatte von dem Besten gelernt.
»Soweit ich weiß, hat mein Vater dem Kiraly im letzten Sommer eine komplette Ausrüstung für diese Art Operationen gestiftet. Mitsamt den Setzlingen für die notwendigen Betäubungsmittel und dem Alkohol für die Säuberung der künstlichen Knochen.«
Götter, ihre Stimme hörte sich selbst in ihrem eigenen Kopf wie das Geplapper eines kleinen Mädchens an.
Reiß dich zusammen, Tiamaty.
Manor beugte sich vor. Er faltete die Hände und tippte mit den Zeigefingern gegen seine Lippen.
»Würde so eine Operation auch mit anderen Materialien funktionieren?«, fragte er mit gesenkter Stimme.
Unter größter Anstrengung hielt Nuria ihr Gesicht starr.
»Ja. Solange es ein ewigwährendes, glattes Material ist.«
Manor lächelte kühl. »Das wollte ich hören. Einer meiner besten Generäle wurde im Dämmertal schwer verletzt und braucht ein neues Knie. Ich will ihm die beste Behandlung angedeihen lassen, die es gibt. Ich werde deinen Vater um seine Dienste bitten. Wegen seiner Erfahrung, nichts für ungut.«
Nuria verkniff sich ein Schnauben.
Aha.
Er setzte sich auf und gab ihr einen Wink. Ihr Zeichen, dass es Zeit war zu gehen. Nuria erhob sich eilig und knickste.
»Mein König«, raunte sie.
Auf dem Weg zur Tür fiel ihr Blick auf Manors Schreibtisch, ein Ungetüm aus dunklem Holz. Papiere über Papiere lagen dort, in unordentlichen Stapeln und kreuz und quer über die Platte verteilt. In ihrer Mitte lag ein offenes großformatiges Buch, beleuchtet von den zuckenden Flammen der Kerzen auf dem Fensterbrett. Eine Zeichnung war aufgeschlagen. Eine Karte.
»Ach, Nuria?«
Sie zuckte zusammen.
Scheiße. Hatte Manor sie beim Glotzen erwischt?
Doch der König starrte ins Feuer. Erst als sie sich räusperte, wandte er sich um.
»Majestät?«
»Hast du etwas von meinem Sohn gehört?«
Eine kalte Hand legte sich um ihr Herz. Hatte er eine Nachricht von Waji bekommen? Der König lächelte wieder, ein wenig freundlicher dieses Mal.
»Ich frage dich, weil Wajiyad dir wohlgesonnener ist als mir.«
Nurias Herz wurde leichter. Sie schlang die Arme um ihre Heilertasche und schüttelte den Kopf. »Nein. Die Rebellen in Zaláty scheinen ihn ganz einzunehmen.«
Manor nickte knapp. »Gut so. Nichts, was Galmárons Thronfolger nicht bewältigen könnte.«
Nuria verbeugte sich und machte einen Schritt nach hinten. Manors Schreibtisch war keine Armlänge von ihr entfernt. Beiläufig bewegte sie ihren Daumen über die metallene Schnalle, die ihre Tasche verschloss.
»Gute Nacht, Majestät.«
Nuria stolperte einen weiteren Schritt rückwärts. Sie verlor das Gleichgewicht, mit voller Absicht. Gerade eben noch konnte sie sich an der Tischkante festhalten. Ihre Tasche jedoch landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Steinboden. Die Schnalle sprang auf, ein Dutzend Verbandsrollen kullerte über den Boden unter den Schreibtisch, gefolgt von mehreren blechernen Salbendosen.
Nuria fluchte. »Ich bitte um Verzeihung –«
Sie kniete sich hin, um ihre Sachen aufzusammeln. Im Schatten unter dem Tisch hatte sie das Gefühl, in ihr eigenes Spiegelbild zu blicken, nur für einen kurzen Moment.
Sie blinzelte, dann war das Gefühl wieder verschwunden und die Schatten wieder Schatten.
»Alles in Ordnung, Nuria?«, schnitt Manors Stimme durch die Stille.
Sie nahm einen tiefen Atemzug und nickte. »Nur der Kreislauf, Eure Hoheit. Es war ein langer Tag.«
Ein wenig langsamer als nötig richtete sie sich auf. Langsam genug, um einen Blick auf die aufgeschlagene Karte zu werfen, die den Norden Antheas abbildete.
Was sie dann sah, ließ ihr Blut gefrieren.
Ein einziges, rot eingekringeltes Wort.
Schlangenpforte.
3
Provinz Zaláty, Galmáron
Wajiyad Zen Zilágosh, Kronprinz der Dämonen von Galmáron, lag im Staub seines verfluchten Königreiches. Die feinen Körner krochen in seine Nase, seinen Mund und seine Ohren, doch das war Waji egal. Wie die Hitze der Sonne, die schon im Frühling unbarmherzig auf die felsige Wüste brannte.
Kronprinz von Galmáron.
Er war der Erbe seines Vaters. Der Thronfolger. Aber wie lange noch? Er hatte zwar den Ausflug in diesen götterverdammten Wald im letzten Jahr überlebt, doch danach hatte sein Vater ihn geradewegs in die nächste Hölle geschickt.
Es war nicht der Dienst an der Waffe, der ihn störte – Istari wusste, dass das nicht sein Problem war. Auch dass er in der Mittagshitze Zalátys hinter einem Felsenvorsprung auf dem knochenharten Erdboden lag und sein Durst ihn beinahe umbrachte, war nicht so schlimm.
»Warum greifen wir nicht an, Zilágosh?«, knurrte jemand neben ihm. Waji knurrte zurück. Die Gesellschaft, in der er sich befand, war sein Problem.
Er rückte seine Armbrust zurecht. »Weil sie auf jemanden warten.«
Der Dämon, der an Wajis Seite im Staub lag, schnaubte. »Mit Verlaub, Prinz, sie warten seit heute Morgen. Glaubt Ihr nicht, dass sie einfach … Wache halten?«
Istari, steh mir bei.
Es waren Vayk Krobatyns Männer, die ihn auf diese Mission begleiteten. Krobatyn, der Graue Falkenmeister, für dessen Tod er teuer bezahlt hatte. Krobatyn, der in seiner eigenen Einheit jahrelang ein absurdes Gerücht nach dem anderen über Wajiyad verbreitet hatte. Krobatyn, dessen beste Männer die Schlangenkönigin Varuna im Anderswald hingerichtet hatten wie Schlachtvieh.
Waji grunzte. »Sie halten Wache, aber sie warten auch auf jemanden, Laszlo«, sagte er mit gesenkter Stimme. Er zeigte mit seiner Armbrust zwischen den Steinen hindurch. Drei Rebellenkrieger saßen am unteren Ende des steinigen Abhangs vor einem Schluchteingang. Keine halbe Meile weiter Richtung Süden lag die Küste. »Sie schauen alle zwei Minuten zum Meer. Ich will mit eigenen Augen sehen, wen sie hier empfangen.«
Anstatt es aus ihnen herauszuquetschen wie den Saft aus einer Orange. Anstatt meine eigenen Landsleute zu foltern und zu töten.
Bürgerkrieg war ein dreckiges Geschäft, weil es keinen eindeutigen Feind gab, zumindest nicht für ihn.
Die meisten Rebellen hassten König Manor, weil er es nicht fertiggebracht hatte, das Königreich von seinem Fluch zu befreien. Und sich der offensichtlichsten Lösung verweigerte, nämlich einem Bündnis mit Seeland.
Noch im letzten Herbst war der zweite Brief aus Vennhaven gekommen, in dem Fenne von Schipgaard Manor einen Handel anbot – ein Drittel Galmárons gegen Korn, Vieh und Bier. Zum zweiten Mal hatte Manor abgelehnt. Zum zweiten Mal war der Hass der Rebellen aufgeflammt, der sich längst auf Waji ausgebreitet hatte. Die drei Männer, die am unteren Ende des Abhanges saßen, waren Feinde der Krone und doch fühlte Waji sich ihnen näher als seinem Vater.
Der Schotter unter Laszlos Körper knirschte leise, als der Soldat sich zu ihm umdrehte, das Gesicht voller Staub. Sie hatten Glück, dass der Wind den Hang hinauf blies und ihren Geruch weg von den Rebellen trug. Auch wenn dafür mit jeder Böe mehr Sand in Wajis Augen landete.
»Mit Verlaub, Eure Hoheit, das war nicht unser Plan –«
»Ich mache die Pläne«, fauchte Waji. »Meine Pläne, meine Entscheidungen.«
Mit seinen eigenen Männern, Kosztar, Flory und Reza, die mit General Hunyadi im Dämmertal stationiert waren, redete er nie in diesem Tonfall. Auch wenn sie ihm ebenso zu gehorchen hatten wie Laszlo Darabos und der Rest von Krobatyns Kohorte. Wer sich so Gehorsam erzwang, riskierte Verschwörungen und im schlimmsten Fall Meutereien, doch auch das kümmerte ihn nicht. Krobatyns Männer hassten ihn ohnehin, daran würde auch eine süße Zunge nichts ändern.
Und schon der Gedanke an die Alternative zu seinem Plan ließ ihn Galle schmecken.
Sie hatten vorgehabt, die drei Rebellen in eine der zahllosen Höhlen zu verschleppen, die in den Felsen an Zalátys Südküste versteckt waren. Dort wollten sie sie über die Pläne ihres Anführers ausquetschen. Und töten, wenn aus ihnen nichts mehr herauszuholen war.
Es hatte in den letzten Wochen wieder Angriffe auf die Dörfer im Drachenzahngebirge gegeben, die loyal zur Krone standen oder sich zu neutralem Gebiet erklärt hatten. Ein Versuch der Rebellen, die Widerstandslinie weiter nach Osten zu zwingen. Waji vermutete, dass die Rebellen Tendre, die verlassene Hafenstadt am südwestlichen Zipfel Galmárons, zu ihrem Hauptquartier gemacht hatten. Dort nahmen sie wahrscheinlich auch Waffen- und Verpflegungslieferungen entgegen. Lieferungen, die vermutlich Seeland bezahlte. Warum hatte Seeland plötzlich so großes Interesse an Zaláty, diesem verdorrten Landstrich?
Waji wusste es nicht. Nichts wusste er mehr in diesen verdammten Tagen.
»Der Rebell mit dem Fernglas hat etwas gesehen«, zischte Svare, der Soldat neben Laszlo, ein Dämon mit breiter Nase und langem Zopf. Ein weiteres Wiesel Krobatyns, auf dessen Gesellschaft er hätte verzichten können. »Er winkt die anderen zu sich.«
Waji verzog den Mund zu einem kalten Grinsen. »Genau wie ich gesagt habe«, raunte er. »Wir folgen ihnen.«
Die drei Rebellen, die sandfarbene Uniformen trugen, schlitterten den steilen Abhang in die andere Richtung hinab, zum Meer hinunter. Um ihren rechten Oberarm war ein purpurrotes Band befestigt, die Farbe der Wüstenrose, dem Wappenmotiv Zalátys. Waji kroch bäuchlings von den Steinen weg, hinter denen sie sich versteckt hatten, seine Armbrust noch im Anschlag.
Er vermisste Leto und Temis, die das Erdbeben mit Irin Celestian in der Schlangenpforte begraben hatte. Die namenlosen Schwerter, die er heute auf seinem Rücken trug, waren gute Klingen, die er in der königlichen Waffenkammer im Kiraly aufgestöbert hatte, doch sie waren nicht seine geliebten Zwillingsschwerter.
Dieses Mal folgten Svare und Laszlo ihm, ohne sich zu beschweren. Sie schlichen den Rebellen auf einem Felskamm hinterher, lautlos trotz des losen Gerölls unter ihnen. Immer wieder versteckten sie sich hinter schroffen Vorsprüngen. Kleine Echsen flohen vor ihren Füßen, eine Schlange glitt mit rasselndem Schwanz an ihnen vorbei. Doch Waji hatte nur Augen für die drei Krieger ein paar Meter unter ihnen.
Die Luft wurde salziger, je näher sie der Küste kamen, der Wind frischer.
Als die blaue Linie des Ozeans vor ihnen auftauchte, hielt Waji inne. Er gab Laszlo und Svare das Zeichen, sich neben ihm hinter die Reste eines verfallenen Wachturmes zu ducken. Zurück im Staub seines Königreichs, blinzelte Waji in die Nachmittagssonne. Und erstarrte.
Nicht eines, sondern zehn Schiffe, befanden sich unten in der Bucht. Sie trugen zwar keine Flagge, doch angesichts ihrer Größe stammten sie ohne Zweifel aus Seeland. Schwer beladen waren die Schiffe noch dazu, so tief wie sie im Wasser lagen.
Ihre Deckung befand sich auf einem Hochplateau. Die drei Rebellenkrieger unter ihnen waren an einem riesigen steinernen Anleger angekommen, der viele Meter ins Meer hinausragte und Platz für mindestens drei der Fünfmaster hatte. Eine alte Straße führte direkt an der Küste entlang nach Tendre, dessen Hafen im letzten Krieg gegen Estéllian zugeschüttet worden war. Doch die Straße war wiederhergerichtet, ihre Befestigungen erneuert. Und tatsächlich, drei Schiffe hatten sich bereits aus der Reihe der seeländischen Flotte gelöst.
Waji spürte ein vertrautes Kribbeln in seinem Bauch.
»Wir warten, bis sie hier sind«, wisperte er. »Ich will sehen, was passiert.«
Laszlos Gesicht war finster, sein Blick berechnend, als er die Schiffe anstarrte, die sich dem Anleger näherten. »Sollten wir nicht Verstärkung rufen?«
Waji schüttelte den Kopf, ohne die Augen vom Meer zu nehmen. »Nein. Das sind keine Soldaten. Das ist eine Lieferung.«
Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis die Fünfmaster angelegt und ihre Laderampen ausgeklappt hatten.
Waji war hellwach, verfolgte jede Bewegung auf dem Anleger unter ihnen. Sosehr er es hasste, mit Krobatyns Männern im Dreck zu liegen, zumindest war all das hier eine wirksame Ablenkung von dem, was er im Kiraly-Palast zurückgelassen hatte. Die wirren Machenschaften seines Vaters, das Korsett des Königshofes. Nuria. Nuria in den Armen ihres Geliebten, Davo Hunyadi.
Ein salziger Windstoß kühlte Wajis verschwitzte Stirn.
Konzentrier dich.
Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die kleine Bucht unter ihnen. Die Besatzung, die fast ausnahmslos aus Menschen bestand, schaffte mit Wagen Kisten über Kisten von Bord. Waffen. Das musste eine Waffenlieferung sein, so schwer wie die Seeleute sich taten, die Kisten auf die Wagen zu hieven.
Das Kribbeln breitete sich von seinen Beinen bis in seine Fingerspitzen aus. Sein Kopf war leicht, der Schatten über seinem Herzen vergessen. Endlich tat er wieder das, wofür er geboren worden war.
»Wir bleiben heute Nacht an der Küste«, raunte Waji, ohne Laszlo und Svare eines Blickes zu würdigen. »Ihr Waffenlager muss in der Nähe sein.«
Ein leises Schnauben an seiner Seite. »Prinz, mit Verlaub, ist es nicht zu riskant, wenn –«
Waji antwortete mit einem Knurren.
»Noch ein Wort, Laszlo, und ich stoße dich diese Klippen hinunter. Mein Plan, meine Entscheidung.«
Er spürte die Blicke, die sich Krobatyns Wiesel zuwarfen, ihren glühenden Hass, doch beides perlte an Waji ab wie Wasser an einer gut gefetteten Klinge. Istari, es fühlte sich gut an, wieder zurück in seiner Haut zu sein. Galmáron war immer noch verflucht und Nuria weit weg, doch es tat nichts mehr zur Sache.
Er war der Prinz aus Stahl und wusste, was er zu tun hatte.
4
Das leise Stöhnen auf der anderen Seite der Matratze ließ mich aufrecht im Bett sitzen. Ich blinzelte in das Zwielicht der Morgendämmerung, das zwischen den Vorhängen ins Zimmer kroch. Mein Herz raste.
Noah.
Er lag neben mir zwischen den Laken, auf dem Rücken, Arme und Beine wie ein hilfloser Käfer von sich gestreckt. Sein blondgoldenes Haar war zerzaust und sein Gesicht blass.
So blass, selbst auf der weißen Bettwäsche. Seine Augen waren halb geöffnet, ihr hellblau getrübt. Ich streckte eine Hand aus, um ihn zu berühren.
»Wie fühlst du dich?«, wisperte ich. Und wäre beinahe zusammengezuckt. Seine Stirn war eiskalt.
Noahs Lächeln war schief. »Ich glaube, Walzer kann ich erst einmal nicht tanzen.« Seine Stimme klang rau. »Aber immerhin fühle ich meine Beine wieder.«
Beinahe hätte ich geschluchzt, vor Erleichterung und Sorge zugleich. Edgar hatte noch gestern Nacht eine erste Diagnose gewagt. Etwas in Noahs Rücken musste gebrochen sein, als er auf den Bug des Ruderbootes geprallt war. Der Kobold hatte prophezeit, dass das Gefühl in Noahs Beinen entweder schnell zurückkehren würde … oder nie wieder.
Aber da war noch die Wunde auf seiner Brust. Die Wunde, wegen der Edgar nach Ylva geschickt hatte. Ich wünschte, die Hexe würde schnell hier sein. Plötzlich wie immer aus dem Nichts auftauchen und mir hoffentlich sagen, dass das hier nichts mit Nefelda zu tun hatte.
Doch wusste Noah überhaupt, wie der lange Kratzer auf seiner Brust jetzt aussah? Ich schluckte und ließ meine Hand sinken. Die Stimmen und Gesänge derjenigen, die nach der ersten Nymphennacht erst jetzt nach Hause stolperten, schwebten ins Zimmer
»Noah –«, begann ich, doch er war schon dabei, sein Hemd aufzuknöpfen. Seine Augen wurden groß, als er die blau angelaufenen Wundränder sah. Er rieb vorsichtig daran.
»Scheiße«, flüsterte er. »Das juckt höllisch.«
Ich zog seine Hand weg. »Lass das. Nimm lieber noch etwas von Edgars Salbe.«
Noah grunzte, doch ich schnalzte mit der Zunge und fischte den Salbentiegel von meinem Nachttisch. Als er sich losmachen wollte, warf ich ihm den finstersten Blick zu, den ich zustande bringen konnte.
»Halt still.«
Die Gerüche von Lavendel und einem Dutzend anderer Kräuter streiften meine Nase, als ich den Deckel aufschraubte.
Ich tauchte eine Fingerspitze in die gelbliche Salbe und betupfte damit Noahs nackte Brust, entlang der Wundränder. Ich erschauderte. Sie waren heute Morgen noch ein wenig blauer als gestern Abend. Oder vielleicht lag es auch nur am Licht?
Bitte komm schnell, Ylva.
Noah atmete scharf ein. »Das brennt.«
Doch er presste die Lippen zusammen und gab mir das Zeichen, weiterzumachen.
Ich konzentrierte mich wieder auf meine Aufgabe und strich behutsam mit den Fingern die Wundränder nach. Dann erstarrte ich.
»Was?«, zischte Noah.
Ich rückte ein Stück näher. »Da sind –« Ich runzelte die Stirn. »Da sind Zeichen, wie ein Muster.«
Er hob die Augenbrauen und sah an sich herab. »Wirklich?«
Ich nickte und beugte mich über ihn, um die Wunde noch näher zu betrachten. Tatsächlich, es war kein einfacher blauer Rand, der sie umgab, sondern eine Abfolge von Zeichen und Symbolen, winzig klein, dazwischen kleine Spiralen und Wirbel, ähnlich einer Tätowierung.
»Edgar hat nach Ylva geschickt«, sagte ich. »Ich hoffe, sie ist bald hier.«
Noah legte seine Hand auf meine. Er verzog vor Schmerzen das Gesicht, als er meine Wange streichelte.
»Es wird schon nichts Schlimmes sein. Hauptsache, ich kann bald wieder laufen.«
Ich zwang mich zu einem Lächeln und sog seinen Geruch ein, Meer und frischer Thymian, der mich immer wieder ins Hier und Jetzt zurückholte.
»Bestimmt.« Ich hauchte einen Kuss auf seine Stirn.
Schritte auf dem Flur, dann klopfte es an der Tür.
»Ich dachte, du bist verletzt, Schipgaard!«
Immer noch über Noah gebeugt, drehte ich mich um. Und sah geradewegs in Ritas Bronzeaugen. Die Zwergin marschierte ins Zimmer, einen Arm in die Hüfte gestemmt, Edgar an ihre Fersen geheftet.
Noah schnaubte. »Und ich dachte, du wüsstest um die gängigen Höflichkeitsregeln, Höhlengießer.«
Rita streckte ihm die Zunge heraus, doch Edgar seufzte, als er seine Heilertasche vor dem Bett abstellte.
»Versuch es erst gar nicht, Noah.«
Der Kobold warf einen beiläufigen Blick auf Noahs Wunde. Beunruhigung flackerte in seinen Augen, war jedoch beim nächsten Wimpernschlag schon wieder verschwunden. Die Selbstbeherrschung eines guten Heilers.
»Wie fühlst du dich heute?« Er rollte vorsichtig die Bettdecke zu Noahs Füßen hoch. »Spürst du das hier?«
Edgar strich mit einem seiner kurzen, dünnen Finger an seinem Ballen entlang. Rita, die an meiner Seite des Bettes stand, krallte ihre Hand in meine Schulter.
Doch Noah nickte. »Ja, wenn auch schwächer als normal.«
Rita atmete geräuschvoll aus, ihr Griff lockerte sich ein wenig.
»Und das hier?«
Der zweite Fuß. Wieder nickte Noah.
Die Zwergin ließ meine Schulter los.
»Beim Barte meiner Großmutter«, flüsterte sie. »Ich dachte schon, ich müsste ab jetzt immer nett zu dir sein, Barde.«
Noah schnitt eine Grimasse. »Wage es nicht, mich anders zu behandeln, nur weil ich erst einmal kein Festzelt für dich aufbauen kann«, sagte er zwischen zusammengepressten Zähnen. »Das würde ich nicht einen Tag ertragen.«
Rita nickte, auch wenn ihr Lächeln noch ein wenig wackelig war. »Abgemacht, Schipgaard.«
Doch Noah hatte sich bereits an Edgar gewandt. »Ich muss dich um einen Gefallen bitten.«
Meine Nackenhaare sträubten sich. Noah sah erst Rita und mich, dann wieder den Kobold an.
Edgar rollte die Decke an seinen Füßen zurück und hob eine Braue. »Ja?«, fragte er langsam.
Ich hielt die Luft an.
Noahs Mundwinkel zuckten. »Hilfst du mir beim Pissen? Von Mann zu Mann?«
»Ich kann dir auch –«
Edgars Lachen unterbrach mich. »Ich dachte schon, du bittest mich als Bürgermeister, dein Testament zu beglaubigen.« Er wedelte mit den Händen. »Bitte verlasst das Krankenzimmer, meine Damen.«
»Dieses Ding auf seiner Brust sieht gefährlich aus«, hisste Rita, als ich hinter ihr aus dem Zimmer schlich, barfuß und nur mit einer Wolljacke über meinem Nachthemd. »Ich hoffe, Ylva kommt bald.«
Ich drehte mich um, eine Hand auf der Klinke. Durch den Spalt sah ich Edgar, der einen Holzeimer ans Bett zog. Und Noahs schmerzverzerrtes Gesicht, als er sich aufsetzte. Mein Herz brach ein bisschen, doch ich schloss leise die Tür hinter mir.
Die Gerüche von Alyssas Schwarztee und von frischem Brot lagen in der Luft.
Ich fröstelte, obwohl die Wärme des Küchenfeuers meine Wangen streichelte. »Ich auch.«
Fünf Tage später war Ylva immer noch nicht aufgetaucht.
»Trink aus.« Ich hielt Noah einen dampfenden Becher unter die Nase. Der herbe Geruch des Kräuteraufgusses, den Edgar für ihn zusammengestellt hatte, füllte das ganze Zimmer.
»Ich weiß, er riecht scheußlich, aber Edgar hat gesagt, er hilft gegen die Schmerzen.«
Doch Noah presste die Lippen zusammen. »Nein.«
Ich stellte den Becher auf dem Nachttisch ab – ein wenig lauter als nötig – und beugte mich vor, um sein Gesicht in meine Richtung zu drehen. Dunkle Schatten hingen unter seinen Augen. Die Strähnen seines Haares waren verfilzt, seine Wangen rau mit einem unordentlichen Bart. Nicht, dass Rita und ich Noah nicht angeboten hätten, ihm beim Kämmen und Rasieren zu helfen. Er hatte abgelehnt, mehrfach.
Noah sah aus wie jemand, der zwischen den Reichen der Toten und der Lebenden wandelte. Ich traute mich kaum noch, die Wunde an seiner Brust zu kontrollieren. Das blaue Muster wuchs, immer mehr Zeichen und Symbole erschienen entlang der Wundränder.
Ich brauchte Ylva nicht, um zu wissen, dass Magie am Werk war. Aber wessen Magie? Und was tat sie in Noahs Körper?
Ich strich mit meinem Daumen über seine Wange. »Du hast vor Schmerzen eine ganze Woche kaum geschlafen. Dein Körper braucht Ruhe, um zu heilen.«
Trotz glänzte in Noahs Augen. Er reckte das Kinn und entzog sich meiner Berührung. »Ich will nicht.«
Der Wind trug Musik und die Rufe der Leute herein, die heute am Strand eine weitere Nacht der Nymphenwoche feiern würden. Ich seufzte und stand auf, um das Fenster zu schließen. Pinienduft kitzelte meine Nase und die Nachmittagssonne stand tief, ihre Strahlen noch geschwächt vom Winter.
Doch ich schloss auch die Vorhänge.
Was jetzt passieren würde, sollte besser niemand zu hören und zu sehen bekommen.
Ich marschierte zurück zum Bett und griff nach dem Becher.
»Hör mir zu, Noah.« Ich ließ mich wieder auf den Hocker sinken und streckte ihm den Tee entgegen. »Ich weiß, dass du unglücklich bist. Ich weiß, du wärst lieber draußen, um mit den Wasserwesen zu feiern. Aber je länger du dich gegen die Schmerzen wehrst, desto länger wird es dauern, bis du wieder gesund bist. Du leidest, also nimm das Schmerzmittel. Bitte.«
Noah schüttelte den Kopf und schloss die Augen. »Ich will nicht.«
Etwas in mir riss an seiner Leine. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und drückte zu. So fest, wie ich mit mir selbst vereinbaren konnte.
»Aua«, fauchte Noah. Er starrte mich an, endlich wieder ein wenig Leben in seinen Augen. Und Wut.
Gut so.
Ein letztes Mal hielt ich ihm den Becher entgegen. »Trink. Den. Verdammten. Tee.«
Noahs Augen glühten, vor Zorn und … etwas anderem, das mich erschaudern ließ.
»Nein!«
Er holte aus, dann polterte etwas auf Holz und heißer Tee landete in meinem Schoß. Der Becher kullerte über die Dielen, es tröpfelte leise unter mir. Wir starrten uns einen langen Augenblick an, beide sprachlos.
»Wenn ich meine Sinne dämpfe, lege ich auch einen Schleier über meine Musik«, sagte Noah irgendwann in die Stille hinein. »Deswegen nehme ich keine Schmerzmittel. Nie.«
»Aber du hast seit Monaten keine einzige Note gespielt«, sagte ich. Und bereute es sofort.
Aber es stimmte. Seitdem wir nach Sedina zurückgekehrt waren, hatte Noah seine Laute noch nicht einmal berührt. Ein dunkler Schatten senkte sich über sein Gesicht. Er schluckte.
»Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist«, murmelte er. »Ich habe mich nicht wie ich selbst gefühlt, seit … seit der Schlangenpforte.«
Ich nickte und griff nach seiner Hand. Dieses Mal ließ er es geschehen.
»Und ich meine nicht die Trauer, nicht die Albträume. Ich –« Noah räusperte sich. »Ich weiß, dass auch ihr das durchmacht.«
Ein Schauder jagte meinen Rücken hinab. Es verging keine Nacht, ohne dass ich von Brandys leeren Augen träumte, von ihrem Kopf, der an ihren verdreckten Haarsträhnen in Rovyns Hand baumelte. Von Nefelda, die sich auf ihrem Thron aus Sternenlicht die Hände rieb, umgeben von einem Schwarm klimpernder Sternschnuppen.
Er drückte meine Hand. »Brandy wusste, dass sie sich in Gefahr begab. Sie würde nicht wollen, dass du bis an dein Lebensende diese Schuldgefühle mit dir herumträgst.«
Tränen stiegen in meine Augen.
Wenn es nur das wäre.
Ich sah ihn an, in sein bleiches Gesicht. Sein Blick war offen und voller Zärtlichkeit. Mein Herz machte einen Hüpfer, trotz des Schmerzes, der in mir saß wie ein giftiger Stachel.
»Es tut mir leid.« Ich wischte eine Träne aus meinem Augenwinkel. »Hier sollte es um dich gehen.«
Noahs Lächeln war schief, aber echt. »Ich glaube, der Wald hat uns alle verändert, wenn auch jeden auf eine andere Art. Ich fühle mich, als hätte ich etwas mitgenommen von diesem Ort. Etwas, das tief in mir sitzt und an mir frisst wie ein Parasit. Es fühlt sich an, als hätte dieses … Ding auch meine Musik verschluckt.«
Meine Kehle wurde eng. Hatte Varuna ihn doch verzaubert? In jenen Momenten am Strand, als Alyssa und ich auf dem Drachen geflogen waren? Da waren grüne Blitze gewesen, die magischen Flüche der Königin der Faunkinder …
»Zerbrich dir nicht den Kopf darüber«, raunte Noah. »Ich weiß nicht, was passiert ist. Die Einzige, die diese Frage beantworten kann, ist Ylva.«
Ich biss mir auf meine Unterlippe und sah mich in unserem Zimmer um, als könnte allein mein Blick die Hexe heraufbeschwören.
Doch Ylva Dornblatt kam nicht.
5
Ich erwachte auf einer feuchten Wiese.
Mein Herzschlag war ein wildes Hämmern in meiner Brust, als ich den offenen Nachthimmel über mir sah. Die Wolkenfetzen, die sich vor den silbrigen Halbmond schoben, von einer steifen Brise getrieben. Meine Nasenflügel bebten. Einer Meeresbrise, ihr salziger Geruch verwoben mit dem der Krokusse und Schneeglöckchen im Gras neben mir. Eine sauber gestutzte Hecke ragte über mir in die Höhe, dahinter stachen die eisernen Spitzen eines Zaunes in die Dunkelheit.
Ich sprang auf die Füße, tastete nach meinem Waffengürtel, doch er war nicht da. Natürlich nicht.
Träumte ich?
Ich kniff in meinen Unterarm, fest. Und verzog das Gesicht. Nein, ich war hellwach und mein ganzer Körper war hier. Das hier war weder wie Calandrum, die Zwischenwelt, die ich mit dem Drachenweibchen Meliki geteilt hatte, noch eine Vision. Außerdem war ich barfuß und trug nur das knielange Nachthemd, in dem ich eingeschlafen war.
Lautlos schlich ich über die Wiese. Sauber gestutzte Bäume streckten ihre Äste links und rechts eines breiten Schotterweges aus. Der Wind strich wispernd durch ihre Zweige. Irgendwo bellte ein Hund. Und, kaum hörbar, das vertraute Tosen eines Ozeans in der Ferne.
Ich zuckte zusammen, als meine Handfläche kribbelte. Und noch mal, als ich sie umdrehte. Da war ein Symbol auf meinem Handballen. Es glühte in einem blassen, lilafarbenen Licht. Ein Rabe, der in einem schmalen Halbmond saß. Wie letztes Jahr an jenem schicksalhaften Abend in unserer Küche im Rabennest.
Verdammt, Ylva!
Der heisere Ruf eines Raben hallte durch die Nacht. Auch wenn ich ihn nicht sah, wusste ich, dass seine Federn weiß und seine Augen violett waren.
»Hallo, Lyvi.«
Ich drehte mich zu Ylva um, die plötzlich neben mir im weichen Gras stand. »Wo sind wir?«, zischte ich. »Und wie bin ich hierhergekommen?«
