Die letzten Eschen - Barbara Tapasco - E-Book

Die letzten Eschen E-Book

Barbara Tapasco

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Beschreibung

"Die Bäume waren es, die sie verehrte, mehr als selbst für eine Nemeton gut war. Und dann hat sie etwas herausgefunden, etwas ... Gefährliches." Die letzten Eschen des Königreichs Korasi sind unantastbar. Sich an ihnen zu vergreifen, steht unter Todesstrafe. Trotzdem stiehlt Wanere deren Früchte, denn sie enthalten das Heilmittel gegen die jahrzehntealte Seuche. Fortan lebt sie in der Angst, dass ihr Diebstahl auffliegt. Doch warum hat sie, eine einfache junge Frau, das Heilmittel gefunden, das selbst den Nemeton, der Elite der magischen Pflanzenkundigen, verborgen geblieben ist? Und was hat es mit den Parasiten auf sich, dieser geheimen Gruppierung, die von Prinz Arin verfolgt wird? Auf der Suche nach Antworten stösst Wanere auf die wahre Ursache der Seuche und erfährt, was diese mit den seltsamen Umständen ihrer Geburt zu tun hat

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Unter dem Eibenbaum
Barbara Tapasco

Impressum:

E-Book veröffentlicht 2025

Copyright © 2022 Totechöpfli, Kyburg

Barbara Tapasco, Neugasse 18, 9602 Bazenheid

ISBN 978-3-907431-15-3

Umschlaggestaltung: Yves Müller, Verwendung einer Illustration von Ka L-O-K, kalok.ch und Photographien von Yves Müller

Lektorat: Sarah Di Fabio, enchanted-editing.de

Alle Rechte am Text liegen bei der Autorin und Totechöpfli, die Rechte an den Illustrationen bei Ka L-O-K und Totechöpfli.

Sämtliche Figuren sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Die letzten Eschen Barbara Tapasco

Dieses Buch wurde nach den Regeln der Schweizer Rechtschreibung verfasst.

Dank

Nicht nur im Wald hängt alles irgendwie zusammen und beeinflusst sich gegenseitig. Auch ich, diese Geschichte und dieses Buch wurden von vielen Menschen und natürlich auch Bäumen beeinflusst. Letztere haben bestimmt nichts dagegen, wenn ich hier nur die Menschen aufführe, denen mein Dank gebührt.

Meiner Schwester: Es heisst, der erste Entwurf sei immer Mist. Trotzdem hast du ihn gelesen und als Erste an diese Geschichte geglaubt. Auch dafür, dass du mich immer tatkräftig bei der Vermarktung unterstützt, bin ich dir sehr dankbar.

Meinem Mann: Danke, dass du all die Nebenwirkungen meines Autorinnendaseins aushältst, unter anderem die seltsamen Fragen, mit denen ich dir den Bauch löchere, oder die Experimente, die du mit mir durchführen musst, damit ich mich besser in eine Szene hineinversetzen kann.

Meinen Testlesern: Ich danke euch für die Zeit, die ihr investiert habt, um euch mit meinem Manuskript auseinanderzusetzen. Dank euch sind meine Figuren und die Geschichte gewachsen, und zwar in die Tiefe.

Anna und Yves: Danke, dass ihr mich bei Totechöpfli so herzlich aufgenommen habt und so viel Begeisterung in das Projekt steckt. Meine Geschichte hätte kein besseres Zuhause finden können.

Sarah Di Fabio: Dein Lektorat war ein echter Schatz. Du hast mit so viel Enthusiasmus und Engagement an meinem Manuskript gearbeitet und meine Sätze poliert. Deine Kommentare haben mich zum Nachdenken und zum Lachen gebracht und mir geholfen, nochmals richtig an meinem Text zu feilen. Dabei habe ich so einiges gelernt.

Und zum Schluss danke ich all den Menschen, die Pflanzen lieben, sie erforschen und ihr Wissen darüber weitergeben.

Barbara Tapasco, Frühjahr 2022

Kapitel 1

Noch nie hatte jemand die Seuche überlebt, die das Königreich bereits seit dreissig Jahren im Griff hielt. Nicht einmal König Jeris’ Sohn, um den sich bis zu seinem Ende die besten Nemeton-Heiler gekümmert hatten. Für die Erkrankten gab es keine Hoffnung.

Wanere wusste das, als ihre Mutter ohnmächtig neben der Feuerstelle niedersank. Doch die grausame Unvermeidlichkeit drang nicht zu ihr durch.

«Bleib, wo du bist!», befahl sie Malachias, ihrem Vater, der einen Augenblick später vom Stuhl am Esstisch aufgesprungen war, um seiner Frau zu Hilfe zu eilen. Der berechnende, kühle Teil in ihr hatte die Führung übernommen.

«Wacholderzweige! Geh und besorge Wacholderzweige.» Ihr Vater rührte sich nicht. Er starrte sie entgeistert an, als wüsste er nicht, wovon sie sprach. «In der Akademie», drängte sie. «Die Nemeton-Läden sind schon geschlossen.» Bestimmt würde man in der Akademie für die Zweige noch mehr verlangen als in den Läden, doch das war jetzt unwichtig.

Ihr Vater schaute sie an, als würde er erst jetzt begreifen, wie es um seine Frau, Darinka, stand. Wanere sah, wie das Blut aus seinem Gesicht wich und sich seine Hand fester an die Stuhllehne klammerte.

«Nun geh schon!», herrschte sie ihn an. Sie wollte nicht in diesem Ton mit ihrem Vater sprechen, doch er musste von hier verschwinden, und es wirkte. Nicht einmal den Mantel nahm er vom Haken, als er zur Tür hinaus in die Dunkelheit stürzte.

Wanere griff nach dem Becher mit Wasser auf dem Tisch und kniete sich neben ihre Mutter. Vorsichtig hob sie deren Kopf an, bettete ihn in ihren Schoss und hielt ihr den Becher an die Lippen. Das Wasser rann über ihr Kinn, doch dann kam sie zu sich und schluckte mühsam. Ihr Blick war verschwommen.

Sie liess sich von Wanere aufhelfen und in das kleine Schlafzimmer hinter der Feuerstelle führen. «Es tut mir so leid», krächzte sie.

«Sag nichts. Schone deine Kräfte», mahnte Wanere sanft. Doch die Kräfte zu schonen würde nichts bringen. Es gab nichts und niemanden, der ihrer Mutter noch zu helfen vermochte, und doch gaukelte Waneres Kopf ihr vor, dass die Dinge, die sie tat, von Bedeutung waren, dass sie die Situation unter Kontrolle hatte.

Sie half ihrer Mutter ins Bett zu steigen, zog ihr Wollsocken an, bedeckte sie mit beiden Decken und öffnete das Fenster, damit die frühherbstliche Luft ihre Lungen füllen konnte. Danach holte sie mehr Wasser und setzte sich neben dem Bett auf den Buchenholzschemel.

Die Seuche begann ganz harmlos mit Kopfschmerzen und einem leichten, jedoch steten Müdigkeitsgefühl, das sich allmählich in Erschöpfung verwandelte. Wer die grausame Wahrheit bis dahin verdrängt hatte, sah sich spätestens mit dem ersten Ohnmachtsanfall damit konfrontiert. Danach waren die meisten ans Bett gefesselt. Sie hatten nicht mehr die Kraft aufzustehen. Nicht einmal, um sich Wasser zu holen, welches ihren Durst nicht zu stillen vermochte. Die Haut trocknete aus. Die Nägel wurden brüchig. Das Herz raste. Die gierig eingesogene Luft, die nie ergiebig genug zu sein schien, rieb nach und nach die Kehle wund. Und wenn dann schliesslich die Haare büschelweise ausfielen, wusste man, dass der Tod vor der Türe stand.

Als Waneres Vater zurückkam, räucherte sie mit den Zweigen das ganze Haus, bevor sie ihn eintreten liess. Der Wacholder konnte die Seuche nicht besiegen, doch er konnte ihren Vater ein wenig schützen, sofern es nicht schon zu spät war. Sie selbst brauchte keinen Schutz. Mit achtzehn Jahren war man erfahrungsgemäss noch zu jung für die Seuche.

Wanere verbot ihm, das elterliche Schlafzimmer zu betreten, und wies ihn an, stattdessen in ihrem Bett zu schlafen. Mit leerem Blick trottete er nach oben. Er hatte die ganze Zeit kein Wort gesagt.

Sie selbst legte sich neben ihre Mutter. Ihr Herz raste, während sie deren Atemzügen lauschte. Es dauerte lange, bis sie in einen unruhigen Schlummer glitt.

Am nächsten Morgen wurde sie von einem Gestank geweckt. Es war der Geruch der Seuche. Wanere hatte ihn in den Strassen Korasis schon etliche Male unter dem würzigen Duft des Wacholderrauches wahrgenommen. Stets hatte sie die Luft angehalten und war schnell weitergelaufen. Jetzt drang der Gestank mit voller Wucht in ihre Nase, als wollte er sie ersticken. Und als wäre dieser erbarmungslose Geruch der Schlüssel zur Tür zwischen ihrem Verstand und ihren Emotionen, begann Wanere zu zittern. Sie wollte nicht länger das blasse Gesicht ihrer Mutter sehen, oder den Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters, der schon am Abend zuvor das Unvermeidliche akzeptiert hatte: In ein paar Tagen würde Darinka Rubra tot sein.

Sie musste weg hier und es gab nur einen Ort, der ihr jetzt Zuflucht bieten konnte: der Hügelwald.

Wanere rannte aus dem Haus, durch Schwarzdorf, über die Seilerbrücke, ein Stück weit dem Uferweg neben dem Grosssee entlang, bis sie abbog und abseits des Weges den Hügel hinauf stolperte. Der Morgen dämmerte gerade erst, die Bäume zeichneten sich noch als schwarze Schemen vor dunklem Hintergrund ab.

Keuchend und schluchzend erreichte Wanere die Kuppe. Unter einer Fichte brach sie zusammen und weinte wie noch nie in ihrem Leben.

Jeden Tag starben Menschen an der Seuche. Es war normal. Es gehörte dazu. Nur wenige Menschen in Korasi wurden alt und ihre Mutter war schon fast vierzig. Wanere hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, dass die Zeit mit ihren Eltern ihr wie Wasser durch die Finger rann, doch sie hatte es verdrängt. Sie war noch nicht bereit dafür. Doch darum kümmerten sich die vernachlässigten Gedanken nicht und stürmten rücksichtslos auf sie ein.

Ihre Mutter würde sterben und ihr Vater bald auch. Danach würde sie alleine sein.

Alleine.

Wanere grub ihre Finger in den weichen, von Nadeln bedeckten Waldboden, presste sich zwischen die Wurzeln und weinte sich die Verzweiflung aus dem Herzen, bis nur noch Trauer zurückblieb.

Als sie wieder regelmässiger atmen konnte, setzte sie sich auf. Die Fichte beruhigte sie mit ihrem Duft. Wanere drückte ihre Wange trostsuchend an den Stamm. Die letzten Tränen flossen nun zwischen die Schuppen der rötlichen Borke. Sie teilte ihren Kummer mit der Fichte. So wie ihre Freundin Karya es sie gelehrt hatte, klärte sie ihren Geist und tastete damit nach der Fichte. Vom harzigen Duft umhüllt liess sie deren Kraft Zug um Zug in sich strömen.

Ihr Vater war vier Jahre jünger als ihre Mutter. Er war noch nicht verloren. Ihn konnte sie vielleicht noch einige Jahre bewahren. Sie musste ihn nur von ihrer Mutter fernhalten.

Dankend löste sie ihren Geist von der Fichte. Sie schob sich eine Strähne ihres dicken, braunen Haares hinter die Ohren und wischte sich die Tränen von den Wangen. Die Hände an ihrem knöchellangen, braunen Leinenrock abwischend erhob sie sich und trottete Richtung Süden.

Da trug ihr der Wind einen anderen Geruch in die Nase: der Geruch der letzten Eschen. Das war der Grund, warum Wanere den Hügelwald mehr als alle anderen Wälder liebte. Wegen seiner Seltenheit war dieser eine Geruch in der Duftsuppe des Hügelwaldes selbst in dieser Entfernung leicht auszumachen.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte eine Krankheit die Eschen im ganzen Königreich beinahe gänzlich dahingerafft. Nur die fünf Eschen am Rande des königlichen Anwesens hatte König Jeris bewahren können. Und nun hütete er diese wie seinen Augapfel. Tag und Nacht wurden sie bewacht und jeden Mittag verband sich der König mit den Eschen, um ihren Zustand zu prüfen und sie persönlich vor der Fäulnis zu schützen.

Wanere war mit dem Geruch der Eschen schon lange vertraut, doch heute erzählte er ihr eine völlig neue Geschichte.

Sie blieb stehen, wandte sich nach Nordosten, atmete tief ein und versuchte zu verstehen, warum ihr der Geruch anders vorkam, obwohl er sich nicht verändert hatte.

Sie ging dem Geruch einige Schritte entgegen. Atmete immer wieder tief ein und endlich verstand sie: Dieser Geruch war das Gegenstück zum Gestank der Seuche.

Beinahe ohne ihr Zutun trugen ihre Beine sie vorwärts. Sie wagte sich so weit vor wie noch nie zuvor.

Zwei der fünf letzten Eschen wuchsen am westlichen Ufer des Baches, der die Grenze zwischen dem Wald und dem Park hinter dem Seepalast bildete. Eine Wächterin und zwei Wächter sassen unter einer der Eschen. Ihre Gesichter hatten sie glücklicherweise dem plätschernden Wasser zugewandt. Es war keinem Bürger erlaubt, sich in diesem Teil des Hügelwaldes aufzuhalten. Wanere huschte von Baumstamm zu Baumstamm und blieb dann unter einer mannsdicken Buche stehen. Noch näher traute sie sich nicht, aber vielleicht war es nahe genug, um sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit einer der Eschen verbinden zu können. Nur schon der Gedanke daran liess ihr Herz aufgeregt flattern. So brauchte sie einen Moment, bis sie sich auf ihre Atmung fokussieren konnte, um vom Duft getragen mit ihrem Geist nach der nächsten Esche zu tasten. Beinahe hätte sie laut nach Luft geschnappt. Es war ihr gelungen. Die Euphorie darüber mischte sich schon bald mit staunender Fassungslosigkeit.

Eschen wuchsen schnell und hoch hinaus. Ihr Holz war zäh und ihr Laub nährreich. Sie galten als Bäume der Jugend und der Kraft. Das war allgemein bekannt, doch diese Kraft nun selbst zu spüren, war etwas ganz anderes. Sie durchdrang Waneres Geist und ihren Körper bis in die Fingerspitzen. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte noch nie eine vergleichbare Vitalität gespürt.

Und da wusste sie es: Die Esche konnte die Seuche besiegen, die vor nichts Halt machte ausser vor der Jugend, denn an jugendlicher Kraft fehlte es der Esche nicht. Am intensivsten war sie unter der Borke zu spüren, und dann in den Samen.

Wanere zog ihren Geist so abrupt zurück, dass ihr schwindlig wurde. Sie hielt sich an der glatten, grauen Borke fest und atmete ein paar Mal tief durch.

Es gab ein Heilmittel und sie hatte es soeben gefunden.

Sie musste das sofort dem König erzählen und war schon drauf und dran, sich den Wachen zu erkennen zu geben. Sie sah sich vor den König treten und ihm das lang ersehnte Heilmittel präsentieren. Er würde sie mit seiner Dankbarkeit überhäufen. Doch dieses Bild platzte wie eine Luftblase auf dem Wasser. Die Wärme in ihr verflüchtigte sich. Sie konnte unmöglich einfach so zu den Wächtern spazieren und diese darum bitten, sie zum König vorzulassen. Man würde sie wegen des Betretens des östlichen Teils des Hügelwaldes in den Kerker werfen. Wenn sie ihnen erklären würde, dass sie ein Heilmittel gegen die Seuche gefunden hatte, würde man sie für verrückt halten und wahrscheinlich noch länger wegsperren. Sie war bloss eine einfache Spitzenklöpplerin, keine Nemeton. Die Leute hatten es noch nie gut aufgenommen, wenn sie von Dingen erzählt hatte, die nur eine erfahrene Nemeton-Meisterin wissen konnte. Als Kind hatte sie dafür ein mitleidiges Lächeln geerntet; das Mädchen, das Lügengeschichten erfand, weil sein verzweifelter Wunsch, an der Akademie das hoch angesehene Handwerk zu lernen, niemals in Erfüllung gehen würde. Später waren die Blicke zornig geworden. Anmassend, unverschämt, verlogen. So hatte man sie genannt. Und Wanere hatte gelernt, ihr Gespür für die Bäume für sich zu behalten, ebenso wie ihren aussergewöhnlichen Geruchssinn.

Wahrscheinlich würde ihr nicht einmal der König glauben, wenn sie denn auf herkömmliche Art eine Audienz bei ihm bekam, was Wochen dauern konnte. Dann würde es für ihre Mutter zu spät sein.

König Jeris. Er war der höchste Nemeton. Er war der Auserwählte, gesegnet von der Weisheit der Bäume. Niemand hatte eine tiefere Verbindung zu der Welt der Pflanzen als er. Schon gar nicht sie, die trotz aller Bemühungen wahrscheinlich sogar den Sprösslingen – den Lernenden des ersten Zyklus’ der Nemeton-Ausbildung – nachstand.

Wanere klammerte sich an die Buche. Sie zitterte, überwältigt von den neuen Erfahrungen und Entdeckungen, verstört von all den Gedanken, die auf sie einstürzten. Und den Zweifeln. Nervös strich sie sich mit der Zunge immer wieder über ihren schrägstehenden Schneidezahn.

Der König verband sich jeden Tag mit den Eschen. Es dürfte nicht möglich sein, dass sie das Heilmittel in ihnen gefunden hatte und er nicht.

War es, weil er in einer Welt voller Eschen aufgewachsen war, während sie selbst heute ebenjene zum ersten Mal gespürt hatte? War er deswegen blind für das Wesentliche?

War es vielleicht, weil er jedes Mal, wenn er sich mit den Eschen verband, sich nur auf deren Schutz konzentrierte und die jugendliche Kraft gar nicht mehr wahrnahm?

Hatte er sich vielleicht schon damit abgefunden, dass es kein Heilmittel gab, und sah deswegen nicht, was vor seiner Nase lag?

Die Menschen im Königreich Korasi lebten schon so lange im Schatten der Seuche. Sie hatten sich daran gewöhnt. Sie hatten akzeptiert, dass es keine Heilung gab. Aber Jeris war der König. Er durfte doch nicht aufgeben.

All diese Gedanken fühlten sich grundfalsch an, also verdrängte sie sie vorerst. Es gab jetzt wichtigere Dinge, über die sie nachdenken musste.

Angst kroch ihr durch die Adern und das nagende Gefühl, dass das Vorhaben zu gross für sie war. Sie ignorierte beides.

Den König zu bestehlen stand unter Todesstrafe, doch genau das würde sie tun. Darin bestand ihre letzte Hoffnung.

Kapitel 2

Drei Nächte lang hatte sie unter der Buche ausgeharrt und auf eine Gelegenheit gewartet, sich den Eschen zu nähern. Nun hatte sie keine Zeit mehr. Es war ihr, als höre sie selbst hier noch die rasselnden Atemzüge ihrer Mutter. So als wolle sie das ganze Zimmer leeratmen. Und dann, bevor Wanere sich aufgemacht hatte zu ihrer nächsten Nacht im Hügelwald, hatte sie die braunen Haarbüschel auf dem Kissen ihrer Mutter entdeckt.

Bei der Erinnerung daran biss Wanere die Zähne zusammen. Sie musste heute mit den Eschensamen zurückkommen. Noch eine Nacht und für ihre Mutter würde jede Hilfe zu spät kommen.

Wanere erhob sich. Der Regen war ihr Verbündeter. Er würde die Geräusche schlucken und sie vor der Aufmerksamkeit der Wächter bewahren.

Mit der Handfläche strich sie ein letztes Mal über die glatte Borke. Ihr Herz begehrte ängstlich auf, als sie die vertraute Gesellschaft der Buche verliess.

Zwei Wächter sassen mit dem Rücken zu ihr unter einer der Eschen und unterhielten sich. Der Regen und das Rauschen des Baches übertönten ihre Worte. Beide hatten sich die Kapuzen ihrer Lederuniformen tief ins Gesicht gezogen.

Mit bedächtigen Schritten schlich Wanere weiter. Ihr Ziel war der Ahorn, welcher neben der anderen Esche wuchs. Ein dumpfes Licht am Horizont hinter dem Palast verriet ihr, dass nicht mehr viel Zeit blieb, wenn sie auf den Schutz der Dunkelheit zählen wollte.

Waneres Herz klopfte schneller, je näher sie dem Ahorn und somit auch der Lichtquelle der Wächter kam. Sie war so sehr auf die beiden Männer fixiert, dass sie nicht darauf achtete, wo sie hintrat, und auf dem nassen, abfallenden Boden ins Schlittern kam. Im letzten Moment erlangte sie das Gleichgewicht zurück. Während das bodenlose Gefühl des Schreckens verebbte, starrte sie zu den Wächtern hinüber. Einer der beiden hatte den Kopf gehoben und schaute in die Dunkelheit. Seine Augen waren an das Licht der Fackel gewöhnt. Er konnte sie unmöglich sehen, beruhigte Wanere sich selbst.

Sie stand ihnen nun nahe genug, um die Worte desjenigen, der unbekümmert weiterredete, als unverständliches Gemurmel zu vernehmen. Und doch verwunderte es sie, dass der jüngere der beiden ihren Ausrutscher offenbar trotz des Rauschens des Baches gehört hatte. Denn wenn er so gute Ohren hatte, dann müsste er doch auch ihr über die Massen laut pochendes Herz hören, welches kurz aussetzte, als er sich erhob und nach der Fackel griff. Den Moment, in dem er ihr den Rücken zuwandte, nutzte Wanere, um sich hinter der jungen Buche zu ihrer Linken zu verstecken. Der Regen kam ihr hierbei mehr als nur gelegen. Er hatte das Laub durchweicht, so dass es unter ihren Füssen nicht raschelte.

Der junge Mann kam einige Schritte in ihre Richtung und leuchtete die Dunkelheit aus. Der Moment zog sich in die Länge und Wanere zwang sich, leise zu atmen. Als der Wächter die Fackel ein klein wenig nach rechts schweifte, rutschte ihr das Herz in die Magengegend. Dort, wo ihr Fuss abgerutscht war, hob sich die glatte, nackte Erde auffällig vom restlichen laubbedeckten Waldboden ab. Der Wächter bräuchte nur den Blick ein wenig zu senken und schon bekäme sein Misstrauen neues Futter. Wanere überlegte fieberhaft, was sie in diesem Fall tun sollte. Sie konnte hier nicht ohne die Eschenfrüchte weg, aber sie durfte sich auch nicht erwischen lassen.

«Nahren! Lass uns schon mal zur Hütte zurückkehren», rief da der ältere Wächter. «Ich will raus aus diesem verdammten Regen.»

«Gut», antwortete Nahren nach zwei Herzschlägen in die Dunkelheit hinaus. Damit drehte er sich weg und entfernte sich zusammen mit seinem Kollegen am Bachufer entlang Richtung Süden.

Wanere schaute ihnen angespannt nach. Mit der Zunge fuhr sie über ihren schrägstehenden Schneidezahn, liess es aber sofort wieder bleiben. Ihre Zungenspitze war bereits wund, so oft hatte sie während der letzten Tage auf diese Art die Anspannung mildern wollen. Als die Fackel nur noch ein schwacher Schein in der Ferne war, setzte sie sich in Bewegung. Jetzt musste sie schnell sein. Wer wusste schon, wie lange es dauerte, bis die Ablöse kam? Wanere hoffte, dass sie sich wegen des Regens Zeit liessen.

Drei Nächte lang hatte sie dieses Waldstück mit ihrem Geist erkundet. Drei Nächte lang hatte sie jeden Schritt immer wieder vor ihrem inneren Auge abspielen lassen, so dass sie jetzt nur noch handeln musste. Den schwarzen, knielangen Filzmantel deponierte sie in der Nähe unter einer Tanne. Er würde sie nur beim Klettern behindern. Dann nahm sie das Seil, welches sie schräg über ihre Brust trug, griff nach dem Ende mit dem Sandsack und warf diesen über einen Seitenast des Ahornbaumes. Da sie den Ast in der Dunkelheit mehr erahnte als sah, gelang es ihr erst beim vierten nervenaufreibenden Anlauf.

Behände kletterte sie auf den Ahorn, und zwar bis zu der Stelle, wo seine Äste und die der Esche um einen Platz an der Sonne rangen. Von hier aus wollte sie nach dem Büschel der Eschensamen greifen, doch von unten war ihr der Abstand zwischen Ahorn und Esche viel geringer erschienen. Wanere rutschte ein wenig nach vorne. Als Antwort darauf senkte sich der Ast bedrohlich. Jetzt richtete sie ihren Geist auf den Baum. «Bitte halte durch!», flehte sie und spürte gleichzeitig, dass der Ast nicht brechen würde. Noch ein kleines Bisschen rutschte sie nach vorne. Dann streckte sie sich, bis ihre Muskeln brannten. Doch die Spitze ihres Mittelfingers streifte die Eschensamen lediglich, also zog sie das Messer aus dem Gürtel und versuchte damit, das Samenbüschel vom Zweig zu kappen. Eigentlich waren diese Samen dazu bestimmt, den ganzen Herbst und Winter am Zweig zu bleiben. Daher brauchte Wanere mehrere Hiebe, bis sie endlich fielen. Drei Büschel erreichte sie mit dem Messer. Danach rutschte sie vorsichtig zurück zum Baumstamm und kletterte hastig hinunter.

Sie holte das Seil ein, rollte es mehr schlecht als recht auf und legte es sich wieder um die Brust. Ein rascher Blick den Bach entlang zeigte ihr, dass noch keine Wächter im Anmarsch waren.

In der anbrechenden Dämmerung fand sie die gefallenen Eschensamen nicht sofort. Als sie diese endlich in der Faust hielt, durchströmte sie ein Gefühl wie warme Honigmilch. Sie hatte das, wozu sie gekommen war, und doch unterdrückte sie den Fluchtinstinkt weiterhin. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie einer Esche so nahe und es würde wohl auch das letzte Mal sein. Sie lehnte ihre Stirn hingebungsvoll an den Stamm, streichelte die raue Borke, atmete den Duft tief ein und verband ihren Geist mit der Esche, um sie mit Dankbarkeit zu fluten. Regungslos blieb sie so einen Moment lang an den schlanken Baum gelehnt stehen.

Dann eilte sie zurück zur Tanne, unter der ihr Mantel lag. Sie streifte ihn im Laufen über die feuchte Tunika. Wie üblich lief sie nach Südwesten Richtung Hügelkuppe. Es war zwar ein Umweg, doch die Gefahr gesehen zu werden war geringer. Mit jedem Schritt verstärkte sich ihre Euphorie und sie lief schneller, doch auf dem nassen Boden rutschten ihre Füsse immer wieder ab. Der Abstieg auf der anderen Seite wurde noch schlimmer. Sie schlitterte mehr als dass sie rannte, dem westlichen Ende des Grosssees entgegen. Erst zum Ufer hin wurde das Gelände flacher und Wanere kam schneller voran.

Sie flog beinahe über die Steine und Äste, die ihr den Weg versperrten. Das Wasser war ihr in die Stiefel gedrungen und dicke Regentropfen peitschten ihr ins Gesicht. Doch das trübte dieses Gefühl des Triumphs nicht im Geringsten, welches ihre Wangen zum Glühen brachte.

Das Unterholz wurde in Ufernähe dichter. Sie drängte sich zwischen zwei Haselsträuchern hindurch auf den Pfad, der sie aus dem Wald hinaus und bis zur Seilerbrücke führen würde.

Ein Schlag gegen die Brust brachte sie jäh zum Stehen und raubte ihr den Atem. Fast hätte sie die Eschensamen fallen gelassen und das Gleichgewicht verloren. Vor Letzterem bewahrte sie die Hand, die sich schraubstockartig um ihren rechten Oberarm legte.

«Was hast du hier zu suchen?», hörte Wanere, noch bevor sie begriff, dass sie gerade in jemanden reingelaufen war. Sie erkannte den jungen Wächter an der Stimme. Das warme Gefühl in ihrer Brust erstarrte augenblicklich. Warum war er hier auf dem Uferpfad unterwegs und nicht auf der grossen Strasse, die vom Palast weg durch die Unterstadt verlief? War das etwa sein üblicher Nachhauseweg? Kalte Panik breitete sich in ihren Adern aus. Sie musste nach Hause, um jeden Preis. Sie musste ihm entkommen.

«Was hast du hier zu suchen?», fragte der Wächter noch einmal barsch.

«Aua, du tust mir weh», gab sie vor und versuchte gleichzeitig, sich aus seinem Griff zu befreien. Wenn er sie nur losliess, dann hatte sie vielleicht eine Chance. Stattdessen drückte er nur noch fester zu, so dass es nun tatsächlich unangenehm wurde.

«Du wirst nicht davonkommen», sagte er schlicht. «Ich bin schneller als du und ich kenne mich hier aus.»

«Verstanden», sagte Wanere und im gleichen Moment verstand sie wirklich. Er hatte recht. Flucht war keine Option. Sie war sich zwar sicher, dass sie den Hügelwald besser kannte als er. Doch schneller war er auf jeden Fall. Die Verzweiflung kroch ihr in den Hals und schnürte ihn zu.

Der Wächter, Nahren war er genannt worden, liess sie los und fragte erneut: «Wer bist du und was hast du hier zu suchen?»

Wanere schaute ihm in die wachen, schwarzen Augen, die unter der Kapuze hervorblitzten. Sie schätzte, dass er nur wenige Jahre älter war als sie selbst. «Ich war spazieren.» Ihre Stimme war schwach und leise. Sie hätte sich nicht einmal selbst geglaubt, wenn die Erklärung ein wenig plausibler gewesen wäre. Doch es gab keine glaubhafte Erklärung, warum eine junge Frau mitten in der Nacht im Hügelwald herumstreunte, und das bei diesem Wetter.

«Für einen Spaziergang warst du aber ziemlich schnell unterwegs», kommentierte er. Trotz des kurzen Bartes erkannte Wanere, wie angespannt seine Kiefermuskeln waren. Sie hielt seinem Blick stand und versuchte, ihn zu riechen. Ihr ausgeprägter Geruchssinn konnte eine Last sein. Meistens jedoch war sie froh darüber, aus dem Geruch anderer Menschen lesen zu können. Aber Wind und Wetter liessen sie nur den feuchten Waldboden und den Regen riechen, nichts von dem Wächter.

Als sie nicht antwortete, begann Nahren sie zu mustern. Sein Blick blieb an ihrer krampfhaft verschlossenen Faust hängen. «Was hast du da?»

Wanere antwortete nicht. Sie starrte ihm auch nicht mehr ins Gesicht, sondern auf seine lederne Langweste. Sie war wie bei allen Waldwächtern walnussbraun.

Er griff nach ihrer Faust, doch sie zuckte zurück. «Nein», entwich es ihr. Die Angst in ihrer Stimme war deutlich zu hören. Nahren zog die Brauen zusammen. Sie wusste, dass es keinen Zweck mehr hatte. Ihr Verhalten hätte sogar einen blinden Tölpel misstrauisch gemacht. Doch ihre Hand versuchte sich wie von selbst hinter ihrem Rücken zu verstecken.

Nahren packte ihr Handgelenk so schnell wie eine Schlange. Er zog ihre Faust zu sich und forderte: «Mach auf!»

Als sie sich nicht rührte, schnalzte er mit der Zunge. «Ich steh schon die ganze Nacht in diesem verdammten Regen und will endlich nach Hause. Meine Geduld hält sich also in Grenzen.»

Es kostete Wanere Überwindung, die Muskeln in ihrer Hand zu entspannen und diese zu öffnen.

Nahrens Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Er sagte kein Wort. Sie biss die Zähne zusammen und wusste nicht, was sie tun sollte. Wie versteinert wartete sie bloss noch auf ihr Todesurteil, das gleich auch das ihrer Mutter sein würde. Der Gedanke an ihren Vater, der danach diesen doppelten Schicksalsschlag verkraften musste, liess ihr Herz bluten.

Doch Nahren schüttelte nur den Kopf. «Warum hast du das getan?» Er schaute auf. Bedauern lag sowohl in seiner Stimme als auch in seinen Augen und mit seinem Atem, der von einer Böe endlich in Waneres Richtung geweht wurde, kam die Information, auf die sie die ganze Zeit gewartet hatte.

Durch die Nase atmete sie seinen Geruch tief ein. Es gab noch Hoffnung. Mitgefühl und Pflichtbewusstsein prägten sein Wesen. Wanere beabsichtigte, sich Ersteres zunutze zu machen.

Dank der Angst, die bereits in ihr steckte, fiel es ihr nicht schwer zu weinen.

«Sie sind für meine Mutter! Sie hat die Seuche. Und ... und sie hat diesen Aberglauben, dass die Samen helfen können. Ich hatte nichts Böses im Sinn. Das musst du mir glauben», sprudelte es aus ihr heraus. Voller Hoffnung, die nicht gespielt war, schaute sie Nahren in die grossen, schwarzen Augen. Ihr Handgelenk hielt er zwar immer noch fest, doch die Berührung wurde sanfter.

«Ich wollte doch bloss ... Vielleicht beruhigt es sie ein wenig. Sie hat bereits Haarausfall und ihr Herz ...» Waneres Stimme brach. Der Schmerz, der in dieser Erinnerung steckte, übermannte sie. Gleichzeitig erfasste sie eine immense Unruhe. Sie musste zurück nach Hause. Sie musste die Samen zu ihrer Mutter bringen, bevor es zu spät war.

«Ihr Herz rast», beendete Nahren ihren Satz mit weicher Stimme.

Wanere näherte sich ihm und holte tief Luft. Sie roch sein tiefes Mitleid. Er musste bereits geliebte Menschen an die Seuche verloren haben. Mit flehendem Blick schaute sie zu ihm hoch. «Sie glaubt daran. Bitte, lass mich laufen! Die paar Samen, das schadet doch niemandem. Der König wird es bestimmt nicht übelnehmen, wenn man damit einer kranken Frau Erleichterung verschafft.»

Das vehement unterdrückte Schuldgefühl in ihr flammte jäh auf. Sie wünschte von ganzem Herzen, der letzte Satz möge stimmen. Sie wollte den König nicht bestehlen.

Nahren liess ihr Handgelenk los.

Dann sagte er, und es klang so, als koste es ihn grosse Überwindung: «Nun geh schon!»

Das liess sie sich nicht zweimal sagen. Obwohl die Erleichterung ihre Beine in Espenlaub verwandelte, rannte sie los. Sie zitterte am ganzen Körper und es lag nicht an der Kälte.

Kapitel 3

Der Geruch des Wacholderrauches empfing Wanere schon von weitem. In dem kleinen, zweistöckigen Haus drinnen vermochte er den Gestank der Seuche nicht mehr zu überdecken.

Mit der Hand auf der Klinke blieb Wanere auf der Türschwelle zum Schlafzimmer ihrer Eltern stehen.

«Was tust du hier?», fragte sie schrill. Sie atmete flach durch den Mund, trotzdem wurde ihr elend.

«Sie hatte Durst und du warst nicht da», antwortete ihr Vater tonlos. Er sass mit rundem Rücken auf dem Schemel neben dem Ehebett. Die Öllampe auf dem Beistelltisch warf scharfe Schatten auf das eingefallene Gesicht ihrer Mutter.

Ihr Vater starrte auf die blasse Hand seiner Frau und streichelte diese mit regelmässigen Bewegungen. Der keuchende Atem ihrer Mutter erfüllte das Zimmer im Takt dazu, so als wäre sie durch halb Schwarzdorf gerannt und nicht Wanere.

«Ich konnte ihr Klagen nicht ignorieren», erklärte er leise.

Ihr Vater hatte sich die letzten Tage von seiner Frau ferngehalten, doch nun war er hier und berührte sie sogar. Selbst der reinigende Wacholderrauch konnte ihn so nicht vor einer Ansteckung bewahren. Seine eigene Gesundheit war ihm offensichtlich egal.

Waneres Hand krampfte sich um die Türklinke. «Sie wird nicht sterben!»

Ihr Vater erwiderte nichts. Er glaubte ihr nicht. Wieso sollte er auch? Sie hatte ihm nichts von ihrer Entdeckung erzählt. Abwesend strich er weiter über die knochige Hand.

«Sie wird nicht sterben!», wiederholte Wanere mit Nachdruck.

Sie machte zwei energische Schritte ins Zimmer hinein, streckte ihrem Vater die Faust entgegen und öffnete diese.

«Ich werde sie heilen.»

Ihr Vater starrte auf die geflügelten Nüsschen in ihrer Hand. Danach schaute er seine Tochter an. Sie hatte ihr widerspenstiges Haar in einem dicken Zopf gebändigt, trotzdem klebten einige Strähnen an ihrem regenfeuchten Gesicht und vom Saum ihres schwarzen Filzmantels tropfte das Wasser auf den Boden. Der Schemel fiel klappernd nach hinten, so abrupt erhob sich ihr Vater. «Wo warst du?», fragte er laut, obwohl er die Antwort bereits kannte.

«Sie werden Mutter heilen. Ich habe es gerochen. Sie wird wieder gesund», erklärte Wanere mit einem Flehen um Vergebung in ihrer Stimme.

«Du wärst zum Tode verurteilt worden, wenn sie dich erwischt hätten», donnerte ihr Vater.

«Sie haben mich aber nicht erwischt», log Wanere. Von dem Zwischenfall mit dem Wächter brauchte ihr Vater nichts zu wissen. Er hätte sich nur noch mehr Sorgen gemacht. «Ich musste es tun.»

Malachias sah so aus, als wolle er dem etwas entgegensetzen und sie dafür schelten, dass sie sich absichtlich in Gefahr gebracht hatte. Doch die Hoffnung liess ihn schweigen. Sein Gesicht entspannte sich. Er stellte den Schemel wieder auf die Beine und setzte sich ohne einen weiteren Kommentar.

Wanere hielt sich die Hand mit den Eschensamen vors Gesicht und atmete tief ein. Der Geruch der Nüsschen vermischte sich mit dem Alte-Menschen-Geruch ihrer Mutter und neutralisierte ihn. Doch Darinka war nicht alt. Es war die Seuche, die ihr die Lebenskraft von mehreren Jahrzehnten raubte und sie wie eine doppelt so alte Frau erscheinen liess. Am Ende starben die Erkrankten alle als Greise. Die Esche würde dem Einhalt gebieten.

«Rede mit ihr über früher», sagte Wanere leise. «Erinnere sie daran, wie es war, jung zu sein.»

Malachias fragte Wanere nicht weswegen. In dieser Beziehung hatte er schon immer dem Instinkt seiner Tochter vertraut. Sie hoffte, dass die Erinnerungen an ihre Jugend ihre Mutter für das ganze Potential der Eschensamen öffnen würde.

Im Raum nebenan entzündete sie ein Feuer im Herd, stellte einen Topf mit Wasser darauf und ging dann in ihr eigenes Zimmer nach oben. Die nasse Hose und die feuchte Tunika hängte sie über die Stuhllehne vor dem Klöppeltisch. Danach zog sie eine Bluse über den Kopf und schlüpfte in ihren braunen Leinenrock. Das dicke, widerspenstige Haar bändigte sie in einem neuen Zopf.

Während sie wartete, bis das Wasser kochte, betrachtete Wanere die grünbraunen Flügelnüsschen in ihrer Hand. Ihre Augen brannten. Die Nüsschen waren perfekt. Lang und schmal, die Nuss selbst nicht viel dicker als der Flügel. Der leichten Drehung wegen trudelten Eschensamen spiralförmig vom Baum.

Sie pflückte die drei Büschel auseinander und liess eine Flügelnuss nach der anderen ins sprudelnde Wasser fallen. Es waren dreiundsechzig schlummernde Eschenkeimlinge. Im Topf herumhüpfend verströmten sie ihren herben, erdigen Duft.

Dreiundsechzig Samen für ein Menschenleben.

Dreiundsechzig Chancen.

Ein beklemmendes Gefühl machte sich in Waneres Brust breit. Von allen Bäumen, die es gab, war es ausgerechnet die Esche, welche die Heilung der Seuche versprach. Die Esche, von denen es nur noch fünf Exemplare gab. Nur vier von ihnen trugen Früchte. Welch eine Ironie. Was für eine bittere Hoffnung.

Wanere wusste nicht, was sie davon halten sollte. Die Esche war der Baum der Jugend und die Seuche machte nur vor eben dieser halt. Der Zusammenhang erschien ihr nun, da sie das Heilmittel kannte, so offensichtlich. Und doch ...

Wanere verdrängte die unangenehmen Fragen, wie schon in den vergangenen Nächten. Jetzt war nicht die Zeit für trübe Gedanken und Misstrauen. Ausserdem hatten König Jeris und die Nemeton bereits Wege gefunden, wie man sich die Seuche eine Zeit lang vom Leib halten konnte. Und vielleicht irrte sie sich ja. Vielleicht konnten die Eschensamen die Seuche gar nicht heilen, obwohl ihr Geruch denjenigen der Seuche neutralisierte.

Der Verdacht verflüchtigte sich so schnell wieder, wie er gekommen war. Sie musste bloss den Dampf einatmen und schon blieb für Zweifel kein Platz mehr. Die Flügelnüsschen überantworteten ihre Essenz, ihr ganzes Potential, einmal ein grosser Baum zu werden, dem Wasser, das sich mittlerweile hellgrün verfärbt hatte. Wanere goss den Absud mitsamt den aufgeweichten Samen in einen Krug und trug diesen ins elterliche Schlafzimmer, wo ihr Vater ihrer Mutter von ihrem ersten Tanz am Erwachet-Fest erzählte und wie er ihr einen Knospenzweig eines Pflaumenbaumes geschenkt hatte.

Es brachte sie zum Lächeln. Sie würden hoffentlich auch im nächsten Frühling am Erwachet-Fest miteinander tanzen können.

Kapitel 4

Wanere lauschte den Atemzügen ihrer Mutter. Sie waren regelmässig und tief. Auch ihr Puls hatte sich beruhigt. Man hätte sie für eine gesunde, tief schlafende Frau halten können, wenn die Sonne nicht die kahlen Stellen am Kopf, die blasse Haut und die rissigen Lippen und Nägel offengelegt hätte. Es würde noch dauern, bis diese Zeichnungen der Seuche verblassten, wenn sie denn überhaupt verschwanden.

Wanere fühlte sich trotz der wenigen Stunden Schlaf so leicht und entspannt wie schon lange nicht mehr. Ein beständiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel.

Sie küsste ihre Mutter auf die Stirn, nahm ihren Beutel vom Fussende des Bettes und verliess damit das Haus.

Der Walnussbaum vor dem Haus begrüsste sie wie immer mit dem würzigen Geruch seiner Blätter. Wanere atmete ihn genüsslich ein. Sie liess ihren Blick über die schiefe Krone gleiten und verabschiedete sich dann mit einem sanften Streicheln mit ihren Fingerkuppen von ihm.

Ihr Vater war bereits im Seilerhaus bei der Arbeit. Er war der Meister dreier Arbeiter und eines Lehrlings. Sicherheitshalber hatte sie ihm in der Nacht ebenfalls ein wenig von dem Eschenabsud verabreicht.

Beschwingt schlenderte Wanere durch Schwarzdorf. Der Saum ihres Rockes umspielte ihre Knöchel, die Zipfel ihres blassroten Schultertuches flatterten. Sie überquerte den Mauerfluss auf der Erlenbrücke und gelang so in die Unterstadt, wo die Häuser enger standen. Die Strassen waren nass vom Regen, doch der Himmel versprach einen klaren Tag. Für Wanere wäre der Tag auch ohne die frühherbstliche Sonne schön gewesen. Sie freute sich darauf, ihre Mutter wieder gesund zu sehen, und nahm sich vor, auf dem Rückweg einen Nemeton-Laden aufzusuchen, um ein wenig Sanddornmus zu kaufen. Zusammen mit einigen kräftigenden Mahlzeiten würde Darinkas Gesicht bald wieder so rund sein, wie es sein sollte.

Wanere kam an drei Türen vorbei, an die man einen Fichtenzapfen gehängt hatte, das Zeichen der Trauer. Hinter diesen Türen waren geliebte Familienmitglieder der Seuche anheimgefallen.

Sie wandte den Blick ab von dem Jungen, der auf einer Bank sass. An der Haustüre daneben hingen zwei Zapfen und der Geruch nach verbrannten Wacholderzweigen lag in der Luft.

Ein dumpfes Schuldgefühl zog Wanere das Lächeln von den Mundwinkeln. Sie beschleunigte ihre Schritte, bis sie beim stattlichen Haus des königlichen Schneiders ankam.

Auch hier roch es nach Wacholderrauch. Doch das tat es immer. Die Familie Rechan konnte es sich leisten, ihre Wohnräume regelmässig zu räuchern. Die weniger wohlhabenden Familien mussten sich damit begnügen, Wacholderzweige über die Tür oder die Fenster zu hängen. Auch wenn das als Schutz nur selten ausreichte.

Ein Haushelfer führte sie in die Werkstatt, wo an den vielen grossen Tischen fleissig gearbeitet wurde. «Warte hier!», wies er sie an. «Der Herr wird dich gleich empfangen.»

Erigastera, die älteste Tochter des Schneiders, nickte ihr freundlich zu und widmete sich dann wieder dem Schnittmuster vor sich. Die anderen Anwesenden liessen sich von ihrer Arbeit nicht ablenken. Wanere beobachtete die sorgfältigen Stiche eines Mannes, der am langen Tisch einen Stehkragen bestickte, bis die Tür zum Arbeitszimmer aufging und eine grosse, blonde Frau heraustrat, gefolgt von Eyonimus Rechan, dem königlichen Schneider.

Der Bernsteinanhänger der Frau zog Waneres Blick auf sich.

Eine Nemeton!

Nein.

Sogar eine Nemeton-Meisterin! Sie trug nicht nur um den Hals einen Bernstein, sondern auch am Finger. Die Frau war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt. Wenn sie vier Jahre nach Abschluss der Ausbildung schon zur Meisterin ernannt worden war, musste ihre Verbindung zu den Bäumen wahrlich ausgeprägt sein.

Waneres Herz flatterte. Sie wusste, warum die Nemeton-Meisterin hier war. Sie hatte Eyonimus den allmonatlichen Trunk aus den Früchten der Eibe verabreicht. Der süsse Duft strömte noch schwach aus dem Arbeitszimmer in die Werkstatt. Der rote Arillus der Eibe war die zuverlässigste Unterstützung, die man bekommen konnte, wenn es darum ging, sich die Seuche vom Leib zu halten. Aber nur, sofern man den Trunk oft genug unter Aufsicht eines Nemetons einnahm, der den Geist und somit den Körper für die volle Kraft der Eibe empfänglich machte.

«Überleg es dir nochmals», mahnte die Nemeton-Meisterin beim Durchqueren der Werkstatt. «Wenn schon nicht alle zwei Wochen, dann zumindest alle drei. Du bist nicht mehr der Jüngste.»

«Ich werde darüber nachdenken», lenkte Eyonimus ein, doch Wanere kannte den Schneider lange genug, um an seinem Geruch zu erkennen, dass seine Entscheidung feststand. Er zählte bereits über vierzig Jahre und mit jedem weiteren erhöhte sich das Risiko, an der Seuche zu erkranken. Und dann würden auch alle Eibenarilli der Welt nichts mehr ausrichten können. Warum wollte Eyonimus den Trunk nicht öfter zu sich nehmen? An den erheblichen Kosten der Behandlung konnte es nicht liegen.

Wanere starrte der Nemeton-Meisterin noch hinterher, als diese schon durch die Tür nach draussen gegangen war, mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung in ihrem Herzen. Erst die Stimme des Schneiders holte ihre Aufmerksamkeit zurück in die Werkstatt.

Er betrachtete die geklöppelten Spitzen, die sie vor ihm auf dem Arbeitstisch ausbreitete, eingehend und entlohnte sie dafür.

«Der König hat sich nach dir erkundigt», sagte er dann. «Er unterrichtete mich davon, dass er Föhren mag.»

«Sehr wohl», antwortete Wanere. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Ihr Herz jedoch schwoll an vor Stolz. König Jeris hatte ihr persönlich einen Wunsch für die nächste Klöppelspitze ausrichten lassen! Die Föhre stand für Durchhaltewillen und Überlebenskraft. Sie streckte sich stets der Sonne entgegen. Das passte zum König.

«Eine Kostprobe deiner Kreativität bis zum Geburtstagsfest wird wohl angemessen sein.»

«Sehr wohl», wiederholte Wanere und verabschiedete sich dann. Sie machte sich jedoch nicht auf den Heimweg, sondern liess sich von dem Haushelfer in den Wohntrakt des Gebäudes führen. Ihr Herz klopfte aufgeregt. Noch nie hatte sie sich beim Klöppeln an einen Nadelbaum gewagt und das Fest war schon in drei Tagen. Es blieb ihr nicht viel Zeit, doch sie würde die Erwartungen des Königs erfüllen. Für diese Ehre würde sie Tag und Nacht arbeiten, wenn es sein musste.

«Nemeti Karya. Wanere Rubra wünscht, empfangen zu werden», kündigte der Haushelfer sie an.

«Lass sie eintreten und bring ihr auch einen Holunderblütentee.»

Wanere trat in den hellen Gesellschaftsraum.

«Als hätten die Buchen dich gerufen!», rief Karya ihr aus dem gepolsterten Sessel zu. «Ich brauche dringend die Gesellschaft von jemandem Normalsterblichen.»

Sie schmiss das Buch, in dem sie gelesen hatte, auf das Sofa und richtete sich ein wenig mehr auf. Sie trug, wie es bei den weiblichen Nemeton Mode war, ein schmal geschnittenes, besticktes Mantelkleid mit Stehkragen über einer engen Hose. Karyas vertrauter Körpergeruch, wie üblich vermischt mit dem Duft von Rosmarin, hiess Wanere willkommen.

«Müsstest du nicht eigentlich bei der morgendlichen Besinnung im Ausbildungswald sein?», fragte sie grinsend und liess sich neben dem weggeschmissenen Buch nieder.

Karya rümpfte ihre spitze Nase genervt. «Ja. Ich sollte tatsächlich wieder einmal hingehen. Meisterin Bika hat mich vorletzte Woche schon wegen meiner häufigen Abwesenheit getadelt.»

Wanere ignorierte den wohlbekannten Stich in ihrer Brust. Karya steckte mitten in einer Ausbildung, für die sie sich nicht interessierte, wohingegen Wanere fast alles getan hätte, um ebenjene machen zu können. Doch die Ausbildung war teuer und ihre Eltern hatten es nicht vermocht. Jetzt war es zu spät. Man schickte seine Kinder im Alter von sieben Jahren zur Akademie. Diejenigen, deren Geist noch genug flexibel war, lernten dort sieben Jahre lang als Sprösslinge ihre Verbindung zu den Bäumen zu stärken. Darauf folgten ebenso viele Jahre als Nemeti, in denen man zu einem Bindeglied zwischen den Menschen und den Pflanzen heranreifte. Erst danach wurde man zu einer vollwertigen Nemeton.

Das Tor zu dieser Welt war für Wanere verschlossen. Ihr einziger Trost war die Freundschaft zu Karya. Durch sie hatte Wanere Dinge gelernt, die sonst nur den angehenden Nemeton vorbehalten waren.

«Sie haben uns dort oben», Karya zeigte mit dem Kopf vage in die Richtung der Akademie, «einen Auftrag aufgeladen», erklärte sie mit Blick auf das Buch, welches Wanere voller Wissbegier durchblätterte.

«Wir sollen uns für einen Baum entscheiden und herausfinden, wie dieser auf den Menschen einwirkt und bei welchen Gebrechen man ihn auf welche Art nutzen kann.» Sie schnaubte. «Ich weiss nicht, was das bringen soll. Ich habe die ewigen Besinnungen satt. Wie viele Nemeton vor uns haben schon die Pflanzen mehr als nur ausführlich studiert. Sie haben doch bereits alles herausgefunden und aufgeschrieben, was man wissen kann. In der Bibliothek stehen zahlreiche Bücher. Warum können wir nicht einfach die Erfahrung der früheren Nemeton nutzen? Warum muss jede Generation wieder alles selbst entdecken?»

«Ich glaube, es gibt so vieles über Pflanzen zu lernen, dass tausend Leben nicht reichen würden», gab Wanere zu bedenken. Ein wenig leiser fügte sie hinzu: «Und vielleicht findet so jemand ein Heilmittel gegen die Seuche.»

«Oh, ja ... ja natürlich. Vielleicht.» Karya griff hastig nach ihrer Teetasse und trank einen Schluck. Gleich danach stellte sie sie klappernd wieder zurück auf die Untertasse.

Wanere las einen Abschnitt in dem Buch, dann fragte sie: «Welchen Baum wirst du nehmen?»

«Ich habe mich noch nicht entschieden. Vielleicht die Birke. Oder die Buche. Bei denen kann man nicht viel falsch machen.»

«Wie wäre es mit der Esche?»

«Das ist der einzige Baum, den wir nicht wählen dürfen. Sie wollen unfertige Nemeton nicht an so einen seltenen Baum heranlassen.»

Nicht einmal der untalentierteste Nemeti konnte durch das geistige Studium einem Baum Schaden zufügen. Doch der König liess selbst die ausgebildeten Nemeton nur ungern in die Nähe der Eschen. Möglicherweise lag darin das Problem, überlegte Wanere. Jede Verbindung zwischen Baum und Nemeton war so einzigartig wie die Pflanzen und die Menschen selbst. Und so nahm jeder die Bäume anders wahr. Nur durch den Austausch dieser Erfahrungen konnte man das volle Potential eines Baumes entdecken. König Jeris wusste das und liess es in der Nemeton-Ausbildung umsetzen. Doch um die Eschen kümmerte er sich allein.

«Denkst du, König Jeris wird eines Tages das Heilmittel finden?»

«Vielleicht gibt es ja gar kein Heilmittel», sagte Karya leise. Ihre schiefergrauen Augen waren voller Mitgefühl. «Wenn der König bis jetzt keines gefunden hat, dann wird es auch keines geben. Schliesslich ist er der Auserwählte.»

Wanere senkte den Blick. Sie horchte einen Moment lang dem unangenehmen Gefühl in ihrem Inneren und überlegte, ob sie ihrer Freundin davon erzählen sollte. Immerhin hatte Karya ihr so viel über das Nemeton-Handwerk beigebracht. Dank ihrer Instruktion war sie in der Lage gewesen, ihre Verbindung zu den Bäumen zu stärken und schlussendlich auch das Heilmittel zu erkennen.

Aber nein.

Sie konnte Karya unmöglich erzählen, dass sie den König bestohlen hatte.

Oder etwa doch?

Nur schon der Gedanke trieb ihr den Angstschweiss aus den Poren. Niemand durfte von ihrem Verbrechen erfahren.

Der Haushelfer brachte den Tee und von nun an sprachen sie über Waneres geklöppelte Spitzen.

«König Jeris lässt sie sich als Verzierung auf einen Mantel nähen, oder an den Ärmel eines Hemdes. Sogar Kronprinz Arin habe ich letzthin mit einem deiner geklöppelten Halstücher gesehen.»

Waneres Gesicht wurde warm vor Stolz. Sie holte ein weisses Spitzenhalstuch hervor und reichte es Karya.

Diese quiekte zunächst erfreut, doch dann wurde ihr Gesicht schlagartig ernst. Sie runzelte die Stirn. «Wieso Walnussblätter? Die Walnuss steht für Fruchtbarkeit und Lust. Was sollen denn die Leute denken, wenn ich so etwas trage?»

«Es ist mein Lieblingsbaum», sagte Wanere ein wenig beleidigt. «Wenn du es nicht willst, werde ich es selber tragen.» Sie streckte die Hand nach dem Halstuch aus.

«Nein!», rief Karya bestimmt. «Es ist mir egal, was die Leute denken.» Sie hielt sich das Tuch schützend an die Brust.

Wanere und Karya starrten sich in die Augen. Dann lachten sie los.

«Ich werde gekleidet sein wie die Prinzessinnen», sagte Karya mit erhobenem Kinn.

Später begleitete Wanere Karya und deren Schwester ein Stück weit auf ihrem Weg zur Akademie.

Eyonimus Rechan hatte drei Töchter. Die älteste würde eines Tages das Schneidergeschäft übernehmen, die anderen beiden lernten an der Akademie. Gleich zwei angehende Nemeton in der Familie zu haben, bereicherte den Schneider mit allgemeiner Hochachtung.

Karya ging den Lebensweg, den ihre Eltern vor zehn Jahren für sie festgelegt hatten, nur weiter, um ihrer Familie keine Schande zu bereiten. Ihre Schwester Saayl jedoch beschritt ihn mit Stolz. Sie genoss die Aufmerksamkeit, welche diese Ausbildung ihr zuteilwerden liess. Immer wenn Karya die Lust verging, mit Wanere über «Nemeton-Kram» zu reden, hielt sie sich an Saayl. Sie beantwortete ihre nie endenden Fragen stets bereitwillig und so erklärte sie ihr auch heute geduldig, wie sie die Zahnfleischentzündung der berühmten Künstlerin Onopor Lemna behandelt hatte.

Saayl befand sich im letzten Jahr der Ausbildung und durfte daher in Begleitung eines Meisters den Kranken helfen.

Im Frühjahr würde man sie am Morgen des Erwachet-Festes zu einer vollwertigen Nemeton berufen. Danach durfte sie selbst heilen und Zeremonien durchführen.

«Sie hat meine Hände geküsst», schloss Saayl mit geschwollener Brust. «Stellt euch das vor, in der Gunst der berühmten Onopor Lemna zu stehen.»

Wanere wiederholte innerlich das eben beschriebene Heilungsritual. Sie wollte nichts davon vergessen. Jede noch so kleine Information hütete sie stets wie einen Schatz. Dadurch konnte sie sich den Nemeton ein wenig näher fühlen.

Die plötzliche Stille machte Wanere darauf aufmerksam, dass Saayl fertig war mit ihrer Prahlerei um die Dankbarkeit der Künstlerin. Sie lächelte die Nemeti an und sagte schnell: «Das ist wirklich beeindruckend.» In Gedanken wiederholte sie fieberhaft: «Salbeiauszug, Asche aus Lindenzweigen, Fichtenharz zum Kauen». Es war im Grunde genommen ein simples Rezept.

«Deine Bewunderung wird ihr noch zu Kopf steigen», kommentierte Karya und stiess ihre Schwester spielerisch mit der Schulter an. «Und das tut ihr nicht gut.»

«Im Gegenteil. Das tut mir sogar sehr gut», meinte Saayl grinsend. «Dadurch werde ich angespornt, noch besser zu werden.»

«Eben, das meine ich ja», gab Karya zurück. «Dann glauben die Leute noch viel weniger, dass wir Schwestern sind.»

Saayl schaute Karya voller Zuneigung an, legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie kurz an sich. «Keine Angst. Daran lasse ich keinen Zweifel gelten.»

Wanere hatte den Schwestern lächelnd zugeschaut, warf nun aber trocken ein: «Ich bewundere ja nicht sie, sondern das Handwerk der Nemeton.»

Saayl lachte herzhaft über den vermeintlichen Witz, dann aber blieb sie plötzlich stehen.

«Ich habe von deiner Mutter gehört», sagte sie mit einem leisen Kratzen in der Stimme. «Es tut mir wirklich leid. Lass es uns wissen, wenn wir irgendwie helfen können.»

Es war, als würde Waneres Haut plötzlich Feuer fangen.

Karya sog scharf die Luft ein. «Ich habe den ganzen Morgen versucht, sie von dem Thema abzulenken», presste sie zwischen den Zähnen hindurch. «Und was machst du?»

Bevor Saayl ihrer Schwester etwas erwidern konnte, sagte Wanere: «Es ist schon gut.» Sie zwang sich, Saayl und Karya fest in die schiefergrauen Augen zu schauen. «Wir haben uns geirrt. Als sie in Ohnmacht fiel, haben wir Panik bekommen und uns in etwas hineingesteigert. Aber es war gar nicht die Seuche. Es war nur eine heftige Grippe.» Einen Moment lang war Wanere fest davon überzeugt, dass die beiden sowohl die Lüge als auch ihr Verbrechen auf ihrem Gesicht brennen sahen. Doch die Schwestern tauschten nur einen erleichterten Blick aus und Karya sagte: «Das sind ja wunderbare Nachrichten! Warum hast du das denn nicht früher gesagt?»

Kapitel 5

Arins Schritte hallten in der opulenten Eingangshalle des Seepalastes wider. Er stieg die linke Treppe, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben und folgte dem Gang. Hier wurden seine Schritte vom moosgrünen Teppich gedämpft. Sein dunkelblauer, bestickter Mantel wehte hinter ihm her. Das filigrane Halstuch flatterte. Vor der hintersten Tür blieb er einen Moment stehen. Er verdrängte die Erinnerung an den Vorfall in der Altstadt und klopfte dreimal.

Auf der anderen Seite trat er zwischen den deckenhohen, dunklen Bücherregalen hervor. Hohe, mit durchscheinenden Vorhängen gesäumte Fenster liessen das Licht von zwei Seiten herein. In der Mitte sassen der König und seine elf Rätinnen und Räte an dem langen, dunklen Tisch. Alle starrten ihn an.

Arin trat zu seinem Grossvater, verneigte sich, verschränkte dann die Hände hinter dem Rücken und sagte: «Eure Hoheit. Ich bitte um Vergebung für meine Verspätung. Dafür bringe ich Euch neue Informationen bezüglich der Betrüger.»

König Jeris nickte leicht. «Setz dich und erleuchte uns mit deinen Neuigkeiten.»

Arin schritt zum anderen Ende des Tisches und liess sich in dem lederbezogenen Stuhl nieder, dessen Lehne ihn um zwei Handbreiten überragte. Es war der Zwilling des Stuhles seines Grossvaters. Die selbstsichere Haltung, der ruhige Blick, die spitzenbesetzten Kleider von feinster Qualität, in alldem unterschieden sie sich nicht. Doch die Gleichheit war nur Schein.

«Ein Händler, der anlässlich der Geburtstagsfeier in die Stadt gekommen ist, erzählte mir soeben von der wundersamen Heilung eines Nachbarkindes. Es litt an der Himbeerzungenkrankheit und hat sich davon innert fünf Tagen erholt. Der Händler versicherte mir, dass zu dieser Zeit kein einziger Nemeton im Dorf weilte.» Arin machte eine bedeutungsvolle Pause.

«Die Himbeerzunge heilt sich nicht von alleine, jemand muss geholfen haben», kommentierte Ratsfrau Supina.

Arin nickte ihr zu. «Tatsächlich hat der Händler beobachtet, wie eine verhüllte, vermutlich weibliche Gestalt mehrere Male ein und aus ging.»

«Aus welchem Dorf kommt der Händler?», fragte Jeris.

«Rendus», erwiderte Arin.

«Woher wusste er, dass wir diese Art von Informationen suchen?»

«Er hat Verwandte hier in Korasi.»

«Was ist seine erwünschte Belohnung?»

«Einen Platz für seinen Stand innerhalb der Burgmauern während der Feierlichkeiten.»

Der König nickte.

«Supina, kümmere dich darum!»

Die Angesprochene nickte eifrig.

«Alle anderen werden sich bei den zugereisten Händlern umhören. Jedoch habe ich keine Grosszügigkeiten mehr übrig für vage Informationen. Nur wer Namen und Ort nennen kann, wird belohnt. Nichtsdestotrotz wird jeder noch so kleine Hinweis unverzüglich gemeldet. Ihr könnt gehen.»

Die Stuhlbeine rieben geräuschvoll über den Boden. Die Räte und Rätinnen erhoben sich und einer nach dem anderen verliess mit einer Verneigung den Raum. Ratsfrau Supina warf Arin einen warmen Blick zu. Er schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln, folgte aber seinem Grossvater zu einem Ende des Raumes, wo ein aufgeräumter Schreibtisch stand. Die Wand dahinter war kunstvoll mit einer Karte des Reiches bemalt.

König Jeris markierte Rendus mit einem Harzknöllchen.

Er hatte das Aussehen eines Vierzigjährigen und doch würde er in wenigen Tagen seinen 125. Geburtstag feiern. Schon bevor er König geworden war, war er ein angesehener Nemeton gewesen. Seine Verbindung zu den Bäumen war so stark, dass sich selbst sein Altern dem der Bäume angepasst hatte.

Doch erst kurz vor seiner Krönung im Alter von 71 Jahren hatte man zu munkeln begonnen, dass er der Auserwählte sei. Er, der grösste Nemeton überhaupt, hatte seine sechs Geschwister überlebt, die allesamt kinderlos geblieben waren.

Als zwei Jahre später Jeris’ Sohn Neginam zur Welt gekommen war, war aus dem Gemunkel ein Glaube geworden, den niemand mehr anzweifelte. Jeris war von den Bäumen auserwählt worden, als erster Nemeton-König überhaupt, das Land zu regieren.

Arin war zwar der Thronfolger, hegte jedoch keine Hoffnungen, jemals den Thron zu besteigen. Mit seinen 27 Jahren war er fast ein Jahrhundert jünger als sein Grossvater, aber dieser würde ihn überleben. Daran gab es keinen Zweifel und das war gut so. Er würde sich dem Erbe des Auserwählten sowieso nie würdig erweisen.

Mit angespanntem Kiefer betrachtete er die Karte, auf der sieben Orte markiert waren. Sieben Orte, an denen hilfsbedürftige Menschen an Leute geraten waren, die sich als Nemeton ausgaben.

«Wir haben zu wenige Informationen.» Der König stand mit dem Rücken zu ihm und betrachtete ebenfalls die Karte. «Wir wissen nicht einmal, um wie viele Hochstapler es sich handelt. Nach den Festlichkeiten wird den Nachforschungen mehr Gewicht gegeben.»

«Das Kind wurde geheilt. Niemand ist zu Schaden gekommen. Ich frage mich, ob es klug ist, Eure Kräfte auf sie zu verschwenden. Es wäre besser, Ihr würdet Euch den dringlicheren Problemen unseres Landes widmen.» Arin sprach ruhig bis zum Ende, obwohl sich die hinter dem Rücken verschränkten Hände des Königs verkrampften. Es gefiel ihm nicht, was er hörte. Arin hatte sich davon jedoch noch nie abschrecken lassen. Unter den Räten gab es niemanden, der es wagte, den Auserwählten zu kritisieren. Also hatte Arin es sich selbst als Pflicht auferlegt, Jeris stets seine Meinung zu sagen. Er war das Sprachrohr des Volkes geworden und gab dessen Wünsche und Sorgen an seinen Grossvater weiter. Wenigstens das konnte er für sein Land tun.

Der König drehte sich zu ihm um. Arin hasste es, dass er seinem Grossvater mit jedem weiteren Jahr, in dem von den beiden nur er selbst älter wurde, ähnlicher sah. Sie waren beide mittelgross, hatten die gleichen Gesichtszüge und die gleichen salbeigrünen Augen. Nur in der Haarfarbe unterschieden sie sich. Während der König haselnussbraune Haare hatte, waren jene von Arin rotblond.

Die Familienähnlichkeit war der Grund, warum sich Arin den Bart hatte wachsen lassen. Der an den Enden eingerollte Schnurrbart war mittlerweile sogar zur Mode geworden. Viele Männer in der Stadt trugen ihn genauso.

«Der Mensch will von Natur aus immer mehr. Wer auch immer sie sind, sie werden Gefallen finden an dem Silber, das sie auf unehrliche Weise verdienen, und sie werden mehr wollen von der Ehre, welche nur einem wahren Nemeton zusteht. Das Kind hatte Glück, doch eines Tages wird jemand durch ihren Betrug zu Schaden kommen. Ich habe nicht vor zu warten, bis dieser Tag eingetroffen ist.»

«Jeden Tag sterben Menschen an der Seuche. Ihr solltet Eure Kräfte auf diesen Kampf konzentrieren. Einige hoffen noch immer, dass Ihr bald ein Heilmittel findet.»

Als Arin zuvor in der Altstadt mit dem Händler gesprochen hatte, war ein anderer ohnmächtig zu Boden gesunken. Die Umstehenden waren sofort zurückgewichen. Zwei Mädchen hatten sich schliesslich um den Mann gekümmert und Arin hatte einen Jungen mit einigen Münzen zum nächsten Nemeton-Laden geschickt, um Wacholderzweige zu besorgen.

«Halte durch», hatte das jüngere Mädchen zu dem Mann gesagt, während sie ihn an Arin vorbei geführt hatten. «Vielleicht findet der König das Heilmittel bald.»

Dieses kindliche Vertrauen, dass alles gut werden konnte, hatte ihm beinahe das Herz gebrochen.

Jeris lachte bitter. «Erwartet das Volk tatsächlich, dass die Bäume mir nach so vielen Jahren noch etwas Neues offenbaren? Es gibt kein Heilmittel. Gäbe es eines, hätte ich es bereits vor siebzehn Jahren gefunden, als ich versuchte, Neginam zu retten.»

«Dann sollten wir mehr tun, um die Ausbreitung zu stoppen», beharrte Arin.

«Die Zahl der Erkrankten ist seit Jahren nicht mehr gestiegen. Und das hat das Volk den Bemühungen der Nemeton zu verdanken. Was will es noch mehr?»

«Einen Schutz, der auch für einfache Leute erschwinglich ist.»

Der König seufzte. «Sie haben es also immer noch nicht verstanden. Der hohe Preis ist die einzige Möglichkeit, die Nachfrage zu regulieren. Wir müssten die Wacholderbäume des ganzen Landes ausrotten, um das ganze Volk zu schützen, und das würde der Sache nun wirklich nicht dienen. Und was die Eibenarilli angeht: Selbst ich als der Auserwählte kann nicht mehr davon herzaubern. Erzähl das meinetwegen bei deinem nächsten Besuch in der Schenke herum.»

Arin presste die Lippen aufeinander. Sein Grossvater hatte recht und doch fiel es ihm schwer, diese Machtlosigkeit der Seuche gegenüber zu akzeptieren.

«Du siehst also», fuhr Jeris fort, «warum ich mich lieber Angelegenheiten widme, die lösbar sind.»

Vor einem Monat hatte Jeris eine offizielle Warnung vor den Nemeton-Hochstaplern herausgegeben. Die Gerüchte um sie waren jedoch spärlich geblieben. Arin wusste immer noch nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte.

«Du darfst jetzt gehen», sagte der König.

Der Thronerbe verbeugte sich und verliess den Raum.

Vor der Türe wartete Ratsfrau Supina auf ihn. Arin entspannte sich sofort und lächelte breit. Es war ihm mehr als nur willkommen, dass sie seine Gedanken von der Leere in seinem Inneren fernhielt.

Geschmeidig trat er zu ihr. «Wie hat der Rat es bloss geschafft, dem König die Laune so kurz vor seinem Geburtstagsfest zu verderben?», fragte er mit einer gespielten Schelte in der Stimme. Sein Blick wanderte über ihre reizenden Schlüsselbeine zu den sanften Wölbungen darunter.

«Es ist kein einziger ausländischer Händler eingetroffen», erklärte sie mit gesenkter Stimme. «Weder aus Dados noch aus Zernunno.» Arin nickte verstehend. Vor dreissig Jahren hatte die Seuche ihren schleichenden Einzug ins Königreich angetreten, ebenso schleichend hatte der Handel mit den beiden Nachbarländern nachgelassen. Doch ein so grosses Fest würde länger nicht mehr stattfinden. Dass sich kein einziger Händler in die Hauptstadt getraute, damit hatte Arin nicht gerechnet. Zumal die Zahl der Ansteckungen in Korasi im Vergleich zu anderen Orten des Königreichs noch gering war. Auch die Delegationen der beiden Länder hatten König Jeris’ Einladung abgelehnt und das, obwohl man ihnen den höchsten Schutz durch angesehene Nemeton-Meister versichert hatte.

Arin verscheuchte die ernsten Gedanken und bot der Ratsfrau mit einem warmen Lächeln seinen Arm an. Sie grinste, hakte sich bei ihm unter und gemeinsam schlenderten sie den Gang entlang.

«Und wie geht es deinem Gatten?», fragte Arin leise, seine Lippen nahe an ihrem Ohr. «Hat seine junge Geliebte noch nicht genug von ihm?»

Supina kicherte mädchenhaft. «Nun, er behandelt mich sehr zuvorkommend. Er verwöhnt mich mit Schmuck und neuen Kleidern. Das lässt vermuten, dass sie ihn immer noch aushält und er deswegen ein schlechtes Gewissen hat.»

«Habe ich es mir doch gedacht, dass ich diese Lapislazuli noch nie an deinen bezaubernden Ohren gesehen habe.»

Supina kicherte erneut. «Es gehört sich nicht, einer Dame, die fast Eure Mutter sein könnte, auf diese Art zu schmeicheln, mein Prinz.»

Arin grinste. «Dein Mann lässt es sich in den Armen einer anderen gut gehen. Es liegt keine Schande darin, wenn du dich ebenfalls um dein persönliches Glück kümmerst. Oder es zumindest andere tun lässt.»