Die letzten Lieder Mittgardes - Darwin Rössler - E-Book

Die letzten Lieder Mittgardes E-Book

Darwin Rössler

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Beschreibung

Im Feuer des Drachenfalls starben die letzten Götter. Jahrhunderte später kämpfen Nationen, Königreiche und Stämme um die Vorherrschaft Mittgardes. In dieser Zeit des Krieges ist Siff, Kommandantin des heiligen Imperiums, entschlossen, ihre Heimat vor den barbarischen Clans der Nordmänner sowie vor Verrat und Verschwörungen zu beschützen. Nun flüstern lang tot geglaubte Götter von Zerstörung, ein unnatürlicher Sturm zieht auf und Mächte, älter als die Welt selbst, sind wiedergeboren.

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Seitenzahl: 621

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für meine Mutter und meinen Vater,

die mich unterstützt haben, wann immer es ihnen möglich war.

Ihr beide seid der Grund,

warum dieses Buch etwas geworden ist, worauf ich heute stolz sein kann.

Mir fehlen die Worte, um auszudrücken,

wie glücklich ich mich schätze, euch als Eltern zu haben.

„Am Anfang gab es zwei Welten. Beide bewohnt von Göttern. Die menschenähnlichen aetherischen Götter, deren Blut Magie enthielt, nannten ihre Heimat Hochgarde, während die heidnischen mit ihren queeren, titanischen Gestalten auf Niedheim verweilten. Sie hätten nicht unterschiedlicher sein können und waren ständig verfeindet. Bis sie sich im Krieg vor der Zeit, oder dem ersten Krieg – wie er später auch genannt wurde –, gegenüberstanden und beide Welten unter den Hämmern des Krieges und den Feuern des Zornes zerstörten.

Ihre Überreste formten zusammen mit den gefallenen Körpern der monströsen heidnischen Götter unsere Welt Mittgarde. Mit dem Blut der toten aetherischen Götter sickerte ihre Magie tief in die Welt und neues Leben entstand. Mittgarde – oder Mittheim in der queeren Zunge der Barbaren – und die neue Heimatwelt der wenigen überlebenden Götter war geboren und auf ihr die Menschen.“

Seite 13, erster Paragraf aus „Geschichten und Lieder Mittgardes“

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Im ersten Morgenlicht

Wenn Fremde auf fremden Ländern wandeln

Wenn die Toten keine Rast finden

Als Banner im Winde wehten

Und der erste Regen fiel

Im Sonnenschein des letzten Tages

In der Zeit des Krieges

In der Zeit der Veränderung

In der Zeit, in der alte Dinge starben

Als der letzte Sturm aufzog

Im letzten Abendlicht

Die Schatten wurden länger

In tiefster Dunkelheit

Nur Echos drangen durch die Stille

Und das alte Feuer brannte

In der dunkelsten Nacht

Asche fiel wie Schnee

Die Sterne verblassten

Wo waren die Götter?

Als die Welt in Scherben war

Eine letzte Ruhe

Blut für Blut, Tod für Tod

Nichts als Asche im Wind

Und die Sonne ging auf über einer neuen Welt

Prolog

„Tritt ein!“

Er klang unzufrieden wie immer, aber nach all der Zeit störte sie sein verächtliches Verhalten nicht mehr. Blodwen war schließlich nicht zum Vergnügen hier. Kleine Kieselsteine knirschten unter ihren hohen Absätzen, als sie sein Labor, falls man es so nennen konnte, betrat. Die dunkle Gestalt am anderen Ende des Raumes würdigte sie keines Blickes. Ein alter Mann, der in einer schlecht beleuchteten Höhle Magie studierte. Sein Arbeitsplatz war am Rande eines unterirdischen Gartens. Pflanzen, von denen viele Blodwen unbekannt waren, wuchsen in mit Steinen abgegrenzten Beeten. Inmitten der exotischen Blumen war ein Teich, dessen Wasser schwarz wie die Mitternacht war und aus dessen Mitte ein Baum, viermal so groß wie sie selbst, ragte. Seine orangefarbene Krone berührte fast die Decke der Höhle. Genauso schnell, wie sie abfielen und zu Boden schwebten, wuchsen seine Blätter wieder nach. Hinter dem Vorhang aus kupfernen Blättern glänzte eine harte rabenschwarze Rinde, beleuchtet von dem spärlichen Zwielicht, das durch zwei Löcher in der Decke in diese Höhle kroch. Obwohl kein Wind blies, bewegten sich die ungewöhnlichen Pflanzen. Manchmal hatte Blodwen das Gefühl sie würden reagieren, wenn man an ihnen vorbeiging. Manche wichen schreckhaft zurück, während sich andere langsam näherten. Ihre Blüten variierten farblich zwischen tiefblau und pechschwarz. Trotz der schlechten Lichtverhältnisse gedieh alles in diesem Garten prächtig. Dennoch war diese Höhle für jemanden, der in den großen Bibliotheken der goldenen Stadt die Magie erlernt hatte, das Letzte.

Wieder vernahm sie dieses merkwürdige Flüstern. Wie ein Echo hallte es in ihrem Kopf wider. Je mehr Zeit sie hier verbrachte, desto stärker wurde es, aber sie konnte weder die Worte verstehen noch deren Bedeutung erkennen. Ob es an diesem Ort lag oder von dem alten Mann selbst kam, konnte sie nicht sagen. Sie hasste ihn, sie hasste diesen Ort, aber in ihre Heimat zurückzukehren war keine Option. Dort erwartete sie ein Käfig. Keiner aus Eisen oder Stahl, sondern einer aus nichterfüllbaren Erwartungen und Regeln.

Der alte Mann hatte ihr schon viel beigebracht, doch in letzter Zeit kam ihr der Verdacht, auch er würde sie zurückhalten. Ein Käfig aus unerfüllten Versprechen. Versprechen von Macht. Versprechen von Freiheit. Vorsichtig schritt die junge Magierin bis ans andere Ende der Höhle, darauf bedacht, die Pflanzen nicht zu berühren.

Die Götter wissen, wozu der alte Mann sie hier unten angepflanzt hat.

„Ich habe das Tablet mit den Inschriften, das ihr wolltet“, sagte sie.

Er drehte sich nicht um. Er saß nur da, vertieft in seine Notizen. Blodwen stemmte ihre Hände in die Hüfte, räusperte sich hörbar.

„Du hast lange gebraucht“, erwiderte er endlich, immer noch mit dem kahlen Hinterkopf zu ihr gedreht.

„Es hat gedauert, bis ich die Zauber, die es schützten, umgehen konnte“, log sie.

„Leg es auf den Schreibtisch.“

Blodwen holte die Steinplatte mit den eingravierten Inschriften, die sie für ihn über den halben Kontinent geschleppt hatte, aus ihrem Beutel hervor. Mit einem dumpfen Knall ließ sie den schweren Stein auf den hölzernen Schreibtisch des alten Mannes fallen. Sofort begann er, die feinen Zeichen gründlich zu inspizieren. Es war erstaunlich zu sehen, wie effizient er arbeiten konnte. Wenn es darum ging, ihr etwas beizubringen, wirkte er im Vergleich dazu immer langsam, desinteressiert. Blodwen wusste natürlich schon, was die Inschriften bedeuteten. Es hatte keine Schutzzauber um das Tablet gegeben, oder vielleicht waren sie, lange bevor Blodwen sie gefunden hatte, verflogen, wer weiß. Was sie in Wirklichkeit aufgehalten hatte, war, die Inschrift selbst zu übersetzen. Lieber hätte sie sich von den Klippen in Onegan ins tobende Meer gestürzt als zugelassen, dass eine weitere Irrfahrt um die halbe Welt umsonst war, nur weil der alte Mann zu gierig war, seine Geheimnisse zu teilen.

Es dauerte eine Weile, bis er seinen Blick wieder von dem Tablet abwand.

„Es ist das richtige Tablet“, sagte er. „Ich habe eine weitere Aufgabe für dich.“

„Und?“

„Und was?“

Seine eisige Stimme ließ das Blut in ihren Adern gefrieren, aber sie ließ sich nicht abhalten.

„Bekomme ich keine Belohnung, da ich es euch gebracht habe? Ihr hattet gesagt, dass es bald Zeit wird für mich, mehr zu lernen.“

„Du warst zu spät mit dem Tablet.“

„Ich bin mehrere Wochen durch die Wildnis gereist, habe mich Gefahren ausgesetzt, nur damit Ihr mir wieder verweigert, was mir zusteht?“

„Plötzlich legte der alte Mann seinen Stift zur Seite.

„Was dir zusteht? Sag mir nochmal, warum du so lange gebraucht hast, wieder hierherzukommen.“

Ihre Handflächen begannen zu schwitzen. Die Haare auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, aber kein Laut entkam ihren Lippen. Wieder dieses Flüstern, nur dieses Mal konnte sie verstehen, was es sagte.

„Er wird es sowieso herausfinden. Du kannst nichts vor ihm verbergen“, sagte die Stimme in ihrem Kopf.

„Schutzzauber haben das Tablet beschützt“, log sie erneut.

Runenschmieden, das war das Geheimnis des Tablets. Zu wertvoll, um es wieder wegzuwerfen.

„Ich musste sie umgehen.“

Das war sehr, sehr unklug.

Unbewusst strich sie mit ihren Fingern über die Stelle auf ihrem Unterarm. Es tat immer noch ein wenig weh, es war die Schmerzen wert gewesen.

Er weiß.

Es war nur ein kurzer Moment, bevor sie ihren Fehler erkannte hatte und die Hand wieder wegnahm.

Er hat es bemerkt.

Zum ersten Mal, seit sie wieder zurück war, nahm der alte Mann die Nase aus seinen Notizen.

Er wird dich bestrafen.

Ihr lief ein kalter Schauder über den Rücken. Sie bemerkte nicht, wie sich auf ihrer Stirn kleine Tropfen Schweiß bildeten. Blodwen spürte deutlich, wie es von ihrem Unterarm aus durch ihren restlichen Körper pulsierte. Vielleicht war das ihre Gelegenheit? Er war offensichtlich nicht mehr daran interessiert, ihr etwas beizubringen. Seine Käfige engten sie noch immer ein.

Wäre er aus dem Spiel …

Langsam drehte sich der alte Mann um.

Man hatte sie oft davor gewarnt, welche körperlichen Folgen das Streben nach immer höherer Magie hat. Bevor sie ihn kannte, hatte sie die Warnungen nie ernst genommen. Eine einfache Robe verdeckte den Großteil seines Körpers, doch überall, wo seine blasse Haut zu sehen war, zeigten sich tiefe Narben in Form von Runen, die sie nicht deuten konnte. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt, nie konnte man sagen, was er gerade dachte. Eines Tages würde sie einen Weg finden höhere Magie zu bändigen, ohne ihre Erscheinung so zu opfern. Aber in jenem Moment stand er ihr im Weg.

Sein Blick brannte alle rebellischen Gedanken aus ihrem Kopf.

Das wäre eine wirklich dumme Idee …

„Es gab einen Grund, warum ich dir gesagt habe, du sollst wieder so schnell wie möglich mit dem Tablet zurückkehren. Zeit war von entscheidender Bedeutung.“

Er wird dich bestrafen.

„Aber vielleicht habe ich deine Fähigkeiten überschätzt. Du bist zu nichts zu gebrauchen.“

Er wandte sich ab, vertieft in Gedanken.

„Hättet ihr mir das gesagt … ich hätte …“

Sein Blick brannte sich wieder durch ihre Augen. Blodwen bereute, dass sie es ausgesprochen hatte.

Oh, das wird interessant.

„Erinnerst du dich noch an die Abmachung, die wir getroffen haben, als ich dich von deinem vorherigen Meister befreit habe?“

„Ihr lehrt mich eure Magie, dafür erfülle ich die mir gestellten Aufgaben, ohne sie zu hinterfragen.“

„Dummes Mädchen, wieso stellst du deinen Meister in Frage?“

„Ich habe keinen Meister und ich bin es leid, dass Ihr Euren Teil der Abmachung nicht einhaltet! Immerzu muss ich Eure Drecksarbeit erledigen und was erhalte ich dafür? Schweigen und Kopfschmerzen! Eine dunkle Höhle, die ich normalerweise nicht einmal betreten würde, um mich darin zu erleichtern!“

Die Worte schossen aus ihr heraus, ohne dass sie darüber nachdachte. Die flüsternde Stimme schwieg.

„Du willst also, dass ich dich lehre? Dass ich dir die Geheimnisse der Magie offenbare? Du willst Macht?“

Er packte die junge Frau am Kopf und schleuderte sie auf seinen Schreibtisch.

„Alles hat seinen Preis.“

Blodwen war wie gelähmt, sie versuchte zu kämpfen, konnte aber keinen Muskel rühren. Sie konnte sich nicht erklären, was geschah. Sie hatte keine Kontrolle über ihren Körper, spürte jedoch alles überdeutlich. Der alte Mann drückte ihren Kopf fest auf die schwere Tischplatte. Das alte harte Holz schabte an ihrer jungen zarten Haut.

„So undankbar! Ich habe dir so viel gegeben, wie du verkraften kannst. Macht, von der Sterbliche nur träumen können! Aber du willst immer noch mehr!“

Egal wie sehr sie es versuchte, sie konnte keinen einzigen Muskel bewegen. Tränen flossen aus ihren Augen. Seine freie Hand nahm ein Messer von dem Tisch. Mehr Tränen. Sie konnte spüren, wie die Messerspitze an ihrer Schläfe entlangglitt. Jedes Mal, wenn sie ihre Haut berührte, fror das Blut an der Stelle.

„Du musst begreifen, dass Macht seinen Preis hat und Freiheit ebenso.“

Dunkelrotes Blut floss über ihr Gesicht und vermischte sich mit den salzigen Tränen. Seine tiefe Stimme hallte durch die ganze Höhle. Er sprach in einem alten Dialekt, den Blodwen nicht verstehen konnte. Als er fertig war mit ihrem Gesicht, schnitt er sich mit dem Messer selbst in die Hand, während er seine Beschwörung aufsagte. Seine Stimme rollte wie Donner durch den ganzen Raum. Plötzlich wurde alles dunkel. Das Zwielicht verwandelte sich zur undurchdringlichen Schwärze. Unfähig sich zu wehren, lag sie weinend da. Sein Blut tropfte aus seiner Hand in ihre Wunde. Jeder Tropfen löste unbeschreibliche Schmerzen aus. Wie siedendes Öl brannte es sich in die Rune, die er ihr in Schläfe und Wange geschnitten hatte. Innerlich schrie sie, so laut sie nur konnte, aber kein Ton kam aus ihrem Mund. Die Qualen trieben sie fast in den Wahnsinn. Es vergingen nur ein paar Sekunden, aber es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Als er das letzte Wort des Zaubers sprach, schien sich das Feuer aus der Wunde in ihren ganzen Körper zu verteilen. Das Blut in ihren Adern kochte. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er sich von innen nach außen stülpen. Die Rune in ihrem Kopf begann in einem dunklen Violett zu glühen. Die lautlosen Rufe wurden zu einem lauten Schluchzen. Die Markierung auf ihrem Kopf war ausgebrannt. Ein narbiges Gewebe bildete sich. Schon einmal hatte sie diesen Prozess durchgemacht, doch damals hatte es weit weniger wehgetan.

„Da hast du, was du wolltest. Vielleicht wird es dich umbringen, vielleicht wird es dir den Verstand rauben, doch bis dahin hast du eine Aufgabe zu erfüllen.“

Im ersten Morgenlicht

„Ich bin stolz auf dich“, hatte Mutter einmal gesagt. Ich weiß nicht, ob es die Wahrheit war.

Wie so oft in den grünen Weiten des Imperiums war am Abend zuvor Regen gefallen. Ein leichter Winterregen, der graue Wolken und einen kühlen Wind zurückgelassen hatte. Bis auf das leise Rascheln der nassen Gräser und den weit entfernten Klang von Wellen, die gegen Stein brachen, war es still.

Die Stille war Siff zuwider. Wenn es leise war, konnte sie nicht schlafen. Es war aber nur einer von vielen Gründen, warum sie in der letzten Nacht keinen Schlaf gefunden hatte. Ihre müden Augen waren gen Norden gerichtet, wo Krieger aus grauem Marmor eine enorme Brücke säumten. Die Zeit hatte längst den Glanz ihrer bronzenen Waffen weggewaschen und nur fahles Grün zurückgelassen. Nicht wenige von ihnen hatten ihren Kopf oder einen Arm verloren, manche etwas mehr. Einige führten Speere ohne Spitzen, präsentierten fehlende Flaggen oder trugen nur halbe Schilde. Falls sie früher Namen hatten, waren sie lange vor Siffs Geburt in Vergessenheit geraten. Dennoch kämpften sie weiter zwischen den Kontinenten, gefangen in einem ewigen Moment.

Am Ende der massiven Steinbrücke lag noch die frühmorgendliche Dunkelheit auf dem nördlichen Kontinent, sodass nur fahle Schemen von Hügeln und Wäldern erkennbar waren. Hinter dem Horizont setzten sich Silhouetten von Gebirgen kaum mehr von dem dunkelgrauen Himmel ab. Noch weiter nördlich, hinter den Bergen, wo keine Menschen mehr lebten, war ein Meer aus Eis und dann gar nichts mehr, zumindest nichts für Sterbliche.

Erst als jenseits des tobenden Meeres die Morgensonne aufleuchtete, wurden Hunderte von Zelten auf der anderen Seite der Brücke sichtbar. Hunderte von im Wind wehenden Bannern. Hunderte Beleidigungen, an rot blitzende Speere gebunden.

Als Siff das letzte Mal an jener Stelle gestanden war, waren es mehr Speere gewesen, wesentlich mehr. Was es den Nordmännern diesmal allerdings an Nummern fehlte, machten sie mit Geiseln wieder wett. Töchter, Brüder, Familien von den wichtigsten Fürsten und Lords der Region. Wären es stattdessen Bauern, Stallburschen oder Zofen gewesen, hätte Siff in jenem Moment nicht dort gestanden. In jenem Falle hätten dieselben Fürsten und Lords das Lager gen Norden schon mit Hilfe von Katapulten oder Trebuchets dem Erdboden gleichgemacht, die abgetrennten Köpfe der Nordmänner ihren Verwandten nach Hause geschickt, ihre Körper, oder deren Überreste, vor der Küste als Warnung aufgehängt und Siff hätte ihren Schlaf bekommen. Denn für die Bedienung von Katapulten und Trebuchets, Beilen und Stricken hätten sie nicht die Hilfe von heiligen Kriegern, geschweige denn von ihrer Anführerin gebraucht.

Von dem, was man sich erzählte, war der Anführer der Nordmänner ein Mann namens Baldur, ein mächtiger Krieger. Ein Meister mit Schwert und Schild, furchtlos und so wild wie ein Tier, aber das waren sie ja alle. Skalde, deren Lieder im Norden oft als wahres Wort genommen wurde, hatten ein Talent zur Übertreibung. Aber egal ob die Geschichten über ihn der Wahrheit entsprachen oder nicht, die Geiselnahme ließ darauf schließen, dass die Nordmänner während ihres Exils dazugelernt hatten. Eine Tatsache, die Siff mehr beunruhigte als jede Anzahl von Speeren oder Prahlereien von mächtigen Kriegern. Trotz des Pochens in ihrem Kopf nahm sie noch einem Schluck aus ihrem Schlauch Wein.

Während sie in die Ferne sah, dachte Siff wieder an den Rat ihrer Offiziere.

John hatte vorgeschlagen weiter für die Freilassung der Geiseln zu verhandeln. Was zu nichts führen würde, außer einer Verlängerung dieser kleinen, aber dafür provokanten Zurschaustellung von Rebellion, deren kontinuierliche Existenz wiederum mehr Aufständische inspirieren würde.

Ewan, der bereits erkannt hatte, dass die wahre Bedrohung nicht in den Speeren der Nordmänner lag, wollte der Sache hingegen mit einem frontalen Angriff über die Brücke ein schnelles Ende setzen. Ein Angriff, der dank ihrer Überzahl wie auch besserer Ausbildung in den Künsten des Krieges zwar bestimmt erfolgreich gewesen wäre, aber auch den Tod vieler ihrer Brüder und Schwestern und der Geiseln zur Folge gehabt hätte.

Kirstin hingegen hatte sich freiwillig gemeldet, Baldur und damit auch diese Rebellion im Schutze der Nacht zu ermorden und – wenn möglich – sogar die Geiseln zu befreien. Dass eine solche Mission nur eine kleine Chance auf Erfolg hätte und wahrscheinlich mit dem Tod oder der Gefangenschaft aller Beteiligten enden würde, hatte sie allerdings nicht bedacht.

Siff hätte auch Katapulte oder Trebuchets bauen lassen können. Sie zu benutzen hätte einen Sieg ohne jegliche Verluste auf ihrer Seite garantiert. Kein einziger ihrer Brüder und Schwestern würde auf jener Brücke sterben. Die Geiseln wären verloren, aber das waren sie ohnehin schon. Wenigstens würde man es ihnen ersparen, von Nordmännern als Sklaven gehalten zu werden. Leider waren jene Geiseln Adelige. Siff kümmerte nobles Blut wenig, aber der Adel teilte ihren Pragmatismus in jener Angelegenheit nicht. Falls jene Geiseln wegen ihr sterben sollten, wäre politisches Chaos das Resultat, dem wiederum mehr Blutvergießen folgen würde.

Es schien Siff, als wären alle ihre Optionen einfach scheiße. Sie nahm noch einen kräftigen Schluck Wein und war überrascht, als nichts mehr übrig war.

Mit einer ungewöhnlich kalten Brise flatterte das über dreißig Fuß lange blau-silberne Banner von Siffs Orden auf. Darunter hing die Flagge des Fürsten, der über diese Provinz herrschte. Ein Mann namens Rook. Oder Rook der Dritte von dem Haus der Stelven, wie ihn seine Diener immer vorstellten. Eine Geste ihres guten Willens sowie auch eine Repräsentation der jahrhundertealten Allianz zwischen dem Adel und den zwei heiligen Orden. Eine Geste, die niemanden, der Siffs wahre Gedanken über den Fürsten kannte, überzeugen würde.

„Herrin Awerian?“, fragte eine Frauenstimme aus dem Inneren des Zelts. Siff hatte ihre Gefährtin von dem vorherigen Abend vergessen.

„Wollt Ihr nicht wieder ins Bett kommen?“

Siff zog das Zelt hinter sich zu. Trotz des Bettes mit der nackten jungen Frau darauf, einer Truhe mit Gewand, einem Schreibtisch, auf dem neben Papier und Feder zwei Krüge standen, und Gestellen für Rüstung und Waffen wäre in dem Zelt wahrscheinlich auch noch Platz für ihr Pferd gewesen.

„Ich habe noch nie vorher in einem Zelt geschlafen“, sagte die Frau, von der Siff sich zu erinnern glaubte, dass ihr Name Mara war. „Ich habe es mir immer sehr kalt vorgestellt. Kalt und nass.“

Zu Siffs Enttäuschung war einer der Krüge auf dem Schreibtisch leer. Als sie von dem anderen trank, stellte sie fest, dass es sich um Wasser handelte. Immer noch durstig stellte sie auch den wieder hin.

„Aber ich hatte unrecht“, fuhr Mara fort. „Es war sogar angenehm – dafür, dass alles zwischen uns und dem Regen nur dünner Stoff war.“

Siffs Rüstung war von Kerben und Spuren von Blut übersät, viele davon alt. Über die Jahre waren viele Teile ausgetauscht worden, sodass sie eine Mischung aus vielen verschiedenen Stoffen, Ketten und Platten war. Manche metallenen Teile waren noch glatt wie Spiegel, in denen sich Siff nicht gerne sah. Andere hatten ihren Glanz schon vor Jahren verloren. Auf der Brust des zerfledderten blau-silbernen Übermantels war eine leere Stelle, wo früher ein Wappen gesessen hatte. Anders als Ritter im Dienste des Adels, deren stählerne Anzüge auch ein Zeichen ihres Status waren, benötigte Siff keine schön aussehende Rüstung, um respektiert zu werden. Dafür sorgten ihre Taten und eine Krone.

„Wahrscheinlich lag es aber auch an der guten Gesellschaft. Es stimmt, was man sich über die Lachrimae erzählt. Stark, furchtlos und … ausdauernd.“ Mara lachte hell. „Ihr habt die Frauen am Hof meiner Mutter für mich ruiniert, fürchte ich.“

Gerade als Siff sich fragte, wo sie ihre Krone gelassen hatte, fiel ihr Blick auf Mara. Immer noch nackt auf dem Bett liegend hatte sie ihre Brust erwartungsvoll in die Luft gestreckt und ihren lustvollen Blick auf sie gerichtet. Auf ihrem Kopf ruhte die silberne Krone des maerlisischen Ordens, die Krone eines Gottes, Siffs Krone.

„Ich frage mich, liegt es an der Ausbildung seit dem Kindesalter, oder werden im Vorhinein nur so verblüffende Individuen ausgewählt? Oder ist es Euer Glaube, der Euch speziell macht? Bieten die Götter Euch Stärke im Gegenzug für Eure Hingabe, wie es in den Geschichten heißt?“

Als Siff zu dem Bett schritt, setzte Mara sich auf. Ohne Aufforderung öffnete sie Siffs Hemd, bevor ihre Hände weiter nach oben fuhren. Im Vergleich zu Siff, deren kraftstrotzender und dennoch anmutiger Körper der einer jungen Kriegerin war, wirkte Maras Körper dünn und zart, wie der einer reichen Dame, die in ihrem ganzen Leben weder Hammer oder Schwert geschwungen hatte. Keine Schwielen bedeckten ihre Handflächen oder Knöchel, keine Narben ihren Körper, wohingegen Siff davon mehr hatte als ihre Rüstung Kratzer. Eine davon spaltete ihre linke Wange bis zum Hals. Eine andere bohrte sich in den Rücken ihrer Schwerthand. Wieder andere zerfurchten ihren Rücken. Manche waren wie Trophäen auf ihrer Haut, Quellen von Stolz. Von manchen hatte sie vergessen, woher sie gekommen waren, und von anderen hätte sie es gerne vergessen. Maras Kopf zierte ein prächtiger brauner Schopf, der dunkler, glatter war als Siffs kastanienbraune Mähne, die eher der einer Löwin glich. Blau, klar und strahlend wie die großen Seen des Imperiums unter einer Sommersonne waren ihre Augen, anders als Siffs, die sich eine Farbe mit ihren Haaren teilten.

„Wenn Ihr Euch mit dieser Situation ... befasst habt, würde ich Euch gerne auf Eurer Rückreise begleiten. Ich wollte schon immer die hohen Mauern und goldenen Dächer der heiligen Stadt sehen, die vielen Schiffe aus aller Welt, die in dem großen Hafen anlegen. Mutter lehnt die Wahl meiner Gesellschaft ab, ich soll ja noch heiraten, aber dort würde mich niemand verurteilen, zumindest nicht an Eurer Seite. Immerhin … wer wagt es, der Gesandten eines Gottes vorzuschreiben, mit wem sie ihr Bett teilen kann?“

Als Mara Siffs Busen küsste, zog sich ein schneidender Schmerz entlang der fünf Narben, die ihre Brust entstellten.

Ohne ein Wort nahm Siff die Krone von ihrem Kopf, legte sie wieder auf den Schreibtisch, machte ihr Hemd zu und verließ das Zelt. Falls Mara noch etwas gesagt hätte, hätte sie es nicht gehört.

Je höher die rote Sonne stieg, desto mehr ihrer nun erwachten Brüder und Schwestern blickten gen Norden. Mehr in blaue Umhänge gehüllte Krieger, die ihre Schwerter schliffen und die Riemen ihrer Rüstungen enger zogen. Lachrimae zeigten keine Angst – das Ergebnis der anspruchsvollsten Ausbildung des Imperiums, der sie seit dem Kindesalter unterzogen wurden. Ungeduld war andererseits genauso weit verbreitet in ihrem Orden wie der Drang zu handeln. Wann immer Siff einen von ihnen passierte, legte er seine rechte Hand auf die Brust und verneigte sich leicht.

„Dominem presidis. Nos deuren“, rezitierten sie dabei in der Sprache der Götter.

Siff kannte jeden von ihnen, manche schon seit ihrer Kindheit. Sie kannte ihre Familien, ihre Liebhaber und Freunde. Sie wusste von ihren Wünschen und Ängsten. In ihrem erst kurzen Leben hatte sie mit ihnen gekämpft, geblutet, getrunken und zu viele von ihnen begraben.

Die Soldaten des Fürsten Rook hatten sich unter Siffs Brüder und Schwestern gemischt. Ihre offizielle Aufgabe lautete, den Orden darin zu unterstützen, die Geiseln zu befreien und die Nordmänner zu vertreiben. Eine Aufgabe, die sich wegen ihrer begrenzten Anzahl als schwierig erweisen würde. Siff konnte auch nicht anders, als zu bemerken, dass viele von ihnen entweder zu viele oder zu wenige Sommer erlebt hatten. Während sich einige der Soldaten bald endgültig auf ihre im Dienst verdienten Ländereien zurückziehen würden, waren andere gerade erst für ihre Pflichten gegenüber dem Imperium einberufen worden. Kein einziger Ritter, nur Infanteristen, und keiner unter ihnen hatte die hochnäsige Haltung, die Siff mittlerweile nur zu gut von jenen mit adeligem Blut kannte. Keine sehr vertrauenserweckende Entscheidung des Fürstenhauses. Trotzdem zeigten die Soldaten Eifer. Als Siff sich einer Gruppe von ihnen näherte, fielen sie gemeinsam auf die Knie, sagten aber nichts.

„Ame voiv“, sprach Siff.

Fragende Blicke waren die Antwort. Erst nach einigen Momenten erkannte sie ihren Fehler. Diese Soldaten waren nicht vertraut mit der Sprache der Götter.

„Erhebt euch“, wiederholte sie in der gewöhnlicheren imperialen Sprache. „Ihr könnt mit mir sprechen wie mit jedem eurer Landsleute.“

„Danke, Herrin Awerian“, sagte der Älteste unter ihnen und verneigte sich.

In seinem Gesicht waren Falten, in seinem Bart weiße Haare und auf seiner Rüstung weit weniger Abzeichen, als man erwartet hätte.

„Wir alle sind geehrt der Gesandten des Gottes Maerl zu dienen, auch wenn es nur vorübergehend ist.“

„Nennt mich Siff, wir sind nicht am Hof und ich bin keine Adelige Dame.“

„Ja, Herrin … Siff. Wird es denn eine Schlacht geben?“

„Wir werden sehen. Falls es dazu kommt, werden wir alle tun, was nötig ist.“

„Natürlich, dafür sind wir hier.“

„Wie ist dein Name?“, fragte Siff.

Einige Augenblicke verstrichen, bis er antwortete.

„Bjorn. Ich bin der Anführer dieses kleinen Haufens.“

„Bjorn, ein heidnischer Name.“

„Meine Mutter kam aus dem Norden.“

„Wie auch die meine. Ich habe eine Aufgabe für dich.“

„Ich bin bereit meinen Teil für das Imperium zu tun“, sagte Bjorn mit Stolz. „Das Gleiche gilt für meine Männer.“

Seine Soldaten, junge Burschen und alte Männer, nickten.

„Ich werde nur deine Dienste benötigen, Bjorn. Es könnte aber gefährlich werden. Es liegt keine Schande darin, abzulehnen.“

„Niemals, Herrin. Ich bin bereit.“

„Dann hör gut zu, Bjorn. Geh über die Brücke. Trage einen Zweig, umwickelt mit einem weißen Band, in das Lager der Nordmänner. Sprichst du die Sprache der Heiden?“

„Nicht viel.“

„Sag ihnen nur das Wort Taelh. Sie werden verstehen. Nachdem sie dich zu ihrem Anführer gebracht haben, übermittle ihm, dass ich ihn gemäß den alten Gesetzen seiner Götter zu einem Eanvhenn herausfordere. Seine Götter wie auch jeder Mann hier sind Zeugen der Herausforderung sowie auch des Schwurs, der damit einhergeht. Mögen alle Zeugen, sterblich oder nicht, mich niederstrecken, falls ich den Regeln dieser Tradition nicht Folge leisten sollte.“

Bjorn, seine Soldaten sowie auch ihre Brüder und Schwestern blickten Siff an, als hätten sie eine Löwin sprechen gehört. Ihre Münder waren offen voller Überraschung. Unsicherheit in ihren Augen. Dennoch erhob sie wieder das Wort:

„Gemäß den Regeln des Eanvhenn bestimme ich die Brücke auf halber Strecke zur Mittagszeit als Ort und Zeit des Kampfes. Im Gegenzug kann er die Waffe wählen, mit der ich kämpfen werde, wie es die Regeln besagen. Als Preis kann er im Falle seines Sieges dieses besetzte Land, aber nicht mehr, und meinen Kopf als Trophäe nehmen und ihn jedem zeigen, der an seiner Sache und seiner Stärke gezweifelt hatte, und von seinem Sieg in der Schlacht gegen das Imperium berichten. Falls er allerdings stirbt, werden seine Männer unverzüglich die Geiseln freilassen und wieder gen Osten segeln.“

Einige Momente verstrichen, bis Bjorn wieder sprach.

„Ich glaube, ich habe Euch nicht richtig gehört, Herrin.“

„Es ist Siff, und das hast du.“

„Das Eanvhenn ist …“

„Ein heidnischer Ritus, ich weiß“, unterbrach sie ihn. „Ich kenne ihre Traditionen und Gewohnheiten gut.“

„Ich habe Geschichten von Baldur gehört, seid Ihr Euch sicher, dass …“

„Bin ich. Vertraue meinem Befehl, wie ich dir mit dieser Aufgabe vertraue. Geh über die Brücke und überbringe meine Nachricht. Und vergiss den Zweig mit dem weißen Band nicht. Dein Leben und der Erfolg dieser Mission werden davon abhängen.“

„Ja … Sofort.“

Kurz bevor Bjorn sich verneigte, sprach Siff noch einmal:

„Noch etwas, Bjorn …“

„Was wünscht Ihr?“

„Nimm ein Stilett mit, eines, das du in der Sohle deines Stiefels verstecken kannst. Falls Baldur die Herausforderung nicht annimmt und sie dich gefangen nehmen, töte die anderen Geiseln und dann dich selbst. Es wäre eine Gnade und zu deinem Besten.“

Bjorn zögerte, nickte aber schließlich.

„Natürlich.“

„Bjorn!“

„Ja?“

„Viel Glück.“

„Danke … Siff.“

*********

„Nicht immer hat unser Volk hier gelebt. Nicht lange ist es her, seitdem man uns vertrieben hat, seitdem man uns den Norden und die Grünfänge, unser früheres Zuhause, weggenommen hat. Sterben, ihre Herrschaft anerkennen oder fliehen. Das Imperium kannte kein Mitleid. Sterben will niemand, egal wie tapfer. Wie Hunde an ihrer Leine leben wollten wir auch nicht. Deswegen leben wir jetzt hier, in den Ländern von Eis und Frost.“

Immer wieder hörte Ragnar die Worte seines Vaters. In solchen Momenten dachte er oft an die Geschichten, die er ihm und seinem Bruder in der Kindheit erzählt hatte.

Rot blitzte die Klinge unter der fast mittäglichen Sonne. Wind vom Norden, der die grünen Weiten gen Süd aufwirbelte wie ein tosendes Meer aus Gras, strich entlang der Waffe. Es klang, als würde der gespaltene Stahl singen. Ragnar konnte nicht sagen, ob es ein trauriges oder ein bedrohliches Lied war, aber jedes Mal, wenn er es vernahm, rann es ihm kalt den Rücken hinunter. Baldur hatte den Dolch, der einmal ein Schwert gewesen war, seit dem vorigen Abend nicht aus den Händen gelegt. Seine linke Hand hielt schon seit der Dämmerung den ungewöhnlich langen Griff, der eigentlich für ein Langschwert gedacht war, während seine rechte Handfläche gegen die abgebrochene Schneide drückte. Ein wenig Blut floss entlang der breiten Klinge, wo im Sonnenlicht Runen erglommen. Ragnar kannte den eingravierten Spruch wie jeder Heide, der sein Leben im Exil gen Osten verbracht hatte.

Sang air Sang!

Bhaes air Bhaes!

Aeskaen air Aeskaen!

Ein Ruf nach Blut, nach Tod und Asche.

Unter Baldur, der am Rand der steinernen Klippen saß, tobte das Meer, auf dem ihre Schiffe hierhergesegelt waren. Wellen brachen brutal gegen Stein wie Männer gegen einen Schildwall. Selbst hundert Fuß über dem Wasser erreichte sie noch der salzige Sprühnebel, den die Brandung die Steinwände hochtrieb. In den alten Liedern hieß es, Mittheim habe sich aus den Körpern der heidnischen Götter geformt. Von ihrem Knochen komme die Erde, auf der sie wandelten. Von ihrem Fleisch die Tiere, die sie aßen. Von ihren Zähnen und Nägeln die Berge, die sie bestiegen. Von ihrem Atem der Wind, der in ihre Segel blies und ihre Banner prächtig wehen ließ. Von ihren Haaren die Wälder, in denen sie jagten. Von ihrem Blut und ihren Tränen die Ozeane, auf denen sie segelten und wohin sie zurückkehren würden nach ihrem Tod. Anders als jene Götter der Imperialen waren die heidnischen nie gestorben. Überall, wo es Leben gab, lebten auch sie weiter. Immer noch sehend, wissend und mächtig.

„Was ist los, Bruder?“, fragte Baldur, mit dem Blick immer noch gen Süden gerichtet, wo unter dem blau-silbernen Banner Hunderte kleinere Fahnen im Wind wehten.

Gleichmäßig hoben und senkten sich die Runen, die auf seine nackte breite Brust tätowiert waren, beim Atmen.

„Du siehst scheiße aus, Ragnar.“

„Du hast mich nicht einmal angesehen“, antwortete Ragnar, dessen Blick ebenfalls auf den grünen Weiten lag.

„Du siehst immer scheiße aus.“

„Du hast Vaters gutes Aussehen geerbt und dafür nichts von seinem Verstand, Bruder.“

Baldur lächelte, aber nur für einen Moment.

„Ich hatte mir das Land unserer Vorfahren anders vorgestellt“, sagte er. „Ich hatte mir hohe Berge und dichte Wälder vorgestellt, wie Niedheim in den alten Liedern beschrieben wird.“

„Du meinst wie zuhause?“

„Unser Zuhause ist vor uns, besetzt von Fremden.“

„Vielleicht hat dieses Land einmal so ausgesehen, vor dem Imperium und deren Göttern“, fuhr Ragnar fort. „Weißt du wie sich die imperialen Krieger das Leben nach dem Tod vorstellen?“

Baldur zuckte mit den Schultern.

„Viele nackte Weiber und so viel Met, wie man trinken kann?“

„Unendliche grüne Wiesen, fruchtbare Felder und klare Seen, wo es keinen Hunger gibt und ein Mann mehrere Leben lang neue Orte der Schönheit entdecken kann, ohne je an Grenzen zu stoßen. Hochgarde nennen sie es.“

„Klingt nach einem ewigen Ruheplatz für Bauern, nicht Krieger.“

„Kommt auf den Bauern an. Und auf den Krieger.“

„Wenn sie unbedingt da hinwollen, soll mir das recht sein. Ich werde sie persönlich dorthin schicken.“ Schwarzes Blut tropfte von der gebrochenen Klinge. „Anfangen werde ich mit ihr. Lange genug hat sie unser Volk terrorisiert.“

„Du weißt, dass sie die Beste der Lachrimae ist?“

„Es ist ein Eanvhenn. Die Götter waren Zeuge ihrer Herausforderung. Man kehrt den alten Riten nicht einfach so den Rücken.“

„Ihre Zeugen waren ein Haufen Imperialer, die sich so viel um unsere Riten scheren wie eine Kuh darum, wohin sie ihre Haufen fallen lässt. Sie benutzt unseren Glauben gegen uns. Darin hat sie Erfahrung. Du solltest das am besten wissen.“

Als Baldur aufstand, rasselten die Knochen, die in seinen roten Bart geflochten waren. Ragnar hatte vergessen, wie groß sein Bruder war.

„Willst du mich stoppen, Bruder?“

„Eanvhenn oder nicht, ihre Herausforderung anzunehmen ist unklug. Es hat so lange gebraucht, das hier vorzubereiten. Die Schiffe zu bauen, die Routen zu planen, den richtigen Moment zu erkennen, die richtigen Männer zu überzeugen, die Geiseln zu überraschen … Warum willst du all das aufs Spiel setzen? Hilf mir, es zu verstehen, Bruder.“

„Der Preis ist dieses Land. Falls ich gewinne, gehört es rechtmäßig uns.“

„Falls sie sich daran halten.“

„Wenn sie es nicht tun, wird es in jeder heidnischen Stadt des Nordens Aufstände geben. Und diese Siff … sie ist die Gesandte einer ihrer Zwillingsgötter. Eine Königin, Kriegsherrin und Schamanin zugleich. Mit ihrem Tod werde ich nicht nur ihre Armee und ihr Volk, sondern auch ihren Glauben schänden. Viele andere Clans werden sich uns anschließen, wenn ihnen der Klang meines Sieges zu Ohren kommt und ich ihnen ihren Kopf auf einem Spieß präsentiere. Du hast die Schamanen gehört. Sie haben ein Zeichen erhalten. Ein Echo nannten sie es. Es ist Zeit.“

„Vielleicht haben die Schamanen wirklich die Stimmen der Götter gehört. Ihr Echo. Aber das heißt nicht, dass unser Sieg garantiert ist. Und du kannst vielleicht die anderen mit dieser Ansprache überzeugen, aber nicht mich.“

Ragnar zeigte auf das Lager in den Hügeln hintern ihnen. Hunderte Speere blitzten in der roten Morgensonne.

„All das wäre nicht ohne mich. Der Skalde schreibt vielleicht deinen Namen in die Lieder, aber wir haben das hier gemeinsam aufgebaut.“

Ragnar hatte nicht gemerkt, dass er lauter geworden war. Glücklicherweise war niemand in der Nähe, der ihn hätte hören können.

„Nach all den Jahren verdiene ich deine Ehrlichkeit!“, schrie er. „Ich will die Wahrheit!“

Zum ersten Mal wanderte Baldurs Blick weg von dem südlichen Horizont. Er sah das Blut auf der blitzenden Klinge.

„Niemand wird die Wahrheit singen. An die Wahrheit wird man sich nicht erinnern.“

Wellen brachen gegen die Klippen zwischen zwei Kontinenten, als die rote Sonne fast Mittag zeigte. Baldurs gebrochene Klinge sang im Wind. Ragnar konnte nicht sagen, ob es ein trauriges oder ein bedrohliches Lied war.

„Es ist Zeit.“

*********

„Nach dem, was in Vichtenstein geschehen war, konnte ich es nicht ertragen sie zu verlieren ...“

„Höre doch auf mich, Siff, ich bitte dich!“, wiederholte Ewan, der Älteste unter ihnen und ein Veteran hunderter Schlachten. „Wir können so ein Risiko nicht eingehen.“

„Ich kann. Ich werde niemanden von euch auf dieser Brücke opfern und länger rumsitzen ist keine Option.“

„Nimm wenigstens einen von uns mit“, warf Kirstin ein.

Während des Redens half sie John mit Siffs Rüstung. Platten wurden angebracht, Gurte festgeschnallt. Ewan saß bei dem Schreibtisch und verzog das Gesicht. Sein Bein machte ihm heute schwer zu schaffen.

„Niemand muss es wissen.“

„Die Nordmänner werden es wissen. Es würde gegen die Regeln des Eanvhenn verstoßen. Wenn ich so gewinne, werden sie die Abmachung nicht einhalten, ein anderer wird Baldurs Platz einnehmen und wir werden ohnehin angreifen müssen. Außerdem werde ich nie wieder mit ihnen verhandeln können, falls ich jetzt die Regeln breche. Ehre bedeutet den Heiden viel und sie vergessen nicht leicht.“

„Scheiß doch drauf, Siff!“, sagte Kirstin mit gehobener Stimme.

Heute zog sie die Riemen besonders eng. Früher war sie schon mal feinfühliger gewesen.

„Verhandlungen mit denen haben uns noch nie weitergebracht.“

„Vielleicht, aber was ist die Alternative? Falls ich die Regeln jetzt breche, wird er nur zu einem Märtyrer und Friede wird nicht möglich sein“, erwiderte Siff.

„Es wird auch keinen Frieden geben, wenn du da draußen stirbst“, sagte John. „Oder glaubst du, deine Mutter wird ihn dieses Land behalten lassen? Du hast die Geschichten von diesem Baldur gehört. Wenige im Imperium werden sich dafür interessieren. Ob fair oder nicht, wenn er dich umbringt, ist Krieg unvermeidbar.“

„Dazu wird es nicht kommen.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich schon mehr Baldurs getötet habe, als wir zusammen Sommer gesehen haben.“

„Woher weißt du überhaupt, ob sie die Abmachung einhalten, wenn du gewinnst?“, fragte John.

„Würde er bei einem Eanvhenn betrügen, würde er nicht nur Schande über sich selbst bringen, sondern auch über alle unter seinem Banner, und ein anderer Kriegsherr würde auserwählt werden. Je nachdem, von welchem Clan sein Nachfolger ist, würden sie ihm dann als Rache entweder lebend den Brustkorb nach außen kehren, oder ihn als ehrenlosen Feigling und Schwurbrecher im Gesicht brandmarken und ins Exil schicken.“

„Barbaren …“, spuckte Ewan.

„Barbaren vielleicht, aber berechenbar. Zumindest vorhersehbar genug.“

„Und auf deren Götter hast du einen Eid geschworen? Dem Klerus wird das sicher nicht gefallen. Ich kann schon die Ansprachen des obersten Priesters hören … Ganz zu schweigen von den Fürsten, denen wird es nicht gefallen, dass du einen ganzen Strich Land so aufs Spiel setzt.“

„Die Fürsten müssen es nicht erfahren und scheiß drauf, was der Klerus denkt.“

„Ich meine es ernst, Siff. Indem du deren Riten würdigst, beleidigst du unseren Glauben. Du als Gesandte solltest solche Dinge vor allem ernst nehmen.“

„Zweifelst du an meiner Hingabe an die Götter?“

„Nein. Ich bin dein Bruder, ich kenne dich, daher verstehe ich dich auch, genau wie der Rest des Ordens, aber dasselbe kann ich nicht von der Kirche behaupten. Du weißt, wie die sind.“

„Wenn sie ein Problem mit meinen Methoden haben, sollen sie ihre fetten Hintern aus ihren Gotteshäusern und auf ein Schlachtfeld bewegen! Wenn sie sich durch einen Haufen von zerstückelten Leichen gekämpft haben, wenn sie Männer, halb so alt wie sie, getötet haben und ihre Geschwister, die für das Imperium gestorben sind, begraben haben, dann – und nur dann – können sie mich darüber belehren, wie ich meine Götter ehren soll!“

Plötzlich war es wieder still, bis auf das sachte Rascheln der nassen Gräser und den weit entfernten Klang von Wellen, die gegen Stein brachen.

„Du weißt, dass das nicht das einzige Problem an deinem Plan ist“, sprach Ewan und durchbrach die Stille. „Wenn dein Plan aufgeht, wird eine komplette Flotte von Nordmännern, die schon eine Rebellion angefangen haben, wieder ins Exil zurückkehren.“

„Ich weiß.“

„Den Adeligen wird nicht gefallen, dass du sie einfach so gehen lässt, und damit werden sie nicht die Einzigen sein. Es wird Konsequenzen haben.“

„Ich weiß, aber es ist meine Verantwortung ... Ich bin müde.“

„Du musst das nicht machen.“

„Es gibt nichts, was ich sonst machen könnte.“

Als John und Kirstin ihr den blauen Übermantel, der sie als Lachrimae auszeichnete, angelegt hatten, waren sie fertig. Selbst bei dem frischen Wetter schwitzte Siff unter dem dicken Gambeson, den Ketten und dem metallenen Panzer, aber daran war sie gewöhnt.

„Vertraut mir“, sagte Siff. „Das ist ein Befehl.“

„Jawohl“, bekundete John. „Komm heil wieder zurück.“

„Werde ich.“

Kirstin schloss Siff in die Arme, wobei sie sprach:

„Lass ihn bereuen, dass er sich mit uns angelegt hat.“

„Mit Vergnügen.“

Schließlich gab auch Ewan nach.

„Na schön“, sagte er resigniert. „Du bist so stur wie deine Mutter, weißt du das?“

Er reichte Siff ihren zweihändigen Kriegshammer, der so schwer war wie ein kleines Kind, sowie auch ihren Visierhelm, der mit den zwei dünnen Augenschlitzen und den Zacken, die an eine Krone erinnerten, jedem, der ihn trug, eine bedrohliche Ausstrahlung gab.

„Möge Maerl über dich wachen. Viel Glück“, sagte er. „Hüte dich vor Baldur. Unterschätze ihn nicht.“

„Werde ich nicht. Versprich mir, dass du die beiden davon abhältst, mir zu folgen, alter Mann.“

Ewan lächelte.

„Woher weißt du, dass ich dir nicht folgen werde, Mädchen?“, fragte er.

„Du wärst nicht schnell genug, um mich aufzuhalten“, antwortete Siff, ebenfalls lächelnd.

Der Klang eines heidnischen Horns rollte wie Donner über die Brücke. Es war Zeit. Siff spürte, wie Schweiß über ihren Körper lief, als das Echo das Land nochmals erschütterte. Die Frage, ob der Ruf jenes grässlichen Horns in den Heiden ein ähnliches Gefühl hervorrief wie die hellen, aber dennoch mächtigen zum Gebet rufenden Glocken der heiligen Stadt, war nur eine von vielen, die in jenem Moment in Siffs Kopf erklangen. Obwohl ihr Baldur am anderen Ende der Brücke kaum größer als ein Daumen erschien, war sein Schatten lang. Dessen dunkle Silhouette hob sich von der durch die Sonne rot gefärbten Brücke ab und zeigte wie die Spitze eines Schwertes auf Siff.

Siff hörte, wie hinter ihr das Tor geschlossen wurde, wie sie es befohlen hatte. Auch ohne zurückzublicken, wusste sie, dass sie viele besorgte Blicke begleiteten. Lachrimae zeigten keine Furcht im Angesicht des Todes, aber sehr wohl Sorge um ihre Brüder und Schwestern.

Der erste Schritt war schwer, der zweite nicht weniger.

Über ihr türmten sich die steinernen Abbilder lang toter Krieger. Manche sahen mit Apathie auf sie herab, während sie über die Brücke schritt. Andere beachteten sie nicht, immer noch gefangen in ihrem ewigen Moment. Unter ihr rauschte das Meer, das zwei Kontinente trennte. Kraftvoll zerschellten die Wellen gegen die hohen Klippen des Kanals.

Baldur war groß. Ein Eindruck, der durch den enormen beschlagenen Rundschild auf seinem Rücken noch verstärkt wurde. Selbst unter den Ketten, Schuppen und Fellen konnte man eine außerordentlich muskulöse Figur erkennen. Hinter seinem Helm, der wie ein Schädel geformt war, glühten zwei Augen. Blau wie Eis im Mondschein. Darunter leuchtete ein roter Bart hervor, in den Knochen eingeflochten waren. Seine linke Hand ruhte an seiner Hüfte, auf dem Griff seines Schwerts, seine rechte hielt einem Gefangenen eine Klinge an den Hals. Es war Bjorn, gebunden, geknebelt und nur eine falsche Bewegung von einer durchtrennten Kehle entfernt.

„Ich habe schon viel über Euch gehört, Eure Heiligkeit“, sagte Baldur höhnisch in der heidnischen Sprache.

Trotz der rauen Boshaftigkeit, die darin lag, klang seine Stimme jung, jünger als Siff.

„Ich weiß, das ist nicht die Begrüßung, die Ihr gewohnt seid, aber ich hoffe, Eure Heiligkeit ist nicht beleidigt, weil ich Euch nicht die Füße küsse, oder darüber, wie ich Euren Freund hier behandelt habe. Euch Imperialen kann man nicht vertrauen. Wer weiß, was er getan hätte, hätte ich ihn aus den Augen gelassen.“

„Lass ihn gehen“, verlangte Siff. „Er ist nur ein Gesandter. Das hier ist zwischen uns beiden. Es würde keine Ehre in seinem Tod liegen.“

„Wenigstens besitzt du die Höflichkeit unsere Sprache zu lernen, wenn du in unsere Länder eindringst und unser Volk versklavst. Das macht dann zumindest eine von euch.“

Mit einer gleichgültigen Handbewegung schnitt der Nordmann Bjorns Kehle auf.

„Damit hast du ihm einen schnellen Tod gekauft.“

Siff wollte bereits auf ihn zustürmen, um seinen Schädel unter dem Gewicht ihres Hammers wie eine Nuss knacken zu lassen, hielt sich jedoch nach einem Schritt zurück.

„Wieso? Eanvhenn! Ein Kampf nur zwischen uns beiden! Eine Herausforderung gemäß den alten Riten.“

„Ich hatte insgeheim gehofft, du würdest persönlich hierherkommen, um uns zu stoppen. Viele von meinem Volk fürchten sich vor dir. Von deinem Tod durch meine Hand würde man ewig singen, dachte ich zumindest. Jetzt, wo ich dich so sehe, zweifle ich daran. Du kannst unmöglich die sein, die so viele getötet hat.“

„Antworte! Wieso?“

„Er war ein Imperialer. Ein ehrenloser Hund wie ihr alle.“

„Du hast kein Recht das zu sagen. Du besitzt nicht genug Ehre, um deinen Namen in Lieder geschrieben zu haben.“

„Deine Beleidigungen sind hohl, genau wie deine Chance die goldene Stadt wiederzusehen. Du wirst kopflos durch deine Felder und Wiesen wandern.“

„Eanvhenn! Kämpfe und stirb!“

„Du weißt nicht, wie sehr ich es genieße, dich so zu sehen. Ich kenne die Wut in deinen Augen gut. Wisse, dass ich nach deinem Tod weiter nach Süden ziehen werde. Deine Geschwister und dein Imperium erwartet dasselbe Schicksal wie dich. Zum ersten Mal seit achthundert Jahren haben unsere Schamanen wieder die Stimmen der Götter gehört. Ein Echo, das ihre Rückkehr vorhersagt. Sang air Sang. Bhaes air Bhaes. Aeskaen air Aeskaen.“

Mit einer abweisenden Handbewegung warf Baldur ihr etwas entgegen. Ein gebrochenes Etwas surrte durch die Luft und blitzte rot, bevor es klirrend auf dem Stein aufkam. Vor Siff lag eine breite gesplitterte Klinge, die mit Runen versehen war, kaum länger als ein Dolch, die an einem langen Holzgriff befestigt war. Bjorns Blut klebte an der gesplitterten Schneide.

„Das Schwert meiner Geliebten“, sagte Baldur. „Sie hatte für unser Volk gekämpft, genau wie ich.“

„Ich habe sie getötet?“

„Du erinnerst dich an die Klinge?“

„Nein. Es war geraten.“

Baldur zog Schwert und Schild. Siff stellte den Hammer ab, wobei der steinerne Boden darunter riss, und hob den Dolch, der einst ein Schwert war, auf.

Langsam kam Baldur ihr entgegen, groß und breit wie ein Bär, den Schild vor seinem Körper wie einen Wall aus Holz und Stahl. Das Schwert in seiner Hand, stichbereit wie der Schwanz eines Skorpions. Seine eisigen Augen, wie die eines Adlers, wachsam auf der Suche nach einer Schwachstelle.

Nur mit der gespaltenen Waffe einer namenlosen Toten in ihren Händen blieb Siff stehen. Den Kopf geneigt, um nicht von der Mittagssonne geblendet zu werden.

Schließlich stach er zu, traf aber nur Luft, während ihre gebrochene Klinge im Schein der Sonne wie ein roter Blitz glomm. Es war das Letzte, was Baldur sah, bevor der gesplitterte Stahl ein letztes Mal sang.

Schwert wie auch Schild ließ er fallen, um die Blutung zu stoppen. Tiefdunkles Blut rann aus seinem Hals und Mund über seinen roten Bart. Ängstlich sahen seine eisblauen Augen Siff an. Sie kehrte ihm den Rücken zu, als er versuchte noch etwas zu sagen, aber stattdessen nur noch mehr gurgelnde Geräusche spuckte. Stille, bis auf das Toben der Wellen unter ihnen, legte sich wieder über das Land, als sie die gebrochene Klinge fallen ließ und der Gesang des Stahls damit für immer verstummte.

Während Baldur an seinem eigenen Blut ertrank, schloss Siff Bjorns leblose Augen und trug seinen Körper gen Süden, wo man ihn begraben würde. Sie würde dem Begräbnis beiwohnen, genau wie die Frau und die zwei Kinder des Mannes, den sie in den Tod geschickt hatte.

Ein Lied wurde über jenen Tag verfasst. Banner im Wind handelte von Siff Awerian, der Löwin des Imperiums, der Gesandten des Gottes Maerl und Anführerin des maerlisischen Ordens, und ihrem Sieg über Baldur den Roten. Von der Schlacht, die mit nur einem Streich gewonnen wurde. Es handelte davon, dass sie nicht nur die gefangenen Geiseln befreit, sondern auch die rebellischen Nordmänner wieder zurück in ihr Exil gen Osten gezwungen hatte. Es wurde gesungen in Schankhäusern, großen Hallen und Palästen. Im gesamten Imperium und dann in allen Ecken Mittgardes. Selbst im hohen Norden, wo weiter das Imperium herrschen würde, konnte man es gelegentlich hören.

Siff hasste es – wie alle Lieder, die über sie verfasst worden waren.

Wenn Fremde auf fremden Ländern wandeln

„Nachdem im ersten Krieg so viele der Götter auf beiden Seiten gestorben waren, schlossen sie Frieden. Nicht weil sie sich vergeben hatten, sondern weil beiden Seiten klar wurde, dass ein Andauern des Konflikts mit größter Wahrscheinlichkeit ihre totale Auslöschung zur Folge hätte. Ironischerweise wurde schließlich das Ende der Götter nicht durch Hass, sondern durch Liebe eingeleitet. Iduen, die aetherische Göttin der Schönheit und Fruchtbarkeit, verliebte sich in einen von Baeldurs Erben. Sogar ein Kind schenkte sie ihm.“

Seite 23, dritter Paragraf aus „Geschichten und Lieder Mittgardes“

„Scheiße.“

Es war selten so kalt um diese Jahreszeit. Eilig, um nicht zu frieren, stieg Will aus dem Fluss und trocknete sich ab. Kalter Wind aus dem Norden ließ die trockenen Gräser rascheln.

„Der Winter ist vorbei, verdammt. Wer hat euch schon wieder angepisst, dass ihr uns so ein Wetter schickt?“, fragte er niemanden Bestimmten, während er sich wieder seine Kleider überstreifte.

Seinen Blick immer noch auf die mit dicken, grauen Wolken verhangene Einöde gerichtet und seine Axt, genau wie sein Schild, griffbereit. Meilenweit sah er jedoch nichts außer trockenen Feldern und toten Bäumen, deren gesplitterte Rinde nicht selten an Gesichter erinnernde Formen annahmen. Am schlimmsten waren jene, die aussahen, als würden sie lachen. Nebel verdeckte den Horizont, so dicht, dass die vier Säulen der Welt, die höchsten Berge Mittgardes, in der Ferne kaum noch zu sehen waren. Immer wieder versuchten Entdecker, Magier und waghalsige Abenteurer, ihr Banner auf die Spitzen jener Berge zu pflanzen. Kaum einer kehrte je zurück. An ihren schneebedeckten Spitzen, im Schein der Morgensonne rot glänzend, orientierte er sich, wenn er durch die Niemandsländer des Südens streifte. Diesmal machten es ihm die dicken dunkelgrauen Sturmwolken, die mit dem Nordwind kamen, schwer. Seit fast einer Woche beobachtete er die sich langsam bewegende Front des Unwetters. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie die Stadt erreichen würden. Wenn sie Glück hatten, wenige Tage. Bis dahin wäre er aber glücklicherweise wieder zuhause. Er müsste nur dem Fluss weiter stromabwärts folgen, um wieder nach Torean, zur letzten überlebenden Stadt des Südens, zu gelangen.

Wieder trocken und angekleidet durchsuchte er seinen Rucksack. Wie erwartet war innen alles trocken geblieben. Seinen Rucksack aus gewachstem Leder, oben dreimal umgeschlagen, hatte er sich extra anfertigen lassen. Neben den Rationen, Seilen, Schleif- und Feuersteinen, der Kleidung zum Wechseln und Decken, dem Messer und dem Spaten befand sich ein Buch, gebunden in schwarzem Leder, das Feuchtigkeit nicht vertrug. Darin waren seltene Schilderungen über die letzten Jahre der zweiten Welt bis hin zu ihrem tragischen, aber legendären Ende niedergeschrieben. Der Drachenfall, der zweite Kataklysmus, das Ende und Schicksal der Götter. Es gab ebenso viele Namen wie Legenden und Lieder zu jenem Ereignis. Natürlich hatte beinahe jedes Volk seine eigenen Interpretationen der Geschichte entwickelt und es bestand nur in einer Handvoll wesentlicher Punkte ein Konsens. Die Kinder der Götter, halb sterblich, halb Götter, hatten sich gemeinsam mit den Menschen gegen ihre Eltern aufgelehnt und in dieser einen letzten Schlacht hatte ihr Feuer beinahe ganz Mittgarde verschlungen. Keiner der Götter hatte. Nur die Menschheit war inmitten von Glut und Asche zurückgeblieben.

Darüber hinaus war das meiste nur Spekulation. Will hoffte, in jenem Buch eine genauere Darstellung der Ereignisse zu finden, wenn er es einmal übersetzt und studiert hatte. Ihm war bewusst, dass er seine Erwartungen damit wahrscheinlich zu hoch ansetzte, immerhin war die Wahrheit über den Drachenfall zu erfahren eine Herausforderung, an der Gelehrte aus aller Welt schon seit Jahrhunderten scheiterten. Dennoch hatte er fast zwei Jahre damit verbracht, den Aufenthaltsort jenes Buches aufzuspüren. Danach war er drei Wochen lang durch das Niemandsland des Südens gereist, durch Ruinen und leere Felder, um die Bibliothek in Klarwasserhall zu erreichen. Normalerweise wäre er nie so weit in den Süden gereist. Seit Beginn der dritten Welt galt der Süden als verflucht, denn vor langer Zeit hatte hier eine große Schlacht stattgefunden. Mehrere Götter und zahllose Menschen hatten hier einst ihr Leben verloren. Obwohl ihre Leichen schon längst unter Stein und Erde begraben und ihre Namen vergessen waren, konnte man ihre Anwesenheit noch spüren. Ein leichtes Kribbeln in den Fingerspitzen. Das Gefühl ständig etwas im Augenwinkel zu sehen. Merkwürdige Sternenkonstellationen in der Nacht, die das Navigieren nicht einfach machten. Die sonderbare Art, wie das Licht durch die Wolken brach und kuriose Schattenspiele kurz vor dem Sonnenuntergang erzeugte. Die unheimliche Stille, nur gebrochen von heulendem Wind. Früher war es weniger furchteinflößend gewesen, aber seit dem Krieg war es schlimmer geworden. Will wie auch die anderen Überlebenden verließen nie ohne guten Grund die Stadt. Wenigstens konnte ihn niemand mehr daran hindern, das Buch an sich zu nehmen, nun, da von seinen adeligen Besitzern nichts mehr übrig war außer staubigen Knochen. Zwischen wertlosen Fälschungen und Ramsch war es begraben gewesen. Dass den Adeligen all die Jahre nicht einmal bewusst gewesen war, welchen Schatz sie besaßen, war nur eine von vielen Unzulänglichkeiten, die ihre einstige Herrschaft beschrieb.

Als Will schon seinen Rucksack aufnehmen wollte, hörte er plötzlich etwas hinter sich im Wasser. Leise, aber dennoch wahrnehmbar. Etwas, das sich abhob von dem Plätschern des Flusses. Bevor er sich umgedrehte, war seine Axt hiebbereit in der einen Hand und sein Schild schützend in der anderen. Hinter ihm war nichts außer grauen, toten Bäumen. Farblose Blüten wanden sich schlaff im pfeifenden Wind. Trockenes Gras raschelte. Gesichter, eingeschlossen in toter Rinde, lachten ihn höhnisch an. Auch vor ihm im Fluss konnte Will nichts Auffälliges über den Rand seines Schildes erspähen.

Langsam, um nicht aus dem Nebel überrascht zu werden, bewegte er sich nach vorne, den Schild immer noch schützend vor dem Körper. Als er näher kam, sah er Blut. Ein dünner roter Schleier, der sich durch das Wasser zog. Vorsichtig ging Will weiter stromaufwärts. Immer wieder war Blut zu erkennen. Nicht viel, aber genug, um inmitten des sonst glasklaren Flusses erkennbar zu sein. Es konnte nicht weit sein. Zu seiner Verwunderung fand er einen Menschen. Eine regungslose Frau, eingeklemmt zwischen zwei Felsen. Lange, im düsteren Licht des Südens rotorange schimmernde Haare schwebten wild ausgebreitet an der Wasseroberfläche, sodass es aussah, als würden Flammen ihren Kopf krönen. Will beeilte sich zu ihr zu kommen. Bis zu den Hüften reichte ihm das reißende, eiskalte Wasser. Es dauerte nicht lange, bis seine Beine taub wurden. Als er näher kam, ließ ihr Anblick ihn innehalten. Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Rotbronzene Ornamente schmückten ihr Gesicht, das so weiß war wie die Schneekronen in der Ferne. Selbst mit seinen vierzig Wintern hatte er noch nie jemanden mit so milchig weißer Haut gesehen. Genauso ungewöhnlich für den Süden war die kupferne Haarfarbe. Man erzählte sich, hoch im Norden wäre jeder kreidebleich, aber noch nie hatte er von so reiner, schneeweißer Haut gehört. Sie schien bewusstlos zu sein, aber ihr Brustkorb hob und senkte sich noch. Die Kälte stach in seine Beine und erinnerte ihn daran, dass es höchste Zeit war, aus dem kalten Wasser zu kommen.

Für ihren schlanken Körperbau war sie ungewöhnlich schwer. Zu schwer, um sie tragen zu können. Er griff mit beiden Händen unter ihre Achseln und zog sie hinter sich her, ans Ufer. Will hatte schon Krieger in voller Rüstung über Schlachtfelder geschleift, die leichter gewesen waren als diese Frau.

Bei den Göttern. Hat sie Knochen aus Eisen?

Am Ufer angekommen rannte er stromabwärts, um seine dort zurückgelassene Ausrüstung zu holen. Die Frau benötigte Wärme und einen Verband für eine Wunde an ihrem Oberschenkel. Wieder bei ihr, zog er ihr die nassen Sachen aus. Einen Mantel, einen Umhang mit Kapuze, eine schwarze, ärmellose Weste, Lederstiefel, eine Hose, nichts Außergewöhnliches. Während er damit beschäftigt war, sie aus den tropfnassen Kleidern zu schälen, machte sie plötzlich die Augen auf. Gelb wie im Sommersonnenlicht glänzende Zitrine. Will war noch niemandem mit so einer Augenfarbe begegnet. Zuerst bewegte sie den Kopf noch schwerfällig. Als sie jedoch bemerkte, dass er sie gerade auszog, stieß sie ihn weg. Es lag nicht viel Kraft darin, aber dennoch wich Will zurück. Die Frau versuchte aufzustehen, aber bevor sie sich ganz aufrichten konnte, verlor sie erneut das Bewusstsein. Er fing sie auf und legte sie wieder auf eine trockene Decke. Während er ihre immer noch blutende Schnittwunde versorgte, fiel ihm auf, dass auch der Rest ihres Körpers mit denselben merkwürdigen Bemalungen überzogen war wie ihr Gesicht. Auf ihren Schulterblättern, entlang ihrer Wirbelsäule, über ihre Brust bis zu den Fingern und Zehenspitzen. Vorerst benutzte er seinen Gürtel, um ihre Wunde abzubinden. So tief, wie die Wunde war, würde sie wahrscheinlich sehr lange nicht gehen können, wenn überhaupt je wieder.

Erst als sie außer Gefahr war, sah sich Will die Bewusstlose genauer an. Ihr Alter schätzte er auf Ende zwanzig. Sie war nicht aus der Gegend von Torean, das stand fest. Jemand mit so auffälligen Merkmalen wäre dort bekannt gewesen. Bei genauerer Untersuchung bemerkte er, dass die Farbe auf ihrem Gesicht und ihrem restlichen Körper sich kein bisschen im Wasser gelöst hatte. Es handelte sich um Tätowierungen. Er hatte jemanden wie sie noch nie gesehen und hatte keine Ahnung, woher sie stammte oder warum sie hier war. Ihn fröstelte. Die spärlichen Sonnenstrahlen, die durch die dicke Wolkendecke drangen, waren nicht stark genug, um seine nassen Kleider zu trocknen oder ihn zu wärmen. Er überlegte, wie er sie am besten nach Torean bringen sollte. Sie war zu schwer, um getragen werden zu können. Sie war etwas größer als die meisten Frauen und athletisch gebaut. Mit ihrem Körperbau und den nassen Kleidern allein ließ sich ihr außergewöhnliches Gewicht nicht erklären. Er würde eine Trage bauen müssen. Mit ein paar langen Ästen von am Ufer angespültem Treibholz und seinem Seil sollte es möglich sein. Die Frage war, was würden die Bürger von Torean davon halten, wenn er mit einer unbekannten bewusstlosen Frau auftauchen würde. Die Fremde würde nicht viel Mitgefühl von ihnen erfahren. Seit zwölf Jahren hatten sie keinen Kontakt mehr mit Menschen von außerhalb der Stadt gehabt. Paranoia und Sorge um die Zukunft hatte die Stadt in Besitz genommen und jene Frau wäre nur noch ein weiteres hungriges Maul, das man stopfen müsste. Hier liegen lassen konnte er sie allerdings auch nicht. Sie hatte viel Blut verloren. Es war kalt. Der Wind wurde langsam stärker. Ohne Hilfe würde sie hier erfrieren, verbluten oder von den Krähen verschlungen werden …

„Scheiße.“

„Schaut sie euch an! Eine Fremde aus fernen Ländern. Wissen die Götter, was für Plagen und Flüche die mit sich bringt!“

Der Kommandant der Wache wurde mit jedem Wort lauter.

„Haben wir nichts aus dem Krieg gelernt?“

Mittlerweile hatten sich einige Dutzend Leute um die beiden versammelt, um seinem Geschrei zuzuhören. Weitere blickten aus den Fenstern der heruntergekommenen Häuser. Wer wollte denn nicht hören, was Dustan, der letzte Ritter des Südens und Toreans einziger Beschützer, zu sagen hatte? Sein grüner, bestickter Wollumhang mitsamt seinen Verzierungen schützte ihn vor Wind und Kälte. Ihn kümmerte das kalte Wetter nicht, für die Fremde hätte es den Tod bedeuten können. Auf einer primitiven Trage hatte Will sie mehrere Meilen bis zu Toreans Toren hinter sich her geschleift. Es hatte zu lange gedauert. Beide waren stark unterkühlt. Ihre gelben Augen starrten fast leblos ins Leere.

„Ihr habt Euch Euer Recht über den Krieg zu reden nicht verdient. Und nun geht mir aus dem Weg!“

Wills Stimme duldete keine Widerrede.

„Wenn sie hier noch länger bleibt, stirbt sie!“

„Wagt es nicht mir zu drohen!“, fuhr Dustan ihn an. „Oder es wird heute mehr als nur ein Fremdling sterben!“

Auch aus dem mittlerweile versammelten Mob regten sich die ersten Stimmen:

„Lasst sie, es ist doch nur ein Weib!“

„Bei den Göttern! Helft ihr doch!“

„Habt ihr jetzt Schiss vor so einer Dahergelaufenen? Schande!“

„Das ist sicher eine Probe der Götter! Wie in den Geschichten! Wenn wir …“

„Ach, halt doch dein Maul, keinen interessiert dein Gefasel! Die Götter interessieren sich nicht mehr für diesen Scheißhaufen eines Landes.“

„Was, wenn sie eine Hexe ist? Eine Okkultistin … So wie die am Hofe damals …“

Immer lauter wurden die Stimmen.

„Steckt sie in einen Käfig! Über den Mauern! Wenn die Raben sie nicht anrühren, dann ist sie eine Hexe, eine Okkultistin!“

Die alte Frau zeigte auf die beiden groben Käfige, die über dem Stadttor leicht hin- und herschwankten. Ihr Holz knarrte ekelhaft. Einer war leer. In dem anderen erfreuten sich Raben an ihrer Beute.

„Wie wir es im Krieg gemacht haben!“, krächzte sie.

Die Fremde, die eben noch bewusstlos auf ihrer Trage am Boden gelegen war, wand sich im Schlamm.

„Wollt ihr so jemanden wirklich in der Stadt haben?“, rief Dustan wieder der Menge zu. „Haben wir nicht schon genug Hungernde, auch ohne solche halbtoten Vagabunden?“

Sein Dolch blitzte, als er ihn in die Luft hielt, wo ihn jeder sehen konnte.

„Wir sollten uns von ihr befreien, solange wir noch können!“

Bevor Dustan sich der Fremden noch nähern konnte, hatte Will ihn gepackt. Wie man es ihm vor so vielen Jahren beigebracht hatte, verdrehte er dem Kommandanten den Arm, bis er die Waffe nicht mehr halten konnte. Dustan stieß sich ab und was folgte, war ein kurzer Schlagabtausch, ehe beide ihre Waffen zogen. Schützend stand Will mit seiner Axt über der Fremden, während die Menge erschrocken zurückwich. Schnelle, stampfende Schritte auf dem matschigen Boden und Rufe von weiteren Wachen waren aus fast allen Richtungen zu hören.

„Wollt Ihr wirklich für diese Frau sterben?“, fragte Dustan, dessen Langschwert nun drohend auf Will zeigte.

„Wenn es sein muss, aber ich kann Euch versprechen, dass ich Euch mitnehmen werde.“