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Zwei Schwestern in den Fängen des Schicksals.
Als Jersey im Sommer 1940 von den Deutschen besetzt wird, hat der Krieg das Leben der Schwestern Robinson bereits eingeholt. Nachdem Jenny ihren Traum von einem Studium in Cambridge auf Eis legen muss, schließt sie sich mit ihrem Freund Pip dem Widerstand auf der Insel an. Und auch Alice begibt sich in große Gefahr, als sie den jungen deutschen Arzt Stefan kennenlernt und sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlt. Als das Schicksal sie entzweit, müssen beide Schwestern ungeahnte Opfer bringen, um zu überleben ...
Die atemberaubende Geschichte zweier mutiger Schwestern – inspiriert von wahren Begebenheiten.
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Seitenzahl: 492
Veröffentlichungsjahr: 2023
1940 auf den Kanalinseln: Die Schwestern Alice und Jenny waren einst unzertrennlich, doch als die Deutschen Jersey besetzen, stehen sie plötzlich auf vermeintlich gegnerischen Seiten. Jenny, die ihren Traum von einem Mathematikstudium auf ungewisse Zeit aufschieben muss, beteiligt sich gemeinsam mit ihrem Freund Pip am Widerstand der Inselbewohner und leitet heimlich Nachrichten an spanische Zwangsarbeiter weiter. Alice hingegen ist als Krankenschwester damit konfrontiert, dass nun auch Deutsche zu ihren Patienten zählen. Als sie auf Stefan, einen jungen deutschen Arzt, trifft, lernt sie außerdem, dass nicht alle Deutschen ihr Feind sind. Und doch kann er weder sie noch ihre Familie vor dem Schicksal schützen, das sie ereilt …
Gill Thompson studierte Kreatives Schreiben an der Chichester University. Beim Schreiben wird sie oft von wahren Begebenheiten inspiriert. Thompson lebt mit ihrer Familie in West Sussex und arbeitet dort als Englischdozentin.
Im Aufbau Taschenbuch ist außerdem ihr Roman »Das Kind von Gleis 1« lieferbar.
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Gill Thompson
Die Leuchtturm-Schwestern
Roman
Aus dem Englischen von Gabriele Weber-Jarić
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Widmung
Prolog — November 1996
Teil I — Juni – Juli 1940
Kapitel 1
Insel Jersey
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Teil II — Juni – Dezember 1942
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Teil III — Januar 1943 – Dezember 1945
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Teil IV — September – Dezember 1946
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Epilog — November 1996
Anmerkung der Autorin
Dank
Impressum
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Für Joshua, von Deiner Grandma, die Dich heiß und innig liebt.
November 1996
An manchen Tagen, wenn der Wind sanft von Süden kommt, ist ihr, als brächte er einen Hauch von Salz mit sich, wie der Wind auf der Insel, der ihr einst so vertraut war. Und schon ist sie wieder an der Saint Aubin’s Bay, wo die Sonne den nassen Sandstrand silbrig färbt und auf den Wellen Lichtsterne aufblitzen. Sie weiß, dass sie sich täuscht und zu weit landeinwärts lebt, als dass der Geruch des Meeres zu ihr dringen könnte. Nicht einmal Möwen kommen bis hierher – es sei denn, es naht ein schwerer Sturm. Doch wenn sie die Augen schließt, sieht sie die Vögel vom Himmel herabstoßen und die Köpfe in die Wellen tauchen, hört ihre Klagerufe. Erinnerungen bestürmen sie dann: William, der ihren Vater am Strand bis zum Hals im Sand eingräbt, mit Ausnahme einer sandverkrusteten Hand, die weiterhin ein Buch hält; ihre Mutter auf der Kante ihres Liegestuhls, die mit einer Thermoskanne mit Schottenmuster Tee ausschenkt; ihre Schwester, die in ihrem blauen handgestrickten Badeanzug ins Wasser läuft und erschrocken hochspringt, als sie auf die kalten Wellen trifft. Schien denn immer die Sonne in jener sorglosen Vorkriegszeit oder ist es ihre Einbildungskraft, die ihre Erinnerungen mit einem so milden Licht umgibt?
Sie sitzt stets am Fenster, und das Fenster ist immer geöffnet, sogar wenn die Klinke mit Raureif überzogen ist und die vereisten Scheiben nur wenig Licht einlassen. Im Winter spürt sie den eisigen Wind auf ihrem Gesicht, im Sommer die wärmenden Sonnenstrahlen. Mittlerweile ist das ihr einziger Kontakt mit der Natur – es sei denn, man zählt die bunten Chrysanthemen, die ihre Tochter ihr bisweilen mitbringt und die das Zimmer mit ihrem erdigen Geruch erfüllen.
Mühsam steht sie auf, packt zuerst die glänzenden Armstützen ihres Ohrensessels und stemmt sich hoch, so, wie man es ihr beigebracht hat. Sie schlurft zur Kommode, verschiebt dabei den Teppich. Die Fotos lächeln ihr entgegen. Sie spricht jeden Tag mit ihnen, fährt mit dem Zeigefinger über das glatte Glas, möchte einige der abgebildeten Menschen mit reiner Willenskraft wieder zum Leben erwecken. Die alten Fotos sind schwarz-weiß und inzwischen verblasst, die Menschen darauf in der förmlichen Kleidung vergangener Tage. Da ist ihr Vater, der in die Kamera grinst. Wie immer hat er ein Buch in der Hand, als hätte er gerade von den Seiten aufgeblickt. Daneben das Foto ihrer Mutter. Sie trägt einen Trilby, schräg aufgesetzt, wie es damals Mode war. Ihr Kostüm ist von dunkler Farbe, der Rock wadenlang, im Ausschnitt der Jacke weiße schaumige Spitze. Sie ist unglaublich dünn, noch dabei, sich von den schrecklichen Nachkriegsmonaten zu erholen, in denen keine Nahrungsmittel mehr geliefert wurden und die Inselbewohner Angst hatten zu verhungern.
Daneben stehen die Fotos ihrer drei Kinder, die bereits in Farbe sind, und dann die zehn Enkelkinder in verschiedenen Altersstufen und Lebensphasen.
Am liebsten ist ihr das Foto, das ihr Vater aufgenommen hat. Es zeigt sie und ihre Schwester am Saint Catherine’s Tower, der ihnen den Namen »Leuchtturm-Schwestern« eingetragen hat. Sie lächelt beim Anblick der unschuldigen, für alle Zeit festgehaltenen Gesichter, spürt wieder die Freude jenes Augenblicks vor siebzig Jahren. Die Innigkeit ihrer Beziehung war über die Jahre mal stärker, mal schwächer, doch die Liebe, die sie verbindet, sitzt tief. Sie waren während des Kriegs füreinander da, sind es noch immer. Wie ein Leuchtturm war diese Liebe Fixpunkt und Schutz zugleich. Einst hat sie ihr den Weg nach Hause gewiesen.
Auch an diesem Tag wird sie ihr Leben aufscheinen lassen.
Juni – Juli 1940
Als Alice von ihrer Schicht nach Hause kam, waren alle hinten im Garten.
Auf ihrer Station im Krankenhaus war die Luft stickig gewesen, und bei dem vergeblichen Versuch, sie aufzufrischen, hatten die Ventilatoren sich mit lautem, enervierendem Klappern gedreht. Alice hatte sich auf die frische Brise draußen gefreut, doch dann war es dort noch wärmer und drückender als drinnen gewesen. Die Sonne brannte über der Stadt, und die schwüle Luft hüllte Alice wie eine Wolldecke ein.
Sie stieß das Gartentor auf und steuerte den getüpfelten Schatten unter dem alten Apfelbaum an.
Mum war dabei, von den Löwenmäulchen am Küchenfenster die welken Blüten abzuzupfen. Die übrig gebliebenen leuchteten hell im Sonnenschein. »Setz dich mit der Schwesterntracht nicht auf die Wiese, mein Schatz«, sagte sie. »Im Schuppen steht ein Liegestuhl.«
Alice stellte ihn unter dem Apfelbaum auf, ließ sich hineinsinken und zog ihre festgeschnürten Schuhe aus. »Oh, tut das gut.«
»Wie war dein Tag?«, fragte Mum. »Möchtest du einen Tee?« Sie legte ihren Korb und die Gartenschere ab.
»Zu warm – anstrengend – und ja, bitte Tee.«
»Kommt sofort.« Mum ging in die Küche.
Alice streifte ihre steifen Manschetten und die Haube ab und legte sie ins Gras. Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen vor dem grellen Sonnenlicht. Von der Bank hinten an der Mauer kam Gemurmel. Jenny und Dad, die sich über ein Mathebuch gebeugt hatten. Sie waren so vertieft in ihre Diskussion, dass sie nicht einmal Alice’ Gruß erwidert hatten. William riss Händevoll Gras aus und führte die Halme durch das Gitter von Binkies Käfig. Alice sparte sich die Mühe, ihm Hallo zu sagen, er hätte ebenfalls nicht reagiert.
Eine gewichtige Männerstimme ertönte und kündigte Nachrichten an. Mum musste das Radio in der Küche angeschaltet haben. Alice hörte, dass Paris von den Deutschen bombardiert worden war. Fünfundvierzig Menschen waren bereits umgekommen. Es war beängstigend, wie zügig die Deutschen vorrückten. Von Dünkirchen aus waren sie nach Süden vorgedrungen, hatten die Somme schon überquert. Frankreich würde nun bald besiegt sein. Und dann? Was würden die militärischen Fortschritte der Deutschen für die Kanalinseln bedeuten? Von Frankreich nach Jersey war es nicht weit. Ein Schweißtropfen rann von ihrer Schläfe zum Kinn. Alice wischte ihn fort.
»Hier, mein Schatz.« Ihre Mutter stellte den Becher Tee mit so viel Elan neben Alice ab, dass er etwas überschwappte. »Ist alles in Ordnung? Du bist ein bisschen blass um die Nase.«
Alice griff nach dem Becher und nahm einen kleinen Schluck. »Es war eine lange Schicht. Und nun auch noch diese Nachricht über Paris.«
»Vielleicht hätte ich das Radio nicht anschalten sollen.«
»Doch. Nützt doch nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, die Deutschen kommen trotzdem immer näher. Rebekah ist zutiefst beunruhigt. Außerdem sorgt sie sich um ihren Mann.« Alice war ihrer jüdischen Kollegin und Freundin auf der Station begegnet und musste an deren angespannte Miene denken. Sie hatte erst kurz vor Kriegsbeginn geheiratet; wenig später hatte ihr Mann sich verpflichtet und war in England stationiert worden. Seitdem hatte Rebekah ihn nicht mehr gesehen.
Mum strich ihre Schürze glatt. »Die arme Rebekah. Ich weiß, wie ich mich fühlen würde, wenn William in den Krieg gezogen wäre.«
Alice sah zu ihrem Bruder hinüber, der in seine eigene Welt versunken war. »Der Krieg wird hoffentlich vorbei sein, bevor er eingezogen werden kann.«
»Hoffentlich.« Mum wandte sich um. »James, Jenny … möchte jemand Tee?«
Jenny blickte von ihrem Mathebuch auf. »Nein danke.«
Dad antwortete nicht.
Mum verdrehte die Augen und kehrte in die Küche zurück.
Alice lehnte sich wieder zurück. Eigentlich müsste sie sich umziehen. Die weißen Manschetten hatten wahrscheinlich schon Grasflecke bekommen, und die schweißfeuchte Rückseite ihrer Tracht dürfte im Liegestuhl knitterig geworden sein. Sie würde sie waschen und bügeln müssen. Doch zuerst musste sie sich von ihrer Schicht erholen.
Diese Schwüle wollte einfach nicht weichen. Auf ihrem Arm hatten sich Gewittertierchen niedergelassen. Alice streifte sie ab. Vielleicht würde es ein Unwetter geben.
Mit einem Mal war in der Ferne ein Brummen zu hören. Es klang wie ein Schwarm aufgebrachter Fliegen. Alice setzte sich auf, beschirmte ihre Augen mit der Hand und blickte in die Richtung, aus der das sonderbare Geräusch kam. Und dann erschien am Himmel plötzlich eine Reihe schwarzer Punkte, die sich auf Fort Regent zubewegte, der Festung, die über Saint Helier aufragte.
»Dad?« Alice stand auf.
»Mmm?«
»Was ist das?« Wie schrill ihre Stimme war.
Jedes Geräusch schien plötzlich ein Eigenleben zu führen. Die mahlenden Zähne des Kaninchens. Klapperndes Geschirr. Knarrendes Holz, als Dad von der Bank aufstand. Der Lärm am Himmel.
Aus den Punkten wurden Flugzeuge. Sie flogen in Formation, wurden zu einem schwarzen Pfeil. Alice’ Brust schnürte sich zu, die schwere, warme Luft blieb in ihrer Kehle stecken.
»Dad!«
»Runter! Alle flach auf den Boden!«
Alice warf sich auf die Wiese, ihr Pulsschlag beschleunigte sich, und dann explodierte die Angst in ihrer Brust.
Wieder hörte man aus der Küche Geklapper.
Jenny schrie. Alice drehte sich nach ihr um. Ihre Schwester lag neben ihrem Vater, der den Arm in einer schützenden Geste über sie gelegt hatte.
William hockte noch immer vor dem Kaninchenkäfig und raunte Binkie etwas zu. »Runter, Will!«, rief sie.
Ihr Bruder erstarrte.
»Du musst dich hinlegen, William«, brüllte ihr Vater.
William rührte sich nicht.
Mum kam aus der Küche gerannt, stieß ihn zu Boden und hielt ihn mit einer Hand auf dem Rücken fest. Der Junge wimmerte.
Mit ohrenbetäubendem Lärm donnerten die Flugzeuge heran. Alice wagte nicht aufzusehen. Es hatte keine Warnung gegeben, keine Alarmsirenen. Sie hatten keine Zeit gehabt, dem Bombenangriff auszuweichen, vor dem sie sich seit Monaten gefürchtet hatten. Und nun waren die Deutschen überfallartig erschienen, und sie würden in ihrem Garten sterben. Alice wappnete sich gegen die Detonationen, den glühenden Schmerz, das rote Blut auf der Wiese …
»Es ist alles gut, das sind unsere Leute.« Eine vertraute Stimme, ganz aus der Nähe. Alice stand auf.
Durch das Dröhnen der Flugzeugmotoren hatte sie das Klicken des Gartentors nicht gehört. Pip Marett, ein ehemaliger Schüler ihres Vaters, kam über die Wiese – ein groß gewachsener, gut aussehender junger Mann.
Alice errötete.
Dad und Jenny rappelten sich hoch und klopften ihre Kleidung ab. Mum half William auf die Beine.
Die ersten Flugzeuge waren nun direkt über ihnen, die metallenen Unterseiten glänzten in der Sonne. Pip legte den Kopf in den Nacken und zählte leise mit. »Mein lieber Mann«, sagte er. »Achtzehn Whitleys.«
»Whitleys?« Ihr Vater trat zu ihnen und blickte in die Höhe. »Die sehe ich jetzt zum ersten Mal.«
Pip musste gegen den Lärm anschreien. »Man erkennt sie an der stumpfen Nase und der Kuppel, die wie das Dach eines Treibhauses aussieht.«
Whitleys waren schwere Bomber. Alice schaute zu dem letzten hinauf. Der Bug war so, wie Pip ihn beschrieben hatte. Doch trotz der Markierung der Royal Air Force an den Seiten – ein roter Punkt in weißem und blauem Kreis – fühlte sie sich schwach vor Angst. Es hätten auch deutsche Bomber sein können. Nach ihnen hielten sie fortwährend Ausschau, erwarteten jeden Augenblick ihren Angriff. »Weißt du, warum sie hier sind?«, fragte sie Pip.
Er sah den Whitleys nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren. Dann wandte er sich zu ihr um. »Sieht aus, als wollten sie den Flugplatz von Saint Peter ansteuern.«
»Und wozu?«, fragte Dad.
»Wahrscheinlich, um aufzutanken. Vielleicht nehme ich das Boot, segele dorthin und schau mal nach. Möchte jemand mitkommen?«
Ein prickelndes Gefühl stieg in Alice auf. Wie schön es wäre, mit ihm auf seinem Boot zu sein. Sie hoffte, außer ihr wollte niemand mit.
»Ich mache mir nicht so viel aus Bootsfahrten«, sagte Dad.
Pip lächelte Mum an. »Mrs Robinson?«
Mum schüttelte den Kopf. »Danke für das Angebot, aber ich muss mich ums Abendessen kümmern. Die Flugzeuge haben mich aufgehalten.« Es klang, als wären die Bomber gekommen, um sie an ihren Essensvorbereitungen zu hindern.
Pip räusperte sich. »William?«
»Lieber nicht«, sagte Mum. »Es könnte ihn ängstigen.«
Will hatte das Kaninchen aus dem Käfig geholt, hielt es in den Armen und barg sein Gesicht in dem weichen Fell, wie er es immer tat, wenn ihn etwas aufgeregt hatte.
»Alice … Jenny?«, fragte Pip hoffnungsvoll.
Jenny trat vor, doch Dad hob abwehrend die Hand. »Jenny hat morgen ihre schriftliche Matheprüfung.«
Jenny sah Pip an und zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid.«
»Schade«, sagte er.
In der Schule war Pip eine Klasse über Jenny und eine unter Alice gewesen. Alice hatte ihn zuletzt vor einem Jahr gesehen. Damals hatte er für die Abiturprüfungen gebüffelt und ihr Vater ihm Nachhilfeunterricht gegeben. Manchmal hatte auch Jenny daran teilgenommen, obwohl es kein einziges Fach gab, in dem sie Nachhilfe gebraucht hatte.
Alice versuchte nachzurechnen, seit wann sie in Pip verschossen war, doch sie wusste nur noch, dass sie in ihren letzten beiden Schuljahren oft an ihn gedacht hatte. Sie hatte sich ihm nie offenbart, nicht einmal andeutungsweise. Dazu war sie zu schüchtern. Doch nun würde ihr die Zweisamkeit auf seinem Boot womöglich helfen.
»Ich würde gern mitkommen«, sagte sie und wurde verlegen. Vielleicht hatte er ihre Gedanken gelesen.
»Bist du nach der Schicht nicht zu müde?«, fragte Jenny.
»Nein. Außerdem kann ich mich auf dem Boot wunderbar entspannen.«
Alice war, als müsste Pip sich zu seinem Lächeln zwingen, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein.
»Also gut«, sagte er. »Ich mache das Boot fertig. Weißt du, wo die Bynie May liegt?«
Alice nickte.
»Wir müssen uns beeilen. Hast du ein Fahrrad?«
Alice wandte sich zu ihrer Schwester um. »Kann ich deins nehmen?«
Jenny kickte einen Stein fort. »Meinetwegen.«
»Ich ziehe mich nur rasch um, und dann komme ich nach«, wandte sich Alice wieder Pip zu.
»Bis später.« Er verschwand durch das Gartentor.
Alice, die mit einem Mal überhaupt nicht mehr müde war, lief ins Haus und die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Sie musste sich umziehen, doch das Einzige, woran sie denken konnte, war, dass sie mit Pip Marett allein auf seinem Boot sein würde.
Zwanzig Minuten später war Alice am Hafen von Saint Helier, vor ihr ein Wald aus Masten. Die Boote wiegten sich auf den Wellen und stießen leise klackend aneinander. Sie ließ ihren Blick über die Anlegestellen gleiten und entdeckte Pip, der ihr von einem Segelboot aus winkte. Im Näherkommen sah sie den Namen »Bynie May« in verschnörkelter Schrift auf der Seitenwand.
»Hallo!«, rief er. Seine Augen waren so blau wie das Meer.
»Hallo.«
»Komm, dir kann nichts passieren. Ich habe auch noch eine zweite Schwimmweste.« Er hielt ihr seine Hand hin.
Alice stieg die Stufen der Kaimauer hinab und griff nach der warmen Hand. Wieder spürte sie dieses Prickeln. Als sie aufs Deck trat, schaukelte das Boot, doch Pip hielt sie fest und lachte. Alice stimmte in sein Lachen ein.
Kurz darauf steuerte er das Boot aus dem Hafenbecken und dann über die Saint Aubin’s Bay. Alice saß auf der niedrigen Bank, die sich von einer Seite des Boots zur anderen erstreckte. Pip hatte diese Bank als »Ducht« bezeichnet.
Sie versuchte, ihm nicht im Weg zu sein und sich klein zu machen, wenn er »Achtung« rief, und sie dem Baum ausweichen musste. Voller Bewunderung sah sie, wie sicher er das Boot manövrierte. Er hantierte mit den Leinen, bewegte die Ruderpinne hin und her, spähte unter dem Segel hindurch, um sich der Route zu vergewissern. Und schaffte es dennoch, sich die ganze Zeit mit ihr zu unterhalten.
Alice sagte nur wenig. In der klobigen Schwimmweste fühlte sie sich befangen. Wenig später, als der Wind auffrischte, wünschte sie, sie hätte einen dickeren Pullover angezogen, Unförmigkeit hin oder her. Die untergehende Sonne gab nur noch wenig Wärme ab. Wie dem auch sei, sie hatte seit Langem gehofft, Pip würde mit ihr segeln gehen, hatte sich nach seinen Besuchen gesehnt, die nach seinem Abitur immer seltener geworden waren.
»Wie laufen Jennys Prüfungen?«, fragte er.
»Gut, glaube ich. Morgen ist die letzte.« Das war die Matheprüfung, über die danach zu Hause lang und breit geredet werden würde. Dad würde an Jennys Lippen hängen und für die anderen in der Familie keinen Blick mehr haben.
Manchmal wünschte Alice, sie wäre genauso klug wie ihre Schwester. Vielleicht hätten sie dann mehr Gemeinsamkeiten. Als Kinder waren sie Freundinnen gewesen, doch als sie älter wurden und man erkennen konnte, dass Jenny den mathematischen Verstand ihres Vaters geerbt hatte, hatte Alice sich in zunehmendem Maß ausgeschlossen gefühlt. Die Gespräche ihres Vaters und ihrer Schwester schienen sich nur noch um das ein oder andere Theorem zu drehen. Und Mum wurde von William und ihrer Hausarbeit absorbiert. Erst bei den Patienten im Krankenhaus hatte Alice wieder Anerkennung gefunden.
Ihr Blick fiel auf Pips Hand an der Ruderpinne. Sie war kräftig und gebräunt, die Nägel sauber und ordentlich geschnitten. Die Härchen auf seinem Unterarm schimmerten golden in den letzten Sonnenstrahlen. »Schön, dass du mitgekommen bist«, sagte er.
»Hab ich gern gemacht.« Lächelnd schaute sie ihm in die Augen und dann rasch wieder fort. War das zu gewagt gewesen?
Er erwiderte ihr Lächeln. »Es tut gut, mit jemandem reden zu können. Jemandem sagen zu können, wie sehr mir der Krieg zu schaffen macht. Es frustriert mich, dass ich meinen Teil nicht beitragen kann.«
»Hast du dich nicht gemeldet?«
»Hätte ich sofort getan, aber Dad war dagegen. Er will, dass ich hierbleibe, ihm im Büro helfe. Den Papierkram erledige und so.« Pip nestelte an seinem Hemdkragen, als wäre er ihm zu eng.
»Klingt interessant.«
Pip lachte rau auf. »Wohl kaum. Aber besser, ich finde mich damit ab. Im Moment jedenfalls. Ich habe ja noch das Boot und kann rausfahren.« Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht werden im Krieg irgendwann ja auch Segler gebraucht.«
»Du machst das jedenfalls sehr gut.«
»Kennst du Jack, den alten Fischer?«
Alice nickte.
»Der hat es mir beigebracht. Einen besseren Lehrer findest du nicht. Dad wollte, dass ich es zu etwas bringe beim Segeln, also habe ich alles von der Pike auf gelernt.«
Alice blickte auf das Segel, das der Wind blähte. Es sah hübsch aus.
Pip wies auf den Martello-Turm von Noirmont. »Weißt du noch, wie oft der im Geschichtsunterricht vorkam? Errichtet, um uns vor den Truppen Napoleons zu schützen.« Sein Blick wanderte in die Ferne. »Hoffentlich beschützt er uns auch vor den Deutschen.«
Alice’ Magen verkrampfte sich. Für einen kurzen Moment hatte sie den Krieg vergessen. »Glaubst du, sie schaffen es bis hierher?« Sie dachte an die Whitleys. Obwohl es britische Bomber gewesen waren, hatten sie ihr erneut die Gefahr vor Augen geführt, dass auch auf Jersey gekämpft werden könnte.
Pip zuckte die Achseln. »Dad glaubt es nicht.« Sein Vater zählte zu den Schöffen der Insel, er musste es wissen.
»Das tröstet mich.«
»Falls er sich nicht irrt.«
Pip lenkte das Boot an den Klippen entlang, um einem felsigen Riff auszuweichen. Er wirkte konzentriert, das Meer war kabbelig geworden. Doch als sie die heikle Stelle hinter sich hatten, schien er sich weiter unterhalten zu wollen.
»Wie war es heute im Krankenhaus?«, fragte er.
Alice blickte auf ihre marineblaue Hose, streckte die Beine aus und überkreuzte die Fußknöchel. Sie konnte sich entspannen, musste sich nicht sorgen, dem Baum ins Gehege zu kommen, bis zur nächsten Wende würde es noch dauern. Es war schön, dass er sich nach ihrer Arbeit erkundigte. In ihrer Familie interessierte man sich dafür nur wenig.
Sie schilderte Pip ihren Tag, versuchte, den einzelnen Begebenheiten größere Bedeutung zu verleihen. Pip beobachtete das Segel, strich sich das Haar glatt, in das der Wind gefahren war, und reagierte nicht. Die unschönen Aufgaben wie Bettpfannen leeren, Bettlägerige waschen und Erbrochenes aufwischen, behielt Alice für sich. Stattdessen erzählte sie ihm von einer Patientin fortgeschrittenen Alters, die an diesem Tag furchtbar blass gewesen sei und nur ein wenig Suppe geschafft habe, bevor sie den Kopf weggedreht und die Augen geschlossen habe. Sie hoffe, dass sich ihr Zustand über Nacht nicht verschlechtere. Der Gedanke, dass dann niemand die Hand der alten Frau halten und mit ihr sprechen würde, setze ihr zu. Glücklicherweise war ihre Freundin Rebekah die Nachtschwester. Sie würde sich um sie kümmern.
Pip schwieg.
Auch Alice wusste nichts mehr zu sagen. Vielleicht sollte sie ihm von Rebekah und ihrem Mann erzählen. Während sie noch überlegte, wo sie anfangen sollte, fragte Pip: »Geht es Jenny gut?«
»Jenny?«
»Ja.« Pip zog an einer Leine. Als das Boot wendete und der Baum über sie hinwegschwang, beugte Alice sich tief zu Pip vor und nahm einen Hauch seines Rasierwassers wahr.
»Hat dein Vater nicht gesagt, dass sie morgen ihre schriftliche Matheprüfung hat?«
Alice richtete sich auf. Hatte er ihr vorhin nicht zugehört? »Doch, wie gesagt, es ist die letzte Prüfung.« Hatte sie gereizt geklungen?
»Richtig«, murmelte er geistesabwesend. Sein Blick wanderte über das Segel. »Das bleibt jetzt eine Zeit lang so.«
Für einen Moment dachte Alice, er meinte Jenny, dann wurde ihr klar, dass er von dem Segel gesprochen hatte.
»Ein Segelboot zu steuern ist ziemlich harte Arbeit, oder?« O nein, war ihr wirklich nichts Besseres als dieser banale Satz eingefallen?
Ihr Vater war nie mit ihnen Segeln gegangen. Er war gebürtiger Londoner. Anders als der Großteil der Inselbewohner hatte er das Meer nicht im Blut. Im Gegensatz zu den Familien ihrer Freundinnen hatten sie auch nie ein Boot besessen. Ein einziges Mal war Alice mit einer Gruppe Pfadfinderinnen segeln gewesen, was ihr nicht sonderlich gefallen hatte. Hätte sie nicht bei Pip sein wollen, wäre sie auch an diesem Nachmittag nicht auf dem Wasser.
Pip blickte auf das Meer hinaus und gab ihr keine Antwort. Entweder hatte er ihr wieder nicht zugehört oder ihr Kommentar war ihm zu albern gewesen. Wahrscheinlich genossen Segler die Arbeit, die ein Törn mit sich brachte. Vielleicht hielt er Alice auch generell für dumm. Warum fiel ihr nichts Vernünftiges zu sagen ein? Jenny hätte es vermocht. Sie hätte die Wellenbewegungen berechnet oder etwas Dergleichen und ihn damit beeindruckt.
An Alice’ Tag im Krankenhaus war er jedenfalls nicht interessiert, das war nun mehr als offenkundig. Vielleicht sollte sie einfach den Mund halten.
Alice starrte aufs Wasser, in dem sich der tiefblaue Himmel spiegelte. An manchen Tagen hatte es einen metallischen Farbton, als wären die Wellen herausgehämmert und lackiert worden. Würde sich ihre Form nicht unentwegt verändern, sähen sie aus wie ein Relief.
Noch immer spielten letzte Sonnenstrahlen auf dem Meer. Der Wind hatte inzwischen nachgelassen. Alice betastete ihr Gesicht, auf dem die Haut spannte. Anscheinend hatte sie sich bereits in der kurzen Zeit auf dem Wasser einen leichten Sonnenbrand geholt.
Sie stellte sich vor, sie und Pip wären das Paar in einem Liebesfilm. Das Boot würde sich allein steuern; er säße neben ihr, hätte einen Arm um sie gelegt und sie ihren Kopf an seine Schulter gelehnt. Im Hintergrund würde Geigenmusik aufbranden. Er würde ihr tief in die Augen blicken und sie sich glücklich an ihn schmiegen.
Aber sie befand sich nicht in einem Liebesfilm. Das Boot würde sich nicht allein steuern, vielmehr musste Pip konzentriert bei der Sache sein. Vielleicht dachte er auch noch immer an die Whitleys. Dennoch hatte er sie aufgefordert, mit auf sein Boot zu kommen. Irgendwie jedenfalls. Sie musste nur noch warten, bis er den ersten Schritt machte.
Sie umrundeten Portelet dicht an der Küste entlang. Als sie sich Ouaisné näherten, deutete Pip auf die Höhle von La Cotte. Alice betrachtete den düsteren Einschnitt in den Felsen.
»Jahrelang haben Archäologen die Höhle erforscht. Mein Dad hat mir davon erzählt«, sagte er.
»Ich glaube, einige von ihnen habe ich dort gesehen. Weißt du, was sie gefunden haben?«
»Sachen aus der Steinzeit. Werkzeuge – ein paar Knochen. Es heißt, in der Eiszeit hätten die Höhlenbewohner Mammute über die Klippen getrieben, um sie zu töten. Die hatten es nicht leicht, wenn sie so für ihr Essen sorgen mussten.« Pip lachte.
Alice lachte mit ihm und bewunderte die Grübchen, die sich in seinen Wangen bildeten.
Mit geblähtem Segel überquerten sie die Saint Brelade’s Bay. Alice warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie waren schon seit einer Weile unterwegs, und noch immer hatte Pip keinen Vorstoß gemacht. Ob sie ihn ermutigen sollte? Vielleicht ein Drama inszenieren, indem sie sich ins Wasser fallen ließ, und er sie retten musste? Dann stellte sie sich vor, wie sie in ihren klatschnassen Sachen frieren und Pip sich ärgern würde, weil er ihretwegen vorzeitig umkehren musste. Also ließ sie es bleiben.
Sie umsegelten die große Landzunge im Südwesten der Insel und sahen den Leuchtturm von La Corbière.
Alice betrachtete den kalkweißen Turm auf den weit in die offene See hinausreichenden Felsen. Ein anderer Leuchtturm kam ihr in den Sinn. Vor Jahren – damals war sie zehn und Jenny acht – war Dad mit ihnen nach Saint Catherine’s Breakwater gefahren, dem Wellenbrecher im Nordosten der Insel. Zu der Zeit musste ihre Mutter bereits mit William schwanger gewesen sein, sie erinnerte sich, dass Dad ihr geraten hatte, während ihrer Abwesenheit die Beine hochzulegen.
Sie waren über den lang gestreckten schmalen Steindamm gelaufen. An dessen Ende stand unten der Leuchtturm Saint Catherine’s Tower, und sie waren die Stufen zu ihm hinuntergestiegen. Jenny hatte ihren Vater mit Fragen gelöchert, wollte wissen, wie hoch der Turm war, wie weit sein Licht reichte. Schon damals konnte man in ihr die angehende Mathematikerin erahnen. Alice hatte nur eine Frage, nämlich: »Wofür ist der?«
Im Geist hörte sie wieder die Stimme ihres Vaters. »Er dient Seeleuten zur Orientierung und als Warnung und führt sie sicher nach Hause.«
»Dann helfen Leuchttürme den Menschen?«
»Könnte man so sagen.«
Bei der Erinnerung musste Alice lächeln. »Ich liebe Leuchttürme«, sagte sie. »Ein Licht, dass die Menschen warnt und gleichzeitig führt.« Verdammt, musste sie so geschraubt klingen?
»Bis dahin segeln wir nicht«, sagte Pip. »Wir kürzen den Weg ab, wie es die Fischer tun, müssen nur auf die Felsen achten. Daran sind schon viele Schiffe und Boote zerschellt.«
Er manövrierte das Boot geschickt an felsigen Inselchen vorbei, und dann waren sie in der Saint Ouen’s Bay.
»Dahinten ist der Flugplatz«, sagte Pip. »Die Flugschneise befindet sich über uns. Bis ich den Anker werfe und wir das Segel einholen, segeln wir am Wind.«
Kurz darauf warf er den schweren Anker über Bord. Das Boot verlangsamte seine Fahrt. »Hilf mir mit dem Segel.« Alice tat wie geheißen.
Die Wellen leckten am Boot, das nun ruhig im Wasser lag. Milde Abendluft strich Alice über die sonnenverbrannten Wangen. Pip ließ sich auf der gegenüberliegenden Sitzbank nieder und blickte zum Flugplatz hinüber. »Inzwischen dürften die Whitleys aufgetankt haben. Falls sie das vorhatten. Vielleicht heben sie demnächst ab.« Er sprang auf und tauchte unter das Vordeck. »Mal sehen, ob ich einen Radiosender reinbekomme und mehr erfahre.« Er kehrte mit einem Detektorradio zurück, stellte es auf seine Sitzbank und setzte die Kopfhörer auf. Mit konzentrierter Miene drehte er an dem Regler. »Nur statisches Rauschen«, murmelte er verdrießlich. Er drehte weiter. »Nichts. Wahrscheinlich sind wir zu weit draußen.« Er trug das Gerät zurück und nahm seinen Platz wieder ein. »Ich dachte, wir könnten die BBC-Nachrichten hören.«
»Das können wir doch noch tun, wenn wir wieder zu Hause sind«, sagte Alice. Sie hoffte, er würde sie noch einmal nach ihrer Arbeit im Krankenhaus fragen oder überhaupt etwas über sie wissen wollen. Vielleicht würde er einen zweiten Segelausflug vorschlagen. Doch er schien sich nur für den Flugplatz und die Whitleys zu interessieren. Als dort weiterhin nichts zu sehen war, wandte er sich ihr wieder zu.
»Glaubst du, dass Jenny in Cambridge angenommen wird?«
Nicht schon wieder Jenny. Alice faltete den losen Stoff eines Hosenbeins über dem Knie. »Mein Vater geht davon aus. Sie ist sehr intelligent.«
Pips Blick wurde bohrend. »Aber es steht noch nicht fest?«
»Nein, natürlich nicht.« Wirkte er erleichtert?
»Hat sie dir was gesagt?«
»Worüber?«
Er blickte über das Wasser. »Wie sehr sie es sich wünscht. Ob sie dort jemanden vermissen würde.«
Noch immer hielt er das Gesicht abgewandt.
Hatte er sie deshalb mit auf sein Boot genommen? Um herauszufinden, welche Pläne Jenny hatte?
Bevor sie ihm antworten konnte, ertönte der Lärm aufheulender Motoren. Pip deutete in Richtung Flugplatz. »Da kommen sie.«
In gleicher Formation wie bei ihrem Hinflug stiegen die Whitleys auf und steuerten das offene Meer an. Der Motorenlärm steigerte sich, doch diesmal konnte er Alice nichts anhaben; sie war gedanklich mit Pip und Jenny beschäftigt. Sie würde Pip nicht fragen, was er für Jenny empfand, wollte nicht, dass er ihre Eifersucht bemerkte. Stattdessen würde sie ihre Schwester später aushorchen.
Pip zählte die Whitleys, kam aber nur bis sechzehn. »Komisch«, sagte er. »Zwei sind nicht gestartet.«
»Vielleicht hast du dich verzählt.«
»Habe ich nicht«, entgegnete er irritiert.
Toll, nun hatte sie ihn verärgert.
»Sie haben Schwierigkeiten hochzukommen.« Er wies auf den letzten Bomber, der dicht über den Wellen flog und nur langsam stieg. »Der Treibstoff und die Bombenladung haben sie schwer gemacht.«
Die Bomber drehten in Richtung Süden ab. »Ich frage mich, wohin sie unterwegs sind«, fuhr Pip fort. »Wahrscheinlich nach Frankreich. Vielleicht bombardieren sie dort deutsche Stellungen. Jedenfalls können sie weit fliegen, wenn sie hier aufgetankt haben. Womöglich sogar bis Deutschland. Vielleicht zerstören sie dort eine ganze Stadt.«
»Hoffentlich«, sagte Alice, die vergeblich versuchte, ebenso hartgesotten wie er zu klingen. In Wahrheit machte ihr der Gedanke an die Verwundeten und Toten zu schaffen, die es nach dem Angriff geben würde. Die Deutschen mochten ihre Feinde sein, doch es waren noch immer Menschen.
Es wurde kühler, und sie fragte sich, wie lange Pip noch vor Anker liegen wollte. Fröstelnd rieb sie sich die Arme und wünschte, er würde ihr seine Windjacke anbieten. Doch der Gedanke schien ihm gar nicht zu kommen, er blickte über das Meer hinaus zu den violett geränderten Wolken am Horizont, deren Anblick Alice noch unbehaglicher machte. Es sah aus, als könnte dort das Unwetter heraufziehen, das sich mit den Gewittertierchen angekündigt hatte.
»Vermutlich waren zwei einfach zu schwer, um aufzusteigen«, sagte er und beugte sich über den Bootsrand, um den Anker einzuholen. »Lass uns umkehren. Auf dem Rückweg sind wir schneller. Die Flut hat eingesetzt, und wir werden den Wind im Rücken haben.«
Vielleicht war er ihrer Gesellschaft überdrüssig geworden, dachte Alice bekümmert. Der gesamte Ausflug war nicht so verlaufen, wie sie es sich auf dem Weg zum Hafen ausgemalt hatte. Oder es ging ihm wie ihr und er wollte einfach nach Hause, um zu Abend zu essen und weil ihm kalt geworden war.
»Sag mir Bescheid, wenn du noch mehr über die Whitleys herausfindest.«
Er nickte zerstreut.
Sie half ihm, das Segel zu hissen. Dann machten sie sich auf den Heimweg.
*
Zurück auf festem Land, fühlte Alice sich wacklig auf den Beinen, und auf dem Heimweg knurrte ihr Magen.
Zu Hause saßen alle in der Küche am Radio. Mum stand auf und reichte ihr einen Teller mit Eintopf, der schon angetrocknet war. Der Teller hatte wer weiß wie lange in einer mit Wasser gefüllten Pfanne auf dem Herd gestanden. Alice holte sich einen Löffel und setzte sich an den Küchentisch.
Der Nachrichtensprecher verkündete, dass Italien England und Frankreich den Krieg erklärt hatte.
»Dieser verdammte Mussolini«, sagte Dad, obwohl er selten fluchte. »Er macht nur mit, weil er glaubt, die Deutschen gewinnen.«
Alice’ Magen zog sich zusammen. War es denkbar, dass die Deutschen den Krieg gewannen? Und was würde dann aus Jersey? Was aus ihnen? Was aus ihr und Pip? Nein, sie und Pip gab es nicht.
»Ab sofort kaufe ich nicht mehr bei Rossi«, sagte Mum.
»Sei nicht albern«, erwiderte Dad. »Paolo Rossi hasst die Deutschen. Nur Mussolini, dieser Verrückte, hat den Krieg erklärt. Es gibt genug Italiener, die so denken wie wir.«
»Ich frage mich, was in diesem Krieg aus den Kanalinseln wird?«, sagte Jenny.
Dad tätschelte ihre Hand. »Uns kann nichts passieren. Die Inseln sind seit fast tausend Jahren im Besitz der englischen Krone. Ungefähr zweitausend britische Soldaten sind bei uns zu unserem Schutz stationiert. Davon abgesehen, haben die Deutschen uns auch im Großen Krieg nicht angegriffen, warum sollten sie es jetzt tun?«
Jenny schien beruhigt.
Wenig später gingen Alice und Jenny nach oben in ihr Zimmer unter dem Dach. Als sie ihre Nachthemden anhatten, zog Jenny eine kleine Holzkiste unter ihrem Bett hervor. Dad hatte sie für sie als Schatzkiste gefertigt, als sie noch Kinder waren. Jeden Abend holten sie sie hervor, meistens enthielt sie Naschwerk. Früher jedoch hatten sie auch kleine Briefe für die andere hineingesteckt. Mit einem Mal hatte Alice die Umschläge wieder vor Augen, auf die Jenny mit kindlicher Hand ihren Namen gekrakelt hatte. Ein anderes Mal waren kleine Zeichnungen in der Kiste gewesen – oft von den Leuchttürmen, die sie liebten – oder kurze Mitteilungen. Damals waren sie einander eng verbunden gewesen, hatten sich, wenn ihre Mutter dachte, sie schliefen, gehamsterte Süßigkeiten geteilt und sich im Dunkeln flüsternd unterhalten. Sie hatten sich alles erzählt. Wann hatten sie sich voneinander entfernt? Als Jenny ihre Liebe zur Mathematik entdeckt hatte? Als kleines Mädchen hätte Alice sich nicht vorstellen können, dass sie und ihre Schwester jemals etwas anderes als Freundinnen sein könnten. Nun war nur noch das gemeinsame Naschen übrig geblieben.
»Es gibt nur noch Äpfel, Alice«, sagte Jenny.
»Macht nichts.«
Jenny reichte ihrer Schwester einen Apfel und schob die Kiste zurück.
Als jede in ihrem schmalen Bett lag und einen Apfel aß, erkundigte Jenny sich nach Alice’ Segeltour und wollte wissen, ob es schön gewesen war.
Im Dunkeln konnte Alice den Gesichtsausdruck ihrer Schwester nicht erkennen, daher wusste sie nicht, wie die Frage gemeint war.
»Schön? Es ging so. Pip wollte die Whitleys sehen. Mag sein, dass er auch froh war, Gesellschaft zu haben.«
»Hm.« Krachend biss Jenny in ihren Apfel.
»Wärst du lieber mit ihm gekommen?«
»Warum, ich habe doch keinen Anspruch auf ihn.«
»Aber du magst ihn.«
Einen Moment war nur Kauen zu hören. Dann sagte Jenny: »Ja … ich mag ihn.«
»Und er dich, das war offenkundig.« Alice starrte in die Dunkelheit.
»Das weiß ich. Er möchte aber mehr als nur mit mir befreundet sein.«
»Und du willst das nicht? Warum nicht?«
Jenny stieß die Bettdecke von sich und setzte sich auf. »Das weißt du doch.«
»Nein. Ist Dad dagegen?«
»Nein … höchstens indirekt.«
»Was soll das heißen?«
Ein Seufzer. »Es hat mit Cambridge zu tun.«
»Ach. Aber dahin würdest du doch erst im nächsten Jahr gehen.«
»Soll ich mich mit ihm einlassen und dann fortgehen?« Jenny nagte das Fruchtfleisch rings um das Kerngehäuse ab.
»Wenn es etwas Ernstes ist, wird er auf dich warten«, entgegnete Alice so ruhig wie möglich. Sie aß ihren Apfel bis auf den Butzen auf, ließ sich Jennys Butzen geben und trug beide zum Papierkorb.
»Ein Mathematikstudium dauert mindestens drei Jahre. Ich kann ihn nicht bitten, so lange auf mich zu warten.«
Alice setzte sich auf Jennys Bettkante, um ihre Schwester besser sehen zu können.
»Aber zwischendurch hättest du doch Ferien. Dann wärst du wieder hier. Außerdem könnte er dich in Cambridge besuchen.« Als Alice sich vorstellte, dass ihre Schwester und Pip ein Paar werden könnten, durchfuhr sie ein scharfer Stich der Eifersucht. Sie hatte Jenny nie erzählt, was sie für Pip empfand, und nun würde sie es erst recht nicht mehr tun.
»So einfach wird das nicht, wir haben schließlich Krieg.«
»Dad hat doch gesagt, dass wir hier sicher sind.«
»Und was ist mit Cambridge?«
»Vielleicht wirst du gar nicht angenommen.« Alice hatte es kaum gesagt, als sie ihre Worte auch schon bereute. Sie hatte nicht missgünstig klingen wollen, es war nur eine Folge ihrer Eifersucht gewesen.
»Weiß ich.« Jenny schlug mit der Faust auf die Bettdecke. »In meinem Kopf drehen sich die Gedanken wie ein Karussell.«
»Dann denk nicht so weit in die Zukunft. Genieß den Augenblick.« Alice sah Pip vor sich – den wachen Blick, den durchtrainierten, kraftvollen Körper, die souveräne Art, mit der er sein Boot navigierte. »Sei froh, dass du jemanden hast, der sich für dich interessiert. Erst recht, wenn es jemand wie Pip ist.« Sie löschte ihre Erinnerungsbilder und beschloss, ab sofort nicht mehr an ihn zu denken. Pip wollte nicht sie, sondern Jenny.
»Vielleicht hast du recht.«
»Lass es einfach geschehen. Du würdest ihm nichts vormachen, er weiß doch, dass du nach Cambridge willst.«
»Hm.«
Alice griff nach Jennys Hand. Doch die Geste fühlte sich leer an, die frühere Nähe war einfach nicht mehr vorhanden.
»Genieß den Tag und kümmere dich nicht um die Zukunft. Wie sagt man das noch auf Latein?«
»Carpe diem.«
»Na dann, carpe diem.« Alice kehrte zu ihrem Bett zurück und kroch unter die Bettdecke. »Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Es dauerte eine Weile, bis Alice Schlaf fand. Und dann träumte sie, sie wiege sich mit ihrem Bett auf Wellen, und über ihr kreisten deutsche Bomber.
Kurz vor dem Ende ihrer Schicht ertönte die gebieterische Stimme von Mrs Le Maistre. »Schwester! Meine Blumen brauchen frisches Wasser.«
Alice schluckte ihren Unmut hinunter und zwang sich zu einer ausdruckslosen Miene. Typisch Mrs Le Maistre, sie im letzten Moment aufzuhalten. Wortlos nahm sie die Vase mit den lilafarbenen Iris vom Nachttisch und trug sie in den unreinen Arbeitsraum. Normalerweise hatte sie nichts dagegen, einem Patienten oder einer Patientin zuliebe länger zu bleiben, etwa für Mrs Perchard, deren Mann im Großen Krieg gefallen war. Ihr konnte sie zuhören, während sie ihr den Rücken oder die Füße rieb oder sie geduldig mit süßen Quarkspeisen fütterte, um den mageren Körper der alten Frau aufzupäppeln. Mrs Le Maistre hingegen stahl ihr nur ihre Zeit, sie behandelte Alice wie eine Dienstbotin.
»Soll ich übernehmen?« Rebekah stand im Türrahmen, ihre weiße Haube und die weiße Schürze glänzten im einfallenden Sonnenlicht.
»Würdest du das tun? Mrs L‑M hat wieder einen Extrawunsch.«
»Natürlich. Geh nach Hause, deine Schicht war vor einer halben Stunde zu Ende. Ich kümmere mich um Madames Blumen und nehme ihre nächsten Befehle entgegen.«
»Du bist ein Engel. Ich muss dringend an die frische Luft.«
Rebekah seufzte. »Ja, hier ist es furchtbar stickig. Draußen ist es besser.«
Alice schob eine Haarsträhne unter ihre Haube. Die Tracht klebte an ihrem Rücken, und die Schürze hatte Knitterfalten. Am liebsten wäre sie zum Meer gerannt, hätte sich in die Fluten geworfen und sich Schmutz und Schweiß abgespült. Dann sagte sie sich, dass sie bald zu Hause sein würde und sich umziehen konnte. Sie wischte die verschwitzten Hände an ihrem Rock ab. »Meine Mutter hat sich nach dir erkundigt. Und nach deinem Mann. Hast du von ihm gehört?«
Rebekah senkte den Kopf. »Er hat sich seit ewigen Zeiten nicht mehr gemeldet. Vielleicht wegen der Luftkämpfe über dem Ärmelkanal. Da muss es ganz schön rundgehen.«
Alice registrierte die bemühte Munterkeit in der Stimme ihrer Freundin.
»So heißt es jedenfalls in den Nachrichten. Hast du die Whitleys gestern gesehen?«
»Nur gehört. Zuerst dachte ich, es wären deutsche Flugzeuge.«
»Ging mir genauso. Es war schrecklich. Weißt du, was Tom fliegt?«
Rebekah zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich eine Spitfire.«
Alice drückte den Arm ihrer Freundin. »Bestimmt hörst du bald von ihm.«
Rebekahs Lächeln wirkte verkrampft.
Alice holte tief Luft und fragte: »Woher wusstest du eigentlich, dass du in Tom verliebt warst? Ich meine damals, als ihr euch kennengelernt habt.«
Vor fünf Jahren hatte Rebekah Jersey besucht und war einem Einheimischen namens Thomas Liron begegnet. Und obwohl Rebekah damals erst achtzehn war, war sie nicht mehr zu ihren Eltern in England zurückgekehrt, sondern auf Jersey geblieben. Für Alice waren die beiden immer die wahre Geschichte einer großen Liebe gewesen.
»Du stellst vielleicht Fragen.« Rebekah lehnte sich gegen das Spülbecken. »Es hat sich einfach richtig angefühlt. Und natürlich. Als wären wir füreinander bestimmt. Oder klingt das zu schnulzig?«
Alice schüttelte den Kopf. »Eher hilfreich.«
Rebekah musterte sie neugierig. »Darf ich daraus schließen, dass du jemanden kennengelernt hast?«
Alice fächelte sich mit der Hand Luft zu. »Leider nicht. Ich wollte es einfach wissen. Falls ich jemals jemanden finden sollte.«
»Natürlich wirst du das. Und dann erinnere dich an meine Worte.«
Alice umarmte ihre Freundin. »Bis morgen. Bleib stark.«
*
Pip heftete Kopien in einem Ordner ab, stellte den Ordner zurück in den Aktenschrank. Den ganzen Morgen hatte er gebeugt am Schreibtisch gesessen, dabei hatte sich sein Nacken verspannt. Er begann, ihn zu massieren.
»Kannst du die Briefe einwerfen?«, fragte sein Vater.
Pips Vater war nicht mehr der Jüngste, führte jedoch noch immer seine Steuerberatung und lernte Pip an, so dass dieser die kleine, gut gehende Firma eines Tages übernehmen konnte. Darüber hinaus war er seit zwei Jahren Schöffe, hatte also mehr als genug zu tun und brauchte einen Assistenten.
Pip schnappte sich die Briefe, eilte hinaus an die frische Luft und dehnte seinen steif gewordenen Rücken.
In ihrem mit Aktenordnern vollgestopften Büro gab es nur ein winziges Fenster, das nach Westen ging, so dass sie erst ab dem späten Nachmittag etwas Sonne bekamen. Draußen aber brannte die Sonne, und Pip lockerte seine Krawatte. Sein Vater hätte das nicht gern gesehen, er musste daran denken, sie auf dem Rückweg wieder festzuzurren.
Statt die Briefe in den nächstgelegenen Briefkasten zu werfen, wanderte Pip zur Post und blickte dabei wehmütig zum Hafen hinüber. Im Geist sah er die Bynie May auf ihrem Anlegeplatz, wie sie sanft auf den Wellen schaukelte.
Er dachte an die Tour zur Saint Ouen’s Bay, die er mit Alice unternommen hatte. Inzwischen wusste er, dass zwei der Bomber tatsächlich zu schwer gewesen waren, um starten zu können. Dann erinnerte er sich an das erhebende Gefühl, als die Whitleys über ihn hinweggedonnert waren. Wie sehr er die Piloten beneidet hatte.
Und nun rückten die Deutschen weiter vor, kamen Jersey immer näher, und er vermochte nichts dagegen zu tun, konnte nur die Nachrichten im Radio verfolgen. Er dachte an die Berichte über die Schlacht von Dünkirchen. Als die britischen Soldaten evakuiert werden mussten, hatte er nach Frankreich segeln und an der Rettungsaktion teilnehmen wollen. Auch das hatte sein Vater nicht erlaubt.
Pip fiel es schwer, die Wut auf seinen Vater im Zaum zu halten. Er könnte in der Royal Air Force oder der Royal Navy sein, statt in einem muffigen Büro zu sitzen und die Ablage zu machen. Sein Vater war einfach überfürsorglich, vielleicht weil er nur noch Pip hatte. Pips Mutter war bei der Geburt ihres Sohnes gestorben.
Und nun sollte er Steuerberater werden. Zwar konnte er einigermaßen gut rechnen und vielleicht auch logisch denken, aber die Finanzen anderer Leute interessierten ihn nicht im Entferntesten.
Die ersten Zeilen eines Gedichts von Herbert Asquith fielen ihm ein. Er hatte es in der Schule auswendig lernen müssen, die Überschrift lautete: Der Freiwillige.
Hier liegt ein Mann,
das halbe Leben hat er in einer grauen Stadt verbracht
und Akten geordnet.
So würden seine Tage vergehen, dachte er,
ohne eine zerbrochene Lanze
im Turnier des Lebens.
Pip konnte diesen Gedanken nachvollziehen. Womöglich würde auch er sein Leben mit einer stumpfsinnigen Arbeit verbringen und nie ein Abenteuer erleben, während andere Männer seines Alters lernten, wie man eine Spitfire flog, auf Schiffen Bordkanonen abfeuerte, Geschütze bediente. Oder sie wurden zu Bodenkämpfen ausgebildet. Er hingegen lernte, mit einer Rechenmaschine umzugehen, Korrespondenzkopien alphabetisch abzuheften und Umschläge fehlerlos zu adressieren.
An der Post warf er die Briefe ein. Danach musste er zurück und durfte nicht länger trödeln.
Pip ignorierte die Möwenschreie und das leise Rauschen der Brandung. Er widerstand der Versuchung, einen Umweg durch den Hafen zu machen, und trottete zurück ins Büro.
Diesmal schalt sein Vater ihn nicht für seine lange Abwesenheit. Stattdessen hatte er sich mit geschlossenen Augen in seinem Schreibtischstuhl zurückgelehnt, und auf seiner Stirn glänzte eine dünne Schweißschicht.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Pip beunruhigt.
Sein Vater öffnete die Augen. »Leider nicht.«
»Warum, was ist passiert?« Pip ließ sich an seinem Platz nieder.
»Der Vizegouverneur hat angerufen. Churchill zieht die Truppen von Jersey ab.«
»Was?« Pip glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. »Ich dachte, die Engländer wollten uns schützen.«
Sein Vater seufzte. »Das dachten viele. Vielleicht möchte Churchill es auch, doch das Kriegskabinett hat sich anders entschieden. Angeblich können sie es sich nicht leisten, die Soldaten hierzulassen. Strategisch gesehen, halten sie die Kanalinseln für irrelevant.«
Pip hatte einen trockenen Mund bekommen und schluckte krampfhaft. »Und nun?«
»Die Soldaten verschwinden, und wir müssen unsere Waffen abgeben. Morgen wird es offiziell verkündet.«
»Also überlässt man uns den Deutschen.«
»Könnte man so sagen.« Sein Vater zuckte mit den Schultern. »Vielleicht gelingt es uns, die Kinder der Insel nach England zu schicken. Aufs Land, wo sie in Sicherheit sind.«
Pip dachte an William, Jennys kleinen Bruder, der dem Leben so hilflos gegenüberstand. Wie sollte man ihn von seiner Familie trennen können?
Sein Vater stand auf. »Ich gehe ins Parlament. Versuche, mehr herauszufinden.« Er war grau im Gesicht, und die Anzahl seiner Falten schien sich seit dem Morgen verdoppelt zu haben.
Pip beschloss, zu den Robinsons zu laufen und ihnen die Nachricht zu überbringen.
*
Wenig später saß er in der gemütlichen Küche der Robinsons am Tisch und hatte einen Becher Tee vor sich. Die Nachhilfestunden kamen ihm wieder in den Sinn. Mr Robinson hatte es ihm nicht leicht gemacht, doch bei ihm hatte er gelernt, was Disziplin bedeutete. Ihm verdankte er die guten Noten auf dem Abiturzeugnis. Hinzu kam, dass er Jenny damals regelmäßig hatte sehen können. Entweder hatte sie in seiner Nähe Staub gewischt, in einer Ecke gesessen und gelesen oder an einer Stunde teilgenommen. Nach ihrer Schulzeit hatten sie angefangen, sich außerhalb des Hauses zu treffen, gingen am Strand spazieren, fuhren zusammen Fahrrad oder er lud Jenny zu einem Törn auf der Bynie May ein. Und nun war er in sie verliebt. Aber wer wusste schon, wie die Zukunft aussah. Der Krieg kam immer näher, und Jenny würde vielleicht nach Cambridge gehen.
Als er Mr Robinson die Neuigkeit mitteilte, wurde dessen Gesicht so grau wie es das von Pips Vater.
»Ich kann nicht fassen, dass Churchill uns im Stich lassen will.«
»Mein Vater sagt, es war die Entscheidung des Kriegskabinetts.«
Mr Robinson hob die Schultern. »Kommt aufs selbe raus.«
Mrs Robinson stellte einen Teller mit Scones vor Pip. »Und wie soll die Evakuierung der Kinder vonstattengehen?«, fragte sie bedrückt.
Pip nahm sich ein Scone und biss hungrig hinein. »Mein Vater hofft, dass sie in England untergebracht werden können. Irgendwo auf dem Land, wo sie in Sicherheit sind.«
Als hätten ihre Beine nachgegeben, ließ Mrs Robinson sich auf einen Stuhl fallen. »Ich kann William nicht fortschicken.«
Mr Robinson griff nach ihrer Hand. »Das müssen wir jetzt nicht entscheiden. Wir werden in Ruhe überlegen, was das Beste für ihn ist.«
»Ich weiß, was das Beste für ihn ist. Er muss hierbleiben. Wir verstehen ihn, und Fremde machen ihm Angst. Er könnte großen seelischen Schaden nehmen.«
Es war der private Austausch eines Elternpaars, der Pip verlegen machte. Er blendete das Gespräch aus und dachte an Jenny, die wahrscheinlich am Strand war. Und Alice müsste im Krankenhaus sein. Er steckte sich das letzte Stück Scone in den Mund, schluckte es hastig hinunter und spülte mit Tee nach. Dann stand er auf.
»Ich muss wieder. Bin nur gekommen, um Ihnen die Nachricht zu überbringen.«
»Danke, mein Junge«, sagte Mr Robinson, der sich ebenfalls erhob.
In den Augen seines ehemaligen Lehrers würde er wahrscheinlich immer ein Junge sein, dachte Pip. Die Frage war nur, wie er reagieren würde, wenn sein ehemaliger Nachhilfeschüler und seine Tochter ein Liebespaar wären. So beiläufig wie möglich fragte er: »Wissen Sie, wo Jenny ist?«
Mrs Robinson warf ihm einen seltsamen Blick zu. Oder hatte er sich das nur eingebildet? »Wahrscheinlich unten am Strand. Die Prüfungen sind ja vorbei.«
»Und das Wetter lädt dazu ein«, erwiderte Pip hölzern. Sollten die Deutschen tatsächlich bei ihnen landen, wäre es mit Strandausflügen wahrscheinlich vorbei.
»In der Tat.« Mr Robinson blickte aus dem Fenster auf die Beete mit den in der Sonne leuchtenden Blumen und seufzte so schwer, als böte sich ihm dieser Anblick zum letzten Mal.
Pip verabschiedete sich.
*
Jenny breitete ihr Handtuch auf einem flachen Felsen aus. Trotz der flirrenden Hitze und des wolkenlosen Himmels lag der Strand verlassen da. Jenny hatte nichts dagegen, sie war gern allein.
Sie streifte ihr Kleid ab, den Badeanzug trug sie bereits darunter, und setzte sich auf ihr Handtuch.
Sie blickte auf die Wellen, die stetig ihre Farben wechselten, sah zu, wie sie heranrollten und sich wieder zurückzogen. Sie fragte sich, warum man die jeweils siebte in einer Folge eigentlich für die größte hielt. Hing es mit dem Mond zusammen, mit dem Wind oder war es nur eine Volksweisheit? Und warum ausgerechnet die siebte? Das musste doch eine Bedeutung haben. Weil die Sieben als magische Zahl galt? Auch in Märchen kam sie häufig vor – und natürlich in der Schöpfungsgeschichte.
Jenny begann die weiter entfernten Wellen zu zählen, die aufstiegen, sich dem Strand entgegenwälzten und schäumend auf dem Sand ausliefen. Einige waren größer als andere, und manche trugen ihren Schaum weiter über den Sand, aber eine durchgehend größte siebte Welle konnte sie nicht feststellen. Merkwürdig. Vielleicht würde sie die Antwort darauf – und auf viele weitere Fragen, die sich in ihrem Kopf angesammelt hatten – in Cambridge erhalten.
Nach einer Weile wurden ihr die Hitze und die brennende Sonne zu viel. Sie stand auf und lief zum Wasser.
Die ersten Wellen fühlten sich auf ihrer heißen Haut so kalt an, dass sie erschrocken zurückwich. Doch dann überwand sie sich, warf sich in die Fluten und schwamm hinaus. Schon bald bemerkte sie, wie gut es ihr tat, nichts als Sonne und Meer zu spüren. Die Sorgen, wie die schriftlichen Abiturprüfungen ausgefallen waren, und ob man sie in Cambridge nehmen würde, lösten sich auf.
Die unkleidsame Schuluniform hatte sie endlich ablegen können. Nun musste sie auf die Prüfungsergebnisse warten und dann anfangen, sich auf die Aufnahmeprüfung in Cambridge vorzubereiten. Zuvor jedoch würde sie sich ein paar Wochen Pause gönnen, damit war sogar ihr Vater einverstanden gewesen. Gäbe es keinen Krieg, hätte sie den ganzen Sommer in Ruhe genießen können. Doch seit Dünkirchen sah es für die englischen Streitkräfte schlecht aus, und am Vortag hatte Paris sich den Deutschen ergeben.
Vielleicht war der Gedanke, Jersey könnte nicht angegriffen werden, nur Wunschdenken. Sie liebte ihre Insel. Hier war sie groß geworden, hatte mit ihrer Schwester am Strand gespielt, Sandburgen gebaut, mit ihr im seichten Wasser geplanscht. Sie dachte an den Ausflug zu Saint Catherine’s Breakwater zurück. Am Leuchtturm hatte Dad sie und Alice fotografiert und jeder zu Weihnachten ein gerahmtes Foto geschenkt. Auf die Rückseite hatte er geschrieben: Die Leuchtturm-Schwestern, Saint Catherine’s 1930. Die Fotos besaßen sie noch immer, sie würde ihres sogar mit nach Cambridge nehmen – falls man sie dort annähme.
Sie drehte sich auf den Rücken, ließ sich treiben und spürte, wie die Wellen an ihr leckten. Als sie den Kopf hob, sah sie das Schildpattmuster, das die Sonne auf ihre Beine unter dem Wasser malte. Sie legte den Kopf wieder zurück und blinzelte in den wolkenlosen Himmel.
Wieder wanderten ihre Gedanken zu der Studienzeit, die im nächsten Jahr vielleicht beginnen würde. In Cambridge wäre sie eine Studierende unter vielen, würde nicht mehr wie in der Schule herausragen und jedermanns Erwartungen erfüllen, einschließlich ihrer eigenen. Sie war noch nie in Cambridge gewesen und konnte sich weder die Stadt noch das Universitätsgelände richtig vorstellen, wusste nur, dass ihr das Meer fehlen würde. Das Flachmoor rings um Cambridge würde diesen Verlust niemals wettmachen können.
Auch ihre Familie würde sie vermissen. Aber vielleicht wäre es gut, eine Zeit lang von Alice getrennt zu sein. Als Kinder waren sie einander verbunden gewesen, doch nun schienen sie sich ständig in den Haaren zu liegen. Das konnte bereits aus dem kleinsten Anlass geschehen. Wie oft war Alice ins Zimmer geplatzt und hatte sie gestört, wenn sie für die Schule gelernt hatte. Und warum musste sie immer Lärm machen, wenn sie frühmorgens aufstand, um zur Arbeit zu gehen?
In Cambridge würde sie endlich ein eigenes Zimmer haben. Sie würde unabhängig sein. Und wenn sie in den Ferien nach Hause käme, würden sie und Alice sich vielleicht wieder so gut wie früher verstehen. Im Grunde liebten sie einander ja, waren noch immer die Leuchtturm-Schwestern.
Jenny drehte sich auf den Bauch und schwamm zurück.
Im seichten Wasser richtete sie sich auf, spürte den felsigen Grund unter ihren Füßen und die Strömung, die an ihren Beinen zog. Dann entdeckte sie Pip. Er stand in den Dünen, hatte die Augen mit der Hand beschattet und blickte sich suchend um. Sie rief seinen Namen, winkte und lief auf ihn zu. Auch er würde ihr in Cambridge fehlen, sogar sehr. Nach Alice war er nun derjenige, dem sie sich anvertraute, mit dem sie ihre Sorgen und Nöte teilte.
Als sie ihn erreichte, strahlte er. »Deine Eltern haben mir gesagt, dass du am Strand bist.«
Sie gingen zu dem Felsen, auf dem Jennys Handtuch lag. Pip raffte es auf, wickelte sie darin ein und rubbelte ihren Rücken und ihre Arme trocken.
»Das ist lieb, danke.« Jenny nahm ihm das Handtuch ab und legte es quer, um ihnen beiden eine Unterlage zu bieten. Pip schlang einen Arm um sie, und sie schmiegte sich an ihn. Verwundert stellte sie fest, wie verkrampft sein Körper war. Sie löste sich von ihm. »Stimmt etwas nicht?«
Er las einen Stein auf und schleuderte ihn ins Meer. Dann erzählte er ihr von dem Plan der Engländer, ihre Truppen aus Jersey abzuziehen.
»Und was bedeutet das für uns?«
»Keine Ahnung.« Pip zuckte mit den Schultern. »Die Kinder sollen nach England evakuiert werden. Aber deine Mutter möchte William nicht fortgeben.«
»Das geht auch nicht. Ohne uns kommt Will nicht zurecht.«
Pip tastete nach dem nächsten Stein.
Jenny betrachtete ihn von der Seite – die verspannte Kinnpartie, die sonnengebräunte Haut, den muskulösen Körper. Man hätte ihn für einen Matrosen halten können, aber niemals für einen angehenden Steuerberater.
Pip hatte einen neuen Stein gefunden. Als er ihn warf, landete er auf dem Trockenen. »Ich bin so wütend. Zum einen, weil die Soldaten abziehen. Zum anderen, weil ich nicht mit ihnen ziehen kann.«
Jenny wurde das Herz schwer. Wenn er könnte, würde er also sofort losmarschieren. Ihm zuliebe hoffte sie, sein Wunsch würde sich erfüllen, doch ihr selbst wäre es lieber, wenn er auf der Insel bliebe und in Sicherheit wäre.
Sie bohrte ihre Zehen in den Sand. Ihre Gefühle für ihn waren kompliziert. Für lange Zeit war er für sie wie ein Bruder gewesen, und nun, da er mehr wollte, fühlte sie sich dazu noch nicht bereit. Vielleicht wäre es für ihn besser gewesen, sich in Alice zu verlieben, die älter als sie war und sich vielleicht schon nach einer Liebesbeziehung sehnte.
»Versprich mir, dass du nichts Unüberlegtes tust.«
»Sollte ich mich in Gefahr begeben, sage ich dir vorher Bescheid.«
»Sprich nicht so leichtfertig.« Jenny stand auf. Sie wollte nach Hause. Am Himmel waren Schleierwolken entstanden, die sich über die Sonne legten. Und Pip war mit seinen Gedanken nicht bei ihr, sondern bei den englischen Soldaten und dem Kriegsgeschehen. Sie streifte ihr Kleid über den noch feuchten Badeanzug.
Hand in Hand kehrten sie in die Stadt zurück, jeder in seine Gedanken versunken. Auf der Route du Fort sahen sie einen Militärlastwagen voller Soldaten.
»Da, sie hauen schon ab.« Mit bitterer Miene blickte Pip zu den Männern in ihren kakifarbenen Uniformen, die Stahlhelme trugen und von prall gefüllten Seesäcken umgeben waren.
Jenny hatte nie einen der englischen Soldaten kennengelernt. Sie war nur einmal mit Alice bei einem ihrer Blaskonzerte im Howard Davis Park gewesen. Sie hatte aber angenommen, dass sie immer in Fort Regent sein würden, um die Insel vor feindlichen Angriffen zu bewahren, so wie es seit Hunderten von Jahren der Fall gewesen war.
Und nun ließen sie Jersey im Stich. Bei dem Gedanken packte sie ein diffuses Angstgefühl. Was wäre, wenn die Deutschen tatsächlich zu ihnen übersetzten?
Schutzsuchend umklammerte sie Pips Hand.
Am Sonntagmorgen konnte Pip ausschlafen. Als er langsam zu sich kam, hörte er die Kirchenglocken läuten, und ihm war, als schwinge in ihrem Klang etwas Verlorenes mit. Der Lastwagen mit den englischen Soldaten fiel ihm ein; sie waren auf dem Weg zum Hafen gewesen, inzwischen würden sie die Insel verlassen haben. Vielleicht kam ihm das Glockengeläut deshalb so klagend vor.
Der Abzug der englischen Truppen hatte ihm zugesetzt. Er hing an Jersey. Auf dieser Insel war er geboren, hier war seine Heimat. Die rauen Klippen, die malerischen Buchten und die grünen Hänge, all das fand er wunderschön. Noch mehr jedoch liebte er das Meer mit seinen Launen und changierenden Farben. Wenn es ruhig war, schimmerte es in Türkis, war es verdrießlich, färbte es sich grau, und wenn es aufgebracht war, nahm es eine grünliche Farbe an.
Nur wenn er auf dem Wasser war, fühlte er sich frei. In einem anderen Leben wäre er Fischer geworden, so wie Jack, hätte mit der Bynie May Wind und Wellen getrotzt. Er hätte das Salz des Meeres gerochen und geschmeckt, hätte sich im Sturm mit seiner Kraft gemessen.
Wenn er wenigstens auf irgendeine Weise für seine Insel kämpfen könnte, nun da die Engländer abgezogen waren. Schließlich war er ein Marett, und die Maretts waren seit Jahrhunderten auf Jersey, gehörten zu seiner Geschichte.
