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Es war im Grunde der reine Zufall, daß ich mit unter die Framleute kam, denn mein Name war nicht unter den unzähligen Bewerbern zu finden, die um diese Ehre angehalten hatten. Und doch hatte ich lange den glühendsten Wunsch danach mit mir herumgetragen. Nansen's hohes Führergeschick verlieh der Fahrt schon im voraus Glanz und bürgte dafür, daß die Männer, die an Bord der »Fram« die Expedition mitmachen durften, großen Taten entgegengingen. Daß Otto Sverdrup das Schiff führen sollte, vergrößerte die Lust zur Fahrt nur noch mehr. Und nach allem, was über die »Fram« selbst geredet und geschrieben worden war, wußte ich, daß, wenn das Meer je ein Schiff getragen hat, das sich im Eise dort oben in den fernen unbekannten Gewässern würde halten können, es die »Fram« sein mußte.
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Seitenzahl: 705
Veröffentlichungsjahr: 2017
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ISBN 9783961505722
An der heimatlichen Küste entlang.
Es war im Grunde der reine Zufall, daß ich mit unter die Framleute kam, denn mein Name war nicht unter den unzähligen Bewerbern zu finden, die um diese Ehre angehalten hatten.
Und doch hatte ich lange den glühendsten Wunsch danach mit mir herumgetragen. Nansen's hohes Führergeschick verlieh der Fahrt schon im voraus Glanz und bürgte dafür, daß die Männer, die an Bord der »Fram« die Expedition mitmachen durften, großen Taten entgegengingen. Daß Otto Sverdrup das Schiff führen sollte, vergrößerte die Lust zur Fahrt nur noch mehr. Und nach allem, was über die »Fram« selbst geredet und geschrieben worden war, wußte ich, daß, wenn das Meer je ein Schiff getragen hat, das sich im Eise dort oben in den fernen unbekannten Gewässern würde halten können, es die »Fram« sein mußte.
Wie gesagt, der Gedanke daran reizte und lockte mich, aber dennoch gewann ich es nicht über mich, den entscheidenden Schritt zu tun und mich zu melden.
Es war eines schönen Nachmittags. Die »Fram« war in den Hafen von Christiania gekommen und in die mechanische Werkstatt von Aker geschleppt worden, wo sie ihr geräumiges Innere mit all den tausend zur Fahrt nötigen Dingen an Proviant und Geräthschaften anfüllen ließ.
Müssig schlenderte ich am Quai entlang und kam so auch dahin, wo die »Fram« lag.
Das Deck war ein wüstes Durcheinander von Kisten aller Art und der verschiedensten Größen, und unten im Großraume arbeitete ein Mann im Schweiße seines Angesichts daran, das eine Ding hier, das andere dort auf die beste Weise zu verstauen.
Es war mir klar, den Mann mußte ich kennen, obschon er so vornübergebeugt stand, daß ich sein Gesicht nicht deutlich sehen konnte.
In diesem Augenblick richtete er sich auf, und nun konnte ich ihn sehen.
»Aber, lieber Freund, bist du's denn wirklich?« fragte ich. Es war nämlich mein guter alter Kamerad Hjalmar Johansen.
»Natürlich bin ich es, ganz gewiß!« rief er lächelnd zu mir herauf, indem er sich mit dem Ärmel den Schweiß von seinem heitern Gesichte wischte.
»Komm' doch auch mit uns, mein Junge«, sagte er. »Einen wie dich kann Nansen gerade brauchen.«
Nun ja, wir sind alle Menschen und als solche wohl auch für ein bischen Schmeichelei empfänglich. Und ich leugne durchaus nicht, daß die Worte, einen wie mich könne Nansen gerade brauchen, mich doch ein wenig an der Stelle kitzelten, wo die Eitelkeit sitzt.
Und Lust dazu hatte ich ja lange gehabt, das habe ich auch schon erzählt – eine Lust, die wie ein glimmendes Feuer in mir gelegen und nun bei Johansen's Worten in helle Flammen ausbrach.
Der Gedanke an alles, dem ich den Rücken kehren mußte, an die mannichfachen Bande des Familienlebens, an den Schmerz, meiner Frau, den Kindern und allem, was mir daheim teuer war, Lebewohl sagen zu müssen, um sie – wenn es das Unglück wollte – nie wieder zu sehen, dieser Gedanke hatte mich bisher immer zurückgehalten, und niemand wird mich deshalb wohl tadeln.
Doch in jenem Augenblick waren alle diese Zweifel wie ausgelöscht aus meinem Bewußtsein.
Konnte Nansen mich brauchen, so sollte er mich auch haben!
Inzwischen war Johansen aus dem Raume heraufgekommen und hatte sich fertig gemacht, an Land zu gehen. Er trat zu mir hin und legte den Arm um meine Schultern.
»Höre, Freund«, sagte er, »ich werde vorerst mit Nansen reden, und dann fährst du heute Nachmittag gegen 5 Uhr selbst zu ihm hinaus. Du triffst ihn um diese Zeit zu Hause, und die Sache wird dann gleich entschieden.«
Nun, ich sagte überhaupt nicht mehr nein. Ich fuhr nach Lysaker hinaus, wo Nansen wohnte, und traf ihn auch richtig zu Hause. Nansen empfing mich sehr freundlich. Als ich mein Anliegen vorgebracht hatte, begann er, sich nach allerlei Einzelheiten zu erkundigen, die ich ihm alle zu seiner Zufriedenheit beantworten konnte. Wir kamen vorläufig überein, daß ich bis Tromsö mitfahren und an Bord der »Fram« die elektrische Beleuchtung einrichten sollte. Unterwegs würden wir uns endgültig entscheiden können, ob ich ganz mitfahren sollte, was ja dann auch geschah. Ich selbst war schon von Anfang darauf vorbereitet, die ganze Reise mitzumachen.
Alle, die zur Mannschaft der »Fram« gehörten, hatten sich so verheuern müssen, daß sie sich verpflichteten, sich ohne Murren jeder vorkommenden Arbeit zu unterziehen, wenn sie auch zunächst bei einer ihrer bisherigen Beschäftigung entsprechenden Thätigkeit verwandt werden sollten. Hierzu mußten wir uns kontraktlich verpflichten, und bis auf einen einzigen Ausnahmefall hat sich auch nie einer darüber beschwert.
Als langjähriger Elektrotechniker hatte ich an Bord hauptsächlich die Dynamomaschine und die elektrische Beleuchtung zu beaufsichtigen. Dies hinderte jedoch nicht, daß ich auch, wenn es sich gerade traf, bei Arbeiten angestellt wurde, mit denen ich bisher nicht vertraut gewesen war. Ich mußte zum Beispiel als Heizer, Koch, Bäcker und Matrose Dienste tun und fungirte später als Scott-Hansen's Gehülfe bei den meteorologischen Beobachtungen und Messungen, eine Arbeit, die bald mein größtes Interesse erregte.
Meine Verabredung mit Nansen war also getroffen. Er drückte mir beim Abschied freundlich die Hand und stellte mich Sverdrup vor, der gerade bei ihm war. Ich kam in heiterster Stimmung wieder in der Stadt an und eilte nach Hause, um meiner Frau und den Kindern den großen Entschluß mitzuteilen.
Daß diese darüber nicht mit ebenso großer Begeisterung erfüllt waren wie ich, wird niemand unbegreiflich finden. Trotzdem stieß ich nicht auf ernstlichen Widerstand. Und selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, würde es in meinem Entschlusse keine Aenderung mehr bewirkt haben.
In den darauf folgenden Tagen wurde an Bord der »Fram« eine Thätigkeit sondergleichen entwickelt.
Es war ein wahres Chaos an Bord, ein wüstes Durcheinander aller möglichen Dinge, sodaß einem schon bei dem Gedanken, wie und wo für alles Platz geschaffen werden sollte, beinahe schwindlig wurde. Und das will ich mir gleich zu sagen erlauben: es ist sicherlich nicht die geringste der großen Eigenschaften, die Nansen's Führergenie bilden, daß er diese ganze tausendfältige Ausrüstung durchdacht und von allem, was die Expedition möglicherweise hätte gebrauchen können, auch beinahe kein einziges Ding vergessen oder nicht beachtet hat.
Alle übrigen Teilnehmer der Expedition, sowohl die wissenschaftlich gebildeten als auch die andern, waren nun an Bord eingetroffen, nur Kapitän Sverdrup fehlte noch. Die meisten von uns wurden bald gute Freunde, was natürlich nicht wenig dazu beitrug, allseitig den Mut und die Zuversicht zu heben. Wir mußten ja alle einsehen, daß ein einziges Element an Bord, das den Keim feindlicher Gesinnungen in sich barg, hinreichen würde, um Verwirrung und verhängnisvolle Zersplitterung in unser kleines Gemeinwesen zu bringen.
Nach mehrtägiger angestrengter Arbeit waren wir endlich zur Abreise fertig. Es war am Vorabend des Johannistages 1893. Die »Fram« war nach dem Hafen von Piperviken hinausgewarpt worden und spiegelte dort ihre hohen Masten in der stillen Flut. Auf den Höhen, Inseln und Holmen ringsumher loderten die Johannisfeuer dem längsten Tage des Jahres und dem schönen Sommer zu Ehren, der jetzt in seiner vollen, reichen Pracht stand und dem wir Lebewohl zu sagen im Begriffe waren.
Wir hatten alle unsere Familien, Verwandten und Freunde bei uns an Bord, um noch ein letztes mal mit ihnen zusammen zu sein, bevor wir die Anker lichteten. Wer wollte leugnen, daß wir alle in tiefbewegter Stimmung waren? Und daß unsere Stimme bebte und unsere Augen sich mit Tränen füllten, als wir unsern Lieben beim letzten »Lebewohl und auf glückliches Wiedersehen« die Hand reichten: dies einzugestehen ist gewiß auch keine Schande!
Der Abend, die helle Johannisnacht vergingen, der Morgen kam: mit ihm der Tag unserer Abreise.
Johannistag 1893.
Er machte seinem Namen gerade keine Ehre. Kalt und trübe brach er an, als sehe er unserm Vorhaben mürrischen Auges zu.
Aber dafür waren die Menschen um so herzlicher! Als die »Fram« mittags um 1 Uhr Dampf aufgemacht und die Anker gelichtet hatte, waren die Festungsberge und die Quaie schwarz von Menschen. Draußen im Hafen wimmelte es von Kuttern, Segel- und Ruderbooten. Und wie wurden wir mit Hurrah begrüßt, wie schwenkte die Jugend ihre Mützen, und wie winkten die Damen mit ihren Taschentüchern! Es erwärmte uns bis ins Herz hinein, als wir sahen, daß diese vielen Tausende von Herzen für uns schlugen, als wir hörten, wie stolz sie auf uns waren, sowohl um ihrer selbst wie um der alten Mutter Norwegen willen! Kein besserer Stärkungstrunk konnte uns in dem Abschiedsbecher gereicht werden, als die so trostvolle Gewißheit, daß sie alle an uns glaubten – vielleicht nicht alle an unsere Fähigkeit, das große Vorhaben durchzuführen, aber doch alle an unsere Ausdauer und an unsern redlichen Willen.
Unter donnernden Hurrahrufen und Salutschüssen glitt die »Fram« langsam an der Hoved-Insel vorbei. Bald sahen wir Christiania nur noch gleich einem blauen Nebelstreifen in der Ferne verschwinden.
Am 27. Juni erhob sich abends ein richtiger Sturm aus Westnordwest, sodaß unser gutes Schiff bald genügend Gelegenheit erhielt, seine Seetüchtigkeit zu beweisen, und wir selbst unsere größere oder geringere Standhaftigkeit dem »Opfer« fordernden Meeresgotte gegenüber zeigen konnten. Da ich selbst gewissermaßen ein alter Seemann und als solcher längst gegen alle derartigen Forderungen abgehärtet war, ist es ja gerade nicht sehr zu rühmen, daß ich mich seiner bösen Angriffe erwehren konnte. Aber auch die »Landratten« unter uns hielten sich im ganzen genommen recht gut.
Die »Fram« erwies sich als ein gutes Schiff, war aber zu schwer belastet und mußte eine Sturzsee nach der andern über sich ergehen lassen. Um sie zu erleichtern, sahen wir uns also genötigt, einen Teil unserer aus Planken und einer Menge leerer Theerölfässer bestehenden Deckslast über Bord zu werfen. Dies half dem Übelstand sofort recht gut ab, aber der Sturm war so überwältigend, daß wir, nachdem wir die ganze Nacht in Bewegung gewesen waren, uns um etwa 8 Uhr morgens entschließen mußten, einen Hafen aufzusuchen. Gegen 6 Uhr nachmittags kamen wir endlich in Ekersund an, wo schon einige den Küstenverkehr vermittelnde Dampfer in Nothhafen gegangen waren. Gegen Morgen legte sich der Sturm, weshalb wir, von den Ekersundern aufs freundlichste begrüßt, wieder in See stachen und unsern Kurs direkt auf Bergen hielten.
In der alten Hansastadt herrschte festliches Leben und Begeisterung, Sang und Klang, von dem Augenblicke unserer Ankunft bis zur Stunde unserer Weiterreise. Die Leute wußten einfach nicht, was sie uns alles Gutes anthun sollten. Es hätte uns wirklich zu Kopf steigen können.
Am 5. Juli erreichten wir Beian, wo wir der Verabredung gemäß Kapitän Sverdrup antrafen und noch einen Teil des Proviants einnahmen. Hier kam auch Professor Brögger an Bord, um uns bis Tromsö zu begleiten.
Dort kamen wir am 12. Juli an und warfen im Hafen Anker. Das Wetter war schneidend kalt; bisweilen gab es ein Schneetreiben, als wären wir in der Weihnachtszeit – ein hübscher, kleiner Vorgeschmack von dem, welchem wir bald immer mehr entgegengingen.
In Tromsö versahen wir uns mit etwas getrocknetem Renthierfleisch. Außer Professor Brögger verließ uns hier noch ein anderer Mann, den wir alle in der kurzen Zeit, die wir mit ihm zusammen verlebt, aufrichtig lieben gelernt hatten. Es war Kapitän Gjertsen, der nächst Nansen und Sverdrup die »Fram« von uns allen am besten kannte, da er von dem Tage ab, an dem ihr Kiel gestreckt worden war, ihren Bau und ihre Einrichtung genau verfolgt hatte.
Wir schüttelten ihm beim Abschied alle warm die Hand, viele von uns mit Tränen in den Augen, denn er war uns aufrichtig teuer geworden. Statt seiner kam Bentsen an Bord. Er sollte uns bis Nowaja Semlja begleiten und dachte selbst noch nicht im entferntesten daran, daß er im Ernst weiter mitthun würde.
Mit Kapitän Gjertsen verließ uns noch ein anderer guter Freund, Christiansen Trana, von Nansen's Grönland-Fahrt her bekannt, ein außerordentlich gewandter, prächtiger Mensch; es war wirklich schade, daß Nansen diesmal nicht mit ihm einig werden konnte.
Von den wärmsten Glückwünschen der Bevölkerung begleitet sagten wir am 14. Juli nachmittags 2 Uhr Tromsö Lebewohl. Das Wetter war noch immer kalt; es wehte frisch aus Nordwesten, und die See ging hoch. Die Last der »Fram« war verkehrt gestaut worden, und das Schiff schlingerte deshalb entsetzlich. Ja, manchmal war das Schwanken so heftig, daß man sich kaum in der Koje festhalten konnte und an Schlaf gar nicht zu denken war. Wir gingen in den Kjölle-Fjord hinein, um die Last umzustauen und das Vorschiff leichter zu machen, eine Arbeit, die im Laufe von zwei Tagen durch Leute vom Lande ausgeführt wurde – Leute, die wir übrigens auf die curiose Weise bekamen, daß wir sie sozusagen aus der Kirche holten (es war nämlich ein Predigtsonntag). Draußen herrschte ein entsetzliches Unwetter; die Gebirgskessel waren bis tief hinunter voll Schnee, und wir mußten wollene Handschuhe anziehen, wenn wir auf Deck etwas zu tun hatten. Wahrhaftig, ein angenehmes Sommerwetter!
Erst am 17. Juli klärte es sich auf, und wir stachen nun wieder in See mit dem Kurs auf Vardö, wo wir am Abend des nächsten Tages gegen 10 Uhr ankamen. Hier wartete unser eine Überraschung, und schöner hätte Mutter Norwegen ihren Söhnen das letzte Lebewohl nicht sagen können, als die Bewohner von Vardö es taten.
Unsere Ankunft hatte sich um volle zwei Tage verspätet. Aber treulich hatten die Waräger von Vardö Tag und Nacht Wacht gehalten. Wir waren deshalb ebenso erstaunt wie gerührt, als wir in der späten Abendstunde an der Mole anliefen und, statt, wie wir es erwartet hatten, eine Stadt in ihrem Schlafe zu finden, von einer wimmelnden Menschenmenge empfangen wurden mit einem Musikcorps an der Spitze, das kräftig und taktfest »Ja, wir lieben dieses Land!« anstimmte.
Die gemütvolle Innigkeit dieses einfachen Liedes hat uns alle vielleicht nie so ergriffen und gestärkt wie in jener späten Abendstunde, als es uns so überraschend entgegentönte. Und wie an den andern Orten konnte auch hier die Bevölkerung sich nicht genug tun in Bezeugungen ihrer Sympathie.
Wir lagen hier ein paar Tage. Es war der letzte norwegische Hafen, den wir anliefen. Deshalb hatten die Taucher hier den Boden der »Fram« von Muscheln, Tang und andern die Fahrt hemmenden Unreinlichkeiten zu befreien. Und die ganze Zeit über hielt uns die Stadt mit Freudenfesten in Atem – ja, sie setzte unsertwegen beinahe Himmel und Erde in Bewegung.
Am 21. Juli morgens 4 Uhr lichteten wir endlich die Anker und dampften bei klarem, stillem Wetter aus dem Fjord hinaus.
So wollte Mutter Norwegen selbst uns noch einmal ihr freundlichstes Gesicht zeigen und uns als letzte Erinnerung das Bild des hellen Sommermorgens des Nordlandes mit auf den Weg geben, mit den Gebirgen und Fjorden, mit den Inseln und Schären, die in seine seltsamen rothglühenden Farben getaucht waren.
Dank dir, Mutter Norwegen! Von uns allen an Bord hat sicherlich keiner das Bild vergessen, das unserm Blicke nach und nach am Horizont entschwand.
Nach Norden.
Vardö und seine freundlichen Bewohner werden stets in meiner Erinnerung haften, außer den vielen gemeinschaftlichen Erlebnissen auch durch eine kleine Episode, in der ich selbst die Hauptrolle spielte. Es hätte eigentlich eine recht ernste Geschichte werden können, aber glücklicherweise endete sie mit einem herzlichen Gelächter.
Während wir vor Anker lagen und die »Fram« von außen am Schiffsboden abgekratzt wurde, kam natürlich eine Menge Besucher an Bord, die Lust hatten, das »Wunderthier« von innen zu besehen und sich von seiner Haltbarkeit zu überzeugen. So kamen denn auch zwei Damen, zwei wirklich niedliche junge Damen, und fragten, ob sie das Schiff besehen dürften.
»Ja gewiß, bitte, treten Sie näher!«
Ob sie auch in den Salon hineingucken dürften?
»Ja, natürlich! Bitte, meine Damen!«
Und ich machte als höflicher Cavalier ein Paar Schritte rückwärts nach der Salonthür, öffnete sie, sagte: »Bitte sehr«, trat selbst noch einen Schritt zurück – einen verhängnisvollen Schritt –, fiel, pardautz, durch eine offenstehende Luke und verschwand zum unaussprechlichen Erstaunen der Damen in der Tiefe. Wenn irgendwo, so könnte man hier in des Wortes verwegenster Bedeutung von »einem Verschwinden wie eine Pflaume im Rum«[*] sprechen.
Nun wohl! Meine Rolle als »Orpheus in der Unterwelt« hätte, wie gesagt, auch ein Ende mit Schrecken nehmen können. Denn es war eine recht respectable Höhe zum Hinunterfallen – und besonders so unerwartet zu fallen –, und der Raum dort unten war mit allen möglichen Gegenständen vollgestaut, mit denen der menschliche Corpus seiner Construction nach eigentlich nicht auf heftige Weise in Berührung kommen darf. Aber glücklicherweise waren dort einige Treibriemen, die das Ärgste abhielten, und ich kam, von einigen Beulen und Hautabschürfungen abgesehen, mit dem bloßen Schrecken davon.
Natürlich war ich nachher die Zielscheibe des Spottes und der Witze der andern, so geht es ja immer in dieser bösen Welt! Aber ich hielt sie mir nach Kräften vom Leibe und meinte, ich sei an Bord der »Fram« doch der Einzige, der ihr auf den Grund gegangen sei. Aber trotzdem dauerte es recht lange, ehe sie aufhörten, zu sticheln und von meinem »tiefen Falle« zu reden.
Bei der Abreise von Norwegen bestand die Besatzung der »Fram« aus 14 Mann mit Einschluß von Dr. Nansen's Secretär, des Journalisten Christofersen, der uns nach Chabarowa begleiten sollte, um von dort mit der Jacht, die beauftragt war, uns dorthin noch einen Kohlenvorrat zu bringen, wieder nach Hause zu fahren.
Obgleich es vielleicht überflüssig sein dürfte, will ich doch der Genauigkeit wegen hier die Namen aller eigentlichen Mitglieder der Expedition nennen. Sie bestand außer Dr. Nansen und Kapitän Sverdrup aus Folgenden: Premierlieutenant Sigurd Scott-Hansen als Leiter der meteorologischen, astronomischen und magnetischen Beobachtungen; cand. med. Henrik Blessing als Arzt und Botaniker; Theodor Jacobsen als Steuermann, und Anton Amundsen als erster Maschinist. Dann kamen Anton Juell als Proviantverwalter und Koch; der Schwede Lars Petterson (nicht Pettersen)[*] als zweiter Maschinist; der Reservelieutenant Hjalmar Johansen anfangs als Heizer und später als meteorologischer Assistent; Peder Hendriken als Harpunierer; meine Wenigkeit hauptsächlich als Elektrotechniker; Ivar Mogstad als »alles Mögliche«, und schließlich Bernt Bentsen in seiner Eigenschaft als erfahrener Eismeerschiffer.
Endlich aber darf ich nicht vergessen, unsern treuen vierfüßigen Teilnehmer an der Expedition, Nansen's Hund »Kvik«, zu nennen.
»Kvik« hieß das Tier, und quick, flink, war es auch. Es stammte entschieden von der Rasse der grönländischen Hunde ab und war Nansen in Kopenhagen geschenkt worden. Es wurde der Hündin anfangs schwer, sich an die Wechselfälle des Seelebens zu gewöhnen, und wenn das Schiff auf den blauen Wogen schaukelte, war sie gar nicht damit zufrieden, daß es in dieser Welt beständig auf und nieder geht. Aber sie war klug und gelehrig, und es dauerte gar nicht lange, bis sie ebensowol die Situation beherrschte, wie ihre Aufgabe verstand, laut zu verkünden: »Unbefugten ist der Zutritt nicht gestattet«. Sie fing bald an, hierin beinahe zu »preußisch« zu werden, und als wir auf unserer Küstenfahrt in den verschiedenen Häfen anlegten, mußten wir sie sogar anbinden, natürlich unter lautem, tiefempörtem Protest ihrerseits.
Am Nachmittag des 21. Juli verschwand der letzte bläuliche Schimmer der norwegischen Gebirge unter dem Horizonte. Wir standen alle an der Rehling und sahen ihrem Entschwinden voll eigenthümlicher Bewegung zu. Das Wetter war schön, nur hin und wieder ein wenig nebelig. Schon hier fingen wir an, die Temperatur des Wassers in verschiedenen Tiefen zu messen. Am 25., um 10 Uhr vormittags, konnten wir von der Ausgucktonne auf dem Großmaste durch das Fernrohr Land erblicken. Der Wind wurde gegen Abend zu einer starken Kuhlte, die die »Fram« jetzt aber mit verhältnismäßiger Ruhe über sich ergehen ließ. Das Land, das wir erblickt hatten, war die Küste von Nowaja Semlja, und wir richteten unsern Kurs nun nach Osten durch die Jugor'sche Straße auf Chabarowa zu.
Zwei Tage darauf stießen wir auf das erste Eis und erlitten dadurch ziemliche Verspätung. Nachdem wir vergeblich versucht hatten, zwischen den Schollen hindurchzukreuzen, blieb uns nichts weiter übrig, als uns in Geduld zu fassen. Wir vertrieben uns inzwischen die Zeit damit, von der Rehling aus auf Seehunde zu schießen, machten aber selbstverständlich keine Beute.
Erst am nächsten Tag konnten wir weit in der Ferne offenes Wasser erblicken. Wir heizten also tüchtig an und versuchten, uns hindurch zu zwängen. Nun ja, es ging allerdings, aber natürlich nicht schnell, und wir brauchten den ganzen Tag und die Nacht dazu, ehe wir wieder in offenes Fahrwasser kamen.
Endlich, am nächsten Abend, gingen wir in Chabarowa vor Anker und machten die Bekanntschaft der Bewohner des nördlichsten europäischen Sibiriens, sowohl die der eigentlichen Eingeborenen, der Samojeden, wie die der vielen russischen Kaufleute, welche mit den erstern einen weitverzweigten, sehr einträglichen Tauschhandel treiben.
Hier erwartete uns Trontheim mit 35 Hunden, welche der sich für die Fram-Expedition so lebhaft interessirende russische Baron von Toll aus dem Innern des Landes hierher gesandt hatte. Volle sechs Monate war Trontheim mit seiner Hundekarawane unterwegs gewesen, war ungefähr einen Monat früher als wir eingetroffen und hatte hier ein Lager aufgeschlagen, um unsere Ankunft zu erwarten. Als wir ankamen, wehte die norwegische Flagge über seinem Lager.
Nun sollten wir diese ganze Hundekolonie an Bord bringen; dies war aber eine mühselig Arbeit. Ihre Majestät »Kvik« war ebenso verblüfft, wie beleidigt, als ihr diese unzivilisierte Bande auf den Hals geschickt wurde, und zog sich vornehm von dem Vorderdeck, ihrer bisherigen Residenz, nach dem ersten Platz zurück, ließ sich auch durchaus nicht herab, die Neuangekommenen zu begrüßen, sondern betrachtete sie mit überlegener Verachtung als das, was sie wirklich waren, nämlich als »Pöbelpack« und »gemeinen Mob«.
Diese abweisende Haltung beobachtete sie während der ganzen Reise, und es war merkwürdig genug, daß, wenn auch die sibirischen Hunde, das »Pack«, sich untereinander noch so sehr rauften – und raufen taten sie früh und spät und zwar so, daß es eine Art hatte –, sie sich doch von »Kvik« stets in ehrfurchtsvoller Entfernung hielten und sich nie erlaubten, sie anzufallen.
Während wir hier auf die Jacht warteten, die uns Kohlenvorrat bringen sollte, benutzte ich die Zeit, um von der Tonne eine elektrische Signalleitung nach dem Maschinenraume anzulegen und die elektrischen Batterien für den Gebrauch in Stand zu setzen. Während ich mit einigen andern hiermit beschäftigt war, nahmen ein paar der übrigen Kameraden wieder eine Kesselreinigung vor. Außerdem mußte ja auch immer jemand auf die Hunde passen, fürwahr nicht die leichteste Aufgabe, die einem mehr als genug zu schaffen machte. In dieser Zeit wurde Tag und Nacht, Sonntag wie Werktag gearbeitet, sodaß wir wirklich sehr angestrengt wurden.
Der ganze Juli war vergangen, und da wir auch am 2. August noch nichts von der Kohlenjacht sahen, entschloß sich Nansen, nicht länger auf sie zu warten und sich mit dem vorhandenen Kohlenvorrate zu begnügen. Infolge dessen wurden am nächsten Morgen alle Mann früh aus den Federn geholt und beim Kohlenschaufeln sowie beim Trimmen der Kohlen von dem Großraum nach den Kohlenbunkern angestellt. Es ging im Handumdrehen, als hätte keiner von uns im Leben je etwas anderes getan. Wir waren schon mittags um 12 Uhr fertig. Ich heizte den Kessel an, und gegen 4 Uhr hatten wir Dampf auf.
Nun mußten wir nicht nur dem gutmütigen Trontheim die Hand zum Abschied drücken, sondern auch Nansen's Secretär Christofersen Lebewohl sagen und ihm unsern Dank aussprechen für all die angenehmen Tage, die er uns durch sein aufrichtiges, geselliges Wesen und seinen heitern Sinn bereitet hatte. Durch ihn sandten wir unsern Lieben daheim die letzten Grüße und Nachrichten, die letzten, bevor wir im Ernst den Kurs nach den unbekannten, von Menschen bisher noch nicht durchkreuzten Gewässern und Eisfeldern des Polarmeeres richteten.
Um 12 Uhr nachts lichteten wir die Anker und steuerten langsam aus der Jugor'schen Straße, dem Tore des Karischen Meeres, hinaus. Nansen selbst fuhr mit Scott-Hansen im Petroleumboote voraus, um das Fahrwasser zu untersuchen.
Um in Hinsicht auf die nicht eingetroffene Kohlenzufuhr mit dieser für uns so kostbaren Waare so sparsam wie möglich umzugehen, begannen wir zum ersten mal mit der Theerölheizung. Wir fanden diese Methode jedoch nicht gerade zweckmäßig, und es wurde beschlossen, nur im alleräußersten Nothfalle wieder dazu zu greifen.
Es vergingen nun Tage und Wochen, in denen wir alle einem Barometer glichen, worin die Laune das Quecksilber und die Fortschritte der »Fram« der Luftdruck waren, und man konnte so genau wie von einem Zifferblatt uns vom Gesichte »den Barometerstand ablesen«.
Laßt mich deshalb, um meine Leser nicht durch unnötige Wiederholungen zu ermüden, hier nur kurz erzählen, wie unsere Reise sich vom Verlassen Chabarowas bis zu unserm ersten Winterhafen gestaltete.
Schon am 6. August mußten wir an der Eiskante anlegen, kamen aber in derselben Nacht wieder los und steuerten mit vollem Dampf auf das Jalmal-Land zu, wobei wir uns der Segel und des Dampfes bedienten. Am 15. passirten wir die Mündung des Ob und entdeckten am 18. auf 74° 40' nördlicher Breite und 80° östlicher Länge eine neue, auf der Karte bisher noch nicht angegebene Insel, die nach Kapitän Sverdrup getauft wurde, weil er sie zuerst erblickt hatte. Dann wurde die Reise ein Paar Tage an der Küste entlang fortgesetzt, ohne daß wir Eis sahen oder Hindernisse antrafen. Erst am 28. stießen wir gegen die Eiskante und mußten uns wieder in Geduld fassen.
Das Wetter war die ganze Zeit über unfreundlich, Regen und Schneegestöber wechselten unaufhörlich ab. Nicht allein unsere eigene Laune litt unter dem trüben, feuchtkalten Himmel, auch die Hunde wurden so davon angegriffen, daß zwei starben. Besonders der eine dieser – »Melchi« war sein Name – tat uns sehr leid. Er war so treu und gesellig und war unser aller Liebling gewesen.
Am 4. September befanden wir uns vor den Taimyr-Inseln, wo Johansen, Juell und ich Ordre erhielten, Nansen auf einer Expedition zur Untersuchung der Eis- und Tiefenverhältnisse zu begleiten, da anzunehmen war, daß wir auf diese Weise an dem Eisgürtel, der uns im Wege war, vorbeikämen.
Es war ein trübseliger Ausflug. Wir zogen vormittags 9 Uhr in starkem Schneetreiben zu Boot von der »Fram« aus und mußten abwechselnd rudern und uns mit Stangen weiterschieben, manchmal das Boot sogar über die Eisschollen ziehen. Es galt, soweit wie möglich nach Norden vorzudringen.
Als Proviant hatten wir Brot, getrocknetes Renthierfleisch und Kaffee mitgenommen, in der Eile aber die Butter vergessen, und da wir weder Holz hatten, noch solches fanden, blieb auch der gepriesene Kaffee, dessen wir so sehr bedurft hätten, ein schönes Phantasiegebilde, das leider weder die trockenen Brotscheiben verdaulicher, noch den durch Mark und Bein dringenden eiskalten Schnee wärmer machen konnte.
War der Hinweg anstrengend gewesen, so wurde die Heimfahrt es nur noch mehr. Denn jetzt hatten wir außer den Eishindernissen auch noch Wind und Strömung gegen uns. Und obendrein frischte der Wind noch zu einer so steifen Kuhlte auf, daß wir alle unsere Kräfte aufbieten mußten, um überhaupt vorwärts kommen zu können. Nansen war dafür, daß wir auf einer der Inseln übernachteten, aber ein Staatsrat wurde abgehalten und darin beschlossen, daß wir weiter rudern und nicht eher nachlassen sollten, als bis wir das feste Deck unsrer teuern »Fram« wieder unter den Füßen hatten.
Nach einem gewaltigen Ringen mit allen bösen Mächten des Eismeers gelangten wir morgens um 2 ½ Uhr gesund und glücklich wieder bei der »Fram« an. Doch ein fünfzehn- bis sechzehnstündiges Rudern solcher Art ist wahrhaftig kein Spaziergang in der Karl-Johann-Promenade in Christiania, und deshalb war es auch ein unbeschreiblicher Genuß, nach den erduldeten Strapazen etwas Ordentliches zu essen zu bekommen, heißen Kaffee zu trinken und dann in die Koje zu gehen, um sich einem wohlverdienten Schlafe hinzugeben.
Die starke Brise hatte aber auch etwas Gutes für uns gebracht. Sie hatte das Eis aufgebrochen, sodaß wir am 6. nachmittags wieder die Anker lichten und aus der Inselgruppe hinausgehen konnten. Dann fuhren wir eine Weile mit tadelloser Geschwindigkeit an der sibirischen Küste entlang.
Das Wetter mußte man für diese Jahreszeit so hoch im Norden wirklich ganz leidlich nennen. Hin und wieder stießen wir freilich auf Eis, aber es war doch nicht so schlimm, daß die »Fram« mit ihrem starken Bug es nicht mit Hülfe einigen Kreuzens hätte überwinden können.
Am 9. September passirten wir Kap Vega und den Morgen darauf Kap Tscheljuskin. Das Barometer unserer Laune stieg in diesen Tagen so enorm, daß wir uns vor lauter Munterkeit fast nicht zu lassen wußten, und das letzte Ereignis, die Anpeilung von Kap Tscheljuskin, wurde sogar mit einem Grog gefeiert, für uns ein riesiger Luxus.
Schon am 18. passirten wir die Neusibirischen Inseln und konnten hoffen, Sannikoff-Land im Laufe der nächsten Tage zu Gesicht zu bekommen. Am 20. hatten wir uns dem 78. Grade nördlicher Breite genähert und stießen gleichzeitig wieder auf die feste Eiskante.
Hier sandten wir eine Flaschenpost ab, allerdings ohne sonderliche Hoffnung, daß sie je zivilisierte Gegenden erreichen würde. Wir schrieben kurze Notizen über die Fahrt und unser eigenes Befinden nieder und steckten sie in festverkorkte, gut versiegelte leere Flaschen, die dann ins Meer geworfen wurden. Scott-Hansen und ich fungirten dabei als Postmeister.
Aber da lag immer noch die Eiskante und versperrte uns den Weg. Der Wind war nördlich, das Wetter gut, und wir kreuzten mehrere Tage am Eisrande entlang, um womöglich irgendeine Öffnung zu entdecken, durch die wir uns hätten weiter nach Norden zwängen können. Aber nein, der Eisgott wollte uns auch nicht eine einzige Türritze öffnen. Dafür waren wir aber schon am 24. auf allen Seiten von festem Eise umschlossen und erblickten, soweit das Auge reichte, nirgends offenes Wasser. Sollten wir wirklich schon hier in unserm ersten Winterquartier angekommen sein?
Ja, so war es auch! Am 25. September lagen wir fest vertäut im Eise und begannen, unsere Vorbereitungen für die bevorstehende lange Winternacht zu treffen.
Dies sind, kurz zusammengefaßt, die Meilensteine dieses Teils unserer Reise, des ersten Sommers.
Jedesmal, wenn uns das Eis am Weiterkommen hinderte und die »Fram« auf dieser zwei Monate langen Fahrt längs der sibirischen Küste untätig still liegen mußte, benutzten wir jede wirkliche oder sich unserer Meinung nach bietende Gelegenheit, durch Jagdausflüge oder dergleichen Abwechselung in die Einförmigkeit des Schiffslebens zu bringen, wenn wir die Zeit nicht zur Kesselreinigung und andern großen Scheuerfesten benutzten. So fuhr Nansen, als wir bei den Kjellman-Inseln lagen, mit sieben Mann ans Land, um dort Bären und Renthiere zu jagen. Drei von ihnen kehrten am Tage darauf mit der Nachricht zurück, daß sie zwei Eisbären und zwei Renthiere geschossen hätten; wir müßten nun die Anker lichten und näher ans Land heranfahren, damit sie die Jagdbeute an Bord bringen könnten.
Wir gingen so nahe, als die Tiefe es gestattete, und erblickten gegen 6 Uhr das Boot mit den Jägern. Sie hatten den Seegang und die Strömung gegen sich. Wir warfen eine Rettungsboje an einem langen Taue aus, damit der Wind sie zu ihnen hintriebe, und endlich gelang es ihnen auch, sie zu ergreifen. Bis auf die Haut durchnäßt, hungrig und ausgefroren, kamen sie nach großer Anstrengung und vielen Strapazen wieder an Bord.
Doch nun galt es, das Wild zu bergen; sie hatten nämlich die beiden Renthiere nicht mitnehmen können. Am andern Morgen um 8 Uhr bat mich Sverdrup daher, ihn ans Land zu begleiten, wo wir einerseits das erlegte Wild abholen, andererseits aber weitere Renthiere und einen Eisbären, der sich am Strande gezeigt hatte, aufspüren wollten.
Ich, der noch nie eine so vornehme Jagd mitgemacht hatte, nahm das Anerbieten natürlich mit Freuden an, und gegen 10 Uhr zogen wir – Sverdrup, Scott-Hansen, Bentsen und ich – mit Flinten, Geräthschaften und Proviant wohl ausgerüstet auf unser Abenteuer aus. Wir trugen Anzüge und Stiefel von Seehundfell und sahen, als wir an Land gingen, wie echte Samojeden aus.
In Betreff der Jagdbeute mußten wir freilich mit langer Nase abziehen. Wir durchquerten die ganze Insel, aber es ließen sich weder Renthiere noch Eisbären sehen, und wir mußten uns damit begnügen, eine praktische Lösung der Frage zu suchen, wie die Beute des vorigen Tages, die beiden Renthiere, an Bord zu transportiren sei.
Vor dem ersten der Tiere, auf das wir stießen, wurde diese Frage mit großem Ernste discutirt; denn die Sache war wirklich keineswegs so einfach, wie sie vielleicht Fernstehenden erscheinen möchte. Das große Tier nach dem Boote tragen? Ja, auf andere Weise ging es nicht; aber woher sollten wir eine Tragbahre nehmen? Denn anders ließ es sich ja von uns unmöglich so weit schleppen.
Hier war guter Rat teuer. Wir mußten das Tier entweder zerlegen, oder einer von uns mußte es allein tragen.
Nach langer Beratung wurden wir einig, daß Bentsen sich zu einer Art lebender Tragbahre hergeben sollte. Er legte sich der Länge lang auf die Erde, mit dem Rücken gegen das Renthier; dann wurden sie beide miteinander ordentlich »copulirt«, worauf wir dem neuen »Ehepaare« mit vereinten Kräften wieder auf die Beine halfen. Bentsen marschierte, rechts von Sverdrup, links von mir gestützt, unter großer Heiterkeit mit seiner Ehehälfte auf dem Rücken tapfer darauf los. Aber der Weg führte über Steingeröll und Moorgrund, und nach ungefähr 20 Minuten wurde die Bürde Bentsen trotz seiner Bärenstarke denn doch zu schwer.
Nun mußten wir das Renthier zerlegen, worauf wir beide, Bentsen und ich, je eine Hälfte nach dem Boote trugen. Die andern Teilnehmer dieser Expedition suchten indessen das andere Renthier auf und behandelten es auf dieselbe Weise. Obwol es noch eine ordentliche Anstrengung kostete, erreichten wir doch endlich mit unserer Last das Boot und brachten sie darin unter. Auch dies geschah mit gar nicht geringer Mühe, da das Boot erst in tieferes Wasser gebracht werden mußte, denn sonst hätte es mit seinem so erheblich vermehrten Ballast auf dem Grunde festgesessen. Wir mußten bis zu den Hüften im Wasser waten, sodaß es uns ins Gesicht spritzte, und nachher wieder angestrengt gegen Wind und Strömung anrudern, ehe wir wieder an Bord anlangten, wo wir die Kleider wechseln und unsere Strapazen über einer Tasse heißen Kaffees und einem Pfeifchen vergessen konnten.
Wir sahen auch später nichts von dem Eisbären, der am Morgen trügerische Hoffnungen in uns erweckt hatte.
Erst als wir das Winterlager bezogen hatten, dann aber schon am nämlichen Tage, 25. September, machte uns der König des Polareises den ersten eigentlichen Besuch; er verzog sich aber sofort, ehe wir uns ihm auf Schußweite nähern konnten, sodaß diesmal auch nichts aus dem Jagdvergnügen wurde.
In der Drift.
Ich sehe, meinen Lesern schwebt die Frage auf den Lippen: Wie hat es euch, die ihr nun die lange Winternacht gemeinsam verbringen solltet, bisher behagt, miteinander stets in so naher Berührung zu leben, wie die Verhältnisse an Bord der »Fram« es notwendigerweise mit sich brachten? Und wie war Nansen, wird man mich fragen, wie Sverdrup und wie die andern?
Auf die erste Frage kann ich nur antworten, daß der Verkehr zwischen uns, den Gemeinen, bisher den Stempel einer so guten Kameradschaft getragen hat, wie man es sich nur wünschen konnte. Und gute Kameraden blieben wir, das darf ich sagen, auch während der langen drei Jahre, wenn auch der Gesprächsstoff, nachdem Monate und Jahre dahingegangen, aufs äußerste erschöpft war und wir einander so genau kannten, daß es beinahe langweilig wurde. Infolge dessen nahm das Zusammenleben nach und nach unvermerkt ein anderes, oft recht seltsames Gepräge an, worauf ich später zurückkommen werde.
Der Salon im Achter war der Mittelpunkt, in dem wir uns alle versammelten. Um ihn herum lagen die einzelnen Kabinen, die Nansen's ganz vorn links und Sverdrup's Kabine rechts, der erstern gerade gegenüber. Hinter Nansen's Kabine lag die von Blessing, dieser gegenüber die Scott-Hansen's. Und dann kamen im Hintergrunde des Salons in der Breite zwei größere Kabinen, von denen die eine für Amundsen, Johansen, Juell und Petterson, die andere ursprünglich für Mogstad, Jacobsen, Hendriksen und mich bestimmt war. Doch als noch Bentsen hinzugekommen war, mußte für ihn bei uns Platz geschaffen werden, und da wurde es doch recht eng. Räume für Bälle und große Feste hatten wir nicht, aber von solchen Lustbarkeiten konnte an Bord eines solchen Schiffes ja überhaupt keine Rede sein.
Ich darf übrigens wohl aussprechen, daß ich fest davon überzeugt bin, die lange, trübe Winternacht, die sich uns allen so kalt und drückend düster aufs Gemüt legte, hätte nicht eine so bezwingende Macht über uns erlangt, wenn wir ein wenig mehr Licht und Raum an Bord gehabt hätten.
Ob die Veränderungen, die für die bevorstehende Expedition Sverdrup's auf der »Fram« vorgenommen werden sollen, auf Grund dieser Erfahrungen für nötig befunden worden sind, weiß ich nicht, halte es aber nicht für unwahrscheinlich.
Ja, wir Kameraden sind in der Tat miteinander gut ausgekommen. Man kann vielleicht sogar mit Fackeln und Laternen nach einem gleichen Beispiel suchen. Natürlich kam es zwischen uns hin und wieder zu einer kleinen Reibung; anders wäre es ja auch nicht möglich, solange wir Menschen sind und nicht mit Engelsflügeln umherstiegen, aber nie drängte sich etwas zwischen uns, das uns im Ernst entzweien konnte.
Und dann will ich noch eins sagen: daß wir alle von Anfang an fest an den glücklichen Verlauf der Expedition glaubten, uns darüber freuten, an einem solchen Unternehmen teilnehmen zu dürfen, und daß wir stolz darauf waren, unter so vielen Hunderten von Bewerbern die Auserwählten zu sein.
Derjenige, der uns eines nicht so ganz geringen Teils unsers Frohsinns und unsers Vertrauens auf die Zukunft an Bord berauben sollte, war unglücklicherweise Dr. Nansen selbst. Er vergaß sich uns allen gegenüber einmal, nur ein einziges mal. Aber dies ließ auf lange Zeit einen Stachel zurück.
Und die Ursache des ganzen Spektakels war – eine Flasche Bier, die er nicht finden konnte! Wenn je, so kann man hier das englische »Much ado about nothing« (Viel Lärm um nichts) anführen.
Es war ungefähr einen Tag nach unserer Abreise von Vardö. Nansen war, aus irgendeinem uns unbekannten Grunde, nicht bei Laune. Da begab es sich denn, daß er Flaschenbier, das er aus einer Kiste nahm, wegstauen wollte. Dabei verschwand ihm plötzlich eine Flasche sozusagen unter den Händen – wo sie geblieben, ist nie aufgeklärt worden.[*]
Sei es, daß ihn seine üble Laune dazu veranlaßte oder daß noch ein anderer Grund vorlag, genug, Nansen fuhr auf und warf mit allen möglichen Beschuldigungen um sich.
Ich stand in diesem Augenblick gerade oben im Windfange des Maschinenraums, und da diese Äußerungen ebenso gut auf mich wie auf sonst jemand gemünzt sein konnten, fragte ich:
»Sagen Sie mir, Nansen, glauben Sie, daß ich oder sonst einer aus dem Maschinenraume das Bier genommen hat?«
»Nein!« antwortete Nansen kurz.
Ich ging wieder zu meiner Heizerarbeit hinunter. Ich mußte glauben, wie es auch anzunehmen war, daß das Ganze nur ein augenblicklicher Ausbruch schlechter Laune gewesen sei.
Man kann sich daher unser aller Erstaunen denken, als eine Weile darauf die ganze Mannschaft auf das Achterdeck befohlen wurde, weil Nansen uns etwas mitzuteilen habe, und als wir dort sehr bald erfuhren, daß wieder die verschwundene Bierflasche auf dem Tapet war. Das kann ich sagen, selten sind Leute so gründlich nach Noten ausgescholten worden, wie es uns bei dieser Gelegenheit ging.
Und hätte er nur, nachdem er sich beruhigt, sein Versehen wieder gut gemacht! Aber dies tat er unglücklicherweise nicht.
Doch, endlich einmal! Als wir an jenem unvergeßlichen Tage im März 1895 auf dem Achterdeck der »Fram« versammelt waren, um Nansen und Johansen, die beide allein in das Polareis hinauszogen, das letzte Lebewohl zu sagen, da dankte Nansen uns mit warmen Worten für unsere Treue und sagte, daß es keine bessern Männer gebe, und da bat er uns, ihm zu verzeihen, wenn er bisweilen vielleicht hitzig gewesen sei und heftige Worte gebraucht habe, denn im Ernst habe er es nie so gemeint.
In diesem Augenblick war alles, was uns hätte scheiden können, in unserm Herzen ausgelöscht. Leider erst dann, als wir auf andere Weise voneinander scheiden mußten. Doch besser spät als niemals. Ihn, zu dessen Führereigenschaften wir alle mit so grenzenloser Bewunderung aufblickten, wollten wir doch auch als Persönlichkeit gern wirklich liebhaben können. Und darum war es sehr schade – und gerade deshalb habe ich hier dabei verweilt! –, daß jener obenerwähnte Auftritt einen Schatten auf unser sonst so ausgezeichnetes Zusammenarbeiten werfen mußte.
Nansen war sonst in seinem ganzen Wesen einfach und offen. Gab es etwas auszuführen, sei es groß oder klein, so war er zwar ernst und zugeknöpft, ja beinahe barsch, solange die Arbeit nicht fertig war. Nachher aber war er die Gutmütigkeit und die Munterkeit selbst. Er gehörte zu den Menschen, deren Lächeln erheitert und erwärmt.
Kapitän Sverdrup war seinem Temperament nach Nansen's directer Gegensatz. Stets ernst bewegte er sich zwischen uns. Selten sah man ein Lächeln auf seinen Lippen, und ihn lachen zu hören – das, glaube ich, hat wohl keiner von uns erlebt. Aber deshalb darf man nicht glauben, daß er verdrießlich gewesen wäre oder ein mürrisches Gesicht gezeigt hätte. Im Gegenteil, er war immer freundlich, erteilte Befehle, fragte und antwortete in seiner sich stets gleichbleibenden stillen Weise. Ist er auch nicht wie Nansen einer von denen, die einen in Begeisterung mit sich fortreißen können, so erweckt er dafür Zutrauen und Sicherheit wie kein Zweiter.
Und diese große, unwandelbare Eigenschaft Sverdrup's trat immer mehr hervor, je weiter die Zeit vorschritt und je schwerer die Einsamkeit des Polareises auf uns andern lastete. An ihm war keine sichtbare Veränderung zu bemerken. Darin lag mehr Aufmunterung und ein größerer Sporn zur Ausdauer für uns alle, als uns vielleicht selbst bewußt wurde.
Doch zurück zu meiner Erzählung.
Wir machten uns jetzt im Ernst an die Vorbereitungen für die Überwinterung. Alle möglichen Geräthe wurden in Stand gesetzt, geputzt und fein gemacht, nach bestimmten Regeln geordnet und jedes an seinen Platz gestellt, sodaß man es im Handumdrehen hervorholen konnte. Dann hielten wir ein Generalscheuerfest auf dem Schiffe und an unserm Leibe.
Während unser eigenes Reinigungsfest vor sich ging, wurden wir von Dr. Blessing gewogen und nicht zu leicht befunden. Er entnahm auch jedem einzelnen eine Probe Blut und konnte das vergnügliche Factum constatiren, daß wir uns alle des besten körperlichen Befindens erfreuten. Das Blut war sogar noch »besser« als das uns beim letzten Wägen abgezapfte, wenn es auch infolge des herannahenden winterlichen Dunkels ein wenig heller war.
Am 29. September, einige Tage nachdem wir uns im Winterlager festgelegt hatten, war Dr. Blessing's Geburtstag. Da wir jetzt viel überflüssige Zeit zur Verfügung hatten, konnten wir dem Tage die größte Aufmerksamkeit zuwenden. Es wurde zu Ehren des Geburtstagskindes ein Galadiner gegeben, und den Abend verbrachten wir mit fröhlicher Unterhaltung, Gesang und Musik. Ja, einige wagten sogar ein Tänzchen.
Wir lagen jetzt im Eise festgefroren, und damit begann auch die von Nansen vorherberechnete Eisdrift der »Fram«. Was die Ursachen derselben betrifft, glaube ich nicht, mich mit den von Nansen aufgestellten Theorien vollständig einverstanden erklären zu können. Ich komme später wieder darauf zurück und werde dann in aller Bescheidenheit die Ansicht darlegen, zu der ich selbst gekommen bin.
Anfangs ging es mit der Drift sehr gut. Wir trieben mit dem Eise so schnell nach Norden, daß wir uns am 1. October schon auf 79º nördlicher Breite befanden. Die Temperatur war -6º C.
Die armen Hunde, die in der ganzen Zeit seit unserer Abreise von Chabarowa deutlich an den Tag gelegt hatten, daß ihnen das eingeschlossene Leben an Bord nicht behagte, wurden nun frei gelassen und durften sich nach Herzenslust auf dem Eise herumtummeln.
Da zeigte es sich denn augenblicklich, daß sie hier die für ihre Natur besonders geeigneten »lokalen Verhältnisse« fanden, die sie so lange und so schwer entbehrt hatten. Das war eine Jagd hin und her, eine wilde Lustigkeit sondergleichen! Es war beinahe rührend, ihre Freude zu sehen. Wenn wir selbst auf das Eis kamen, stürmte uns die ganze Schar schweifwedelnd unter lautem Freudengebell entgegen; sie sprangen an uns hinauf und wußten nicht, wie sie ihren stürmischen Gefühlen deutlich genug Ausdruck verleihen sollten. In der Nacht mußten sie wieder an Bord, in das Gefängnis, zurück, aber doch nur, um dort zu schlafen.
Jetzt erbaute auch Scott-Hansen sein »Königlich Norwegisches Observatorium« auf dem Eise in Gestalt eines Zeltes. Es wurde ungefähr 1000 Meter vom Schiffe aufgeschlagen. Um die Stative und die Tische festzumachen, begoß er die Füße mit Wasser, das dann gefror.
Am 2. October, als Scott-Hansen, Blessing und Johansen gerade mit dem Zelte beschäftigt waren, ertönte auf einmal der Ruf: »Ein Bär!«, und richtig, da kam wirklich ein gewaltiger Petz angezottelt und steuerte direct auf das Zelt los. Er heftete seine Blicke »liebevoll« auf Blessing und Johansen, die beide neben dem Zelte standen, der eine mit einer Axt, der andere mit einer Stange in der Faust. Schon bereiteten sie sich darauf vor, mit diesen Waffen den Kampf mit der Bestie aufzunehmen, als Nansen vom Schiffe aus auf ihre kritische Lage aufmerksam geworden war und eine Kugel aus seiner sichern Flinte dem Kriege ein Ende machte, noch ehe er begonnen. Es war ein prächtiges Tier, aber sehr abgemagert. Alles, was sich in seinem leeren Wanste befand, war ein Stück Packpapier, auf dem der Name einer Firma aus Christiania und deren Fabrikmarke, ein Hängeschloß, aufgedruckt war.
Meine Hauptbeschäftigung in dieser Zeit war das Kochen, und oft mußte ich mir wahrhaftig ordentlich den Kopf zerbrechen, um ein Menü zu erdenken, das auf der ganzen Linie Beifall finden würde.
Die Kälte nahm mittlerweile schnell zu. Da von einem Weiterkommen mit Dampf und Segel nicht mehr die Rede sein konnte, wurde das Steuer aufgenommen, damit es in den Eispressungen nicht zerbräche.
Auch sonst richteten wir uns für den Winter ein. Unsere bisherigen Anzüge und unser Bettzeug genügten jetzt nicht mehr. Wir kleideten uns wie Esau vom Kopf bis zur Zehe in Felle und sahen in dieser Gewandung so wunderlich aus, daß wir einander anfänglich gar nicht erkennen konnten.
Ich habe früher schon von unsern Hunden erzählt und von ihrer stürmischen Freude darüber, daß sie sich frei auf dem Eise tummeln durften. Doch auch dort lief es mit ihnen nicht immer glatt ab. Ehe man sich dessen versah, kam es zwischen ihnen zu wilden Raufereien und mörderischen Treffen, und es war oft eine recht anstrengende Arbeit, die Streitenden auseinanderzubringen.
Bei diesen Tournieren waren »Barrabas« und »Pan« beinahe immer die Anführer. Sie waren stets geschworene Feinde gewesen. »Barrabas« sollte, wie die Rede ging, der Stammvater der ganzen Schar sein; er war ein prachtvolles Tier und blieb meistens Sieger, aber bei der letzten Rauferei erhielt er die allerschönsten Bisse. Er und »Pan« waren beide gute Zughunde, aber »Pan« war jünger und ebenso stark und wollte es seinem Stammvater in allen Fertigkeiten zuvorthun, was dieser augenscheinlich nicht leiden konnte. An Bord herrschte über »Pan« nur eine Meinung, die, daß er, natürlich nach »Kvik«, unser bester Hund und außerdem liebenswürdig und gehorsam sei.
Als die Hunde sich eines Tages unten auf dem Eise tummelten, begann dieses sich so zu teilen, daß auf jeder treibenden Eisscholle einige waren. Ich mußte augenblicklich mit dem Boote hinaus, um sie wieder zu holen und an Bord zu bringen; aber dies war beinahe eine Arbeit wie »des Königs Hasen hüten«, wovon uns das Märchen erzählt. Ich mußte eine ordentliche Treibjagd anstellen, um ihrer habhaft zu werden, und wenn ich einen im Boote hatte und auf die Scholle sprang, um nach einem andern zu greifen, war der eben Eingefangene schon wieder auf dem Eise, bis ich mit dem zweiten zurückkehrte.
Das Ende vom Liede war, daß ich an Bord mußte, um mir Beistand zum Sammeln der Bande zu erbitten.
Da uns an Bord allerlei Winterarbeit sehr in Anspruch genommen hatte, waren die Hunde in dieser Zeit mehr als sonst sich selbst überlassen worden, und nun, da wir sie alle sammelten, sahen wir die Folgen davon. Bei ihren Raufereien waren drei ziemlich schwer verwundet worden, so schwer, daß wir die Ärmsten verbinden und pflegen mußten. Doch nicht genug damit, sie hatten auch einen von ihnen umgebracht und ihm obendrein das Blut ausgesogen; es war ein Hund mit dem traurigen Namen »Hiob«.
Armer »Hiob«, sein Wesen entsprach seinem Namen. Er war ein wunderliches Tier; ja, ich glaube fast, ich habe noch nie etwas so Schwermütiges, Niedergeschlagenes und Unterdrücktes gesehen. Von seiner Ankunft an Bord an suchte er stets nach einem Schlupfwinkel, in dem er sich vor den andern verstecken konnte. Er kniff den Schwanz beständig zwischen die Beine und kam nicht einmal zur Futterverteilung aus seinem Loche heraus. Auch draußen auf dem Eise suchte er die Einsamkeit und ging den andern soweit wie möglich aus dem Wege. Diesmal aber mußte es ihm nicht geglückt sein, und da hatten sie sich wahrscheinlich gemeinschaftlich auf ihn gestürzt und ihn zerrissen.
Am 9. October sollten wir zum ersten mal kennen lernen, was eine Eispressung hier oben in diesen Gewässern bedeutet. Die »Fram« erfuhr einen solchen Druck, daß die beiden Stahldrahttrossen, mit denen wir sie mit Hülfe von zwei Eisankern vertäut hatten, mitten durchrissen.
Das Schiff hob sich sofort um zwei Fuß: der erste deutliche Beweis, daß es den Berechnungen entsprach, nach denen sein Rumpf construirt worden war. Daß die Stimmung an Bord sich mindestens zu derselben Höhe wie der Schiffsrumpf erhob, brauche ich wohl nicht erst zu versichern. Denn gerade dies sollte uns ja auf der ganzen Reise unsere Sicherheit geben. Und was unser schönes Schiff hier versprach, das hat es nachher auch redlich gehalten. Die Begebenheit wurde natürlich mit einem Extrafeste und Toasten auf die »Fram« und unser geliebtes Norwegen gefeiert.
Was für eine seltsame, unheimliche, aber in ihrer Majestät auch mächtig ergreifende Stille herrschte in dieser Eiswüste, sobald wir uns von unserm Schiffe mit seinem bischen Leben und Lärm eine Strecke entfernt hatten! Das Einzige, was das Schweigen unterbrach, war das klagende, melancholische Heulen des Windes, der über die Eisfelder hinstrich. An Bord hörten wir ihn Tag und Nacht im Takelwerk heulen, klappern, kreischen und pfeifen, sodaß wir uns bald an die Musik gewöhnten und kaum mehr darauf achteten.
Doch wenn eine Eispressung kam, dann ging es aus einer andern Tonart. Als wir die Pressungen zum ersten mal hörten, fuhr es uns geradezu durch Mark und Bein, und im Anfang – bevor wir uns auch an diese Musik gewöhnt hatten – konnten wir kein Auge zuthun, solange sie dauerte. Es machte den Eindruck, als seien in der bisher so todtenstillen Eiswüste auf einmal Tausende von fürchterlichen, übernatürlichen Wesen lebendig geworden – es läßt sich dies mit Worten nicht ausdrücken! – und manchmal, immer wenn das Eis barst, hörte es sich genau so an, als würden mehrere Batterien Krupp'scher Kanonen auf einmal abgefeuert. Vor diesem Höllenconcert hatten sogar die Hunde Angst, wie man deutlich hören und sehen konnte. Sie stießen ein lautes Klagegeheul aus und bebten am ganzen Leibe wie Espenlaub; entschieden hatten sie die feste Überzeugung, daß ihnen irgendeine fürchterliche Gefahr drohe.
Die heftigen Pressungen rissen das Eis um uns her auf, sodaß die »Fram« plötzlich in einer Rinne lag, die nach allen Seiten viele Meter breit war. Aber auch dieser war nicht zu trauen; den einen Augenblick konnten wir darin rudern und segeln, im nächsten hatte sie sich schon wieder geschlossen. Wir mußten deshalb in größter Hast das Beobachtungszelt und die Instrumente wieder an Bord bringen, nachdem wir eben erst mit vieler Mühe draußen auf dem Eise alles so vortrefflich eingerichtet hatten.
Am 10. war Nansen's Geburtstag – sein erster an Bord der »Fram« –, weshalb wir ihn auch nach Gebühr zu feiern gedacht hatten. Aber Nansen war gerade in diesen Tagen durchaus nicht wohl; es lag ihm etwas in den Gliedern, wie man zu sagen pflegt, vielleicht eine kleine Influenza als letzte Erinnerung an die Zivilisation, der wir den Rücken gekehrt hatten. Trotzdem gab es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ein wenig Extratractament, im übrigen aber wurde der Tag »im Stillen gefeiert«, wie es in den Hofberichten heißt.
Am 13. schloß sich das Eis wieder zusammen, und die Hunde wurden wieder auf das Eis hinuntergelassen. Am Abend des nächsten Tages – wir saßen gerade, die einen plaudernd, die andern Karten spielend, gemächlich im Salon beisammen – hörten wir die Hunde ein fürchterliches Concert anstimmen. Scott-Hansen ging hinauf und kam bald mit der Nachricht wieder, daß gewiß Bären draußen seien.
Wir, alle wie ein Mann, mit unsern Gewehren auf Deck. Draußen auf dem Eise gewahrten wir einen Schatten, den wir für einen Meister Petz hielten; wir mußten aber die größte Vorsicht beobachten, um nicht in der Dunkelheit statt seiner die Hunde zu treffen. Als wir endlich ohne dieses Risiko schießen konnten, knallten unsere Büchsen alle auf einmal, und bald darauf fanden wir den Bären mausetodt. Es war ein einjähriges Männchen, mit dem wir nach allen Regeln der Kunst umsprangen, nachdem es an Bord gebracht worden war.
Am Tage darauf, einem Sonntag, fanden wir im Schnee die Spuren einer kleinen Bärenfamilie. Nansen, Sverdrup, Blessing, Mogstad, Hendriksen, Bentsen und ich zogen sofort mit allem zur Jagd Gehörigen, darunter fünfzehn Hunden, aus und machten uns daran, die Spuren zu verfolgen.
Bald fanden wir auch Blutstropfen, die uns zeigten, daß wir auf der rechten Fährte waren. Und wir brauchten auch nicht weit zu gehen, als wir in der Entfernung einen Bären gewahrten, der sich mühsam, den Unterkörper nachziehend, fortschleppte. Wir holten ihn rasch ein und machten seinen Leiden schnell ein Ende. Das erlegte Tier war ein Junges vom letzten Wurfe, woraus wir den naheliegenden Schluß ziehen konnten, daß die Mutter ebenfalls in der Nähe sein mußte. Verschiedene Umstände bewirkten jedoch, daß diese Jagd eingestellt wurde.
Bis zum 26. October ging an Bord alles seinen gewöhnlichen Gang. Ich besorgte die Arbeiten bei der Beleuchtungsanlage und der Windmühle und war außerdem noch, sobald ich Zeit fand, in der Küche tätig. Die Windmühle war eine prächtige Einrichtung. Hätten wir sie nicht gehabt, so hätten wir die ganze lange Winternacht in unheimlicher, von einer matten Petroleumlampe nur spärlich erhellter Finsternis zubringen müssen. Doch wenn die Mühle im Gange war, strahlte unser Salon im schönsten, schneeweißen elektrischen Lichte ebenso hell wie der Salon im »Grand Hotel« zu Christiania, und es ist kaum zu glauben, wie das den Sinn belebte! In den Kabinen war aus verschiedenen Gründen schon seit längerer Zeit kein Licht gestattet, was den Aufenthalt dort natürlich nicht besonders anziehend machte.
In der Küche, ja! Essen wollten sie natürlich alle haben, aber der sein, der es zubereitet – das war doch etwas anderes. Es waren nicht viele da, die Lust zum Kochen hatten, und deshalb war es auch keinem als Hauptbeschäftigung übertragen worden.
Der 26. October war ein sehr bedeutungsvoller Tag: der Geburtstag der »Fram«. Und da sie unsere Erwartungen durchaus nicht getäuscht, sondern sie in reichstem Maße erfüllt hatte, war es nicht mehr als schuldige Dankbarkeit, daß wir ein Fest veranstalteten. Es fing mit einem Preisschießen draußen auf dem Eise an.
Zwei Fahnenstangen mit der norwegischen Flagge wurden dort angebracht und eine Schußbahn von 100 Meter abgesteckt. Dorthin begaben wir uns alle, außer Amundsen, der nicht mitwollte. Nun ging es los; wir merkten aber bald, daß es hier nicht so war wie auf dem Grasholm in Christiania. Wir mußten wahrhaftig flink zielen, wenn wir nicht wollten, daß unsere Finger an dem Hahne und dem Laufe festfroren. Es herrschte nämlich an jenem Tage eine milde Temperatur von -24º. Du liebe Zeit, wir mußten uns später noch an viel stärkern Pfeffer gewöhnen, aber vorläufig fanden wir diese Temperatur hinreichend kühl.
Das Schießen verlief nichtsdestoweniger ausgezeichnet; die Treffsicherheit war durchgehends sehr respektabel, und wir erhielten alle einen Preis, sogar Amundsen, der doch gar nicht mitgeschossen hatte. Alle Preise waren von einer scherzhaften Devise begleitet. Dann folgte ein Festmahl mit Kaffee und am Abend Musik und gesellige Zusammenkunft, wobei große Verschwendung mit Reden getrieben wurde.
Aber der 26. October war auch in anderer Hinsicht für uns ein bedeutungsvoller Tag: wir sahen heute die Sonne zum letzten mal in diesem Jahre, um sie dann mehrere Monate hindurch nicht wieder zu erblicken. Nun erst sollte sich zeigen, ob wir im Stande waren, auszuhalten und – zusammenzuhalten, wenn die schwere, niederdrückende Finsternis der Polarnacht mit ihrer ewigen Einförmigkeit uns in ihren schwarzen Mantel hüllte.
Mit seltsamen, wehmütigen Gefühlen sahen wir den letzten Strahl der feurigen runden Kugel, dieser Licht- und Lebenspenderin, unter dem Horizonte verschwinden und auf mehrere Monate in der Tiefe versinken, und, zu einer Gruppe an der Schiffsseite versammelt, schauten wir alle stumm und ergriffen ihrem Verschwinden zu.
Am nächsten Tage waren wir gegen 8½ Uhr abends Augenzeugen einer recht merkwürdigen Naturerscheinung am östlichen Himmel. Auf einmal flammte dort ein bläuliches Licht auf, stärker als Tausende von Bogenlampen, ja, so stark, daß unsere Augen davon beinahe geblendet wurden. Dann erlosch die Flamme ebenso plötzlich und hinterließ nur einen matten wagerechten Streifen, der sich von Osten nach Westen zog und allmählich auch verschwand.
Am 3. November sank die Temperatur bis auf -33º C. Trotzdem dachten wir noch nicht daran, den Ofen im Salon zu heizen, sondern versuchten, die Kälte, den vielen Reif und die Feuchtigkeit, die den Aufenthalt dort immer unbehaglicher zu machen begannen, uns mit der Wärme vom Leibe zu halten, die von den Lampen und Petroleumapparaten, von denen wir so viele wie möglich anzündeten, ausstrahlte.
So sollte denn unser Winterleben im Ernst beginnen.
Das Winterlager.
Hier liegen wir also, aber glücklicherweise nicht ganz still und unbeweglich. Wir treiben nämlich und treiben im ganzen recht flott. Ja, es gibt vielleicht sogar Leute, die gelegentlich von uns behaupten werden, wir seien richtige »Herumtreiber« und »Nachtschwärmer«. Aber das hören wir ganz gern, denn unter den jetzigen Verhältnissen kann uns wirklich kein Ausspruch größere Freude machen – das heißt, wenn das »Herumtreiben« den rechten Weg geht: vorwärts und nicht rückwärts!
Was für ein seltsames Leben! Hier liegen wir dreizehn Mann in dieser Eiswüste, so ganz allein, so vollständig auf uns selbst und auf einander angewiesen, wie es sich überhaupt nur denken läßt.
Wo ist die zivilisierte Welt? Sie erscheint uns so weit, weit fort, daß sie für uns gewissermaßen gar nicht mehr vorhanden ist. Jedenfalls habe ich so manches mal rein vergessen, daß etwas dergleichen überhaupt existiert.
So müssen wir denn gleichsam eine Welt für uns selber bilden, ein winzig kleines Bruchstück Zivilisation, das, wie aus einer gewaltigen Kanone geschossen, irgendwo draußen in der Welteinöde niedergefallen ist, ein im Verhältnis nicht größeres Stück als die Bruchstücke zersprengter Weltkugeln, die als Meteorsteine aus den Himmelsregionen auf unsern sündhaften Erdenkloß fallen.
Hier liegen wir, liegen hier mit der Gewißheit, daß nun sechs Wintermonate durchlebt werden müssen und drei davon ganz ohne Sonne, sogar ohne einen Lichtstreifen am Horizont.
Um uns herum die Nacht und das Eis des erstarrten Polarmeers, Eis und Nacht! Über uns ein Himmel, manchmal bedrückend niedrig und grau mit schweren, dahinjagenden Wolkenmassen, dann aber wieder majestätisch hoch und gewölbt, wie eine Kuppel von dunkelblauer Seide, durchwebt mit funkelnden Sternen, dem flammenden, wildspielenden Nordlicht und einem Mondscheine, der klar und wie bläulichweiße Perlmutter erglänzend die ganze ungeheuere Landschaft in einem Lichte badet, wie man es auf der Erde wohl schwerlich irgendwo herrlicher sehen kann.
Ach ja, unsere Welt hier oben ist auch schön; ihre Schönheit ist groß und gewaltig und ermahnt zur Andacht.
Ja, ihr könnt es glauben, es ist wunderlich, eine kleine Welt für sich selbst bilden zu müssen, eine Welt, worin das, was den meisten von euch Menschen als alltägliches Bedürfnis erscheint, für uns nur noch eine Sage aus alten Zeiten ist.
Wir lächeln manchmal bei dem Gedanken an all das, was wir verlassen haben, und was man, wie wir sehen, im Grunde sehr gut entbehren kann. Glücklicherweise ist keiner von uns verwöhnt, und auch keiner hat sich melancholischen Grübeleien hingegeben über Dinge, die zu betrauern gar keinen Zweck hat. Unsere Gedanken gehen beständig mit der »Fram« vorwärts; schweifen sie einmal nach Süden zurück, so geschieht es nur, um bei den Lieben in der Heimat zu weilen und darauf doppelt inbrünstig den Gedanken an sie mit der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang der Expedition zu verbinden. Wir wollen, wenn wir einst wieder den Kurs nach der Heimat richten, dies mit wirklicher Freude, aufrichtigem Stolz und dem Bewußtsein tun, daß wir nach Hause kommen wie Leute, die in jedem Falle ihre Pflicht erfüllt haben. Ich darf wohl sagen, daß alle an Bord hierin einig sind. Und dieses Gefühl ist es, das neben den persönlichern und engern Freundschaftsbanden uns alle am meisten verbindet.
Den besten, ja absolut unfehlbaren Beweis dafür, daß ich in dieser Charakteristik von uns, als Ganzes betrachtet, recht habe, liefern wir selbst ganz unfreiwillig, sobald es mit der Drift nicht recht vorwärts geht. Geht diese ihren vorschriftsmäßigen Weg nach Norden und entfernt uns also immer mehr von Norwegen und der Zivilisation und zwar mit genügender Geschwindigkeit, dann sind wir in der allerbesten Stimmung! Dann geht jede Arbeit wie von selbst, und wir verkehren so freundlich und liebenswürdig miteinander, daß wir beinahe gar nicht wissen, was wir uns gegenseitig alles zu Liebe tun sollen. Aber ist es umgekehrt, sieht es einen oder zwei Tage mit unsern Fortschritten bös aus oder gehen wir geradezu den Krebsgang, – du meine Güte, wie sind wir dann mürrisch und verdrießlich! Ja, wir machen Gesichter, als hätten wir in einen essigsauern Apfel gebissen, sodaß man sich uns beinahe gar nicht mehr zu nähern wagt! Und dann kommt es auch wohl vor, daß gegenseitig ziemlich schwer verdauliche Reden und Complimente fallen, von denen wir, wenn Wind und Wetter sich ändern, vergessen, daß wir sie je gesagt.
