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Liebe, über alle Grenzen der Zeit hinaus … "Die Liebe der Zeitenwanderin" von Liza Kent jetzt als eBook bei dotbooks. Maribel kann es nicht fassen: Boris, die Liebe ihres Lebens, ist einfach verschwunden. Sie hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, ihn jemals wiederzusehen, als sie seine Stimme hört. Ohne nachzudenken, folgt sie ihr – und findet sich plötzlich als Dienstmagd auf einem Gutshof im Jahr 1813 wieder! Es gibt keinen Weg zurück. Gefangen im strengen Alltag ihres neuen Lebens, bleibt Maribel kaum eine Gelegenheit, nach Boris zu suchen. Und dann treten plötzlich zwei ganz neue Männer in ihr Leben: der junge Gutsherr Friedrich und der hitzköpfige Andrej. Schon bald ist Maribel hin- und hergerissen von ihren Gefühlen zu den beiden grundverschiedenen Männern. Doch ist es wirklich möglich, sein Glück in der Vergangenheit zu finden? Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Die Liebe der Zeitenwanderin" von Liza Kent. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Über dieses Buch:
Maribel kann es nicht fassen: Boris, die Liebe ihres Lebens, ist einfach verschwunden. Sie hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, ihn jemals wiederzusehen, als sie seine Stimme hört. Ohne nachzudenken, folgt sie ihr – und findet sich plötzlich als Dienstmagd auf einem Gutshof im Jahr 1813 wieder! Es gibt keinen Weg zurück. Gefangen im strengen Alltag ihres neuen Lebens, bleibt Maribel kaum eine Gelegenheit, nach Boris zu suchen. Und dann treten plötzlich zwei ganz neue Männer in ihr Leben: der junge Gutsherr Friedrich und der hitzköpfige Andrej. Schon bald ist Maribel hin- und hergerissen von ihren Gefühlen zu den beiden grundverschiedenen Männern. Doch ist es wirklich möglich, sein Glück in der Vergangenheit zu finden?
Über die Autorin:
Liza Kent ist das Pseudonym von Marte Cormann. Geboren 1956 in Düsseldorf, begann sie neben ihrer Karriere als Verwaltungswirtin 1993 mit dem Schreiben von Romanen und Drehbüchern. Ihr erster Roman, Der Club der grünen Witwen, wurde 2001 erfolgreich für das ZDF verfilmt.
Unter Marte Cormann veröffentlichte sie bei dotbooks bereits ihren Roman Cappuccinoküsse
Die Autorin im Internet: www.martecormann.de.
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eBook-Neuausgabe September 2017
Dieses Buch erschien bereits 2004 unter dem Titel Verlieb dich nie nach Mitternacht beim Moments Verlag
Copyright © der Originalausgabe 2004 Moments Verlag
in der HOF DORT HEYNE Verlag GmbH, Erftstadt
Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Potapov Alexander (Baum), Igor V. Podkopaev (Treppe), robbinsbox (Gartentor)
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ml)
ISBN 978-3-95824-961-5
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Liza Kent
Die Liebe der Zeitenwanderin
Roman
dotbooks.
Mein Dank gilt allen, die an mich glauben und mir ihr Vertrauen schenken. Ihr werdet schon selbst wissen, wen ich meine.
Liebe hat viele Gesichter.
Napoleon Bonaparte
Liebe ist ein Glas, das zerbricht, wenn man es zu unsicher oder zu fest fasst.
Russisches Sprichwort
»In der Neujahrsnacht von 1813 auf 1814 überschritt der preußische General Blücher bei Kaub den Rhein und begann damit, das seit 20 Jahren von den Franzosen besetzte linke Rheinland zu »befreien«. ... Im Januar 1814 kamen die ersten Alliierten – Engländer, Österreicher, Preußen, Russen und Schweden – in das Gebiet der heutigen Stadt Meerbusch: Am Morgen des 13. Januars setzte eine Abteilung russischer Kosaken von Düsseldorf nach Heerdt auf Kohlennachen über den Rhein. Südlich von Büderich kam es zu ersten Gefechten mit der französischen Armee.«
Auszug aus dem Buch Meerbusch – Geschichte der Stadt und der Altgemeinden, Ausgabe 1991
Die Liebe der Zeitenwanderin ist ein Zeitreise-Liebesroman, dessen Handlung frei erfunden ist. Der historische Teil beruht jedoch auf Tatsachen, die sich so oder ähnlich in Meerbusch selbst oder in anderen Orten am Rhein ereignet haben. Die Namen der handelnden Personen sind alle frei erfunden. Im historischen Teil habe ich jedoch bewusst Namen gewählt, wie sie ähnlich im Stadtgebiet gebräuchlich waren.
Es war die Zeit, als Mitgard, die Welt der Menschen, von Göttern beherrscht wurde. Sowohl im Norden als auch unter Mitgard lag das Totenreich Hel.
Gelangweilt ließ Wodan, Gott der Toten, die Reihe der Verstorbenen auf dem Weg nach Hel an sich vorbeiziehen: im Kampf getötete Krieger, Frauen, die bei der Niederkunft ihrer Kinder gestorben waren, die wenigen Alten, denen es vergönnt gewesen war, daheim, im Kreis ihrer Familien, sanft einzuschlafen. Wodan brauchte nicht mehr hinzusehen, uni den Ausdruck in ihren Gesichtern beschreiben zu können, der allen gemein war.
Das Entsetzen. Die Ungläubigkeit.
War das Leben tatsächlich bereits wieder vorbei?
Wodan seufzte und nahm dankbar die Pfeife Hanf entgegen, die Freyja, die Liebesgöttin, ihm mit verheißungsvollem Lächeln überreichte. Bis hinab zu den Germanen hatte es sich herumgesprochen, dass der Hanf die Blume der Liebesgöttin war, weil sie, richtig dosiert und genossen, die Sinne erregte.
Das Rauchen würde Wodan helfen, die traurige Prozession der sich dahinschleppenden Toten im Geiste wohlbehalten zu überstehen – und neue Energien für Freyja, seine Geliebte, würde es außerdem freisetzen.
Er stutzte, als seine Gedankengänge jäh vom unnachgiebigen Gezanke einiger Kinderstimmen unterbrochen wurden. Erstaunt hob er den Blick.
Vor ihm stand ein kleiner Junge, den Wodan auf nicht mehr als sechs Jahre schätzte. Aus strahlend blauen Augen unter wirren, hellen Haaren blickte er herausfordernd zu ihm auf, als es für ihn an der Reihe war vorzutreten. Keine Sekunde ließ er dabei die Hand des Mädchens los, das neben ihm stand. Ein niedliches Ding mit kugelrunden steingrauen Augen und dunkler Lockenpracht, das Wodan skeptisch musterte. Als stände er hier auf dem Prüfstand und nicht das Mädchen selbst. Überrascht vermutete Wodan, Wotan oder Odin, wie andere ihn nannten, dass das Kind in der Familie bereits Erfahrung mit dem Tod naher Angehöriger gesammelt hatte. Anders konnte er sich seine Furchtlosigkeit jedenfalls nicht erklären.
»Wer ist die Kleine?«, wandte er sich an Freyja, die eine Liste mit Namen vor sich liegen hatte.
»Sie heißt Mari. Ihre Mutter kam vor zwei Jahren bei einem Überfall auf ihr Dorf ums Leben. Sie wuchs danach bei einer ihrer Tanten auf.«
Wodan beugte sich zu dem Mädchen vor. »Und warum bist du hier? Warst du krank?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf, dass die Locken flogen. Als es den Mund öffnete, um zu antworten, kam ihm der Junge mit der blonden Strubbelmähne zuvor. »Sie ertrank im tiefen Wasser, weil sie mich retten wollte. Der da hatte mir unbemerkt Seile an die Füße gebunden!« Anklagend wies er mit dem Finger auf ein drittes Kind.
Der Junge, der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte, schnellte nun nach vorne. »Das ist nicht wahr! Wenn Bru nicht diese dumme Wette vorgeschlagen hätte ...«
»Ihr habt gewettet?« In Wodans Augen blitzte es amüsiert auf. Die Kinder hatten es nun endgültig geschafft, sein Interesse zu wecken.
Doch alle drei schwiegen plötzlich verstockt. Der brünette Junge, der zuletzt gesprochen hatte, presste die Lippen fest zusammen.
»He, ihr drei! Raus mit der Sprache! Was habt ihr angestellt?«
Die beiden Jungen musterten sich in stummer Zwiesprache, unschlüssig, wie viel sie erzählen durften, ohne eine Bestrafung zu riskieren.
»Also gut, ich sag's«, erklärte schließlich der Blonde und offensichtlich Wagemutigste. Was sollte ihnen auch noch geschehen? Tot waren sie bereits. »Voki und ich haben um Mari gewettet. Derjenige, der am längsten ohne Luft zu holen unter Wasser bleiben kann, darf sie später zur Frau nehmen.«
»Eine Liebesgeschichte, wie schön!« Neben Wodan klatschte Freyja begeistert in die Hände. Doch irritiert zog sie im nächsten Moment die Augenbrauen zusammen. »Aber ...«, wandte sie sich an Voki, dem man ansah, dass ihm nicht wohl war in seiner Haut, »... aber wenn du ihm Seile an die Füße bindest, hilfst du ihm doch, die Wette zu gewinnen.«
Der Junge knetete seine Finger. »Nicht, wenn er nie mehr auftaucht. Dann muss Mari mich nehmen, weil ich der Einzige bin, der übrig ist.«
Das Mädchen schnaubte verächtlich durch die Nase.
»Pfui, Voki! Was für ein niederträchtiger Plan. Dafür hast du wahrlich den Tod verdient!« Empört sprang Freyja von ihrem Sitz auf.
Wodan hingegen lachte gutmütig. »Reg dich nicht auf, meine Liebe. Er ist noch ein Kind, ein kleiner Junge. Was ihm fehlt, ist die richtige Erziehung.«
Er wandte sich wieder dem Kind zu, dessen Gesichtsfarbe nun fast durchsichtig wirkte. »Die beiden da neben dir sind ertrunken. Aber woran bist du gestorben? Du hättest dich retten können.«
Mit den bloßen Füßen zog Voki kleine Kreise auf dem kalten Steinboden. Er spürte die Kälte nicht mehr. »Mari tauchte nicht mehr auf. Da musste ich sie doch retten.«
»Das ist dir wirklich prächtig geglückt!« Freyjas Stimme klang spröde vor unterdrückter Wut über so viel Dummheit. Sie verspürte die allergrößte Lust, Voki übers Knie zu legen und ihm kräftig Verstand einzubläuen. Drei Menschenleben hatte seine Eifersucht gekostet. Viel versprechende, junge Leben, die nun nicht mehr zur Entfaltung kamen. Ein Seufzer entwich ihr, als ihr die Sinnlosigkeit einer solchen Tat bewusst wurde.
Kopfschüttelnd blickte sie erst auf die Kinder und dann auf Wodan. »Diese dummen, dummen Kinder. So viel Liebe. So viel Hingabe. Verschwendet an den Tod.«
»Es war ihr Schicksal.« Plötzlich kam Wodan, selbst eine Spielernatur, ein tollkühner Gedanke, der seine Augen in stummer Vorfreude zum Leuchten brachte. »Wer von euch hatte den Einfall, um die Liebe der kleinen Mari zu wetten?«
Wodan betrachtete Bru nachdenklich, der seinen Finger ebenso schnell senkte, wie er ihn erhoben hatte, und nun trotzig das Kinn vorschob. Trotz seiner Jugend ließ seine gesamte Körperhaltung schon jetzt auf Wagemut und einen Hang zum Leichtsinn schließen. Aber als er das Mädchen nun ansah, spiegelten sich auch große Leidenschaft und Liebesbereitschaft im Blick des Jungen wider, während aus den Augen des anderen Knaben heftiger Neid und Hass blitzten – und eine verzehrende Sehnsucht nach dem Mädchen.
Eine viel versprechende Konstellation.
»Ich will euch dreien noch eine Gelegenheit geben, aus euren Fehlern zu lernen. Ihr seid noch zu jung, um den Rest eures Daseins in Hel zu verbringen.« Wodan unterdrückte ein Grinsen, als die Kinder unwillkürlich näher aneinander rückten. »Geht über diese Brücke dort.« Wodan zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Kinder waren sich sicher, den Steg, der dort in bunten Farben leuchtete und den Weg zurück ins Helle wies, vorher noch nicht gesehen zu haben.
»Folgt ihr. Eure Wege werden sich auch im nächsten Leben kreuzen, und wenn es sein muss, auch im übernächsten und überübernächsten. Solange, bis ihr es schafft, miteinander auszukommen, ohne dass einer dem anderen nach dem Leben trachtet. Und wenn ihr Jungen behauptet, das Mädchen wirklich zu lieben, dann habt ihr im nächsten Leben ausreichend Gelegenheit dazu, es auch zu beweisen. Macht sie glücklich.«
»Und ich werde nicht gefragt?« Wütend verschränkte Mari die Arme vor der Brust.
Wodan grinste breit. »Du, mein liebes Kind, bist das Zünglein an der Waage. Du entscheidest über Leben und Tod. Mach das Beste draus!«
Misstrauisch beäugte Mari den Gott, vor dem sie eigentlich Angst haben sollte, weil er in seiner Allmacht in der Lage war, ihr Schicksal zu bestimmen. Der Gedanke blitzte in ihr auf, dass sein Vorschlag vor allem seinem eigenen Vergnügen diente. Doch bevor sie etwas erwidern konnte und bevor Wodan es sich anders überlegen konnte, fassten Bru und Voki sie an der Hand und rissen sie jubelnd mit sich fort zur Brücke.
Auch Freyja beäugte ihren Geliebten misstrauisch. »Du hast sie dazu verdammt, ewig zu leben, Wodan. Hast du nicht den Hass des kleinen Voki bemerkt? Er wird niemals zulassen, dass Mari und ihr Bru bis an ihr Lebensende glücklich werden.«
»Ich weiß, meine Liebe.« Diesmal grinste Wodan ausgesprochen diabolisch. »Zumal ich allen dreien die Macht gegeben habe, zwischen den Zeiten hin und her zu springen wie Kinder auf den Steinen in einem Flussbett. Doch keiner von ihnen wird sich an die Aufgabe erinnern können, die ich ihnen heute gestellt habe. Und nur Bru, der kleine Spieler, wird in der Lage sein, seine Zeitsprünge auch bewusst herbeizuführen. Traust du ihm zu, dass er mit seiner Macht verantwortungsvoll umgeht?«
Nachdenklich faltete Freyja die Liste mit den Namen der Verstorbenen zusammen. Für heute hatten sie ihre Aufgabe, die Toten nach Hel zu führen, erfolgreich erfüllt.
»Ob er dazu in der Lage ist, weiß ich nicht. Meine Hoffnung gilt dem Mädchen. Sie hat ihr Leben geopfert, um Bru zu retten. Aus Liebe, möchte ich meinen. Wenn sie es schafft, die beiden als Männer auf Abstand zu halten ...«
Wodans Arm glitt um ihre Taille. Vergnügt pustete er ihr ein wenig von dem Hanfrauch ins Gesicht, den er gerade inhaliert hatte. Er lachte dröhnend, als sie hustete und sich aus seinem Arm winden wollte, nur halb so entschieden, wie sie es vielleicht ohne das aphrodisierende Mittel getan hätte.
»Wenn der kleine Bru sein Mädchen jemals im Arm halten wird, so wie ich dich in diesem Augenblick halte, dann wird sein Glück vollkommen sein.«
»Und ihre Liebe wird ihn bis ans Ende ihrer Tage begleiten.« Zart flatterte ihre Zunge über seine Lippen. Sanft zog er sie an der Hand ins Schlafgemach.
Zum Glück lebten und liebten Götter ewig.
Und von nun an auch drei Menschenkinder, deren Schicksale auf ewig miteinander verbunden blieben.
»Liebst du mich?«
»Wie mein Leben.«
Mit einem glücklichen Lächeln häufelte Maribel Weber, dreiundzwanzig, ledig, Kaffeemehl in die Filtertüte, füllte Wasser in die Maschine und knipste sie an.
Es war der Morgen des dreizehnten Dezember. Unter ihrem Morgenrock trug Maribel nichts als nackte Haut, und im Zimmer nebenan wühlte Boris, der Mann ihrer Träume, sich in seine Kissen.
Während Maribel die aufgebackenen Croissants aus dem Backofen holte und auf einen Teller legte, schweifte ihr Blick aus dem Küchenfenster. Das Haus, in dem sie wohnte, lag am Rande des Wasserschutzgebietes. Obwohl es der Jahreszeit entsprechend draußen noch dunkel war, wusste sie, dass sich ihr gegenüber nichts als flache, dünn besiedelte Landschaft erstreckte. Eine kleine Baumgruppe begrenzte am Horizont die winterlich kargen Felder. Der nahe Rhein grüßte mit dem typischen Tuckern der Dieselmotoren. Lastschiffe gehörten zu dieser Landschaft wie die Möwen und Krähen, die sich im Frühjahr das Saatgut auf den Feldern teilten. Maribel mochte es, am Niederrhein zu leben. Auf die Frage: »Wo möchten Sie alt werden?« gab es für sie nur eine Antwort: »Natürlich hier, wo sonst?«
Sie wartete nicht, bis der Kaffee sprudelnd durch die Maschine gelaufen war, sondern stellte das Glas mit Flüssighonig zu dem Orangensaft und der Butter aufs Tablett. Leichtfüßig schwebte sie hinüber ins Schlafzimmer.
Boris lag nicht mehr im Bett, wie sie ihn verlassen hatte: auf dem Bauch, ein Bein angezogen, den linken Arm um den Kopf gelegt. Vielmehr stand er nackt, wie Gott ihn erschaffen hatte, mit dem Rücken zu ihr am Fenster und lauschte in sein Handy. An seinen angespannten Gesäßmuskeln, die sie zum spielerischen Hineinbeißen geradezu einzuladen schienen, erkannte Maribel, dass es sich um kein erfreuliches Gespräch für ihn handeln konnte. Es war noch nicht mal sieben. Wer rief zu dieser frühen Stunde bereits an?
»Danke, dass du mich informiert hast.« Boris hörte, wie Maribel mit leisem Klirren des Geschirrs das Frühstückstablett auf dem Nachttisch neben dem Bett abstellte, doch er drehte sich noch nicht zu ihr um.
Beunruhigt dachte er über die Nachricht nach, die er soeben erhalten hatte. Eine Bande von Hehlern hatte sein Internetgeschäft als Umschlagplatz für heiße Ware missbraucht. Ein Schaden in Millionenhöhe war entstanden. Deutschlands größte Boulevardzeitung brachte an diesem Morgen einen entsprechenden Bericht gleich auf der Titelseite und verkündete in großen Lettern, dass er, Boris, aktiv an den zwielichtigen Geschäften beteiligt war.
»Du hast ja schon Gänsehaut auf dem Po. Komm endlich zurück ins Bett, frühstücken.« Maribel schlüpfte auf ihre Betthälfte und klopfte mit der Hand einladend auf die Matratze neben sich.
Boris atmete bewusst aus, um sich zu beruhigen, bevor er sich ihr zuwandte. Die Liebe zu Maribel war bei weitem das Beste, was ihm jemals im Leben begegnet war. Die wenigen Minuten, die ihnen vielleicht noch blieben, wollte er deshalb mit all seinen Sinnen genießen.
Er grinste breit, als er sah, wie ihr Morgenmantel über ihren Brüsten aufsprang. Mit Schwung ließ er sich neben sie aufs Bett fallen. Maribel quiekte erschrocken auf, als der, Orangensaft, den sie gerade trinken wollte, durch die Bewegung gefährlich nah an den Rand ihres Glases schwappte. Er ignorierte es. Lässig streckte er die Hand nach ihr aus und hakte sich in ihrem Ausschnitt ein.
»Hast du immer noch nicht genug?«
Mehr, mehr. Ihre funkelnden Augen lockten ihn vergnügt.
»Von dir nie.« Begehrlich blinzelte er ihr in den Ausschnitt. Pralle, alabasterfarbene Brüste zogen seine Hand magisch an. Zart strich er mit den Fingerspitzen über die rosafarbenen Warzen. Sie revanchierte sich, indem sie sich spielerisch in seine Ohrläppchen verbiss.
»Willst du dein Frühstücksei etwa kalt werden lassen?«, hauchte sie ihm ins Ohr.
Lachend vergrub er sein Gesicht in ihren Locken.
»Soll das eine Beleidigung sein? Es beginnt gerade wieder zu kochen.«
»Du bist der albernste Mann, den ich kenne.« Überrascht verzog sie das Gesicht, als ihr ein klebriger Klecks in die Halskuhle klatschte.
Honig!
»Oh, Boris, bist du verrückt? Das klebt doch!«
»Nicht mehr lange!« Genüsslich schleckte seine Zunge über den Honig. Wonne und Qual gleichzeitig erregten sie. »Du bist die süßeste Frau, die ich kenne.«
»Und du bist verrückt!« Maribel schickte einen tiefen, sehnsuchtsvollen Seufzer hinterher. Sie war machtlos gegen ihre Gefühle für diesen Mann. Wie das Wasser eines klaren Bachlaufs spülte er jeden künstlich aufgebauten Widerstand einfach mit sich fort.
Wann war sie das letzte Mal derart glücklich gewesen?
Es klingelte an der Wohnungstür. Als er angespannt den Kopf hob und sie ansah, glänzte der Honig an seinem Kinn.
»Erwartest du jemanden?«
»Nicht, dass ich wüsste.« Maribel warf einen verärgerten Blick auf ihren Radiowecker. 7:15 Uhr – nicht die Zeit für unangemeldeten Besuch. Leise fluchend schwang sie die Beine aus dem Bett.
»Warte.« Seine Stimme klang drängend.
»Stimmt was nicht?«
»Sollten wir uns jemals trennen müssen – aus welchem Grund auch immer ...«
»Kommt jetzt die Beichte, dass du verheiratet bist?«
»Maribel, bitte hör mir zu. Es ist wichtig.«
Die Türglocke ging erneut. Noch fordernder als beim ersten Mal. Maribel schaffte es nicht, das Klingeln zu ignorieren. Energisch verknotete sie den Gürtel des dünnen Morgenmantels vor ihrem Bauch und schlüpfte in ihre Pantoletten.
»Na wartet.« Doch bevor sie die Schlafzimmertür erreichte, hielt Boris, der ihr gefolgt war, sie am Arm zurück.
»Bitte, Maribel! Nur zwei Minuten.«
»Zwei schnelle Minuten.« Ihr Fuß schlug den Sekundentakt, während Boris nach Worten suchte.
»Sollte ich plötzlich verschwinden müssen, dann verliere nicht den Glauben an mich. Es kann sein, dass ich in einer völlig anderen Gestalt wieder zu dir zurückfinde – oder in einer anderen Zeit ...« Er stockte, als er ihren ungläubigen Gesichtsausdruck registrierte.
»Am besten, du legst dich noch ein wenig hin.« Liebevoll streichelte sie ihm mit der Hand über die Wange.
Wovon redete er? Er konnte doch unmöglich ernst meinen, was er sagte?
Er verlangte zu viel von ihr, er hätte es wissen müssen. Trotzdem beschwor er sie noch ein letztes Mal: »Wir werden uns wieder sehen, Maribel, was immer auch geschieht. Bitte vergiss nie, dass ich dich liebe.«
Verärgert befreite sie sich aus seinem Griff. »Also wirklich, Boris! Was ist bloß los mit dir? Das bisschen Klingeln ist doch kein Grund, in Panik zu geraten.« Sie drückte kurz seine Hand wie einem Kind, dem sie Mut zusprechen wollte. Dann zog sie entschieden die Schlafzimmertür hinter sich zu.
Eine Panikattacke, nur weil es an der Tür klingelte.
Nun allerdings schon zum dritten Mal. Da schien es jemand sehr eilig zu haben.
»Aufmachen, Polizei.« Mit der Faust wurde von außen kräftig gegen die Tür geklopft.
Maribel spürte, wie sich die Härchen auf ihrer Haut aufrichteten. Polizei? Bei ihr? Sie warf einen nervösen Blick zurück in Richtung Schlafzimmer.
Sie hätte Boris doch besser ausreden lassen sollen. Nun war es zu spät, um ihn eingehender zu befragen.
»Ich komm ja schon.«
Wo steckte denn nun schon wieder dieser verflixte Wohnungsschlüssel? Und weshalb vergaß sie ständig, einen Haken neben der Tür anzubringen, um den Schlüssel stets griffbereit zu haben? Schluderliese, hatte ihre verstorbene Mutter sie früher häufig scherzhaft genannt.
Wieder dieses verdammte Klingeln.
Maribel entdeckte den Schlüssel in der Küche neben dem Topf mit dem Rest der Tomatensauce, die sie gestern Abend zu den Spagetti gegessen hatten. Im Hinauslaufen warf sie die Packung des Fertiggerichts in den Müllbehälter. Fast wäre der Schlüssel hinterher geflogen, so zitterten ihr die Finger.
Erst als Maribel den Schlüssel ins Schloss steckte, stellte sie fest, dass nicht abgeschlossen war. Einen Moment lang blieb sie stehen und atmete bewusst aus. Es half nicht viel. Ihre Nerven flatterten weiter. Maribel drückte die Klinke hinunter.
Zwei Polizisten in Uniform stürmten an ihr vorbei in die Wohnung. Eine junge Frau in Zivil blieb vor Maribel stehen, musterte sie mit abschätzendem Blick. »Dagmar Wagner. Kripo. Betrugsdezernat. Wir suchen Boris Wendzinski. Ist er hier?«
Überrumpelt wies Maribel den Weg ins Schlafzimmer. Kriminalkommissarin Wagner hielt ihr ihren Dienstausweis vor die Nase. Maribel war zu aufgeregt, um die Angaben ernsthaft prüfen zu können. Zu ihrem Entsetzen befand sie sich mitten in einer Polizeiaktion.
Wie gebannt starrte sie auf die Schlafzimmertür, hinter der Boris nackt auf sie wartete.
***
Die Polizei war gekommen, um ihn mitzunehmen. Nach dem Anruf seines Mitarbeiters hatte er damit gerechnet. Man würde ihn verhören und einsperren, obwohl er unschuldig war. Nur, weil sich zwei Gangster gegen ihn verschworen und ihn als Drahtzieher der Hehlerbande ausgemacht hatten.
Zwei Stimmen gegen eine.
Was zählte heutzutage noch das Ehrenwort eines einzelnen Mannes?
Er würde es nicht aushalten, eingesperrt zu sein. Der Anblick von Eisenstäben und -ketten genügte, um ihm die Luft zum Atmen zu nehmen – als müsse er ertrinken.
Boris rannte ans Fenster und schaute hinaus. Die Wohnung lag zu hoch, um die Flucht hinaus zu wagen. Außerdem hatte sich bereits eine Menschenmenge um die beiden Polizeifahrzeuge versammelt. Ein Fassadenkletterer würde sofort alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Er musste fliehen, aber nicht auf diesem Weg.
Maribel.
Würde ihre Liebe zu ihm stark genug sein, um diese Probe zu bestehen? Durch die geschlossene Tür hindurch hörte er, wie Maribel die Wohnungstür öffnete und die Polizei auf der Suche nach ihm hereinstürmte.
Auf ein Wiedersehen, Maribel!
***
Es brannte kein Licht, als die Polizei das Schlafzimmer stürmte. Das Bett war leer. Das Fenster stand weit offen. Schneeluft wehte herein.
Boris Wendzinski hatte das Weite gesucht.
Maribel zwickte sich in den Arm, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Einer der Beamten beugte sich aus dem Fenster, spähte konzentriert nach rechts, dann nach links, am Schluss nach unten in den Hinterhof. »Wie vom Erdboden verschluckt, der Kerl.«
Sein Kollege schien ihm ähnlich zu misstrauen wie Maribel. Auch er trat ans Fenster, spähte nach oben, wo zwei weitere Stockwerke folgten. »Nichts.«
»Fangt an, die Wohnung zu durchsuchen.« Wagner hielt Maribel einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss vor die Nase. Obwohl Maribel die Frau auf nicht älter als dreißig schätzte, klang ihre Stimme bereits resigniert.
»Ich versteh das alles nicht.« Maribel ließ sich in den Sessel fallen, der ihr am nächsten stand. Ein dumpfer Druck machte sich hinter ihren Schläfen bemerkbar, als sie beobachtete, wie die beiden Polizisten eine Schranktür nach der anderen öffneten, Schubladen aufzogen, unters Bett spähten, Vorhänge und Decken anhoben, immer auf der Suche nach Boris.
»Ich versteh das nicht.«
Dagmar Wagner blieb vor ihr stehen und sah prüfend auf sie herab. »Möchten Sie etwas trinken? Ein Glas Wasser vielleicht?«, fragte sie. Als ob sie hier zu Hause war und nicht Maribel.
Maribel schüttelte den Kopf. »Was ist passiert? Was wollen sie von Boris?«
Die Kriminalbeamtin entsann sich ihrer Ausbildung in Psychologie. Sie zog einen Stuhl zu Maribel heran und setzte sich. Ihr Lächeln sollte beruhigend wirken. »In meiner Tasche steckt ein Haftbefehl für Ihren Freund. Man wirft ihm fortgesetzten Betrug und Hehlerei vor. Internetgeschäfte. Wir sind ihm schon seit langem auf der Spur.«
Die Frau ließ ihren Blick über das Mobiliar schweifen. Schwedische Selbstbauregale zu wenigen Designerstücken. Zeitschriften stapelten sich in losen Haufen auf Tischen und dem Fußboden. Kalter Zigarettenrauch hing in der Luft, im Aschenbecher häuften sich die Kippen.
»Rauchen Sie?«
»Nein, mein Freund.«
Mit dem Kopf gab Wagner ihrem Kollegen das Zeichen, die Kippen als Beweismittel zu sichern. »Sie sind die Mieterin dieser Wohnung?«
Maribel nickte wahrheitsgemäß.
»Seit wann wohnt Boris Wendzinski bei Ihnen?«
Maribel zog an ihren Fingern, bis die Knochen knackten.
Sollte ich plötzlich verschwinden müssen, dann verliere nicht den Glauben an mich. Der Anruf heute Morgen. Boris musste gewusst haben, dass die Polizei hinter ihm her war. Deshalb seine seltsamen Andeutungen.
Warum hatte sie ihm bloß nicht zugehört? Wie viel durfte sie erzählen, ohne ihm zu schaden? Man kannte das ja aus Fernsehkrimis: Je mehr man erzählte, umso mehr Indizien wurden gegen einen gesammelt. Irgendwann landete dann sogar der Unschuldigste im Gefängnis.
»Boris und ich teilen uns die Wohnung.«
»Seit wann?«
Maribel versuchte, sich zu konzentrieren. Wann war Boris bei ihr eingezogen?
»Eigentlich von Anfang an. Es war Liebe auf den ersten Blick.«
»So etwas gibt's noch?«
Verzogen sich die Mundwinkel der Kriminalbeamtin geringschätzig nach unten? Maribel versuchte, es zu ignorieren.
»Wir lernten uns vor etwa vier Wochen in einer Bar kennen. Ich arbeite in einem Ehevermittlungsinstitut und habe einen Kunden zu seinem ersten Date begleitet. Danach nahm ich noch einen Drink. Und dann sah ich ihn.« Maribels Stimme verlor sich, als sie sich an diesen Moment erinnerte.
In dem schummrigen Licht, das in der Bar herrschte, erschien Boris ihr mit seinen hellen Haaren und dem weißen Anzug fast wie eine überirdische Erscheinung. Obwohl sie es versuchte, gelang es ihr nicht, den Blick abzuwenden, als er sie ansah. Sein Lächeln fühlte sich wie ein warmer Mantel an, den er ihr zum Schutz gegen die Kälte um die Schultern legte. Aufatmend war sie hineingeschlüpft.
War es wirklich erst vier Wochen her?
Ratlosigkeit schnürte ihr die Kehle zu. Fast panisch sprang sie auf. Weit öffnete sie das Fenster, atmete bewusst ein und aus. Ihr Blick fiel hinunter auf die Straße. Kein zerschmetterter Körper verunstaltete das Betonpflaster. Doch eine Ansammlung Neugieriger scharte sich um die beiden Polizeifahrzeuge, die draußen vor dem Haus warteten. Die Köpfe reckten sich nach oben, als sie Maribel bemerkten. Hastig zog sie sich vom Fenster zurück.
»Hier.«
Dankbar leerte Maribel das Glas Wasser, das Wagner ihr reichte.
»Typen wie Ihrem Boris passiert nichts. Die sind wie Katzen, die immer auf die Pfoten fallen.«
Die Kriminalbeamtin verfügte über das Gemüt eines Metzgereihundes. Ein Sprung aus drei Metern Höhe konnte nicht ohne Folgen bleiben, auch für Boris nicht.
Aber warum war er geflohen, wenn er unschuldig war?
Maribel wiederholte die Frage laut.
Die Beamtin lächelte grimmig. »Ohne entsprechende Beweise hätte die Staatsanwaltschaft keinen Haftbefehl ausgestellt. Es gibt zwei Zeugen, die bereit sind zu beeiden, dass Ihr Boris das Oberhaupt einer Hehlerbande ist.«
Wagners Handy klingelte. Sie ging schnell in die Küche und nahm das Gespräch an. Während sie telefonierte, beobachtete Maribel fröstelnd, wie ihre Kollegen die Wohnung in ihre Bestandteile zerlegten.
»Seit wann, sagten Sie, wohnt Wendzinski bei Ihnen?«
Maribel zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass die Frau ihr Telefonat längst beendet hatte. Abermals schweiften ihre Gedanken zu Boris.
Vergiss nie, dass ich dich liebe. Seine Worte klangen ihr noch im Ohr. Selbst, wenn sie ihm glaubte, bedeutete dies noch lange nicht, dass er wirklich unschuldig war.
Oder?
Als die Beamtin sich erneut räusperte, riss Maribel sich zusammen. »Entschuldigung.«
Die undurchdringliche Miene ihres Gegenübers irritierte Maribel. »Waren Sie schon mal verliebt?«
»Viel wichtiger ist, ob Sie es sind.«
»Und wie. Ich spürte sofort, dass wir zusammengehören. Ich meine, zusammengehörten. Quatsch. Zusammengehören.« Verzweifelt strich sie sich die Haare hinters Ohr. Sie presste die Hände gegen die Schläfen, um sich besser konzentrieren zu können. »Doch. Es war Liebe auf den ersten Blick.«
»Was wir uns ja alle wünschen.«
»Ja.« Maribel warf der Kommissarin einen dankbaren Blick zu. Doch die Mundwinkel der Frau verzogen sich nach unten. Ernüchtert redete Maribel schneller. »Also, genau genommen wohnt Boris seit etwa vier Wochen bei mir.«
Die Kriminalbeamtin reagierte erleichtert. Endlich eine vernünftige Antwort. »Teilen Sie sich die Miete?«
»Ja. Das heißt nein. Boris hat in den letzten Wochen viel Pech gehabt. Seiner Firma ging's nicht so gut. Er machte viele Überstunden und verdiente trotzdem kaum genug zum Leben. Da konnte ich doch unmöglich Miete verlangen. Bevor er hier einzog, habe ich sie auch allein bezahlt.«
»Bezog er Sozialhilfe oder andere Unterstützung?«
»Ich glaube kaum. Boris ist ziemlich stolz, müssen Sie wissen. Der Gedanke, anderen auf der Tasche zu liegen, behagt ihm nicht.«
»Also haben Sie ihm gelegentlich Geld geliehen?«
Maribel stutzte. »Nicht so viel, wie Sie vielleicht annehmen. Ein paar Euro. Vierhundert, höchstens.« Plötzlich keimte ein Verdacht in ihr.
»Was, sagten Sie, werfen Sie ihm vor?«
»Fortgesetzten Betrug. Er hat Hunderte um ihre Ersparnisse gebracht.« Wagner versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, was sie von dieser Maribel hielt. Frauen wie sie gehörten zum Alltagsgeschäft der Beamtin. Sie waren Opfer ihrer eigenen Naivität und Gutgläubigkeit. Skrupellose Betrüger wie dieser Boris hatten da leichtes Spiel. »Wann haben Sie das letzte Mal Ihre Kontoauszüge kontrolliert?«
Diesmal benötigte Maribel bloß Sekunden, um zu begreifen. Mit zwei Schritten stand sie vor ihrem Schreibtisch aus Kiefernholz, auf dem sich ihr Laptop befand. Ein paar Tastengriffe später war sie online. Sie rief ihre Bankverbindung auf. Mit zittrigen Fingern gab sie das Passwort ein.
Was sie sah, verschlug ihr den Atem. »Der Schuft hat mein Konto geplündert!« Wie hatte sie nur so blöd sein können, so unglaublich dämlich, einem Fremden ihr Passwort anzuvertrauen? Nur, weil er strahlend blaue Augen und das charmanteste Lächeln der Welt besaß.
»Wie viel hat er Ihnen gestohlen?« Neben ihr blickte die Kriminalbeamtin auf den Bildschirm.
»Alles. Einfach alles.« Ermattet ließ Maribel sich nach hinten in den Stuhl sinken. »Der Dispokredit ist so gut wie ausgeschöpft. Ich bin pleite.« Sie spürte die Hand der Beamtin mitfühlend auf ihrer Schulter.
»Am besten erzählen Sie mir alles, was Sie über ihn wissen. Hat er Freunde? Wo hielt er sich in letzter Zeit am liebsten auf? Hat er eventuell Gewohnheiten, die uns auf seine Spur bringen könnten?«
Dankbar nahm Maribel das Taschentuch, das die Frau ihr anbot. Sie schniefte hinein.
»Sie kommen zu spät. Der Klient wartet schon.«
Elisabeth Vita musterte Maribel kühl von Kopf bis Fuß. Die mittelbraunen, von Natur aus lockigen Haare ihrer Mitarbeiterin waren wie immer straff zu einem Knoten nach hinten gebunden. Das Make-up bestand nur aus Wimperntusche und wenig Lidschatten, ebenfalls wie immer. Doch die steingrauen Augen leuchteten nicht wie sonst, sondern wirkten matt und müde. Maribels Blick schien sich nach innen zu richten, während Elisabeths Worte an ihrem Bewusstsein vorbeirauschten.
Elisabeth ärgerte sich darüber. Waren Respekt und Aufmerksamkeit nicht das Mindeste, was sie von ihren Mitarbeitern erwarten durfte? Reichte es nicht, dass Maribel sie stets aufs Neue mit ihrer einnehmenden Ausstrahlung provozierte?
Mit ihren dreiundzwanzig Jahren war Maribel fast dreißig Jahre jünger als Elisabeth. Die Haut schimmerte wie helle Seide, nicht die Spur einer Falte. Mit ihrer wohlproportionierten Figur würde sie auch für jeden Modellwettbewerb eine Bereicherung abgeben. Obwohl Maribel im Institut stets klassisch geschnittene Kostüme trug, die mehr verbargen als offen legten, schien jeder heiratswillige Mann, der seinen Fuß über die Schwelle setzte, nur eins im Sinn zu haben: Maribel zu einem Date zu verführen. Als ob es keine anderen Frauen auf der Welt gäbe.
Gerade deshalb würde Maribel eine perfekte Nachfolgerin für sie abgeben. Elisabeth Vita erwog ernsthaft, ihr in nicht mehr allzu ferner Zukunft zunächst eine Partnerschaft anzubieten. Immer öfter sehnte sie sich danach, kürzer zu treten. Die vielen heiratswilligen, aber zum Teil auch schwierigen Kunden kosteten Substanz. Sie wurde alt.
Und ausgerechnet heute kam Maribel Weber zu spät. Richard Pindall war ein neuer Kunde. Vermögend und daher wichtig. Er suchte das Institut mit der festen Absicht auf, die Frau fürs Leben zu finden, jedenfalls hatte er das durchblicken lassen, als er heute früh am Telefon dringend um einen Termin bat. Zwei bis drei Vermittlungen war er mit Sicherheit wert.
»Entschuldigung.« Mehr wusste Maribel nicht zu sagen. Noch saß der Schock über das, was am Morgen geschehen war, zu tief. Außerdem würde Frau Vita es als Image schädigend betrachten, dass sich ihre beste Mitarbeiterin privat von einem Betrüger aufs Kreuz legen ließ. Dazu noch im wahrsten Sinne des Wortes.
»Wie lange wartet er schon?«, fragte Maribel mit Blick auf ihre verschlossene Bürotür.
»Zu Ihrem Glück noch nicht zu lange.«
Maribel nickte bloß. Die Hand bereits auf der Klinke, versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Dann öffnete sie die Tür.
»Maribel Weber. Ich hoffe, Sie haben nicht zu lange gewartet?« Nach außen souverän wie immer, reichte sie Pindall die Hand. Sie gab sich Mühe, ihre Überraschung zu verbergen.
Der Mann, der sich zu ihrer Begrüßung erhob, machte auf sie nicht den Eindruck, als ob er die Dienste eines Ehevermittlungsinstituts benötigte. Sie schätzte sein Alter auf Ende dreißig. Sein dunkles Haar war an den Schläfen im Ansatz ergraut. Die scharf geschnittenen Gesichtszüge signalisierten für den Ernstfall Konfliktbereitschaft.
Doch seine Stimme klang angenehm rau und kratzig, als er Maribel seinen Namen nannte: »Richard Pindall.«
»Sie sind Brite? Ihr Name klingt nach ...«
»Eaton Place?«
Maribel lachte. Irritiert stellte sie fest, dass er keine Miene verzog.
»Nach altem englischen Landadel, hatte ich sagen wollen.«
Seine blauen Augen musterten sie eindringlich.
Er guckt, als ob er mich kennt, aber nicht weiß, woher. Ich habe ihn jedenfalls noch nie vorher gesehen.
Vielleicht war er aber auch nur nervös. Welcher Mann gab schon gerne zu, dass er als Jäger nichts taugte. Denn darauf lief die Rollenverteilung des Lebens doch hinaus: Die Männer waren die Jäger und die Frauen die Beute.
Mit Bitterkeit ließ Maribel diesen Gedanken in sich nachklingen. Auch sie war von Boris in die Opferrolle gedrängt worden. Nie hätte sie das für möglich gehalten.
Schuldbewusst, weil sie mit ihren Gedanken nicht bei ihrem Klienten war, zog Maribel mit der linken Hand die Karteikarte näher zu sich heran. Mit der rechten schlug sie die lederne Mappe auf, die den üblichen Anmeldebogen enthielt.
»Bevor wir uns darüber unterhalten, welche Vorstellungen Sie von Ihrer zukünftigen Gattin haben, benötige ich noch einige Angaben von Ihnen.« Maribel schenkte dem Mann ihr professionellstes Lächeln, doch unter seinem prüfenden Blick fühlte sie sich zunehmend unbehaglich. »Alter?«
»Achtunddreißig.«
»Achtunddreißig.« Sie trug die Zahl in das entsprechende Kästchen ein. »Geboren wo?«
»In Dover, Großbritannien.«
»Staatsangehörigkeit: Briete.« Überrascht starrte Maribel auf das falsch geschriebene Wort, das sie hastig wieder ausstrich und neu hinschrieb. Verflixt, sie war mit ihren Gedanken einfach nicht bei der Sache.
»Rauchen Sie?«
»Leidenschaftlich gern.«
»Welche Hobbys üben Sie regelmäßig aus?«
»Pistolenschießen, Fechten und Reiten.«
»Klingt nach englischem Internat.«
Dem Funkeln in seinen Augen nach zu urteilen, schien Herr Pindall oder Mister Pindall, wie sie ihn vielleicht nennen sollte, sich köstlich über sie zu amüsieren.
»Kommen wir zu Ihren Vorstellungen von einer künftigen Partnerin. Aussehen, Alter, Vorlieben?«
»Ich möchte nur eins: Bis in alle Ewigkeit von ihr geliebt werden.« Seine Stimme schmeichelte Maribels Seele wie Samt. Berührt schnellte ihr Kopf in die Höhe. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, schob Richard Pindall seinen Stuhl zurück und erhob sich.
»Aber wir sind noch nicht fertig.«
»Betrachten Sie es als mein Versprechen wiederzukommen.« Er ging zur Tür. Ein hochgewachsener, geschmeidiger Mann, der wusste, was er wollte.
Maribel wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte, bevor sie sich schüttelte. Was war dieser Mann doch für ein komischer Kauz.
»Herr Pindall machte einen sehr zufriedenen Eindruck.« Elisabeth Vita steckte ihren Kopf zur Tür herein.
»Na, so richtig klar im Kopf ist der Mann nicht. Als ich ihn nach seinem Frauentyp fragte, stand er auf und ging.«
»Ohne weitere Angaben?«
»Er versprach mir wiederzukommen.«
»Herr Pindall ist ein wichtiger Kunde für uns.« Maribel erkannte den Tonfall. Elisabeth setzte zu ihrer wöchentlichen Blut-, Schweiß- und Tränenrede an.
»Der Vermieter hat gestern die Miete für diese Bruchbude hier erhöht. Die Spesenabrechnungen des letzten Monats haben das Budget ebenfalls überschritten. Ich bin auf jeden Cent, der hereinkommt, angewiesen.« Elisabeth Vita stutzte, als Maribel bloß bitter auflachte.
»Stimmt etwas nicht?«
»Och, es ist alles in schönster Ordnung. Ich bin nur heute Morgen von der Kriminalpolizei geweckt worden, und mein Freund hat mir bis auf den letzten Cent das Konto geplündert. Genau genommen weiß ich nicht, wovon ich in nächster Zeit leben soll. So wie es aussieht, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als Sie um einen Vorschuss zu bitten.«
Ihre Chefin sah sie entsetzt an. »Lesen Sie denn keine Zeitung? Der Mittelstand ist am Ende. Wer nicht aufpasst, geht in Konkurs.«
Maribels Hoffnung auf einen Vorschuss schwand, bevor Elisabeth es aussprach.
»Sie können froh sein, dass Sie noch einen Arbeitsplatz haben. Was Sie nicht zuletzt meiner konsequenten und sehr sparsamen Geschäftsführung zu verdanken haben. Ein Vorschuss ist da leider nicht drin. Wenn ich Sie wäre, würde ich erst einmal ein Gespräch mit meiner Bank führen. Haben Sie denn keine Familie oder Freunde, die Ihnen für eine Übergangszeit finanziell unter die Arme greifen?«
Am liebsten hätte Maribel ihre Chefin mit beiden Händen an den Schultern gepackt und kräftig gerüttelt. Ein paar hundert Euro, um eine schwierige persönliche Situation zu überbrücken. Um mehr hatte sie nicht gebeten. Doch Elisabeth stellte sich an, als wollte Maribel gleich den ganzen Laden übernehmen. Maribel wagte nicht darüber nachzudenken, wie viele der Cents, die Elisabeth Vita heftig vor ihr verteidigte, allein durch ihre Arbeitsleistung auf ihrem Konto lagerten.
»Es tut mir Leid, dass ich gefragt habe.«
»Na sehen Sie.« Befriedigt nickte Elisabeth. »Sie können mir noch einen Gefallen tun. Gleich kommt ein Paar, bei dem Sie mich vertreten müssen. Ich habe einen Termin, den ich nicht verschieben kann.« Es handelte sich um ihren wöchentlichen Besuch im Kosmetikinstitut, den sie mittlerweile jedem Kundengespräch vorzog.
»Nichts Schwieriges. Nur zwei Kunden, die sich bei uns kennen gelernt haben und mir ihre Dankbarkeit beweisen möchten.« Elisabeth verdrehte ironisch die Augen. Die Absätze klackerten laut, als sie den kleinen Vorraum des Instituts durchquerte. Kurz darauf fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Erleichtert warf Maribel einen Blick auf ihre Armbanduhr. Ihr Arm zitterte vor Schwäche. Wie eine Welle erfasste sie ihren ganzen Körper. Der Besuch der Kriminalpolizei am Morgen hatte Maribel den Appetit auf das Frühstück verdorben. Nun war ihr übel vor Hunger. Mit flauem Magen durchstöberte sie die Schubladen ihres Schreibtisches. In der dritten Schublade von oben links fand sie ein paar alte, bröselige Schokoladenkekse, die nach Möbelpolitur schmeckten und grau angelaufen waren. Es war nicht auszuschließen, dass sie noch von Maribels Vorgängerin stammten. Maribel hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Schreibtisch zu säubern, bevor sie ihn übernahm.
Ihre Sättigungskraft hatten die Kekse jedenfalls eingebüßt. Maribel fühlte sich mit ihnen im Magen noch genauso hungrig wie ohne. Sie schnappte sich ihre Handtasche und den Trenchcoat, den sie sich am Morgen achtlos übergeworfen hatte, und verließ das Büro. Mittagspause. Mit Glück schaffte sie es gerade noch rechtzeitig vor Schalterschluss zur Bank.
Den Besuch in der Sparkassenfiliale hätte sie sich getrost ersparen können. Nachdem Sven Hauke, der zuständige Mitarbeiter, dreimal nachgefragt hatte, ob Maribel ihrem Freund tatsächlich ihr Passwort genannt hatte, stand ihm sein Urteil über ihre Leichtfertigkeit überdeutlich ins Gesicht geschrieben.
»Ihnen ist bekannt, dass die Bank für den eingetretenen Schaden nicht haftbar gemacht werden kann?«
Spätestens jetzt wusste Maribel es. »Lässt sich denn wenigstens nachvollziehen, wo mein Geld geblieben ist?« Mit klopfendem Herzen beobachtete sie, wie Hauke mit eisiger Miene auf der Tastatur seines Computers herumtippte.
»So, wie es aussieht, wurde alles auf ein Nummernkonto in der Schweiz überwiesen.«
»Meine paar Euro? Das ist doch ein Witz.«
Hauke erhob sich von seinem Schreibtisch und trat zu ihr an den Bedienungsschalter. Er verzichtete darauf, Maribel in die diskretere Besucherecke zu bitten. »Wenn Liebe blind macht, hat sie bei Ihnen ganze Arbeit geleistet.« Mitgefühl oder Unverschämtheit? Maribel war sich nicht sicher, wie sie seine Bemerkung einschätzen sollte. »Wenn Sie mir den Dispo erhöhen, kann ich ...«
»Ausgeschlossen. Er steht bereits an der äußersten Grenze des Möglichen.«
»Einen Kredit würden Sie vermutlich auch ablehnen?«
»Besitzen Sie Immobilien?«
»Nein.«
»Aktien oder andere Wertpapiere?«
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«
»Dazu bin ich nicht befugt.«
»Scherzkeks.« Böse funkelte sie ihn an. Bedauernd verzog er das Gesicht.
»Lassen Sie sich doch einen Vorschuss geben.«
Maribel enthielt sich jeden Kommentars. Nur ihrem angeborenen Selbsterhaltungstrieb verdankte sie es, dass sie die Bank mit hocherhobenem Kopf verließ.
Es ließ sich nicht leugnen: Ihre Finanzlage war kritisch. Doch wenn sie sich in den kommenden Wochen jeden überflüssigen Luxus verkniff und eisern sparte, bestand zumindest die Hoffnung, ihr Konto in absehbarer Zeit ausgleichen zu können.
Maribel legte ihre Hand auf den Bauch. Ob ein Schokoladencroissant und zwei Stücke Kirschstreusel bereits unter die Luxusklausel fielen? Sie zählte die Geldstücke in ihrem Portemonnaie, bevor sie eine Bäckerei betrat, um sich für ein Croissant und ein Stück Kuchen zu entscheiden. Ein Drittel Ersparnis, das war nicht schlecht für den Anfang.
Maribel kaute noch, als sie das Büro betrat. Hinter ihren Schläfen pochte es trotz der zwei Aspirin, die sie geschluckt hatte. Deshalb glich ihr Lächeln auch mehr einer symbolischen Geste, als sie erst der Frau, dann dem Mann, die bereits auf sie warteten, die Hand schüttelte. Aus den Akten wusste Maribel, dass beide knapp über vierzig waren. Sie war geschieden, er lebte noch bei seiner Mutter.
»Frau Schmelter, schön, Sie wiederzusehen. Herr Nikolaus, herzlich willkommen. Was kann ich für Sie tun?«
»Eigentlich wollten wir ja zu Frau Vita.«
»Frau Vita bedauert sehr, dass sie den Termin mit Ihnen nicht selbst wahrnehmen kann. Sie musste dringend weg.« Maribel senkte die Stimme. »Eine Familienangelegenheit.«
Augenblicklich legte sich das Gesicht von Frau Schmelter in besorgte Falten. »Hoffentlich nichts Ernstes.«
»Frau Vita schien sehr besorgt.« Maribel schenkte der Frau das gleiche professionelle Lächeln, das am Morgen die Kriminalkommissarin ihr geschenkt hatte. »Aber vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen?«
Die beiden tauschten einen skeptischen Blick.
»Ich fürchte, das ist nicht möglich.« Herr Nikolaus tätschelte seiner Begleiterin verliebt das Knie. »Wir möchten uns bei Frau Vita persönlich für ihre Vermittlung bedanken. Sie müssen nämlich wissen: Wir haben uns entschlossen zu heiraten.«
Wenn Maribel sich später an diesen Moment erinnerte, gab sie dem Anblick des strahlenden Paares die Schuld. Ihr offensichtliches Glück schnürte ihr regelrecht die Luft ab. Maribels Nervensystem spielte verrückt. Von ihren Füßen aus schien das Blut fontänenartig durch ihre Adern zu schießen. Sie keuchte entsetzt auf und griff sich mit den Händen an den Hals. Sternchen flimmerten vor ihren Augen. Aus weiter Ferne nahm sie wahr, wie Frau Schmelter von ihrem Stuhl aufsprang, der hinter ihr zu Boden krachte.
»Erwin, tu was. Du warst doch bei den Pfadfindern.«
Erwin Nikolaus zögerte nur kurz. Um Maribel zu schocken und damit zu retten, entleerte er den Inhalt einer Blumenvase, die zu Dekorationszwecken auf dem Schreibtisch stand, über ihrem Kopf. Mitsamt Rosen. Maribel klaubte ein besonders schönes Exemplar aus ihrem Haar und bemühte sich um Fassung.
Sie durchlebte gerade eine Nervenkrise. Nichts Ernstes. Nur eine klitzekleine Krise, die angesichts der Schicksalsschläge, die sie heute hatte einstecken müssen, nichts Ungewöhnliches war. Und kam es auf das teure Gucci-Kostüm noch an? Sie besaß einen ganzen Schrank voll mit Klamotten. Gut, sie musste sparen. An ein neues Kostüm war in absehbarer Zeit nicht einmal zu denken. Aber sie lebte noch. Diese wunderbare Tatsache wog erheblich schwerer als das Wasser, das ihr langsam den Rücken hinunterfloss.
»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«
Erschrocken sah Herr Nikolaus sie an.
»Heiraten!« Maribel drehte Frau Schmelter an den Schultern zu sich herum. »Sie glauben, diesen Mann hier zu kennen, doch Sie täuschen sich!« Anklagend zeigte Maribel auf Herrn Nikolaus, der sie mit heruntergeklapptem Kiefer anstarrte.
»Sein freundliches Lächeln, sein liebevoller Händedruck – alles gelogen. Er spielt Ihnen etwas vor. Er täuscht Sie. Um Ihnen anschließend das Konto zu plündern.«
Herr Nikolaus sprang von seinem Stuhl auf. »Na, erlauben Sie mal!«
Mit einer energischen Handbewegung brachte Maribel ihn zum Schweigen. »Nichts erlaube ich. Ich hab genug von Männern wie Ihnen.«
Maribel konzentrierte ihren Vortrag erneut auf Frau Schmelter. »Eines Morgens, wenn Sie mit ihm im Bett liegen, wird die Kriminalpolizei an Ihrer Tür klingeln.«
Als Frau Schmelter erbleichte, griff Herr Nikolaus besorgt nach ihrer Hand, doch seine zukünftige Frau schüttelte ihn ab.
Maribel war nicht mehr zu bremsen.
»Von außen betrachtet sieht er harmlos aus, aber bald wird er sich als Wolf im Schafspelz entpuppen. Er ist wie alle Männer. Vielleicht sogar noch schlimmer.«
»Glaub ihr kein Wort, Mausi. Die Frau spinnt doch.«
Mausi war der Schreck auf die Stimmbänder geschlagen. Sie krächzte nur noch. »Und was ist, wenn sie Recht hat? Wir kennen uns doch kaum.«
Herr Nikolaus baute sich drohend vor Maribel auf. Seine Nase war übersät mit schwarzen Mitessern, wie Maribel ohne Schwierigkeiten feststellen konnte.
»Sie!« Sein tiefrot gefärbter Kopf glich einer tickenden Zeitbombe. »Ich ziehe Sie zur Rechenschaft. Das ist kein Ehevermittlungsinstitut, das ist ein Eheverhinderungsinstitut.« Vor Aufregung verschluckte er sich an seiner eigenen Spucke.
Frau Schmelter wickelte den Riemen ihrer Krokohandtasche fest um ihr Handgelenk. »Aber wenn Sie doch wissen, dass dieser Mann es nicht ehrlich meint, warum vermitteln Sie ihn dann erst?«
Beim Blick in ihre tränengefüllten Augen schwante Maribel endlich, was sie angerichtet hatte. »Frau Schmelter, es tut mir Leid. Ich habe Mist geredet. Vergessen Sie es, bitte!« Doch leise schluchzend floh die Frau aus Maribels Büro.
»Das werden Sie mir büßen, das schwöre ich Ihnen!« Wutentbrannt schüttelte Herr Nikolaus seine Faust direkt unter Maribels Nase. Dann machte er auf dem Absatz kehrt.
»Mausi, warte!«
Am Ende ihrer Nervenkraft, ließ Maribel sich auf ihren Stuhl fallen. Als nur wenige Minuten später Frau Vita ins Zimmer rauschte, hing Maribel immer noch in derselben Haltung dort. Ihre Chefin zog ein Gesicht, als habe ihr jemand einen Dolch in den Rücken gestoßen.
»Sagen Sie sofort, dass Herr Nikolaus lügt.« Es war unangenehm genug, dass sie dem Paar vor dem Haus quasi in die Arme gelaufen war. Die Geschichte jedoch, die Herr Nikolaus ihr vor Aufregung übersprudelnd auftischte, schrie zum Himmel.
Für Maribel wäre es ein Leichtes gewesen, alles abzustreiten, Herrn Nikolaus für den Eklat verantwortlich zu machen. Möglicherweise hätte sie auf diese Weise ihre Haut retten können. Doch mittlerweile hatte sie eine Art Kamikazestimmung ergriffen. Dieser Tag hatte mit einer Katastrophe begonnen und würde nun mit einer enden.
»Herr Nikolaus sagt die Wahrheit. Ich fürchte, ich habe da etwas durcheinander gebracht.«
»Durcheinander gebracht, nennen Sie das? Sie haben ihn denunziert. Vor seiner Verlobten. Er ist fest entschlossen, uns zu verklagen.«
»Ich bringe das wieder in Ordnung. Ich entschuldige mich bei ihm.« Maribel stützte sich schwer auf die Tischplatte auf, als sie sich erhob.
»Sie sind fristlos entlassen.«
Ungläubig starrte Maribel ihre Chefin an. »Sie können mich nicht entlassen.«
Frau Vita unterbrach sie scharf. »Für ein Institut wie das unsere ist Ihr Verhalten untragbar. Wenn Herr Nikolaus einen Prozess anstrebt und es sich herumspricht, kann ich schließen. Es tut mir Leid. Unsere Wege trennen sich.«
Maribel presste die Lippen fest aufeinander, um das Zittern ihrer Unterlippe zu unterdrücken. Es gab kein Argument, das sie vorbringen konnte. Ihr Verhalten war unentschuldbar, sie wusste es.
Sie schaffte es, mit erhobenem Kopf hinüber in ihr Büro zu gehen. Leise schloss sie die Tür hinter sich. Ihre Knie zitterten plötzlich so stark, dass sie befürchtete, im nächsten Moment zusammenzubrechen. Deshalb krallte sie ihre Finger tief in die Schreibtischkante und rang um Fassung.
»Maribel, du bist stärker, als du glaubst.« Die Worte ihrer Mutter klangen ihr im Ohr. Weinen galt in ihrer Familie als Schwäche. Schicksalsschläge wurden mit Haltung ertragen. Maribel hatte ihre Mutter nie weinen gesehen. Nicht einmal an dem Tag, als sie erfuhr, dass sie an Magenkrebs sterben würde. Maribel war dreizehn Jahre alt, als sie dem Sarg ihrer Mutter folgte. Tränenlos.
Unschlüssig zog Maribel ein paar Schubladen auf. Viel gehörte ihr nicht. Sie reiste stets mit kleinem Gepäck. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie unter den Verwandten herumgereicht worden. Bei jedem Umzug hatte sie Dinge zurücklassen müssen, an denen ihr Herz hing. So lange, bis Besitz ihr nichts mehr bedeutete.
Maribel musste lächeln, als sie an ihre wunderschöne große Wohnung dachte. Ihr erster Versuch seit langem, sich ein richtiges eigenes Nest zu schaffen.
Maribel schüttelte es, als sie an Boris dachte. Ob er jetzt, in diesem Moment, ihr Geld von seinem Schweizer Konto abhob? Was ging dabei in ihm vor? Bereute er, was er ihr angetan hatte? Hatte er sie jemals wirklich geliebt?
Vergiss nie, dass ich dich liebe.
Plötzlich glaubte Maribel, seine Stimme zu hören. Sie schien von dem Kunstdruck zu kommen, der hinter ihrem Schreibtisch an der Wand hing.
Mondaufgang am Meer hatte Caspar David Friedrich sein Gemälde genannt.
»Dieses Bild ist zu düster für Ihr Büro«, hatte Elisabeth Vitas schnelles Urteil gelautet.
»Es trifft exakt die Stimmung unserer Kunden. Noch liegt die Welt im Dunkeln, doch am Horizont zeigt sich bereits ein helles Licht. Die Hoffnung auf ein neues Glück.«
»Ich weiß nicht.«
»Es gibt nichts Romantischeres.«
»Wenn der erste Kunde sich beschwert, hängen Sie das Bild ab.«
Maribel brummte grimmig, als sie sich an die kleine Szene erinnerte. Außer Elisabeth hatte sich niemand an dem Bild gestört.
Vorsichtig, damit der Glasrahmen nicht beschädigt wurde, schob sie das Bild in eine zerknitterte Plastiktüte, die sie in ihrem Schrank gefunden hatte. Es war ein ganz normales Bild. Keine der Figuren, die darin den Mondaufgang herbeisehnten, nahm von ihr Notiz oder sprach sie gar an. Ihre überreizte Fantasie hatte ihr einen weiteren Streich gespielt.
Es kann sein, dass ich in einer völlig anderen Gestalt wieder zu dir zurückfinde – oder in einer anderen Zeit.
Maribel schüttelte sich verärgert, als wollte sie die Erinnerung an Boris' letzte Worte an sie aus ihrem Gedächtnis werfen. Für wie unendlich dumm musste er sie gehalten haben. Bestimmt hatte er sich insgeheim köstlich über sie amüsiert, während er ihr dieses Märchen auftischte – im sicheren Wissen, ihre Konten längst geplündert zu haben.
Wut wallte in ihr auf und vermischte sich mit Wehmut, als sie einen letzten Blick durch ihr Büro schweifen ließ, um Abschied zu nehmen. Sie hatte es geliebt, einsame Menschen zusammenzubringen und ihnen zu einem neuen Glück zu verhelfen. Doch nun endete auch dieses Kapitel ihres Lebens.
»Rufen Sie mich an, wenn Sie es sich anders überlegt haben.« Maribel war sich diese Worte schuldig, auch wenn Frau Vita ihren Entschluss niemals ändern würde. Wankelmut gehörte nicht zu den Eigenschaften, die man ihr vorwerfen konnte.
Kaum hatte Maribel das Büro verlassen, warf Frau Vita den Stift, mit dem sie geschrieben hatte, zornig auf die Glasplatte ihres Schreibtisches. Am liebsten wäre sie Maribel ins Treppenhaus hinterhergerannt, um ihr wüste Beschimpfungen an den Kopf zu werfen.
Weshalb hatte sie sich nicht verteidigt, um ihre Stelle gekämpft?
Anstatt zu gehen?
Tränen und Beteuerungen wären angebracht gewesen. Dann hätte sie sich als Chefin großmütig zeigen können.
Aber Maribel, mit ihrem Stolz, hatte alles verpatzt.
Mist.
Je weiter Maribel die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung im zweiten Stock stieg, desto höher schienen die Abstände zwischen den Stufen zu werden. Die Gewissheit, ohne Job, ohne Geld und ohne Boris dazustehen, drückte wie Blei auf ihre Schultern.
Maribels Kräfte langten gerade noch, um die Wohnungstür aufzuschließen und sich einen Weg durch das Chaos zu bahnen, das die Polizei am Morgen hinterlassen hatte. So, wie sie war, ließ sie sich auf das ungemachte Bett fallen. Ungeweinte Tränen schnürten ihr die Kehle zu.
Mit einem wütenden Ruck zog sie das Kopfkissen, auf dem vor noch nicht allzu langer Zeit Boris gelegen hatte, zu sich herüber. Es duftete nach Amber und Vanille, dem Eau de Toilette, das sie ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.
An ihn zu denken tat einfach nur weh.
***
Maribel stand unter der Dusche, als das Telefon klingelte. Sie machte sich nicht die Mühe, erst nach dem Handtuch zu greifen. Ihr Handy lag griffbereit direkt daneben.
»Boris?« Sie sehnte sich nach einem Lebenszeichen von ihm.
»Wer zum Teufel ist Boris?« Ihr Vermieter gab sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen.
»Guten Abend, Herr Dohmen.« Es gelang ihr kaum, ihre Enttäuschung vor ihm zu verbergen. »Geht es Ihnen gut?«
»Mir geht es ganz und gar nicht gut. Sie hatten heute Besuch von der Polizei.« Ohne Umschweife kam er auf den Kern seines Anrufes zu sprechen.
»Ja, ein Freund von mir ist Polizist.«
»Sparen Sie sich Ihre Lügen. Ich bin seit dreißig Jahren Vermieter. Nie hat es in einem meiner Häuser einen vergleichbaren Vorfall gegeben.«
Maribel öffnete den Mund, doch der aufgebrachte Mann ratterte seine Rede ohne Atempause herunter.
»Wenn sich herumspricht, dass ich in meinen Häusern Elemente beherberge, die von der Polizei gesucht werden, bin ich ruiniert. Dann ziehen die ehrbaren Mieter nämlich aus. Die, die regelmäßig ihre Miete bezahlen. Am Schluss bleiben nur noch irgendwelche Schweine übrig, die mir die Wohnungen versauen.«
Maribel hielt den Hörer vom Ohr weg. Dohmens Stimme am anderen Ende steigerte sich zu Orkanstärke.
»... mit zwei Monatsmieten im Rückstand.«
»Ich habe Sie nicht verstanden. Können Sie den Satz bitte noch mal wiederholen?«
»Die Wohnung ist fristlos gekündigt.«
»Was?! Aber wieso?«
»Herrgottsakrament! Haben Sie mir denn nicht zugehört?«
»Doch, aber ...«
»Dann ist ja alles klar. Morgen sind Sie draußen.«
Maribel zuckte zusammen, als der Hörer am anderen Ende heftig auf die Gabel geknallt wurde. Der Schaum auf ihrem Körper löste sich mit einem leisen Knistern auf, als lachte er hämisch über sie. Achtlos warf Maribel das Handy in eine Ecke und schlüpfte zurück unter die Dusche, um sich die Seifenreste vom Körper zu spülen.
Morgen die Wohnung räumen – so ein Quatsch! Von Kündigungsfristen hatte der Mann wohl noch nichts gehört? Zum Glück lebten sie in einem Rechtsstaat, mit klaren gesetzlichen Regelungen. Notfalls würde sie sich einen Anwalt nehmen. Wenn ihr eigenes Geld nicht langte, beantragte sie Armenrecht bei Gericht. Maribel fühlte, wie die Lethargie sie allmählich verließ. Frisches Adrenalin brauste durch ihre Adern.
Maribel schlüpfte in ihren Trainingsanzug und zwang sich, über ihre missliche Situation ernsthaft nachzudenken. Das Girokonto war geplündert. Das einzige Sparbuch, das sie besaß, war ebenfalls abgeräumt. Wertpapiere oder dergleichen hatte sie nie besessen, dafür verdiente sie nicht genug und war auch nicht lange genug im Geschäft. Außerdem geizte sie nicht mit Geld, solange sie es besaß.
Maribel war pleite. Wer konnte ihr aus der Patsche helfen?
Ihre Eltern waren beide seit langem tot. Geschwister hatte sie nicht. Und Freunde? Sie kannte viele Menschen, aber niemanden, den sie um Geld bitten würde.
»Wenn das Schicksal dich herausfordert, dann lach ihm ins Gesicht.« Auch ein Wahlspruch ihrer Mutter.
Hach! Wie sollte sie lachen, wenn das Schicksal mal wieder wie mit Prügeln auf sie einschlug? Andere würden sich in ihrer Situation mit Alkohol benebeln. Literweise Prosecco in sich hineinschütten. Um dann in der Nacht entweder über der Toilettenschlüssel zu hängen oder am folgenden Morgen mit einem Brummschädel aufzuwachen.
