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Als Edwina beschließt, das Haus zu verkaufen, in dem sie mehr als fünfzig Jahre gelebt hat, werden Erinnerungen wach: an jene glücklichen Tage ihrer ersten großen Liebe und ihre Zeit als junge Mutter. Wehmütig erinnert sie sich auch an ihren Stiefsohn, dessen Namen sie noch immer nicht auszusprechen wagt. Zu schmerzlich sind die Erinnerungen an jene Nacht, die das Schicksal ihrer Familie bis heute überschattet. Doch Edwina kennt nicht die ganze Wahrheit - und die wird sie nur erfahren, wenn sie bereit ist, dem Menschen gegenüberzutreten, den sie niemals wiedersehen wollte ...
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Über die Autorin
Titel
Impressum
Widmung
EDWINA
1 EDWINA TRIFFT EINE ENTSCHEIDUNG
2 DIE SACHE KOMMT IN GANG
3 DIE BESICHTIGUNG
4 DAS KINDERZIMMER
5 DAS ZIMMER DER KINDERMÄDCHEN – LUCAS’ SCHLAFZIMMER
6 DAS ELTERNSCHLAFZIMMER – EDWINA UND IHRE MÄNNER
7 DAS BADEZIMMER
8 DAS WOHNZIMMER
9 ROWENAS ALTES ZIMMER
10 DAS ESSZIMMER
11 DAS ATELIER
12 DIE HINTERTREPPE
13 DAS FRÜHSTÜCKSZIMMER
14 DIE KÜCHE
15 DER GARTEN
16 AUSMISTEN
17 DIE MANSARDE
18 PLUNDER
19 ZEICHNEN
20 DICKIES SEKRETÄR
21 DAS WERTGUTACHTEN
22 EDWINA ERINNERT SICH
FERN
1 OKTOBER 1980
2 WIEDER IN DER MANSARDE
3 PASTETENFLECKEN
4 DIE TOTE-HÜNDCHEN-KARTE
5 NACHHILFEUNTERRICHT
6 DIE PREMIERE
7 ADVENT
8 ERSTER WEIHNACHTSFEIERTAG
9 ZWEITER WEIHNACHTSFEIERTAG
10 DER ZAUBERTRICK
11 ABSTURZ
12 HERZEN, BLUMEN UND ROTKOHL
13 LIEBE UND LADY DI
14 AUF POLAROID
15 VERSCHWUNDEN
16 DIE RÜCKKEHR
17 JAMES UNTERHALTEN
18 WARTEN
19 DAS NACHSPIEL
20 TRAUER
21 DAS UNAUSWEICHLICHE
22 MUSSHEIRAT
23 KEIN ZURÜCK
24 MUTTER NATUR
25 DIE GERICHTLICHE ANHÖRUNG
26 DIE ABRECHNUNG
LUCAS
1 ZUHAUSE?
2 BESUCH BEI BARBARA
3 RIVER WALK (MIT ROSEN)
4 PATENTANTE DER LIEBEN ELISE
5 LUCAS IN LANGER HOSE
6 DER SCHRANKKOFFER
7 MEIN GELIEBTER WONNEPROPPEN
8 ELISE SÜSSE SECHZEHN
9 LUCAS ALS STUDENT
10 HARTE ARBEIT
11 KURZ BEVOR ES GESCHAH
12 LUCAS’ FAMOSER SCHLITTEN
13 JENE NACHT
14 DANACH
15 SCHICKSAL
16 ES ENTWIRRT SICH
17 FINDEN UND SUCHEN
18 GESTÄNDNIS
19 NACHTWACHE
EDWINA
SCHLUSSSTRICHE
SOPHIE
EIN NEUER ANFANG
Danksagung
Jenny Eclair ist eine der erfolgreichsten britischen Komikerinnen, deren Arbeit durch eine Vielzahl von Preisen ausgezeichnet wurde. Auch als Autorin hat sie sich mit inzwischen vier Romanen einen Namen gemacht. Ihr aktueller Roman, DIE LIEBE, DIEUNSBLEIBT, hat es auf Anhieb unter die Top-Ten der englischen Bestsellerliste geschafft und wurde von der britischen Presse begeistert besprochen. Jenny Eclair lebt im Südosten Londons.
Jenny Eclair
DIE LIEBE,DIE UNSBLEIBT
Roman
Aus dem Englischenvon Anke Kreutzer
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:Copyright © 2015 by Jenny EclairTitel der englischen Originalausgabe: »Moving«Originalverlag: Sphere, an imprint of Little,Brown Book Group, London
Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze, BonnTitelillustration: Sandra Taufer, München, unter Verwendungvon Motiven von shutterstock/Yeongha son;shutterstock/Curly Pat (3); shutterstock/ollenUmschlaggestaltung: Sandra Taufer, München
eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-4047-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Gewidmet allen Häusern,in denen ich jemals lebte,und allen Menschen,
Edwina hievt sich aus der Badewanne, indem sie sich an beiden Wasserhähnen festhält. Die Wanne ächzt, als wollte sie sich aus der Verankerung lösen. Die weiße Emaille ist überall gesprungen und von teefarbenen Kalkablagerungen überzogen. Der Lack ist ab, denkt Edwina, während sie über den beschlagenen Spiegel wischt und lacht.
Wer in aller Welt ist diese kleine Frau mit dem Silberhaar und den eichhörnchenbraunen Augen? Wo ist die zweiundzwanzigjährige brünette Schönheit mit den leuchtend roten Lippen und dem Babybauch geblieben?
Sie ist immer noch irgendwo da drin, antwortet Edwina dem Gesicht im Spiegel und muss an die russischen Puppen denken, die sie einmal besaß. Sämtliche Edwinas, von der einsamen Internatsschülerin oder der enthusiastischen Kunststudentin über die junge Ehefrau und Mutter bis zur Witwe – all die früheren Ausgaben von ihr stecken irgendwo da drinnen, sogar die Babypuppe Edwina von der Größe einer Erdnuss.
Ich bin immer noch ich, denkt sie, als sie auf den gewölbten Rand der Wanne sackt, um sich abzutrocknen. Das Handtuch ist ausgefranst, der Spiegel voller Altersflecken.
Bis zu ihrer Katarakt-OP hatte sie von diesen und anderen Verfallserscheinungen nichts bemerkt, doch als sie letztes Jahr mit ihren neuen Plastiklinsen aus der Moorfields-Klinik nach Hause kam, waren ihr mit einem Mal die filigranen Spinnweben an den Decken, die Mäuseköttel in den Küchenschubladen und das allgegenwärtige Zerstörungswerk des Holzwurms ins Auge gesprungen.
Das Haus hat sich gegen sie gekehrt. Jeden Tag brütet es neue Probleme aus, schlimmer als ein kränkelndes Kind. Über die volle Länge der Fußbodenleisten tun sich Haarrisse auf; immer öfter kratzt ihr ein modriger Geruch in der Kehle; in der Toilette im Untergeschoss droht die Zugschnur, die sie schon zwei Mal wieder zusammengeknotet hat, erneut zu reißen.
Der Garten rückt dem Haus zu Leibe. Die Kellerfenster sind flaschengrün – so dicht von Efeu überwuchert, dass in der Küche selbst im Juni dschungelhafter Dämmer herrscht.
Das Haus sagt ihr, sie soll weiterziehen: Ihre Zeit ist um, jetzt ist jemand anders dran. Es braucht eine festere Hand als das zarte Pfötchen mit den braunen Flecken, das sich ans Treppengeländer krallt.
Georgianische Häuser sind der natürliche Feind alter Leute, denkt Edwina, als sie im Schlafzimmer über die Stockflecken des Teppichs tappt und alle Kraft zusammennehmen muss, um an ihrer Mahagonikommode die Schublade mit der Unteräsche aufzuzerren.
Wie alle guten Möbel im Haus ist sie ein Geschenk von Olivers Eltern, auch die Standuhr, deren freundlich lächelnde Sonne und Mond auf dem Zifferblatt so gar nicht zu der Abwärtsneigung der Zeiger passen, die schon seit einer Ewigkeit bei zwanzig nach acht stehengeblieben sind.
Morgen oder Abend?
Manchmal ist sich Edwina nicht sicher. Dabei tut sie einiges, um Körper und Geist zusammenzuhalten: am Morgen vor dem Anziehen ein paar Yoga-Übungen, einige Drehungen mit dem Kopf, um die knirschenden Halswirbel zu entspannen. Und was den Geist betrifft, so ist sie recht gebildet und belesen, ihre Bücherregale knarren nicht nur von der Trockenfäule, sondern auch unter dem Gewicht ihrer Büchersammlung, einer bunten Mischung von Kinderliteratur über Bildbänden zu Heckenblumen bis hin zu Booker-Prize- nominierten, schwer verdaulichen Wälzern. In ihrer Brieftasche stecken Mitgliedskarten der National Portrait und der Tate Gallery, abgelaufen, aber trotzdem …
Edwina geht mit sich ins Gericht: »Du bist eine wortgewandte, intelligente Frau. Bei den Quiz-Shows auf BBC2 kommst du manchmal weiter als die Kandidaten, und wenn dir danach wäre, könntest du immer noch locker ein Dinner für zwölf Gäste schmeißen.« Doch das muss sie nicht mehr; die Zeiten, in denen auf dem Esstisch im Speisezimmer das Silber im Kerzenlicht schimmerte, sind längst vorbei. Meistens isst sie in der Küche im Untergeschoss, denn Tabletts und Treppen sind eine tückische Kombination.
Mit den Jahren hat sie immer weniger Zimmer benutzt, manche seit Monaten nicht mehr betreten. Vielleicht sollte sie in ihrem eigenen Domizil eine Führung veranstalten, nur für sich allein, um ihr eigenes Zuhause mit den Augen anderer zu sehen, und sei es auch nur, weil es an der Zeit ist, die Hütte zu verkaufen.
Sooft ihr der Gedanke schon gekommen ist, so schnell hat sie ihn jedes Mal als vollkommen abwegig verworfen. Dieses Mal nicht: Plötzlich erscheint ihr die Idee nur logisch. Sie will nicht länger in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen sein.
Natürlich wäre vorher ein Großputz fällig, überlegt sie und macht zum ersten Mal seit Wochen ihr Bett. An den meisten Tagen sieht sie keinen Grund dafür, wenn man bedenkt, dass sie spät aufsteht, einen ausgiebigen Mittagsschlaf hält und abends früh zu Bett geht. Die Bezüge sind schmutzig. Früher hat eine Haushaltshilfe für sie gewaschen und gebügelt, doch Alicia ist vor zehn Jahren in den Ruhestand gegangen, und die Vorstellung, jemand Neues einzustellen, bereitet Edwina zu viel Stress.
Heutzutage läuft alles übers Internet. Vor gut fünfzig Jahren hat sie Alicia zufällig auf einer Parkbank kennengelernt und ihr binnen zwei Stunden eine Stelle angeboten. Aber das war irgendwann im letzten Jahrhundert.
Die gute alte Alicia schreibt Edwina immer noch Briefe von ihrer Karibik-Insel St. Lucia, jeder Umschlag prallvoll mit Fotos von ihren Urenkeln Edwin, Lucinda, Cuthbert, Dibble und Grub.
Ab und zu antwortet Edwina mit ein paar Grußworten auf einer Karte. Anlässlich der David-Hockney-Ausstellung in der Royal Academy hat sie einen ganzen Stapel Karten von seinen Bildern gekauft. Wie lange ist das her? Ein Jahr oder zwei?
In letzter Zeit hat sie kaum noch Ausstellungen besucht; eigentlich dumm von ihr, wo doch der Bus ins Zentrum direkt an ihrer Haustür vorbeikommt. Andererseits ist es bequemer, daheim zu bleiben und Flog It! auf BBC zu sehen. Sie zieht ihre grüne Cordhose an. Edwina wiegt noch genau so viel wie bei ihrer ersten Hochzeit, geschweige denn, der zweiten.
Für einen kurzen Moment steigen Erinnerungen in ihr hoch. Beide Male war es nur eine standesamtliche Trauung, ohne Hochzeitsreise; beim ersten Mal in optimistischem, knielangem Weiß, das zweite Mal in verhaltenem Grau.
Selbstverständlich hat es Gewichtsschwankungen gegeben, aber nie über Größe sechsunddreißig hinaus. Außer natürlich während der Schwangerschaften und danach.
Diese Cordhose stammt aus den achtziger Jahren und hat damals richtig Geld gekostet – sie hatte immer schon ein Faible für Mode. Selbst jetzt noch kleidet sie sich schick, umso ärgerlicher der Mottenfraß an den Wollsachen in der Kommode. Der Pullover, den sie sich gerade über den Kopf zieht, ist an den Ärmelenden und den Achseln löchrig wie ein Schweizer Käse, dafür schön warm. Einige Heizkörper funktionieren nicht, wahrscheinlich müssen sie entlüftet werden.
Edwina setzt sich in den Korbsessel, der schon immer neben der Kommode gestanden hat. Der Sitz ist aus verblasstem rosa Samt, und sie kann sich beim besten Willen nicht erinnern, ob sie je zuvor darin gesessen hat. Es spielt keine Rolle, nichts spielt wirklich eine Rolle, es ist an der Zeit, das alles loszulassen, die ungelüfteten Heizungen, die Kalkflecken und die Motten. Sie klammert sich schon viel zu lange an dieses Haus. Wie der Efeu an der Gartenseite braucht sie einen Schnitt. Sie muss die Tür zur Nummer 137 endgültig hinter sich schließen. Einige Erinnerungen werden sie zweifellos begleiten; sie wird einen kleinen Koffer mit den guten packen, aber kein großes Gepäck. Das meiste kann sie hinter sich lassen.
Was für ein seltsames Gefühl, als Letzte zu gehen. Für den Bruchteil einer Sekunde hört sie das Trappeln die Treppen hinauf und hinunter, das Gepolter und das Lachen, die Stille danach.
Nicht heulen, ermahnt sie sich.
Edwina hat es angepackt und ist selbst erstaunt, wie gelassen sie sich dabei fühlt. Was sie getan hat, war nur ein Gebot der Vernunft: Sie hat das Maklerbüro die Straße runter angerufen und einen Termin für eine Schätzung gemacht.
Zuerst einmal muss sie die Verabredung sowohl auf ihrem Tisch- als auch ihrem Wandkalender notieren. Ihre Freundin Joyce hat ihr jedes Jahr einen Kalender geschickt, nur dass Joyce vor sechs Wochen gestorben ist – Hirnembolie beim Besuch in einer Reinigung –, und so wird es auch keine Kätzchen-Kalender mehr geben.
Der Makler kommt am Freitag, folglich bleiben ihr zwei Tage, um das Haus auf Vordermann zu bringen – zu staubsaugen und das Klo mit Chlorreiniger zu scheuern. Aber erst einmal ein gutes Frühstück. Wenn man Ende siebzig ist, muss man unbedingt auf seine Ernährung achten: Porridge aus Haferflocken und öliger Fisch (selbstverständlich nicht zusammen), reichlich grünes Gemüse, jede Menge Kalzium für die Knochen und ein Töpfchen Götterspeise – Gelatine für die Nägel. Manchmal schlingt sie gierig eine halbe Packung auf einmal herunter, bevor ihr einfällt, dass sie extra einkaufen gehen muss, um sich Nachschub zu besorgen.
Am besten arbeitet sie sich wohl von oben nach unten vor. Andererseits ergibt es durchaus Sinn, die Sache vom Keller her aufzurollen. Schließlich besteht unten der größte Handlungsbedarf. Hier verbringt sie die meiste Zeit: Es ist warm, sie hat einen Fernseher und ein Sofa, hier sind die Küche und die Waschmaschine, und auf dem Treppenabsatz neben der Gartentür gibt es eine Toilette. Wie ein flügellahmer Vogel hat sie sich ins Untergeschoss zurückgezogen und im Keller ihres Hauses ihr Nest gebaut. Schon manche Nacht hat sie dort auf dem Sofa geschlafen und ist am nächsten Morgen vollbekleidet und mit Whiskyfahne aufgewacht.
Als sie sitzt, versucht Edwina, sich vorzustellen, was so ein Umzug wirklich bedeutet. Sie weiß, dass sich in dem Einbauschrank unter dem Spülbecken Töpfe und Pfannen stapeln, manche davon sind seit zwanzig Jahren nicht mehr benutzt worden. Dann wäre da noch der Kenwood-Mixer, eine Eismaschine und ein Fußmassagebad, alle unter einer dicken Staubschicht außer Sichtweite in der hintersten Ecke. »Will ich nicht, brauche ich nicht«, murmelt sie. »Ein Fischkessel? Wozu?«
Und nicht nur die Küche quillt von Utensilien über, die sich über ein halbes Jahrhundert angesammelt haben. Oben im Esszimmer steht eine Vitrine mit einem vollzähligen Royal-Doulton-Tafelservice in Gold, in den Schubladen im unteren Teil des Schranks sind Leinenservietten und Kästen mit dem Silberbesteck verstaut, das seit Jahrzehnten nicht poliert worden ist.
Natürlich sollte sie schon mal damit anfangen, auszumisten und in der Eingangsdiele Müllsäcke für den Caritas-Laden zu sammeln. Vielleicht immer nur einen Sack am Tag, doch während sie ihre Vorgehensweise plant, kocht sie sich erst einmal ein Ei und hört sich dazu im Radio die Woman’s Hour an. Eine halbe Stunde, ein Ei und einen Toast später wird Edwina mitten in einem deprimierenden Beitrag über weibliche Genitalverstümmelung mit Schrecken bewusst, dass es zwar schön und gut sein mag, das Haus zu verkaufen, damit jedoch die Frage nicht beantwortet ist, wo sie hinsoll. Wenn man verwitwet ist (zwei Mal) und die noch lebenden Angehörigen einem sowohl entfremdet als auch in alle Welt verstreut sind, ist man bei seinen Entscheidungen auf sich allein gestellt und kann es, wenn etwas schiefgeht, niemand anderem in die Schuhe schieben.
Also greift Edwina nach einem Kuli und macht sich daran, auf der Rückseite eines Briefumschlags das Für und Wider ihrer Verkaufspläne aufzulisten:
Das Haus ist zu groß. Ich breche mir noch mal den Hals.
Ich geistere herum, im Dunkeln fühle ich mich manchmal nicht sicher und habe Angst. Dann wieder ist mir die Vorstellung, dass jemand nachts einbrechen und mich im Bett umbringen könnte, völlig egal.
Ich habe vielleicht noch fünfzehn Jahre zu leben. Ich muss nicht in London bleiben. Ich könnte nach Cornwall ziehen. Ich kann tun und lassen, was ich will, ich bin finanziell unabhängig und bei klarem Verstand.
In einigem Abstand unter diesen Notizen schreibt sie: »Eier, Allzweckreiniger, Schwämme, Kekse.«
Sie wird später einkaufen gehen. Sie bemüht sich, jeden Tag rauszukommen – wer rastet, der rostet –, doch erst einmal wird sie sich die Schubladen in der Kiefernanrichte vornehmen. Sie wird sich, einen Müllbeutel zu ihren Füßen, auf einen Stuhl setzen und gnadenlos allen überflüssigen Kram entsorgen. In ihrem künftigen Heim, egal, wo sie einmal landet, will sie den ganzen Wust nicht haben – ärgerlich genug, wie weit sie es hat kommen lassen. Dummerweise gibt es in einem großen Haus jede Menge versteckte Ecken und Winkel, um etwas verschwinden zu lassen. Vor Jahren hatten sie und ihre Kinder das bald begriffen.
Wenn sie den Kopf ein wenig zu schnell wendet, bildet sie sich ein, eins von ihnen zu sehen. Einen kleinen dunklen Kopf und eine Hand voll stibitzter Kekse. Zuweilen hört sie ein Kichern hinter dem Sofa.
Wenn sie jemand fragt, wie viele Kinder sie hat, weiß sie nie, ob sie eins, zwei, drei oder beinahe vier antworten soll.
Die linke Schublade klemmt, doch Edwina lässt nicht locker; sie kann nicht schon bei der ersten Herausforderung die Segel streichen. Also schiebt sie ein Lineal in den schmalen Spalt und stochert damit so lange herum, bis sich innen etwas löst und die Schublade aufgeht.
Schnur und Bindfaden; Briefmarken so alt, dass sie längst nicht mehr gültig sind; Nagelscheren und Parkerlaubnis-Plaketten, Döschen mit Multivitamintabletten, mehrere Rollen Tesafilm. Alicias letzter Brief von St. Lucia. Inzwischen hat ihr jüngster Enkel einen Universitätsabschluss – ein Foto von einem Jungen in Barett und Talar, der schüchtern ein eingerolltes Dokument hält.
Sie muss es Alicia schreiben, am besten jetzt gleich: ein Kärtchen und einen Kugelschreiber finden, der es tut, und ihrer alten Freundin mitteilen, dass sie zu guter Letzt das Haus aufgeben und nach Cornwall ziehen will.
Allmählich nimmt in Edwinas Kopf ein Plan Gestalt an. Sie stellt sich vor, wie sie hoch über St. Ives übers Meer blickt. Sie wohnt in einem Holzhaus mit Veranda. Sie sitzt draußen, trinkt Kaffee in der Kälte und Wein in der Sonne, kocht Sardinen auf einem tragbaren Grill. Sie wird wieder mit dem Malen anfangen. Das Meer in Öl, die ganze Palette von Kobalt- bis Preußischblau. Das Pläneschmieden ist ermüdend. Edwina kriecht auf dem Sofa unter eine alte Decke und fragt sich, eingehüllt in warme, bunte Strickquadrate, wie es wohl gewesen wäre, hätte sie die Männer in ihrem Leben nicht verloren.
Nur Lucas ist noch da, aber streng genommen zählt Lucas nicht: Sie haben nichts gemein, nicht einmal eine Spur von DNA. Viele Jahre lang war sie ihm eine pflichtbewusste Stiefmutter, hat an seine Geburtstage gedacht, ihm seine Weihnachtsgeschenke eingepackt, ihm Frühstück gemacht, seine Sachen gewaschen und sich dabei die ganze Zeit wie eine Frau in einem Theaterstück gefühlt, die nur so tut, als liege ihr an dem Kind.
Lucas war nicht ihr Kind, er war Barbaras Junge, und es kostete sie beide Mühe, einander zu ertragen. Wenn sie ehrlich war, hätte sie ihn bei einem Bootsunglück auf einem See als Letzten gerettet. Oft hat sie sich sogar gefragt, ob sie ihm nicht, hätte sich die Gelegenheit geboten, den Kopf unter Wasser gehalten hätte.
Als Ehefrau und Mutter, sinniert Edwina, fühlt man sich immer verpflichtet, seine Familie zu beschützen, aber das geht nicht. Das Schicksal ist nun mal launisch, shit happens, und weil es einmal passiert ist, heißt das noch lange nicht, dass es nicht wieder passieren kann.
Alles hat natürlich angefangen, als sie Ollie kennenlernte.
Ollie Treadaway, der Goldjunge vom Goldsmiths College für bildende Kunst, ein drahtiger neunzehnjähriger Bursche mit einer modisch gelockten Tolle, dem es bestimmt zu sein schien, die Schwelle zum erwachsenen Mann nie zu überschreiten.
Sie weiß noch genau, wie sie sich in der Mensa das erste Mal begegnet waren, fast sechzig Jahre ist das jetzt schon her. Es war 1957, sie trug einen grauen Rollkragenpulli und eine schmale, knöchellange Hose in schwarzweißem Hahnentrittmuster; er steckte in einem marineblauen Fischerpullover.
»Die strickt meine Mutter«, erklärte er in seinem butterweichen irischen Akzent. »Und, oh Mann, sie sind unglaublich warm.« Mitten in der Schlange vor der Essensausgabe von Rührei und Fritten zog er sich den Pulli über den Kopf, und sie verliebte sich auf der Stelle in sein austernfarbenes Fleisch.
Ollie Treadaway aus dem fernen Irland. Wie der beste springende Lachs, ein toller Fang.
Ollie entstammte einer Gutsherrendynastie – ein Sprössling aus gutem Hause mit einer wilden Ader. Seine vagen Geschichten über einen Großgrundbesitz im Niedergang, von Alkoholexzessen und gefallenen Frauen hatten etwas Glamouröses.
»Es liegt ein Fluch über dieser Familie«, sagte er einmal zu ihr, »der fürchterliche Fluch der Treadaways.« Dabei lachte er, damit sie es als Spaß verstand.
Fluch oder nicht, als Ollies Onkel und Tante, zwei Taugenichtse erster Güte, bei einem Autounfall ums Leben kamen (ein unglückliches Zusammenspiel von Nebel, Whisky und einer Klippe), gelang es seinem überaus klugen Vater, den Familienbesitz kurz vor dem Absturz in ruhige Gewässer zurückzuführen. Zwar würden sie nie wieder steinreich, doch immerhin nannten die Treadaways weiterhin etliche Morgen saftiges irisches Weideland ihr Eigen, inklusive hunderte Kühe mit dicken Eutern, deren Milch zu köstlichem Käse verarbeitet wurde.
Die Porträts in Öl von Ollies Onkel und Tante aus den dreißiger Jahren hängen in Edwinas Eingangsdiele. Sie sind vielleicht die einzigen beiden Gegenstände, die sie, wenn möglich, retten würde, sollte im Haus einmal ein Feuer ausbrechen.
Edwina schläft ein. Sie hat einen verworrenen Traum, in dem sie alle zusammen auf einem Boot sind, sie selbst, ihre beiden Ehemänner sowie die drei Kinder, und darum losen, wer als Nächster ertrinkt.
Das Klingeln an der Tür weckt sie auf, dabei ist es auf ihrer Uhr erst elf Uhr morgens. Viel zu früh für ein Nickerchen, doch manchmal ist es einfacher, zu schlafen, als sich der Realität zu stellen. Es ist so schwer, die Zukunft zu organisieren, wenn der Ausgang in den Sternen steht. Wenigstens die Vergangenheit ist geklärt: Sie ist vorbei, es ist nichts mehr daran zu machen, und tatsächlich heilt die Zeit alle Wunden. Solange man nicht immer wieder die Krusten aufkratzt.
Ein Junge steht vor der Tür, ein karamellfarbener Junge. Sie hat keine Ahnung, was er von ihr will, ob er ein Mormone oder ein Dieb ist, und so hält sie sich an die Warnung der Nachbarschaftswache und fordert ihn auf, sich auszuweisen.
»Ich bin Lee«, sagt der Junge und reicht ihr die Hand. »Lee Clarke von Gateman und Pierce.« Natürlich, der Junge kommt vom Maklerbüro. Sie hatte sich den Termin doch extra notiert? Ist tatsächlich schon Freitag?
Er wird ihr doch wohl keinen Rassismus unterstellen? Wenn doch nur Alicia da wäre, dann könnte sie es ihm beweisen!
Er sieht viel zu jung aus, um berufstätig zu sein, ein Kind in Anzug und Krawatte. Was ist nur mit den jungen Männern passiert? Es gab einmal eine Zeit, da waren junge Männer eine Spezies für sich. Ohne die Last des Erwachsenseins auf den Schultern, aber groß und stark. Kräftig genug, um junge Bräute auf Händen zu tragen, Masten auf Segelbooten aufzurichten und Motorräder auseinanderzunehmen. Der hier sieht so aus, als sei er kaum in der Lage, seiner Mutter die Einkaufstüten zu tragen, geschweige denn eine Spitfire zu fliegen oder sich bei einem schweißtreibenden Tennismatch zu schlagen. Sie wird ein wenig rot, macht die Tür ganz auf und lässt ihn in die Diele. Trotz der neuen Kunststofflinsen kann sie ihr Haus nicht mit den Augen anderer Leute sehen. An manchen Tagen fühlt sie sich auf der Eingangstreppe wieder in die junge Frau versetzt, die einen riesigen Kinderwagen Stufe um Stufe hinaufbugsieren und, oben angekommen, die Bremsen feststellen muss, damit ihr der Silver Cross mitsamt seinem Inhalt nicht auf die Straße rollt, sobald sie ihm den Rücken kehrt.
Vor fünfundfünfzig Jahren ist sie das erste Mal durch diese Tür getreten. Genauer gesagt, hat sie ihr geliebter frischgebackener Ehemann, der strahlend aussehende Ollie Treadaway, auf seinen Armen hinaufgetragen und musste sich ein bisschen abmühen, um ihren im fünften Monat schwangeren, unförmigen Körper über die Schwelle zu hieven.
»Bist du sicher?«, hatte sie ihn gefragt. »Gehört das alles uns?« Bis dahin hatten sie zur Miete gewohnt, sie waren brotlose Künstler. Zu ihren Hosen trug sie zierliche rote Ballerinas, sie verbrachten viel Zeit in den Cafés von Soho und tanzten zur Musik aus der Jukebox. Nur dass sie jetzt verheiratet und schwanger war und sie beide ein Haus besaßen. Sie war erst zweiundzwanzig.
Ein Haus mit Löchern im Dach und Schimmelpilz in den Rissen an den Wänden. »Die Pilze sind nicht für den Verzehr bestimmt«, lachte Ollie, nahm sie an der Hand und führte sie von Stockwerk zu Stockwerk, von Zimmer zu Zimmer, zeigte ihr die bröckelnden Kranzgesimse an den Decken, die er erneuern wollte, streichelte liebevoll das Treppengeländer, während sie sich tapfer bemühte, den feuchten, staubigen Modergeruch zu ignorieren, und die ganze Zeit trommelten in ihrem Bauch kleine Fäuste.
Er arbeitete fieberhaft und stand immer auf einer Leiter, sie saß unterdessen zu seinen Füßen und studierte Farbpaletten. Weil sie schwanger war, hatten die Farben für sie einen seltsamen Geruch. Bei dunklem Violett und Tannengrün sog sie gierig den Duft ein, bei Hellblau und Lavendel hingegen wurde ihr schlecht. Er ermunterte sie zu einer kühnen Wahl: Zu Zeiten von King George seien die Leute verrückt nach Farben gewesen, argumentierte er, und so erstrahlte schließlich die Eingangshalle in Pfauengrün und das Speisezimmer in einem dunklen Pflaumenton.
Schließlich hatten sie an der Kunstakademie studiert, über Konventionen setzte sich jemand wie sie hinweg. Erst viele Jahre später wurde die Nummer 137 einer radikalen Umgestaltung unterzogen, und eine ganze Zeit lang hatte sie, wenn sie zur Tür hereinkam, geglaubt, versehentlich ins falsche Haus, ins falsche Leben zu treten. Doch vorerst schreiben wir das Jahr 1959, sie ist so rund wie ein Wasserball, und sie und ihr Mann – Mr. und Mrs. Treadaway, die Erwachsensein spielen – kolorieren ihr Haus.
Schließlich läuft ihnen die Zeit davon. Der Geburtstermin ist schon im März; ihnen bleibt ein einziges Weihnachten miteinander, bevor sie eine Familie werden.
Das einzige Weihnachten, das ihnen je zu zweit vergönnt war.
Sie weiß noch, wie sie in der ochsenblutrot gestrichenen Küche einen Klapptisch gedeckt hat und ihr das Hühnchen angebrannt ist, während er genügend Brotsauce gemacht hat, um damit ein ganzes Regiment durchzufüttern. »Ich habe noch nie Brotsauce gegessen«, gestand sie, und er sagte: »Bei uns gab’s immer Gänsebraten.« Sie lachten darüber, wie wenig sie voneinander wussten und wie herzlich gleichgültig es ihnen war, denn schließlich hatten sie alle Zeit der Welt, um herauszufinden, ob einer von ihnen die Windpocken gehabt hatte – Edwina ja, Ollie nein – und was für einen Hund sie sich anschaffen sollten. Ollie entschied sich spontan für einen Lurcher, eine Kreuzung aus Windhund und Collie oder Retriever, Edwina hingegen für ein Kaninchen, weil sie, wie sie ihm erklärte, Angst vor Hunden hatte, und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung in der Mensa kam es ihr so vor, als sei er ein wenig enttäuscht.
Nein zu Hunden, ja zu Babys, darauf hatten sie sich verständigt. Bei ihrer Trauung im Standesamt von Camberwell war sie bereits schwanger, und er machte sie zu einer ehrbaren Frau – das Mindeste, was er tun konnte –, außerdem waren sie irrsinnig verliebt.
Den beiden Elternpaaren schickten sie Briefe, nette Entschuldigungsbriefe, mit der Beteuerung, das Familienfest mit ihnen zusammen in Bälde nachzuholen. Seine Mutter antwortete wortkarg, aber schicksalsergeben und fügte einen Scheck über fünfhundert Pfund bei. Wie Edwina von Ollie wusste, stammte sie aus einer jener altmodischen irischen Familien, die vor einigen hundert Jahren über unermesslichen Reichtum verfügt hatten, der in den Händen mehrerer Generationen verschwenderischer Söhne so zusammengeschmolzen war, dass deren Schwestern, die notgedrungen mehr Realitätssinn besaßen, nur auf eine gute Partie oder einen frühen Tod hoffen konnten.
Dabei hatte es seine Mutter vergleichsweise gut getroffen: Ollies Vater war ein unbeschwerter, zupackender Mann. Um seine Eltern brauchte sich Edwina keine Sorgen zu machen, denn keiner von beiden hatte viel für Hochzeiten übrig, seine Mutter war dafür zu schüchtern, sein Vater zu beschäftigt.
Edwinas Eltern lebten in kolonialer Ferne auf Malta. Sie war ein Einzelkind, das den größten Teil der Kindheit und Jugend bei einer Tante in Winchester verbracht hatte. Tante Ida fand die Sache mit der heimlichen Hochzeit entzückend und versprach, sie an jedem Hochzeitstag zum Abendessen ins Ritz einzuladen, ein Versprechen, das, wie sich zeigen sollte, nie eingelöst wurde, kein einziges Mal.
»Viel Glück, Liebes«, schrieb Tante Ida, »wie’s aussieht, ist er ein Schatz«, und damit lag sie richtig.
Ihr fleckiges Spiegelbild im oxidierten Dielenspiegel reißt sie aus ihren Gedanken. Was ist nur aus der zweiundzwanzigjährigen Braut geworden?
Der Junge starrt sie an, er wartet auf Instruktionen. »Hier lang«, sagt sie und deutet nach oben. Die Treppe hat sich links so weit gesenkt, dass sie den Läufer mitsamt den Messingstangen entfernen musste. Die Dielen und die Stufen sollten damals abgeschliffen werden, doch irgendwie hatte sie sich nie dazu aufgerafft. Außerdem gefallen ihr die narbigen Bretter so, wie sie sind. Fast fühlt man sich wie auf einem Boot, das Schlagseite hat. »Ich denke, am besten fangen wir oben an.«
Sie fordert ihn stumm auf, vorauszugehen, und er springt so leichtfüßig die Treppe hoch, dass er kaum das Geländer berührt. Sie hingegen stützt sich schwer auf den Handlauf, und ihre Fußgelenke fühlen sich so steif an, als wären sie wie die Pfosten aus Holz geschnitzt. Wenn sie noch lange hierbleibt, muss sie einen Treppenlift einbauen lassen. Was Ollie wohl sagen würde, wenn er sie so sähe?
Falls sie sich zufällig irgendwo über den Weg liefen oder im Bus, in der U-Bahn begegneten, würde er sie nicht wiedererkennen. Er würde ihr seinen Sitz anbieten. Das stelle sich einer vor – so alt zu sein, dass der eigene tote junge Ehemann sich verpflichtet fühlen würde, für einen aufzustehen. Aber natürlich war Ollie von Natur aus ein Kavalier, selbst in den Sechzigerjahren. Er ging immer auf der Straßenseite, hielt ihr, wenn es regnete, einen Schirm über den Kopf, öffnete für sie die Türen, kümmerte sich um sie, hielt ihre Hand, gab ihr Sicherheit.
Nur dass er sie am Ende schutzlos zurückließ. Zum ersten Mal als erwachsene Frau stand sie da und wusste absolut nicht, wie es weitergehen sollte.
Der Junge ist oben angekommen, Edwina ziemlich außer Atem. Von dem kleinen Flur im Dachgeschoss gehen zwei Türen ab. In früheren Zeiten müssen hier die Hausmädchen geschlafen haben, und als der Junge die Tür vor Edwina aufstößt, hätte sie sich kein bisschen gewundert, wenn ein kleines Küchenmädchen in weißem Nachthemd und mit Spitzenhäubchen an ihr vorbeigehuscht wäre. Bei den vielen Gespenstern in diesem Haus kommt es auf eins mehr nicht an.
Als sie beide das Haus kauften, war die Zeit der Dienstmädchen natürlich lange vorbei. »Das hier war das Kinderzimmer«, erklärt sie und erschrickt über das Durcheinander in dem Raum. Wie ist all das Gerümpel hier hereingekommen?
»Gute Proportionen«, antwortet der Junge, doch Edwina sieht ihm an, wie er seine Fantasie bemühen muss, um die Maße einzuschätzen.
Man könnte meinen, hier stünde eine Auktion bevor. Rings um einen wuchtigen Mahagonischrank, der sich in der Mitte des Zimmers breitmacht, stehen weitere überflüssige Einrichtungsstücke wie in einem Möbellager. Ein Etagenbett aus den Siebzigerjahren mit Aufklebern übersät. Wenn sie richtig sieht, so erkennt Edwina darunter eine Fußballkarte mit der dauergewellten Mähne und dem anzüglichen Grinsen von Kevin Keegan. Mit den Beinen nach oben lehnt ein kaputter Lloyd-Loom-Stuhl an einem hässlichen modernen Bücherregal, das seinerseits an einem Tisch mit Resopalplatte Halt sucht. War der nicht mal in der Küche? An der Rückwand steht eine Chaiselongue auf den Hinterbeinen, ihr verblasster Gobelinbezug hat in der Mitte einen Riss, und unter einem riesigen Stapel alter Gardinen lugt die Ecke eines Schrankkoffers hervor. Sie braucht nicht das Namensschild zu lesen, um zu wissen, wem er einmal gehörte. Meinem Sohn, meinem einzigen Sohn.
Edwina wird ein wenig schwindelig. Alles, womit sie nicht zurande kam, wurde hier oben weggesperrt. Sie weiß, dass es Firmen gibt, die gegen Geld ein Haus entrümpeln, doch bei dem Gedanken, wildfremde Menschen an diese Sachen heranzulassen, stockt ihr der Atem. Unterdessen hantiert der Junge mit einem kleinen kastenförmigen Gerät. »Ein Laser-Entfernungsmesser«, erklärt er. »Es nimmt die Maße, in Fuß und Inches oder in Metern.«
Ollie hat ein Maßband aus Metall benutzt, das immer einknickte, wenn er es zu weit auszog, und schnappende Geräusche machte. Am Ende drückte man auf einen Knopf, und es wickelte sich wieder auf. Einmal hat er sie damit so lange durchs Haus gescheucht, bis sie vor Lachen keine Luft mehr bekamen.
In diesem Haus waren ihre Babys zur Welt gekommen, alle – diejenigen, die am Leben blieben, und das eine Kind, das es nicht geschafft hat. Als die Zwillinge alt genug waren, zogen sie hierher um. Irgendwo müssen noch die Spielsachen sein, hölzerne Bauklötze, ein Puppenhaus, haufenweise Legosteine.
Als Babys schliefen sie natürlich neben Edwina im Bett. Zwei Säuglinge, einen an jeder Brust.
Bei ihren Schwangerschaftsuntersuchungen hatte niemand etwas von Zwillingen gesagt, und so rechnete, als in jener mondlosen Nacht im März die Wehen einsetzten, niemand mit einem zusätzlichen Gast.
Eine Hausgeburt, auf Wunsch. Edwina war jung und gesund und hatte Krankenhäuser schon immer gehasst. Vorsichtshalber hatten sie jede Menge Zeitungspapier und alte Bettwäsche bereitgelegt. »Wie gut, dass ich auf einer Farm groß geworden bin«, lachte Ollie, auch wenn sie ihm die Angst von den Augen ablesen konnte.
Kurz vor Mittag traf die Hebamme auf dem Fahrrad ein. Sie hatte ihre eigenen Sandwiches mitgebracht, mit Fischpaste, in Alufolie, dazu ein hart gekochtes Ei. »Wir müssen alle bei Kräften bleiben«, sagte sie zu Edwina, und ihr Atem stank wie der einer großen, übel riechenden Katze.
Der Schmerz hatte sie mit aller Wucht erwischt, und ihr war schlagartig klar geworden, wie leicht man bei der Geburt sterben konnte, wenn man so fest pressen musste, dass man glaubte, es platze einem das Herz. Doch sie hatte ihre Kräfte unterschätzt, und fünf Minuten vor Mitternacht kam eine Tochter zur Welt, die das krebsrote Gesicht so erbärmlich verzog, als hätte sie gerade dieselbe Tortur hinter sich wie ihre Mutter. Die Hebamme gab ihr einen ordentlichen Klaps, und prompt schrie das Baby los. Ein gesundes kleines Mädchen, lautete das Urteil. Edwina sank in die Kissen zurück und wartete darauf, dass der Schmerz aufhörte. »Es wird besser, sobald die Plazenta kommt«, versicherte ihr die Hebamme. Doch es kam anders, und zum ersten Mal seit ihrem Eintreffen schien sie besorgt.
»Ehrlich gesagt hätte ich damit gerechnet, um diese Zeit längst wieder zu Hause zu sein und meinen Toast zu essen«, gestand sie. »Warten wir noch ein kleines bisschen ab, bevor wir uns was anderes überlegen müssen.«
Bei diesen Worten hatte sie Ollie angesehen und mit den Lippen das Wort »Komplikationen« geformt, das er wie bei einem gynäkologischen Ratespiel laut aussprach. Im Bett, in einer einzigen Woge der Qual stöhnte und wand sich Edwina in den blutverschmierten Laken, bis sie sich instinktiv umdrehte und auf allen vieren mit einem einzigen verzweifelten Schrei ein zweites winziges Geschöpf gebar. Einen Jungen, kleiner, dünner und blauer als seine Schwester.
»Da ist aber jemand zu kurz gekommen«, bemerkte die Hebamme, während sie dieses Baby wie ein Zauberer ein gehäutetes Kaninchen kopfüber an den Beinen hielt und dem rosigeren, dickeren Baby mit einem strengen Blick zu verstehen gab: »Wer war da wohl zu gierig?«
Kurz darauf folgte, leberfarben und eklig, die Nachgeburt. Um zwei Uhr in der Früh radelte die Hebamme endlich davon und ließ, je ein Baby im Arm, zwei benommene, hoffnungslos dilettantische Eltern zurück.
»Rowena«, sagte Ollie entschieden. »Charlie«, konterte Edwina, und dabei blieb es: So wurden die Babys genannt. Obwohl sich Edwina für ein Mädchen immer Elizabeth gewünscht hatte und Ollie einmal, nach einem fürchterlichen Streit, gestand, ihm wäre für Charlie immer Sebastian lieber gewesen. »Klingt doch wie ›Spasti‹«, hatte sie ihn angefahren. Es waren wirklich die Fetzen geflogen.
Niemand hatte ihn je Charles gerufen. Immer nur Charlie.
Offiziell war er einen Tag später als seine Schwester zur Welt gekommen, und so beschlossen sie, die beiden Geburtstage nacheinander zu feiern. »Sie dürfen sich aussuchen, wer von ihnen am 14. und am 15. März feiert«, hatte sie wie eine Märchenkönigin verfügt und nur an eine Zukunft mit Kuchen, Kerzen und Geschenken gedacht, ohne zu ahnen, was sie bereithielt.
Frühlingsbabys, Krokuskinder, die sie in ihrem Bauch aufgezogen hat, warm und dunkel wie die Erde.
Kaum hatte sich Ollie von dem brutalen, blutigen Schock erholt, war er vor Freude aus dem Häuschen. Seine Großmutter hatte Zwillinge zur Welt gebracht, von denen allerdings nur eines überlebte. »Offenbar liegt das bei uns in der Familie«, sagte er immer wieder, und seine Frau, die eben erst entbunden hatte, schauderte bei der Vorstellung, eines der Kinder zu verlieren. Welches? Ene-mene-mu und raus bist du?
Auch wenn sie nicht mit zweien gerechnet hatte, konnte sie sich jetzt nicht mehr vorstellen, wie es mit nur einem gewesen wäre. Sie werden sich immer gegenseitig haben, stand für sie fest, sie werden nie einsam sein. Sie haben immer einen Freund. Charlie und Rowena, dunkle Köpfe wie Apfelkerne.
Das Kinderbett muss hier irgendwo in einer Ecke sein, zerlegt. Wie albern, es zu behalten; über ein halbes Jahrhundert.
Sie lagen nebeneinander, zwei gewickelte Wonneproppen. Als sie größer und dicker wurden, bettete Edwina sie Kopf an Fuß. Erst als sie kräftige Beinchen hatten und Charlie Rowena immer wieder weckte, indem er ihr ins Gesicht trat, trennte sie die beiden. Ein zweites Bettchen wurde gekauft, doch Charlie war nicht einverstanden. Er wollte partout in das alte zurück und weiter mit seiner Schwester Kicker spielen. Am Ende bekam er seinen Willen, und Rowena lernte, sich in sicheren Abstand von ihrem Bruder zu rollen.
Sie war ein kluges Mädchen, so viel war Edwina von Anfang an klar. Sie wusste schon sehr früh, wie man sich Ärger vom Hals hält.
»Und da geht’s zum Bad?«, fragt der Junge und schiebt sich vorsichtig um einen zersplitterten Schrank herum. Er will sich die Hose nicht zerreißen, denkt Edwina. Der Schrank sieht aus, als hätte jemand mit einer Axt darauf eingeschlagen.
»Ja, das Zimmer hier hat ein eigenes kleines Bad.«
»Eignet sich als Nasszelle«, ruft der Junge über die Schulter. »Mit ein bisschen Arbeit.«
Ich habe keine Energie mehr, würde ihm Edwina am liebsten sagen. Es reicht nicht mal, um zu dir rüberzukommen und es dir schonend beizubringen. Es ist, wie es ist.
Vor langer, langer Zeit hatte das kleine Bad ein Dschungel-Design verpasst bekommen. Sie hat es selber bemalt, mit Löwen und Tigern, die durch ein üppiges tropisches Blätterwerk spähen, Affen, die sich an verschlungenen Lianen schwingen, doch natürlich waren die Kinder dafür irgendwann zu groß geworden, und so folgte als Nächstes ein eher nautisch inspiriertes blau-weißes Streifenmuster. Da waren die Jungen schon hier oben, und Rowena war nach unten gezogen.
»Das war eine Katastrophe.« Als sie merkte, dass sie laut gedacht hatte, war es schon zu spät.
»Nein, nein, keine Katastrophe«, antwortete der Junge. »Eigentlich nur ein bisschen Farbe. Und diese dicken, fetten Duschköpfe sind heute wieder überaus begehrt!«
»Für ihre dicken, fetten Köpfe«, parierte sie.
»Mrs. … ähm …« Er hat ihren Namen vergessen, weil sie alt ist und daher ebenso leicht zu vergessen wie vergesslich. Was du kannst, kann ich schon lange.
Einen Moment lang kann sie sich nicht zwischen Treadaway und Spinner entscheiden. »Nennen Sie mich einfach Edwina«, antwortet sie. »Und Sie sind?«
»Lee«, ruft er ihr ins Gedächtnis. »Manche Leute lieben Renovierungsobjekte. Das ist eine tolle Gelegenheit für die Käufer, diesem Haus ihren Stempel aufzudrücken.«
»Es gehört mir«, ist sie versucht, ihm zu sagen. »Die können mich mal.«
Aber natürlich ist die Entscheidung gefallen. Sie verkauft – es ist vorbei.
Der Junge steckt sein elektronisches Dingsbums wieder in die Tasche.
»Was haben wir nebenan?«, fragt er.
»Ein ungenutztes Zimmer«, sagt sie mit Bedacht und beißt sich auf die Lippen, bevor sie hinzufügt: »Lucas’ altes Zimmer.« Sie hat den Namen so lange nicht mehr ausgesprochen, dass sie nicht sicher ist, ob er ihr tatsächlich noch über die Lippen geht.
Sie will nicht an Lucas denken. Nie wieder will sie an ihren Stiefsohn denken. Nicht nach dem, was er getan hat.
Anfangs haben hier die Kindermädchen geschlafen, später dann Lucas, und jetzt ist es ein Gästezimmer in einem Haus, das auch so schon zu viele Gästezimmer hat.
Der junge Makler sieht sich in dem adrett eingerichteten Raum um und nickt anerkennend. Er hat eine gute Größe, kleiner als das Zimmer mit den drei Fenstern nebenan, eben genug Platz für ein Doppelbett, außerdem verhältnismäßig leer, ein Plus.
Bei genauerem Hinsehen ist die Einrichtung nahezu spartanisch zu nennen. Das akkurat gemachte Einzelbett erinnert ihn … an eine Mönchszelle, eine Kasernenstube, eine Gefängniszelle … ihm fällt das richtige Wort nicht ein … zweckmäßig, genau.
Die Wände sind mit gerahmten antiken Karten behängt, Trödelladen-Funde aus einer Zeit, in der man in Süd-London jede Menge Schnäppchen machen konnte. Die Karten sind zu Pastellfarben verblasst, als erzählten sie nur noch im Flüsterton von Seereisen in ferner Vergangenheit. Sie stammen aus einer Zeit, in der ein junger Mann in die Welt hinausgehen und etwas aus sich machen konnte: über die Weltmeere segeln, neues Territorium erobern, seine Fehler hinter sich lassen und einen neuen Anfang wagen.
Lee war einmal auf einem Schulausflug in Amsterdam. Sie hatten versucht, den Lehrern zu entwischen, um in einem Café Haschkekse zu essen, blieben aber im Anne-Frank-Haus hängen.
»Alles übersichtlich, wohnlich«, sagt er, weil ihm nichts Besseres einfällt, obwohl er es nicht wohnlich findet. Dafür ist es zu leer. Es steht ihm nicht zu, nachzusehen, doch er könnte wetten, dass der Schrank und die Kommode vollkommen leer sind. Aber wieso findet er das so unsäglich deprimierend?
Die alte Dame wirkt etwas benommen. Vielleicht ist sie ein bisschen durch den Wind. Manchmal werden sie so, die alten Mädels. Einmal hatte er ein kleines Reihenhäuschen an der Rückseite der Walworth Road zu vermessen, und die Frau, die es verkaufen wollte, war vollkommen kahl. »Chemo«, sagte sie zur Erklärung, während sie ihm aus einer Kanne Tee einschenkte, die sie unter einer lockigen grauen Kassen-Perücke warmhielt. »Das Einzige, wozu das blöde Ding taugt«, fügte sie hinzu.
Er holt noch einmal sein Messgerät heraus, und Edwina erinnert sich, wie dieses Zimmer für die Kindermädchen hergerichtet wurde. Sie strichen es dunkelrosa und ermunterten die Mädchen, ihm eine persönliche Note zu geben. »Es ist Ihr Zuhause, Sie sollen sich hier wohlfühlen. Hier dürfen Sie auch rauchen, wenn Sie mögen.« Sie stellten Aschenbecher bereit und einen Stapel Frauenzeitschriften wie Petticoat und Honey, damit es einladender aussah. Damals wirkte der Raum nicht so kalt und verwaist wie jetzt. Auf dem Bett waren leuchtend bunte Häkelkissen aufgereiht, und sie erinnert sich verschwommen an eine orangefarbene Chenilledecke.
Heather aus Schottland, mit der dicken grauen Strumpfhose und dem knielangen Kilt, führte den Reigen an. Ollie schenkte ihr eine Dose Shortbread gegen das Heimweh, doch schon zwei Monate nach ihrer Ankunft, schneller, als sie aus ihrer Strumpfhose gekommen war, ergriff sie die Flucht zurück nach Dumfries.
Das Einzige, was sie damals zurückließ, ist eine kleine Brosche mit einem Scottish Terrier aus Plastik; die ist bis heute im Haus. Edwina kann vielleicht nicht immer auf Anhieb sagen, welcher Wochentag gerade ist, aber so sicher wie das Amen in der Kirche steckt diese Brosche in ihrem Nähkästchen, zwischen Knöpfen von Kleidern, die sie vor Jahrzehnten getragen hat, in einer kleinen Tabakdose.
Nach Heather hatten sie ein Mädchen aus den Midlands, mit einer Stimme, die chronisch erkältet klang, ständig entzündeten Mandeln und vollgeschnupften Taschentüchern im Ärmel. Ollie hatte schon befürchtet, dass sie für die Aufgabe zu kränklich war, und er sollte recht behalten: Mit ihrer »Neuralgie« hütete sie immer wieder das Bett, und so bekamen die Zwillinge mit sechs Monaten ihr drittes Kindermädchen. Edwina setzt sich, ihr tun die Füße weh.
Lee ist kurz in den Flur getreten, um einen Anruf entgegenzunehmen. Als plötzlich sein Handy klingelte, war Edwina zusammengezuckt: Sie war gerade geistig weggetreten gewesen, weil ihr der Name des dritten Mädchens nicht einfiel. Rachel, richtig. Diese Zimmer sind wie Zwiebeln, sie haben Häute, Erinnerungen über Erinnerungen. Schälst du eine weg, tada! – stößt du auf die nächste, darunter die nächste und so weiter und so fort.
Schon seltsam, in diesem Winkel des Hauses hat sie wahrscheinlich die wenigste Zeit verbracht. Er war von Anfang an für die Kuckucke in ihrem Nest reserviert, für die Kindermädchen und dann natürlich für Lucas.
Ob es ihr passt oder nicht, muss sie immer wieder an ihren Stiefsohn denken, auch er gehört zu diesem Haus, von den Schuppen, die er überall verlor, bis zu seinen Fingernagelschnipseln. Tatsächlich war das Zimmer in der heutigen Form hergerichtet worden, damit er sich wohlfühlte. »Vielleicht will er irgendwann zurück«, hatte sein Vater spekuliert. »Und sei es nur für eine Nacht.«
Sie konnte nicht einfach »nein« sagen, »ich will ihn hier nie wieder sehen«. Sie war nur sehr froh, dass er, als er tatsächlich nach England zurückkam, beschloss, bei seiner Mutter zu wohnen.
Bei der Erinnerung an Barbara, die erste, ursprüngliche Mrs. Spinner, die inzwischen auf die neunzig zugehen muss, bei der Erinnerung an den abgrundtiefen Hass dieser Frau zieht es ihr noch immer den Magen zusammen. Barbara, Lucas’ Mutter. Sie und Lucas hatten sich nahegestanden, sie waren miteinander verdrillt wie ein Seil. Edwina hätte sich nicht so ins Zeug zu legen brauchen: Die beiden teilten alles miteinander, vom ausgeprägten spitzen Haaransatz bis zu ihrer tiefen Abneigung gegenüber Edwina.
Sie hätte wissen müssen, wo das hinführt, schon als sie Lucas das erste Mal zu Gesicht bekam. Er war blutverschmiert, hatte Blut an den Händen. Wie in einem Albtraum.
Nachdem sie diesen Vorfall lange genug unter den Teppich gekehrt hatten, kam Lucas regelmäßig zu Besuch. Er wurde, wenn auch nur in Teilzeit, zu einem rechtmäßigen Mitglied der Familie, und wie jede anständige Stiefmutter in spe wollte sie ihm das Gefühl geben, willkommen zu sein. Also machte sie sich schlau, erfuhr von seiner Leidenschaft für die Apollo-Weltraummission und schuf eigens für ihn ein Wandgemälde. Darüber hinaus erklärte eine handbemalte Keramiktafel an der Tür diesen Raum zu seinem Zimmer.
Er traf mit einem kleinen Lederkoffer ein, ein dicklicher Junge in grauen Flanellshorts, der kaum zu registrieren schien, wie viel Mühe sie sich für ihn gemacht hatte, und nur einen flüchtigen Blick auf die Zwillinge warf, als sie kreischend vor Vergnügen hereingerannt kamen und riefen: »Ist es nicht toll geworden? Ist unsere Mummy nicht die klügste Mummy auf der Welt?«
Ohne ein Wort hatte sich Lucas umgedreht und ihnen allen die Tür vor der Nase zugeknallt.
Sie sollte sich nicht in diese Zeit zurückversetzen. Edwina gibt sich einen Ruck und lässt den Blick umherschweifen. Die Wände sind jetzt in einem blassen Graublau gehalten. Das Dunkelrosa ist vor ewigen Zeiten zusammen mit Heathers Cliff-Richard-Postern verschwunden, die kraterdurchsetzte Mondlandschaft mitsamt Apollo-11-Rakete, Astronauten und einer Erde, so klein wie ein Kricketball im Hintergrund, existieren nur noch in einer Tiefenschicht im Putz und noch tiefer in ihrer eigenen Erinnerung.
Künftig werden andere Menschen einziehen und nie erfahren, was sich hier abgespielt hat. Sie werden nicht erfahren, dass ein wütendes Kind ihr ganzes Werk bekrakelt hat, sie werden nicht erfahren, wie oft sein Bett am Morgen nass war, ohne dass es jemand erwähnen durfte. Es war immer ein kleines Malheur am Abend, ein verschüttetes Glas Wasser oder eine Wärmflasche mit einem undichten Verschluss. »Eine Wärmflasche?«, hatte Rowena gefragt. »Es ist doch Juli.«
Wer hätte gedacht, dass sich ein kleiner Junge, dem sie mit aller Macht ihre Zuwendung zu zeigen versuchte, einmal derart gegen sie alle wenden würde.
»Er hat es dir heimgezahlt«, murmelt sie leise, dass du seiner Mutter den Mann weggenommen, seine Familie auseinandergerissen und sein ungetrübtes Glück als Einzelkind zerstört hast. Er war zehn, als es passierte. Alt genug, um zu wissen, was vor sich ging, und zu jung, um es zu begreifen.
Armer Lucas, es muss schwer für ihn gewesen sein, in ein Haus einzuziehen, in dem er sich für alle Zeit wie ein Eindringling vorkommen würde, während die Zwillinge jeden Winkel, jedes Versteck, jede Besonderheit des Hauses kannten und selbstverständlich wussten, in welcher Dose die besten Kekse in der Speisekammer zu finden waren und auf welchen Stuhl man sich in der Küche am besten setzte, damit einem nicht die am Deckentrockner aufgehängte Wäsche auf die Haare tropfte.
Lee kehrt von seinem Telefonat zurück. »Viel Grün rund ums Haus«, stellt er fest. »Schöne Aussicht.« Edwina findet es nicht der Mühe wert, ihm zu widersprechen. Was sollte an der Aussicht in diesem Zimmer Besonderes sein? Alles, was man durch das Fenster sieht, sind Bäume und Dächer, all diese grauen Schieferdeckel auf dem Leben anderer Menschen, ganze Straßenzüge mit überdimensionierten Andenkenschachteln. Wenn Wände reden könnten …
»Schauen wir uns unten weiter um?«
Sie folgt ihm die Treppe hinunter. Sie hat gelernt, nie vorneweg zu gehen: Schließlich möchte man weder stürzen noch gestoßen werden.
Sie sind in ihrem Schlafzimmer angelangt. Der Junge redet, Edwina hört nicht zu. Er hält wieder sein Messdings in der Hand, und Edwina wird plötzlich bewusst, dass ihr Nachthemd offen auf dem Kopfkissen liegt. Nichts für die Augen eines jungen Mannes.
Sie hätte die Bettwäsche wechseln sollen. Wie bei einem Auto mit kaputter Federung hängt die Matratze unübersehbar durch. Die Kuhle in der Mitte ist so tief, dass sie jede Nacht hineinrollt. Aber was soll’s: Schließlich schläft sie allein, die Zeiten mit »deiner Seite« und »meiner Seite« sind längst vorbei.
Das war vielleicht das Seltsamste an ihrer zweiten Ehe. Gar nicht einmal so sehr der ungewohnte Nachname oder der glänzende neue Goldring (wo sie doch schon einen vollkommen zweckdienlichen besaß), sondern dass Dickie erwartete, links zu schlafen, auf ihrer Seite, als sie noch mit Ollie schlief.
In diesem Zimmer hatte ich mit zwei Ehemännern Sex, ruft sie sich stumm in Erinnerung, zuzüglich dreier »Bekannter« – keine Liebhaber, geschweige denn Lebenspartner. Es hat Phasen in meinem Leben gegeben, führt sie sich vor Augen, die ich heute als freizügig einstufen würde: zweimal nach Ollie und vor Dickie und einmal nach Dickie, als es wirklich ganz danach aussah, als hätte ich nichts mehr zu verlieren.
Ein Schwarzer, ein alter Studienfreund und dieser Mann, der die falsche Adresse hatte und, als er an die Haustür klopfte, ein Kanu kaufen wollte – da habe ich es zum letzten Mal getan, nachdem ich mit dreiundsechzig zum zweiten Mal Witwe geworden war.
Als sie Ollie kennenlernte, war sie noch Jungfrau. Damals war es, selbst an der Kunstakademie, durchaus nicht ungewöhnlich für ein Mädchen, bis ins zweite Studienjahr hinein unberührt zu bleiben. Eine ganze Reihe ihrer Kommilitoninnen wurden von einem der Tutoren defloriert, seinerzeit scheinbar eine Art Sonderzulage für einen Lehrer. Heutzutage natürlich ein Vergehen, für das man gefeuert wird, und zu Recht, denkt Edwina. Es ist so leicht, die Unschuld junger Menschen auszunutzen.
Ollie und sie hatten sich irgendwie durchgefummelt. Jedes Mal, wenn sie überfällig war, hatten sie sich wie aufgeschreckte Hühner gestritten, bis es irgendwann kam, wie es kommen musste, und sie bereits im dritten Monat schwanger war, bevor sie überhaupt nach Ringen Ausschau hielten.
Der beste Liebhaber war der Kanu-Mann. Sie hatte ihn nicht nach seinem Namen gefragt und er sich nicht mit ihrem aufgehalten. Es war eine rein animalische Erfahrung und deshalb umso besser.
Ihre Ehemänner waren im Bett so verschieden gewesen wie Feuer und Wasser. Ollie war voller Energie und Überschwang, Dickie hingegen ging bedächtiger vor, fast als befolge er ein Ritual. Im Prinzip war seine Methode sehr gut – wie nach einer Gebrauchsanweisung –, nur dass sie ihn nie gerne geküsst hatte, während sie Ollie am liebsten mit Haut und Haaren verschlungen hätte.
Ollie habe ich geliebt, ruft sie sich ins Gedächtnis, Dickie war ich dankbar.
Mit ihrem zweiten Ehemann schlief sie oft aus schlechtem Gewissen. Schließlich hatte sie ihn mit ihrem Körper, ihren braunen Augen, ihrem sinnlichen Lächeln und den kleinen weißen Zähnen seiner ersten Frau abspenstig gemacht, und so wäre es einfach nicht fair gewesen, wenn sie, die Ehebrecherin, für die er Barbara verlassen hatte, ihm den Sex verweigert hätte. Schließlich war dies ein nicht unerheblicher Grund für seine Entscheidung gewesen, sie zur Frau zu nehmen. Sie war so sinnlich, so empfänglich, das krasse Gegenteil von Barbara. Seine erste Frau, hatte Dickie ihr einmal erzählt, war kalt wie ein Fisch, Pond’s Anti-Aging-Creme und teure Nachthemden mit der Botschaft: »Nur anschauen, anfassen verboten«.
Edwina mit ihren schmalen Hüften und dunklen, vorwitzigen Nippeln schlief meistens nackt. Dickie wusste es zu schätzen, dass sie Cunnilingus genoss, was in den Siebzigerjahren noch etwas Neues war. Als sie erst einmal verheiratet waren, musste sie sich Mühe geben, im Bett ihren Enthusiasmus aufrechtzuerhalten, aber sie tat ihr Bestes und fand bald heraus, dass es mit dem Sex wie mit der Gymnastik ist: Man hat eigentlich keine Lust, aber wenn man einmal dabei ist, macht es sogar Spaß.
Andererseits bereitet ihr der Gedanke, es nie wieder zu tun, keine schlaflosen Nächte, und sie geht auch nicht mehr ohne Nachthemd zu Bett. Im Alter ist sie prüde geworden, möglicherweise einfach nur, weil sie der Anblick ihres Körpers deprimiert, nachdem sie sich ein Leben lang wohl in ihrer nackten Haut gefühlt hat.
Noch so etwas, woran sie sich als Stiefmutter gewöhnen musste: Es ist eine Sache, wenn dich deine eigenen Kinder sehen, wie dich Gott geschaffen hat, eine ganz andere, wenn dich das Kind einer anderen Frau splitterfasernackt zu Gesicht bekommt. Sie wusste, dass Lucas Barbara immer haarklein Bericht erstattete, darüber, wie sie sich benahm, was sie anhatte und was es zu essen gab. Sie wollte dieser Frau nicht mehr Munition liefern als nötig. Reichte es nicht, wenn Barbara wusste, dass sie ihrer Familie sonntags zuweilen Fischstäbchen vorsetzte? Sie musste nicht neben ihrem Ruf als lausige Hausfrau auch noch den Vorwurf sexueller Abartigkeit auf sich ziehen.
Barbara hatte die kleinen handgeschriebenen Nachrichten, mit denen sie Edwina traktierte, zur Kunst erhoben. »Als Lucas letzte Woche vom Kricketspiel zurückkam, fiel mir auf, dass er nur noch eine Socke trug?!!«
Diese Sendschreiben waren in dunkelroter Tinte auf Papier mit Barbaras eigenem Briefkopf verfasst und grundsätzlich nie direkt an Edwina gerichtet. Sie nahm deren Namen weder in den Mund, noch brachte sie ihn zu Papier.
Natürlich blieb es nicht aus, dass sich ihre Wege kreuzten. Im Lauf der letzten fünfundvierzig Jahre waren sie sich vier Mal von Angesicht zu Angesicht begegnet: einmal bei einer Matinée-Aufführung von Jesus Christ Superstar – Edwina war so entnervt, dass sie in der Pause heimging –, einmal als sie sich beim Schuhkauf bei Russell und Bromley zufällig über den Weg liefen, einmal bei Gericht und einmal zu Dickies Beerdigung.
Glücklicherweise ist die Southwark Cathedral sehr geräumig, und die beiden Frauen saßen so weit wie möglich voneinander entfernt. An dem Tag, an dem sein Vater zur letzten Ruhe gebettet wurde, saß Lucas neben seiner Mutter. Edwina ließ ihn in Ruhe, und er machte keine Anstalten, auf sie zuzugehen. Beim anschließenden Leichenschmaus verabschiedete sie sich, sobald sie konnte. Es war eine reine Pflichtveranstaltung, und sie war nicht mit dem Herzen dabei.
Dickie arbeitete als Redenschreiber für die Liberal Party, eine ganz vernünftige Tätigkeit. Auch wenn Edwina die Politik nicht im Blut lag, fand sie es doch faszinierend, wie die Liberalen einfach nur in Habachtstellung, im Leerlauf gewissermaßen, zuwarteten, ohne irgendetwas Konkretes anzupeilen, aber auch, ohne je ganz abgeschrieben zu werden.
Sicher, da war dieser Skandal um Jeremy Thorpe gewesen, doch Dickie hatte dieses Kapitel unbeschadet überstanden und nach Thorpes Rücktritt im fliegenden Wechsel bei David Steel angeheuert, den Edwina recht charmant fand, auch wenn sie mit diesen Leuten, Gott bewahre, keinen gesellschaftlichen Umgang pflegte.
Ihr Widerstreben, sich in Dickies Karriere einzumischen, stand in krassem Gegensatz zur Haltung seiner ersten Frau. Barbara liebte das ganze Drumherum hinter den Kulissen der politischen Bühne, und ihr Zorn auf Dickie hatte nicht allein damit zu tun, wie er seine Pflicht als Ehemann und Vater verletzte, sondern ebenso mit seinem mäßigen beruflichen Ehrgeiz. Barbara hielt große Stücke auf die politischen Strippenzieher, die Macher im Hintergrund, und wäre nur allzu gern so wie ihre einstige Brautjungfer Minty Landreth die Ehefrau eines Ministers gewesen.
Edwina kümmerte das alles herzlich wenig. Da sich ihr Elan für die Politik nun mal in Grenzen hielt, fand sie es langweilig, sich über Dickies Arbeit zu unterhalten. Zum Glück ging es ihm am Ende ähnlich wie ihr.
Sie weiß noch, wie sie eine Zeit lang darüber nachgrübelte, ob Dickie ihr ein zu großes Opfer gebracht hatte, indem er Barbara verließ. Unterm Strich hatte er mit ihr als unpolitischem Menschen und hoffnungsloser Köchin, abgesehen von ihrem – meist gespielten – Enthusiasmus für Sex, eher eine Niete gezogen.
Nachdem es nun einmal so gekommen war, hatte sie sich oft gefragt, ob er seinen Schritt je bereut hatte. Wie viel Unheil wäre ihnen erspart geblieben, wäre er bei Barbara geblieben, wäre Ollie nur nicht …
»Ich sagte: Bei dieser Wand hier haben wir möglicherweise ein Feuchtigkeitsproblem.« Der Junge schreit, als ob sie schwerhörig wäre, ist sie natürlich auch ein bisschen, mit fast achtundsiebzig Jahren. Sie ist schwerhörig und ein klitzekleines bisschen inkontinent. »Nicht nur bei der Wand«, liegt ihr auf der Zunge, nur um zu sehen, wie dumm er aus der Wäsche guckt.
»Kann sein«, brüllt sie zurück.
Zu ihrem Erstaunen setzt sie sich, wie erst kürzlich zum ersten Mal, schon wieder auf den rosa Sessel. Ein kleiner Perspektivenwechsel kann nicht schaden.
In diesem Zimmer hat sich die meiste Zeit alles um Schlafen und Sex, ums Anziehen und Ausziehen gedreht, ums Hinlegen und Aufstehen, um das Klingeln des Weckers, den Beginn und das Ende des Tages. Als junge Mutter hat sie in diesem Bett gelegen und darauf gewartet, vom Schreien ihrer Babys geweckt zu werden. In späteren Jahren hat sie die Sorge, die Einsamkeit und die Angst um den Schlaf gebracht. Ihr rasender Herzschlag und ihre rastlosen Gedankenschleifen. Was mache ich bloß? Was soll ich tun? Was kann ich tun? Oh Gott, gütiger Gott, hilf mir!
Der Junge hat genug von diesem Zimmer gesehen. Für ihn steckt es nicht voller Erinnerungen, es ist einfach nur ein schönes, großes Elternschlafzimmer mit schweren Möbeln und einem schmuddeligen Bett. Es riecht ein wenig nach Pipi.
Edwina folgt dem Jungen aus dem Schlafzimmer ins Bad nebenan. »Ich glaub, ich spinne«, murmelt er nicht ganz im Flüsterton.
Edwina nickt. Es ist geräumig und die viktorianische Badezimmergarnitur von beträchtlicher Größe. Ollie hat sie damals auf einem Schrottplatz unten am Fluss aufgestöbert. Heute ist ihr schleierhaft, wie sie die schweren Sachen ins Haus und die Treppe hochgewuchtet haben.
In die Wanne passten sie alle auf einmal, Ollie, Edwina, Rowena und Charlie, die Zwillinge mit Shampoo-Schaumkrönchen auf dem Kopf, eine leuchtend gelbe Gummiente, die zwischen ihnen auf und ab wippte. »Hier ist noch jede Menge Platz«, witzelte Ollie. »Das nächste Mal kannst du Drillinge kriegen.« Sie hatte gelacht, süßsäuerlich, dabei war es nicht auszuschließen, sie hatte so ein dumpfes Gefühl, dass sie noch einmal schwanger werden könnte. Wie hätte sie auch ahnen sollen, dass sie ein Jahr später mit dem Kopf unter Wasser in dieser Wanne liegen und ihre schreienden Kinder ignorieren würde, während sie überlegte, wie lange es dauern würde, bis sie starb, wenn sie sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufschnitt.
Das Badezimmer hatten sie im Blau eines wolkenlosen Himmels gestrichen, dem Blau von Vergissmeinnicht, dem prächtigen Blau eines Tages, den sie nie vergessen wird.
Sennen Cove, Cornwall.
Ostern, zu kalt zum Schwimmen, aber sie ließen die Zehen der Babys ins Wasser baumeln, und Charlie schrie so lange, bis sein Gesicht kirschrot anlief.
Ein Picknickkorb auf einer Decke mit rotem Schottenmuster, mit Freunden von der Kunstakademie, mit Obstkuchen und Käse und Mixed Pickles-Sandwiches. Alle waren sie jung. Sie und Ollie hatten als Erste Kinder bekommen. Rowena und Charlie waren die Sensation, nicht nur als Zwillinge, sondern auch, weil sie sich gerade zu richtigen kleinen Menschen entwickelten: Knirpse, feiste Händchen, leicht zum Lachen und noch leichter zum Weinen zu bringen, tollpatschig, wie sie sich in ihren Frotteewindeln und Gummihöschen bewegten, wie Charlie breitbeinig im Sand saß und versuchte, ihn zu essen. »Bäääh!«
Der Wurf eines Balls, eines harten roten Kricketballs, der durch den kobaltblauen Himmel flog, veränderte das Leben. Klack! Sie hörte den Abschlag, das altbekannte Geräusch von Leder gegen Holz, dann eine Pause. Eine Biene summte, ein Hund bellte, ein Junge, der in einiger Entfernung am Strand einen gelben Drachen steigen ließ, rief etwas und sah enttäuscht zu, wie sich der Wind drehte und der Drachen mit der Spitze zuerst in den Sanddünen steckenblieb, ein plötzliches Frösteln, Ollie am Boden. Reglos, mit dem Gesicht nach unten.
Alle starrten herüber, als der Krankenwagen über den Sand gefahren kam, außer dem Jungen, der immer noch diesen gelben Drachen steigen ließ. Auf und nieder flatterte das Ding, während die Sanitäter sich an Ollies Herz abmühten, immer wieder pumpten und drückten, bis sie die Köpfe schüttelten und ihn schließlich mit einer roten Decke über dem schönen Kopf forttrugen.
Sie kann sich nicht mehr erinnern, wie sie von diesem Urlaub nach Hause gekommen ist. Mit Sicherheit ist sie nicht selbst gefahren, mit den beiden Babys in Ollies angerostetem grünen Humber Hawk. Ach ja, damals hatte sie noch keinen Führerschein. Nach Ollies Tod musste sie fahren lernen. Witwen müssen alles lernen.
Ihre Mutter flog von Malta ein, was es nur noch schlimmer machte, da sie sich kaum kannten und Glenda Ollie nie persönlich begegnet war. Sie hämmerte ihr immer nur ein, sie müsse jetzt tapfer sein, so wie gerade einmal eine Generation zurück Millionen von Frauen, als sie ihre Männer, Söhne und Väter an den Stränden verloren. »Mag sein, aber nicht beim Kricket«, hatte Edwina sie angeschrien, womit sie sich eine Ohrfeige einfing, weil sie »offensichtlich hysterisch« sei.
Auch Ollies Eltern waren keine große Hilfe, doch zumindest hatten sie einen triftigen Grund. Sicher, sie waren vor Schmerz wie benommen, ihr Sohn war tot, aber das Gut daheim bewirtschaftete sich nicht von selbst. Sie kamen zur Beerdigung, weinten und waren schnell wieder weg. In den Jahren danach schickten sie den Zwillingen Geburtstagskarten und Geschenke, doch die Grüße auf den Karten fielen immer kürzer aus, die Einladungen wurden rarer und blieben schließlich ganz aus.
