Die Liebe - François Bégaudeau - E-Book

Die Liebe E-Book

François Bégaudeau

0,0
16,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine frühe Ehe, ein langes Leben: Was Liebe ist. »Man lächelt, man erkennt sich wieder, die Zeit vergeht, und das Wunder geschieht.« Le Figaro »Ich wollte die Liebe auf eine Weise erzählen, wie sie den meisten Menschen die meiste Zeit widerfährt: ohne Krise, ohne ein bemerkenswertes Ereignis. Im Laufe des Lebens, der vorbeiziehenden Jahreszeiten. In der Melancholie der Dinge. Diese Liebe ist nirgendwo und überall, sie ist in der Zeit selbst. Die Moreaus werden fünfzig Jahre Seite an Seite leben, einer in Begleitung des anderen. Das ist das richtige Wort: Sie ist seine Gefährtin, er ist ihr Gefährte. Nur der Tod wird sie trennen, und selbst das ist nicht sicher.« François Bégaudeau

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur

Übersetzung aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

© Éditions Gallimard, Paris 2023

Titel französischen Originalausgabe:

»L’amour«, Éditions Gallimard, Paris 2023

© Piper Verlag GmbH, München 2025

Covergestaltung: Cornelia Niere, München

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishingcompetence (München) mit abavovlow (Buchloe)

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44 b UrhG vor.

Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Textbeginn

Zum ersten Mal sieht …

Zwei von drei Wünschen …

Ein Vierteljahr später …

Die Operation …

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Textbeginn

Zum ersten Mal sieht …

 

Zum ersten Mal sieht Jeanne Pietro in der Sporthalle, wo ihre Mutter putzt.

An den Tagen, wo die Sitzreihen dran sind, bringt die Mutter ihre Tochter mit, da ist genug Arbeit für vier Hände. Jeanne verdient dabei zwanzig Francs, ein kleines Zubrot zu ihrem Lohn im Hotel. Außerdem ist sie dann beschäftigt.

Eines Mittwochs im Februar fällt ihre Arbeitszeit mit dem Training der Basketballmannschaft zusammen. Die Gummisohlen quietschen auf dem Holzboden, die Nylonshorts glitzern unter den Scheinwerfern. Da ist er, im roten Jersey, die halblangen schwarzen Haare von einem Frotteestirnband gehalten. Den Putzlappen in der Hand, konzentriert Jeanne sich auf die lackierte Holzbank, die sie gerade wienert, um ihn nicht anzuglotzen, aber es ist unmöglich, denn mit seinen zwei Metern überragt er die Welt. Man sieht nur ihn. Irgendwann hüpft der Ball zu ihr, sie schrubbt gerade den Boden und sendet ihn mit einer ungelenken Bewegung zurück. Er hebt die große raue Kugel mit einer Hand auf, sie bräuchte drei dafür. Sie denkt, das ist nicht ihr Kaliber. Sie wagt nicht mal, davon zu träumen.

Eines Abends, aus heiterem Himmel, sagt Jeanne, sie will zu Fuß heimgehen. Ihre Mutter findet das einen kuriosen Einfall, sie selbst würde nach drei Stunden Staubwischerei an den Pokalvitrinen keine zehn Meter mehr freiwillig gehen. Außerdem hat es draußen angefangen zu pieseln.

»Regen ist gut für die Haare.«

Seufzend zieht ihre Mutter die Tür des Citroën 3CV zu und startet, lässt sie da stehen mit ihrer Flause.

Die Zeit, bis Pietro seinerseits aus dem weißen Gebäude kommt, hat der Regen genutzt und das Sauerkraut auf ihrem Kopf, winters trägt sie es kastanienbraun, sommers blond, gründlich platt gedrückt. Aber sie hat sowieso nicht vor, sich zu zeigen. Im Gegenteil, sie tritt hinter einen Müllcontainer, außer Sicht für das halbe Dutzend junger Männer, die miteinander witzeln, die Sporttaschen über der Schulter. Sie verteilen sich auf drei Wagen, verabreden sich bei Émile. Das ist das Café de la Poste, aber alle sagen nur bei Émile, selbst nachdem Émile wegen seinem Herzanfall das Ruder Joël überlassen hat, seinem Sohn. Jeanne macht einen kleinen Umweg durchs Dorf, um an der Kneipe vorbeizukommen. Durch die beschlagene Scheibe sieht sie ihn verschwommen hinten am Tresen, im Neonlicht der Bar. Sie erkennt Sylvie Vergnault, die ihm dämlich grinsend lauscht. Die ganze siebte Klasse hindurch haben sie den Lehrer wegen seines sauren Weinatems verspottet. Aber heute Abend scheint Sylvie nichts gegen ein paar Gläser zu haben. Pietro klemmt sich einen Eiswürfel aus seinem Pastis zwischen die Zähne, um sie zum Lachen zu bringen, und schau, das klappt. Der macht nicht viel Worte, nicht mehr lang, und er küsst sie. Dann wird sie den Moment mit geschlossenen Augen so richtig genießen. Wird sich vorstellen, sie wäre seine Freundin, seine Verlobte, seine Frau, falls er ihr das anträgt. Dann wird sie sich ihr gemeinsames Haus und den Balkon vorstellen, mit Blumen, wie auf der Postkarte von ihrer Patin, aus Österreich. Ihr fällt ein, dass sie nichts zu essen im Hause hat. Schnell läuft sie zum Coop, so spät hat nur noch der auf. Bernard will gerade schon das Rollgitter runterlassen, aber er lässt sie noch schnell zwischen die Regale schlüpfen, sie kommt mit einer Dose Cassoulet für eine Person zurück.

Als sie die aus einem Topf löffelt, beschließt sie, ihn sich aus dem Kopf zu schlagen. Das wird nie was mit ihnen beiden. Sie mag keinen Pastis, und wer garantiert, dass er Balkons mit Blumen leiden mag.

Als er eines Abends zu Fuß von der Sporthalle weggeht, folgt sie ihm, den Nieselregen auf den Wangen und Angst im Bauch. Die Beschattung endet vor einem kleinen Mietshaus gegenüber der Tankstelle. Pietro klappt seinen langen Leib zusammen, um den Schlüssel ins Loch zu fummeln. Es ist tatsächlich die Adresse, die sie im Notizbuch ihrer Mutter entdeckt hatte. Nach ein paar Minuten geht hinter einem Fenster im zweiten Stock das Licht an. Flüchtig gleitet ein Schatten über die Zimmerdecke. Jeanne zielt mit einem Kieselstein auf die Scheibe und rennt weg.

Auf der Seite des 27. April im Jahreskalender vom Kaufhaus La Redoute, dem sie die Ereignisse ihres Lebens anvertraut, notiert sie: Ihr böser Backenzahn hat sie zwei Mal geweckt, ihr Vermieter hat eine Mieterhöhung angekündigt, ein Gast des Hotels hat Fernand Raynaud nachgemacht, und nach einstündigem Warten hat sie dank eines aus dem Haus kommenden Klempners einen jungfräulichen Briefumschlag in den Briefkasten mit dem Namen Maldini drauf stecken können. Drinnen drei Sätze in türkisfarbener Tinte, eine Bitte um ein Rendezvous, doch keinerlei Angaben über das Wann und Wo. Die dem Briefpapier eingeprägte Gebirgslandschaft lässt keine Rückschlüsse auf die Absenderin zu. Außerdem war sie sowieso noch nie in den Bergen.

In den ersten Fassungen hatte sie nicht mit ihrem Namen unterschrieben, aus Furcht, Pietro könnte ihn in der Sporthalle von ihrer Mutter hören und eine Verbindung herstellen. In der letzten Fassung hat sie mit ihrem Namen unterschrieben, in der Hoffnung, Pietro könnte ihn in der Sporthalle von ihrer Mutter hören und eine Verbindung herstellen. Den Wagemut bereut sie jetzt schon.

Auf einer früheren Seite des Kalenders klebt ein Ausschnitt aus der Tageszeitung, dem Écho des Mauges, Pietros Oberkörper, mit dem Filzer rot umkringelt. Er und seine Mannschaftskameraden, aufgereiht wie die Zinnsoldaten, die Hände im Rücken verschränkt, er starrt ins Objektiv, wohl auf Aufforderung des Fotografen, den Jeanne um dessen Platz beneidet.

Eines Nachts greift Pietro sie bei der Hand und zieht sie in die Umkleide. Aus seinem Spind nimmt er einen Pokal aus Zinn und hält ihn ihr hin. Das heißt, er hält ihn zu hoch, sie kommt nicht dran. Pietro ist ein Riese, sie so groß wie ein Pilz. Irgend so ein namenloser im Korb ihres Onkels Marcel. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, reckt die Arme so hoch, wie es nur geht, als wollte sie gleich losfliegen, eine Irrsinnsanstrengung, vergeblich, die Trophäe bleibt außer Reichweite. Wenn das so ist, kriegt den eine andere, sagt er, und da läutet der Wecker, ein Weckruf für wen eigentlich.

Vielleicht für Sylvie Vergnault. Vielleicht für die Platinblonde, die einmal nach dem Spiel auf ihn gewartet hat. An Bewerberinnen mangelt es nicht, mögen es auch nur wenige ernst mit ihm meinen.

An einem Novemberfreitag fegt sie gerade den Hinterhof des Hotels, da wird sie vom Rezeptionsglöckchen nach vorn gerufen, und es ist er, in seiner Jeansjacke mit Fellkragen. Er braucht sofort ein Zimmer. Fast hätte sie gesagt, sie sei jetzt gar nicht im Dienst, ihr wird gerade noch rechtzeitig klar, wie er dann von ihr denken würde, sie stottert, sie seien das ganze Wochenende über voll belegt, das Kriegsveteranentreffen. Er klemmt sich die Zigarette zwischen die Lippen und kratzt sich am Unterarm. Diese Uhr sieht sie zum ersten Mal an ihm. Eigentlich mag sie keine Metallarmbänder, aber ihm steht das. Da er schon zur Konkurrenz rüberschaut, schlägt sie schnell den Buchungskalender auf. Wenn sie ein bisschen sucht, lässt sich vielleicht was machen.

»Das wäre sehr nett von Ihnen.«

Jeanne streicht eine Reservierung durch. Wenn der Gast anruft, um die Buchung zu bestätigen, muss sie ihm eben bedauernd mitteilen, dass das Zimmer doch vergeben ist. Der wird todsicher wütend, die Sache geht bis hoch zum Geschäftsführer, dann setzt es die Kündigung, und sie kann wieder in der Schuhfabrik arbeiten und stinkt abends nach Leder, auch nach dem Duschen, aber was soll’s.

Pietro dankt ihr von ganzem Herzen und drückt seine Zigarette in dem Aschenbecher auf dem Tresen aus. Von ganzem Herzen sagt Jeanne: Gern geschehen. Er zeigt sein leeres Päckchen vor und sagt, er kommt in zwei Minuten wieder.

»Gut.«

Durch die sich schließende Tür schlägt ein Schwall gleichgültig eiskalter Luft auf ihre glühenden Wangen.

Sie rennt zum Spiegel auf dem Klo. Na klar, ausgerechnet heute, wo sie den gelben Pullunder trägt, sie hat ja nichts mehr anzuziehen. Unter ihrem Kittel schaut der grässliche Kragen raus, der sie außerdem am Hals kratzt. Sie überlegt, den Pullunder auszuziehen, nur noch den Kittel, da trifft sie schon wieder Luft von draußen, er ist zurück mit dem soeben erworbenen Päckchen Gauloises. Er trägt sich unter dem Namen Luigi Leduc ins Register ein und springt die Treppe hoch, den Schlüssel in der Hand.