Die Liebe ist ein Schattenspiel - Valentin Szebinski - E-Book

Die Liebe ist ein Schattenspiel E-Book

Valentin Szebinski

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Beschreibung

"O Gott! Sie hat mich verlassen!" realisiert Frank. Seine Welt bricht zusammen. Was mache ich jetzt? Keine Frage: Tausende Welten öffnen sich. Die Welt besteht nicht mehr nur aus Petra. Alle Frauen dieser Welt erscheinen auf der Bildfläche. Zwischen Verzweiflung und grenzenloser Hoffnung macht sich Frank auf den Weg in eine neue, himmlische Partnerschaft. Oder ist der Himmel doch in der Vergangenheit? Kommt Petra zurück? Eine schillernde Geschichte um einen verkappten Romantiker, der nun das große Glück sucht. Was wird der Glückritter finden?

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Was für eine Story

Der Freitag, an dem sich alles änderte

Geh ich mit dem Hund raus oder vor die Hunde?

Warten in der Kneipe am Freitagabend

Freunde in der Not

Lonesome cowboy

Mein Werbetext

Am Briefkasten

Verrauchte Weltpolitik

Blumen im Hirn

Janine und der Verkehr

Mäxchen und drei Frauen

Kino und Feindesland

Frauen tanzen durch den Kopf

Cherchez la femme

Ramona an der Schnur

Eine Überdosis an Strahlung

Petra

Mit Petra bei Alfred

Kleinbürgerrouladen und Computertrash

Ein Brief für Sherlock Holmes

Im Bistro mit Schwarzwälder Kirsch

Kontakt zur Zahnärztin

Warten am Telefon

Arnold in der Kneipe

Corinna und Janine

Rendezvous

Umzug

Gast bei Greinichs

Kontakt zu Bianca

Das Wunder: Petra

Bianca reala

Jetzt sehe ich klar!

Happyend

Träumerisches Nachspiel

Und jetzt sitz ich da...

Die Krise als Chance?

Dass ich nicht lache...

Ein Entwicklungs- und Beziehungsroman

Ein verwickelter Erzieherroman

Wovon Männer träumen

Wovon Mann träumt...

Das Phantom in meinem Herzen

Phantombild der Liebe

zwischen Fronten und Frauen

Was für eine Story

Wenn’s einem andern passiert, ist es interessant. Wenn’s dir selbst passiert, ist es einfach nur Shit! Also, wenn du willst, erzähl ich dir meine Geschichte. Ja, hier an der Theke. Hier bei einem Bier. Meinetwegen bei zwei. Soll ich beim Ende anfangen? Ist das interessanter als der Anfang? Warum hören die Filme meistens vor dem Happy End auf? Weil’s dann langweilig wird. Uns Zuschauer interessieren eh nur die Probleme. Die privaten Probleme sind die besten. Ich weiß, du liest keine Yellow Press. Aber die Stories interessieren dich doch – vielleicht klickst du bei deinem E-Mail-Provider zu den Beziehungskrisen der Promis. Die Geschichten bleiben sich gleich. Das wusste schon Heinrich Heine:

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

Die hat einen andern erwählt;

Der andre liebt eine andre,

Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger

Den ersten besten Mann,

Der ihr in den Weg gelaufen;

Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu;

Und wem sie just passieret,

Dem bricht das Herz entzwei.

„Es ist eine alte Geschichte, aber wem sie passiert, dem bricht es das Herz“, meinte Heine. Er kannte sich aus.

Heine schrieb dies 1822, meine Geschichte spielt kurz vor dem Millenium. Aus Sicht von digital Natives war das pures Mittelalter. Das merkt man, wenn diverse Möglichkeiten, die inzwischen selbstverständlich sind, nicht mal am Rand auftauchen. Man denke nur an Handy oder Parship. Aber die Geschichten zwischen Menschen sind sich gleich geblieben, die Schmerzen der Herzen…

Also, bei mir lief das so...

1 Der Freitag, an dem sich alles änderte

(1. Freitag kurz nach Mitternacht )

Das war der Tag, der alles in meinem Leben änderte,

Das war der beknackteste Tag meines Lebens.

Jahrelang hatte ich auf ihn gewartet, heimlich von ihm geträumt. Und nun war er beknackt.

Es regnete überhaupt nicht. Alle auf der Straße machten fröhliche Gesichter, alle hatten etwas Tolles vor. Nur ich nicht! Nur ich war das allerletzte, ausgestoßene Wesen auf diesem verdammten Planeten...

Petra war gegangen, einfach so. Nein, gar nicht einfach so. Wütend knallte sie die Tür so laut hinter sich zu, dass es das Echo Ihres expressiven "Du...!!!" fast völlig übertönte - der Sound entsprach der Wasserspülung und damit dem eigentlichen Inhalt ihrer nonverbalen Botschaft. Aber im Grunde genommen, was soll's? Was lief denn überhaupt zwischen uns beiden? Seit Jahren bewegte sich nichts mehr. Soll ich seit dem ersten Januar sagen: Seit Jahrhunderten. Oder gar seit Jahrtausenden? Stillstand kurz vor dem Millennium?

Im Grunde lag der Fehler darin, dass ich nach der ersten Nacht nicht einfach wieder heimgegangen war. In der Tiefe meiner Seele war sie eine Fremde gewesen, selbst als wir uns noch gar nicht kannten. Anfangs lief wenigstens emotional noch etwas, in der letzten Zeit lief praktisch nichts mehr. Und jetzt lief sie weg!

Unsre impertinente Standuhr schlug gerade drei, als ich Petra unten aus dem Haus gehen sah. Mit hocherhobenem Kopf mischte sie sich unter die unbeteiligten Passanten, die ziellos durch die Gegend irrten wie Statisten einer Jahrmarktsszene, schlendernd mit leblos lächelnden Mienen oder seliger Erfüllung, die lange vermisste Sonne genießend, hirnlos wie eine Schlange im Sonnenbad. In mir explodierte die Dunkelheit. Mit verschränkten Armen und unhörbarem männlich hartem Lachen schaute ich vom Fenster hinunter: Jetzt werde ich triumphieren! Jetzt, wenn sie sich zerknirscht umdreht und zurückkommt!

Nichts drehte sich außer den Zeigern der Uhr. Neunmal drehte sich der Minutenzeiger um sein Zentrum und passierte die Zwölf. Inzwischen holte ihn der Stundenzeiger ein. Der Wandkalender zeigte unbarmherzig den 29. Februar 2000. Wir waren schon im neuen Jahrtausend angekommen, wir hatten schon einen ganz besonderen Termin erreicht und da versenkt mich Petra ins tiefste emotionale Mittelalter. Ach, ich hatte ja wiedermal die Blätter nicht abgerissen. Es war nicht mehr der Ruby Tuesday, es war schon Black Friday. Wir hatten schon März….

Das leere und stille Zimmer begann mich zu nerven. Egal, ob ich mich ganz ruhig hinsetzte oder würdevoll den Raum durchschritt, diese Warterei hielt ich bald nicht mehr aus! Immer wieder horchte ich unruhig in Richtung auf die Wohnungstür.

Ich kenne jede Nuance des Klangs, wenn sie sich bewegt. Nichts klang. Das weiche, helle Kiefernholz, das zum Vorschein kam, als Petra den Lack liebevoll ablaugte, ruhte bewegungslos in seiner Fassung wie ein Gefängnistor. Die dunkle Standuhr neben dem Garderobenschrank, Petras Augapfel, tickte unbeteiligt vor sich hin. Das war auch besser so, denn im Zweifelsfall hätte sie sicher zu Petra gehalten. Natürlich hätte sie nicht gehalten, sondern weiter getickt; und alles, was ich von Petra weiß, ist, dass sie nicht richtig tickt! - Ha! Meine Gemeinheit habe ich noch nicht verloren. Aggressionen sind gesund! hat mir mein Therapeut gesagt. Also lasse ich die gefühllose Standuhr eben ticken und meinetwegen auch schlagen. Ich gebe mich nicht geschlagen!

Eben erst ertönte sie wieder - zwölf Mal, unerbittlich exakt. Als Petra sie damals anschleppte - mit Uli ("Kenne ich noch von der Penne."), dauerte es keine vierundzwanzig Stunden, bis Frau Greinich erschien, wie Mephisto aus dem Erdgeschoß und sich mit ausdrucksstarken Worten beschwerte - beim Finden von Synonymen bekäme sie bei mir Einsen am laufenden Band...

Der schwarze Stundenzeiger auf dem elfenbeinweißen Ziffernblatt zeigte noch friedlich eine vormittägliche Zeit an, als auch der Hausverwalter auf der Matte stand. Haustiere und Pendeluhren seien verboten. Leider stand das nicht im Mietvertrag. Bei einem Steinhäger - der tut gut, gell - einigte er sich mit mir darüber, dass die Frauen eben so seien, beim zweiten und dritten erzählte Joe mir einige seiner Ehegeschichten und nach dem vierten schieden wir als Freunde, die wissen, was sie klaglos zu tragen haben, nur weil sie Männer sind und das unbarmherzige Schicksal sie an eine Frau fesselte. Ich musste den Stundenschlag ja auch hören. Und ich wohnte näher dran als er. "Armer Kerl..." kommentierte er nur, mit leichtem Zungenschlag, es klang nach „amelkell“... Die Uhr blieb. Bin ich frauenfeindlich?

Eben schlug das Monstrum Mitternacht. Geisterstunde. Doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Petra verschwand aus meinem Leben. Seit drei Minuten konnte ich sagen: Seit gestern. Es lag in der Logik der Sache, dass sie eines Tages geht. Trotz abgelaugter Tür und großbürgerlicher Standuhr: Es steckte keine Zukunft in dieser abwegigen Beziehung: ihr steinharter Dickschädel und mein liebevoll nachgiebiges Wesen. Aber wenn ein Abgang, dann in Würde! Nein, gnädige Frau, nicht so! Nicht mit einem Fluch und vor allem nicht so, dass ich jetzt doch dauernd an sie denken muss. „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr...“ sang der Udo Lindenberg vor Jahrhunderten; nicht sehr überzeugtend. Hey Petra, hättest du die Erinnerung nicht auch gleich mitnehmen können? So, wie das Sparbuch, das du im Vorbeigehen schnell noch eingesteckt hast. War doch auch ‘ne Menge drauf!

Aber das kommt davon, wenn man... man? Jubel!!! Jetzt brauch' ich nicht mehr dauernd man und frau zu sagen und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie Mann kleine und große Buchstaben akustisch unterscheiden kann! Jetzt unterbricht sie mich nicht dauernd mit irgendeiner pseudofeministischen Korrektur, die dem Germanisten tief in meiner Seele einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen. Sprachterror! Aber dagegen demonstriert ja keiner. Und die Herren Literaten haben die Schlechtschreibreform derart auf ihrem Enzenberg verschlafen, dass ihnen keiner eine Zeitansage mehr zutraut - mich inbegriffen. Die Frau als Problem der Rechtschreibung! Das ist jetzt vorbei. Ein Genuss! Das Leben ist so einfach auf einmal, einfach und klar! Dabei konnte ich noch froh sein, dass sie kein Sternchen war, kein „*“.

Wo war ich... Wer war ich? Was hatte ich gerade gedacht? Verflucht, mein Gedächtnis! Sollte ich wirklich alt werden? Hat sie mich deshalb verlassen? Bin ich ihr zu alt und sie hat die Eifersucht nur vorgetäuscht? Will sie mich nicht in meinem Siechtum pflegen? Ich hab manchmal in den letzten Tagen da links unten im Bauch... es hat nur gezwickt und es könnte der Knoblauch gewesen sein, den sie wieder einmal hemmungslos auf ihre geliebten Baguettes getürmt hatte, aber andererseits... Man wird halt auch nicht jünger. Sie hat mir's ja auch dauernd unter die Nase gerieben. Kaum war mal ‚ne nette kleine Fee vorbeigerauscht und hatte mich ein Stück aufrechter gehen lassen, kommentierte sie mit diesem verhassten gespielt mitleidigen Unterton: "Fränkiboy, du wirst auch nicht jünger. Die könnte deine Tochter sein, wenn du..."

Neulich habe ich ihr bewiesen, dass ich noch auf der Höhe der Jugend bin und einen Rap geschrieben, der voll aus dem Bauch kam. Mit meinen Bongos klang er reif für die Charts: „Jeden Morgen steh ich auf, es ist meistens um sieben, da liegt die ganze Welt noch so ziemlich im Trüben, ich fische meine Socken, doch was ich hasse, ich finde sie auch blind, nämlich einfach mit der Nase, und dann schleich ich in die Küche, dort wartet der Kaffee, dass ich ihn in einen Filter tue und schleunigst aufbrüh, mein Brot wartet auch, bald ist alles in Butter und ich träume von dem Frühstückstisch damals bei Mutter, da gab es früh noch Kaba und nicht nur Nesquick, und meine langen Haare waren unheimlich schick,

jetzt werd ich langsam grauer und an manchen Stellen dick, meine Freunde sagen eh, ich hätte nen Tick, weil ich so bin wie ich bin und anders als sie, denn ich rauche nur noch heimlich, aber sie rauchen nie, das sei was für die Jugend und für die Frau‘n und mit meiner Frisur seh ich aus wie'n Clown; dann zieh‘n sie ihren Schlips, früher warn sie mal rot, ich will nicht so sein wie sie, lieber wäre ich tot.

Ich glaub, sie sind schon Leichen und haben‘s nur noch nicht gecheckt, mit ihren Kaviarbäuchen, die Moral total verdreckt; aber so ist das Leben, Leichen sind auf ihrem Marsch durch die Institutionen, also direkt durch den A-fter. Ich glaub, jetzt hör ich auf, denn die Sprache wird fäkal, das ist unter meinem Niveau, nämlich total normal...“

„Nee“, hatte sie mir reingefunkt: „Du bist wirklich nicht normal. Auf dein Teenagergehabe fällt doch nicht mal die Kindergärtnerin rein.“ Erstens, meine Liebe, heißt das heutzutage Erzieherin, und zweitens: natürlich, die Jahre rennen wirklich. Das muss mir Petra nicht erst verklickern, das merke ich auch so, und auch, ohne ihre diversen Krähenfüße zu kommentieren oder knapp am Doppelkinn vorbeizuschauen. Ei, du Petra, echt! Ich sage nur: Friedhof!

Aber jetzt, ganz die Ruhe, Junge, lass dich bloß nicht noch im Nachhinein provozieren. Leg die Beine hoch, du darfst es wieder ohne eine hämische Bemerkung einzufangen ("Wenn das deine Schüler sähen!!!")! Vergiss sie! Bleib ganz im Hier und Jetzt! Was machst du jetzt? "Begreife die Krise als Chance!" Das hast du doch bei der Selbsterfahrung gelernt.

Selbsterfahrung? O Sch…, da hab ich Petra doch erst kennen gelernt. Es fing alles so toll an. Ich entdeckte mich selbst und ließ mich entdecken. "Frank, du bist ein neuer Kontinent", lächelte unser Guru nach meinem exotischen Coming-out. Ich lächelte auch und Petra, die zufällig - "nichts ist Zufall" (O-Ton Guru) - neben mir saß, flüsterte mir - natürlich lächelnd - zu: "Und ich bin Kolumbus..." - Schon damals störte mich die maskuline Symbolik. Aber wir machten ja Selbsterfahrung. Und Kolumbine klingt fast wie Konkubine... Da steckt immerhin „Biene“ drin - jetzt darf ich mir diesen chauvinistischen Gedanken ja erlauben. Wie wäre es andererseits mit Kolumbusen? Busen wie Säulen?

Selbsterfahrung! Ha! Selbstverfahrung! An der nächsten Kreuzung steht Petra und das Leben geht schief! Voll durch bei Rot. Damit hat sie mich rum gekriegt. Das hatte ich in der Gruppe ganz offen zugegeben: Rot macht mich an. Da rotieren meine Hormone. Was machte die kleine Hexe? Roter Mini, rote Schuhe, roter Bolero und am Schluss noch rote Haare. Da musste ich schwach werden, schon bevor ich den roten Schlüpfer ent-deckte. Aber jetzt bin ich wieder frei! Die Krise als Chance! Von wegen Krise. Hier bietet sich die Chance meines Lebens. Ich weiß auch schon, was ich jetzt mache! Jetzt bleibe ich ich. Ich gönne mich mir selbst. Da redet mir keine mehr rein. Keine Frau mehr! Das reicht fürs erste.

Zumindest keine Frau für den Alltag. Nichts gegen Frauen, wenn es um meine Libido geht. Aber ansonsten will ich meine Ruhe. Noch gellen mir ihre Worte im Ohr: "Wann putzt du denn wieder mal das Waschbecken?!" Wie mich das ankotzt! Ich sollte mich auf meine Männerfreundschaften besinnen. Eine gediegene Unterhaltung bei einem gepflegten Bier, das ist doch was. Mal wieder ein echter Gedankenaustausch, vielleicht etwas Sport - aus Lust am Körper, an der Hetze, an Spiel und nicht wegen irgendeiner Fitness ("Frank, dein Bauch erinnert mich an meinen Vater....").

Soll ich Rolf anrufen? Der hat doch Volleyball gespielt: Klare Regeln, klare Rollenverteilung selbst bei gemischter Mannschaft, und hinterher noch zum Griechen. Oder ist das inzwischen anders? Als Schüler sind wir nach dem Spiel immer zum Italiener, als Studenten zum Griechen. Vielleicht geht man heute zum Chinesen. Oder Sushi? Ach, was weiß ich! Petra hat mich völlig rausgebracht aus der Szene. Ich fühl mich schon wie ein Spießer; wie Petras Vater ("Schön dass du kommst, Junge. Willste auch 'n Bier? Nimm dir's aus der Kiste. Der FC kommt grad in der Sportschau...."). Vergiss es! Jetzt sind diese öden Verwandtenbesuche gestorben. Obwohl, Hans war immerhin ein Mann. Wirklich! Und nun? Freiheit! Ich rufe Rolf an und...

Wie soll ich's ihm sagen? "Du, Rolf, Petra ist abgehauen. Ich muss mal mit dir drüber reden..." Nein, dann fühlt er sich als Lückenbüßer. Ich weiß noch, wie das damals war, als Caroline ("Carolain!" Sie war ja sooo progressiv...) ihm den Bettel hinschmiss. Da tauchte er überall auf, wo man ihn gerade nicht brauchen konnte. Von wegen fünftes Rad am Wagen. Schon das dritte war eines zu viel („O, das letzte Bier! Nein, ist das späääät. Du, kann ich vielleicht auf deiner Couch… äh, eurer Couch…?“). Naja, in der überschäumenden Jugendzeit. Heute sind wir abgeklärter und haben schon viel mehr abgehakt. Ich ruf ihn an. Ein Bier kann er mich nicht abschlagen. Ich sauf mein Bier doch nicht allein wie so ein Penner, oder ein verlassener Ehemann, der's nicht packt, dass ihn seine Alte aufs Abstellgleis geschoben hat. Ich nicht! Nicht ich!

Ich nicht! Nicht ich! Das erinnert mich an das seltsame Buch, das Petra mir geschenkt hatte („‘Hitzefrei!‘ das muss dich als Lehrer doch interessieren!“). Dabei lachte sie und lächelte sphinxmäßig. Das Buch sprach mich trotzdem an: Eine Frau, der es wie mir ging, mit diesen ambivalenten Gefühlen. Dieser Frau war klar: Egal, wie es bei allen anderen war, egal wie die Naturgesetze es vorgaben: „Bei mir war es eben anders.“ Sollte ich mal Kontakt zu ihr aufnehmen? Ihre Facebook-Adresse stand im Buch. „Hitzefrei!“

Also, bevor ich hier beim vierten Bier versumpfe, such ich noch Rolfs Nummer raus. Irgendwo hab ich alles gespeichert. Lang lebe der Computer mit seiner Suchfunktion. Er hat seinen Ehrenplatz links von meinem Schreibtisch. Ich brauche mich auf meinem rotweißkarierten (O-Ton Petra: „Tolles Schottenmuster! Selbst an den Farben hast du gespart!“) Drehstuhl nur leicht zu bewegen und sofort stehen mir alle Infos zur Verfügung. Mir! Denn Petra hat bis zum Schluss bei meinem System nicht durchgeblickt. Doch von allen Rolfs, die Google mir anpreist, ist keiner meiner. Das Internet vergisst nichts? Aber man kann es auch nicht immer finden. Wer weiß, vielleicht ist Rolf ja so ein Info-Verweigerer. Vielleicht ist er die Greta Garbo… Quatsch, die Greta Thunberg (mit „ü“) des Algorithmusses?

Halt! Rolfs Nummer stammt aus der alten Zeit. Das finde ich sicher nur in dem zerfledderten Anhang irgendeines Terminkalenders. Und wo? Mein stabiles Kiefernholzregal enthält fast nur noch CDs. Nach und nach mussten die Bücher weichen. Auch wenn es meine Schüler oft nicht glauben: Ich gehöre der neuen Generation an. Natürlich nicht der Down-Load-Generation. Das finde ich unnatürlich. I’m a true born digital man. Auch im Lock-Down.

Also Regal… früher lag dort auch das Notizheft. Aber jetzt? In dem kleinen Rattanschränkchen neben der Anlage? Könnte sein. Vier übersichtliche Schubladen, gefüllt mit Unordnung. Edle Briefumschläge für Gelegenheiten, bei denen ich sowieso nicht schreiben... -, aha, mein Gedächtnis funktioniert noch einwandfrei: Hier habe ich meine Umschläge also aufbewahrt. Bloß suche ich sie gerade nicht. Meine Hufnagelkette vom Frankfurter Flohmarkt, erworben beim Schulausflug. Nostalgie! Aber jetzt brauche ich Rolfs Telefonnummer. Eine Dose... womit? Schwer. Geld? Meine gesammelten Reisemünzen. Die müsste ich mal dekorativer verwenden. Das waren noch Zeiten: Mit Interrail nach Marokko! Per Anhalter durch Great Britain. Auf dem Rad gen Österreich. Einfach stark. Man müsste noch mal 16 sein. Aber es hilft nichts. Vier Schubladen mit hochinteressantem Material für meinen Biographen, nur das klassische Telefonbüchlein bleibt verschwunden.

Neben den Lexika! Das böte sich an. Da lagern meine Tagebücher, kombiniert mit den Terminkalendern der letzten Jahre (die sind oft aufschlussreicher als die Tagebücher, zumindest für den Kenner, also für mich). Sieg! Ich habe doch eine rekonstruierbare Ordnung - entgegen Petras unwiderlegbarer und oft artikulierter Überzeugung. Hier sind sie, die Tagebücher, daneben die Terminkalender. Und was haben wir da? Ziemlich abgenutzt, mit diversen Eselsohren und Rissen an der Seite: Mein unersetzliches Telefonnummernverzeichnis. Na also, wer sagt's denn! Rolf, du bist entdeckt. Das kann Google nicht ersetzen. Was ist ein Algorithmus gegen meinen Ordnungsrhythmus. Immerhin bin ich Drummer! Mit E-Drums und Kopfhörern. Der Nachbarn wegen.

Ich Idiot! Da sind doch nur die vorgeschichtlichen Nummern gesammelt, sozusagen die nummerierten Höhlen meiner biographischen Steinzeit. Die Adresse hat inzwischen mindestens zweimal gewechselt, zeitgleich mit dem sozialen Aufstieg. Rolf wohnt wieder am Ort. Sonst hätte ich doch nie an ihn gedacht. Ich google ihn einfach, was sonst? Warum fiel mir das nicht gleich ein? Meine Güte, ich sollte mal was gegen Alterserscheinungen machen. Das Telefonbuch wäre eine belletristische Alternative, das fände ich auf Anhieb, direkt unter dem Telefon auf dem Schuhschrank im Flur. Neben dem Spiegel: Ich kann mir Fratzen schneiden beim Telefonieren. Manchmal tue ich es auch. Es entlastet, wenn eine Schülermutter anruft und sich über die ungerechte Behandlung ihres engelsgleichen Sprösslings beschwert. So mancher habe ich schon die Zunge rausgestreckt. Noch keine hat sich beklagt.

2 Geh ich mit dem Hund raus oder vor die Hunde?

(immer noch 1. Freitag (nachts))

Ei, wie finde ich denn das? "Spinnst du?" hat Rolf mich angefahren. Ein Freund! Ha, Freunde! Dass ich nicht lache. Ich bin in der tiefsten Krise meines Lebens, er ist meine einzige Chance und weiß nichts besseres als "Spinnst du? Weißt du, wie spät es ist?!" Okayokay, es war halb eins. Nachts. Aber ist das ein Grund, einen Freund anzuschnauzen, der einsam und verlassen mutterseelenallein in seiner trübsinnigen Wohnung sitzt und umgeben von den dunklen Wolken düsterer Gedanken am Sinn des Lebens zweifelt. Wie oft haben wir um halb Eins mit tieferen Problemen gerungen! Und es war ja nur so spät, weil ich noch durch diese trögen Terminkalender blättern musste, um am Rand irgendwo sein Nummer aufzustöbern. Ich hatte mein Letztes gegeben und er flüsterte nur heißer:

"Marga schläft schon und ich habe es bis jetzt auch getan..." Was hat er getan? Und wer ist Marga? Heißt das, dass er jetzt in so einer spießigen Zweierbeziehung lebt, wo ihn ein Freund in Not nicht mehr stören darf?

Ausgerechnet Rolf. Ich weiß noch, wie er das letzte Mal mit mir sprach. Es war halb drei in der Nacht. Ich wühlte mich aus Petras Decke und konnte nicht mal meinen Namen nuscheln. Halb drei, das war seine Zeit damals.

"Nicht mit mir!" hab ich ihm gesagt. "Ich red gern mit dir - auch über deine Probleme, ich will da gar nicht kneifen, aber nicht nachts um halb drei und überhaupt, Petra schläft schon."

Da hat er beleidigt aufgelegt und nichts mehr von sich hören lassen. Überempfindlich. Hypersensibel, wie die schlauen Pädagogen an der Uni sagten. Klar hätte ich für ihn Zeit gehabt. Jederzeit! Einem Freund ist man das schuldig. Aber bitte nicht mitten in der Nacht. Man kann doch auch zu vernünftigen Zeiten seine Probleme in aller Ruhe besprechen. Und einen Kasten Bier hab ich immer zuhause.

Ein Kasten Bier. Das ist das einzige, was ich jetzt habe. Und den Fernseher. Bloß Petra ist weg. Ich bin ja froh. Es war auch Zeit. Die Beziehung war sowieso im Eimer. Aber musste sie denn so überstürzt gehen? Wir hätten doch vernünftig in aller Ruhe drüber reden können. "Du kotzt mich an!" So geht man doch nicht auseinander, nachdem man jahrelang um das Waschbecken gekämpft hat. Sie ließ mir nicht mal Zeit, mich richtig darauf einzustellen, es mit ihr zu diskutieren. Weiber! Gut, dass das vorbei ist.

Wie war das neulich, als sie mit dem dreckigen Kläffer heimgekommen ist? Ich dachte, ich hör nicht richtig. Ich saß in aller Ruhe da und genoss den vollen Sound von Pink Floyd. Ach, Pink Floyd! Wie kuschelig waren die Zeiten, wo ich dazu immer ein Pfeifchen rauchte. Aber sie hat mich richtig domestiziert, die Domino-Domina! Ob ich's wieder mal versuche? Obwohl, ein Joint ist mehr was für pickelige Jugendliche. Ja, ich war auch ein pickeliger Jugendlicher. Ich stehe dazu. Und ich habe Pot geraucht. Und es war geil und das Größte überhaupt. Aber schließlich bin ich keine fünfzehn mehr. Heute brauch ich das nicht mehr. Höchstens mein Bier. Freilich: Das macht dick. Pot nicht! Division Bell dröhnte, der absolut geile Sound der 90er. Dann kläffte was dazwischen. Eine wohlvertraute keifige Stimme bohrte sich von der Tür her in mein Ohr: "Fraaaank, ist er nicht süüüß?" Nein, ich probierte den Köter nicht aus, verzichtete auf das Reinbeißen. Ich war nur sauer. Ein Hund in meiner Wohnung? Noch dazu so ein Kläffer? Ein richtiger Schäferhund, so ein Gegenüber, Auge in Auge, das wäre was, da weiß du: Wir zwei gehen durch dick und dünn. Der hat Power und du auch. Aber so ein Pinscher. „Ist er nicht süüüß?“ Gut, dass das vorbei ist.

Natürlich musste ich ihn erst einmal akzeptieren. "Aber Frank, du kennst ihn doch noch gar nicht!" gefolgt von "Das sind doch lauter Vorurteile!" kombiniert mit "Das habe ich gerne... und sonst so liberal tun. Weißt Du, was du bist: scheißliberal!" O ja, Petra wusste immer, wie sie mich kriegte. Scheißliberal lass ich mich nicht nennen. Schon um die 68er nicht zu verraten. Meine Ideale lass ich mir nicht nehmen. Jetzt nicht mehr! An irgendetwas muss man doch glauben. Und wenn's die Feindbilder sind. Mehr haben sie uns ja nicht gelassen auf dem Marsch durch die Institutionen.

Ich bin nicht scheißliberal, und der Hund musste weg. Ein neues Feindbild stärkt die Lebensgeister. Ich griff zu einer gemeinen Taktik. Aber ich litt auch selbst darunter. Ich drückte mich nicht. Tapfer ertrug ich, dass Putzi (mir schaudert allein beim Namen!) vierzehn Tage Dünnschiss hatte. Tapfer schwieg ich und mir entschlüpfte keine Andeutung, dass ich die Ursachen für diesen Dünnschiß kannte, genauer gesagt... Aber was soll's! Ich habe meine Erfahrung mit Krimis und Erfolg ist Erfolg. Das ist wie beim Fußball. Haste gewonnen, fragt keiner mehr, ob's ein Scheißspiel war. Gegen Putzi habe ich gewonnen. Mit dem Putzeimer. Ich gebe zu, es war gemein dem Tier gegenüber. Aber es war so eine Art Notwehr. Natürlich guckte er immer tieftraurig, wenn ich mich an sein Fressen machte. Diese Triefaugen waren die reinste Höllenqual. Aber ich hielt durch. Dann musste Putzi doch weg - wir zwei sind berufstätig, und wer sorgt dann für einen Pinscher mit Dünnschiss? Zum Trost führte ich Petra zum Chinesen aus. Die haben zu Hause Rezepte für gesottene Pekinesen. Dachte ich mir. Sagte ich natürlich nicht. So grausam bin ich dann doch nicht.

Sie hätte es verdient! Erst mir den Pinscher reinschleppen und dann einfach so abhauen. Ohne Grund! Wie Frauen so sind. Hätte ich doch auf meine Onkels gehört. Die erklärten das immer, damals, am Stammtisch, wenn ich Papa abholte. Von Mama geschickt. Ein Trauerspiel. Ich schwor mir heimlich: "Das passiert dir einmal nicht. Du kuscht nicht vor einer Frau. Frauen bleiben draußen aus deinem Leben." Aber erstens musste ich dann doch wieder heim zu Mama – mit Papa im Schlepptau, und zweitens kam ich erst später in die Pubertät.

Nun sitze ich hier - eins ist längst vorbei - vor mir den Fernseher, auf den ich schaue und der an meinen Gedanken vorbeirauscht, hab mein Bier neben mir (ohne dass Petra meckert) und muss dauernd an sie denken. Ja, spinn ich denn? Endlich bin ich sie los und jetzt krieg ich sie nicht aus meinem verrückten Verstand raus. Von meinem Bauch mal ganz abgesehen; wenn ich mich nicht streng unter Kontrolle halte, kriege ich ein richtiges Kotzgefühl.

Vielleicht sollte ich aus meinem versteinerten Umfeld raus, eine richtige Weltreise machen, neues sehen, neue Wirklichkeiten kennenlernen. Indien, Nepal, da finden doch die Selbstsucher ihr eigentliches Ich. Ich könnte dabei sogar ein Du finden. Morgen muss ich mir Prospekte besorgen: Pro-spekt: Das Nachvorneschauen schlechthin. Kadmandu, oder? Barfuß durch den Himalaya. Auweia!

3 Warten in der Kneipe am Freitagabend

(1. Freitag abends)

Jetzt ist gleich acht und Arnold ist noch immer nicht hier. Dabei hatten wir acht Uhr vereinbart und er zeichnet sich durch Überpünktlichkeit aus. Freilich befremdete mich sein Verhalten heute Morgen.

Schon das Aufstehen kostete mich viel Überwindung. Im Sessel eingepennt, mit zu viel Restalkohol im Hirn blinzelte ich dem Tag entgegen. Üblerweise funktionierte der Wecker mit quarziger Präzision. Ein Herz aus Stein! Unter ausgeschlafen verstehe ich etwas anderes, unter Motivation ebenfalls... Freilich gönnte ich mir zunächst eine Lustphase: Anfangs kauerte ich mich zusammen wie ein Embryo, zögerte so das ernüchternde Badezimmer einige Minuten hinaus und träumte vorerst davon, was die neue Freiheit bringt. Jetzt bist du frei, murmelte ich in mich hinein. Und all die Traumfrauen, die du bisher zu deinen Bedauern passieren lassen musstest, stehen dir frei. Keine Bindung mehr! Petra langt!

Petra heißt übrigens der Fels, soviel Latein beherrsche ich noch von der Penne, obwohl mich seinerzeit ein unfähiger Pädagoge wegen einer unumstößlichen Sechs durchfallen ließ. Doch Bildung behält man ein Leben lang! Petra heißt "der Stein". Jawohl, der Stein in meinem Leben, eine schwere Last und ein ewiger Anstoß. Doch am Ende des steinigen Weges des Lebens steht die Freiheit! Freiheit kann nur der genießen, der Unfreiheit erduldet hat. So wie ich unter Petra. Was für Frauen könnten da jetzt herkommen! Natürlich höhnt mein nüchterner, eiskalter Verstand: Wie kommst du an die ran? Du kannst doch nicht durch die Straßen laufen und sagen: "He, Tussi, Petra ist weg. Ich bin frei! Wie wär's, kommste mit?" So läuft's eben nicht... Doch mein Traum gewann.

Wie gerne hätte ich noch weiter geträumt. Aber die Schule ruft und der Staatsdiener eilt. Wenn ich mir überlege, wieviele Pädagogen unserer Generation eigentlich mal so richtig kritisch waren... Was blieb von unserer Systemkritik? Die Sehnsucht nach langem Ausschlafen. Und das Gefühl: Eigentlich steht noch etwas ganz Wichtiges aus. Du hast noch einen Traum, der im Wachen geträumt werden will und der nach Verwirklichung schreit.

Also schnappe ich mir meine Tasche und schwinge mich umweltbewusst auf meinen Drahtesel. Die Bewegung tut gut und der Fahrtwind pustet mein benebeltes Hirn durch. Ich komme ganz knapp - eigentlich komme ich immer knapp, das ist fast eine Art Markenzeichen von mir. Der Schulleiter stellt gerade eine neue Kollegin vor. Sie wirkt auf den ersten Blick sympathisch, zu genauerem Hinschauen fehlt mir der Nerv, obwohl ich jetzt alle Freiheiten habe. Sie heißt Carola. In unserem Kollegium duzen wir uns. Schließlich sind wir alle mehr oder weniger die letzten Helden unserer Generation. Easy Rider statt New Kids on the Block oder wer immer aktuell ist; das wechselt ja fast wöchentlich, heute Tic, morgen Tack, übermorgen Toe. Ich merke, den Witz machte ich schon vor 20 Jahren, als ich bei meiner Schule anfing. Und Easy-Rider brauste noch vor meiner Zeit durch Nordamerika. Dazwischen gab es mich. Bei uns früher... aber das sind präsenile Gedanken, die mir in meinem Aufbruch zum neuen Lebensufer im Weg stehen. Also, mit Schwung in den Kampf.

Ich weiß schon: Leicht wird es heute nicht. Am Freitag spinnen die meisten, fühlen sich durch die Woche überlastet und lassen das am Lehrer raus. Heute checkte meine Klasse wohl schon bei meinem Reinkommen, dass mit mir was nicht stimmt; die haben einen sechsten Sinn dafür. Soviel Disziplinlosigkeit hatte ich schon lange nicht mehr; und dann sagt noch eine freche Zwölfjährige: "Sie haben wohl Zoff Zuhause!"

Unverschämtes Pack! Dabei haben die Kids das von mir gelernt. Von mir, dem großen Pädagogen. Aus meiner Hand erhielten sie diese Waffe, genauer, aus meinem Mund. Und jetzt richteten sie sie voll auf mich. Aber ruhig Blut, Junge, da musst du jetzt durch. Dafür bekommst du auch mal eine hübsche Pension - und die müssen diese Rabauken dir blechen.

Die Kurzprobe, die ich in meiner Wut dann schreiben ließ, musste ich zu allem Überfluss anschließend noch korrigieren. Aber das war gar nicht so schlecht, denn es hat wirklich abgelenkt. Hunger hatte ich keinen mehr, also gab's auch kein Problem mit dem "Was kochen wir denn heute?". Eine Frage, die mir meistens schon den Appetit raubt. Da bin ich ganz unparteiisch ehrlich: Petra machte in der Regel die besseren Vorschläge. Aber an meinen Sauerbraten mit Klößen kommt sie nicht ran. Der Sonntag gehörte mir und der Küche. Ein gepflegter Wein, dezente Barockmusik im Hintergrund - seltsam, das höre ich mir sonst nie an. Aber Sonntags beim Essen, irgendwie... Am meisten favorisiere ich die Beatles im Barocksound. Aber das geht auch nicht jedesmal. Schön, dass selbst Vivaldi etwas für Gitarre geschrieben hat. Naja, was soll's...

Jetzt hock ich vor einem Bier? Mir gefällt diese Kneipe mit tollem dunklen Holz und prima dunklem Bier. Aber es ist kurz nach acht und Arnold ist noch immer nicht hier. Auch sonst läuft kaum was. Was machen die Typen in der sogenannten freien Wirtschaft nur alle? Karriere? Hocken die in ihren Büros, zittern um ihren Arbeitsplatz und kriechen dem Chef in den Hintern? Oder der Chefin? Ganz woanders hin? Ein Traum! Eine Chefin, die sagt: "Frank, kommen Sie mal zum Diktat..." Und dann macht sie die Tür hinter dir zu und setzt sich direkt vor deinen Augen auf den Tisch, die freien Knie in Höhe deiner Wimpern. "Frank, Sie sind ein begabter Mann. Sie könnten es hier weit bringen. Ich schätze Sie sehr. Und Sie wissen ja auch, was Sie der Firma schuldig sind. Ist Ihnen nicht heiß? Machen Sie doch ruhig die Krawatte locker. Nicht so schüchtern, junger Mann. Sie wollen doch Karriere machen, na, vielleicht lade ich Sie mal in meine Sauna ein. Sehen Sie mein Amulettkettchen? Vielleicht ist es ein Amulett, das Ihnen Glück bringt! Schauen Sie es sich genau an!" Dann beugt sie sich vor, und das Kettchen hängt direkt über ihrem Ausschnitt, und der gibt den vollen Blick frei und du denkst: Es gibt nichts Schöneres als eine Karriereleiter, auf der du diese Frau besteigen kannst...

Chauvinistisches Arschloch!

"Noch ein Bier?"

Ein Bier? Im Büro? Während der Arbeitszeit? Weshalb hat sie so eine sonore Stimme? Scheiße, die Stimme kenne ich: Das ist Alfred, der Kellner.

Jetzt muss ich doch auftauchen aus dem reaktionären Softporno meines Hirnkinos. "Äh, ja, noch eins..." Ein Bier in dreißig Minuten? Wenn der Abend noch lang wird, muss ich mein Tempo verlangsamen, sonst bin ich blau, bevor ich meine Sorgen los bin. Tagesschau vorbei und Arnold lässt auf sich warten. Soll ich noch lange warten? Das Leben läuft an mir vorbei und ich warte auf einen Mann, der mich versetzt.

Naja, heute nachmittag, als ich bei Arnold vorbeischaute, spürte ich auch nicht die totale Offenheit gegenüber meiner Krise. Er ist zehn Zentimeter größer als ich. Aber im Sitzen merkt man das nicht so. Bei der Begrüßung standen wir leider. "Frank, Du?" sagte er ganz herzlich und unverbindlich und griff nach meiner Hand, als wollte er mich zu einer Unterschrift überreden. Dabei arbeitet er in einer Lebensversicherung und ich bin schon überversichert. Außerdem habe ich momentan nichts, was sich zu versichern lohnte. Mein Kapital bin ich und ich bin zehn Zentimeter kleiner als Arnold. Das habe ich wirklich gedacht. Peinlich! Bei meinem hart und teuer erarbeiteten Selbstbewusstsein. So etwas darf einfach nicht passieren. Der innere Frank ist immer noch zehn Zentimeter größer als der innere Arnold und bekanntlich waren Napoleon und Friedrich der Große... Blöde Ausreden. Beim Volleyball macht dir das Netz schon klar, wer hier der Größere ist: Der Längere.

Das Grauen erlebte ich als Kind in der Schule. "Der Größe nach aufstellen!" schnarrte der paramilitärische Turnlehrer. Wahrscheinlich dachte er sich nicht viel dabei. Denken gehörte nicht in sein Fach. Dann stellten wir uns der Länge nach auf. Würde ich jemals da oben landen? Wir tummelten uns zu dritt am Ende. Manchmal wechselte es. Da war ich drittletzter. Also so eine Art Riese im internen Wettstreit. Aber leider hielt das nicht an. Immer wieder fiel ich auf die letzte Position ab.

Da half auch die Sechs in Latein nicht. Ich fiel zwar grandios durch, aber der Turnlehrer änderte seine Methode. Vermutlich absolvierte er in den Sommerferien einen pädagogischen Zusatzkurs, der das Sortieren der Schüler nach Größe disqualifizierte. Und so kam ich wieder mal nicht weiter in der Rangordnung. Leider wuchs ich nur proportional. Als die Größeren aufhörten zu wachsen, hörte ich auch auf. Scheiße! Arnold und ich waren im gleichen Alter. Natürlich auch im gleichen Altern. Sein breiter Scheitel bereitete mir eine Genugtuung, die nicht mit Geld zu bezahlen war und auch nicht mit Zentimetern.