Die List des Arminius - Ulla Schmid - E-Book

Die List des Arminius E-Book

Ulla Schmid

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Beschreibung

Die List des Arminius: Drei römische Legionen lockte der Cheruskerfürst Arminius im Jahre 9 nach Christus in die Wälder Germaniens und fügte den sieggewohnten Eroberern eine vernichtende Niederlage zu. Die Katastrophe leitete das Ende des römischen Feldzugs gegen die rechtsrheinischen Germanen ein. Nur wenige Römer entkommen dem Desaster. Einer der Überlebenden, Gaius Flaminius, kehrt nach Rom zurück und wird verstrickt in ein Netz aus Gewalt und Verrat, Mord und Lügen, Liebe und Leidenschaft.

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Seitenzahl: 792

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ulla SchmidDie List des Arminius

Ulla Schmid

Die List des Arminius

Die Varusschlacht im Teutoburger Wald 9 nach Christus

Die Germanenkriege Herbst/Winter 14/15 bisHerbst/Winter 16/17 nach Christus

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

© 2006 by edition fischer GmbH

Orber Str. 30, D-60386 Frankfurt/Main

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Times 11°

Herstellung: SatzAtelier Cavlar / NL

Printed in Germany

ISBN-13: 978-3-89950-728-7 EPUB

Inhalt

Vorwort

1. Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

2. Buch Die Varusschlacht im Teutoburger Wald 9 nach Christus

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

3. Buch Die Germanenkriege 14 bis 16 nach Christus

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

Nachwort

Personen:

Gaius Flaminius – einer der überlebenden Legionäre der Varusschlacht. Familie des Gaius: Frau Lucilla, Tochter Claudia, zwei Söhne Julius, Markus, verschiedene Verwandte des Gaius. Gaius’ Sklave Cornelius, dem er die Freiheit schenkt

Markus Caelius – Onkel der Lucilla, Centurio bei der Armee, fiel im Teutoburger Wald

Arminius – fälschlicherweise Hermann genannt, der Cherusker, geb. um 17 vor Christus, ermordet um 20 nach Christus. Seine Frau Thusnelda, verschiedene Germanenfürsten und Soldaten. Arminius wurde von Tacitus »Befreier Germaniens« genannt. Sein germanischer Name ist nicht bekannt

Flavus (der Blonde) – jüngerer Bruder des Arminius, ist diesem feindlich gesinnt. Sein germanischer Name ist nicht bekannt

Segestus, Cheruskerfürst – Schwiegervater des Arminius und dessen schärfster Kontrahent

Segimer, Cheruskerfürst – Bruder des Segestus, Onkel des Arminius (manchmal wird auch der Vater des Arminius unter diesem Namen genannt), auch er gilt als römerfreundlich

Inguiomerus – Cheruskerfürst, ebenfalls Onkel des Arminius, steht auf Seiten des Arminius, bis ihm dieser zu machtgierig wird

Varus, Publius Quinctilius – geb. um 46 vor Christus gest. 9 nach Christus nach verlorener Schlacht durch Selbstmord (Tacitus). Vorher als Statthalter in Syrien/Palästina stationiert, wurde von dort 7 nach Christus abgeordert und in den Norden Germaniens geschickt. Gaius Flaminius wurde beauftragt, Varus aus dieser Provinz zu holen

Asprenas, Lucius Nonus – Neffe des Varus. Befehligte zum Zeitpunkt der Varusschlacht eine Legion im Lager an der Lippe (Haltern), war deshalb bei dieser Schlacht nicht dabei und entging so der Vernichtung durch die Germanen

Cäcidius, Lucius – Kommandant des Kastells Aliso, schlug sich nach der Varusschlacht zum Rhein durch

Cejonus, Offizier des Varus – empfahl, sich dem Arminius zu ergeben. Fiel im Teutoburger Wald

Eggius, Lucius, Offizier des Varus – er empfahl Widerstand bis zum Letzten. Auch er fiel im Teutoburger Wald

Vala Numonius, Legat des Varus – er fiel im Teutoburger Wald. Nach seinem Tod wurde er der Feigheit bezichtigt – wahrscheinlich zu Unrecht

Kaiser Augustus – ursprünglich Oktavian, erster Kaiser Roms unter dem Namen Augustus, geboren August 63 vor Christus – gestorben 19.08.14 nach Christus, Adoptivsohn Cäsars, seine Frau Livia. Nach Cäsars Tod Kampf mit Markus Antonius um Alleinherrschaft. 31 vor Christus Sieg bei Aktium – Seeschlacht. Nach ihm benanntes Augusteisches Zeitalter.

Tiberius – 16.11.42 vor Christus bis 16.03.37 nach Christus – Adoptiv- und Schwiegersohn des Augustus und ab August 14 nach Christus sein Nachfolger auf dem Kaiserthron. Kämpfte erfolgreich als Feldherr in Germanien und Pannonien (Ungarn), Sohn der Livia aus erster Ehe

Tiberius Claudius Nero – Germanicus – Sohn des Drusus, Bruder des Tiberius, geb. 24.05.14 vor Christus, gest. 10.10.19 nach Christus. Führte ab Herbst/Winter 14/15 bis Herbst/Winter 16/17 nach Christus Krieg mit Arminius im Norden Deutschlands. Neffe und Adoptivsohn des Tiberius. Wurde nach den germanischen Kriegen in den Jahren 17 bis19 nach Syrien geschickt. Seine Frau Agrippina – Tochter der Julia, Augustusenkelin, beide sind sehr beliebt beim Volk

Cäcina, Legat des Germanicus – er befehligte das sogenannte »untere«, um Vetera (Xanten) stationierte Heer. Erbitterter Kampf in der Schlacht bei den Langen Brücken

Silius, Legat des Germanicus – er befehligte das »obere«, um Mogontiacum (Mainz) stationierte Heer

Stertinius, Legat unter Germanicus – er befehligte in den Jahren 15 und 16 die sich als Plünderer besonders hervortuenden Auxiliarier (Hilfstruppen)

Vitellius, Legat des Germanicus – geriet mit zwei Legionen im Jahre 15 an der Nordseeküste in eine Sturmflut

Orte der Handlung: abwechselnd der Norden Germaniens, Rom und Umgebung, Syrien/Palästina

Vorwort

Im Jahre 9 nach Christus erlebt das römische Imperium eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. Die als unbesiegbar geltenden Römer werden von Arminius, dem Cheruskerfürsten, und seinen Truppen im Teutoburger Wald vernichtend geschlagen. Arminius lebte als Knabe als Geisel lange Jahre in Rom, erlernte dort das Kriegshandwerk, ging als römischer Bürger und im Offiziersrang nach Hause zurück und meldete selbst den Römern den drohenden Aufstand wegen angeblicher Steuererhöhungen. Augustus reagiert ganz im Sinne des Cheruskers, zudem will Augustus schon seit Jahren die Reichsgrenze vom Rhein bis an die Elbe ausdehnen, also die Eroberung ganz Nordgermaniens; nur einzelne, nicht zusammenhängende Gebiete stehen unter römischer Herrschaft. Gaius Flaminius wird beauftragt, 7 nach Christus Varus aus Syrien/Palästina zu holen, um die Germanen zur Räson zu bringen. Zwei Jahre sind die Römer an der Weser stationiert, bis Arminius selbst sie in den Teutoburger Wald führt. Die Schlacht dauert drei Tage. Nach der verheerenden Niederlage begeht Varus Selbstmord, daraufhin schlägt Arminius selbst ihm das Haupt ab. Angeblich soll Arminius fünf überlebende Legionäre mit dem abgeschlagenen Haupt des Varus nach Rom geschickt haben, um es Augustus zu zeigen und die Nachricht der vernichtenden Niederlage zu überbringen. Fünf Jahre nach der Schlacht und noch vor dem Tod des Augustus beauftragt sein Nachfolger auf dem Kaiserthron Tiberius seinen Neffen und Adoptivsohn Tiberius Claudius Nero, der dadurch den Beinamen Germanicus erhält, die Hintergründe der Niederlage zu ergründen und diese Schmach zu rächen. Germanicus gelingt es unter großen Verlusten, die Germanen zu besiegen, aber die gewünschte Eroberung, und um die geht es ja beiden Kaisern Augustus und Tiberius, gelingt ihm nicht. Nach über zwei Jahren ist Tiberius des Nordens Germaniens überdrüssig und beordert Germanicus zurück nach Rom und dann nach Syrien; auch hier sind ständig Unruhen, er soll hier für Ordnung sorgen.

Der jüdische Geschichtsschreiber Josefus Flavius weist in seinem Buch »Die Geschichte des jüdischen Krieges« auf die Statthalterschaft des Varus in Syrien/Palästina hin.

Über die Marschroute des Varus in den Norden ist mir – trotz intensiver Recherchen – nichts bekannt, wobei bei seinem Eintreffen bereits sechs Legionen, darunter die XVII., XVIII. und XIX., im Norden Germaniens stationiert waren. Fünf Legionen standen am Rhein, während eine an der Lippe in der Nähe von Haltern stationiert war.

1. Buch

1. Kapitel

Gaius Flaminius fuhr aus einem bleiernen, unruhigen Schlaf hoch; er hatte seinen allnächtlichen Albtraum. Das Surren einer Fliege nahe seiner Ohren marterte ihn, dieses Geräusch kam ihm vor wie Gedröhn. Kraftlos schlug er nach ihr, er erwischte sie nicht. Ihr Surren wurde zornig und er hatte das Gefühl, ihm würde der Schädel gespalten. Seit er vor drei Jahren aus dem Norden Germaniens heimgekehrt und nur er und drei seiner Kameraden das Gemetzel im Teutoburger Wald überlebt hatten, hatte er diesen Albtraum, immer den gleichen. Nicht nur wenn er zu Bett ging, war er müde, leer und ausgebrannt, sondern sein ganzes Leben war derart aus den Fugen geraten, und er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Lange konnte er nicht einschlafen und wenn er dann endlich schlief, war es kein Schlaf der Ruhe und Erholung brachte. Trotz der Sommerhitze in Rom fror er ganz erbärmlich und gleichzeitig brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Er rührte sich nicht und wagte auch nicht, einen Sklaven zu rufen, aus Angst, seine Frau Lucilla könnte wach werden und es war besser, wenn sie schlief. Im wachen Zustand machte sie ihm das Leben so schwer, wie sie nur konnte, und er hatte schon lange keine Kraft mehr, sich zu wehren. Darüber wurde er gemütskrank, er war ein körperliches und seelisches Wrack geworden. Kurz nachdem er von Germanien zu Hause war, schlief sie nicht mehr mit ihm, ja nicht einmal im selben Zimmer. Sie war so zänkisch, rechthaberisch geworden, und dass sie nicht klug war, hatte ihn nicht gestört, als er sie heiratete, denn sie war außergewöhnlich schön und sehr lustig und humorvoll gewesen. Gaius fand, dass sie zu Beginn ihres gemeinsamen Lebensweges gut zueinander passten und sich großartig ergänzten. Das, was ihm zu Beginn ihrer Ehe an ihr gefallen hatte, nervte ihn mehr und mehr. Mehr noch, sie machte ihn systematisch fertig, wobei er nie wusste, was ihr als Nächstes an Gemeinheiten einfallen würde.

Zu Beginn seiner Heimkehr weinte sie Freudentränen, fiel ihm um den Hals und dankte den Göttern, dass ihr Mann als einer der wenigen, man konnte sie an fünf Fingern einer Hand abzählen, aus diesem Krieg nach Hause gekommen war. Ganz Rom trug Trauer, in fast jeder Familie fehlte der Vater, Mann, Verlobte, Sohn, Bruder, Schwager, Onkel oder Neffe. Viele Römerinnen verloren mehrere männliche Verwandte gleichzeitig. Er dachte an Thusnelda, die Frau des Arminius, des größten Feindes Roms. Auch ihr mochte es nicht gutgehen, da sie sich mit Varus, dem Oberbefehlshaber der drei römischen Legionen, eingelassen hatte. Das Los anderer Cheruskerinnen, die sich mit Römern eingelassen und Kinder von diesen hatten, war womöglich um einiges schlimmer als das der Thusnelda.

Obwohl es eine von den jeweiligen Eltern arrangierte Ehe war, die Kinder konnten ihre Ehepartner fast nie selbst aussuchen, verliebten sich Gaius und Lucilla tatsächlich ineinander. So etwas kam zuweilen in Rom auch vor. Kurze Zeit nachdem er vom Norden Germaniens zu Hause war, ging ein Sinneswandel mit ihr vor. Gaius hatte zunächst keine Ahnung, wer sie so negativ beeinflusst haben konnte. Sie schalt ihn einen Feigling und Versager, weil er nicht in Germaniens Wäldern den Heldentod gestorben war. Was wussten die, die zu Hause saßen, von Heldentum und Mannesehre? Da konnten sie leicht reden. Der Heldentod war nichts weiter als ein elendes Krepieren auf dem Schlachtfeld, sowohl für den Feind als auch für die Soldaten Roms: »Süß ist es, für das Vaterland zu sterben!«

Ein Soldat, dem die Kehle durchgeschnitten wurde, der mit Pfeilen und Speeren durchbohrt war oder sich unter einem selbst im Todeskampf befindenden, sich aufbäumenden Pferd liegen sah, fand den Heldentod ganz bestimmt nicht süß. Schon den Knaben wurde eingetrichtert, dass es das Höchste wäre, für Rom und den Kaiser auf dem Schlachtfeld zu sterben. Die Frauen sollten viele Kinder, hauptsächlich Söhne gebären, die zuerst zum Militär und dann für Rom und den Kaiser in den Krieg ziehen sollten.

»Oh ihr Götter«, dachte er zynisch, »als ihr den Menschen die Klugheit ausgeteilt habt, habt ihr Lucilla vergessen. In Rom gibt es so viele kluge und gebildete Frauen, wieso musste ich ausgerechnet die Dümmste erwischen!«

Mit der Zeit verstieg sie sich in die Wahnidee, diese Schlacht hätte gewonnen werden können, wenn er nicht so feige gewesen wäre. Alles eindringliche Erklären nützte nichts. Sollte in nächster Zeit die Welt untergehen, so wäre er natürlich daran schuld.

Nicht nur seine Familie, sondern ganz Rom, außer Augustus und Livia, schlug auf die vier Freunde ein. Augustus war zu krank und müde, während Livia müde und gleichgültig geworden war. Zudem wusste das Kaiserpaar, dass die vier kein Verschulden an der Niederlage traf. Das übrige Rom aber ließ sie spüren, dass man sie für Feiglinge und Versager hielt, und ihre nahen Verwandten, die Freunde und Nachbarn gingen auf Distanz zu ihnen und sie hatten schwer unter dem Verhalten ihrer Mitmenschen zu leiden.

Gaius’ Söhne Julius und Markus hatten keinen Respekt mehr vor ihm. Wenn er Anweisungen gab, wusste er nicht, ob sie befolgt würden, und wenn sie befolgt wurden, war er sich sicher, dass sie absichtlich alles falsch machten. Stellte er ihnen Fragen, bekam er freche Antworten. Mit der Zeit gewöhnte er sich an, nichts mehr zu sagen und nichts mehr anzuordnen. Er machte alles, was zu tun war, nun selbst, und es war ihm lieb, wenn sie den Mund hielten, dann wusste er, dass sie ihn wenigstens in Ruhe ließen. Die einzigen Personen seiner nächsten Verwandtschaft, die ihn noch verstanden und zu ihm hielten, waren seine Schwester Antonia und seine Tochter Claudia, sonst wäre er schon längst abgehauen, und immer wieder kamen ihn Selbstmordgedanken an. So weit war es schon gekommen, dass er sich mit diesen Gedanken trug und in seinem eigenen Haus nicht mehr Herr war. Seine ganze Autorität war dahin. Der römische Mann war der Herr über Leben und Tod, auch in der eigenen Familie. Ein Mann, der seine Familie – dazu gehörten auch die eventuell im Haushalt lebende Mutter und Schwiegermutter sowie Schwestern und Schwägerinnen des Familienoberhauptes und seiner Frau – und Sklaven nicht züchtigte, galt nichts in Rom. Er konnte seine nächsten Verwandten und Sklaven töten oder zum Tod verurteilen lassen, wenn sie ihm Anlass dazu boten. Nun war es aber so, dass der Römer nicht aus geringfügigen Anlässen heraus zu solchen drastischen Mitteln griff. In vielen Familien herrschte Liebe, Respekt und Achtung voreinander.

Den jüngeren seiner Söhne, Markus, verprügelte er einmal mit einem Zaunpfahl grün und blau. Der Junge konnte mehrere Tage nicht sitzen und war am ganzen Körper blutunterlaufen. Prügelstrafen waren Gaius zuwider, aber er wusste sich nicht mehr zu helfen; und auch Lucilla verprügelte er. Für kurze Zeit hatte er sich Ruhe und Respekt verschafft, dann ging dieses üble Spiel wieder von vorne los.

Bis zu seiner Heimkehr aus dem Norden Germaniens lehnte er es entschieden ab, seine Familie und Sklaven körperlich zu züchtigen oder Sklavinnen sexuell zu benutzen, was auch in den meisten römischen Familien durchaus gang und gäbe war. Allerdings konnte er sehr streng sein, und wenn seinen Befehlen nicht gehorcht wurde, was aber fast nie vorkam, wusste er sich auf andere Art und Weise durchzusetzen; dazu genügte schon ein scharfer Blick aus seinen dunkelbraunen Augen. Seine Sklaven und Sklavinnen verhielten sich neutral und trachteten danach, seinen Befehlen Folge zu leisten, weil er sie gut behandelte und ein guter und gerechter Herr war. In anderen vornehmen römischen Familien wurden die Haustiere oft besser gehalten als die Sklaven. Sklaven waren keine Menschen, sondern Sachen.

Sein treuester Sklave Cornelius Livius stammte selbst aus einer der ersten Familien Roms. Diese Familie war am Hof des Augustus gern gesehen und ging dort ein und aus. Sein Vater Drusus fiel durch eine böse Intrige bei Augustus in Ungnade. Augustus, der selbst in jungen Jahren log, betrog und intrigierte und auf diese Art zum ersten Kaiser Roms aufstieg, sog mit zunehmendem Alter begierig Geschichten über Intrigen und Verleumdungen in sich hinein. Dem Vater Drusus des jungen Cornelius war das Verbrechen des Hochverrats, das er nie begangen hatte, zur Last gelegt worden. Seine Ankläger waren sehr raffiniert vorgegangen, die Unschuld des Drusus konnte nicht bewiesen werden. Drusus wurde hingerichtet, sein Vermögen eingezogen, und seine Frau und die Kinder wurden Sklaven. In der Regel sahen solcherart auseinandergerissene Familien einander nie wieder. Cornelius wusste nicht, wo seine Mutter Cornelia, die beiden jüngeren Schwestern Virginia und Flavia und sein jüngerer Bruder Titus waren. Er konnte sicher glauben, dass es ihnen nicht so gut ging. Der Intrigant bekam einen Teil des Vermögens dieser Familie. So weit war es mit Rom gekommen: Neid, Missgunst, Intrigen, Denunziantentum gingen um. Die vornehmen und reichen Familien Roms wussten oft nicht, ob sie einen Tag später ihr Geld noch besaßen und genießen konnten. So manch einer, der auf diese Art der Verleumdung an Vermögen gekommen war, konnte dann einige Zeit später die gleiche Prozedur am eigenen Leib erfahren. Wo waren die Tugenden Roms wie Tapferkeit, Mut und Wahrhaftigkeit geblieben?

Vor Augustus hatte Julius Cäsar als gerissener, verschlagener Feldherr und Politiker die Bühne der Welt betreten. Unter diesem begann Roms Politik der Eroberung, und Rom erreichte seine bislang größte Ausdehnung in seiner jahrhundertelangen Geschichte. Cäsar unterwarf in langen, blutigen Kämpfen Gallien, wobei er zunächst nur den Süden des Landes eroberte. Um 58 vor Christus hatte Cäsar in der Nähe von Vesentio, das ist das heutige Besançon, mit seinen Legionen Lager genommen.

Cäsar rechnete mit einem Angriff des germanischen Heerkönigs Ariovist aus dem Stamme der Sueben. Doch damit hatte Ariovist nichts im Sinn. Er betrachtete sich als Herr der Germanen, die rechts des Rheins siedelten und beanspruchte zusätzlich das gesamte Nordgallien, während er großzügigerweise Südgallien, das ja sowieso schon von den Römern erobert war, diesen überlassen wollte. Damit trat Ariovist unwissentlich eine Lawine los. Dieses Ansinnen war nun nicht im Sinne Cäsars, der das gesamte Gallien unter der Herrschaft Roms sehen wollte. Eine kriegerische Auseinandersetzung war unvermeidlich. Allerdings ließ sich Ariovist auch durch Provokationen zunächst nicht in den Krieg treiben. Dafür schnitt er die Römer vom Nachschub ab und Cäsar musste handeln. So zwang er die Germanen doch noch zur Schlacht links des Rheins, diese wurden vernichtend geschlagen.

Im Jahre 50 war es dann so weit, ganz Gallien war für Rom unterworfen. Dabei überschritt Cäsar zweimal den Rhein, um das Gebiet rechts des Flusses für Rom zu unterwerfen. Seinen ersten Versuch wagte er um 55 vor Christus, konnte sich in diesem Gebiet nicht behaupten und zog sich wieder zurück. Etwa zur gleichen Zeit, 55/54 vor Christus, zog er zur Eroberung Britanniens, lieferte sich mit den Einheimischen, die ihre lang andauernden Streitigkeiten begruben und zusammenhielten, einige schwere Gefechte, bei denen es keine Gewinner und keine Verlierer gab und zog sich auch hier zurück. Seine Heeresführung sowie die Legionäre, die bei dieser »Eroberung« dabei waren, hielten wohlweislich den Mund. In Rom glaubte man Britannien für Rom erobert. Nun, der südliche Landstrich Britanniens war für Rom in Besitz genommen.

Um 53 vor Christus wollte es Cäsar noch einmal wissen und überschritt den Rhein ein zweites Mal, lieferte sich mit den Germanen einige Scharmützel, bei denen es, wie in Britannien, keine Sieger und keine Verlierer gab, und zog sich erneut und schleunigst links des Rheins zurück. Sein Nimbus der Unbesiegbarkeit wäre nicht mehr aufrechtzuerhalten gewesen. Nach Rom meldete er, dieses Nordgermanien sei ein düsteres, unheimliches, schreckliches und ungastliches Land und es lohne nicht, sich mit diesem näher zu befassen. Hier gebe es absolut nichts, was für Rom interessant sein könnte. Die Germanen seien ein undurchsichtiges, unberechenbares, schwer durchschaubares Volk mit ebensolchen Göttern. Man wisse nie, wie man mit ihnen dran sei. Das freundliche Gesicht eines Germanen täusche über seine wahren Absichten. Habe man einem Germanen die Hand gegeben, sei es ratsam, danach seine Finger zu zählen. Die Messer, um sie seinem Gegenüber in den Rücken zu stoßen, seien schon gewetzt. Durch unheimliche und undurchdringliche Wälder zögen Einhörner und andere riesenhafte wilde Tiere, Bestien gleich. Und im Übrigen seien die Germanen diesen Tieren sehr ähnlich.

Und auch hier hielten der Stab und Legionäre, die bei diesen Zügen dabei waren, wohlweislich den Mund. Diese nicht gerade schmeichelhafte Meinung der Römer über die Germanen baute sich in Jahrzehnten auf – lange bevor sich Cäsar aufmachte, für Rom die Welt zu erobern. Die Römer hatten bei zahlreichen militärischen Unternehmungen, die Germanien betrafen, immer schwer zu kämpfen. Siege fielen ihnen nicht einfach in den Schoß. Dass germanische Krieger ebenso tapfer wie todesmutig waren, mussten die Römer – nicht ohne Neid – anerkennen. So dienten Germanen den Römern in den Hilfstruppen oder waren als Kundschafter und Führer für die Römer im Land unterwegs. Auch trieben Germanen und Römer Handel miteinander und waren einander durchaus nicht feindlich gesinnt. Bei der Eroberung anderer Länder und Reiche fragten die Römer zuerst danach, ob es Bodenschätze oder sonstige wichtige Güter zur Nutzung Roms gab. Aus Germanien holten sie sich hauptsächlich Bernstein. Von der Ostsee führten »Bernsteinstraßen« quer durch Germanien. Aber auch Lederwaren waren sehr begehrt. Obwohl die Römer die Germanen als Barbaren ansahen und auf sie herabsahen, bewunderten sie doch insgeheim dieses Volk. Die Germanen galten als schön, allerdings nur bei den Römern, die mit den Germanen in Berührung kamen.

Vor Cäsars Ermordung in den Iden des März 44 hatte er Spanien, bis auf Ägypten das gesamte Nordafrika sowie weitere Teile des Vorderen Orients für Rom erobert. Die Mörder glaubten wahrhaftig, Rom mit diesem Mord den Frieden und die innere Stabilität zu sichern. Nach seinem Tod brachen erneut jahrelange Bürgerkriege aus. Markus Antonius, Cäsars treuester Gefährte, und Oktavian, sein Großneffe, bekämpften sich aufs Bitterste, versöhnten sich aus taktischen Gründen einige Male, um erneut – bis zum endgültigen Zerwürfnis – aufeinander loszuschlagen. Über allem stand Cäsar, der, zum Gott erhoben, jetzt noch mächtiger war als vor seinem Tod. Cäsar war einfach überall und das Andenken der Römer an ihn konnte nie gelöscht werden. Diesen Machtkampf konnte Oktavian für sich entscheiden und seine Macht war durch die erzwungene Herausgabe und Veröffentlichung des Testaments des Markus Antonius, das dieser bei den Vestalinnen hinterlegt hatte, gefestigt.

Augustus’ Herrschaft begann mit blutigem Terror und Mord. Er behauptete immer und überall, der leibliche Sohn Cäsars zu sein. Dabei war er nur der Großneffe, war von Cäsar adoptiert worden und somit Adoptivsohn. Er konnte den Römern das Kaisertum schmackhaft machen, aber nur weil die Römer des etwa hundert Jahre langen Bürgerkriegs überdrüssig waren und zur Ruhe kommen wollten. Er ging sehr diplomatisch vor, dachte er doch an seinen Großonkel Julius Cäsar. Dieser verlangte zwar nicht direkt nach der Kaiserkrone, aber nach der Diktatur auf Lebenszeit, was auf etwa das Gleiche hinauslief. Und dafür war er umgebracht worden, er hatte seine Ermordung buchstäblich herausgefordert. Offiziell erklärte Augustus, die Republik aufrechtzuerhalten, doch insgeheim wünschte er sich nichts mehr, als die Krone zu tragen. Einige Jahre nach seiner Machtübernahme bescherte er den Römern eine lange Zeit des Friedens und der inneren Sicherheit. Diese waren es zufrieden. Innere Sicherheit und Ruhe waren ihnen, nach den jahrelangen Bürgerkriegen, wichtiger als demokratisches Verhalten der Herrschenden.

Im Grunde genommen hielt nur das Militär die weltweite Herrschaft der Römer aufrecht. In Roms frühen Tagen, gleich nach der Gründung durch die Zwillinge Romulus und Remus führte Rom fast ständig Kriege mit den Städten des italischen Festlandes. Nachdem Romulus seinen Bruder Remus im Streit erschlagen hatte, regierte er alleine und sehr kriegerisch. Gründe, einen Krieg zu führen, fanden sich immer und meistens konnte Rom die Städte dazu herausfordern und provozieren. Der Gott Janus war doppelgesichtig, so dass er die Soldaten Roms auf beiden Seiten ein- und ausmarschieren sah. Diesem Gott war die erste Stunde und der erste Tag des Jahres geweiht. Die Pforten des Janustempels, die nur in Kriegszeiten geöffnet waren, waren selten geschlossen und Rom kam nie zur Ruhe. Es wollte auch nicht zur Ruhe kommen. Schon vor dem Untergang Trojas war überlebenden und flüchtenden Trojanern im Land ihrer Vorfahren, das war Italien, die Weltherrschaft für Jahrhunderte zugesagt worden.

Nun unterhielt Rom zwar eine Armee, aber die Soldaten waren auch Privatpersonen, hauptsächlich Bauern. Diese ließen in Kriegszeiten immer wieder ihre Felder und Äcker im Stich, so dass in Rom ständig Hungersnöte ausbrachen. Dies führte zu einer ersten Heeresreform, die die Grundlage zur Bildung einer Berufsarmee schuf. Das Heereswesen war nun vom allgemeinen Leben abgetrennt. Während die Soldaten in den Krieg zogen, konnten die Bauern ihre Felder bewirtschaften. Immer wieder wurde das Heereswesen reformiert und modernisiert. Eine letzte große Heeresreform fand unter Augustus statt, denn mit diesem Aufbau der Armee nach der Stadtgründung konnten die Römer zwar auf dem italischen Festland herrschen, aber die Weltherrschaft war so nicht zu erringen. Es entstanden Legionen, in denen nur Römer dienten und die Auxiliarverbände, das waren die Hilfstruppen, in denen fast nur Ausländer dienten. Diese konnten aber nach Ende der Dienstzeit das römische Bürgerrecht erhalten, das automatisch auf ihre Kinder überging. Und Ausländer gingen sehr gerne nach Rom, hatten sie doch in ihren Heimatländern kein Auskommen, und in der römischen Armee zu dienen brachte ihnen ein verhältnismäßig gutes Einkommen und Karrieremöglichkeiten. Rom konnte auf die am modernsten und besten ausgerüsteten, gut gedrillten, diszipliniertesten Soldaten der Welt zurückgreifen. Diese waren bereit, überall zu kämpfen, wo man sie hinschickte.

Bei ihrer Entlassung aus der Armee erhielten Veteranen Geld oder Land, wobei es den Herrschenden in Rom lieber war, Land zu verteilen. Bald aber hatte Rom kein Land zum Verteilen mehr übrig, so dehnte es sich zunächst nur in seiner nächsten Umgebung und Italien aus. Aber auch hier gab es bald kein Land mehr. So waren die Römer gezwungen, andere Länder für die Zuteilung von Land an die Veteranen zu erobern.

2. Kapitel

Gaius’ Gedanken gingen weit zurück, bis in seine Kindheit. Seinen Vater, Markus Aemilius, hatte er nicht gekannt. Wenn er seiner Mutter Lukretia glauben konnte, so zählten sowohl die Familie seines Vaters als auch die seiner Mutter zu den ersten Familien Roms, was aber in Rom niemand mehr wusste, außer einigen ganz nahen Verwandten. Einige Jahre nach dem Bürgerkrieg, es war eine Zeit des Friedens und der inneren Ruhe in Rom, wurde Gaius’ Vater grausam ermordet. Seine Mutter Lukretia war mit ihm, Gaius, schwanger, als betrunkener Mob ins Haus der Eltern eindrang und den Vater vor den Augen der entsetzten Mutter und seines fünfjährigen Bruders Markus hängte. Markus durfte als männliches Mitglied seiner Familie ebenfalls nicht am Leben bleiben, er wurde vom Mob erdolcht. Die einjährige Antonia schlief in ihrem Bettchen, wurde trotz des Tumultes nicht wach und daher vom Mob übersehen. Einzelne rivalisierende Banden terrorisierten Rom. Es waren ganz gewöhnliche Kriminelle, es ging gar nicht mehr um politische Gegner. Trotz der Trunkenheit ließen sie von der Mutter ab, als sie sahen, dass diese hochschwanger war. Die Sklaven ließen sie in Ruhe, diese hatten nichts von ihnen zu befürchten, es war nur der Hass auf die Reichen, der sie umtrieb. Wobei man den Großeltern des Gaius zugute halten musste, dass sie ihren Reichtum auf ehrliche Art und nicht auf Kosten anderer erworben hatten.

Wie von Sinnen riss die Mutter das Schwesterchen aus ihrem Bettchen und floh mit ihren treuen Sklaven aus Rom in die Albaner Berge in die Nähe von Nola, dem Geburtsort des Augustus, um ihn, Gaius, außerhalb Roms zur Welt zu bringen. Bei ihrer Flucht trug sie nur die Kleider, die sie gerade anhatte, alles andere ließ sie zurück. Einige Jahre wagte sie nicht, nach Rom zurückzukehren. Gaius verbrachte seine Kindheit unbeschwert in den Albaner Bergen, sein leiblicher Vater besaß hier als einer der wenigen begüterten Römer eine Villa rustica, ein Haus mit einem dazugehörenden kleinen, tiefblauen See, und es ließ sich gut hier leben. Nichts und niemand belästigte Lukretia mit ihren kleinen Kindern. Die wenigen Nachbarn, die sie hatte, ließen sie in Ruhe, man half sich gegenseitig aus und hatte eine gute Nachbarschaft. Hier lebte auch ein Witwer, Julius Flaminius, der sich sehr um Lukretia bemühte, aber den Schmerz und die Trauer der Frau achtete. Er konnte ruhig und gelassen abwarten, Lukretia lief ihm nicht davon, seine Zeit würde noch kommen.

Als seine Mutter nach fast drei Jahren den größten Schmerz über den Tod ihres Mannes überwunden hatte, erhörte sie endlich Julius Flaminius. Dabei erfuhr sie, dass er, kurz bevor ihr Mann und ihr Sohn ermordet worden waren, seine Frau im Kindbett verloren hatte. Sein neugeborener Sohn, sein erstes Kind, starb bei der Geburt. Nach dem Tod seiner Frau und seines Kindes floh auch er aus Rom und suchte in den Albaner Bergen das Vergessen, das ihm aber erst durch Lukretia geschenkt wurde. Julius Flaminius half ihr, so gut es ging, und so langsam normalisierte sich ihr und ihrer beiden Kinder Leben. Den Tod ihres Sohnes Markus überwand Lukretia allerdings nie. Den Mann durch brutalen Mord zu verlieren war schlimm genug, aber zuzusehen, wie man das Kind ebenfalls ermordete, war noch schlimmer. Nur eine Mutter trägt bis zu ihrem eigenen Tod an diesem Schmerz. Julius und Lukretia heirateten einander in aller Stille. Es gab keine große Hochzeit und nur eine kleine Feier, bei der die Eltern von Julius dabei waren; diese nahmen ihre neue Schwiegertochter freundlich auf. Geschwister hatte er keine. Die große Liebe war es für Lukretia nicht, aber sie achtete und respektierte Julius, war ihm herzlich zugetan und eine gute Ehefrau.

Nicht lange nach der Hochzeit wurde Lukretia schwanger und als die Zeit der Niederkunft kam, gebar sie Julius einen Sohn, dem sie nach vielem Hin- und Herüberlegen den Namen Lucius gaben. Der Name Markus war auch im Gespräch, aber Lukretia meinte zu Julius: »Ich kann diesen Namen nicht aussprechen, ohne großen Schmerz dabei zu empfinden. Bitte lass uns jeden anderen Namen nehmen, nur nicht Markus.«

Julius war es zufrieden, er war überglücklich, einen eigenen, leiblichen Sohn zu haben, und akzeptierte Lukretias Wunsch. So nannten sie den hübschen, kräftigen Knaben Lucius. Den beiden Kindern Lukretias war er ein guter Stiefvater. Er behandelte sie gut und so erwuchs doch noch Liebe in dieser Familie. Lukretia blühte richtig auf, alles war gut geworden. Gaius und Antonia allerdings standen dem Brüderchen nicht ablehnend gegenüber, waren aber auch nicht übermäßig begeistert. Erst als Lucius größer wurde, konnten sich Gaius und Antonia mit ihm näher befassen und mehr mit ihm anfangen, und nach einiger Zeit waren sich auch die drei Kinder herzlich zugetan.

3. Kapitel

Als Gaius sieben Jahre alt war, beschloss die Familie, nach Rom zurückzukehren. Dort lebten bei ihrer überstürzten Flucht noch die Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits und beide Seiten drängten auf die Rückkehr der Familie. Auch innerhalb der Familie bestand der Wunsch zur Rückkehr nach Rom. Gaius sollte eine Schule besuchen und lernen. Nach der Rückkehr stellten sie fest, dass das Leben in den Albaner Bergen bedeutend einfacher gewesen war, und doch war für die Familie klar, dass sie nur noch in Rom leben wollten. Gaius sollte hier zuerst zur Schule und danach zum Militär gehen.

Nicht weit vom Stadtzentrum fanden sie ein unbewohntes Haus, in dem sie wohnen konnten. Das Haus, das sie bei der Flucht verlassen hatten, war von anderen Menschen bewohnt, die annahmen, es sei ein leerstehendes Haus, die Eigentümer tot, und so konnte und wollte die Familie Flaminius keine Ansprüche mehr stellen. Augustus selbst bemühte sich, ihnen dieses Haus zu besorgen, in das sie einziehen konnten. Da auch Julius Flaminius aus einer reichen Familie stammte, bezogen sie ein Haus, bestehend aus dem Haupthaus, in dem die Familie selbst wohnte, und einigen wenigen kleineren Nebengebäuden, in denen die Sklaven und Diener untergebracht waren. Wenn sie einen kleinen, offenen Mittelhof (atrium) durchquerten, erreichten sie das Haupthaus. Diesen Mittelhof wiederum erreichte man erst, wenn man den Vorhof (vestibulum) hinter sich gelassen hatte. Der mit Säulenhallen gesäumte Garten direkt hinter dem Haupthaus diente nur zur Zierde und zur Erholung der Familie. Die Familie konnte es sich leisten, einen teuren griechischstämmigen Künstler die Wände bemalen zu lassen. Die Fußböden waren mit rot gemusterten Mosaiken ausgelegt. Die Einrichtung war gegenüber der Einrichtung anderer Römer geradezu luxuriös, aber doch praktisch. Neben dem Nötigsten wie Betten, Tischen, Bänken, Hockern und Schemeln gab es in fast jedem Raum noch Wasserbecken und Springbrunnen nur zur Dekoration. Jedes Kind hatte sein eigenes Zimmer.

Für jeden Römer war es wichtig, einen Hausaltar mit den Hausgöttern, den Penaten und Laren, einzurichten. Mit den Laren verehrten die Römer die Geister ihrer Ahnen. Diesen Hausgöttern sollten täglich Speisen und Wein, aber auch Weihrauch geopfert werden. Unter jedem Raum existierten Hohlräume. Hier wurde von Sklaven gehacktes Holz angezündet, und diese achteten dann auch auf das Feuer, so dass keine Feuersbrunst ausbrechen konnte. So hatte die Familie Fußbodenheizung und im Winter nie kalte Füße, denn in dieser Jahreszeit konnte es in Rom empfindlich kalt werden.

Die Ställe für das Vieh, sie besaßen mehrere Pferde sowie Kühe und Schweine, schlossen sich an die Nebengebäude an. Hühner lieferten auch Fleisch und zusätzlich Eier, wobei die Familie nur an hohen Feiertagen sowohl Geflügel als auch Schweine- und/oder Rindfleisch oder auch mal Fisch aß raffiniert zubereitet, dazu Eier und Gemüse. Als reiche Römer hatten sie eine eigene Küche, die die meisten ärmeren Römer nicht besaßen. Diese bestellten sich in Garküchen eine einfache Suppe aus Linsen und Zwiebeln. In ihrer Küche fungierten ein Koch und zwei Sklaven als Helfer. Ihre Ernährung war sehr gesund, sie aßen viel Getreideprodukte sowie Gemüse. Das Frühstück fiel sehr einfach aus: Es gab nur Wasser und Brot. So frühstückten die meisten Römer. Mittags gab es in der Regel Brot, Käse oder Obst. Die Hauptmahlzeit nahmen sie spätnachmittags ein, so um vier Uhr. Bei reichen Familien konnte diese Hauptmahlzeit aus drei Gängen bestehen und sich über drei Stunden hinziehen. So sehr sie Scharfes liebten, liebten sie auch Süßes oder Süßsaures. Zum Dessert reichten sie frisches Obst, Gebäck und Wein, der, wenn er sauer war, mit Honig gesüßt wurde.

Hier in Rom wurde die Mutter von Erinnerungen, die sie so lange verdrängt hatte, überwältigt und erzählte ihm und Antonia von ihrem leiblichen Vater. Hier erfuhren die beiden Kinder zum ersten Mal, dass Julius ihr Stiefvater war. Das Verhältnis zwischen ihnen und Julius war so gut, dass diese Erkenntnis keine Veränderungen im Verhalten von Gaius und Antonia herbeiführte. Julius hatte Tränen in den Augen, als Gaius ihn immer noch als seinen Vater ansah und ihn auch so nannte.

»Ich hätte mir keinen besseren Vater wünschen können als dich!«, war sein ganzer Kommentar dazu. So wuchs die Familie noch mehr zusammen und auch Antonia hatte ein sehr gutes Auskommen mit ihrem Stiefvater.

4. Kapitel

Am Morgen des ersten Schultages stiefelte Gaius an der Hand seines Stiefvaters Julius missmutig zur öffentlichen Schule, denn er hatte absolut keine Lust, in die Schule zu gehen. Er hatte unendlich und ohne Erfolg mit seinen Eltern gestritten, bis Julius ein Machtwort sprach und ihn selbst zur Schule brachte. Er traute Gaius durchaus zu, dass er gar nicht in die Schule ging, sondern sich sonst wo herumtrieb, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen. In seinen dunkelbraunen Augen stand offene Rebellion und sein weiches Kindergesicht war zu einer feindseligen Maske erstarrt. Reiche Familien hatten Privatlehrer. Die Flaminius-Familie war nicht arm. Gaius’ Stiefvater Julius war Händler, er handelte mit Wein, Oliven und Getreide und die Geschäfte gingen gut. Sie konnten sich zwar einen Privatlehrer leisten, wollten aber, dass Gaius zu anderen Jungen seines Alters Kontakt bekäme. In die öffentliche Schule gingen die römischen Knaben, die sich keine Privatlehrer leisten konnten, um Lesen, Schreiben, Mathematik und öffentliches Reden zu lernen. Das konnte für eine spätere Karriere nützlich sein. Politiker und deren Vertreter sowie Heerführer mussten in der Rhetorik geschult werden, wenn sie den Römern glaubhaft ihre Pläne und Ideen, die sie verwirklichen wollten, erklären wollten. Nur Mädchen sehr reicher Eltern oder des alten Adels wurden unterrichtet. Sie lernten auch Lesen und Schreiben und statt der Rhetorik die Buchhaltung, denn Frauen sollten nicht öffentlich auftreten und Reden halten. Daher blieb Gaius’ Schwester Antonia zu Hause, dort wurde sie von der Mutter ins Lesen und Schreiben und von der ägyptischen Sklavin Isis in die Haushaltsführung und Kindererziehung eingeweiht. Es sollte in Rom aber durchaus kluge und gebildete Frauen geben, die genau wussten, was sie wollten und ihre Ziele auch erreichten.

Zusammen mit vier anderen Knaben betrat er die Schule.

»Wie heißt du?«, fragte ein Knabe den Gaius.

»Gaius Flaminius!«, antwortete Gaius knapp und mürrisch. »Und wer bist du?«, kam die Gegenfrage.

»Ich bin Markus Tarquinius, wollen wir nach der Schule zusammen …«, kam es munter zurück. Gaius erfuhr nicht mehr, was Markus nach der Schule mit ihm zusammen tun wollte, denn er blickte so finster und abweisend, dass Markus den Mund zumachte und nicht mehr weiterreden wollte. Gaius beschloss, diesen Jungen nicht zu mögen. Die anderen Knaben mochte er auch nicht. Er war es nicht gewohnt, von mehreren Knaben umgeben zu sein. In den Albaner Bergen war er alleine, er hatte nur seine Geschwister um sich, und die mochte er. Nachbarn gab es schon, aber zu deren Kindern hatte er keinen Kontakt. Er war schon als Knabe ein Einzelgänger, er schloss nicht so schnell Freundschaften. Wer aber einmal seine Freundschaft errungen hatte, der konnte sich auf ihn verlassen, für diesen Menschen ging er durchs Feuer. Schon in seiner Kindheit hasste er Lügen, Verrat und Ungerechtigkeit. Er nahm alles so schwer, wenn andere in einer Situation mit einem Lächeln reagierten und dann zur Tagesordnung übergingen. Es fiel ihm sehr schwer, Tritt zu fassen. Er war ständig schlechter Laune und benahm sich so abweisend, dass keiner dieser Knaben oder der Lehrer ihm zu nahe traten. Der Lehrer war, wie die meisten und besten Lehrer Roms, ein ehemaliger griechischer Sklave namens Stefanos.

Bevor Stefanos mit dem Unterricht begann, mussten die Knaben ihre Namen nennen, und so erfuhr Gaius, dass noch ein Valerius Gracchus, Titus Scaevola und Julius Silva zusammen mit Markus Tarquinius eingeschult worden waren. Genau wie seine Familie gehörten auch die Familien dieser Knaben zu den ersten Familien Roms, wollten aber, dass ihre Söhne in einer öffentlichen Schule unterrichtet wurden. Zudem waren sie mit der Familie Flaminius eng befreundet, und die jeweiligen Eltern achteten darauf, dass ihre Söhne zusammen zur Schule gingen.

Auf einer dünnen Holzplatte, die mit Wachs überzogen war, lernten sie Schreiben. Mit einem Griffel ritzten die Knaben mühsam Buchstaben für Buchstaben in das Wachs. Gleichzeitig lernten sie Lesen und wenn das Geschriebene und Gelesene nicht mehr benötigt wurde, konnten sie mühelos die Worte entfernen und neue anbringen. Wichtige Briefe und Dokumente indessen wurden auf Papier angefertigt und mit schwarzer, gut haltbarer Tinte geschrieben, die aus einer Mischung aus Ruß von Holzfeuern, Essig und klebrigem Harz bestand. Zusätzlich legte Stefanos noch Papyrusrollen zum Lesen bereit. Dabei las er im Stehen, weil diese Rollen zehn Meter lang waren, und es erforderte einiges Geschick, aus diesen Rollen etwas vorzulesen. Zur Vereinfachung konnte er mit einem kleinen Stock die zum Vorlesen benötigte Stelle abrollen. Zum Rechnen- lernen benutzten die Knaben dann wieder die mit Wachs überzogene Holzplatte. Gaius langweilte sich jeden Tag mehr, da er schneller als die anderen lernte. Tatsächlich war er in der Schule unterfordert.

Stefanos schaffte es spielend, den Ehrgeiz der anderen Jungen zu entfachen, und mit der Zeit lernten die anderen Knaben auch leichter. Gaius benahm sich weiterhin abweisend. Die vier waren schon Freunde geworden und ließen ihn nach mehreren Versuchen, mit ihm Freundschaft zu schließen, in Ruhe. Nach mehreren Tagen spürte Gaius, dass er so nicht weitermachen konnte. Er hätte gerne näheren Kontakt, hatte aber keine Ahnung, wie er eine Kontaktaufnahme herbeiführen könnte. So wurde er noch mürrischer und abweisender und wenn er die vier lachen und albern sah, gab es ihm einen Stich ins Herz. Er bekam sehr schnell mit, dass sich die Knaben gegenseitig nach Hause einluden, was ihn im Grunde seines Herzens sehr schmerzte. Noch mehr wurde ihm bewusst, dass er mit seinem Benehmen das Verhalten der anderen derart beeinflusst hatte, dass sie ihn ausschlossen. Stefanos, der Gaius öfter prüfend ansah, spürte die innere Zerrissenheit und das Leiden des Jungen, wollte ihm helfen und wusste nicht, wie. Gaius ließ niemanden an sich heran, blockte noch mehr ab, stand sich selbst im Weg.

Gaius ging immer weniger gern in die Schule, für ihn war das eine einzige Qual. Er überlegte sich ernsthaft, ob er überhaupt noch dorthin gehen sollte, und so eröffnete er eines Tages seinen verdutzten Eltern: »Nur damit ihr es wisst, ich gehe nicht mehr in die Schule!«

»So«, meinte sein Vater nach einem längeren, ungemütlichen Schweigen schließlich, »und warum nicht, wenn wir fragen dürfen?«

»Es gefällt mir nicht, ich weiß schon alles, was der Lehrer uns erzählt, und zu den anderen Knaben habe ich keinen Kontakt, sie wollen nichts von mir wissen!«

»Überlege doch mal«, sagte nun seine Mutter, »du weißt doch selbst, warum sie keinen Kontakt zu dir haben. Du hast doch alle Versuche, mit dir ins Gespräch zu kommen, abgeblockt!«

Gaius musste verschämt eingestehen, dass er das durchaus selbst wusste.

»Und wie stellst du dir das weiterhin vor?«, fragte sein Vater, wohlwissend, was Gaius ihm antworten würde.

»Wir haben doch Geld für einen Privatlehrer«, beharrte Gaius.

»Ich glaube, das haben wir schon oft genug durchgekaut!«, meinte sein Vater barscher als beabsichtigt. »Du wirst weiterhin in die öffentliche Schule gehen. Und du wirst dir Gedanken machen müssen, wie du dein Verhältnis zu deinen Schulkameraden einigermaßen zum Positiven ändern kannst. Wir selbst haben uns schon viele Gedanken darüber gemacht und uns überlegt, wie wir dir dabei helfen können. Du kannst uns jederzeit um Hilfe bitten, aber jetzt bist vor allen Dingen du gefordert. Jetzt kommt es nur auf dich an, ob du den Dingen ihren Lauf lassen willst oder ob du deine Situation ändern willst! Wie schon gesagt, du kannst uns jederzeit um Hilfe bitten«.

Du bist nicht mein Vater, du hast mir gar nichts zu sagen!, wollte Gaius hochfahren, schluckte aber diese Gemeinheit gerade noch hinunter, nach einem Blick in die Gesichter seiner Eltern. Auch wäre das gute Verhältnis zu seinem Stiefvater nicht mehr so gewesen und die Mutter wäre bestimmt sehr betrübt darüber geworden. Sein Gesicht brannte vor Wut. In seinem Zorn bemerkte er gar nicht, wie sehr sein Stiefvater ihn mochte und wie sehr seine Mutter und dieser ihm helfen wollten. Und doch wusste er, dass sie recht hatten, und fühlte sich unverstanden, sogar verraten.

So stapfte er weiterhin verdrossen in die Schule und zermarterte sich das Gehirn, wie er zu den anderen Kontakt aufnehmen könnte. Die Knaben machten sich um ihn keine weiteren Gedanken mehr, es war offensichtlich, dass Gaius nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Dass er eine Änderung herbeiführen wollte, bemerkten sie nicht. Als die ganze Geschichte festgefahren schien, kam überraschend die Wende. Eines Tages stiefelte Gaius missmutig und schlechtester Laune von der Schule nach Hause, als er ein bösartiges Knurren vernahm und fast gleichzeitig in seinem Rücken einen furchtbaren Schmerz verspürte. Er war von einem großen Hund angefallen worden, der sich in ihn richtig verbiss und ihn ziemlich schwer verletzte, ja er verlor sehr viel Blut und wäre beinahe verblutet.

Das Bewusstsein schwand ihm, und als er wieder zu sich kam, lag er in seinem Bett; er verspürte immer noch Schmerzen. Um sein Bett herum standen seine vier Schulkameraden und seine Mutter erklärte ihm, sie hätten den Hund mit Prügeln verjagt, ungeachtet der Gefahr für sie selbst, und einen Arzt gerufen, der ihn nach der Behandlung nach Hause brachte. Der Hund selbst, von dem niemand wusste, wem er gehörte, wurde daraufhin von einigen Römern erschlagen, da er schon öfter Kinder angefallen hatte. Aber nie kam es zu derartigen Verletzungen, wie sie Gaius davongetragen hatte. Gaius war sprachlos, einerseits vor Schmerz und andererseits vor Scham. Die Tränen rannen ihm übers Gesicht, er wollte nicht weinen, aber er konnte nicht anders. Die Knaben grinsten ihn hilflos an, bemerkten seine Verlegenheit, doch war der Bann endlich gebrochen. So jung sie waren, ahnten sie, was in ihm vorging, und verstanden ihn auch ohne viele Worte. Sobald er wieder aufstehen konnte, besuchte er mit einem kleinen Geschenk jeden Einzelnen der vier und es entstand eine feste Freundschaft. Er trennte sich von Spielzeug, das ihm besonders am Herzen lag, um somit den vieren seine Wertschätzung zu zeigen. Sein Stiefvater Julius schenkte ihm nach seiner vollständigen Gesundung ein Pony, das er »Odysseus« nannte. Eine längliche Narbe an seinem Rücken erinnerte ihn, besonders bei schnellen Wetterwechseln, an den Tag, an dem er beinahe hätte sterben müssen.

Gaius ging auf einmal gerne zur Schule, wusste er doch, dass die vier auf ihn warteten. Stefanos, der Lehrer, bemerkte mit Freuden, dass Gaius umgänglicher geworden war, dass er nach ihrer großartigen Hilfe in ihren Kreis aufgenommen worden war, dass die fünf zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden waren. Und endlich lud er Markus, Valerius, Titus und Julius zu sich nach Hause ein. Nicht nur der Lehrer, auch seine Eltern hatten mit Besorgnis verfolgt, wie der Junge sich plagte und keinen Kontakt zu seinen vier Schulkameraden bekam. Umso mehr freuten sie sich, dass er sich geändert hatte, er war zwar nicht so fröhlich wie die Jungen, mit denen er zur Schule ging, aber er wirkte nicht mehr so unnahbar. Er hatte durchaus Humor, aber es dauerte lange, bis er herzhaft lachen konnte. Wenn seine Mitmenschen sich vor Lachen bogen, saß er mit erstauntem Gesicht dabei, sich fragend, was da wohl so lustig sein sollte. Er sollte bis nach der Varusschlacht im Teutoburger Wald ernst, aber nicht missmutig sein, und ihn umgab immer etwas Geheimnisvolles. Dies und seine Zurückhaltung machten ihn später als jungen Mann für die Damenwelt sehr anziehend. Auch überlegte er immer sehr lange, wog ab und verwarf seine Gedanken wieder, die er so manches Mal offen im Gesicht trug. Das ließ ihn immer wieder böse Überraschungen erleben.

Sein Bruder Lucius, der ihm äußerlich so sehr ähnelte, war im Wesen das genaue Gegenteil. Er konnte es kaum erwarten, mit sieben Jahren eingeschult zu werden, im Gegensatz zu Gaius. Er suchte den Kontakt zu gleichaltrigen Knaben und freute sich auf seinen ersten Schultag. So hatte er bald seine vier Schulkameraden auf seine Seite gezogen. Er war immer lustig und humorvoll, führte kecke Reden und war zu derben Streichen besonders Mädchen gegenüber aufgelegt, die manches Mal weit über das Maß des guten Geschmacks hinausgingen. Die Schulkameraden wussten nie, was ihm als Nächstes an Streichen, die hauptsächlich darin bestanden, den Unterricht zu verzögern, einfiel. Der Lehrer der öffentlichen Schule, die er besuchte, und die Väter der Mädchen, denen er seine Streiche spielte, tauchten abwechselnd immer wieder bei den Eltern auf und bald war Lucius in ganz Rom bekannt.

Als jungen Mann mussten ihn Gaius oder die Eltern immer wieder aus misslichen Situationen pauken. Meistens ging es um Mädchen, obwohl auch er schon Virginia, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, fest versprochen war. Die Eltern und Gaius machten ihm klar, dass er fortan selbst schauen sollte, wie er klarkäme, sie würden keinen Finger mehr für ihn rühren. Aber auch das brachte ihn nicht zur Besinnung, bis er einmal vom Verlobten eines Mädchens, mit dem er sich sehr intensiv beschäftigte, Prügel bezog. Daher weinte sich bis dahin so manches Mädchen und Virginia selbst seinetwegen die Augen aus. Es war unglaublich, dass Geschwister so verschieden sein konnten.

5. Kapitel

Gaius war nun elf Jahre alt, sein Leben spielte sich zwischen Schule, Elternhaus und Besuchen bei seinen Freunden ab, von seiner Mutter hatte er sich innerlich schon abgenabelt. Die Schule langweilte ihn immer noch, er ließ sich das aber nicht anmerken. So hatte er viel Zeit, trieb sich bei den Soldaten am Marsfeld herum und sehnte die Zeit herbei, selbst zum Militär zu gehen. Sein Interesse um das Tagesgeschehen war noch nicht sehr ausgeprägt, dazu war er einfach noch zu jung. Aber wenn er etwas wissen wollte, hielt er sich beim Forum Romanum auf, besonders wenn Markt war.

In der Zeit von 616 bis 510 vor Christus herrschten in Rom drei etruskische Könige, die maßgeblich zum Aufbau der Stadt beitrugen und das Stadtbild veränderten. Aus einem riesigen Heerlager wurde eine »elegante« Stadt. Im Laufe dieser etwas mehr als 100 Jahre legten diese Könige Sümpfe trocken, bauten und pflasterten Straßen. Der Bau des Forum Romanum sowie der Kloaka Maxima fiel in diese Zeit. Die Kloaka Maxima war ein ausgeklügeltes System unterirdischer Kanäle zur Abwasserbeseitigung. Dort unten konnten erwachsene Männer aufrecht gehen und mühelos ein Pferdefuhrwerk durchfahren.

Das Forum Romanum sollte der Mittelpunkt der Stadt und der Welt werden. Hier wurden nicht nur Waren und Sklaven aus aller Herren Länder ge- und verkauft, es war auch Umschlagplatz für Nachrichten, Neuigkeiten und Gerüchte aus allen Bereichen des menschlichen Lebens. Die Via Sacra, die älteste und heilige Straße, wiederum bildete das Zentrum des Forums. Immer wieder bauten die Römer nach Feuersbrünsten ihren zerstörten Marktplatz wieder auf und er wurde in den Zeiten der Republik durch Tempel und kurz vor Anbruch und während der Kaiserzeit durch Triumphbögen erfolgreicher Feldherren und mehr oder weniger erfolgreicher Kaiser erweitert. Bis zum Zusammenbruch des Imperiums spielte sich hier das öffentliche Leben ab.

Eines Tages rempelte Gaius jemand an, es geschah wirklich nur aus Versehen. Gaius fuhr herum und starrte in die hellblauen, stechenden Augen eines blonden Jungen, der nur wenige Jahre älter war als er. Das Gesicht des Jungen war gut geschnitten. Am Kinn hatte er eine kleine, etwas längliche Narbe.

»Kannst du nicht aufpassen, wo du hintrittst!«, fauchte Gaius.

Der Knabe gab sich keineswegs zerknirscht: »Pass doch du selber auf!«, blaffte er zurück.

»Na hör mal, du hast doch mich angerempelt!«, fuhr Gaius ihn an.

»Stell dich nur nicht an und sei nicht so zimperlich«, fauchte der Knabe wieder, »du lebst ja noch!«

Gaius wollte ihm schon an die Kehle springen, als wie durch Zufall sein Vater Julius auftauchte, ihn am Arm packte und schnell wegschob. »Leg dich nicht an mit ihm, er ist ein Fürstensohn aus Germanien, lass ihn in Ruhe!«

Gaius war es nicht ganz zufrieden und spürte das hämische Grinsen des anderen in seinem Rücken. Der Vorfall beschäftigte ihn noch eine Weile und er tat das Beste, was er tun konnte, er vergaß ihn.

So kam es einige Jahre später, dass sich bei einem der Besuche seiner Schulkameraden seine schöne Schwester Antonia und Valerius Gracchus ineinander verliebten. Zunächst einmal verhielten sich beide abwartend, aber es war offensichtlich, dass sie sich gerne sahen. Antonia war zwar kurz nach ihrer Geburt dem Sohn eines weitläufigen Verwandten versprochen worden, die Eltern mussten aber bei ihrer Rückkehr nach Rom feststellen, dass der Knabe an römischem Fieber gestorben war. Dann hatten die Eltern so viel zu tun, dass sie gar nicht dazu kamen, für Antonia einen geeigneten Ehemann zu suchen. So sahen sie es gerne, dass einer der Schulkameraden von Gaius sich sehr für das Mädchen interessierte.

Gaius selbst stand Mädchen eher gleichgültig und abwartend gegenüber. Wenn andere Jungen seines Alters mit ihren ersten Erlebnissen angaben, wusste er nichts damit anzufangen. Er wusste, dass er und Lucilla Caelius einander versprochen waren, und hatte das Mädchen auch einige Male gesehen. Sie war nur ein Jahr jünger als er, ihre jeweiligen Eltern besuchten sich oft gegenseitig. Schließlich waren sie Nachbarn und die Kinder sollten sich kennen lernen, ob sie einander liebten, war nicht so wichtig, das würde sich schon noch ergeben. Gaius selbst konnte sich nicht vorstellen, dieses Mädchen zu heiraten, sie war schon als Kind schön, aber oberflächlich. Ihre Gedanken kreisten nur um sich selbst sowie um die neueste Mode und Frisuren, und alles in allem benahm sie sich mehr als albern und affektiert. Bei ihrem ersten Kennenlernen maßen sie sich mit bitterbösen Blicken, beide ihre Abneigung nicht verbergend; es waren wirklich keine guten Voraussetzungen für eine Eheschließung.

6. Kapitel

Ganz Rom war auf den Beinen, obwohl es noch nicht hell war. Augustus bestellte zu früher Morgenstunde die Senatoren in das Senatsgebäude. Diese wurden allerdings nichts mehr gefragt, alles war schon entschieden. Augustus regierte mittlerweile so selbstherrlich, dass er den Senatoren nur noch seine Pläne, neue Gesetze oder deren Änderungen mitteilte, und alles, was Augustus befahl, wurde schnellstens in die Tat umgesetzt. Um die Mittagszeit wussten alle Römer Bescheid. An den Wänden ließ Augustus seinen Plan, eine Volkszählung im gesamten Reich durchzuführen, aushängen. Es wurden Freiwillige gesucht, die als Boten in die Provinzen des Reiches geschickt werden sollten. Sollte sich niemand dazu freiwillig melden, würde einfach eine bestimmte Anzahl Männer den Befehl dazu erhalten. Die Römer diskutierten lang und breit Schaden oder Nutzen dieser Volkszählung. Julius Flaminius kam erregt nach Hause.

»Stellt euch mal vor«, keuchte er atemlos, »Augustus will eine Volkszählung im ganzen Reich durchführen!«

Gaius war mittlerweile 15 Jahre alt und interessierte sich sehr für die Vorgänge, die Rom betrafen. Und die Volkszählung war Tagesthema, nicht nur im Hause Flaminius. Am Forum Romanum oder in den öffentlichen Bädern trafen sich alle, die etwas Neues erfahren wollten. »Wenn ich doch nur schon älter wäre«, seufzte Gaius, »dann wäre ich als Bote in eine unserer Provinzen geritten und hätte denen klargemacht, dass sie zu zählen sind.«

»Nun«, meinte Julius Flaminius und blickte Gaius prüfend an, »ich bin einer der Boten. Augustus hat mich auserwählt, ich soll mit einigen Freunden nach Palästina reisen und ihnen die Meldung über die Volkszählung überbringen. Er sucht aber noch nach Boten, es haben sich nicht so viele freiwillig gemeldet.«

»Meinst du, die Juden werden von dieser Volkszählung begeistert sein?«, fragte Lukretia zurück. »Soviel ich weiß, sind die Juden in den letzten Jahren immer etwas aufsässig und aufmüpfig gewesen, das passt ihnen ganz gewiss nicht.«

»Ob denen das passt oder nicht«, meinte Gaius lakonisch, »die haben gar keine andere Wahl als, die Befehle des Augustus anzunehmen.«

»Das glaube ich auch. Herodes, Palästinas König, wird gar nichts anderes übrigbleiben, als sein Volk auf die Volkszählung einzustimmen«, meinte Julius. »Er ist König von Augustus’ Gnaden, sie nennen ihn übrigens ›den Großen‹, und er ist beim Volk absolut nicht beliebt. Dort unten gehen aber seltsame Reden um: Sie sollen das auserwählte Volk eines einzigen Gottes sein und dieser Gott soll einen Führer schicken, den sie Messias nennen, der sie befreien soll. Die Juden sehen in dieser Befreiung die Abschüttelung römischer Herrschaft. Mir haben das altgediente Soldaten erzählt, die dort unten Dienst getan, und Händler, die dort ihre Geschäfte getätigt haben. Sie sind alle gern wiedergekommen, keiner hat sich darum gerissen, in dieses Land geschickt zu werden. Für die meisten Soldaten ist der Dienst dort eine Strafe. Ich selbst bin auch nicht gerade begeistert von Palästina. Muss ich ausgerechnet in dieses Land fahren, jedes andere Land wäre mir lieber als dieses. Aber Befehl des Augustus ist nun mal Befehl. Dagegen kann ich mich nicht auflehnen. Dabei geht es den Juden gar nicht so schlecht. Sie haben uns öfter unterstützt und das Wohlwollen römischer Machthaber errungen.«

»Gibt es nicht in Rom eine kleine jüdische Gemeinde?«, schaltete sich nun sogar Gaius’ Schwester Antonia ein, die diesem Gespräch bislang schweigend zugehört hatte.

»Nun ja«, meinte Julius, »sie wollen nichts von uns Römern und auch anderen hier lebenden Menschen wissen, gerade ihrer Religion wegen. Augustus lässt sie gewähren, da sie nicht gegen unsere Gesetze verstoßen und nur in Ruhe gelassen werden wollen.«

Lucius saß schweigend in dieser Runde, sah mit großen Augen von einem zum anderen, und wenn er sonst seine zumeist bissigen Kommentare abgab, so ließ er jetzt kein Wort verlauten.

Die Boten machten sich auf den Weg, Julius Flaminius hatte eine der beschwerlichsten Reisen vor sich. Er und drei ausgewählte Freunde, es waren die Väter der Schulkameraden seines Adoptivsohnes Gaius – Fabius Scaevola, Marius Silva und Antonius Gracchus – nahmen Pferd und Wagen, reisten nach Brundisium (Brindisi), nahmen dort eine Galeere und schifften sich nach Palästina ein, sorgenvoll von Lukretia verabschiedet. »Wenn ich doch nur mitkönnte, es fehlen doch noch Boten, ich bin alt genug, als Bote mitzufahren«, seufzte Gaius mit blitzenden Augen ein ums andere Mal.

»Das fehlte mir gerade noch, dass ich mich um dich auch noch sorgen müsste! Musst du nicht noch etwas für die Schule lernen? Also ab mit dir an deine Schularbeiten«, schob sie ihn mit einem liebevollen Klaps auf die Schulter ins Haus zurück. Gaius hatte nur noch ein Jahr Schule vor sich und er hatte das Gefühl, dieses Jahr wollte kein Ende nehmen. Er war nun ein Jüngling geworden, die Züge seines weichen Kindergesichts verloren sich mehr und mehr und seit ein paar Tagen rasierte er sich. Es deutete sich sein gutes Aussehen an und nun begann er, sich auch für Mädchen zu interessieren.

Die Reise seines Vaters nach Palästina war lang und gefährlich. Egal, ob sie zu Land oder mit der Galeere reisten. In diesen Tagen war Reisen immer lebensgefährlich. Auf dem Land trieben Diebesbanden und auf dem Mittelmeer Piraten ihr Unwesen. Julius Flaminius und seine Männer gingen in Cäsarea an Land und wurden im Haus des Statthalters Quirinius untergebracht. Dieser wies seine Landsleute auf den zu erwartenden Widerstand des Herodes und der jüdischen Bevölkerung hin.

Der Statthalter klärte sie über Herodes auf. Auch hier wurde gelogen, betrogen, intrigiert und um der Macht willen gemordet. So hatte Herodes viele seiner Verwandten umbringen lassen. Herodes saß zwischen allen Stühlen, er musste wohl oder übel die Römer als Besatzungsmacht akzeptieren. Seinem Volk gegenüber musste er die Ablehnung der Römer bekunden. Und im Grunde seines Herzens mochte er sie auch nicht, dennoch versuchte er, sich mit diesen zu einigen, hatten sie ihm doch vor Jahren den Thron Judäas gegeben und ihn als König über das Land eingesetzt. Dabei waren die Gebietsansprüche der Ägypterin Cleopatra abgeschmettert worden.

Nach einigen Tagen Ausruhen mussten sie sich zu einer Privataudienz bei König Herodes nach Jerusalem begeben. Einer der engsten Vertrauten des Statthalters begleitete sie. Auf ihrem Ritt dorthin bemerkten sie, dass dieses Land ein heißes, dürres, ausgetrocknetes Land war, und sie begegneten Einheimischen, die sie feindselig oder resigniert ansahen. Die Armut dieser Menschen war erschreckend, was man auch an ihren Behausungen erkennen konnte. Die römischen Reiter fühlten eine Scheu und Verlegenheit diesen Menschen gegenüber und vermieden es dann, ihnen in die Augen zu sehen; sie konnten selbst nicht sagen, woher dieses Verhalten ihrerseits rührte.

Im Palast des Herodes warteten sie ziemlich lange in einem Vorraum, bis sie endlich vorgelassen wurden. Neugierig schauten sie sich im Königspalast um, die ganze Einrichtung war orientalisch.

»Was ist das für eine Art, uns so lange warten zu lassen«, murrte Fabius. »Nun, bedenke, dass die Juden uns nicht mögen, und dies ist vielleicht ein Zeichen des Herodes, uns seine Missachtung zu zeigen«, grinste Julius. Er wusste ja gar nicht, dass er mit dieser Äußerung die Wahrheit aussprach. Endlich ließ sich Herodes herab und empfing die Römer. Schon auf der Reise hierher hatten sie versucht, sich Herodes vorzustellen, wie er wohl aussah. Nun standen sie einem alten Mann gegenüber, an dem sie Krankheiten, aber auch Laster und Ausschweifungen erkennen konnten, obwohl sie ihn das erste Mal zu Gesicht bekamen. Eine Weile maßen sie sich schweigend, abschätzend. Herodes bot ihnen keine Erfrischung und keinen Platz an, er ließ sie stehen, was einer ungeheuren Beleidigung gleichkam. Mühsam beherrschten sich die Römer und ließen sich ihren Zorn nicht anmerken, sie waren über die Mentalität des Herodes informiert worden.

»Nun, was führt die römische Delegation hierher?«, fragte eine brüchige Stimme.

»Ich bin Julius Flaminius! Meine Männer und ich kommen im Auftrag des göttlichen Augustus. Im gesamten Reich soll eine Volkszählung durchgeführt werden. Wir sind hier, um dir diesen Befehl zu überbringen«, begann Julius Flaminius als Sprecher der Abordnung. Wie zu erwarten, stießen die Römer auf erbitterten Widerstand.

»Einer Volkszählung in meinem Herrschaftsbereich kann ich nicht zustimmen!«, kreischte die Altmännerstimme. »Das bedeutet die Unterbrechung des öffentlichen Lebens, der Religionsausübung und des Handels. Ein jeder Jude muss die Stadt, in der er zum jetzigen Zeitpunkt wohnt, verlassen und in der Stadt seiner Väter zur Zählung erscheinen. Wisst ihr eigentlich, was das in meinem Land hervorbringen könnte? Aufruhr und Rebellion!«

Die Römer waren sprachlos. Obwohl sie mit Widerstand gerechnet hatten, wagte es tatsächlich einer, der auch noch von Gnaden der Römer König war, sich diesen zu widersetzen.

»Du weigerst dich, du willst dich uns widersetzen! Ich möchte nicht nach Rom zurückkehren, um Augustus über deinen Unwillen zu berichten. Denke nach, Herodes, was das für dein Land und dein Volk bedeuten könnte, wenn du dich Rom widersetzt. Du hast keine andere Wahl, als den Befehl des Augustus anzunehmen!«, begann Julius schneidend. Er wollte ihm nicht mit Gewalt von Seiten der Römer drohen und das würde auch nicht notwendig sein. Herodes verzog gequält das Gesicht.

»Dann teile Augustus mit, dass ich einverstanden bin. Er soll seine Volkszählung in meinem Reich bekommen.«

Die Römer unterließen es, ihn darauf hinzuweisen, dass Palästina römischem Herrschaftsbereich unterstand, wunderten sich aber, dass Herodes so schnell klein beigegeben hatte. Auch wenn er körperlich sehr krank war, sein Geist war noch ziemlich rege und so wusste er schon bei seinem Widerspruch, dass er wirklich keine andere Wahl hatte, und Endlosdebatten mit den Römern hätten ihm nichts geholfen. Im Übrigen hätten sich diese auch auf keine Debatten mit ihm eingelassen.

Bei ihrer Ankunft in Cäsarea erzählten sie Quirinius, wie es ihnen bei Herodes ergangen war. Quirinius grinste ein ums andere Mal. Das habe er schließlich erwartet, war aber erfreut, dass es seinen Landsleuten so schnell gelungen war, Herodes von der Volkszählung zu überzeugen.

Nach Bekanntwerden des Aufrufs zur Volkszählung kam es wie erwartet beim jüdischen Volk zu Tumulten. Die Juden hielten die Volkszählung für einen Trick der Römer, um die Steuern erhöhen zu können. Wenn erst die richtigen Bevölkerungszahlen des Reiches bekannt waren, konnte Rom an eine effektive Steuereintreibung denken, was im Grunde der Wahrheit entsprach.