Die Lohensteinhexe, Teil V - Kristian Winter (winterschlaefer) - E-Book

Die Lohensteinhexe, Teil V E-Book

Kristian Winter (winterschlaefer)

0,0

Beschreibung

Daniel Titius gelingt es unter Fürsprache der edlen Beatrice von Ringfeld am Hofe des Markgrafen Gero von Düren Fuß zu fassen. Aufgrund der nunmehr vergangenen Ereignisse geläutert, ist er zum erbitterten Gegner jeglicher Hexenprozesse geworden und setzt fortan all seine Kraft ein, diese zu verhindern. Dabei legt er sich mit mächtigen Gegnern an und gerät bald in tödliche Gefahr. Er ahnt jedoch nicht, dass er auch hier dem Schatten seiner Vergangenheit nicht entrinnen kann. Marie Schneidewind scheint unsterblich und lässt ihn nicht mehr los. Sie hat derweil ganz andere Pläne, die sie auch mit aller Macht durchzusetzen sucht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kristian Winter (winterschlaefer)

Die Lohensteinhexe, Teil V

Der ewige Fluch

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Der ewige Fluch

Der ‚Dauphin‘

Stilles Leiden

Das Bekenntnis

Im Bann der Lust

Die Konfrontation

Impressum neobooks

Vorwort

Liebe Leser,

nachdem mich mehrere Briefe erreichten mit dem Bemerken, dass ein solches Ende nicht akzeptabel sei, bin ich noch einmal in mich gegangen und habe festgestellt, dass das Thema offenbar doch noch nicht ausgereizt ist. Also habe ich mich entschlossen, der Sache ein ‚würdiges‘ Ende zu geben, wobei ich jedoch schon wieder merke, dass es länger als beabsichtigt wird. Es wird also so was wie eine zweite Staffel folgen. Darum immer mal reinsehen. Ich werde in der Folge weitere Teile einstellen, sobald ich sie fertig habe. Über den Umfang kann ich noch keine Aussage treffen.

Mit besten Grüßen, Kristian Winter

Der ewige Fluch

Zwei Jahre nach den geschilderten Ereignissen treffen wir Daniel Titius in der ritterlichen Residenz des von Gottes Gnaden ernannten Herrn zu Lauenburg, Markgraf Gero, Fürst zu Minden und Camin und residierenden Commendator zu Düren wieder. Er hat dort unlängst eine Anstellung als ‚ordentlicher Obmann‘ gefunden und verfügt seither über die geachtete Position eines amtlichen Assessors.

Das erscheint umso verwunderlicher, zumal er nach seinem Fortgang von der Wendenburg jeden Halt zu verlieren drohte und sich schon an einem Baum aufknüpfen wollte. Da der Ast aber gebrochen war und er außer ein paar Blessuren nichts davontrug, deutete er es als ein ‚Zeichen‘ und ließ von weiteren Versuchen ab.

Nach einer Zeit ziellosen Umherirrens, durchsetzt von Zechgelagen, Hasardspiel und der Gesellschaft schamloser Weiber, geschah das Unglaubliche. Man bestellte ihn vor den städtischen Rat, wo er nach einer kurzen Einführungsphase ohne die nötige Proberelation bald in dieses Amt gehoben wurde.

Auch wenn das unter den dortigen Bediensteten große Verwunderung bis hin zu mancherlei Verärgerung auslöste, wagte niemand, dagegen zu intervenieren. Vielmehr begegnete man ihm mit gestelltem Wohlwollen, aber auch Vorsicht.

Sickerte doch schnell durch, dass er in der Gunst der edlen Beatrice von Ringfeld stand, die sich ihm aus irgendwelchen Gründen verpflichtet fühlte. So soll sie sich persönlich beim Markgrafen für ihn verwandt haben, obgleich sie – wie man sagte - nicht mehr recht bei Sinnen war.

Ganz in schwarz gekleidet, würde sie ihre Kammer nie verlassen und ihr Gesicht stets mit einem Schleier verhüllen. Noch niemand habe sie näher zu sehen bekommen. Das wiederum nährte die wildesten Spekulationen, sie litte unter einer schweren Entstellung, wäre blatternvernarbt bis hin zur Behauptung, sie sei womöglich gar kein Weib.

Schon deshalb erschien diese Fürsprache mehr als verdächtig. Und da auch er zu mancherlei Absonderlichkeiten neigte, die ihn bisweilen nicht recht bei Sinnen erscheinen ließ, stellte man schnell Parallelen her.

So erschien er zum Bespiel oftmals unrasiert und mit zerknitterten Gamaschen und erfüllte somit schon rein optisch nicht die Attribute eines Obmanns. Auch trug er oft anstelle des weißen Seidentuches mit der silbernen Brosche, was ihn als ordentliches Ratsmitglied auswies, nur einen grob verknoteten Filzschal. Zudem hüllte er sich nur gelegentlich in den Talar und auf das purpurne Barett verzichtete er ganz.

Am Verwunderlichsten aber war sein offen zu Schau getragener Gleichmut. So pfiff er auf alle Konventionen, wirkte stets aufgekratzt und tat für das allgemeine Rechnungswesen nur das Nötigste.

Sobald er sich aber mit dem Problem der Hexerei beschäftigte, entwickelte er einen ungeahnten, geradezu krankhaften Eifer. Das wurde bisweilen so schlimm, dass er sich manchmal unter der Last der inneren Anspannung in den Finger biss oder mit einem Male zu lachen begann, einmal sogar so laut, dass ein erschrockener Beamter herbeigeeilt kam. Nur mit Mühe konnte er den besorgten Mann beruhigen, auch wenn er genau spürte, in welcher Verwirrung er ihn zurückließ.

Was jedoch niemand wusste - er litt unter diesem Zustand, der für ihn sehr qualvoll war und ihn noch ruinieren würde. Aber von der Obsession einer grundlegenden Nivellierung der Hexerei beherrscht, die für ihn einer Verwissenschaftlichung des Unwissens gleichkam, konnte er nicht anders, als seinen Protest dagegen in aller Form zu bezeigen.

Hinzu kamen Bilder aus der Vergangenheit, die gleich einer Mahnung urplötzlich vor ihm auftauchten, einmal sogar so deutlich, dass er darüber erschrak und ein Tintenfass danach warf. Erst der Fleck an der Wand brachte ihn wieder zur Besinnung.

Dabei ahnte er längst die Ursache. Obgleich nunmehr schon ein Jahr vergangen war, verfolgte sie ihn immer noch. Dabei wurden seine Gedanken und Träume von der quälenden Frage beherrscht, ob sein Fortgang ohne Abschied wirklich rechtens war und ob sie das, was sie danach tat, auch im Falle seines Bleibens getan hätte?

Längst war er zu der Überzeugung gekommen, dass sie zu jener Art Frau gehörte, deren Außergewöhnlichkeit sie unberechenbar machte. Niemals konnte man sich ihrer sicher sein. Denn wer die Kälte im Herzen allein durch Charme und Liebenswürdigkeit derart zu überspielen versteht, dass selbst der dahinter lauernde Vorteil unbemerkt bleibt, ist schon mehr als ausgekocht. Der muss seine Emotionen völlig beherrschen, dass kein Raum für ein Herz bleibt, obgleich sie gerade das immer zu zeigen verstand.

Warum er sie dennoch nicht hasste, konnte er nicht erklären, aber selbst wenn, hätte er es wohl kaum akzeptiert. Befand er sich doch damals in einem Zustand der Tollheit, der ihn dazu brachte, selbst die ungeheuerlichsten Dinge für sie zu begehen.

Ja, er hatte diese Frau geliebt, liebte sie bis zur Raserei und fühlte sich vielleicht gerade deshalb jetzt missbraucht und weggeworfen wie ein alter Lappen. So was war ihm noch nie passiert und hatte sein Selbstverständnis schwer beschädigt. Folglich war ihm jede Erinnerung an diese Leidenschaft zur Qual geworden, deren er sich bis zu Tränen schämte.

Es hatte lange gedauert, bis er sich wieder fing. Danach bemühte er sich, das Ganze zu vergessen. Zwar war es ihm noch nicht gelungen, aber er verspürte keinen Hass mehr. Er vermochte jetzt unvoreingenommener und vor allem gerechter über sie zu urteilen und begann zu begreifen, dass er für sie nur eine Figur in einem Spiel gewesen war. Zwar hatte sie ihm ein weiteres Mal das Leben gerettet, doch auch das nur wegen ihres Vorteils.

Dennoch hatte sie etwas, was einen solchen Eindruck auf ihn machte, dass er sie manchmal zum Teufel wünschte, im selben Moment jedoch schon wieder um sie sorgte. Dabei vermisste er sie jeden Tag, auch wenn er dieses Gefühl als Irritation, als quälendes Rudiment einer ‚Sinnestäuschung‘ abtat. Im Herzen fühlte er anders.

Niemals wurde ihm das schmerzlicher bewusst, als in jenem Moment, da ihn die Nachricht von ihrem Tod erreichte.

Demnach soll kein Geringerer als Marschall Tilly die Stadt mit seinem Heer geschliffen und geplündert haben, nachdem man ihm zuvor das Winterquartier verweigert hatte. Kaum ein Haus, das nicht verwüstet oder in Brand gesteckt, kaum ein Weib, das verschont wurde.

Die meisten Ratsmitglieder wurden erschlagen oder zur Belustigung der aufgebrachten Menge aus den Fenstern geworfen, in Jauche gesuhlt und danach mit Tritten zum Richtplatz befördert, darunter auch Amtmann Kunze und Kunibert. Letzterem band man noch in demütigender Weise ein Schild um den Hals mit der Aufschrift ,misera limus‘, was nichts anderes als elender Schmutzfink bedeutet, bevor er auf dem Marktplatz öffentlich enthauptet wurde. Nicht besser erging es dem Kunze, dem man beide Hände abhackte und ans Stadttor nagelte.

Maries Spur hingegen verlor sich im Nichts. Niemand wusste etwas über ihren Verbleib zu sagen. Doch war angesichts dieser Umstände ihr Überleben kaum wahrscheinlich.

Als er sich dessen bewusst wurde, ließ ihn das erstaunlicherweise völlig kalt. Sagte er sich doch, dass jemand wie sie gar nicht sterben könne, da sie immer einen Weg fände, durch irgendeine Teufelei wieder herauszukommen. Dafür meinte er sie zu gut zu kennen.

Diese Überzeugung war ihm bald so fest geworden, dass er tatsächlich daran glaubte und es nur für eine Frage der Zeit hielt, bis sie wieder vor ihm stünde.

Und in der Tat war dieser Gedanke nicht so fern. Denn als er erfuhr, dass zur gleichen Zeit von einer Seherin die Rede war, die dieses Unheil kurz zuvor prophezeit und den gesamten Rat vor der Gefahr gewarnt haben soll - freilich, ohne ernst genommen zu werden – beschlich ihn ein ganz eigenartiges Gefühl.

Nun hätte er dem sicher keine weitere Bedeutung beigemessen, wüsste er nicht aus verschiedenen Quellen, dass dieses Weib nicht nur außergewöhnlich schön und klug gewesen sei, sondern auch verschlagen und überaus kaltherzig. So soll Markgraf Gero höchst selbst auf ihren Ratschlag hin den Feldherrn nach Zahlung einer größeren Summe vom ursprünglichen Weg durch die hiesige Comturei abgebracht haben. Daraufhin wäre er geradewegs nach Wendenburg gezogen, wo das Unheil seinen Lauf nahm.

Ob nun ein sachliches Kalkül dahinter stand oder einfach nur Glück blieb dahingestellt. In jedem Fall aber erwies sich diese Frau als Dürens Rettung, wofür er sie übrigens noch reichlich entlohnt haben soll.

Das alles erschien ihm sehr merkwürdig, so dass er darüber nicht zur Ruhe kam. War das wirklich nur Zufall, am Ende gar nur ein Produkt seiner überreizten Nerven? Oder steckte eine höhere Notwendigkeit dahinter, die er nur noch nicht begriff?

Meist saß er bis spät abends im Skriptorium des Ratshauses, den Kopf in die Hände gestützt und grübelte, verglich alte Prozessakten und Aussagen beeidigter Zeugen, stellte Analysen an und meinte bald ein Schema zu erkennen, wonach er solcherlei Zufälle zu erklären hoffte. Sobald er jedoch nach einer Verallgemeinerung suchte, brach alles wieder zusammen und er begann von Neuem. Das trieb er so lange, bis er es nicht mehr ertrug und die Akten entnervt beiseite warf.

Kann es denn sein, dass sich etwas dauerhaft unserer Erkenntnis entzieht, obwohl es doch so offenkundig erscheint? resümierte er für sich im Stillen. Und wenn, warum kommt schon die Suche danach stets etwas Krankhaftem, ja Diabolischem, gleich, das man nur im Geheimen betreiben kann, um nicht in Verdacht zu geraten?

Er kam zu dem paradoxen Schluss, dass die Natur der Suche letztlich unwesentlich bleibt, so lange das Resultat dafür entschädigt. Was macht es schon, wenn man vom Teufel besessen ist, wenn sich der Moment der Erleuchtung als klarste und letzte Einsicht in die Dinge darstellt, als ein unerhörtes, bis dahin nicht erahntes Gefühl der Auflösung und des verzückten Einswerdens mit sich selbst?

Das schien ihm in jenem Moment durchaus plausibel, ängstigte ihn aber auch, da ihn solche Gedanken als gottlos entlarvten. Was blieb, waren Zweifel, die ihn fast bis in den Wahnsinn trieben. Das wiederum führte zu seiner zunehmenden Verunsicherung, was seinen Ruf als Sonderling verstärkte.

Wenn er sich dann derart aufgewühlt auf den Heimweg begab, geschah das meist erst in der Dunkelheit, immer in der Angst, beobachtet und erkannt zu werden.

Aber auch das war natürlich pure Einbildung, zumal er sich nach allem rehabilitiert wähnte. Sogar seinen alten Namen trug er wieder und bekannte sich offen zu seiner Vergangenheit.

Dennoch behielt er wie zum Trotz seinen exzentrischen Lebensstil bei, pfiff auf alle Privilegien, die einem Mann seines Ranges zukamen und zog die kärgliche Kammer eines heruntergekommenen Bürgerhauses einem komfortablen Zimmer im hiesigen Stift vor.

Auch verweigerte er als Diener Christi jede gebotene Askese, sondern gönnte sich schon mal einen Krug Wein in einer Taverne, wo er lautstark mit allerlei Grobvolk zechte.

Doch das alles linderte seine innere Zerrissenheit nicht.

Nur so ist es zu erklären, dass er neuerdings die Asche von gerösteten Krähenfedern an der Türschwelle zu verstreuen pflegte. Ebenso bewahrte er stets eine Flasche Schweineurin unter seinem Tisch auf. Jedoch nicht aus Aberglaube, wie er stets versicherte, sondern nur, um dessen Unwirksamkeit nachzuweisen, wie er überhaupt der Ansicht war, dass man Hexerei nur durch solcherlei Gegenbeweise widerlegen konnte.

So war er denn entschlossener denn je, jeden okkultistisch motivierten Prozess fortan als Lüge und somit Mittel der Willkür zu entlarven.

Kein Wunder, dass er sich schon bald mit einigen Befürwortern dieser Praxis überwarf, von denen es hierzulande reichlich gab. Bot doch diese Form der Exekutive unter dem Vorwand der Gottesfurcht ein probates Mittel zur Bewältigung ganz anderer Probleme. Außerdem war es noch nie zu einem Protest gekommen.

Im Gegenteil - die dadurch ausgelöste Hysterie demonstrierte demnach nichts anderes als die allgemeine Zustimmung für die Richtigkeit und Rechtmäßigkeit eines solchen Verfahrens. Schon deshalb konnte jeder daran offen geäußerte Zweifel nur vom Teufel selbst stammen.

Darüber war er sich natürlich im Klaren. Doch sonderbarer Weise kümmerte ihn das nicht. Vielmehr wagte er, noch einmal nachzulegen, als könne er die Wahrheit damit erzwingen.