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Daniel Titius weicht von seinem Vorhaben, die Hexerei als Verbrechen öffentlich anzuprangern, nicht ab. Um seine Entschlossenheit zu beweisen, setzt er alles daran, die einst 'Verworfene' Lydia öffentlich zu rehabilitieren, selbst um die Gefahr eines großen Risikos für das eigene Leben. Auch wenn ihn bisher das Wohlwollen seines Protegés Markgraf Gero von Düren vor größeren Anfeindungen bewahrt hat, spitzt sich die Lage zu, nachdem der Mob versucht hatte, Lydia zu lynchen. Allmählich beginnt er zu begreifen, wer wirklich hinter allem steckt.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Kristian Winter (winterschlaefer)
Lohensteinhexe, Teil VI
Der Kampf beginnt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine schwere Entscheidung
Die Reue
Die Forderung
Das Duell
Eine neue Wendung
Impressum neobooks
Dieser 16. im Herbstmond des Jahres A.D. 1636 war ein trüber und kalter Tag. Der Winter stand vor der Tür und regenschwere Wolken bedeckten den Himmel. Nasskalter Wind riss die Blätter von den Bäumen und fegte sie durch die Gassen. Selbst die streunenden Hunde verkrochen sich immer häufiger in den Kellern und Kasematten, wo sie sich den Platz mit allerlei lichtscheuem Gesindel teilten und nicht selten Opfer ihres Hungers wurden.
Obwohl Marschall Tilly und Gustav Adolf mittlerweile gefallen waren, kam das Land nicht zur Ruhe. Überall trieben sich marodierende Söldnertruppen herum, plünderten Städte und Dörfer und taten den Menschen Gewalt an.
Zwar war es Markgraf Gero bisher durch Zahlung kleinerer Zuwendungen an die Kommandanten gelungen, seine Comturei davon weitgehend zu verschonen. Doch seine Mittel waren begrenzt und die Haufen der Landsknechte wurden immer größer, so dass die allgemeine Unsicherheit stieg und es nur eine Frage der Zeit schien, bis Düren das Schicksal der Wendenburg ereilen könnte.
Noch spürte man hierzulande nichts davon. Aber eine Prophezeiung, wonach das Ende bald gekommen sei, machte in jüngster Zeit die Runde, ohne dass man hätte sagen können, woher sie kam bzw. welche Intention dahinter stand.
Aber gerade das nährte einen ganz bestimmten Verdacht. Schon munkelte man von einer Hexe, die hier in letzter Zeit ihr Unwesen trieb und die zunehmende Verelendung herbeiführte, denn so viel Unglück konnte nur ein Werk des Teufels sein. Das wiederum führte zur Sensibilisierung der Menschen mit einer allgemeinen Spannung, die nicht immer angenehm war.
Dieser Morgen schien indes wie immer. Der Markt war zwar geöffnet, doch kaum noch etwas zu holen, denn die wenigen Händler, die noch geblieben waren, verstiegen sich zunehmend aufs Betteln, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.
Dennoch war heute etwas anders. Schon von weitem war ein großes Geschrei zu hören, das von der anderen Seite vom dortigen Brunnen drang. Dort herrschte ein großer Tumult, der die Leute in Scharen anzog. Eines der Weiber vermisste ihre Brosche und bezichtigte eine andere des Diebstahls.
Was für ein Gezeter.
Sie bespuckten, kratzten und schlugen einander, dass es ein wahres Fest war, vor allem für die vielen Umstehenden, die sie darin noch anfeuerten.
Jofree, der dieses Treiben von seinem Pferd aus beobachtete, rümpfte die Nase. Er war an diesem Morgen ausgeritten, um etwas ganz Bestimmtes zu erledigen oder besser, hinter sich zu bringen.
In seiner braunen ärmellosen Tunika, den spitzen Schnabelschuhen und dem dunklen Barett der Höflinge wirkte er überaus elegant und bildete einen bizarren Kontrast zu diesem ärmlich gekleideten Pöbel. Hinzu kam seine würdevolle Haltung. Mit dem steif durchgedrückten Rücken und der in die Seite gestemmten Faust erinnerte er an einen hoffärtigen Edelmann, der sich an diesem Trubel voller Herablassung ergötzte.
Doch das täuschte. In Gedanken war er ganz woanders und nahm dieses Geschehen nur am Rande wahr. Jetzt wartete er schon über eine Stunde im Sattel seines Lieblingsfalben Bordi, dessen Mähne er wie jeden Morgen eigenhändig kämmte und stundenlang striegeln konnte und war noch immer unschlüssig, wie er es am besten angehen sollte.
Dabei hatte er die ganze Nacht gegrübelt, wog die Möglichkeiten gegeneinander ab und stellte neue Vergleiche an, ohne jedoch zu einem Entschluss zu kommen. Denn gleichviel, wie er sich auch entschied - immer wieder verfingen sich seine Gedanken in einer ganz bestimmten Vorstellung, die sich ihm, Gott weiß warum, am Ende stets aufdrängte und ihm schreckliche Angst machte.
Es war der Augenblick der Tat, jener Moment, in dem sie ihn erkennen würde. Und selbst wenn er nur ganz kurz ausfiele, genügte er, ihn und all das, was ihn ausmachte, für immer zu vernichten.
Niemals trat ihm das deutlicher vor Augen, so dass er allein bei der Vorstellung Atemnot bekam. Warum hatte ihm das Schicksal eine solche Prüfung auferlegt? Wieso gab es keine andere Lösung?
Wiederholt betrachtete er seinen Dolch, womit er es vollbringen wollte. Dabei hatte er sich vorgenommen, es in einem Augenblick der Arglosigkeit zu tun. Nur so konnte es schmerzlos geschehen - wenigstens das war er ihr schuldig.
Wiederholt befühlte er jene Stelle an seinem Hals, die er dafür auserwählt hatte. Doch welch ein Schauer durchfuhr ihn dabei.
Gewiss hatte er schon einmal getötet. Doch damals war es anders, blieb ihm keine Wahl, weil die Umstände weniger ihn als jemand anderen betrafen, der ihm sehr nahe stand. So war es dann zum Streit gekommen, in welchem ein Wort das andere gab und bald die Klingen flogen.
Aber auch wenn niemand Zeuge war, konnte er vor Gott beeiden, seinen Gegner im fairen Kampf getötet zu haben – ein unbedingtes Muss für jeden Edelmann.
Und selbst wenn er sich danach aufgrund gewisser Umstände genötigt sah, diesen Vorfall durch die Bestechung eines Zeugen jemand anderen anzulasten, der dann unter der Folter gestand und später gestäupt wurde, konnte er damit leben. Blieb doch dieses Opfer für ihn nur ein mehr oder weniger nötiges Übel für ein ehrlich ausgefochtenes Duell unter Ehrenleuten.
Jetzt aber war das anders, gab es nichts mehr zu vertuschen. Sie war unschuldig und sein Vorhaben nichts weiter als ein kaltblütiger Mord. Niemals würde ihm das Gott verzeihen und er sich selber auch nicht. Das wusste er und hatte Angst davor.
Dennoch blieb ihm keine Wahl. Seine Auftraggeberin würde ihn zweifellos nachträglich ans Messer liefern mit der Folge seiner Hinrichtung wegen Hochverrats. Handelte es sich doch bei dem Getöteten um keinen Geringeren als den jungen Ludger zu Düren, Markgraf Geros Lieblingsneffe, einem Heißsporn und brutalen Despoten, doch aufgrund fehlenden eigenen Nachwuchses legitimer Anwärter auf die Nachfolge.
Nicht genug damit, dass der an seiner Stelle Verurteilte ausgerechnet als Lustknabe sein Vorgänger war, der nicht über den nötigen Scharfsinn verfügte, sich gegen eine solche Intrige zu behaupten – er, Jofree, nahm danach auch noch kaltblütig dessen Platz ein und bekundete stets seine Trauer über dessen Ableben.
Das war durchaus keine Heuchelei, sondern ein echtes Gefühl. Jedenfalls redete er sich das immer ein und glaubte am Ende sogar daran. Schon deshalb empfand er keine Skrupel, sich als Günstling des Markgrafen im neuen Wohlstand zu sonnen. Im Gegenteil, es erschien ihm wie ein Naturgesetz, wonach sich der Stärkere als der Würdigere erwiesen hatte und dem Schwächeren somit nur Recht geschah.
Überhaupt hielt er sich lange Zeit für tiefere Gefühle unfähig. Dafür machte er sein feminines Äußeres verantwortlich, das, von seinem Umfeld oft missdeutet, ihn in einen falschen Weg zwang. Doch obgleich er insgeheim darunter litt, verstand er schon bald, das Beste daraus zu machen, um danach verblüfft festzustellen, dass man auch damit recht gut leben konnte.
Jetzt aber kamen ihm erstmals Schuldgefühle. Es war die quälende Gewissheit von etwas abgrundtief Bösem, wofür er in der Hölle schmoren würde.
Wie belanglos erschien ihm dagegen das Gekreisch dieser törichten Weiber dort drüben. Mochten sie sich nur die Köpfe einschlagen, je ärger, desto besser. Er konnte darüber nur lachen.
In Gedanken ertappte er sich sogar dabei, wie er mitschlug, und er wusste auch wohin. Er hatte das schon öfter beobachtet, wenn Verbrecher öffentlich gezüchtigt wurden und empfand eine seltsame Freude daran.
Selbst jetzt erschien es ihm überaus drollig, wie sie sich in die Haare gingen, einander wegdrückten und doch immer wieder zu treten versuchten und dabei einen ganz eigenartigen Tanz vollführten, begleitet vom Jubel und den Pfiffen der Umherstehenden, die sich daran ergötzten.
Und wäre er in anderer Stimmung gewesen, er hätte sicher mitgeklatscht, ihnen womöglich sogar einen Kreuzer zugeworfen. So aber holte ihn gleich wieder jener Gedanke ein, weshalb er gekommen war.
Aber da war diese unerklärliche Furcht, die Angst vor dem Versagen gerade in jenem Moment, wo ein Versagen unverzeihlich bliebe, wenn ihn ihr fragend- erschrockener Blick träfe und seine Hand schwach werden ließ. Nichts fürchtete er mehr. Darum musste es schnell geschehen, kurz und schmerzlos.
Doch wie sollte das gelingen, wenn er schon allein beim bloßen Gedanken daran zu zittern begann? Sie würde ihn erkennen und dann wäre alles vorbei.
Eine andere Lösung musste her. Nur welche?
Und während er noch immer diese streitenden Weiber beobachtete, die jetzt dazu übergingen, sich mit Dreck zu bewerfen und dabei in ihrer Entschlossenheit keinen Schritt voreinander wichen, kam ihm plötzlich eine verblüffende Idee.
Er packte die Zügel, gab seinem Falben die Sporen und preschte im straffen Galopp auf sie zu. Er war ein guter Reiter und verstand es, mit seinen Künsten zu beeindrucken. Besonders das niedere Volk konnte er damit jedes Mal verschrecken, wenn er auf diese Weise eine Attacke antäuschte und kurz vor ihnen abstoppte.
So tat er es auch jetzt, indem er, kurz bevor er sie erreichte, die Zügel schlagartig raffte und damit den Gaul auf die Hinterhufe zwang. Schnaubend richtete sich Bordi auf, ruderte mit den Vorderläufen in der Luft, worauf die Weibermenge erwartungsgemäß zurückwich, und kam dann direkt vor ihnen zum Stehen.
„Habt ihr denn nichts Besseres zu tun, als euch zu prügeln?! Ihr solltet euch schämen!“, schäumte er vor Wut und muss ihnen dabei sicher wie ein Wesen aus einer anderen Welt vorgekommen sein, so sauber, so elegant, so distinguiert.
Völlig verdattert starrte man ihn an. Ein älteres Weib aus der Menge fing sich jedoch sofort und trat ihm dreist entgegen.
Es war eine alte Rothaarige in einem zerrissenen Leinenfetzen auf dem Leib, der wohl vormals ein Kleid gewesen war, und einer albernen Filzkappe auf dem Kopf. Offenbar war sie die Scharfmacherin, die seinen niederen Rang sofort erkannte. Ziemlich ruppig fuhr sie ihn an, er solle sich gefälligst um seinen Kram kümmern - das hier ginge ihn nichts an und hatte damit sogleich einige Lacher auf ihrer Seite.
Doch Jofree ließ sich nicht beirren. Mit einem heftigen Tritt gegen ihre Schulter stieß er zurück.
„Hör zu, du verdammte Schlampe. Wenn nicht augenblicklich Ruhe ist, werde ich die Stadtwache rufen und erzählen, dass du den Pöbel aufwiegelst. Dann wirst du in den Turm geworfen wegen gemeinen Landfriedenbruchs und ich werde persönlich darüber wachen, wie man dich auf den Bock spannt und dir deine Titten abschneidet. So was macht man nämlich mit Furien wie dir.“
Das zeigte Wirkung. Die Lacher verstummten. Man begann zu flüstern und betrachtete ihn voller Misstrauen. Nur diese Schlampe gab sich weiterhin unbeeindruckt.
„Sieh an, willst dich wohl wichtig machen, du Rotznase?“, provozierte sie spitz. „Wer bist du überhaupt?“
„Es wäre besser zu fragen, wer bist du, wenn du deine Freude darin zeigst, wie sich diese beiden Weiber hier zerfleischen, anstatt die wirklichen Gefahren zu erkennen.“
„Was meinst du damit?“ Ihre Verwunderung schien echt.
„Das, was du offenbar in deiner Hühnerblindheit nicht siehst!“, erwiderte er energisch und wandte sich jetzt wieder den anderen zu. „Seht euch doch nur um. Verwundert es euch nicht, wieso das Wasser in letzter Zeit so dreckig ist (es war tatsächlich in den letzten Tagen etwas trübe) und warum die Jauche nicht mehr stinkt, dass sie selbst beim Hineintreten unbemerkt bleibt? Außerdem weht der Wind nicht mehr vom Süden wie sonst um diese Jahreszeit und die Krähen haben sich zu stark vermehrt. Ihr wisst, was das bedeutet.“
„Unsinn!.“
Jofree blieb indes hartnäckig. Man wüsste, was man wüsste, stichelte er weiter und behauptete, dass hier schon seit Längerem seltsame Dinge vor sich gingen, die womöglich einiges erklären könnten, selbst diese Rauferei. Dazu müsste man aber Scheuklappen ablegen, statt sich sinnlos die Köpfe einzuschlagen.
„Unter uns gibt es keine Verworfenen, wenn du das meinst“, stellte jetzt eine andere klar, die seinen Verdacht erriet. „Und wenn, hätten wir sie schon längst erkannt!“
„
