Verlag: Europa Verlag GmbH & Co. KG Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Die Lotosblüte - Hwang Sok-Yong

Denkt man an ein märchenhaftes Schicksal, so kommt man nicht sofort auf Kurtisanen und Frauenhandel, doch es ist tatsächlich ein alter koreanischer Mythos, der diesem Meisterwerk zugrunde liegt. Darin entführt Hwang Sok-Yong den Leser in das Asien des 19. Jahrhunderts, in eine Welt des Opiumhandels und der Prostitution: Von der Stiefmutter verkauft, findet sich die 15 Jahre alte Shim Chong plötzlich als Zweitfrau eines alten Chinesen wieder. Lenhwa, Lotosblüte, heißt sie jetzt, und alles ist so furchtbar anders, als sie es gewohnt ist. Viel zu essen hatte sie nie, und Betteln war ihr täglich Brot, denn sie diente ihrem blinden Vater als Augenpaar, doch der Alltag in dem fremden Haushalt kommt ihr erst recht vor wie ein böser Traum. Als ihr Ehemann stirbt, wird ihr schmerzlich bewusst, dass dies für sie nur die erste Station einer Odyssee ist, die sie, als Handelsware missbraucht, von den Ufern des Gelben Flusses über Shanghai, Taiwan und Singapur bis in das Land der Geishas führen soll. Nach unzähligen sinnlichen wie schmerzvollen Erfahrungen entdeckt Shim Chong eines Tages die Macht ihres Körpers und nimmt ihr Leben in die eigenen Hände. Selten ist es einem asiatischen Autor gelungen, das historische Ostasien in all seinen bunten Facetten einzufangen. Hier taucht man ein in diese fremde Welt und nimmt Anteil am Schicksal Lenhwas: ein Roman mit enormer Tiefe, ungemein fesselnd und mit schwindelerregender Leichtigkeit erzählt.

Meinungen über das E-Book Die Lotosblüte - Hwang Sok-Yong

E-Book-Leseprobe Die Lotosblüte - Hwang Sok-Yong

Hwang Sok-Yong

DieLOTOSBLÜTE

Roman

Aus dem Koreanischen vonKi-Hyang Lee

Die koreanische Originalausgabe ist 2003 unter dem Titel Shim Chong – Yonkote Gil bei Munhakdongne Publishing Corporation erschienen.

Die Übersetzung und der Druck dieses Buches wurden durch die finanzielle Unterstützung des Literature Translation Institute of Korea ermöglicht.

1. eBook-Ausgabe 2019© 2003 Hwang Sok-Yong© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe Europa Verlag GmbH & Co. KG, MünchenUmschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, ZürichAus dem Koreanischen von: Ki-Hyang LeeRedaktion: Caroline DraegerLayout & Satz: Robert Gigler, München

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-268-8

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

INHALT

Die Wiedergeburt

Der Schlaf

Der Handel

Die erste Liebe

Wie das Wasser fließt

Bodhisattwa Avalokiteshvara auf dem Drachenkopf

Das Regenkind

Der Mann und die Uhr

Der Palast im Meer

Das schwarze Schiff

Mama-san

Das Lächeln

Glossar

DIE WIEDERGEBURT

Sie sank ins Bodenlose. In der Dunkelheit über dem Meeresgrund trieb sie wie auf einem Seidentuch, das in der Strömung auf und ab wallte. Mauerwerk kam in Sicht, und sie schien in die gähnende Öffnung eines Brunnenschachtes hineingesogen zu werden.

Ah! Rettet mich!

Der Schrei kam nicht aus ihrem Mund, er hallte allein in Chongs Kopf wider. Plötzlich hatte sie das Gefühl, mit einem gewaltigen Krachen die Eisschicht am Boden des Tunnels zu durchstoßen. Im gleichen Augenblick zog das Seidentuch sie zurück, das sie zuvor mit sich gerissen hatte. Langsam, aber stetig schwebte es mit ihr nach oben auf die Öffnung zu. Die Steinmauer glitt nun in umgekehrter Richtung immer schneller an ihr vorbei. Den Rücken durchgebogen, den Kopf im Nacken, erreichte sie mit aufwärtsgerichtetem Gesicht den freien Himmel. Und sie landete, nachdem der Schacht sie so unvermittelt wieder freigegeben hatte, recht unsanft in einer Ecke.

Durch die halb geöffneten Lider nahm sie eine Art kleinen Bretterverschlag wahr. Sie tastete mit beiden Händen ihre Umgebung ab und bemerkte bald, dass sie auf einer groben Bambusmatte lag. Plötzlich senkte sich der Boden. Chong rollte zur Seite und stieß an die gegenüberliegende Wand. Direkt vor ihr tauchte eine Tür auf. In den oberen Teil war ein rechteckiges Gitter eingelassen, durch das Luft hereinströmte. Sie stützte sich an der schrägen Wand ab, und so gelang es ihr, sich hochzuziehen und den Türknauf zu erreichen. Dieser war rund und aus Holz, ließ sich aber nicht bewegen. Chong drückte gegen die Tür, doch sie gab nur wenig nach. Sie musste von außen mit einer Kette gesichert sein. Als das gesamte Kabuff sich nun zur anderen Seite neigte, klammerte sich Chong mit einer Hand an den Griff und mit der anderen an das Gitter, durch dessen Öffnungen sie schließlich die Reling eines Schiffes erkennen konnte. Vor ihren Augen brach eine Welle am Bug und ergoss sich über das Deck. Es war dunkel. Am wolkenverhangenen Himmel bemerkte sie einige hellere Flecken. War es Morgengrauen oder die Abenddämmerung? Vor ihrem Gefängnis befand sich nur eine Art Gang. Blickte sie von links nach rechts, sah sie nur die Reling und eine Holzwand, aber keine Menschenseele weit und breit. Die Wellen, die an Bord schwappten, leckten in schaumigen Rinnsalen bis zu ihrer Tür.

Da tauchten am einen Ende des Ganges die Umrisse zweier Personen auf. Schwankend kamen sie näher und suchten immer wieder Halt an der Reling. Chong löste die Hände von Gitter und Türknauf, ließ sich zu Boden gleiten und kroch in eine Ecke. Dort kauerte sie, als das Schloss klickte. Die Tür öffnete sich, und eine steife Brise fegte ins Innere des Holzverschlags. Einer der Männer leuchtete mit einer Laterne herein, dann wandte er sich in einer unverständlichen Sprache an seinen Begleiter. Beide traten in die Kajüte, schlossen die Tür hinter sich und hockten sich nieder. Der eine trug eine runde Kappe und eine blaue, am Kragen offene Jacke. Der andere hatte einen Dutt, und um den Kopf war ein weißes Leinenband gebunden. Leise fragte er Chong: »Bist du wieder bei Bewusstsein?«

Chong blieb still, zusammengerollt in ihrer Ecke.

»Erkennst du mich nicht? Ich habe dich hierhergebracht.«

Sie musterte sein Gesicht im Schein der Laterne. Ja, das war der koreanische Händler, den sie auf dem Markt von Hwangju gesehen hatte. Der Mann mit der blauen Jacke, der Kleidung nach ein Chinese, flüsterte ihm etwas zu, und der Händler fuhr fort: »Du bist ganz durchnässt. Hier, zieh das an.« Er warf ein Bündel Kleider vor sie hin. Dann fügte er hinzu: »Wir gehen kurz raus, damit du dich umziehen kannst.«

Sie hängten die Laterne an den Knauf, dann verließen die beiden Männer die Kajüte. Erst jetzt gestattete sich Chong einen Blick auf sich selbst. Sie trug ein weißes Trauergewand. Die Sachen waren vollkommen durchnässt. Sie nestelte die Knoten der kurzen Jacke auf, dann kamen die des Rocks an die Reihe. Nur noch im Unterrock, zog sie die Knie ganz fest unters Kinn, um die Brüste zu bedecken, bevor sie das Bündel auseinandernahm. Sie schlüpfte in die schwarze Hose, die für sie wie eine Unterhose aussah, und befestigte sie in der Taille. Danach kam eine weite Seidenjacke mit stoffüberzogenen Knöpfen, deren Kragen ihr bis zu den Ohren reichte.

Der Kopf des Koreaners zeichnete sich hinter dem Gitter ab. »Was treibst du denn so lange? Beeil dich gefälligst!«

Sorgfältig strich Chong die abgelegten Kleidungsstücke glatt und betrachtete den vertrauten koreanischen Stil. Sie mühte sich gerade, Jacke und Rock zu einem perfekten Rechteck zusammenzulegen, als die Tür erneut aufging. Der Chinese beugte sich vor und riss ihr ungestüm den Stapel aus der Hand.

Doch bevor er sie herausließ, wollte der Koreaner noch etwas wissen: »Wie war noch mal dein Name?«

»Chong«, antwortete sie kaum vernehmbar.

»Und dein Familienname?«

»Shim.«

»Wie alt bist du?«

»Fünfzehn.«

»Merke dir gut, ab jetzt bist du nicht mehr Shim Chong.«

Sie hütete sich zu fragen, wer sie von nun an sein sollte.

Der Händler hob die Laterne und betrachtete das junge Mädchen eingehend. Dann sagte er: »Mach dich jetzt fertig und komm schleunigst nach.«

Die Tür wurde geöffnet, und ein heftiger Windstoß fuhr herein. Als sie sich wieder schloss, wurde es dunkel und still in der Kajüte. Mit den Besuchern war auch das Laternenlicht gegangen. Durch das Gitter sah Chong, wie sich die beiden entfernten, und mit ihnen verschwand auch das Licht. Da bemerkte sie oben an der Tür einen Metallhaken. Nach einem Moment des Zögerns zog sie daran, und eine Klappe legte sich vor das Gitter. Als sie unten eingerastet war, wurde es stockdunkel. Auf der Matte sitzend, tastete Chong den Boden um sich herum erneut ab. Ihr waren ein paar Einrichtungsgegenstände aufgefallen. Da waren zum Beispiel zwei Kopfstützen aus geflochtenen Bambusfasern. Sie dehnte den Radius ihrer Erkundungen weiter aus und erfühlte ein Schilfkörbchen, das ganz von einem Blechgefäß mit Deckel ausgefüllt wurde.

»Ein Nachttopf …«, hörte sie sich sagen.

Schnell löste Chong die Knoten ihrer Unterhose und hockte sich darauf. Lange hatte sie schon eingehalten, und so kam ein schier nicht endender, kräftiger Strahl. Als wollte alle Flüssigkeit aus ihr herausströmen. Ihr Hinterteil, das selbstverständlich etwaigen Blicken entzogen gewesen war, solange sie einen Rock getragen hatte, wurde dabei von der Hose natürlich nicht bedeckt. Und obwohl niemand anwesend war, der es hätte sehen können, schirmte sie die Pobacken mit den Händen ab.

Die Seide ihres neuen Gewands raschelte bei jeder Bewegung. Fühlte sie sich darin anfänglich noch unbehaglich, so legte sich das bald, und sie begann, die Wärme zu genießen.

Wenn ich nicht Shim Chong bin, wer bin ich dann?

Nachdem sie ihre Notdurft verrichtet hatte, ging Chong den Männern nach. Sie folgte der Krümmung des Schiffsdecks, tastete sich an der Bordwand entlang in Richtung des Hecks. Das Schlingern machte ihr das Gehen schwer. Schließlich erreichte sie eine recht große Kabine, erhellt von mehreren Lampen, die von der Decke herabhingen und mit ihren Lampenschirmen aus Stoff eine festliche Stimmung im Raum verbreiteten. Chong wurde schon erwartet, und zwar von zwei in Seide gekleideten chinesischen Kaufleuten mit runden Kappen auf dem Kopf, aus denen hinten jeweils ein langer Zopf herabhing, sowie von drei Matrosen in kurzen Jacken. An der bugseitigen Wand war ein kleiner Altar errichtet worden, auf dem an den Seiten Kerzenständer aus Kupfer standen, in denen rote Kerzen brannten. Daneben waren auf Holztellern schlichte Speisen angerichtet. Auf einem niedrigen Tischchen waren ein reisgefülltes Gefäß für Räucherstäbchen, eine Porzellankaraffe mit Schwanenhals und einige Gläser angeordnet. Jeder der Anwesenden schien genau zu wissen, was zu tun war. Der Chinese, der den koreanischen Händler zuvor begleitet hatte, brachte die nassen Kleider des jungen Mädchens. Ein Matrose breitete sie am Boden aus. Dann legte er ein puppenähnliches Strohgebilde darauf, das an der Zwischenwand gelehnt hatte. Die Vogelscheuche hatte Arme und Beine, die fest mit dem Rumpf verbunden waren. Ein Kürbis diente als Kopf, auf den Augen, Nase und Mund aufgemalt waren. Um dem Ganzen den Eindruck zu verleihen, dass es sich um ein Mädchen handelte, war der Mund besonders klein gehalten worden, und die Wangen glänzten hochrot. Der Matrose stopfte die Arme in die Ärmel von Chongs Jacke, dann wurde der Rock unter der Jacke festgebunden. Die Beine waren dermaßen kurz, dass sie das Kleidungsstück nur bis zur Hälfte ausfüllten. So angezogen, ähnelte die Puppe durchaus einem Menschen. Der koreanische Händler nahm einen Pinsel und schrieb auf das Gewand:

Dies ist die Seele von Shim Chong, geboren zu dieser Stunde,

An diesem Tag in Hwangju, Königreich Haedong.

Sein Gefährte näherte sich der Gestalt und klebte ein Amulett auf das Gesicht der Strohpuppe. Es war ein gelbes Papier, das mit einem roten Drachen und chinesischen Schriftzeichen versehen war:

Der Gott des gelben Meeres möge gnädig die Opfergabe annehmen.

Nun knickten sie die Puppe in der Mitte ein, um sie vor den Altar setzen zu können, und die Zeremonie konnte beginnen. Der Kapitän, der mittlerweile eingetroffen war, verbeugte sich drei Mal tief. Er zündete einige Räucherstäbchen an und fuhr damit drei Mal von seinem Kopf bis zur Brust auf und ab, bevor er sie in das dafür vorgesehene Gefäß steckte. Dann stellte er ein volles Schnapsglas, ein Matrose hatte es für ihn eingegossen, auf den Altar und ließ eine weitere dreimalige Verneigung folgen. Die beiden Händler traten einer nach dem anderen vor und taten es ihm gleich, während die Mannschaft im Hintergrund gemeinsam dem Gott des Meeres huldigte. Als die Feierlichkeit so weit gediehen war, begaben sich alle auf das Deck, das immer noch den Wellen ausgesetzt war. Ein Matrose ging mit der Strohfigur unter dem Arm bis zum äußersten Ende des Schiffes, dann hob er sie hoch über den Kopf. Die Anwesenden senkten die Köpfe und begannen, mit gefalteten Händen zu beten. Da warf der Matrose die Strohpuppe in die dunkle See. Sie fiel kopfüber in einen Wellenkamm und wurde augenblicklich mitgerissen.

Von einem Hahnenschrei geweckt, erwachte Chong in der Dunkelheit.

Hat mich das Schiff etwa in mein Dorf zurückgebracht?

Aber sie traute sich nicht, die Tür zu öffnen, um nachzusehen. Allein die Vorstellung, sie könne sich getäuscht haben, hielt sie davon ab. Das Schiff schaukelte nur ganz sacht, der Wind hatte sich gelegt. Chong war noch schläfrig.

Es ist erst drei Tage her, dass ich mein Zuhause verlassen musste. Mein geliebtes Tal der Pfirsiche. Aber warum ist dann alles schon so weit weg, so verschwommen?

Chong glaubt, ihren blinden Vater in seinem Zimmer husten zu hören. Ebenso das Schnarchen ihrer Stiefmutter Paingdok, die der Länge nach in der Diele liegt. Statt das Essen herzurichten, schläft sie, noch vollständig in ihr Schamanengewand gekleidet, der Jacke und dem bunten Mantel. Sie hat sich gar nicht erst die Mühe gemacht, den geweihten Säbel und die Schellen in den kleinen Schrein zurückzustellen, sondern alles ist auf dem Boden verstreut. Es ist Chong, die ihrem Vater das Essen zubereitet, und zwar aus den Opfergaben, die Paingdok von dem Ritual mitgebracht hat. Sie legt gebratenes Fleisch und Fisch beiseite, gart die rohen Speisen auf dem Herd und wärmt die Reisfladen und den kalten, weißen Reis im Kessel auf. Immer wenn sie am Feuer steht oder Pinienzweige verbrennt, muss sie an ihre Mutter denken, die kurz nach Chongs Geburt gestorben ist.

Ihre Mutter hat sie die kleine Bodhisattwa Avalokiteshvara genannt, zumindest laut ihrem Vater, der ihr dies immer wieder in Erinnerung bringt.

Chong sieht sich im Himmel auf einem Wolkenmeer dahintreiben. In weiter Ferne erkennt sie die Ziegeldächer des Palastes, in dem Buddha mit elf Bodhisattwas lebt. Unter dem Wolkenmeer erstrecken sich die Dörfer der Menschen.

Der Buddha Shakyamuni zeigt auf einen der Bodhisattwas und rügt ihn: »Wenn die Sitten der Männer und Frauen dermaßen verkommen sind, dann wegen deiner Versäumnisse. Kehre in Gestalt einer Frau zur Erde zurück und mache es dir zur Aufgabe, dass die Menschen auf Erden Erleuchtung finden und lehren.«

Der Buddha weist mit seiner Hand in eine Richtung, und ein hell beleuchteter Weg öffnet sich zwischen den Wolken.

Chong bemerkt, dass dieser Weg in einem strahlenden Bogen bis zu einem strohgedeckten Häuschen führt. Die Kate steht am Rande eines ärmlichen Dorfes, dessen Häuser sich dicht an dicht am Fuß eines Berges aneinanderdrängen. Die Beine angezogen, den Arm als Stütze unter den Kopf gelegt, schläft in dem Häuschen eine Frau. Diese Szene ist Chong so vertraut wie Bilder auf einem Wandschirm. Die Luft vor dem kleinen Haus ist erfüllt vom Duft indischen Flieders, und Wolken in allen Regenbogenfarben ziehen über den Himmel. Der Bodhisattwa, es handelt sich um Avalokiteshvara, gleitet auf dem Lichtbogen hinab. Er trägt ein gold- und silberdurchwirktes Himmelsgewand, um seine Körpermitte ist ein flatterndes Band geschlungen, und eine Jadekrone ziert seine Stirn. So erscheint er plötzlich vor Frau Kwag, einer Näherin, die sich während ihres anstrengenden Arbeitstages gerade ein wenig hingelegt hat. Der Bodhisattwa, dessen Ziel es ist, die Gestalt von Chong anzunehmen, erklärt ihr: »Ich bin der Bodhisattwa Avalokiteshvara des südlichen Meeres. Ich habe Fehler gemacht und muss nun als Mensch wiedergeboren werden. Meine Bestimmung ist es, bei dir zu leben. Shakyamuni hat mir auferlegt, der Welt zu dienen. Habe bitte Erbarmen mit mir und heiße mich bei dir willkommen.«

Kurze Zeit nach dieser Erscheinung gebärt Frau Kwag ein Mädchen, stirbt aber im Wochenbett. Shim, der blinde Vater der Neugeborenen, muss notgedrungen von Tür zu Tür gehen, um Milch für die Kleine zu erbitten. Bevor das Leben gänzlich aus ihr gewichen ist, hat ihm die Wöchnerin noch anvertraut: »Mein lieber Gatte, ich hätte gerne hundert Jahre in deiner Gesellschaft verbracht, aber vom Schicksal sind mir diese Tage nicht vergönnt. Nicht dass mein Leben jetzt endet, macht mich traurig. Was mich wirklich betrübt, ist, dich, meinen geliebten Ehemann, allein lassen zu müssen. Ich sorge mich, was aus dir werden soll. Ich weiß, wie viel Mühe es kostet, sich mit dem Stock voranzutasten. Manchmal fällst du in ein Loch oder stolperst über einen Stein, und ich sehe, wie du wegen deines erbärmlichen Zustandes weinst. Als über Vierzigjährige habe ich noch ein Kind bekommen, und jetzt muss ich es verlassen, ohne es an meiner Brust gestillt zu haben. Wie wirst du dieses mutterlose Mädchen ernähren, von was wirst du ihm Kleidung kaufen, im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter? Mein Goldschatz, der Himmel hat kein Mitleid mit mir, die Götter haben kein Herz. Ach, hätte ich doch eher ein Kind gehabt, ach, könnte ich doch länger leben. Direkt nach der Geburt zu sterben – was habe ich verbrochen, um so früh aus dem Leben scheiden zu müssen? Mein lieber Mann, höre mich an. Ich gebe ihr den Namen Chong. In der Schublade meiner Kommode findest du einen Schmuckanhänger, den ich bereits vor langer Zeit angefertigt habe, als ich in Gedanken schon eine Tochter hatte. Vergiss nicht, ihn ihr zum Geschenk zu machen, und wenn sie einmal heiraten wird, dann befestige ihn am Band ihrer Jacke.«

Schon als ganz kleines Kind führt Chong ihren Vater durchs Dorf, indem sie ihm den Taststock ersetzt. Als das Kind zehn Jahre alt ist, trifft der Vater während einer Totenwache, bei der er buddhistische Sutren vorbetet, die Schamanin Paingdok, eine Frau aus dem Nachbardorf. Noch am gleichen Abend zieht diese bei ihnen ein. Da von nun an Mutter Paingdok dem Haushalt vorsteht, kann sich die Kleine als Hausmädchen bei Meister Chang verdingen. Nicht selten aber muss Chong am Abend ihrer Stiefmutter ins Bett helfen. Sonst würde diese einfach wie so oft im Hausflur liegen bleiben.

An jenem Tag geht Chong zu ihrem Vater, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Als sie an die Tür klopft, ist es Paingdok, die ihren Kopf herausstreckt, gähnend und mit zerzausten Haaren.

»Heute wirst du nicht zur Arbeit gehen. Dein Vater und ich werden bei Trauerfeierlichkeiten gebraucht. Du wirst das Haus beaufsichtigen.«

»Der Vater begleitet Sie?«

»Natürlich, er muss den Gong schlagen und Sutren aufsagen.«

Zusammen verlassen die beiden am Morgen das Haus, aber gegen Mittag kommt Paingdok allein zurück. Sie bietet Chong Beifuß- und Kiefernblütenküchlein an, die sie von der Zeremonie mitgebracht oder vielleicht sogar auf dem Heimweg besorgt hat. Was sie wohl mit dieser freundlichen Geste bezweckt? Die ungeliebte Stiefmutter geht in die Küche, füllt den Kessel mit Wasser aus dem großen Tonkrug und schichtet im Ofenloch Kiefernzweige auf.

»Mutter, warum machen Sie Wasser heiß?«

»Ich will dich zu einem Schamanenritual mitnehmen.«

»Mich?«

Ohne weitere Erklärungen gießt Paingdok das heiße Wasser in einen Bottich und ruft Chong herbei. »Wasch dir die Haare und reinige dich.«

Zögernd bleibt Chong auf der Schwelle zur Küche stehen.

Aber ihre Stiefmutter packt sie energisch an den Handgelenken. »Wenn du nicht willst, dass dich die bösen Geister heimsuchen, dann musst du rein sein.«

Chong wehrt sich, sie reißt mit einem Ruck die Schultern nach hinten, während sie die Arme fest an den Oberkörper drückt. Paingdok verdreht ihr die Finger, drückt die Arme nach außen und bekommt schließlich die Jacke zu fassen, sodass sie die Knoten der Kleidung lösen kann. Sie befiehlt Chong, sich vorzubeugen, um ihr den Zopf aufmachen und die Haare waschen zu können. Dann kippt sie ihr eimerweise Wasser über Schultern und Rücken und schrubbt sie mit einer Seife aus roten Bohnen, die sie irgendwo aufgetrieben hat.

»Wie zart deine Haut ist!«, ruft sie aus. Es ist das erste Mal, dass sie etwas Nettes zu Chong sagt.

Nachdem sie das junge Mädchen mit einem Handtuch abgetrocknet hat, schiebt sie es in sein Zimmer: »Wir werden jemand sehr Wichtiges treffen. Zieh dir also etwas Frisches an.«

Chong holt aus ihrem Schrank eine Kombination aus gelber Jacke und rotem Rock, die sie von ihrer Herrin Frau Chang zum letzten Vollmondfest geschenkt bekommen hat. Seitdem hat sie die Kleidung wie ihren Augapfel gehütet und noch nie getragen. Vervollständigt wird das Ganze durch Socken mit einer langen Spitze. Als sie ihre Unterwäsche aus dem Schrank nimmt, fällt ihr etwas entgegen. Es ist eine kleine Silberbrosche mit Troddeln, dazu gedacht, an einer Kurzjacke befestigt zu werden. Der Anblick berührt sie zutiefst, und Chong kommen die Tränen; sie rollen ihr über ihre Wangen und tropfen auf den Boden. Chong hält einen Moment inne, liebkost das wertvolle Schmuckstück, das ein Entenpaar symbolisieren soll, und befestigt es dann am Träger ihres Unterrocks.

»Was treibst du denn so lange? Komm jetzt endlich raus da.« Ungeduldig reißt Paingdok die Tür auf. Sie sieht Chong in ihren schönen Kleidern in der Mitte des Zimmers stehen. Paingdok scheint sie bezaubernd zu finden, denn sie mustert Chong mit verkniffenem Gesicht von oben bis unten. »Du könntest dich verheiraten«, sagt sie, »aber … Heiraten ist nicht so eine großartige Sache! Im Übrigen ist es genau das, was mit dir geschehen wird, so etwas in der Art jedenfalls …«

Chong lässt sich von der Stiefmutter führen. Der Weg, den sie einschlagen, wird für sie der Weg sein, der sie für immer von ihrem Heimatdorf fortbringen wird. Sie kommen zu einem Haus am Ende einer Gasse, die zum Marktplatz führt. Dort wohnt eine Schamanin und Wahrsagerin in Paingdoks Alter. Als Insignie ihres Standes steht im Hof eine Fahne.

»Du wartest hier. Dein Vater und ich, wir werden einen wichtigen Mann holen.«

Ohne sich umzudrehen, geht Paingdok fort und lässt Chong in einem Zimmer zurück. Die Hausherrin und ein Mann, den das Mädchen noch nie zuvor gesehen hat, kommen ein paarmal unerwartet herein, wohl um einen Blick auf sie zu werfen.

Nach einiger Zeit befiehlt man ihr, in eine Sänfte zu steigen, die sie mit unbekanntem Ziel fortträgt. Vorne und hinten ist die Sänfte mit Riemen auf den Schultern zweier kräftiger Männer befestigt. Das Transportmittel schaukelt dermaßen hin und her, dass Chong bald schlecht wird. Sie übergibt sich in einen blauen Porzellannachttopf, den man zu ihren Füßen bereitgestellt hat, und verschließt ihn anschließend sorgfältig wieder mit dem Deckel. Von Zeit zu Zeit hört sie die Männer sprechen und auch die Erwiderungen einer Frau.

Als sich der Tag dem Ende zuneigt, erreichen sie einen Hafen. Nachdem sie Chong in der Kammer einer Spelunke abgesetzt haben, verschwinden die Träger. Kaum hat sich die Tür hinter den Männern geschlossen, prasselt es auf Chong ein: das Schnauben von Pferden und Maultieren, das Bimmeln ihrer Schellen und das Gelächter von zechenden Männern. Darüber liegt der alles übertünchende Geruch von Fisch, aufdringlich und verlockend zugleich. Paingdoks Bekannte, die Wahrsagerin, muss der Sänfte mit einigen ihrer Schamanengehilfen gefolgt sein, denn auf einmal betritt sie die Kammer und lässt sich vor dem jungen Mädchen nieder.

»Hör mir jetzt gut zu. Du weißt, dass dein Vater wegen seiner Behinderung kein leichtes Leben hat. Frau Paingdok versucht, mehr schlecht als recht für ihn zu sorgen. Aber wenn man in so einem kleinen Dorf Schamanin ist, dann verdient man weniger als anderswo. Sie kann nicht einmal einen Sack Reis nach Hause bringen. Und wenn davon etwas übrig bleibt, gibt man ihr manchmal von dem Reis, den die Leute als Opfergabe zu der Zeremonie mitbringen. Damit gelingt es ihr gerade so, nicht zu verhungern. Deshalb haben deine Stiefmutter und ich beschlossen, dich in das große Land China zu verheiraten.«

Chong ist von dieser Nachricht dermaßen überrumpelt, dass sie schweigt. Sie dreht den Bändel ihrer Jacke zwischen den Fingern und fängt an, darauf herumzukauen, den Blick starr auf ihre Füße geheftet. Sie kann die Tränen nicht zurückhalten, und so tropft eine nach der anderen auf den Boden, der mit schmutzigem Reispapier ausgelegt ist. Die Tür öffnet sich erneut, und ein Mann kommt herein. Chong meint in ihm den Mann zu erkennen, den sie schon im Haus beim Markt gesehen hat. Die Wahrsagerin macht ihm Platz und stellt sich hinter ihn.

»Ich bin ein Händler, der zwischen hier und Nanking in China hin und her reist«, wendet sich der Mann an Chong. »Früher haben die chinesischen Händler fünfzehnjährige, jungfräuliche Mädchen gekauft, um sie dem Gott des Meeres zu opfern. Dies geschah, damit er sie während der Überfahrt beschützte und vor dem Versinken durch einen Sturm bewahrte. Heutzutage haben sich die Sitten geändert. Man bietet keine Menschen mehr als Opfer dar. Trotzdem hält man noch Kut-Rituale ab, aber nur der äußeren Form nach. Dann aber, wenn das Schiff wieder sicher im Hafen gelandet ist, werden die jungen Mädchen mit einem reichen Chinesen verheiratet. Die Kaufleute von Nanking haben dreihundert Nyang gesammelt, die sie deinem Vater schon gegeben haben. Sei also gehorsam und lass dich fortbringen, wie wir es von dir verlangen.«

Das Schamanenritual findet im Morgengrauen statt. Weiß gekleidet, Wangen und Stirn sorgfältig gepudert und geschminkt, geht Chong hinter der fünffarbigen Fahne her, begleitet von Matrosen und Händlern. Alle besteigen eine koreanische Barkasse, einen Einmaster, der sie zu einer chinesischen Dschunke bringt, die außerhalb des Hafens vor Anker liegt. Die Größe des chinesischen Schiffes ist beeindruckend. Man könnte meinen, mehrere ziegelgedeckte Häuser auf dem Wasser schwimmen zu sehen. Die Segel, von denen es gleich mehrere gibt, am Heck und auf Deck, sind noch nicht gehisst. Die Wahrsagerin fordert Chong auf, sich auf eine vorstehende Planke am Bug der Barkasse zu stellen. Alle, die mit an Bord gekommen sind, die Händler, die Matrosen und die Wahrsagerin mit ihrem Gefolge, stimmen das Klagelied der Seeleute an:

Arme Matrosen, arme Matrosen!

Wir rudern in Särgen.

Der Reis, den wir essen,

Ist für Tote bestimmt.

Die Kleider, die wir tragen,

Sind aus Totenhemden gemacht.

Seht her, was wir für ein Leben führen!

Warum sollten wir also nicht wehklagen?

Lasst uns das Boot auf dem Wasser vorwärtstreiben,

Das Boot auf dem unendlichen Meer.

Seemann, ahoi!

Seemann, ahoi!

Die Schätze, die auf den Weltmeeren treiben,

Im Süden, im Norden,

Sie sind unser, lasst sie uns holen, ahoi!

Alle zur Winde, hebt den Anker, ahoi!

Das Schiff sticht in See, ahoi!

Den Wind in den Segeln, ahoi!

Alle in die Wanten, hisst die Segel, ahoi!

Seemann, ahoi!

Seemann, ahoi!

Das Segel auf halbmast, nähert sich die Barkasse dem Ruder des hoch aufragenden chinesischen Schiffes. Dort geht sie zunächst längsseits; das Ritual kann beginnen. Die Beschwörungen der Wahrsagerin, die Gongschläge, die Zimbeln und die Trommeln vereinigen ihre Stimmen zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Strohpuppen mit Kürbisköpfen, die böse Geister verkörpern, werden zusammen mit Opfergaben auf ein ebenfalls aus Stroh gebundenes Boot geladen, das man anschließend auf die Wasseroberfläche setzt. Chong ihrerseits wird nun, angebunden an ein Seil, in das Strohboot hinabgelassen. Es sinkt nicht, aber es saugt sich von allen Seiten mit Wasser voll. Das junge Mädchen fühlt, wie das eiskalte Wasser Zentimeter um Zentimeter an ihren Beinen hochsteigt. Die Trommeln schlagen immer schneller.

Die Wahrsagerin holt tief Luft und schreit:

König des Meeres, erhöre unsere inbrünstigen Gebete!

Reinige dieses Schiff von allem Bösen,

Das ihm innewohnt.

Schicke günstige Winde hierher und bis ans Ende der Welt,

Wenn das Schiff das koreanische Meer verlässt

Und in den weiten Ozean gelangt.

Empfange diese junge Frau in deinem Schoß,

Nimm sie zur Gefährtin, zur Ehefrau.

Ah! Hier ist sie, sie ist dein!

Ah! Nimm sie, sie ist dein!

Das Strohboot beginnt zu sinken. Chong schöpft das Wasser mit beiden Händen heraus. Vergebens, sie geht unter. Über ihrem Kopf sieht sie die sich brechenden Sonnenstrahlen, und sie wird sich bewusst, dass unter ihren strampelnden Füßen der Meeresgrund lauert, dunkel und bodenlos. Jemand zieht an dem Seil, und der Kopf des Mädchens taucht wieder auf. Sie ist am Ersticken, versucht, Luft zu holen. Kaum ist sie an der Oberfläche, lockert sich der Zug am Tau, und das Opfer versinkt erneut in den Fluten. Chong schluckt Wasser. Plötzlich sieht sie eine Frau auf sich zukommen, deren Ärmel, Rockschöße und Bänder anmutig in der Dünung treiben. Chong nimmt ihre letzte Kraft zusammen, um sich der Frau zu nähern.

Mama, Mama, ich bin hier!

Drei Mal hintereinander tauchen die Matrosen sie unter, bevor sie kräftig am Seil ziehen, um das junge Mädchen aus dem Wasser zu heben. Sie ist ohnmächtig geworden. Die Anwesenden beglückwünschen sich zum erfolgreichen Abschluss der Zeremonie. Die Händler laden sich Chong auf die Schultern und tragen sie an Bord der mächtigen chinesischen Dschunke, während die Barkasse die Wahrsagerin und ihren Tross an Land zurückbringt.

Das Vorhängeschloss öffnete sich geräuschvoll, und Chong, die gerade noch tief geschlafen hatte, schreckte hoch. Schnell setzte sie sich auf, mit dem Rücken zur Wand. Jemand öffnete die Tür und trat ein. Die Sonne, die nun in die Kabine flutete, blendete sie, sodass sie im Gegenlicht nur einen schwarzen Umriss wahrnahm.

»Hast du gut geschlafen? Komm, folge mir!«

Chong erkannte den Mann an der Stimme. Der Sturm, der das Schiff hin und her geworfen hatte, war vorüber. Zwischen den Wolkenhaufen waren große blaue Löcher zu sehen. Sie holte tief Luft, und der Geruch des Meeres vermittelte ihr, dass das Schicksal es trotz allem gut mit ihr meinte.

Auf Deck arbeiteten Seeleute. Doch der koreanische Händler schob sie zu der großen Kabine am Heck, in der am Vortag die Zeremonie stattgefunden hatte. Dort saßen an einem langen Tisch drei Männer und tranken Tee. Auf der linken Seite hatte sich der Kapitän niedergelassen, bekleidet mit einem Hemd mit engen Ärmeln, darüber eine Weste. Seine Mütze wurde mit einer seidenen Troddel verziert. Ihm gegenüber hatten die beiden chinesischen Kaufleute Platz genommen. Einer von ihnen hatte einen langen grauen Zopf, der unter seiner runden Kappe herabbaumelte. Sein Bart war ebenfalls lang und grau, und er trug einen Seidenmantel mit weiten Ärmeln, der ihn ältlich erscheinen ließ. In dem anderen, er hatte einen gestutzten Bart, und seine schwarze Jacke fiel weit über eine dünne Hose, erkannte Chong den Mann aus der Hafenspelunke. Als Chong mit ihrem Bewacher den Raum betrat, verstummten sie und wandten sich ihr zu.

»Begrüße die Herrschaften!«, befahl der koreanische Händler.

Ganz automatisch beugte Chong die Knie und wollte gerade einen tiefen Knicks machen, als der Händler sie an den Schultern zurückhielt.

»Nur nicht übertreiben, eine knappe Verbeugung reicht.«

Die Chinesen, die das beobachtet hatten, fingen an zu lachen und tuschelten miteinander.

»Nun gut«, sagte der Kapitän zu dem älteren der beiden Kaufleute, »dieses Mal ist also nicht der Ginseng, sondern das Mädchen der wertvollste Teil eurer Ladung.«

Bevor der ältere etwas sagen konnte, warf der junge Kaufmann ein: »Das ist eine besondere Bestellung aus Nanking. Wir werden eine ganze Menge daran verdienen.«

Der alte chinesische Handelsmann wandte sich mit einem Lächeln an Chong: »Du siehst ja ganz entzückend und brav aus. Das Ritual ist vorbei, und man wird dir einen neuen Namen geben müssen.«

Der Koreaner warf gleich ein: »Wollen Sie uns nicht die Gunst erweisen?«

»Oh! Gut, also wie nennen wir sie denn?«

Der Alte führte die Teetasse zum Mund, dann nickte er und sagte bedächtig: »Nennen wir sie Lenhwa, Lotosblüte!«

Mit einem breiten Grinsen nahm der Kapitän den Faden auf: »Roter oder weißer Lotos? Die sind recht unterschiedlich, schon beim bloßen Anblick.«

»Beides. Nennen wir sie einfach Lenhwa, dann legen wir uns nicht fest. Nehmen Sie sie unter diesem Namen in das Kontobuch auf«, beschied der alte Kaufmann dem jüngeren.

Alle Anwesenden gaben durch Kopfzeichen ihre Zustimmung. Nur Chong verstand nicht, worüber die Männer sprachen oder was daran so erheiternd war, aber zweifelsohne war sie der Gegenstand der Unterhaltung. Röte stieg ihr ins Gesicht. Es war das erste Mal, dass sie vor einer Ansammlung von Männern stand, die noch dazu im Alter ihres Vaters waren.

»Dürfen wir uns zurückziehen?«, fragte der koreanische Händler.

Mit einer Handbewegung gab der alte Chinese zu verstehen, dass sie sich entfernen konnten, und sagte: »Sehr schön, kümmere dich um das Mädchen.«

Der Mann bedeutete Chong mit einem Blick, sich von der Versammlung zu verabschieden: »Hier entlang. Folge mir.«

Er ging ihr voraus über das Deck und führte sie in eine große Kabine. Dort saßen Matrosen um einen Tisch aus Holzplanken und aßen. Dies war anscheinend die Schiffskombüse, vollgestopft mit Kochstellen, Töpfen, großen Wassereimern und einer Menge anderer Gerätschaften. Der größte Teil der Esser waren Chinesen, aber Chong entdeckte zwei Koreaner, deren Haartracht herausstach, obwohl der eine seinen Knoten unter einem Tuch und der andere unter einem Bambushut verbarg. Sie hörten auf zu essen und drehten sich zu Chong um.

Der mit dem Bambushut rückte trotz der Enge ein Stück zur Seite und forderte Chong auf, neben ihm Platz zu nehmen. »Setz dich doch her.«

Der Koreaner, der sie hergebracht hatte, erklärte: »Sie heißt Lenhwa. Ihr geht es nicht so gut, sie ist leicht seekrank. Man sollte ihr etwas Reisbrei geben.«

Er schob Chong sacht zu dem Platz, den man ihr angeboten hatte. Sie ließ sich nieder und bemerkte im gleichen Moment, dass ihr Aufpasser gegangen war. Sein Gesicht war ihr schon so vertraut geworden, dass sein Verschwinden das Gefühl der Einsamkeit noch verstärkte. Die Männer stocherten mit Stäbchen in den Speisen herum, die auf dem Tisch angerichtet waren, jeder mit einer Schale Reis in der anderen Hand. Sie legten eine solche Geschwindigkeit an den Tag, dass Chong noch auf ihren Brei wartete, während zwei Chinesen, schon fertig mit dem Essen, den Tisch verließen und drei andere ihre Plätze einnahmen.

Der Mann mit dem Bambushut sprach Chong an: »Ich heiße Mateo. Du bist mir schon in Jangyeon in der Hafenkneipe aufgefallen.«

Chong fühlte sich in Gesellschaft dieses freundlichen Mannes wieder zuversichtlicher. Er hatte ein spitzes Kinn mit einem Bart. Sie traute sich ihm eine Frage zu stellen: »… Ihr Name … Hat man Ihnen den auch erst auf diesem Schiff gegeben?«

»Nein, meinen Namen hat mir unser Herrgott gegeben.«

Was meinte er damit?, rätselte sie, aber sie fragte nicht weiter. Der Koch brachte ihr eine Schale Reisbrei und einen Teller Gemüse und sagte etwas, was Chong nicht verstand. Er hatte eine tiefe Stimme.

Mateo übersetzte: »Wenn du möchtest, kannst du noch einen Nachschlag haben.«

Als Zeichen des Dankes neigte Chong leicht den Kopf. Sie verharrte abwartend und fragte sich, wie sie ohne Löffel zurechtkommen sollte. Da lagen nur Stäbchen. Nachdem sie mit deren Enden die Brühe eine Weile umgerührt hatte, trank sie schließlich in kleinen Schlucken aus der Schale.

Als sie dann die Kombüse verließen, sagte Mateo zu dem Koreaner mit der Hanfkappe: »Du kannst ruhig schon an die Arbeit gehen, ich kümmere mich um sie.«

»Also bringst du sie zu ihrer Kabine.«

Chong folgte diesem Mateo Richtung Bug, bis er in einen breiten Gang einbog. Dort befand sich eine Treppe, die in den Schiffsbauch hinunterführte. Als sie diese hinabgestiegen waren, kamen sie in einen großen Raum, unterteilt durch Zwischenwände. An der Decke hingen Rollen und Seile wie in einem Brunnenschacht. In jedem Abteil standen dicht an dicht gemäß dem Warenverzeichnis sorgfältig aufeinandergestapelte Kisten.

»Schau, dort oben über unseren Köpfen ist das Vorderdeck des Schiffes. Durch diese Luke kommt man da hinauf, und die Ladung wird auf diesem Weg herabgelassen. Insgesamt gibt es vier Decks. Ganz oben sind riesige Speicher, darunter befinden sich das Oberdeck mit der Brücke und die Mannschaftskabinen, das hier ist der Frachtraum für die Waren, und noch weiter unten werden die Lebensmittel gelagert.«

Sie kletterten ein weiteres Deck tiefer. Dort gab es eine Menge Holzkübel, in denen Lauch und anderes Gemüse angepflanzt war. Hier wurden auch Hühner und Enten gefüttert und drei oder vier Schafe sowie zwei Schweine gemästet. Nun verstand Chong, woher der Hahnenschrei gekommen war, den sie am Morgen zuvor gehört hatte. Des Weiteren waren da rechteckige Holzbehälter mit Auslaufstutzen, gewaltige Fässer und Flaschen in allen Größen.

»Auf dem Meer ist Trinkwasser sehr kostbar. Hier wird es aufbewahrt und hierher kommen wir, um uns etwas zu schöpfen. Wir benutzen zum Waschen und Zähneputzen Salzwasser, das wir uns mit einem Eimer an einer Leine aus dem Meer holen, aber du wirst deine Körperpflege hier erledigen.«

Mateo öffnete einen Hahn, und Wasser kam heraus. Chong fing es mit einem Zuber auf, wusch sich Gesicht und Hände und rieb auch über ihre Zähne.

Als sie das nasse Gesicht hob, zog Mateo ein Baumwolltaschentuch aus seinem Ärmel. »Behalte es, ich habe noch mehr davon.«

Nachdem Chong sich damit abgetrocknet hatte, zögerte sie einen Moment, unschlüssig, ob sie es behalten sollte, dann bedankte sie sich unbeholfen bei dem Mann.

In einer Ecke des Laderaumes wurden Werkzeuge und Hilfsmittel aufbewahrt, die für die Seefahrt notwendig waren. Als sie alle Nischen und Winkel des Schiffes besichtigt hatten, kehrte sie in Mateos Begleitung auf das Oberdeck zurück. Der Wind blähte die drei Segel zum Zerreißen, und die Dschunke durchpflügte die Fluten, ritt mal hoch auf den Wellenkämmen, dann wieder tauchte sie tief in die Wellentäler. Chong lehnte sich an die Reling und blickte in die Ferne. Am Horizont entdeckte sie einige Felsen, die wie kleine Inseln aussahen.

Mateo, der neben ihr stand, betrachtete sie ebenfalls. »Diese Inseln dort … das bedeutet, dass wir im Morgengrauen China erreichen werden.« Dann fügte er nachdenklich hinzu: »Als ich letzten Winter anheuerte, waren drei koreanische Mädchen wie du an Bord.«

»Wo hat man die hingebracht?«

Mateo führte seinen Daumen nacheinander zur Stirn, an die Brust, zur linken Schulter und zur rechten Schulter, bevor er die Hände faltete, den Kopf senkte und die Augen schloss. Obwohl Chong das Kreuzzeichen und dessen Bedeutung nicht kannte, respektierte sie sein Schweigen.

»Du musst wissen, China ist ein großes Land. Dort wohnen viele Menschen, und es gibt überall Märkte. Im Westen scheinen auch noch andere Länder zu liegen. Was dir auch geschehen mag, wenn du Gott in deinem Herzen willkommen heißt, dann wirst du stets den richtigen Weg finden.«

Mateo lehrte sie, zu Gott zu beten, aber das unterschied sich kaum von den Ritualen, die Chong aus ihrer Heimat kannte und die sie in dem von Sorghumpflanzen eingefriedeten Hof vor einer Schüssel Wasser praktiziert hatte.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch schienen die weit entfernten Berge auf einem dichten Nebelmeer zu schwimmen. Hier und da tauchten Masten auf, kleine und große. Plötzlich kreuzte ein großes Schiff ihren Weg zum Zielhafen. Die Takelage des Schoners bestand aus vielen einzelnen Segeln, die sich ausbreiteten wie die Schwingen eines Vogels. Die Bordwand wurde von einem Dutzend Luken unterbrochen, aus denen Kanonen ragten. Am Bug erhob sich die Figur einer Göttin. An der Spitze des Hauptmastes flatterten bunte Fahnen. Man raunte sich zu, es handele sich um ein Schiff aus dem Westen. Das sagte Chong jedoch nichts.

Obwohl die Küste schon so nahe zu sein schien, dauerte es bis zum frühen Nachmittag, bis ihr Boot in der Mündung des Jangtse vor Anker ging, bei einem Fischerdorf, etwas außerhalb von Shanghai. Ein von mehreren Männern geruderter Lastkahn näherte sich, und man entlud einige Waren. Dann setzte die Dschunke ihren Weg flussaufwärts fort. Gegen Abend erreichten sie Chinchiang. An einer großen, halbmondförmigen Biegung des Flusses tauchte die Stadt auf. Der Pier bestand aus Steinen und Rundhölzern. Das Schiff konnte dort jedoch nicht direkt anlegen, sondern musste mit gerefften Segeln in einigem Abstand vor Anker gehen. Rauch stieg aus den Kaminen der Häuser und zeigte die Abendessenszeit an. Es war so, als befinde man sich auf dem nebligen Grund eines Tales. Eine Vielzahl von Booten, Lastkähnen und Sampans lag dort vertäut und schaukelte sanft in der Dünung. Der Strom war hier noch so breit, dass er das Meer gewissermaßen einlud, weit ins Landesinnere vorzudringen. Über die Hochuferlinie hinaus zeichnete sich im Hintergrund die Silhouette eines Berges ab. Zahlreiche Möwen segelten über dem Flussdelta.

Ein Teil der Passagiere, unter ihnen die koreanischen Händler, stieg in Chinchiang aus. Waren wurden ausgeladen, aber Chong musste die Nacht an Bord verbringen. Früh am nächsten Morgen lichtete die Dschunke die Anker in Richtung Nanking, das sie jedoch nicht vor der Dämmerung erreichte. Die chinesischen Kaufleute, denen Chong an Bord begegnete, behandelten sie zuvorkommend. Sie brachten sie in einem gemütlichen Zimmer in einem Gasthof unter, der hauptsächlich auf dem Fluss reisende Händler beherbergte. Das für sie zuständige Hausmädchen stellte Chong Tee und etwas zu essen bereit. Im Bett liegend, hatte sie den Eindruck, immer noch auf Wellen zu schwanken. Aber es war das erste Mal seit dem Beginn ihrer Reise, dass sie tief und fest schlief, obwohl ihre Angst nicht gänzlich verschwunden war.

Die Herberge lag auf einem kleinen Vorsprung über dem Fluss. Von dort hatte man einen freien Blick über den Hafen, eine Reihe von Lagerhäusern und daran anschließend über eine Straße, eine Ansammlung von Restaurants, Bars und Läden. Der Weg, an dem sich Häuser und Gasthöfe aneinanderreihten, schlängelte sich den Hügel empor.

In Chongs Zimmer gab es einen Tisch und zwei Stühle aus Holz sowie ein Himmelbett. Ein Gemälde zierte die Wand. Darauf war eine schöne Frau abgebildet, die Erhu spielte, die chinesische zweisaitige Geige. Schob man den Vorhang, der das eine Fenster verdeckte, zur Seite, blickte man in einen kleinen Hof und auf die Außenanlagen des Gasthauses. Das Fenster auf der Bettseite gewährte den Blick auf das Dach des Nachbarhauses und dahinter auf das dunstige Tal mit der Flussmündung sowie auf eine Reihe von Schiffen, die dalagen wie Perlen auf einer Schnur. Darunter war auch die vertraute Dschunke, mit der Chong gekommen war.

Nach dem Mittagessen traf eine Sänfte ein. Einer der Kaufleute, die Chong schon auf dem Schiff gesehen hatte – es war der mit den eng anliegenden Ärmeln unter der Jacke – kam in Begleitung des jungen Hausmädchens über den Hof. Er öffnete die Tür zu Chongs Zimmer und sagte auf Chinesisch: »Lenhwa, es ist Zeit aufzubrechen.«

Seine Gesten bedeuteten ihr, was er meinte. Nach einem letzten Blick zurück, verließ Chong das Zimmer mit nichts außer dem, was sie bei ihrer Ankunft auf dem Leib getragen hatte. Als sie zum Haupthaus kam, roch sie das Essen aus der Küche. Einige Männer saßen an einem Tisch, unterhielten sich und tranken Tee. Zu ihrer Überraschung hörte sie lautes Vogelgezwitscher. Über den Köpfen der Männer hingen in den Fenstern mehrere Käfige an Haken. Darin saßen rote Vögel mit blauen Flügeln, weiße Vögel mit roten Schnäbeln und gelbe mit einem Schopf. Jeder zwitscherte eine andere Melodie. Chong wurde zu einem Wandschirm geführt, hinter dem sie den alten Kaufmann und zwei der Händler vom Schiff erkannte. Diese waren in Gesellschaft eines greisen Mannes in einem bodenlangen Mantel und mit einer runden Kappe auf dem Kopf. Die Anwesenden musterten sie ausgiebig, tauschten vielsagende Blicke, und der Alte bedeutete ihr schließlich, ihm zu folgen. Auf seine Anweisung hin stieg sie in die Sänfte, die vor dem Gasthaus stand. Als der Alte den Vorhang geschlossen hatte, setzte sich der tragbare Stuhl in Bewegung und schwankte im Trott der Träger hin und her.

DER SCHLAF

Die Sänfte kam vor einem mächtigen Tor zum Stillstand. Es wurde eingerahmt von zwei roten Säulen und überspannt von einer Platte, auf der goldene Schriftzeichen prangten. Zwei Wächter öffneten sofort, als sie an der Spitze des Zuges den alten Hausverwalter erkannten. Sie trugen ein grob gewebtes, mit roten Kordeln verziertes Gewand sowie einen Soldatenharnisch. Die Torflügel öffneten sich lautlos und gaben den Blick frei auf eine zweite Tür, eingelassen in die Mitte einer hohen Steinmauer. Die Sänfte wurde durch die beiden Öffnungen getragen und schwenkte dann nach links in einen Gang, der sich zu einem im Herzen des Hauses gelegenen Innenhof erweiterte. Zwei Hausangestellte, eine junge und eine schon betagte, eilten den Ankömmlingen entgegen. Sie lüpften die Vorhänge der Sänfte und halfen Chong beim Aussteigen, indem sie ihr unter die Arme griffen.

Der altgediente Hausverwalter führte Chong ins Innere der Residenz. In der Mitte eines Raumes saß in einem Sessel eine weißhaarige Dame und neben ihr ein Mann mittleren Alters, bekleidet mit einem Hemd aus feinster Seide und dazu passender Hose. Diener verschiedensten Alters standen im Kreis um sie herum. Der alte Mann berichtete nun der Herrschaft von seiner Reise. Dabei erwähnte er mehrmals den Namen Lenhwa. Die Hausangestellten reagierten auf seine Worte, indem jeder den Namen wiederholte.

Der Mann in der Mitte fragte: »Ich hoffe, du hast eine Rechnung bekommen?«

»Ja, Herr, im Austausch für den Wechsel, mit dem ich den Ginseng und das Mädchen bezahlt habe.«

Der Hausverwalter holte aus seinem Ärmel ein Papier, das er seinem Herrn, dem ältesten Sohn des Hauses, reichte. Dieser warf einen Blick darauf. Dann wandte er sich an die Dame: »Mutter, man versichert hier, sie sei fünfzehn Jahre alt und bei bester Gesundheit.«

Die alte Dame musterte Chong über den Rand ihres Fächers hinweg: »Schau doch nur ihre Füße an, wie hässlich sie sind.« Sie verzog das Gesicht. »Man hat sie ihr nie eingebunden.«

»Was spielt das denn für eine Rolle? Sie soll sich doch nur um Vaters Wohlergehen kümmern.«

Seine Mutter fächelte ungehalten und befahl: »Bringt sie fort, sie soll sich waschen und umziehen.«

Ihr Sohn fügte hinzu: »Und dass man sie mit dem ihrer Stellung gebührenden Respekt behandelt. Auch wenn sie noch sehr jung ist, sie wird die Konkubine meines Vaters sein.«

Chong erfasste von diesem Gespräch nur den sich ändernden Tonfall der Sprecher. Die beiden weiblichen Hausangestellten nahmen Chong wie zuvor links und rechts am Arm. Sie folgten einem langen Laubengang, der zu einem Nebentrakt führte. In einem entlegenen Winkel hinter einem Mimosenbaum befand sich der Waschraum. Man betrat ihn über einen Rost. Eine Frau, die damit beschäftigt war, das Feuer zu schüren, nahm sie in Empfang. Als sei es das Natürlichste der Welt, machten sich Chongs Begleiterinnen daran, die Stoffknöpfe ihres Gewandes zu öffnen und sie von oben bis unten zu entkleiden. Chong versuchte, ihre Hose festzuhalten, aber die ältere der beiden Frauen schob ihre Finger beiseite, nicht mit Gewalt, aber resolut. Die Unterkleider des jungen Mädchens wurden an eine Frau weitergereicht, die vor der Tür wartete, und die Alte befahl: »Verbrenne das!«

Chong ging an der Hand einer Dienerin ein paar Stufen hinunter in den eigentlichen Badebereich. Der Dielenboden war feucht und rutschig, an den Bambuswänden hatte sich Kondenswasser gebildet. Das Wasser, das über der Feuerstelle erhitzt wurde, floss durch ein Keramikrohr in einen großen runden Holzbottich. Der Raum war so angefüllt von Dampf, dass Chong, die vor Scham gekrümmt dastand, den Kopf gesenkt und mit den Händen den Busen bedeckend, die Haltung aufgab. Die Badefrau prüfte mit den Fingern die Temperatur im Zuber und stoppte dann die Wasserzufuhr, indem sie das Rohr mit einem Stöpsel verschloss. Die alte Dienerin schüttete den Inhalt eines kleinen Fläschchens in die Wanne, und sofort stieg Chong der intensive Duft von Jasmin in die Nase. Wie zuvor beim Aussteigen aus der Sänfte, griffen die beiden dienstbaren Geister ihr unter die Arme und halfen ihr in die Badewanne.

»Bring mir Reisschnaps!«

Gehorsam eilte die Jüngere davon und kam mit einer Porzellankaraffe mit Schwanenhals zurück.

Chong saß zusammengekauert mit angezogenen Knien im Bade, während die alte Frau den Schnaps hineingoss, beide Arme eintauchte und das Wasser um Chong herum kräftig aufwirbelte. Chong spürte, wie sich ihre Beine entspannten, ebenso wie ihre Finger, die losließen, statt verkrampft die Schultern umfasst zu halten oder mit den Ellenbogen die Brüste zu bedecken. Sie ließ die Arme sinken und legte den Kopf zurück auf den Wannenrand. Das Gesicht zur Decke gerichtet, schloss Chong die Augen. Sie hatte das Gefühl, ihr Körper würde langsam, aber unaufhaltsam auseinanderdriften wie ein Laken, das in einen See gefallen ist. Ihre Lippen öffneten sich halb, Schweiß rann ihr über das Gesicht, tropfte aus ihren Haaren. Die zwei Frauen begannen, mit einem Lappen aus Seide in sanften Bewegungen Chongs Rücken, Brust und Beine zu massieren.

Wie lange hatte sie vor sich hin gedämmert? Im Halbschlaf hörte sie die beiden Frauen im Ankleideraum nebenan rumoren und dann die Stufen herunterkommen. Sie hatten eine Art Ruhebett aus Bambusrohr hergerichtet, das an der Wand gelehnt hatte, und nun hoben sie die völlig aufgeweichte Chong kurzerhand an Schultern und Beinen aus der Badewanne. Als sie dalag, reichlich benommen, verspürte sie erneut den Drang, ihre Brüste zu bedecken, und hob die Arme, doch sofort wurden diese von der alten Frau abgefangen und zu beiden Seiten des Körpers der Länge nach hindrapiert, wobei diese etwas vor sich hin brummte. Die beiden Dienerinnen ließen ihre Blicke voller Bewunderung über den vor ihnen liegenden Körper gleiten.

Durch den Dampf in der Luft erschien ihnen dieser jungfräuliche Körper wie ein Pfirsich, der an einem Regentag durch die Zweige eines Baumes leuchtet. Die offenen Haare umrahmten den Kopf wie ein Heiligenschein, die gewölbte Stirn und die Wangen glühten förmlich. Wasserperlen auf Gesicht und Hals glitzerten wie Schuppen im Sonnenlicht. Darunter folgten die Schultern, schmal und rund. Die gerade erst erblühten Brüste waren klein, aber wohlgeformt, und schimmerten wie Porzellan. Von den braunen Brustwarzen hoben sich die Spitzen rosa ab. Die schmale Taille wurde durch die noch vorhandene kindliche Vorwölbung des Bauches unterstrichen. Einmal ausgewachsen, würden ihre Hüften wohlproportioniert sein. Der Schamhügel war noch kaum behaart. Die Oberschenkel waren drall, obwohl etwas weiter unten an den Kniegelenken etwas Fleisch fehlte. Im Liegen waren die Waden lang gezogen und der Fuß mit seinen kurzen Zehen und dem ausgeprägten Fußrücken leicht gewölbt.

Während die junge Dienerin die Hand- und Fußnägel rund feilte, rieb die ältere Chong vom Hals an abwärts mit einer wohlriechenden Salbe ein, nicht ohne sie vorher mit einem Handtuch abgetrocknet zu haben. Sie massierte die Brust, die Seiten und den Bauch. Ohne Zögern glitten ihre Hände über den Schamhügel, der unter der Berührung erschauerte, und weiter zwischen die Schenkel. Dort machten sie halt. Die Frau verlangte etwas von ihrer Gehilfin. Diese unterbrach gehorsam ihre Arbeit an den Nägeln. Daraufhin spreizte die Ältere Chongs Beine auseinander, drückte kurz ein mit heißem Wachs getränktes Leinentuch auf den Schamhügel und riss es gleich wieder weg. Das geschah in einer einzigen fließenden Handbewegung. Chong stieß einen Schrei aus und presste die Beine zusammen. Die Frau brachte das Tuch noch ein weiteres Mal auf, um die letzten Reste der Schambehaarung zu entfernen. Dann trug sie eine dicke Schicht Balsam auf die schmerzende Haut auf.

Die alte Dienerin verteilte den gleichen Balsam auch auf den Oberschenkeln und entlang der Beine bis zu den Fußspitzen. Daraufhin drehte sie Chong auf den Bauch, um den Rücken einzureiben. Als sie zu den fest angespannten Pobacken kam, hielt sie einen Moment inne. Die Masseurin hatte gemerkt, dass das junge Mädchen immer noch mit aller Kraft Widerstand leistete. Unbeirrt bearbeitete sie weiter die Rückseite der Oberschenkel, die Kniekehlen, die Waden. Ihre Gehilfin kümmerte sich währenddessen darum, mit einem Bimsstein die Hornhaut an den Fersen zu entfernen. Zum Abschluss knetete die Ältere noch kräftig das Fußgewölbe, die Zehen und deren Zwischenräume.

In ihrem Zimmer angkommen, sah sich Chong zum ersten Mal in ihrem Leben im Spiegel. Die junge Dienerin hatte sie huckepack dorthin zurückgebracht, nachdem die beiden ihr ein langes Seidenhemd angezogen hatten, das mit einem Band in der Taille zusammengehalten wurde. Der Wohnbereich, der für sie hergerichtet worden war, befand sich abgelegen und im Schutz eines kleinen Gehölzes am anderen Ende eines Gartens, dessen Zierde ein Teich mit einer halbmondförmigen Brücke war. Zwischen den Büschen war ein weiteres Gebäude zu sehen. Die zwei Frauen hatten die Tür nur kurz geöffnet, um Chong abzusetzen, dann aber von außen verriegelt. Da ihr etwas schwindelig war, blieb Chong einen Moment gegen das Türblatt gelehnt stehen, um die Fassung wiederzuerlangen. Obwohl die Sonne noch nicht untergegangen war, verbreiteten mehrere rote Laternen ihr gedämpftes Licht über die schwarzen Lackmöbel, die Stühle und die mit feinsten Intarsien in Form von Vögeln und Blumen verzierten Tische. An den Wänden war kaum eine leere Stelle. Sie waren bedeckt mit Zeichnungen und Tuscheschriften. Porzellangefäße schmückten die Abstellflächen der Möbel, es gab Flöten und eine P’ip’a, die chinesische Form der Laute.

Auf der rechten Seite des Zimmers stand auf einem geölten Holzpodest ein Himmelbett, dessen hochrot lackierte Seiten mit Ranken aus Perlmutt verziert waren. An jeder Ecke des Bettes befanden sich purpurrote Säulen, die den Baldachin trugen. Die frisch bezogene Liegestatt wurde von Vorhängen aus Seide eingerahmt, die auf beiden Seiten zurückgezogen waren. Mit unsicheren Schritten ging Chong darauf zu. Ihr schien das Bett so geräumig zu sein wie ein normales Zimmer. Auf der dicken Matratze lagen eine mit Chrysanthemen bestickte Seidendecke und eine rotblaue Nackenrolle. An der gegenüberliegenden Wand zeigte ein Fresko eine Gruppe einzigartig geformter Steine inmitten von ausgefallen verästelten Kiefern und üppig blühenden Pfingstrosen. Auf den Tellern einer Etagere waren verschiedene Dinge ausgebreitet: eine Auswahl an Früchten, eine lange, seltsam geformte Pfeife, ein Ölkännchen, das an einen Kerzenständer erinnerte, und ein weißer Spucknapf aus Porzellan sowie ein Taschentuch. Direkt neben dem Bett stand ein großes Tongefäß, das wohl als Sitzgelegenheit dienen sollte, denn darauf lagen eine Platte und ein Kissen. Am Fußende erhob sich ein ausladender roter Schrank, der mit Perlmutt verziert war, halb verdeckt von einem zweiteiligen Wandschirm. Auch einen Duftrauchbrenner gab es, dessen Verschluss die Form eines Drachenkopfes hatte. Chong öffnete die Tür des Schrankes und entdeckte darin etliche Seidengewänder. Aber selbst nach eingehender Untersuchung der Schubladen war keine Unterwäsche zu finden. Als sie sich umdrehte, bemerkte sie zu ihrer Überraschung ein Gesicht über dem Paravent, der ihr bis an die Schultern reichte.

Wer bist du?

Wer bist du?

Das Gesicht ihr gegenüber gab die Frage zurück. Chong schob den Wandschirm zur Seite, trat näher und stieß gegen eine glänzende, durchsichtige Fläche. Sie sah zum ersten Mal einen echten Spiegel, wie man ihn im Abendland hatte. Daraus blickte ihr ein vertrautes Antlitz entgegen. Das gleiche, das sich ihr schon oft in Wassereimern, Bächen und den glänzenden Bäuchen blank geputzter Messingkannen gezeigt hatte. Ein Gesicht, das sie bislang nur verzerrt, in die Länge gezogen oder stark vergrößert gesehen hatte, aber das sie eindeutig als das ihre erkannte. Chong nahm den Kopf zwischen die Hände. Ihr Gegenüber, Lenhwa, tat es ihr nach.

Natürlich, Lenhwa, das bin ich, und Chong, das war ich.

Eine lange Zeit ruhten ihre Augen auf Lenhwa, dann löste sie den Gürtel des Seidenhemdes und ließ es zu Boden gleiten. Es war eine neue Erfahrung für sie, sich ganz nackt zu sehen. Sie hatte das Gefühl, der Körper würde zu jemand anderem gehören. Die Lenhwa aus dem Spiegel sagte: »Du bist nicht ich.«

Die alte Dienerin kämmte ihr die Haare und flocht ihr zwei Zöpfe. Dann widmete sich Chong dem Abendessen, das die beiden Hausangestellten gebracht hatten. Auch Tee und Früchte waren dabei. Während Chong aß, wurde das Bett von der älteren Frau zum Schlafen vorbereitet. Sie brannte Weihrauchstücke an, holte frisches Wasser, stopfte die Pfeife und legte Schwefelhölzchen bereit. Sie löschte alle Laternen im Raum bis auf eine. Die Nachtlampe über dem Bett blieb ebenfalls an. Da der große Raum nun im Halbdunkel lag, schien das Himmelbett jetzt umso anheimelnder.

»Ziehen Sie dieses Hemd an.«

Die junge Dienerin reichte ihr ein rotes, mit Blumen besticktes Kleidungsstück. Chong schlüpfte hinein, und die Bedienstete half ihr, die Arme durchzustecken. Dann band sie ihr einen Gürtel um die Taille. An die Füße musste Chong zunächst Söckchen ziehen, die die Dienerin an den Knöcheln befestigte, und erst jetzt wurden sie in Seidenpantoffeln gesteckt.

Die ältere Frau kam nun mit einem Tablett zurück, auf dem eine zugedeckte Porzellantasse stand, und sagte: »Das ist Tee aus Pilzen, sehr gut für die Gesundheit. Trinken Sie das.«

Die beiden Hausangestellten warteten geduldig, bis Chong die Tasse geleert hatte, dann zogen sie sich lautlos zurück.

Auf dem Bett sitzend betastete Chong die Dinge, von denen sie umgeben war. Neben der langen Pfeife lagen in einer Schüssel getrocknete rote Datteln, die mit einem Baumwollfaden verbunden waren. Sie roch an dem Schälchen mit den schwarzen Kugeln, das wie ein Lampenschirm aussah. Chong fühlte ihre Erschöpfung, und sie streckte sich auf der Zudecke aus. Der wohlriechende Duft, der ihr in die Nase stieg, entführte sie auf eine Blumenwiese mitten im Sommer. Ihr Körper erschlaffte, aber ihr Geist blieb hellwach, außergewöhnlich sensibel für Geräusche und Farben. Sicherlich lag das an dem Tee, den sie getrunken hatte. Die Pfingstrosen auf dem Fresko loderten in einer solchen Lebendigkeit, dass es ihr direkt in den Augen wehtat, und eine der Kiefern schien aus dem Bild herauszuwachsen.

Ihr Atem hörte sich in ihrem Kopf wie ein Gewitter an. Als sie die Augen schloss, blickte sie in einen immer dunkler werdenden Tunnel, der sie einzusaugen drohte. Bei jedem Atemzug gingen links und rechts des Ganges kleine Laternen an, die sich am Ende zu einer gewaltigen Flamme verbanden. Diese verschwand sofort und ließ die Umgebung in totaler Finsternis zurück, als Chong die Luft aus den Lungen stieß. In ihrem Bauch wurde es warm, und ihr Nabel blähte sich, als hätte man frische Minzblätter daraufgelegt. Die Laternen fuhren fort, sich in ihrem Atemrhythmus auf einen Schlag zu entzünden und gleich darauf zu verlöschen, immer wieder.

Chong öffnete die Augen. Die roten Bettpfosten, die zartrosa Vorhänge, die Perlmuttverzierungen, alles schwebte, tanzte, wogte wie in einem Wildwasser. Die Farben waren nach wie vor klar, aber die Linien schienen sich zu krümmen und ineinander zu verknoten. Chong fühlte sich leer und kraftlos, nicht einmal den Kopf konnte sie heben. Sie versuchte die Finger zu rühren und schaffte es mit Mühe. Sie bewegten sich schwerfällig wie Windmühlenflügel durch die Luft, dann fielen sie leblos herab. Ihre wie im Wahn aufgewühlten und überhitzten Gefühle schienen um ein Gleichgewicht zu ringen, allerdings mit der schwindelerregenden Geschwindigkeit eines Kreisels. Ihr Atem beruhigte sich allmählich, und sie hatte den Eindruck, wie ein Schiff auf dem Wasser zu treiben. Jedes Mal wenn die Wellen an den Rumpf schlugen, erzitterte ihr Körper wie eine Nussschale auf hoher See.

Die ältere Dienerin und ihre junge Gehilfin schliefen in einem Nebengebäude, das aus einer Küche, einer Vorratskammer und einem Zimmer bestand. Dort gab es auch eine kleine Glocke, die man mittels einer Schnur von Chongs Zimmer aus bedienen konnte. Sobald sie ertönte, kam die eine oder die andere herbeigeeilt. An diesem Abend jedoch gingen sie nicht in ihre Unterkunft, sondern blieben beide auf ihrem Posten. Sie schienen jemanden zu erwarten. Tatsächlich tauchte nach kurzer Zeit im Haupthaus ein Lichtschein auf. Dann war plötzlich eine der Türen, nämlich diejenige, die zum hinteren Flügel hinausführte, hell erleuchtet. Jemand durchquerte langsam den Garten, vorneweg ein Dienstbote. Ein Stock schlug immer wieder auf die großen Steine, die sich auf dem Rasen zu einem Weg aneinanderreihten. Es war Ch’en, der Herr des Hauses. Man konnte ihn an seinem trockenen Husten erkennen. Die zwei Frauen, die ihn schon erwartet hatten, öffneten ihm die Tür, und er trat wortlos ein.

Obwohl er sonst sehr schlank war, hatte der Achtzigjährige doch einen kleinen Bauch. Er war nach Art der Mandschu frisiert, was bedeutete, dass die Stirn rasiert war und die restlichen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Trotz seines Alters war sein Teint hell, und die Lippen glänzten schön rot. Natürlich ging er langsam und etwas gebeugt, aber er war immer noch in der Lage, sich mithilfe eines Stockes eigenständig fortzubewegen. Alles in allem war er recht rüstig. Seit seinem siebzigsten Lebensjahr hielt er sich an eine sehr strenge Diät und machte Übungen zur Ertüchtigung des Körpers. Nun setzte er sich einen Moment hin, trank einen Schluck und aß etwas Dörrobst.

Chong hatte bemerkt, dass jemand eingetreten war, aber sie war unfähig, sich zu erheben. Sie war benommen, als sei sie gerade aus einem tiefen Schlaf gerissen worden, und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Der Alte näherte sich langsam dem Bett, lehnte sich an das Holzpodest und ließ den Blick über das junge Mädchen schweifen, das ausgestreckt vor ihm lag.

Chong konnte die Person, die sie betrachtete, nicht genau erkennen. Sie glaubte, dieser Jemand würde über ihr schweben und schmelzen, wie das Wachs einer Kerze oder wie ein Schneemann in der Sonne.

Der alte Ch’en öffnete den Gürtel des Schlafgewandes des jungen Mädchens und schob die Seiten auseinander, bis Chongs nackter Körper sichtbar wurde. Ihre alabasterfarbene Haut bildete einen vollkommenen Kontrast zu dem roten Seidenuntergrund. Der Mann zog vorsichtig an den Ärmeln, um auch ihre Arme zu befreien, bis das ganze Gewand herabglitt. Chong lag reglos da, ihre Pupillen waren geweitet, und ihr verschwommener Blick starr an die Decke gerichtet. Ohne das junge Mädchen aus den Augen zu lassen, entkleidete sich der Greis. Unter den Backen, am Hals und auf der Brust wirkte seine Haut wie eine alte Tapete, die sich von der Wand löst, wellig, gesprenkelt und mit Stockflecken. Eine tiefe Falte zeichnete sich am Übergang zwischen dem Hängebauch und den Hüften ab. Darunter hing schlaff ein kleiner Penis. Dessen Eichel war von einer fahlen Blässe wie die Lippen eines Ertrunkenen, der zu lange im Wasser gelegen hat. Die Hoden waren verhutzelt. Sie ähnelten stark vertrockneten Trauben, die bei jedem Windhauch schaukeln.

Die fleckige Hand des Alten wanderte über den Körper des jungen Mädchens. Vom Hals zu den Brüsten. Ganz leicht nur strich sie über die Haut. Sie berührte die zarte Taille, glitt dann weiter zur Innenseite der Schenkel, wo das Fleisch geschmeidig wie feinster Ton war. Schließlich blieb sie auf dem Schamhügel liegen, den die Dienerin sorgfältig enthaart hatte. Leicht zitternd bewegten sich die Finger wie die Beine eines Insekts von den Schenkeln hinunter zu den Füßen. Ch’en entfernte die Pantoffeln und die Socken. Die Füße waren niemals eingebunden gewesen. Sie waren sehr schön, wenn auch etwas groß. Eine ganze Weile streichelte er sie zärtlich.