Die Lotterie des Lebens - Mathis Rauland - E-Book

Die Lotterie des Lebens E-Book

Mathis Rauland

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Beschreibung

Die Lotterie des Lebens Wer hat darüber entschieden, wo und wann wir geboren wurden? Und wie wurden wir anschließend zu den Menschen, die wir heute sind? Der 18-jährige Darren Jackson soll Antworten auf diese Fragen erhalten. Doch nicht während seines Lebens. Nachdem er an einer Leukämieerkrankung stirbt, gelangt er in eine Welt zwischen Erde und Himmel. Eine Zwischendimension, in der eine große Lotterie betrieben wird. Diese entscheidet darüber, welche Seele welchem Leben auf der Erde zugeordnet wird und Darren soll von nun an bei den Verlosungen helfen, die dort täglich stattfinden. Die Lotterie bringt Darren dazu, sein gesamtes Leben zu hinterfragen. Und dann wären da noch seine Mitarbeiterinnen Ingrid und Lalita, die ihn nach und nach in einen unglaublichen Plan einweihen.

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kapitel

Jedes Ende ist ein Anfang

Hannah und Anna

Die Macht unserer Entscheidungen

Lalita

Die Memoiren der Lotteriearbeiter

Die erste Verlosung

Die richtige Kultur

Die versteckte Nummer

Die Entdeckungen von Susana Perez

Die ausgerissenen Seiten

Per Fließband in die Ewigkeit

Die irrationale Individualitätsquote

Die Rebellion der Lotteriearbeiter

Bei mittelgroßem bis großem Widerstand

Das weiße Licht

Prolog:

Warum sind wir, wer wir sind? Warum sind wir, wie wir sind?

Vielleicht, weil wir schon immer so waren, eben so sind, immer so sein werden.

Vielleicht.

Aber vielleicht sind wir ja auch die, die wir sein möchten.

Vielleicht konnten wir schon immer so sein, wie wir sein wollen.

Vielleicht.

Aber was war am Anfang? Was war der Anfang?

Wir konnten es uns nicht aussuchen. Auf einmal waren wir die, die wir waren.

Aber wer hat es entschieden? Und warum? Sollten wir vielleicht die sein, die wir heute sind?

Vielleicht.

Aber nach dem Anfang. Was kam dann?

Wir erinnern uns. Wir konnten entscheiden. Wir haben damit begonnen, so zu werden, wie wir werden wollten.

Vielleicht entscheiden wir also selber, wer wir sein wollen.

Vielleicht.

Es ist nur der Anfang, der uns Rätsel aufgibt. Der Anfang, den keiner versteht. Der Anfang, der über so viel entscheidet.

Vielleicht soll er ja so viel entscheiden. Vielleicht soll er uns in eine Richtung lenken, uns einen Weg ebnen.

Vielleicht.

Aber vielleicht ist es auch nur der Zufall. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, wer wir am Anfang sind.

Vielleicht zählt nicht, woher wir kommen, sondern nur wohin wir gehen wollen.

Vielleicht.

1. Jedes Ende ist ein Anfang

A bschiede. Noch nie war er darin gut gewesen. Noch nie war er eine dieser Personen gewesen, die die perfekt gewählten Worte fanden. Immer stellte er sich in seinem Kopf vor, was er sagen und wie er auf die Aussagen seines Gegenübers reagieren wollte. Er bereitete alle seine Antworten vor. Immer aber verpufften all seine Ideen in dem Moment, in dem die Realität ihn einholte. Szenarien und Vorstellungen, die er sich stundenlang in seinem Kopf ausgemalt hatte, wurden von der Wirklichkeit ersetzt.

So war es Darren Jackson auch heute ergangen. Noch nie hatte er sich in seinem Leben an einem einzigen Tag so häufig verabschiedet. Doch schlimmer als die Anzahl der Abschiede war ihr Anlass gewesen. Seine Familie, seine Freunde, sein Footballteam und seine Freundin hatten ihn an dem Ort besucht, an dem er seit einer Woche ans Bett gefesselt war. Dem Ort, den er nicht mehr verlassen würde – zumindest nicht lebend.

Übermüdet lag Darren in seinem Bett im Krankenhaus von Cincidoncee, einer Kleinstadt in Colorado. Über ein halbes Jahr war es her, dass man bei ihm Leukämie diagnostiziert hatte. Er war aus einem beständigen Leben herausgefallen. Eine unsichtbare Kraft hatte die bequeme Blase, in der er gelebt hatte, zerstochen und ihn in den freien Fall verfrachtet. Ein paar Tage waren es vielleicht noch; mehr dürfe er nicht erwarten, hatte der Arzt gesagt.

Seine Gedanken schwankten immer wieder zwischen schierer Verzweiflung und all der Liebe, die man ihm heute entgegengebracht hatte, hin und her. Er hatte Angst. Angst vor dem, was kam, aber vor allem Angst davor, dass vielleicht nichts mehr kommen würde. Angst davor, dass es ein Leben nach dem Tod nicht gab und nach seinen 18 Lebensjahren alles vorbei war.

Darren versuchte, diese Gedanken durch die Erinnerungen des heutigen Tages zu verdrängen. Die Gespräche mit seinen Tanten und Onkels, Großeltern, seinem Cousin Jeremy und seiner Cousine Carla sowie dem Besuch seines gesamten ehemaligen Footballteams. Es funktionierte. Seine Laune besserte sich und er atmete tief ein und aus.

Er wusste inzwischen aber, dass dieser Zustand nicht sehr lange anhalten würde. Seit Monaten tobte schon dieser Kampf in seinem Kopf. Ein nicht endender Konflikt zwischen dunklem Pessimismus und hoffnungsvollen Gedanken. Weder die Schwarzmalerei noch die Lichtblicke schafften es aber, besonders lange anzuhalten. Immer wieder lösten sie sich gegenseitig ab.

Während dieser Kampf von neuem begann und der Pessimismus sich gegen die Erinnerungen des Tages auflehnte, wurde Darren immer müder. Seine Augenlider wurden schwer und seine Gedanken langsamer. Es war erst sechs Uhr abends, aber Darren fühlte sich immer schwächer und schwächer. Während seine Eltern und seine Freundin Alison noch wach in seinem Zimmer saßen und in den Zeitschriften lasen, die das Krankenhaus zur Verfügung stellte, fiel Darren in einen tiefen Schlaf.

In seinem Kopf zuckten kleine Blitze hin und her. Denn auch in seinen Träumen setzte sich der stetige Kampf zwischen Trauer und Hoffnung fort. Diesmal gewannen die depressiven Gedanken die Oberhand und Darrens Träume wurden von all den bösen Überlegungen durchflutet, die er immer wieder versuchte zu verdrängen. Überlegungen an seine eigene Beerdigung, die Trauer seiner Familie und seiner Freunde und nicht zuletzt die Frage nach der Zukunft – seiner eigenen Zukunft und ob es eine solche geben würde.

Dann passierte etwas Eigenartiges. Die Dunkelheit seiner Träume wurde von einem warmen, hellen Licht verdrängt. Ganz plötzlich fühlte er sich nicht mehr in einem Traum gefangen. Er war auf einmal in vollem Besitz seiner geistigen Fähigkeiten. Sein Verstand war ganz klar und frisch. Befreit von all den Gefühlen, die ihn sonst so heruntergezogen hatten. Er hatte sich noch nie so gefühlt. Auch nicht, als er noch kerngesund gewesen war.

Vor seinem inneren Auge sah er nun ganz viele Bilder, die mal ganz schnell und mal ganz langsam durch sein Blickfeld flogen. Bilder aus seiner Kindheit, an die er sich teilweise nur ganz entfernt erinnern konnte. Bilder von Familienfeiern, Kindergeburtstagen und seiner Grundschulzeit. Die Momente wichen neuen Ereignissen, an die er mehr Erinnerung hatte. Bilder aus der Middleschool und seinen ersten Footballspielen strömten nun an seinem inneren Auge vorbei. Sie waren alle voller glücklicher Erinnerungen.

Während Darren sie beobachtete, waren jegliche Gedanken an seine Krankheit verbannt. Er machte sich nicht einmal Gedanken darüber, wie es möglich sein konnte, dass er all diese Bilder sah. Er war zu glücklich; zu hingerissen von den Erinnerungen, um den Augenblick zu hinterfragen. All diese Momente mussten in den hintersten Ecken seines Gehirns irgendwie abgespeichert sein. Dabei hatte er sie bestimmt schon seit Jahren verdrängt und nicht mehr aus ihren Kisten hervorgeholt.

Seine ersten Jahre auf der High-School waren nun der Inhalt der bunten Bilder, die er sah. Er sah seine erste Begegnung mit Alison und wie er sein Footballteam als Quarterback zur regionalen Meisterschaft geführt hatte. Er sah Momente mit seinen Eltern und anderen Verwandten, die alle immer furchtbar stolz auf ihn gewesen waren.

All diese Bilder, die er gesehen hatte, waren voller Licht und Wärme gewesen. Jetzt wichen sie aber dunklen, düsteren Momenten, die vor seinem inneren Auge auftauchten. Er sah den Arzt, der ihm die erste Leukämie-Diagnose mitgeteilt hatte und die Augenblicke, in denen er seinen Freunden und Alison davon erzählt hatte. All die traurigen Erlebnisse der letzten Monate prasselten wieder auf ihn ein.

Dann gelangte er zu einem Bild von sich selbst, wie er in seinem Bett im Krankenhaus lag. Seine Eltern und Alison saßen besorgt neben seinem Bett. Es schwebte sehr lange vor ihm und ihm fiel auf, wie müde und schwach er aussah.

Schließlich löste auch dieses Bild sich auf und es wurde dunkel um ihn herum. Darren schloss die Augen und wartete. Es war so still, dass er meinte, seinen eigenen Herzschlag hören zu können. Er atmete tief ein und aus.

Als er die Augen wieder öffnete, begann die Dunkelheit sich zu lichten und es wurde hell und warm. Die Dunkelheit wich immer weiter einem langen Tunnel, der mit hellen Lampen ausstaffiert war. Darren fühlte sich auf einmal stark, glücklich und voller Hoffnung; ohne jegliche Schmerzen stand er in diesem sonderbaren Tunnel.

Er schaute an seinem Körper herab. Aber konnte es sein Körper sein? Seine Arme und Beine waren so durchtrainiert, wie zu seinen besten Footballzeiten. Als er sich die Hände vor Erstaunen an den Kopf hielt, merkte er zudem, dass er keine Glatze mehr hatte. Seine Haare waren wieder da und waren so gestylt, wie er es am liebsten hatte.

Der Tunnel verlor sich hinter ihm in Dunkelheit, aber wenn er nach vorne blickte, sah er die vielen Lampen und ein großes, weiches Licht am Ende des Tunnels. Kurz schaute er zurück in die Dunkelheit. Kleine traurige Gedankenfragmente schafften es in seinen Verstand hinein. Gab es einen Weg zurück? Konnte er diesen Tunnel vielleicht zurückgehen und in seinen Körper im Krankenhaus zurückkehren? Er wollte nicht weg von seiner Familie und seiner Freundin. So lange wie möglich wollte er bei ihnen bleiben.

Aber dieses Licht, das er am Ende des Tunnels sah, war so warm und beruhigend. Immer stärker wurde er davon angezogen und schließlich begann er mit kleinen Schritten darauf zuzugehen. Mit jedem Schritt fühlte er sich besser; seine Zweifel und seine Angst schwanden. Es fühlte sich richtig an, auf das Licht zuzugehen.

Immer weiter näherte er sich dem hellen Licht. Er wusste nicht, was passierte, aber die gesamte Trauer und Bitterkeit der letzten Monate war wie weggeblasen. Alles, was er spürte, war eine Euphorie und eine Vorfreude auf das Licht am Ende des Tunnels.

Nach ein paar Minuten näherte er sich dem Ende des nun lichtdurchfluteten Ganges. Vor ihm war nur noch weißes Licht, welches mit den glatten Wänden des Tunnels verschmolz. Er wusste, dass es der letzte Schritt sein musste, in dieses Licht hineinzugehen. Würde er diesen Schritt gehen, gab es kein Zurück mehr.

Kleine Zweifel tauchten wieder auf und versuchten, ihn vom Licht fernzuhalten. Darren schaute zurück. Aber in genau diesem Moment erschien neben ihm eine Kugel aus strahlend weißem Licht. Sie war so hell, dass sie sich sogar von den hellen, weißen Wänden des Tunnels abhob. Aber war es eine Kugel? Ihre Form war nicht genau zu erkennen. Es war eine undefinierbare Form aus reinem Licht.

Darren starrte diese Form an. Sie flackerte und schimmerte vor seinen Augen. Dann hörte er sie sprechen. Aber nicht in einer Sprache, die man in Worten oder Zeichen ausdrücken konnte. Es war eine Sprache von Gefühlen und Emotionen, die er nicht hörte, sondern spürte. Die Botschaft, die dieses Lichtwesen ihm vermittelte, gab ihm Mut und Kraft. Es dauerte nicht lange bis er wieder die nötige Entschlossenheit fand, um den Gang in das Licht hinein zu wagen.

Er nickte dem Lichtwesen kurz zu und er fühlte Zustimmung von ihm ausgehen und ihn durchfließen. Er war bereit. Bereit, auf das Licht zuzugehen. Bereit, ein neues Kapitel anzufangen, denn niemals konnte dieser Moment ein Ende sein. Er fühlte sich, als stünde er am Anfang eines großen, neuen Abenteuers.

Darren Jackson schloss die Augen und ging auf das Licht zu. All die Angst vor dem Sterben war vergangen. All die Bitterkeit der letzten Monate war ausradiert. Alles, was er fühlte, war eine große Vorfreude und ein Verlangen, in das Licht einzutreten. Immer weiter lief er in es hinein und die Tunnelwände begannen zu verblassen.

Doch plötzlich wurden seine Bewegungen wieder träge und er spürte wie die Zweifel in seinen Verstand zurückkehrten. Das Lichtwesen signalisierte ihm auf einmal zu warten. Abrupt blieb er stehen. Er müsse warten, vermittelte ihm das Wesen erneut. Aber warten worauf? Der Tunnel hatte nur zwei Ausgänge. Sollte er etwa zurückgehen? Verwirrt schaute er sich um und die Glückseligkeit, die das Lichtwesen in ihm versprüht hatte, ebbte ab.

Auf einmal klappte eine Tür an einer der Seitenwände des Tunnels auf. Er hatte sie zuvor gar nicht gesehen. Sie war klein und nur wenig Licht schien aus der schmalen Öffnung in den Tunnel hinein. Das Lichtwesen bedeutete ihm, dass dies der Weg war, den er gehen musste. Es signalisierte ihm, dass er noch nicht in das weiße Licht eintreten durfte.

Erneut blieb Darren kurz stehen und überlegte. Der Gedanke durch diese Tür zu gehen, löste keine Glücksgefühle bei ihm aus. Er blickte zu dem Licht am Ende des Tunnels. Es war so hell und warm und einladend. Vielleicht eine ganze Minute lang schaute er sehnsüchtig zu dem, den Tunnel flutenden, Licht.

Schließlich schüttelte er sich und wendete sich von ihm ab. Er konnte diesem Lichtwesen nicht widersprechen. Diese Lichtform, die da vor ihm schwebte, schien ihm so rein und ehrlich und echt, dass er ihr vertrauen musste. Es musste richtig sein, durch die Tür zu gehen.

Er schaute noch einmal kurz zu dem großen weißen Licht hinüber, in das er hatte eintreten wollen. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und ging durch die kleine Tür hindurch.

Hinter der Tür wartete eine Treppe, die er schnell hinabstieg. Er befand sich auf einmal in einem Zimmer mit einem großen Bett, einem Schreibtisch, zwei großen Schränken und ein paar Postern von Footballspielern an der Wand. Er brauchte keine Sekunde, um zu erkennen, dass alle Möbel und die Poster aus seinem eigenen Zimmer in Cincidoncee stammten. Nur das Zimmer selbst war ihm fremd. Die Wände waren aus einem glatten, grauen Metall gefertigt und es gab kein einziges Fenster.

Was war hier los? Warum war er hier gelandet? Wieso hatte das Lichtwesen ihn nicht in das große, helle, beruhigende Licht eintreten lassen?

Darren sah die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers und ging auf sie zu. Er musste herausfinden, wo er war. Fragen über Fragen kreisten in seinem Kopf herum. Mit jedem Schritt, den er aber auf die Tür zuging, wurden seine Glieder immer schwerer und seine Augenlider fielen ihm fast zu. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zurück zu seinem Bett zu torkeln. Als wäre er betrunken, stolperte er quer auf die Decke und mehrere Kissen und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

2. Hannah und Anna

Verschlafen und verwirrt wachte Darren auf. Durch seine halb geöffneten Augen sah er sein Zimmer. Er lag in seinem Bett. Was war passiert? Das Letzte, woran er sich erinnerte, war, wie er im Krankenhaus gelegen hatte. Er war schwach gewesen und seine gesamte Familie war erschienen, um sich zu verabschieden. Jetzt fühlte er sich aber frisch und gesund. Er spürte dichte Haare, wo lange Zeit eine Glatze gewesen war und er fühlte sich körperlich stark. War seine ganze Krankheit ein furchtbarer Alptraum gewesen? Die letzten Monate eine Illusion?

Das war unmöglich. Das konnte nicht sein. Aber wie konnte er dann jetzt in seinem Zimmer aufwachen, als wäre nichts passiert? Darren rappelte sich auf und stand auf. Er trug eine Jeans und einen Pulli. Er ging zu seinem Schrank, um sich eine neue Unterhose und neue Socken zu holen. Nachdem er die Schranktür geschlossen hatte, wollte er aus dem danebengelegenen Fenster schauen. Aber dort war kein Fenster. Vor ihm erstreckte sich eine glatte, graue, metallene Wand.

Panisch drehte er sich um und ließ die Unterhose und die Socken fallen. Das hier war nicht sein Zimmer. Es waren seine Möbel. Auch waren die Wände mit einem Trikot und den gleichen Postern geschmückt, die in seinem Zimmer hangen. Aber die Fenster waren weg. Und anstelle seiner Tapete, waren rundherum nur dunkle Metallwände, als wäre er in einem Bunker.

Als er in seinem vermeintlichen Zimmer auf und ab ging, prasselten die Erinnerungen an die gestrige Nacht wieder auf ihn ein. Kurz freute er sich. Denn er wusste wieder, was passiert war. Dann wurde er sich aber der niederschmetternden Erkenntnis bewusst, die mit diesen Erinnerungen verbunden war: Er, Darren Jackson, musste tot sein.

Auf einmal erinnerte er sich wieder an alles. An die Bilder aus seinem Leben, die an ihm vorbeigezogen waren. An den Tunnel und das Lichtwesen. Und zuletzt an die geheime Tür, durch die er gegangen war.

Aber das konnte doch eigentlich alles nicht sein. Er konnte nicht tot sein. Wenn er so darüber nachdachte, fühlte er sich lebendiger als je zuvor. Er schob den kurzen Schock beiseite – unmöglich konnte er tot sein. Es gab allerdings nur einen Weg, um herauszufinden, wo er sich gerade befand. Entschlossen ging er auf die Tür des Zimmers zu, die an genau der Position angebracht war, an der auch sein richtiges Zimmer eine Tür hatte.

Als Darren sich dieses Mal der Tür näherte, wurde er nicht schnell müde, wie bei seinem ersten Versuch sie zu öffnen. Gerade wollte er die Tür öffnen, da hörte er Stimmen von der anderen Seite. Er legte sein Ohr an die Tür und lauschte. Es war Musik, die er hörte, die im Zimmer nebenan laut aufgedreht war. Er kannte dieses Lied und schüttelte ungläubig den Kopf. Es war ohne Zweifel Radio Gaga von Queen, was er da hörte. Mit einem Kloß im Hals, drehte er den Knauf um und zog die Tür langsam auf. Nachdem er sie ganz geöffnet hatte, konnte er seinen Augen nicht trauen. Hinter der nachgestellten Umgebung seines Zimmers, verbarg sich ein Anblick, den er nicht begreifen konnte.

Der große Raum, der sich vor ihm erstreckte, erinnerte ihn an die Kommandozentrale eines Raumschiffes. Er hatte eine hohe Decke und alle Wände hatten, wie auch in seinem Zimmer, eine Oberfläche aus grauem, glattem Metall. Die einzige Lichtquelle war eine große Lampe in der Mitte des Saales, denn es gab kein einziges Fenster. Von dem großen Raum gingen viele verschiedene Türen ab, die aber alle keinerlei Hinweise darauf vermittelten, wo er sich befinden könnte.

Inmitten dieses skurrilen Bildes befand sich ein großer runder Bereich aus Bildschirmen auf Tischen. Die Bildschirme sahen brandneu und hochmodern aus. Als wären sie erst gestern gekauft worden. Der runde Bereich war etwa einen Meter tief in die Erde eingelassen und eine kleine Treppe führte in ihn hinab. Inmitten dieses Kreises saßen zwei Frauen auf ledernen Bürostühlen und studierten aufmerksam die verschiedenen Bildschirme um sie herum.

Trotz der laut aufgedrehten Musik unterhielten sie sich, aber ohne sich dabei anzusehen. Sie blickten beide konzentriert auf ihre Displays und Darren konnte sie kaum verstehen. „Sei nicht naiv, Anna. Du weißt, dass der Generator keine Fehler macht“, sagte die Eine. „Also meinst du, es ist endlich soweit?“ „Ja, ich glaube schon. Wir müssen wachsam sein.“ „Oh Hanna, das ist so aufregend. Ich kann es kaum erwarten.“

Ungläubig starrte Darren sie an und lauschte ihrer rätselhaften Unterhaltung. Wo war er hier gelandet? Vorsichtig ging er auf den Kreis aus Bildschirmen zu. Die Frauen schienen keine Notiz von ihm zu nehmen und waren weiterhin in ihre Bildschirme vertieft. Als er sie genauer betrachtete, meinte er, so etwas wie einen schwachen Schimmer von ihnen ausgehen zu sehen. Es sah so aus, als würden diese Frauen leuchten. Er schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. Der Schimmer, der von ihnen ausging, war nicht verschwunden.

Diese Einbildung konnte er aber vermutlich der langen Liste unmöglicher Tatsachen hinzufügen, die ihm heute schon durch den Kopf gegangen waren.

„Hallo?“, rief er zaghaft und die Frauen drehten sich augenblicklich zu ihm um. Sie hatten beide ein freundliches, warmes Lächeln auf den Lippen. „Darren“, sagte die Frau, die näher bei ihm saß, „wie schön, dass du aufgewacht bist. Wir haben viel zu besprechen.“ Die Frau hatte braune, geglättete Haare, die ein bildhübsches Gesicht umrahmten. Sie sah noch recht jung aus. „Keinesfalls älter als dreißig“, dachte Darren und ihr durchtrainierter, schlanker Körper bestätigte diesen Eindruck. Ihr Aussehen ließ Darren kurz gebannt dastehen, ohne dass er davon ablassen konnte, die Frau anzuschauen.

Beide Frauen standen auf und kamen auf ihn zu. Die hintere Frau sah fast identisch aus. Sie mussten Zwillinge sein. Nur die Haare der zweiten Frau sahen anders aus. Sie waren blond und lockig. Darren starrte sie an und wusste nicht, was er sagen sollte. Woher kannten diese Frauen seinen Namen?

„Also Darren“, wieder sprach die Frau mit den braunen Haaren, „ich heiße Hannah und das ist meine Schwester Anna.“ Erneut wusste er nicht, was er sagen sollte. Die Frau redete aber direkt weiter und ersparte ihm die Suche nach Worten. „Vermutlich fragst du dich, wieso du hier bist, Darren.“ Er nickte. „Diese Frage möchten wir dir beantworten. Und noch viel mehr haben wir zu besprechen. Wir werden nämlich eine ganze Weile miteinander arbeiten und auskommen müssen.“ Die Stimme der Frau bereitete Darren Unbehagen. Sie erinnerte ihn an Siri oder Alexa, als wären alle ihrer Aussagen bereits in ein System eingespeichert und nicht erst in diesem Moment entstanden.

„Und wo bin ich hier?“, brachte Darren hervor. Immer mehr Fragen tummelten sich in seinem Kopf und er brauchte endlich Antworten. „Also Darren“, sagte diesmal Anna, die blondhaarige Frau, „bevor wir besprechen, wo genau du hier bist und was wir zusammen machen werden, müssen wir eine wichtige Sache klären.“ „Und was wäre das?“ „Ist dir bewusst Darren, dass du letzte Nacht gestorben bist?“

Entsetzt blickte Darren auf den Boden und schwieg. Tot? Er? Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Er musste seine Freunde und seine Familie wiedersehen. Er musste wieder Football spielen und aufs College gehen.

„Aber wie ist das möglich?“, fragte er panisch. „Ich stehe doch gerade gesund und lebendig vor euch. Ich kann nicht tot sein. Wenn man tot ist, dann ist man tot, aber ich stehe hier.“ „Wir verstehen, dass das sehr schwer für dich sein muss“, sagte Anna. „Du wirst die ersten zwei Tage nicht arbeiten müssen. Du bekommst genug Zeit, um dich in dieser neuen Situation zurechtzufinden. Mach dir keine Sorgen.“ „Aber ich bin nicht tot“, sagte er überzeugt. „Wie kann ich tot sein, wenn ich hier quicklebendig vor euch stehe?“

„Erinnerst du dich daran, wie du in dein Zimmer hier gelangt bist?“, fragte Hannah. Sie sah ihn verständnisvoll und freundlich an. Aber irgendetwas an ihrer Mimik schreckte Darren ab. Es wirkte fast so, als hätte sie in einem Lexikon nachgeschlagen, wie man empathisch und freundlich aussah und würde diesen Gesichtsausdruck nun imitieren. Ohne jegliche Authentizität. „Ja, ich kann mich erinnern. Nur fühlt es sich wie ein weit entfernter Traum an“, antwortete Darren, nachdem er seine Verwunderung über die Frau verdrängt hatte. „Es war aber kein Traum, Darren. Das Licht, das du gesehen hast; wärst du in es eingetreten, so wärst du an den Ort übergegangen, den ihr Menschen meistens als den Himmel bezeichnet. Allerdings durftest du noch nicht an diesen Ort gehen und ich kann dir keine Auskünfte über ihn geben. Denn deine Zeit ist noch nicht gekommen. Bevor du in das Licht eintreten kannst, musst du uns noch bei wichtigen Angelegenheiten helfen. Darum bist du hier. Darum hat unser Hüter des Lichtes dich zu uns geschickt.“

Darren war verwirrter als vorher. Wieso sprach diese Frau von Menschen, als wäre sie selbst keiner? Und was waren es für Angelegenheiten, bei denen er ihnen helfen sollte? „Aber wenn ich nicht in das Licht eingetreten bin, dann kann ich doch noch zurück, oder nicht? Ich bin noch nicht tot. Es muss einen Weg zurück geben.“ „Darren“, Anna schaute ihn nun belehrend an, „es gibt keinen Weg zurück. Du hast eine Grenze überschritten, die nur in eine Richtung passierbar ist. Du solltest damit beginnen, dich mit dieser Tatsache zu arrangieren.“

„Ich glaube euch nicht“, sagte Darren, „wieso sollte ich euch trauen? Wer seid ihr überhaupt? Vielleicht seid ihr einfach irgendwelche Verrückten, die mich hier festhalten.“ Darren redete sich in Rage und er dachte kurz, er wäre den freundlichen Frauen gegenüber zu grob gewesen. Ihre Mienen wiesen aber nicht den winzigsten Hauch von Empörung auf. Sie schauten ihn weiterhin verständnisvoll und gelassen an. „Wo du bist und wer wir sind, das möchten wir dir erklären, Darren. Und wir hoffen darauf, dass anschließend alle deine Fragen geklärt sind. Komm, wir setzen uns. Möchtest du etwas trinken?“

„Vielleicht einen Kaffee“, sagte er verwirrt und folgte Hannah in den runden, inneren Bereich des Raumes, während Anna durch eine der Türen verschwand. „Setz dich, Darren“, sagte Hannah und schob ihm einen der ledernen Drehstühle zu. Er setzte sich und schaute auf den Boden. Er konnte nicht tot sein. Egal, was sie ihm gleich erzählen würden, es musste ein Irrtum vorliegen. Irgendein Missverständnis.

Anna kam schnell mit einem dampfenden Becher Kaffee zurück. Die Kaffeemaschine hier musste wohl auf Hochtouren arbeiten. Anna setzte sich ihm gegenüber, reichte ihm die Tasse und schaute ihm in die Augen. „Also, Darren, wir haben diese Art von Gespräch schon sehr oft geführt und immer beginnen wir es mit derselben Frage: Bist du religiös?“

„Ob ich religiös bin? Was soll das mit meiner Situation und diesem komischen Ort zu tun haben? Ich möchte jetzt endlich wissen, wo ich hier bin! Bitte erzählt mir doch einfach, wo wir uns hier befinden.“ Er wurde immer lauter und schrie die Frauen schon fast an. Diese schienen davon aber unbeeindruckt. Sie schauten einander nur an und lächelten, als hätte er etwas Dummes gesagt. „Ach, Darren“, sagte Hannah und schüttelte leicht den Kopf. „Bitte beantworte die Frage und es wird alles einen Sinn ergeben. Das verspreche ich dir.“ Darren schaute die beiden Frauen vor ihm verzweifelt an. Jetzt, wo sie so nah neben ihm saßen, konnte er dieses schwache Leuchten, das von ihnen ausging, besser erkennen. Es sah tatsächlich so aus, als hätten sie eine Aura und würden hell schimmern.

Ihre äußere Erscheinung, dieser Ort und die Transformation seines eigenen Körpers waren so absurd, dass er sich dazu entschied, die Fragen der Frauen vorerst zu beantworten. Vielleicht würde ja wirklich alles einen Sinn ergeben. Er atmete tief durch und überlegte sich, was er ihnen sagen könnte. Er beruhigte sich langsam wieder und seine Muskeln entkrampften sich.

„Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Ich war aber nie besonders häufig in der Kirche. Eigentlich nur an Weihnachten oder zu besonderen Anlässen, wie einer Taufe oder einer Hochzeit.“ „Also glaubst du an die christliche Vorstellung von Gott?“, fragte Anna. „Ja, ich glaube an Gott“, sagte Darren, „ich bin nicht besonders christlich, aber ich glaube daran, dass es einen Gott gibt.“ „Dann kann ich dich in dieser Hinsicht nur bestätigen, Darren; denn es gibt wirklich einen Gott“, sagte Anna und strahlte ihn an. So wie ihre Schwester wirkten aber auch ihre Emotionen aufgesetzt und künstlich. „Du solltest dich allerdings von allen Gottesvorstellungen, die du kennengelernt hast, verabschieden, Darren“, fügte Hannah an. „Also hat Gott nicht diese Welt und den Menschen erschaffen?“, fragte er. „Oh doch. Natürlich, Darren. Dachtest du etwa, diese Welt wäre rein zufällig entstanden?“ Hannah und Anna schauten sich kurz an und lachten dann laut auf.

Nachdem sie sich wieder eingekriegt hatten, redete Anna weiter: „Es ist so, Darren. Gott hat diese Welt erschaffen. Allerdings hat er seit seiner Schöpfung nicht mehr in sie eingegriffen. Er hat die Welt sich selbst überlassen, aber die Natur mit einem genialen Bauplan ausgestattet.“ „Also bedeutet das, alles, was in der Bibel steht, ist nicht wahr? Religionen sollen frei erfunden sein?“, fragte Darren.

„Nicht alles“, sagte Hannah. „Jesus gab es wirklich und ebenso viele andere Personen, von denen in der Bibel die Rede ist. Alle Inhalte der Bibel aber, die darüber erzählen, wie Gott sein soll oder eine Handlung Gottes beschreiben, sind frei erfunden. Denn, wie wir dir bereits erzählt haben, hat Gott sich in die Geschehnisse dieser Welt kein einziges Mal eingemischt, seitdem er sie erschaffen hat. Alle Vorstellungen, die du also von Gott hast, wirst du ablegen müssen. Er ist nicht allmächtig, nicht allwissend und hat auch den Menschen nicht nach seinem Abbild geschaffen.“ „Also gibt es wirklich einen Gott, aber keine Religion auf der Welt hat die richtigen Vorstellungen von ihm?“, fragte Darren.

Das Gespräch mit den Frauen hatte ihn kurz von seiner Angst und seiner Wut abgelenkt. Wenn es stimmte, was sie ihm erzählten, dann erfuhr er gerade etwas, wonach andere Menschen ihr gesamtes Leben forschten.

„Richtig, Darren“, sagte Anna und nickte ihm begeistert zu – wie eine Grundschullehrerin, die stolz auf die richtige Antwort eines Schülers ist. „Es gibt allerdings verschiedene Ideen, die die Menschen entwickelt haben, die der wahren Schöpfungsgeschichte nahekommen. Es gibt viele wertvolle Teilaspekte verschiedener Religionen, die die Wirklichkeit sehr gut erklären. Weißt du, was Deismus ist, Darren?“

Deismus. Er hatte diesen Begriff schon einmal gehört. In der Schule, meinte er, hätten sie ihn schon einmal besprochen. Seine Bedeutung hatte er aber vergessen. „Nein, ich weiß es leider nicht“, sagte er. „Kein Problem. Ich erkläre es dir gerne“, entgegnete Anna und lächelte. „Der Deismus ist die Idee, dass Gott die Erde erschaffen hat, aber seit der Schöpfung nicht mehr aktiv in sie eingreift. Sie steht im Gegensatz zu der Idee des Theismus, die Gott als Lenker der Welt betrachtet, der seit der Schöpfung immer wieder in das Weltgeschehen eingreift beziehungsweise in es eingreifen kann. Gott verfolgt allerdings den Plan, dass die Menschen selber in der Welt zurechtkommen müssen. Er ist überzeugt, dass sie seine Hilfe nicht brauchen, wenn sie zusammenarbeiten. Er wollte den Menschen die größtmögliche Freiheit gewähren, daher überlässt er die Welt sich selbst. Was deine Spezies aus dieser Freiheit gemacht hat, kann man natürlich als eine kleine Katastrophe bezeichnen. Aber es gibt immer die Möglichkeit, diese Freiheit zu nutzen und auf den richtigen Weg zurückzukehren.“

Darren konnte gar nicht glauben, was er da hörte. Es erschien ihm aber alles logisch, was die Frauen ihm erzählten. Die Menschen waren frei. Die Erde gehörte den Menschen und sie konnten auf diesem Planeten tun und lassen, was sie wollten. Auch wollte ihm kein Ereignis einfallen, bei dem Gott jemals in das Geschehen auf der Erde eingegriffen hatte.

Dann drängte sich ihm eine neue Frage auf, die er sofort stellen musste. Er hatte sich vor ein paar Minuten nicht verhört. Eine der Frauen hatte von der Menschheit gesprochen, als gehöre sie nicht dazu. Dieses Mal war es eindeutig gewesen, dass die beiden sich nicht als Menschen betrachteten – oder vielleicht gar keine Menschen waren?

„Ihr sprecht von Menschen, als wenn ihr keine wärt. Aber was seid ihr, wenn ihr keine Menschen seid?“ Die Frauen schauten ihn wie zuvor geduldig und freundlich an. „Das ist schwer zu sagen, Darren. Es gibt keinen Begriff der Menschen, der uns richtig beschreiben könnte. Der Begriff, der unserer Existenz am nächsten kommen würde, wäre der Begriff Engel.“ „Engel?“, platzte es ungläubig aus Darren heraus.

„Ja und nein“, sagte Hannah lächelnd. „Wir sind Diener und Helfer Gottes. Wir helfen ihm, seinen großen Plan umzusetzen und auch du sollst dabei mithelfen. Allerdings ist es wie mit den Gottesvorstellungen der Religionen. Auch die Vorstellungen von Engeln, die es gibt, treffen nicht wirklich auf uns zu. Oder siehst du Flügel auf unseren Rücken?“ Nach dieser Frage schauten Hannah und Anna sich erneut kurz an und brachen wie schon zuvor in schallendes Gelächter aus.

Darren fasste sich an den Kopf, schaute ungläubig auf den Boden und schlürfte eine Minute lang seinen Kaffee ohne etwas zu sagen. Alles, was er da gerade gehört hatte, musste ein großer Spaß sein. Gleich würde jemand hineinkommen und ihm die versteckte Kamera zeigen. Hannah und Anna würden sich als Schauspieler zu erkennen geben. Er würde laut lachen und sich in ein paar Wochen im Fernsehen betrachten. Er würde zusammen mit seinen Eltern oder Alison auf der Couch sitzen und sie würden sich lange daran erinnern, wie man ihn so clever ausgetrickst hatte.

Nur konnte er sich das Leuchten dieser Frauen nicht erklären. Genauso wenig konnte er sich erklären, wie er selbst so aussehen konnte, wie vor seiner Krankheit. Er musste darauf vertrauen, dass sie ihm die Wahrheit gesagt hatten und wirklich alles einen Sinn ergeben würde. Erneut atmete er tief durch und ließ sich auf das bizarre Gespräch ein. „Wenn ihr sagt, dass ihr Gott bei seinem Plan helft und auch ich dabei helfen soll; wie sieht dieser Plan dann aus?“, fragte er schließlich.

„Auch hier gibt es eine von Menschen entwickelte Idee, die der Wahrheit sehr nahekommt. Es ist die Idee des Intelligent Designs. Hast du davon schon einmal gehört?“ „Nein, das sagt mir wirklich gar nichts“, antwortete er. „Religion war wohl nicht dein Lieblingsfach, Darren“, sagte Anna und zwinkerte ihm zu. „Die Idee des Intelligent Designs“, fuhr Hannah fort, „ist die Idee, dass die Welt und die Natur einem Bauplan unterliegen. Einem Bauplan von Gott. Und diese Idee kommt der Wahrheit sehr nahe. Denn als Gott die Erde schuf, da sah sie ganz anders aus als heute. Er hatte aber alle Faktoren mit einberechnet und berücksichtigt, die eine Rolle bei der Entwicklung der Natur und des Lebens spielen würden. Er wusste, dass die Natur sich unter den richtigen Bedingungen weiterentwickeln würde. Er hat also die Evolution in seinen Plan eingebaut. Die gesamte Natur, jedes Lebewesen ist ein Teil seines großen Bauplanes. Jeder noch so kleine Bestandteil der Natur greift wie ein Zahnrad in ein anderes Rad und trägt dazu bei, dass dieser große Komplex funktioniert. Nichts, das der Natur entspringt, ist unnötig oder nicht von Gott vorgesehen. Nur was die Menschen aus manchen Bestandteilen der Natur erschaffen, wird zum Problem.“

„Der Name Charles Darwin ist dir doch hoffentlich ein Begriff, Darren!?“ „Ist Darwin nicht der Biologe, der die Evolutionstheorie entwickelt hat?“, sagte Darren, stolz endlich eine Antwort auf eine der Fragen zu haben. „Richtig. Er hat sich in seinem Leben allerdings mit vielen verschiedenen Fragen der Biologie beschäftigt“, sagte Hannah. „Die Evolutionstheorie ist vermutlich die Interessanteste. Sie ist nämlich Teil des großen Bauplans Gottes.“ „Allerdings gibt es eine andere Idee Darwins, die perfekt die Struktur von Gottes Plan für diese Welt und die Natur beschreibt“, fuhr Anna fort. „Es gibt auf Madagaskar eine Orchidee, Darren. Und diese hat eine einzigartige Form. Im 19. Jahrhundert stellten sich verschiedene Biologen daher die Frage, wie sie bestäubt wird. Darwin entwickelte die Theorie, dass es ein Insekt geben müsse, das diese Pflanze bestäuben kann. Ein zu dem Zeitpunkt unentdecktes Insekt, das die Pflanze trotz ihrer einzigartigen Form bestäuben könne. Diese Theorie wurde von anderen Biologen abgelehnt. Sie hielten Darwin für verrückt. Er hatte aber Recht. Denn es gab eine Mücke auf Madagaskar mit einem langen Rüssel, die genau diese Orchidee bestäubte. Die Form des Rüssels passte perfekt zu der Form der Orchidee, die den Biologen Rätsel aufgegeben hatte. Für Darwin nur schade, dass man die Mücke erst nach seinem Tod entdeckte. Das Beispiel der madagassischen Orchidee beschreibt aber perfekt, wie die Natur und Gottes Plan funktioniert. Jeder einzelne Teil der Natur erfüllt eine Funktion und wurde von Gott nicht ohne Grund in die Welt entlassen. Ganz egal, wie nichtig er uns erscheinen mag. Sogar eine kleine Mücke.“

Erstaunt schaute Darren die vermeintlichen Engel an und schwieg. Alles, was sie sagten, erschien ihm logisch und richtig. Die Dimension dessen, was sie ihm mitgeteilt hatten, überschritt aber alles, was er jemals gehört oder gesehen hatte.

Es gab nur zwei Möglichkeiten. Vielleicht hatte man ihn entführt, sein Gedächtnis manipuliert, sodass er dachte, er sei krank gewesen und hatte ihn an diesem Ort aufwachen lassen. Man hatte sein Zimmer nachgebaut, zwei Frauen zum Leuchten gebracht und sich diese vollkommen verrückte aber doch plausible Geschichte ausgedacht.

Vielleicht war aber auch jedes einzelne Wort, das er gehört hatte wahr. Und wenn sie ihm bedingungslos die Wahrheit erzählt hatten, dann stand eines ganz sicher fest: Er war letzte Nacht wirklich gestorben.

Tränen rollten über seine Wangen und er drehte sich von Hannah und Anna weg. Wieso? Wieso hatte er sterben müssen? Er war noch so jung gewesen. Er hatte noch alles vor sich gehabt.

Darren drehte sich zurück zu den Frauen: „Also stimmt es? Ich bin wirklich tot?“ „Ja, Darren. Du bist letzte Nacht gestorben und seitdem bist du hier bei uns“, sagte Anna. Ihre Mimik strotzte nur so vor dieser merkwürdigen, klinischen Empathie.

Darren wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte es immer noch nicht richtig glauben; wollte es leugnen, es nicht einsehen, es nicht verstehen. Aber unterbewusst spürte er, dass diese Engel ihm die Wahrheit gesagt hatten. Zum ersten Mal, seitdem er sich an diesem geheimnisvollen Ort befand, war er sich sicher, dass er nicht wieder in sein altes Leben würde zurückkehren können.

„Aber warum musste ich sterben? Wenn Gott diesen ach so perfekten Bauplan entworfen hat, wieso musste ich dann in so jungem Alter die Erde verlassen. Warum darf ich meine Familie nicht wiedersehen, während andere Menschen leben bis sie steinalt sind?“ Jetzt hatte er die Engel erstmals sehr laut angeschrien. Wie konnten sie ihm nur so tiefenentspannt erklären, dass er tot war und so tun, als wäre es eine Selbstverständlichkeit?

„Aber Darren“, sagte Hannah freundlich und lächelte weiter, als hätte er in einem normalen Tonfall mit ihr gesprochen. „Der Grund weshalb du früh sterben musstest, ist leicht zu erklären. Es war der Zufall, der dich dein Leben gekostet hat.“ „Habt ihr mich nicht richtig verstanden?“, schrie Darren weiter. „Ich frage euch, wieso ich sterben musste. Ihr erklärt mir hier ausführlich, dass die gesamte Welt einem perfekten Plan unterliegt, aber ich musste mit 18 Jahren sterben. Wegen einem Zufall?“

„Ja Darren“, antwortete Anna, „und genau deswegen bist du hier. Denn Gottes Plan beinhaltet eine zufällige Aufteilung menschlicher Seelen. Die Entscheidung darüber, wo du geboren wirst obliegt nicht dir selbst und auch nicht Gott. Denn Gott greift nicht in das Weltgeschehen ein, das haben wir dir schließlich erklärt. Die Entscheidung darüber, wo du geboren wirst und welche Gene du hast, wird durch die Macht des Zufalls entschieden. Durch eine Lotterie, die wir in den Räumlichkeiten, in denen du dich befindest, täglich betreiben. Diese Lotterie hat darüber entschieden, dass du Darren Jackson werden solltest. Und mit dieser Entscheidung ging einher, dass du mit 18 Jahren an Krebs erkranken würdest, weil es aufgrund deiner Gene unvermeidbar war.“

Darren war sprachlos. Eine Lotterie? Das war doch unmöglich. Er war Darren Jackson. Das war schon immer so gewesen und würde auch immer so sein. Es konnte nicht dem Zufall entspringen. Er wollte weiterschreien, weiterprotestieren, aber die Engel schauten ihn locker und unbeeindruckt an. Kurz schloss er die Augen und nahm sich dann ein weiteres Mal vor, sich auf dieses absurde Gespräch, diese absurde Situation, einzulassen. „Was soll das für eine Lotterie sein?“, fragte er schließlich.

„Wie genau sie funktioniert, das erklären wir dir morgen, Darren“, sagte Anna. „Sie befindet sich hinter dieser Tür.“ Sie deutete auf eine der vielen Türen, die vom großen Raum abgingen. Es war eine große Doppeltür. „Du wirst morgen einen kleinen Rundgang durch unsere Räumlichkeiten erhalten und wir werden alle deine übrigen Fragen klären. Wenn du dich aber immer noch wunderst, wieso du hier bist: Der Zufall hat es entschieden. Unsere Lotterie entscheidet darüber, welcher Mensch welche Seele zugeteilt bekommt. Allerdings wählt sie auch immer zufällig Menschen aus, die uns bei unserer Arbeit hier helfen. Denn es gibt jeden Tag viel zu tun und es wäre fatal, wenn die Lotterie einmal nicht in Betrieb wäre. Zwei weitere Frauen arbeiten momentan hier. Du wirst sie morgen kennenlernen. Es wurde also zufällig entschieden, dass du nach deinem Tod hier arbeiten solltest. Es hätte genauso auch jemand anderen treffen können, der gestern verstorben ist.“

„Und was mache ich dann heute noch?“, fragte Darren niedergeschlagen. Er hatte seine Rebellion aufgegeben. Egal, was er fragte und sagte, die Engel hatten immer die perfekte Antwort auf Lager und waren geduldig und verständnisvoll. „Bleib hier Darren und wir bringen dir etwas zu essen. Danach schlagen wir vor, dass du dich wieder schlafen legst. Du hast viel zu verarbeiten und wirst deine Ruhe brauchen.“

Hannah und Anna standen auf und gingen durch eine der Türen. Nur eine Minute später kehrten sie mit einem kleinen Speisewagen zurück. Er erblickte eine große Pizza, zwei Burger, verschiedene Nudelgerichte und eine große Auswahl an Getränken darauf. „Komm, Darren“, sagte Hannah und deutete auf einen Tisch in einer Ecke des Raumes, der ihm vorher gar nicht aufgefallen war. Er stieg die schmale Treppe wieder empor und verließ den inneren Kreis des Raumes. „Setz dich“, sagte Anna. „Iss so viel du willst und lass den Rest übrig, wir kümmern uns darum.“

Darren setzte sich auf einen der Stühle und schaufelte sich ein paar große Löffel Nudeln mit Soße auf seinen Teller. Vor lauter Wut, Panik und Trauer hatte er verdrängt, wie hungrig er eigentlich war. „Wie konntet ihr das so schnell zubereiten?“, fragte er die Engel. Alle Gerichte waren ganz frisch und noch heiß. „Wir haben einen exzellenten Koch“, sagte Hannah und zwinkerte ihm zu. Sie drehte sich zu Anna um und sie lachten beide kurz. Dann gingen sie zurück auf ihre ledernen Bürostühle und widmeten sich wieder den vielen verschiedenen Bildschirmen und Anzeigen um sie herum.

Darren aß zwei Teller Nudeln und anschließend noch einen der Burger. Er schüttete sich ein großes Glas Dr.Pepper ein und trank es in einem Zug leer. Dasselbe wiederholte er mit ein paar anderen der Getränke. Seitdem er krank geworden war, hatte seine Mutter auf jede noch so kleine Maßnahme gepocht, die die Gesundheit verbesserte. Daher hatte es zuhause nur noch Wasser und Saft sowie vitaminreiches, nahrhaftes Essen gegeben.