Die Löwin von Kastilien - Toti Lezea - E-Book

Die Löwin von Kastilien E-Book

Toti Lezea

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Beschreibung

ADELIGE UND REBELLIN María Pacheco kämpft im 16. Jahrhundert für das Schicksal ihres Volkes »Toti Lezea ist eine ebenso spannende wie ergreifende Geschichte gelungen.« Westfalenpost - für Leserinnen von Sabine Ebert, Ulrike Schweikert, Andrea Schacht Toledo im 16. Jahrhundert: María Pacheco, Tochter des Großfürsten von Granada, wird gegen ihren Willen mit Juan Padilla verheiratet. Was sie nicht weiß: Juan, Sohn einer angesehen Adelsfamilie aus Toledo, ist ein Rebell. Trotz ihres anfänglichen Widerstands verliebt sie sich in den leidenschaftlichen Kämpfer. Juan beginnt einen Aufstand gegen Karl I und wird mit den anderen Anführern der Bewegung hingerichtet. Mutig übernimmt María – »die Löwin von Kastilien« – das Kommando über die Aufständischen. In Toledo gerät sie in Lebensgefahr und muss außer Landes fliehen …

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Toti Lezea

Die Löwin von Kastilien

Historischer Roman

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen

Fischer e-books

Für Tarek

Holde Dame,

würde mich Euer Kummer nicht tiefer schmerzen als mein Tod, ich wäre ein vollkommen glücklicher Mensch. Der Tod ist jedem gewiss, nur Gott kennt die Zeit und die Stunde – zum Leidwesen vieler, doch was Er tut, ist wohlgetan. Ach, bliebe mir doch die Zeit, Euch tröstliche Dinge zu schreiben! Doch diese gewährt man mir nicht, noch möchte ich es länger aufschieben, die Krone zu erlangen, die mich erwartet. Ihr seid klug, holde Dame, drum beweint Euer Unglück, nicht meinen Tod. Denn was gerecht ist, soll man nicht beklagen. Meine Seele lege ich in Eure Hände – etwas anderes besitze ich nicht mehr. Verfahrt mit ihr, wie es Euch beliebt. Meinem Vater Pedro López schreibe ich nicht; mir fehlt der Mut dazu, denn es ist sein Sohn, der das Leben verliert, doch sein Glück hatte ich nicht. Ich will nicht länger zaudern, um dem Henker, der mich erwartet, kein Ungemach zu bereiten; auch soll mich keiner bezichtigen, diesen Brief hinauszuzögern, um so mein Leben zu verlängern. Mein treuer Sosa, der alles mit eigenen Augen sieht und meinen verborgenen Willen kennt, wird Euch sagen, was dieser Brief verschweigt. Und so verlasse ich nun dieses Jammertal, den Schwertstreich zu empfangen, welcher Euch Leid bringt und mir den Frieden.

Brief von Juan de Padilla an seine Frau Doña María Pacheco, geschrieben am Tag vor seiner Hinrichtung in Villalar am 23. April 1521

AUGUST1511

1

An diesem Sommermorgen waren die Dienstboten im Palast des Kalifen Yussuf bereits auf den Beinen, bevor die Morgensonne die Mauern des schönsten Juwels nasridischer Baukunst erstrahlen ließ: al-Qasr al-Hamrá, die rote Festung, die Alhambra. Leise flüsternd huschten sie durch die Korridore, um ihre Herrschaften und die hohen Gäste, die in den vornehmen Gemächern des Gebäudes logierten, nicht beim Schlafen zu stören. Sie wollten alles bereit haben, wenn die Glocke im Minarett der ehemaligen Moschee die Bewohner der Stadt am Fluss Genil weckte. Die Köche und ihre Küchenjungen heizten die Feuer an und setzten große Töpfe mit Wasser auf. Sie rupften Dutzende Rebhühner, schnitten Kohl, Zwiebeln und Lauch, schuppten Zahnbrassen, Lachse und andere Fische und kochten nicht weniger als fünfhundert Eier ab. Die Diener stellten im früheren Thronsaal der Kalifen, dem sogenannten »Saal der Könige«, lange Tische für das Festbankett auf, legten Tischdecken aus feinstem bestickten Leinen auf und deckten mit Tellern, Gläsern und Silberbesteck ein. Die Pagen füllten die Kristall- und Alabastervasen mit frischen Schnittblumen, von deren Blättern noch der Tau perlte, die Kammerzofen bereiteten die Bäder vor und erhitzten die Lockenscheren, bevor sie an die Türen klopften und ihre Herrschaften weckten. Der Grund für diese Betriebsamkeit war kein anderer als die Vermählung von María, einer der Töchter des Grafen von Tendilla und künftigen Markgrafen von Mondéjar, Don Íñigo López de Mendoza y Quiñones, mit Juan de Padilla aus Toledo.

Mendoza, Oberbefehlshaber von Granada, der wegen seiner zahlreichen militärischen Meriten im Dienste König Ferdinands des Katholischen nur »der große Tendilla« genannt wurde, war in der Tat eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Kampferprobt, gebildet, wortgewandt und ein Frauenheld wie alle Männer seiner Familie, machte er seinen Vorfahren alle Ehre und tat sich in sämtlichen Bereichen des höfischen Lebens hervor, ohne die Freude an den Vergnügungen zu verlieren, die dieses ihm zu bieten hatte. Als zweifacher Witwer und Vater mehrerer Kinder hatte er noch mit über sechzig Jahren eine Dame aus seiner Entourage geschwängert. Viele sahen darin eine weitere seiner Heldentaten, und er versicherte voller Stolz und ohne die geringste Scham, dass es nicht die letzte bleiben werde. Doch seitdem waren sechs Jahre vergangen, ohne dass man von weiteren Geburten gehört hätte. Nach acht Kindern aus seiner Ehe mit Francisca, einer Tochter Don Juan Pachecos, des mächtigen Markgrafs von Villena, sowie einigen weiteren aus seinen Affären mit verschiedenen Damen schien es genug gewesen zu sein. Er führte ein eisernes Regiment über sie alle und erwartete blinden Gehorsam sowie angemessene Ergebenheit gegenüber der Familie, wozu auch eine vorteilhafte Eheschließung gehörte. Und an diesem Tag war die Reihe an María, der Nummer vier seiner noch lebenden ehelichen Sprösslinge.

Er war schon wach, als seine Kammerzofe das Zimmer betrat und die Samtvorhänge zurückschob. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Vom Bett aus betrachtete er die Ausläufer der Sierra Nevada, die sich vor einem tiefblauen Himmel abzeichneten. Er lächelte. Nichts war mit einer Hochzeit an einem sonnigen Sommertag in Granada vergleichbar, wenn ein kühles Lüftchen aus der Sierra dafür sorgte, dass es nicht zu heiß wurde. Es war äußerst unangenehm, den Schweiß auf dem kahlen Schädel unter der Perücke zu spüren. Es fühlte sich an, als würde diese jeden Moment vom Kopf rutschen. Er ließ sich seinen seidenen Morgenmantel reichen, schlüpfte in die Pantoffeln und ging ins Bad, um in den Zuber mit heißem Wasser zu steigen und sich von seinem Leibdiener den Körper mit einem Rosshaarhandschuh abschrubben zu lassen. Er betrachtete die Stuckdecke und die bunten Wand- und Bodenfliesen und stellte sich vor, wie es damals gewesen war, als die Sultane hier ein Bad nahmen und sich am Anblick ihrer nackten Sklavinnen erfreuten, die sich zu den Klängen der Musik bewegten, die Musikanten mit verbundenen Augen auf einer erhöhten Tribüne spielten. Er hätte nichts dagegen gehabt, in den Genuss dieser Freuden zu kommen, dachte er mit einem vergnügten Lächeln.

Die arabischen Bäder, für viele seiner Landsleute eine unbekannte Annehmlichkeit, machten aus der Körperpflege eine erregende Erfahrung. Der ganze Palast war ein Erlebnis für die Sinne. Im Land gab es keinen schöneren als diesen, da war er sich sicher, denn er hatte sie fast alle gesehen. Auch die in Italien, den Papstpalast inbegriffen. Es war eine wahre Freude, dort zu wohnen, wo ehemals die Fürsten von Al-Andalus residiert hatten. Es verlieh ihm das Gefühl von Macht, und außerdem … Er wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als nervöse Finger an die Tür klopften und gleich danach Antonio Vázquez seinen Kopf hereinsteckte, seit über zwei Jahrzehnten sein Sekretär.

»Was gibt’s?«, herrschte Don Íñigo ihn an, »habe ich nicht mal im Bad meine Ruhe?«

»Es gibt Probleme …«

Kurz darauf stand der Graf im Morgenmantel, mit Pantoffeln an den Füßen und der maßgefertigten weißen Perücke auf dem Kopf, die jedoch in der Eile verrutscht war und ihm ein drolliges Aussehen verlieh, vor dem Zimmer seiner Tochter, der Braut. Dort hatten sich bereits deren ältere Schwester María de Mendoza, ihre Gesellschaftsdame, ihr Beichtvater, der Zeremonienmeister und mehrere Zofen versammelt, als er, den Sekretär und den Kammerdiener im Gefolge, wutentbrannt herangerauscht kam. Er packte den Knauf der schweren, geschnitzten Holztür und rüttelte heftig daran.

»Mach die Tür auf!«, befahl er in einem Ton, der die Anwesenden zusammenzucken ließ.

»Das werde ich nicht tun!«, war von der anderen Seite der Tür in demselben Ton, wenngleich etwas schriller, zu hören.

»Bei allen Kreuzesnägeln Christi, mach verdammt nochmal auf!«

»Ich denke gar nicht daran zu heiraten!«

»Das wirst du, und wenn ich dich höchstpersönlich an den Haaren vor den Altar schleifen muss!«

»Vorher musst du mich umbringen!«

»Kann gut sein, dass ich das tue!«

Auf einen Wink von Don Íñigo trat der Kommandant seiner persönlichen Leibwache zu ihm.

»Tretet die Tür ein und schleift sie in Ketten in die Kapelle, wenn es nötig ist!«, ordnete er an, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte und sich zurück in seine Gemächer begab.

Dieses verfluchte Gör! Er hätte sie damals zu den Nonnen schicken sollen, als sie sieben war, und sich nicht von seiner Frau erweichen lassen. Francisca hatte sich mit Tränen in den Augen eingemischt, als sie von seiner Entscheidung erfahren hatte, ihre zweitgeborene Tochter ins Kloster zu stecken.

»Sie ist doch noch so klein …«

»Dann wird sie weniger Probleme haben, sich einzugewöhnen.«

»Und sie ist so zart … Erst dieser Tage lag sie mit Fieber im Bett. Der Arzt sagt, dass sie die Pubertät nicht erreichen wird.«

»Umso mehr sollte sie sich in frommer Gesellschaft befinden, wenn Gott sie zu sich ruft.«

Er hatte damals nachgegeben, wie immer, wenn das Thema zur Sprache kam. Er hatte Francisca keinen Wunsch abschlagen können. Sie hatte nie um etwas gebeten, und er hatte sie auf seine Weise geliebt. Fünf prächtige, gesunde Söhne hatte sie ihm geschenkt sowie zwei weitere, die zu seinem Kummer vor einigen Jahren gestorben waren. Dazu seine älteste Tochter María, Herzogin von Monteagudo, die er von Herzen liebte. Um häusliche Angelegenheiten hatte er sich nie gekümmert. Das war Sache seiner Frau gewesen, die sich auch bemüht hatte, die lärmende Kinderschar von ihm fernzuhalten, die durch Flure und Gärten rannte, auf die Mauern kletterte und die Diener, die auf sie aufpassen sollten, schier zur Verzweiflung brachte. Er hatte seine Kinder nur aus der Ferne aufwachsen gesehen und war jedes Mal überrascht, wie sehr sie sich verändert hatten, wenn er nach einem langen Aufenthalt bei Hof oder von einer seiner Reisen durch Andalusien nach Granada zurückgekehrt war. Dann ließ er den Blick über seine Sprösslinge schweifen und bewunderte die stattliche Erscheinung von Luis, seinem Stammhalter. Er sah, dass Bernardino das Meer liebte und Antonio ein Händchen für Pferde hatte, er registrierte Franciscos gütige Art und die Intelligenz des untersetzten, kräftigen Diego, der seine Nase ständig in die Bücher steckte, wenn er sich nicht gerade im Waffengebrauch übte, was ihm eines so lieb war wie das andere. Er bewunderte die Eleganz und stille Schönheit seiner ältesten Tochter, die ihrer Mutter so ähnlich war, und erfreute sich an der munteren Isabelita, dem Nesthäkchen, dem Liebling der Familie. Er war sehr stolz auf sie alle. Sie waren echte Mendozas, durch deren Adern königliches Blut floss, die Nachkommen großer Männer und Frauen, dazu berufen, die wichtigsten Ränge im kastilischen Adel einzunehmen.

Dann fiel sein Blick auf die andere María, und ein ungehaltener Zug huschte über sein Gesicht. Dünn, mit zerzaustem Haar und herausforderndem Blick eiferte sie eher ihren Brüdern nach, statt sich mit Handarbeiten und der Lektüre frommer Werke zu beschäftigen, wie es ihre Schwester tat. Sie kletterte auf Bäume und zerriss dabei ihre Kleider, sie prügelte sich mit den Jungen und führte das Schwert ebenso geschickt wie Luis, obwohl die Übungen sie anstrengten und sie danach stunden-, manchmal tagelang das Bett hüten musste. Mit der Zeit hatte sie sich zu einem außerordentlich hübschen Mädchen entwickelt, das musste er zugeben. Obwohl sie erst fünfzehn Jahre alt war, wirkte sie bereits wie eine richtige Frau. Bei ihrem Anblick fühlte er sich unwillkürlich an jene stolzen Sultansfrauen mit den kohlschwarzen Augen erinnert, die, vor der Welt verborgen, hinter den Mauern der Alhambra gelebt und doch stets großen Einfluss auf die politischen Entscheidungen ihrer Männer und Söhne gehabt hatten. Auch sie war sehr gebildet, konnte auf Latein mit Geistlichen und Gelehrten diskutieren, Plato auf Griechisch zitieren oder ein langes Gedicht ihres Urgroßvaters, des berühmten Marquis de Santillana, vortragen. Sie wäre eines Königs würdig gewesen, wären da nicht ihre widerspenstige Art und ihr starker Charakter gewesen, was dazu führte, dass sie ausnahmslos immer sagte und tat, was ihr gerade durch den Kopf ging, und sei es noch so unpassend.

»Ich hoffe, Juan stutzt ihr die Flügel, wie es sich gehört!«, schimpfte er, als er in seine Gemächer zurückkehrte, um sich für die Feier anzuziehen.

Er mochte seinen zukünftigen Schwiegersohn. Er war ein ruhiger junger Mann mit überlegtem Auftreten und eleganten Manieren, den er im vergangenen Sommer kennengelernt hatte, als dieser ihm gemeinsam mit seinem Onkel, einem altem Freund aus der Zeit der Conquista, einen Besuch abgestattet hatte. Don Gutierre López de Padilla, Komtur des Calatrava-Ordens, hatte damals im Krieg gegen Granada an seiner Seite gekämpft und ihn einmal davor bewahrt, unter dem Krummsäbel eines Sarazenen zu fallen. Der gute Mann hatte keine Entlohnung für diese Tat akzeptiert, aber ein Mendoza vergaß nie. Er hatte sich gefreut, ihn wiederzusehen, und war bemüht, sich seine Betroffenheit nicht anmerken zu lassen, als er feststellte, dass der Mann, obwohl jünger an Jahren, wesentlich älter aussah als er selbst. Ein Eindruck, der sich bestätigte, als Padilla bekannte, unheilbar krank zu sein.

»Ich habe nur noch die Hoffnung, meinen Neffen verheiratet zu sehen, bevor ich sterbe«, schloss er mit einem traurigen Lächeln, als er über Juan sprach. »Ich liebe meinen Bruder Pedro sehr, und der Junge hat viel von ihm. Er ist noch jung, aber er gibt Anlass zu großen Hoffnungen. Die Verantwortung für eine Familie wird einen richtigen Mann aus ihm machen.«

Er hatte nicht weiter über die Worte seines alten Kampfgefährten nachgedacht, bis er einige Tage später einen heftigen Wortwechsel unter dem Fenster seines Arbeitszimmers hörte. Empört schaute er aus dem Fenster, um die Streithähne, die die Frechheit besaßen, ihn von seiner Arbeit abzuhalten, zur Ruhe anzuhalten. Dabei stellte er fest, dass es sich um seine rebellische Tochter María und um Juan, den Neffen seines Freundes, handelte. Sie waren in einen erbitterten Disput vertieft, bei dem sie das Wort führte.

»Euch zufolge sollte die Frau also nichts weiter tun, als ihrem Mann Kinder zu gebären und das Haus in Ordnung zu halten?«

»Gibt es eine bessere Beschäftigung?«

»Hört mir gut zu, Señor de Padilla. Entweder Ihr seid ein Narr oder ein Hohlkopf, wenn Ihr glaubt, dass wir Frauen nur zu diesen Aufgaben taugen. Wenn ein Mann möchte, dass ihm jemand das Bett wärmt, dann soll er eine Dirne für ihre Dienste bezahlen oder sich eine Wärmflasche ins Bett legen!«

»Bei den Kirchenvätern heißt es …«

»Kommt mir nicht mit diesem Geschwätz! Sie waren Männer wie Ihr und genauso begriffsstutzig. In der Geschichte der Menschheit hat es große Frauen gegeben, aber wahrscheinlich wisst Ihr nicht einmal von ihrer Existenz. Sie waren Königinnen, Soldatinnen, Dichterinnen, Ärztinnen und Lehrerinnen und haben mehr geleistet, als Kinder zu gebären und ihren Männern den Haushalt zu führen. Und ich darf Euch darauf hinweisen, dass unsere verstorbene Königin Kastilien über dreißig Jahre mit fester Hand regierte, und zwar besser als viele ihrer Vorgänger.«

Don Íñigo hörte aufmerksam zu. Obwohl er ihr Benehmen missbilligte, das sich für ein junges Mädchen nicht ziemte, erfüllte es ihn ganz tief in seinem Innern mit Stolz, dass eine Frau von seinem Blut Charakter zeigte. Er hatte teures Geld ausgegeben, um all seinen Söhnen und Töchtern, ehelichen wie unehelichen, eine gute Erziehung angedeihen zu lassen, denn er war der Überzeugung, dass genau diese Bildung den Unterschied zwischen der herrschenden und der beherrschten Klasse ausmachte. Das war für Generationen von Mendozas klar gewesen, seit seine Vorfahren ihre Heimat in Álava verlassen hatten, um wichtige Ämter in Kastilien zu übernehmen, und so waren aus seiner Familie in den vergangenen zweihundert Jahren zahlreiche große Namen hervorgegangen. Aber dieses Mädchen hatte auch den Sturkopf und die aufbrausende Art ihres Großvaters mütterlicherseits geerbt. Das ging so weit, dass sie sich María Pacheco rufen ließ und nicht reagierte, wenn man sie anders ansprach.

»Es gibt schon zu viele Marías in diesem Haus!«, hatte sie festgestellt, denn auch ihre ältere Schwester und die Jüngste, die er mit Doña Leonor de Beltrán gezeugt hatte, waren auf diesen Namen getauft. Dann hatte sie hinzugesetzt: »Man kann nicht behaupten, dass mein Herr Vater bei der Namenswahl für seine Töchter große Phantasie an den Tag gelegt hätte …«

Die ruhige Stimme von Juan de Padilla, aus der durchaus Ironie herauszuhören war, lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Wortwechsel zwischen den beiden jungen Leuten.

»Wollt Ihr denn nicht heiraten? Wollt Ihr vielleicht Nonne werden?«

»Natürlich nicht! Ich denke gar nicht daran, mich ein Leben lang in einem Kloster einzusperren. Obschon ich zugeben muss, dass es für viele Frauen ein sichererer Ort ist als die Welt draußen. Und was das Heiraten angeht … Ich werde nur einen Bund unter Gleichen eingehen, mit einem Mann, der mich respektiert und nicht versucht, mir seinen Willen aufzudrücken. Ich werde nie eine Frau sein, die sich aufopfert und den Launen ihres Mannes unterordnet. Ich will lernen und Bücher schreiben.«

»Dann werdet Ihr als alte Jungfer enden. Kein Mann wird es wagen, um Eure Hand anzuhalten. Ihr werdet verwelken wie eine Primel …«

»Lieber allein als in schlechter Gesellschaft!«

»Das Leben an Eurer Seite muss die Hölle sein …«

»Dann gebt acht, dass Ihr mir nicht zu nahe kommt, nicht, dass Ihr Euch die feinen Gockelfedern verbrennt!«

Don Íñigo sah, wie sie jeder ihrer Wege gingen. Er blieb noch eine Weile am Fenster stehen, um die herrlichen Gärten seiner Residenz zu betrachten. Ihm ging eine Idee durch den Kopf, die ihm gerade eben gekommen war. Kurz darauf ließ er einen Diener nach Don Gutierre schicken und bot dessem Neffen Marías Hand an. Der junge Mann, zwanzig Jahre alt, war eine stattliche Erscheinung und eine gute Partie, auch wenn er lediglich ein Sohn des Herrn von Noves, des früheren Statthalters von Kastilien, war und keinen Adelstitel besaß. Er konnte auf die Unterstützung und Hilfe seines einflussreichen Onkels, des Komturs, zählen, und Mendoza war an einer engen Beziehung zu diesem gelegen. Die Braut würde die unglaubliche Summe von viereinhalb Millionen Maravedís in die Ehe mitbringen, würde allerdings ein Dokument unterzeichnen müssen, in dem sie auf jeglichen Anspruch am väterlichen Erbe verzichtete. Padilla musste sich nicht lange bedenken. Das Angebot war verlockend. Er hätte keine bessere Partie für seinen geliebten Juan finden können als die Tochter des »großen Tendilla«. In die Familie der Mendozas einzuheiraten war eine Ehre, die er sich nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Nun, da dem Sohn seines Bruders durch die Protektion seiner Schwiegerfamilie eine glänzende Zukunft bevorstand, konnte er dem Tod beruhigt entgegensehen.

María erfuhr erst viel später von der Vereinbarung. Da er ihre Reaktion voraussah, behielt der Graf seine Pläne zunächst für sich. Er wollte nicht die Pferde scheu machen, bevor die Verhandlungen mit den Padillas erfolgreich abgeschlossen waren, trug aber seinem Sekretär auf, schon einmal das Dokument zum Verzicht auf das Familienerbe aufzusetzen. An einem sonnigen Herbsttag rief er seine Tochter ins Arbeitszimmer, bevor sich Verwandte und Freunde zum Mittagessen im Saal der Abencerragen einfanden, einem der schönsten Räume der gesamten Alhambra.

»Unterschreibe hier«, wies er sie an und schob das Schriftstück über den großen Eichenholztisch, den er persönlich aus Italien mitgebracht hatte, wo er Botschafter König Ferdinands des Katholischen am Heiligen Stuhl gewesen war.

»Was ist das?«, fragte sie.

»Unterschreib.«

»Was ist das?«, fragte das Mädchen noch einmal, ohne sich von dem Mann einschüchtern zu lassen, dessen Stimme selbst seine Freunde erzittern ließ.

»Ein Schriftstück, das deine Mitgift festlegt.«

»Meine Mitgift?«

»Ich bin ein alter Mann und werde bald vor Gott treten müssen. Bevor das geschieht, will ich die Familienangelegenheiten geregelt haben.«

»Ihr habt vor, mich zu verheiraten?«

»Irgendwann muss es sein …«

Zu seiner Überraschung nahm María in einem Lehnsessel mit kostbaren Intarsienarbeiten Platz und begann, das Dokument aufmerksam zu lesen.

»Was machst du da?«

»Lesen«, antwortete sie, ohne von dem Schriftstück aufzusehen. »Ich will wissen, was ich unterschreibe.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass es um deine Mitgift geht.«

»Aha … Hier steht, dass ich viereinhalb Millionen Maravedís erhalte und im Gegenzug auf alle späteren Ansprüche verzichte. Bin ich so viel wert, oder ist das der Preis, den Ihr zu zahlen bereit seid, damit mich jemand heiratet und Ihr mich los seid?«

Beinahe hätte er sich vergessen und ihr eine Ohrfeige verpasst, aber er beherrschte sich. Es war besser, noch ein wenig Geduld zu haben. Bald, sehr bald würde dieses unerträgliche Gör mit einem anständigen Mann verheiratet sein, und der würde ihr die Flügel schon stutzen.

»Es ist die gleiche Summe, die ich deiner älteren Schwester gegeben habe«, erklärte er unwillig, »und das Doppelte von dem, was deine Mutter in die Ehe mitbrachte. Der Besitz der Mendozas muss in der Familie bleiben, damit unsere Familie überdauern kann. So haben es mein Vater und mein Großvater gehalten, und so werde auch ich es halten. Willst du jetzt endlich unterschreiben, oder sollen wir den ganzen Tag hier vertrödeln?«

María griff nach der Feder, um zu unterzeichnen, doch dann stutzte sie.

»Habt Ihr schon einen Mann für mich ausgesucht?«, fragte sie und sah ihm direkt in die Augen.

»Nein«, log Don Íñigo und hielt ihrem Blick stand.

Schließlich befand sich die Unterschrift unter dem Dokument, und er schloss es rasch in dem hölzernen Kästchen mit den Elfenbeinintarsien ein, ein Erbstück seiner Mutter, in dem er den Schmuck und die wichtigsten Schriftstücke aufbewahrte.

»Gut!«, rief er mit einem Lächeln, drehte sich zu seiner Tochter um und fasste sie bei der Schulter. »Gehen wir zu den anderen, ich bin hungrig!«

Während des Mittagessens und nach Tisch ertappte der Graf María einige Male dabei, wie sie ihn beobachtete. Beim Abendessen war es dasselbe. Ihre Augen wirkten dunkler und tiefgründiger als sonst. Sie redete kaum, stritt nicht mit ihren Geschwistern und beteiligte sich nicht an den Gesprächen. ›Sie weiß es‹, dachte er in einer Mischung aus Erleichterung und Besorgnis. Er wich ihrem Blick aus und spürte, wie ihm ein Stein vom Herzen fiel, als das Mädchen eine gute Nacht wünschte und auf ihr Zimmer ging.

»Ihr habt mich versprochen.«

Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Wie eine Erscheinung tauchte María aus der Dunkelheit auf und stellte sich ihm in den Weg, als er wie so oft vor dem Zubettgehen durch die Gartenanlage spazierte. Es waren die einzigen Minuten des Tages, in denen er mit sich und seinen Gedanken allein war, in denen er für einige Augenblicke die Regierungsgeschäfte vergaß und an alte, lang zurückliegende Zeiten dachte. Der Geruch der Sierra verschmolz mit dem Duft von Jasmin und Levkojen, die schon den Niedergang der letzten Nasriden miterlebt hatten. Das Plätschern der Springbrunnen erinnerte an das Weinen Boabdils, des letzten Maurenherrschers, dem er geholfen hatte, sein untergehendes Reich zu verlassen. Die Stille beruhigte seine Seele, die des Umherhetzens müde war. Seit fast vierzehn Jahren schon war er Burgvogt der Alhambra auf Lebenszeit, und nach königlichem Beschluss würden es auch sein Sohn und dessen Sohn sein. Von allen Orten, an die ihn sein wechselvolles Leben geführt hatte, war ihm dieser zweifellos der liebste. Die Festung mit ihren Palästen und lauschigen Ecken, eine schöner als die andere, zu ihren Füßen die Altstadt von Granada mit den weißgetünchten Häusern, den engen Gässchen und den zahllosen, in Kirchen verwandelte Moscheen und dahinter die gewaltige Sierra – das alles beeindruckte ihn immer noch wie am ersten Tag. Es nahm nicht wunder, dass Kalif Yussuf und sein Sohn Mohammed ihre Baumeister damit beauftragt hatten, das außergewöhnliche Bauwerk genau an dieser Stelle zu errichten. Sie hatten die besten Ingenieure, Handwerker und Gärtner ihres Reiches mit der Ausführung beauftragt und keine Kosten gescheut, um den Bau mit edlen Hölzern, weltweit einzigartigem Marmor, Mobiliar und Pflanzen aller Art auszustatten. Schließlich hatten die Christen die Gegend erobert und ihre militärische Überlegenheit unter Beweis gestellt, doch Don Íñigo war ein kultivierter Mann und wusste, dass es lange dauern würde, bis sie die Perfektion und Schönheit der muslimischen Künstler erreichen würden – falls sie es jemals taten.

Als er plötzlich seine Tochter vor sich stehen sah, verschlug es ihm für einen Moment die Sprache. Mit ihrer weiten maurischen Tunika aus goldfarbener Seide und ihrer weißen Haut, die im Mondschein noch fahler wirkte, den schwarzen Locken, die offen bis zur Taille fielen, und ihren zornfunkelnden Augen glaubte er, den Geist Aischas vor sich zu sehen, der schönen, verstoßenen Ehefrau Sultan Muley Hassans, von der die maurischen Diener behaupteten, sie spuke jede Nacht durch die Räume und Gärten ihres früheren Hauses, um ihr Unglück zu verfluchen und Rache zu schwören.

»Ihr habt mich versprochen«, sagte María erneut, »und mich nicht einmal um meine Meinung gefragt.«

Die Stimme seiner Tochter brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück.

»Und was, wenn ich es getan habe?«, entgegnete er, nun wieder Herr seiner selbst.

»Ihr hattet kein Recht dazu.«

»Ich habe alles Recht der Welt, zu entscheiden, was das Beste für meine Kinder ist. Ich erinnere dich daran, dass eine Tochter das Handeln ihres Vaters niemals in Frage zu stellen, sondern sich klaglos zu fügen hat.«

»Mit wem gedenkt Ihr mich zu vermählen?«, fragte sie mit genauso eisiger Stimme.

»Mit einem christlichen Ehrenmann, Mitglied einer alteingesessenen Familie, der dir, da bin ich sicher, ein guter Ehemann sein und dich glücklich machen wird.«

»Mit wem?«

Das Mädchen war näher getreten, und für einen kurzen Moment bereute er, der Bezwinger Granadas, seine Entscheidung. Wieder einmal staunte er über seine Tochter, sein eigen Fleisch und Blut, die keine Angst vor ihm hatte und es wagte, ihm die Stirn zu bieten. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sich von einer schnellen Eingebung leiten zu lassen. Die furchtlose María, wie sie von ihren Geschwistern in Anlehnung an Doña María Rodríguez de Monroy genannt wurde – eine willensstarke Frau, die die Mörder ihrer Söhne, die Brüder Manzano, verfolgt und getötet und ihre Köpfe auf die Gräber ihrer Kinder in Salamanca gelegt hatte –, war vielleicht doch zu viel für einen kleinen Adligen – zu schön, zu eigensinnig.

»Mit Juan de Padilla«, sagte er schließlich.

Er sah die Überraschung in ihrem Blick, gefolgt von völliger Fassungslosigkeit, und er hatte das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen.

»Sein Onkel, der Komtur, hat mir damals das Leben gerettet …«

María gab keine Antwort. Sie drehte sich um und verschwand genauso plötzlich, wie sie zuvor erschienen war. Ihren Vater ließ sie verwirrt und verärgert über ihre Reaktion zurück.

Das war das letzte Mal gewesen, dass sie miteinander gesprochen hatten. Seit jenem Tag hatte seine Tochter kein Wort mehr an ihn gerichtet; sie hatte sich all die Monate geweigert, auf seine Fragen zu antworten, und sich in hartnäckiges Schweigen gehüllt, das noch aufreizender war als ihre Streitlust.

»Juan wird ihr die Flügel schon stutzen«, sagte er sich noch einmal, als er die Kapelle betrat und auf seinem Lehnstuhl zur Rechten des Altars Platz nahm.

2

María hatte bei dem großen Bankett, das anlässlich ihrer Vermählung mit Juan de Padilla gegeben wurde, den Ehrenplatz inne. Abwesend betrachtete sie die langen Tische mit den Gästen, die immer wieder die Gläser erhoben, um auf das Glück der Frischvermählten anzustoßen und ihnen viele glückliche Jahre und einen Haufen kräftiger, gesunder Kinder zu wünschen. Die Dienstboten hatten alle Hände voll damit zu tun, Tabletts mit Gesottenem, Gemüse, Kalbsbries, Mangold, gefüllten Wachteleiern, verschiedenen Sorten Fleisch, Wild und Fisch sowie köstlichen Süßspeisen aufzutragen – María zählte fünf Gänge mit nicht weniger als je fünf Speisen – und aromatische Weiß- und Rotweine aus den Tälern des Darro und des Genil einzuschenken. Nach jedem Gang trugen sie die Reste ab und legten Gedecke für den nächsten Gang auf, während sich die Gäste ein wenig die Beine vertraten, bevor sie wieder Platz nahmen. Der Hauptgang des Festessens – ein Dutzend Fasane, die fast lebendig erschienen, wie sie dort samt den Schwanzfedern auf großen Silberplatten lagen – entlockte den Gästen Ausrufe der Begeisterung und des Staunens. Die Braut jedoch verzog keine Miene.

Es war nicht nötig gewesen, die Tür aufzubrechen. Sie hatte geöffnet, als sie ihre ältere Schwester um Einlass flehen hörte. Und außerdem sagte ihr der Verstand, dass sie ohnehin nichts ausrichten konnte. Früher oder später würden sich die Soldaten ihres Vaters Zutritt zu dem Zimmer verschaffen und sie zum Opferaltar schleifen. Widerstand war also zwecklos, und zudem wollte sie keinen Skandal verursachen, wie man es vom niederen Volk kannte. Wie Agamemnons Tochter Iphigenie, die Heldin aus dem Werk von Euripides, das sie etliche Male im Original gelesen hatte, beschloss sie, sich zu opfern und die Entscheidung ihres hartherzigen Vaters hinzunehmen. Nur diesmal waren es nicht die Götter, die es zufriedenzustellen galt, sondern lediglich ein unbedeutender Adliger aus Toledo.

Als sie von den Plänen ihres Vaters erfahren hatte, hatte sie erst einmal in den Armen ihrer Sklavin Zaida bittere Tränen geweint. Diese war ihre Vertraute und immer an ihrer Seite gewesen, mehr noch als ihre eigene Mutter.

»Du hast gesagt, er würde mich mit einem König verheiraten«, hielt sie ihr schluchzend vor.

»Das habe ich, Kleines. So steht es in deiner Hand geschrieben.«

Um ihre Worte zu unterstreichen, ergriff die Sklavin Marías linke Hand und zeichnete mit ihren Fingern, die mit fremdartigen Hennamustern bedeckt waren, die Linien der Handinnenfläche nach.

»Siehst du hier? Die Linie unterhalb der Finger, die zeigt die Zukunft eines Mädchens. Deine ist stark ausgeprägt, gerade und endet zwischen Mittel- und Zeigefinger. Siehst du nicht, wie sie an dieser Stelle eine Krone formt? Du wirst nur einen Mann haben, und der wird König sein.«

Es war nicht das erste Mal, dass die Sklavin solche Dinge sagte. Bei anderen Gelegenheiten hatte María darüber gelacht. Sie glaubte nicht an Wahrsager und ihre Prophezeiungen. Andererseits hatte selbst König Ferdinand einen Seher an seinem Hof gehabt. Doktor Torralba war berühmt gewesen für seine Voraussagen, und der Herrscher, so hieß es, habe großes Vertrauen in ihn gesetzt. Vielleicht … vielleicht hatte Zaida ein bisschen recht. Und auch wenn er kein König sein sollte, hatte sie gehofft, ihr zukünftiger Ehemann würde einer einflussreichen Familie angehören und ihr ebenbürtig sein. Aber offensichtlich war es nicht so.

Als sie keine Tränen mehr hatte, überlegte sie zu fliehen, für immer aus Granada zu verschwinden, oder aber sich das Leben zu nehmen, indem sie sich von einem Turm des Palasts in die Tiefe stürzte. Für einen kurzen Moment ergötzte sie sich an dem Gedanken an ihren toten Körper, der weiß gekleidet zu Füßen der Mauer lag, und an den Gewissensbissen ihres Vaters, der sie gezwungen hatte, eine unerwünschte Ehe einzugehen. Doch rasch wich das Selbstmitleid der Wut. Sie war eine Mendoza und eine Pacheco und gehörte damit zweien der angesehensten Familien Kastiliens an. In ihren Adern floss das edelste Blut des Landes, sie war verwandt mit Herzögen, Markgrafen, Grafen und Kardinälen. Wie hatte man es wagen können, sie Juan de Padilla zu versprechen? Er war der Sohn eines unbedeutenden Hidalgos, ohne Titel und ohne Adel. Er war nicht auf ihrer Höhe, nicht von ihrem Rang, und außerdem war er ein unverschämter Kerl, der es gewagt hatte, sich über sie lustig zu machen. Je länger sie darüber nachdachte, desto wütender wurde sie. Sie zog sich in völliges Schweigen zurück und sprach kein Wort mehr mit ihrem Vater. Auch für die Hochzeitsvorbereitungen interessierte sie sich nicht, obwohl ihre ältere Schwester extra zu diesem Anlass aus Soria angereist kam. Sie ließ sich das entzückende Brautkleid aus weißer, goldbestickter Seide mit den weitausgestellten Ärmeln anprobieren, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen.

Und jetzt saß sie neben dem Mann, mit dem sie von nun an ihr Leben teilen sollte, und hatte das Gefühl, die einsamste und unglücklichste Frau der Welt zu sein. In Kürze würde sie für immer das Haus verlassen, in dem sie geboren und aufgewachsen war. Zurückbleiben würden die Erinnerungen an eine glückliche Kindheit mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in einem märchenhaften Palast. Sie schloss die Augen und sog die Luft ein, als wollte sie versuchen, den Duft der zweiten Orangenblüte festzuhalten, die Gespräche der maurischen Dienerinnen, die sich immer um Aberglauben, Legenden und unglückliche Liebe drehten, die Zeit der Mittagsruhe, gewiegt von einer sanften Brise, das Plätschern der Springbrunnen, die Verse des granadinischen Dichters Ben Mutarif.

Ich bin, ganz nach deinem Wunsche,

leidenschaftlicher Geliebter, gerühmter, edler, hochherziger Dichter.

Wenn der Schmerz anhält

und Schlaflosigkeit sich meiner Lider bemächtigt,

wird mir mein eigenes Leid zur Ruh.

»Ihr wirkt sehr nachdenklich.«

Als sie die Stimme ihres Ehemanns hörte, schreckte sie zusammen. Sie hatte ihre Umgebung völlig vergessen, den Grund für das Festmahl, die Anwesenheit der Gäste; für einen kurzen Augenblick war sie einfach davongeflogen und sah Juan nun überrascht an.

»Ihr seht wunderschön aus«, fuhr er fort, als er keine Antwort erhielt. »Besser gesagt, Ihr seid wunderschön.«

María war versucht, zu entgegnen, dass seine Wertschätzung womöglich mit den viereinhalb Millionen Maravedís zusammenhinge, die sie als Mitgift in die Ehe mitbrachte. Sie wollte bissig sein, aber die Bemerkung erschien ihr geschmacklos, einer Frau ihres Standes nicht angemessen, und so schwieg sie.

»Ich hoffe, das Glück zu haben, irgendwann Eure Stimme zu hören«, flüsterte er und legte seine Hand auf ihre.

María entzog ihm sanft seine Hand und widmete sich dem Wachtelbrüstchen auf Erdbeersauce, obwohl sie nicht den geringsten Hunger hatte. Sie spielte nachlässig mit dem Besteckteil, das zwei silberne Spitzen und einen Hirschhorngriff aufwies und Ähnlichkeit mit dem Spieß hatte, den der Küchenmeister verwendete, um beim Zerteilen das Fleisch festzuhalten. Ihr Vater nannte es forchetta und hatte es aus Italien mitgebracht, wo es offenbar Furore machte. Es diente dazu, das Fleisch aufzuspießen, um sich nicht die Hände schmutzig zu machen, aber sie beobachtete, dass viele Gäste lieber nach Maurenart wie eh und je drei Finger der rechten Hand benutzten. Sie hatte ihrem Ehemann noch nicht einmal ins Gesicht gesehen und war fest entschlossen, das für den Rest ihres Lebens durchzuhalten.

Am Vorabend war sie nicht umhin gekommen, an einem Essen im Familienkreis teilzunehmen, bei dem ihre Familie und die Padillas gemeinsam am Tisch gesessen hatten. Sie hatte ihren zukünftigen Schwiegervater, Schwager und Schwägerinnen, Onkel, Tanten und weitere Verwandtschaft kennengelernt, von allen kostbare Geschenke erhalten und die rechte Hand ausgestreckt, um sich von ihrem Verlobten einen wunderschönen Rubinring an den Ringfinger stecken zu lassen, aber den Mund hatte sie nicht aufgemacht.

»Sie ist gerührt«, hörte sie ihren Vater zum Vater des Bräutigams, Pedro López de Padilla, sagen, um ihr Schweigen zu entschuldigen.

»Ich würde eher sagen, sie ist wütend …«

Sie sah Padilla an, und ihre Blicke trafen sich. Er lächelte ihr aufmunternd zu. Sie war ihm dankbar für diese Geste und rang sich ein Lächeln ab, das jedoch nicht recht gelingen wollte.

Ihr gefiel dieser Mann, mit dem sie lediglich bei seiner Ankunft einen knappen Gruß gewechselt hatte. Er besaß ein würdevolles Auftreten und ließ sich offensichtlich überhaupt nicht von der prunkvollen Umgebung einschüchtern, genauso wenig wie von der Tatsache, dass er dem Grafen von Tendilla gegenüberstand, langjähriger Botschafter am Heiligen Stuhl, Neffe des großen Kardinals Pedro Gonzálo de Mendoza, Onkel des Herzogs von El Infantado und Oberbefehlshaber von Granada – Titel, die jeden anderen beeindruckt hätten. Für einen Moment dachte sie, dass sein Sohn ihm vielleicht ähnlich wäre, verwarf den Gedanken aber wieder. Ein Mann, der des Geldes wegen heiratete, hatte keinerlei Respekt verdient, zumindest nicht von ihr. Sie hatte immer davon geträumt, dass der Mann, der sie zu der Seinen machte, alles daransetzte, sie zu erobern. Dass er die hohen Mauern der Festung erklomm, sich mit anderen Rittern im Kampf maß und ihr in poetischen Worten seine Liebe erklärte. Sie erinnerte sich noch gut an das einzige Mal, dass sie beide miteinander gesprochen hatten, was er über Frauen im Allgemeinen und sie im Besonderen gesagt und behauptet hatte, ein Leben an ihrer Seite müsse die Hölle sein. »Genau das wird es sein«, schwor sie sich, während sie einem seiner Cousins zunickte. »Eine Hölle, die betreten zu haben er bereuen wird.«

Als es Nacht wurde, geleiteten sie ihre Schwester, ihre Tanten, etliche weitere Damen und eine Schar von Zofen zu dem Schlafgemach, das für die Hochzeitsnacht bereitet war. Leise kichernd sprachen die Frauen über die Freuden der Liebe, die Manneskraft des Bräutigams und das Jungfernhäutchen. Sie wollte gar nicht daran denken. Es war Teil ihres Opfers, und außerdem hatte sie ein wenig Angst. Die maurischen Dienstmädchen unterhielten sich völlig ungeniert über die Beziehungen zwischen Mann und Frau und machten ironische Bemerkungen über das männliche Glied, seine Stärke und Maße. Ehrlich gestanden hatte sie nicht die geringste Lust, alleine mit einem Unbekannten im Bett zu liegen, und schon gar nicht, herauszufinden, wie seine körperlichen Attribute beschaffen waren. Man entkleidete sie und zog ihr ein durchsichtiges Spitzenhemd an, unter dem sich ihre kleinen, festen Brustwarzen abzeichneten, legte ihr einen blausamtenen Morgenmantel um, bürstete ihr Haar und betupfte ihren Hals und ihre Handgelenke mit Myrrhenöl. So vorbereitet, sah sie die Frauen davonhuschen. Da stand sie nun und wartete so würdevoll, wie es ihr möglich war, mit erhobenem Kopf, die Hände zu Fäusten geballt. Ihr Vater, ihr Schwiegervater, Brüder und Schwager kamen herein, um ihr eine gute Nacht zu wünschen.

»Juan ist ein guter Junge. Du wirst sehr glücklich mit ihm werden«, flüsterte der Graf ihr zu, während er sie auf die Stirn küsste.

María schloss die Augen und antwortete nicht. Als sie sie wieder öffnete, waren alle gegangen, und vor ihr stand Juan de Padilla, ihr Ehemann.

»Kommt. Eure und meine Familie erwarten, dass wir die Ehe vollziehen, die uns nun miteinander verbindet.«

Sie ließ sich von ihm führen und rührte sich nicht, als er ihr den Morgenmantel auszog, sie hochhob und zum Bett trug.

3

Sie wurde vom Trällern einer Lerche geweckt, die in einem Gebüsch unterm Balkon saß. Das Licht flutete durchs Fenster und ließ die mit Arabesken und arabischen Schriftzeichen in Rot, Gold und Lapislazuliblau verzierten Stuckwände aufleuchten. Eine ganze Weile beobachtete sie das Spiel des Lichts auf den Fliesen, bewunderte wieder einmal die Harmonie und erlesene Perfektion des Dekors und bedauerte es, nicht die Sprache der Dichter zu beherrschen, deren Verse die Wände zierten. Sie wandte ihren Kopf auf dem Kissen um und betrachtete Juan. Er schlief tief und fest, ein Lächeln auf den Lippen. Auf sein Gesicht fiel dasselbe Licht, das die Arabesken des Zimmers erstrahlen ließ. Zum ersten Mal betrachtete sie ihn genauer. Sein Gesicht sah schön und entspannt aus. Er wirkte wehrlos, so ganz anders als der Mann, der sie heute Nacht erobert, ihren Körper liebkost, ihre Lippen, ihren Hals, ihre Brüste geküsst hatte. Er hatte unbekannte, aufregende Empfindungen in ihr geweckt, die sie vor Lust und Schmerz stöhnen ließen, bis irgendwann die Kerzen heruntergebrannt waren und ihre Kräfte nachgelassen hatten. Sie lächelte. Ihr ganzer Körper schmerzte, aber sie hätte nichts dagegen gehabt, diese einzigartige Erfahrung zu wiederholen, die sie sich zuvor niemals hätte träumen lassen. Als hätte er ihre Wünsche gehört, schlug Juan in diesem Moment die Augen auf.

»Ich liebe dich«, sagte er, ohne sich zu rühren. »Ich habe dich vom ersten Moment an geliebt, als ich dich vor einem Jahr sah. Du bist die außergewöhnlichste Frau, die ich je kennengelernt habe, und außerdem auch die schönste.«

Sie war kurz davor, sich an ihn zu schmiegen und ihn zu bitten, sie noch einmal zu lieben. Doch dann fiel ihr wieder ein, was sie sich während des Festbanketts am Vorabend geschworen hatte, und das Lächeln auf ihren Lippen erlosch.

»Nun, aber ich liebe Euch nicht«, erwiderte sie kühl und starrte an die Decke. »Unsere Familien haben diese Ehe ausgehandelt. Ich habe nur aus Respekt vor meinem Vater zugestimmt. Ihr könnt über mich verfügen, wenn Euch danach ist; ich werde Euch Kinder schenken, weil es meine Pflicht ist, aber mehr habt Ihr nicht von mir zu erwarten.«

»Du wirst lernen, mich zu lieben. Du wirst sehen.«

Der junge Mann streichelte ihr Haar und ihren Hals und liebkoste so zärtlich ihre Brüste, dass María eine Gänsehaut bekam und sich jeder Muskel ihres Körpers vor Verlangen anspannte. Aber sie blickte weiter mit zusammengekniffenen Lippen an die Decke. Sie war nicht gewillt, nachzugeben.

»Du wirst mich lieben. Liebe weckt Liebe, dem kann sich kein Mensch entziehen. In mir ist genug Liebe für uns beide. Ich habe keine Eile; ich werde warten, bis du zu mir kommst, so wie der Fluss dem Meer zustrebt und die Sonnenstrahlen auf die Erde treffen.«

Mit diesen Worten küsste Juan sie auf den Nacken. Dann stand er auf und schlüpfte in den Morgenmantel aus dunkelblauem, silberdurchwirktem Damast, ein Geschenk seines Schwiegervaters.

»Mal sehen, ob ich irgendwo meine Kleider finde«, sagte er mit einem Lächeln. »Ich bin es nicht gewohnt, mich in Palästen zu bewegen.«

Verdutzt und enttäuscht sah María ihm hinterher. Sie hatte kaum Zeit gehabt zu reagieren. Noch immer spürte sie seine warme Hand auf ihrer Brust. Wäre er nur ein klein wenig hartnäckiger gewesen … Wütend auf sich selbst, schloss sie die Augen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie unnahbar bleiben wollte und dass sie ihm in jeder Hinsicht weit überlegen war, was Herkunft, Bildung und Einfluss anging … Doch sie konnte nur an die Zärtlichkeiten, die Küsse und die Liebesschwüre denken, an Juans nackten Körper, schön wie die Apollostatue, die ihr Vater neben vielen anderen Dingen aus Italien mitgebracht hatte und in seinem Schlafgemach hatte aufstellen lassen, um sie den Blicken seiner jüngsten Kinder zu entziehen. María hatte einmal mit vor Staunen offenem Mund davorgestanden, als sie sich nach einer Wette mit ihrem Bruder Diego in das »verbotene« Zimmer geschlichen hatte.

»Na, Kindchen? Geht es dir gut? Hattest du eine schöne Nacht?«

Zaidas Stimme hallte wie eine Glocke in ihrem Kopf wider und zwang sie, die Augen zu öffnen. Die Sklavin stand mit einem Tablett vor ihr, auf dem sich eine große Tasse Brühe und frisch gebackene Rosinenbrötchen befanden, und musterte sie mit einem breiten Lächeln und dem verschwörerischen Blick einer Frau, die die Freuden der Liebe kannte. María war versucht, sie zu fragen, ob sie irgendwann ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, ob sie die Arme eines Liebhabers um ihre Taille gespürt hatte, gespürt hatte, wie er in sie eindrang, ob sich ihr Mund nach dem Mund eines Mannes gesehnt hatte, so wie sie sich nun nach Juan sehnte.

»Es hätte schlimmer kommen können«, antwortete sie, bevor sie die Brühe austrank und herzhaft in ein Brötchen biss.

An diesem Morgen brauchte María länger als sonst, um sich zurechtzumachen. Keines der Kleider, die Zaida ihr herauslegte, fand ihre Zustimmung. Entweder passte ihr die Farbe nicht, der Schnitt oder die Accessoires. Schließlich entschied sie sich für ein schlichtes Kleid in Grün- und Rottönen mit weiten Ärmeln und großzügigem Dekolleté, das mit einer Stickereiborte gesäumt und unter der Brust von einem Gürtel mit dem gleichen Muster gerafft wurde. Dann bat sie die Maurin, ihr das Haar aufzustecken und es mit dem goldgewirkten Perlennetz zu schmücken, das ihre Schwester ihr zur Hochzeit geschenkt hatte. Sie legte Reispuder auf, um die Augenringe von der leidenschaftlichen Nacht zu verstecken, und betrachtete sich im Spiegel. An ihrem Aussehen hatte sich nichts verändert, aber sie fühlte sich innerlich und äußerlich gewandelt.

Sie bemerkte, wie alle Blicke auf ihr ruhten, als sie sich zu ihrer Familie und den Gästen gesellte, die in einem der Gärten beim Mittagessen saßen, durch große Schirme vor der Sonne geschützt. Missmutig stellte sie fest, dass ihr die Röte in die Wangen schoss. Alle sahen sie mit diesem zufriedenen Lächeln an, mit dem auch Zaida ins Schlafzimmer gekommen war. Das gleiche verständnisvolle Zwinkern, die gleichen Fragen nach ihrem Befinden. Sie beschränkte sich auf ein Kopfnicken in Richtung der Fragesteller und wünschte aus tiefstem Herzen, dass man sie einfach nicht weiter beachtete.

Sie saß zwischen ihrer älteren Schwester und einer Cousine, verfolgte scheinbar aufmerksam das Gespräch der beiden Frauen und löffelte den Gemüseeintopf mit Stockfischkrapfen, den eine Dienerin ihr servierte, während sie Juan, der ihr gegenüber zwischen seinem Vater und seinem Schwiegervater saß, unauffällige Blicke zuwarf. Er hatte den Morgenmantel gegen ein weißes Leinenhemd mit offenem Kragen sowie ein weinrotes, wegen der Hitze gleichfalls aufgeknöpftes Wams eingetauscht. Mit seinem schulterlangen braunen Haar, das etwas zu lang war für die augenblickliche Mode, dem Bartschatten, den dunklen, ironisch dreinblickenden Augen, die manchmal wie zufällig auf ihr ruhen blieben, und der Lebensfreude eines jungen Mannes, dem das Glück lachte, erschien María Juan de Padilla als der attraktivste Mann in der Runde. Sie brachte kaum das in Honig, Essig und Piment eingelegte gegrillte Schweinskotelett herunter, das auf die Stockfischkrapfen folgte. Sie konnte kaum erwarten, dass es Nacht wurde. Ihre Handflächen kribbelten, und sie konnte einfach nicht aufhören, unter dem Tisch mit den Beinen zu wippen. Sie wünschte, dass die Stunden rasch vergingen und die Sonne verschwände, um wieder mit Juan alleine sein zu können.

»Infant Ferdinand wäre der ideale König«, hörte sie ihn sagen.

»Weshalb sagst du das?«, fragte der Graf, während er mit den Fingern ein Stück Kotelett aß.

»Weil er in Kastilien geboren und aufgewachsen ist. Er ist klug und hochherzig und kennt das Volk. Außerdem hält sein Großvater große Stücke auf ihn.«

»Das ist kein Argument«, widersprach Luis. »Gesetz ist Gesetz, und der rechtmäßige Thronfolger ist Karl.«

»König Ferdinand und seine Tochter Johanna erfreuen sich bester Gesundheit«, bemerkte Don Íñigo, während er sich über ein weiteres Kotelett hermachte. »Wartet ab, bis sie nicht mehr sind, bevor ihr das Land aufteilt. Ihr jungen Leute habt es immer so eilig, den Platz der Älteren einzunehmen. Ihr wisst nicht, wie schnell die Zeit verrinnt. Bevor ihr euch verseht, werdet ihr genauso kahl und zahnlos sein wie ich. Obwohl …«, dachte er laut nach, »… dieses Gebiss, das mir ein Moriske gemacht hat, das Original um Längen übertrifft. Und wenn es mich stört, nehme ich es einfach heraus, und fertig.«

Die Worte des Grafen lösten Heiterkeit bei den Tischgästen aus. María nutzte die Gelegenheit, zu Juan herüberzuschauen. Ihr Herz machte einen Satz, als sie seinen Blick auf sich gerichtet sah und bemerkte, wie sich seine Lippen zu einem Kuss formten. Sie wandte sich ihrer Schwester zu, um irgendetwas zu ihr zu sagen. Für den Rest des Tages würdigte sie ihn keines Blickes mehr. Stattdessen vertrieb sie sich die Zeit damit, mit ihrer Schwester Isabel zu spielen oder mit ihren Brüdern und den Cousins Mendoza zu scherzen, die aus allen Gegenden Kastiliens zu dem Ereignis angereist waren. Als es Abend wurde, zog sie sich mit den übrigen Frauen zurück, während die Männer noch beisammensaßen, um zu politisieren und dem gut bestückten Weinkeller zuzusprechen. Aber die Frauengespräche langweilten sie, und sie entschuldigte sich bald unter dem Vorwand von Müdigkeit, die sie mitnichten empfand.

Nach erneuten Diskussionen mit Zaida über das Nachthemd entschied sie sich schließlich für eine maurische Tunika aus türkisfarbener Seide, die ihr schwarzes Haar betonte. Dann schickte sie die Sklavin weg und ging zu Bett, wo sie nervös auf Juan wartete, der auch bald erschien. Sie schloss die Augen und stellte sich schlafend, als sie hörte, wie die Zimmertür geöffnet wurde, und seine Schritte vernahm. Sie hielt die Augen geschlossen, während er ans Bett trat und sie im Schein der Kerze betrachtete, die auf dem Nachttischchen stand. Aber als sie hörte, wie sich seine Schritte entfernten, öffnete sie die Augen ein wenig. Mit angehaltenem Atem verfolgte sie seine Bewegungen im Halbdunkel, während er sich auszog, und spürte die Erregung in sich aufsteigen, als sie merkte, wie er ins Bett schlüpfte und sich neben sie legte. Reglos wartete sie ab, doch die erhoffte Liebkosung kam nicht. Ungeduldig streifte sie wie unbeabsichtigt seinen Körper, aber er reagierte nicht. Erschöpft von den Ereignissen der letzten Tage, schlief er wie ein Stein.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Tagsüber verbrachten die Frischvermählten ihre Zeit mit den übrigen Familienangehörigen und den Hausgästen, die es nicht eilig zu haben schienen, sich zu verabschieden. Der Graf, dem Herrscher eines Kleinstaates gleich, war entzückt, von Menschen umgeben zu sein, die er schätzte, und organisierte die unterschiedlichsten Unternehmungen, von einer Rebhuhnjagd bis zu einem Turnier im alten Stil im größten Hof der Alhambra, des Weiteren einen Wettbewerb im Bogenschießen sowie ein Ballspiel, an dem er selbst teilnahm, oder auch einen von Mauren gestalteten Musikabend. Er war ein begeisterter Anhänger dieser Musik, wie überhaupt aller kulturellen Errungenschaften des arabischen Al-Andalus. Die Mahlzeiten waren üppig, die Abende lang, und alle gingen zufrieden und müde auf ihre Zimmer.

Wie an ihrem ersten Abend als verheiratete Frau zog sich María vor ihrem Mann zurück, wählte Nachthemden, die keine Christendame zu tragen gewagt hätte, legte ein Parfüm aus Moschus, Rosenöl und Zimt mit dem Namen »Elixier der Liebe« auf, das Zaida selbst herstellte, und stellte sich schlafend, wenn er kam. Sie war fest entschlossen, Juans Verlangen zu wecken, um dann die Genugtuung zu haben, ihn unter dem Vorwand von Kopfschmerzen oder anderweitigem Unwohlsein zurückzuweisen. Doch er legte sich neben sie und schlief ein, ohne sie auch nur zu berühren, und das machte sie wütend. Eines Abends konnte sie sich nicht länger beherrschen und erwartete ihn im Bett liegend, ein Buch in den Händen.

»Es freut mich, dich wach anzutreffen«, sagte er, während er sich auszuziehen begann. »Was liest du da?«

»Es ist auf Lateinisch. Ich bezweifle, dass Ihr das versteht.«

»Stimmt«, gab der junge Mann lachend zu. »Mit meinem Latein ist es nicht weit her, aber deinetwegen wäre ich bereit, es wieder zu lernen.«

María überhörte das Kompliment, blätterte um und vertiefte sich wieder in die Gedichte ihres Lieblingsautors Vergil, obwohl sie in diesem Moment nicht in der Lage war, sich darauf zu konzentrieren.

»Also, was liest du?«, fragte Juan erneut, während er sich zu ihr legte.

»Gedichte.«

»Magst du Gedichte?«

»Jeder kultivierte Mensch mag Gedichte. Aber ich bezweifle, dass Ihr in der Lage seid, die Schönheit eines Gedichts zu erfassen.«

Blaue Augen hat das Mädchen,

wer verliebte sich nicht drein!

Sind so reizend zum Entzücken,

dass sie jedes Herz bestricken,

wissen doch so stolz zu blicken,

dass sie eitel schaffen Pein.

Juan hielt schelmisch lächelnd inne und küsste Marías Hand, die sprachlos war vor Überraschung.

»Du kennst das Werk des großen Juan de la Encina?«, sagte sie schließlich, wobei sie ihn zum ersten Mal duzte.

»Wenn du willst, kann ich eines seiner Liebeslieder für dich singen …«

»Spielst du auch Laute?«

»Allenfalls ein bisschen Trommel, aber ich kann mich einigermaßen begleiten.«

María begann zu lachen, bis sie Tränen in den Augen hatte.

»Ich mag dein Lachen …«

Juan spielte mit ihrem Haar, wickelte eine Strähne um seinen Zeigefinger und roch daran.

»Ich mag deinen Duft … deine Haut … dein hochgerecktes Kinn … deine kleinen, festen Brüste …«

Während er sprach, streichelte er sie, und María war rettungslos verloren. Vergessen war ihr Vorsatz, sich abweisend zu geben; ihr Körper reagierte wie ein Hungernder angesichts eines Tisches voller Speisen, und sie versank in einem Meer glückseliger Empfindungen.

4

Einige Tage später begannen die Gäste abzureisen, nachdem sie sich überschwänglich für die Gastfreundschaft von Don Íñigo de Mendoza und seiner Familie bedankt hatten. Kutschen und Wagen wurden bestiegen, Versprechungen gemacht, sich bald wiederzusehen, und dann wurde es nach einigen aufregenden Wochen wieder still in Yussufs Palast. Don Gutierre López de Padilla war einer der Letzten, die sich verabschiedeten. Er wollte seinen Neffen weiter protegieren und schlug vor, Juan zum Kommandanten der Festung von Martos in Jaén zu ernennen, die dem Calatrava-Orden gehörte, doch der Graf widersetzte sich dem entschieden.

»Versteht mich nicht falsch, mein Freund«, sagte er und legte dem Komtur in einer freundschaftlichen Geste den Arm um die Schulter. »Juan ist jetzt mein Sohn, und es ist mir eine Pflicht und eine Freude, für seine Zukunft zu sorgen. Ich bin ganz Eurer Meinung, dass er militärische Erfahrung benötigt, aber Martos ist, mit Verlaub, eine kleine Festung, auf der sich nicht viel tut. Fändet Ihr Cazorla nicht geeigneter? Sie liegt an einer strategisch wichtigen Stelle, und er hätte zweihundert Mann unter seinem Befehl, genug, um sich für eine Zeit in der Kunst des Befehlens zu üben.«

Don Gutierre war ein wenig in seiner Selbstliebe gekränkt, musste jedoch zugeben, dass der Schwiegervater seines Neffen recht hatte. Cazorla war bedeutender als Martos, und ihre Kommandanten hatten höhere Positionen an anderen Bestimmungsorten erklommen, nachdem sie eine Weile dort gewesen waren. Die beiden Männer waren sich also darin einig, Juan in die Sierra von Cazorla zu schicken, damit er seine ersten Schritte als Hauptmann der Armee machte.

»Wirst du mit mir kommen?«

Der neuernannte Kommandant spazierte mit seiner Frau durch den Patio de Lindaraja, wo einstmals die Haremsdamen lustwandelten, einer der schönsten Orte des Nasridenpalasts. Seit ihrer zweiten Liebesnacht war María wieder abweisend und vermied den körperlichen Kontakt mit Juan. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie sich so verhielt. Sie fühlte sich mit jedem Tag mehr zu ihm hingezogen, sie konnte sich nicht an ihm sattsehen und genoss es, nachts neben ihm zu liegen, seinen Atem zu spüren, seine Stimme zu hören. Ihr Herz raste, wenn sich ihre Körper zufällig berührten, und dennoch … Sie konnte einfach nicht vergessen, dass ihr Vater sie mit einem Mann vermählt hatte, der ihr nicht ebenbürtig war und nicht einmal den Titel »Don« führen durfte. Ihre Schwester war eine Gräfin, und auch ihre Cousinen besaßen Titel. Warum nicht sie? Sie war dazu verdammt, für den Rest ihres Lebens die Frau eines zweitrangigen Hidalgos zu sein, und dieser Gedanke machte sie krank.

»Was soll ich dort zwischen Soldaten und Ziegen?«, fragte sie ungnädig.

»Wir säßen zusammen hoch droben wie in einem Adlerhorst und könnten uns unterm Sternenhimmel auf einem Bett aus Gras lieben …«

»Wenn das alles ist, was Ihr mir zu bieten habt, bleibe ich lieber hier.«

»Liebst du mich nicht mal ein kleines bisschen? Das letzte Mal, als du mir erlaubt hast, mich dir zu nähern, dachte ich …«

»Da dachtet Ihr falsch«, unterbrach sie ihn und musterte ihn von oben bis unten. »Ich habe lediglich meine ehelichen Pflichten erfüllt.«

»Ich möchte nicht, dass du aus Pflicht bei mir liegst.«

»Anders kann ich es nicht«, setzte sie bissig hinzu, »und ich habe auch nicht die Absicht, es zu lernen. Also geht allein in diesen Adlerhorst, von dem Ihr sprecht, und gebt acht, dass Ihr nicht in seine Fänge geratet.«

»Und du bleib hier und werde eine alte, verbitterte Jungfer!« Er wurde zum ersten Mal laut. »Ich weiß, dass du dich schlafend stellst, wenn ich ins Bett komme. Nicht mal ein Kind würde auf dich hereinfallen. Ich habe nicht vor, noch länger um deine Liebe zu betteln, und werde auch nicht mehr zu dir kommen, bis du mich rufst.«

»Das werde ich nicht tun.«

»Schade für dich.«

An diesem Abend kam Juan nicht ins Schlafzimmer. María schlief irgendwann schluchzend ein, ihren Stolz verfluchend, der sie dazu trieb, sich wie eine dumme Gans zu verhalten. Als sie am nächsten Tag zum Frühstück nach unten kam, erfuhr sie, dass er am frühen Morgen abgereist war.

»Juan sagte mir, dass es ihm lieber ist, wenn du hier bleibst. Die Sierra ist kein Ort für eine Dame«, teilte ihr der Graf mit. »Er ist ein vernünftiger junger Mann, und ich bin ganz seiner Meinung. Du könntest nicht auf dem Land leben, du bist zu sehr verwöhnt worden.«

María sagte nichts. Sie war immer noch wütend auf ihren Vater und richtete nur das Wort an ihn, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ. Und sie war entschlossen, das auch weiterhin durchzuhalten, obwohl sie manchmal kurz davor war, ihr Schweigen zu brechen und ihm zu sagen, dass sie sehr wohl wie eine Bäuerin leben könnte. Dass sie in der Lage war, ein Soldatenleben zu führen und eine Arkebuse oder eine Armbrust abzufeuern, wenn es sein musste, stundenlang im Sattel zu sitzen, ohne zu ermüden, und sich mit jedem zu prügeln, der ihren Mut in Zweifel zog. Aber vorurteilslos den Mann akzeptieren, mit dem sie auf sein Geheiß das Leben teilte, das konnte sie nicht. Häufig saß sie in einem der Erker im Ostflügel, von wo aus man die Straße nach Jaén überblicken konnte, und hoffte, dass Juan irgendwann dort auftauchte. Sie versuchte sich zu beschäftigen, indem sie las, ihr Lautespiel verbesserte oder sogar stickte, aber schon bald langweilte sie sich und hatte genug davon. Immer wieder trat sie ans Fenster, um die Straße besser sehen zu können, sie schickte Zaida los, um Erkundigungen einzuholen, sobald sie einen Reiter auf dem Weg entdeckte, und wurde immer ungeduldiger, je mehr Tage vergingen, ohne dass sie Nachricht von ihm erhielt.

Eines Morgens erwachte sie mit heftigem Brechreiz und schaffte es gerade noch bis zur Waschschüssel, um sich zu übergeben. Die Übelkeit hielt noch eine ganze Weile an, was sie zunächst auf den Genuss von zu lang abgehangenem, überwürztem Wild zurückführte. Sie erzählte keinem davon, aber dieses jähe Erwachen versetzte sie in Sorgen, die Zaida kurz darauf bestätigte.

»Du erwartest ein Kind.«

»Woher willst du das wissen? Du fühlst dich schließlich nicht sterbenselend.«

Die Sklavin lachte.

»Neun von zehn Frauen leiden in den ersten Schwangerschaftsmonaten unter Übelkeit. Es gibt Familienzuwachs! Der Herr de Padilla wird überglücklich sein, und der Herr Graf ebenso.«

Die Erwähnung des Mannes, der für ihren Zustand verantwortlich war, machte sie wütend – dieser rücksichtslose Kerl, der seit fast zwei Monaten kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte und sie mit seinem frechen Mundwerk eine alte, verbitterte Jungfer genannt hatte. Sie beschloss, nichts von der Neuigkeit zu verraten, bis ihr Zustand so deutlich zu sehen sein würde, dass er sich nicht länger verbergen ließ.

»Kein Wort, hörst du? Kein Wort zu niemandem.«

»Aber Kind …«

»Kein Wort!«

Es war der Graf, der einen Boten zu seinem Schwiegersohn sandte, als María auf Anraten des Arztes das Bett hüten musste. Es war noch über einen Monat bis zur Geburt, aber die Schmerzen waren so stark, dass die junge Frau keinen Schritt mehr tun konnte, ohne sich zu krümmen, weil sie das Gefühl hatte, dass es ihr die Eingeweide zerriss.

Seit seinem Weggang war Juan nur einmal in Granada gewesen, um mit seinem Schwiegervater über militärische Fragen zu sprechen und noch am selben Tag nach Cazorla zurückzukehren. María hatte kaum an Gewicht zugenommen, und unter den weiten maurischen Gewändern, die in ihrer Familie bis hin zu ihrem Vater gerne getragen wurden, war die Schwangerschaft nicht zu erkennen. Das Paar begegnete sich nur beim Mittagessen, bei dem auch andere Familienmitglieder anwesend waren.

»Du hast dunkle Ringe unter den Augen«, flüsterte er ihr irgendwann während des Essens ins Ohr, um dann lachend hinzuzufügen: »Du wirst mich doch nicht vermissen?«

»Seid versichert, dass Eure Abwesenheit mir nicht den Schlaf raubt, Herr de Padilla«, gab sie in jenem unterkühlten Ton zurück, den die Mendozas an den Tag legten, wenn sie die Distanz betonen wollten, die sie von ihrem Gesprächspartner trennte.

»Bist du sicher, dass du dich im Bett nicht einsam fühlst ohne mich? Ich könnte ein paar Tage in Granada bleiben, wenn du möchtest«, schlug Juan vor, während er sie mit seinem Knöchel streifte.

Sie zog ihr Bein weg und wandte sich ihrem Bruder Antonio zu, der gerade die Anwendung einer von ihm erfundenen Vorrichtung zur Hasenjagd erläuterte. Sie sprachen nicht mehr miteinander, und am Nachmittag brach Juan wieder zu der Festung in der Sierra auf. María sah ihn vom Erker aus davonreiten und verfluchte aufs Neue ihren Stolz, der sie daran hinderte, ihm zu sagen, wie sehr sie sich nach ihm sehnte, dass sie ständig an ihn dachte und sogar davon träumte, wieder in seinen Armen zu liegen.

Als sich die Schwangerschaft nicht länger verbergen ließ, reiste sie in Begleitung von Zaida und zwei Dienstmägden ans Meer, nachdem sie allen, auch dem Arzt, damit in den Ohren gelegen hatte, dass die Seeluft ihr gut dabei täte, den Appetit wiederzufinden. Ihr hohlwangiges Äußeres, die dunklen Augenringe und ein Asthmaanfall, der sie fast eine Woche ans Bett fesselte, genügten, um ihre Familie zu überzeugen. Ihrem Vater gehörte der kleine Ort Salobreña, wo er ein Haus besaß, das früher einem reichen Araber gehört hatte. Es lag an einem Hang, von dem aus man den Sonnenuntergang betrachten konnte. María ruhte in einem Liegestuhl auf der Terrasse und sah zu, wie der riesige Feuerball allmählich im Meer versank, während sich der Himmel rot färbte und die Sterne als fernes Funkeln am Firmament zu glänzen begannen.

Aber ihr Zustand besserte sich nicht. Trotz der Seeluft, der Rautetees und Sauerampferpürees, die Zaida ihr einflößte, verlor sie das letzte bisschen Kraft, das ihr geblieben war, bis sie überzeugt war, bald sterben zu müssen. Sie stellte sich vor, wie Juan verzweifelt schluchzend an ihrem Totenbett säße, hilflos und verlassen wie ein Waisenkind, und schwor bei Gott, dass nichts und niemand sie noch einmal trennen könnte, falls sie sich erholen sollte. Als die Wehen einsetzten, überlegte die Sklavin nicht lange. Sie ließ den Wagen anspannen und brachte ihre Herrin gegen deren Willen zur Alhambra zurück. Es war nicht nur die Sorge um die Gesundheit Marías, die sie sehr liebte, sondern auch die um ihr eigenes Wohl. Falls etwas passierte, trüge sie die alleinige Verantwortung. Der Graf würde ihr nicht verzeihen, dass sie von dem Zustand seiner Tochter gewusst und ihn nicht in Kenntnis gesetzt hatte. Er könnte ihr womöglich sogar vorwerfen, dass sie versucht habe, ihre Herrin umzubringen. Das Leben einer Sklavin war weniger wert als ein Sack Heu für die Pferde, aber es war alles, was sie besaß, und sie war fest entschlossen, es zu behalten.

Nach einer ersten Untersuchung bestätigte Don Álvaro Cervera, der Leibarzt der Familie Mendoza, dass es in der Tat Komplikationen gebe, worauf der Graf von Tendilla die Stirn runzelte und verärgert grummelte, dass man kein Arzt sein müsse, um zu diesem Urteil zu kommen. Selbst er sei in Anbetracht des Aussehens und der Schmerzen seiner Tochter dazu in der Lage.

»Es kann sein, dass sie das Kind verliert«, dozierte der Arzt in würdevollem Ton.

»Und sie?«

»Ihr Zustand verheißt nichts Gutes …«, antwortete Don Álvaro vorsichtig.