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Ein Atheist trifft während einer Nahtoderfahrung scheinbar auf Gott. Es entspinnt sich ein Dialog über die Kürze des Lebens, über die Sinnlosigkeit menschlichen Schaffens und über die Utopie einer menschenbefreiten Erde.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Gott: „Ich gratuliere. Du hast ein tadelloses Leben geführt und darfst deshalb in die ewige Glückseligkeit eingehen."
Otto: „Aber ich bin doch Atheist! Wahrscheinlich sollte ich besser sagen: Ich war doch Atheist."
Gott: „In der Beziehung bin ich kulant. Ich achte auf den Lebenswandel und nicht darauf, wer was aus welchen Motiven heraus glaubt, oder auch nicht glaubt. Selbst Pascal ist hier und das trotz seiner seltsamen Wette."
Otto: „Ich habe eine Bitte. Können wir uns Siezen? So vertraut, dass ein Du angemessen wäre, war ich zu Lebzeiten nicht mit Ihnen."
Gott: „Ganz wie es Ihnen beliebt."
Otto: „Da nun das geklärt ist, erlaube ich mir Ihnen eine Frage zu stellen. Gibt es die Möglichkeit die ewige Glückseligkeit zu beenden, wenn ich keinen Gefallen mehr an ihr finde? Auch als Atheist habe ich religiöse Schriften gelesen: Diese Frage wurde nicht einmal erwähnt, obwohl sie doch eine immense Bedeutung hat. Denn nur ungern lasse ich mich auf langfristige Projekte ein, wenn mir keine Exit-Möglichkeit offen steht. Und die Ewigkeit ist nun mal sehr, sehr langfristig."
Gott: „Die Möglichkeit die ewige Glückseligkeit zu beenden, ist nicht vorgesehen. Es muss Sie doch glücklich machen, dass Sie auserwählt wurden. Welche Vorstellungen hatten Sie denn zu Lebzeiten vom danach?"
Otto: „Für mich bedeutete der Tod immer totale Auslöschung. Für mich war das danach immer ein Nichts; Schwärze ohne Beobachter. Es ist nicht so, dass mich diese Vorstellung restlos glücklich machte. Wenn ich mir mein Ableben vergegenwärtigte, rebellierte mein Narzissmus gegen die Vorstellung des Nichts-Werdens. Schlimmer war der Tod von Verwandten und Freunden. Die radikale Endlichkeit brachte das Grauen der Endgültigkeit in mein Leben. Alles was ich den Verstorbenen zu Lebzeiten nicht gesagt habe, bleibt für immer ungesagt, alles was ich ihnen nicht getan habe, bleibt auf ewig ungetan. Es gibt keine Chance etwas Wieder-Gut zu machen, wenn der Tod eingetreten ist. Das hört sich etwas pathetisch an, ist aber richtig. Mildernd ist, dass einen derartige Versäumnisse nur bis zum eigenen Tod kümmern müssen. Leichen im Keller verschwinden, wenn der Hausherr stirbt. So zumindest meine Vorstellung."
Gott: „Aber warum wollen Sie dann nicht in die ewige Glückseligkeit eingehen? Im Paradies könnten Sie doch ihre Verwandten und Bekannten wiedersehen."
Otto: „Ein Wiedersehen kann es nicht geben, nur ein Neusehen. Alles fließt, auch Menschen. Schon Klassentreffen bereiten mir Unbehagen. Ich habe mit den Fremden, die früher meine Klassenkameraden waren, nichts mehr zu tun. Es wäre peinvoll meinen Eltern gegenüberzustehen und - Fremde zu erblicken. Ich bin, seit ich sie zum letzten mal sah, geflossen, und auch meine Eltern hätten sich verwandelt, denn auch im Jenseits müsste man sich stetig verändern - denn nur das Nichts verändert sich nicht. Es kann keine Rückkehr zu einem vergangenen Zustand geben.
Auch ist es nicht so, dass die vollständige Auslöschung nur Schattenseiten hat. Die Endlichkeit verleiht den Dingen Tiefe. Ewige Dinge wären flach und ohne Bedeutung. Und es ist auch nicht so, dass ich der Idee des Paradieses nichts abgewinnen könnte. Als Durchgangsstation auf dem Weg zum Nichts würde ich es schon gerne mitnehmen. Aber wenn ich mich auf Gedeih und Verderb der ewigen Glückseligkeit überantworten muss, dann sage ich: Nein, danke!"
Gott: „Aber warum?"
Otto: „Ich bin nicht für die Ewigkeit geeignet. Es gibt keine Wonnen, die ich nicht auf Dauer als grauenhafte Folter empfände. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten dieses Problem zu umgehen: Die erste wäre, mich so umzuformen, dass ich Ewigkeitstauglich würde. Aber in diesem Fall müsste man mich so massiv verändern, dass meine Persönlichkeit verloren ginge. Ich wäre dann nicht mehr vorhanden. Die zweite Möglichkeit wäre, die Ewigkeit so umzugestalten, dass sie vom Nichts nicht zu unterscheiden wäre. In beiden Fällen bekäme ich das Nichts."
Gott: „Bevor Sie sich hier in philosophischen Spekulationen verlieren, sollte ich Ihnen noch etwas mitteilen: Ihr Herz hat vor wenigen Sekunden zu Schlagen aufgehört. Sie führen hier keinen Dialog, sondern Ihr bzw. mein, oder besser: das Gehirn führt einen Monolog. Was sich hier abspielt, nennt sich Nahtoderfahrung, wie Du selbstverständlich weißt. Ich kehre angesichts dieser Aufklärung zum Du zurück.“
Otto: „Habe ich mir fast gedacht. Ich war immer viel allein. Da unterhält man sich automatisch mit abwesenden oder auch fiktiven Personen. Gott war bisher nicht mein Gesprächspartner. Also eine Premiere zu später Zeit.“
Gott: „Weshalb hast Du dich nicht mit mir unterhalten, wenn Du doch so gerne mit fiktiven Personen unterhältst? In diesem Bereich bin ich doch für gewöhnlich der erste Ansprechpartner.“
Otto: „Du warst mir immer zu unbestimmt. Lies doch mal die Bücher moderner Theologen! Da bist Du höchstens ein Schemen, wenn Du überhaupt noch was bist. Aber jetzt, da ich mich in einer unbestimmten, höchst seltsamen Situation befinde, kann ich mich auch mit Schemen unterhalten.“
Gott: „Ich muss zugeben: Es ist eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung: Kein Tunnel, keine Lichterscheinung, kein Lebensfilm, keine Wiederbegegnung mit Verstorbenen. Aber Du warst ja schon immer ein seltsamer Typ. Seltsame Typen haben nun mal seltsame Nahtoderfahrungen. Da dies jetzt geklärt ist, werde ich dir noch
Gott: „Da bist du ja wieder."
Otto: „War ich weg?"
Gott: „Ja."
Otto: „Wie lange?"
Gott: „Das weiß ich nicht. Du weißt selbst, dass ich du bin. Wie vorher schon gesagt: Du führst ein Selbstgespräch. Ich kann dir nur mitteilen, dass Zeit vergangen sein muss, denn es stehen Ärzte um dich herum und mühen sich an deinem Körper ab. Die waren vorher noch nicht da."
Otto: „Ja, ich kann sie hören. Und fühlen. Sie quetschen meinen Brustkorb zusammen."
Gott: „Sie versuchen dein Herz wieder zum Schlagen zu bekommen."
Otto: „Mein Herz schlägt nicht - und ich bin wieder zu Bewusstsein gelangt?"
Gott: „Das ist richtig. Gelobt sei die Herzdruckmassage. Die pumpt dir sauerstoffhaltiges Blut durchs Gehirn. Deshalb bist du aufgewacht. Du hast Ärzte, die etwas von Reanimation verstehen, denn sie stellen einen beachtlichen Blutdruck her."
Otto: „Und ich bleibe jetzt bei Bewusstsein? Wie lange wird das noch dauern?"
Gott: „Die zweite Frage ist nicht genau zu beantworten. Reanimationen können sich über Stunden hinziehen. Die erste Frage kann ich dir auch nicht beantworten. Kann sein, dass du bei Bewusstsein bleibst, kann aber auch sein, dass du wieder verschwindest. Entweder endgültig, oder vorübergehend. Der erzeugte Blutstrom stellt ein minimales Bewusstsein her. Du kannst zwar hören, was die Ärzte sagen, aber du kannst dich nicht bewegen. Auch nicht sehen. Eine fragile Sache, die jederzeit zerbrechen kann."
