Die Macht der Drei - Hans Dominik - E-Book

Die Macht der Drei E-Book

Hans Dominik

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Beschreibung

Im Jahr 1955 droht das britische Empire zu zerfallen, denn Kanada und Australien wollen einen Zollverbund mit den USA bilden. Als das Empire den USA den Krieg erklärt, greift »Die Macht der Drei« mit Hilfe eines Energiestrahls ein, um den Frieden zu sichern.

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Hans Dominik

Die Macht der Drei

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Schriftreihe Epilog

Herausgegeben von Ronald Hoppe

Band 5.006

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© copyright 2016 by epilog.de • Alle Rechte vorbehalten

Ausgewählt, redigiert und gestaltet von Ronald Hoppe

Erstveröffentlichung 1922 als Fortsetzungsroman in ›Die Woche‹

Verlegt bei BOD – Books on Demand, Norderstedt

ISBN 978-3-7386-9084-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar

Hans Dominik (1875–1945) war Autor, Wissenschaftsjournalist und Ingenieur. Er gilt als einer der bedeutendsten Pioniere der Zukunfts-Literatur in Deutschland.

Ronald Hoppe (*1964) war Art-Director der IHK-Zeitschrift ›Berliner Wirtschaft‹ und Herstellungsleiter beim Shayol-Verlag. Als Layouter ist er u.a. für Klett-Cotta, Piper und Random House tätig.

Das Mysterium von Sing-Sing! Sondermeldung: »Sing-Sing, 16. Juni, 6 Uhr morgens. Dreimal auf dem elektrischen Stuhl! Dreimal versagte der Strom! Beim dritten Male zerbrach die Maschine. Der Delinquent unversehrt.«

Gellend schrien die New-Yorker Zeitungsboys die einzelnen Stichworte der Sensationsnachricht, die schon vorher über alle Fernseh- und Rundfunkstationen ausgestrahlt war, den Tausenden und aber Tausenden von Menschen in die Ohren.

Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge hatten eine Ahnung davon, dass an diesem Tage weit draußen im Zuchthaus des Staates New York eine Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war. Solche Hinrichtungen interessierten das New Yorker Publikum nur, wenn berühmte Anwälte monatelange um das Leben des Verurteilten gekämpft hatten oder wenn bei der Hinrichtung etwas schiefging.

Im übrigen hatten die Amerikaner niemals allzu viel Aufhebens von solchen Vorkommnissen gemacht. Schon damals nicht, als das Land noch von Präsidenten geleitet wurde, die man alle vier Jahre neu wählte. Viel weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsidenten Cyrus Stonard stand. Unter der Faust jenes Cyrus Stonard, der in einem fürchterlichen, aber schließlich siegreichen Krieg Russland in seine asiatischen Grenzen verwiesen und damit die heraufziehende Gefahr endgültig gebannt hatte. Die Folgen im eigenen Lande waren unbeschränkte diktatorische Vollmachten für Cyrus Stonard, die auch den amerikanischen Zeitungen einige Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen betreffenden Fragen aufnötigten.

Etwas Besonderes musste passiert sein, wenn die sämtlichen New Yorker Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend ihre erste Seite widmeten und mit der Ausgabe von Extrablättern fortfuhren. – Noch ehe die letzten Exemplare der eben erschienen Ausgabe ihre Käufer gefunden hatten, erschienen auf den Bildflächen der großen Fernsehnachrichtenzentralen der Stadt neue Meldungen:

»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr 25 Minuten. Elektrische Station von Sing-Sing zerstört. Der Verurteilte heißt Logg Sar. Herkunft unbekannt. Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am Panamakanal!«

»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen! Die Riemen, mit denen er an den Stuhl gefesselt war, zerschnitten!«

»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als Komplize! Allem Anschein nach ist der Delinquent mit Hilfe eines der zwölf Zeugen der Elektrokution entflohen.«

»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing. Im Auto entflohen! Ein unglaubliches Stück! Durch Augenzeugen festgestellt, dass der Delinquent, kenntlich durch seinen Hinrichtungsanzug, in Begleitung des Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes Auto gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede Spur fehlt. Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.«

Mit kurzem scharfem Ruck blieb ein Auto stehen, das in den Broadway an der Straßenecke einbog, wo das Flat Iron Building seinen grotesken Bau in den Äther reckt. Der Insasse des Wagens war ein Mann von unbestimmtem Alter. Einer jener menschlichen Zeitlosen, von denen man nicht sagen kann, ob sie vierzig oder sechzig Jahre alt sind.

Vor dem Gebäude der Polizei-Zentrale hielt der Wagen. Noch ehe er völlig stand, sprang der Insasse hinaus und eilte über den Bürgersteig der Eingangspforte zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem erstklassigen Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur vollständig zu mildern. Ein scharfer Beobachter musste bemerken, dass die rechte Schulter ein wenig zu hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt war, dass das linke Bein beim Gehen leicht schleifte.

Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten Korridore, bis ihm an einer doppelten Tür ein Polizist in den Weg trat. Der sechs Fuß lange Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm.

»Hallo, Sir! Wohin?«

Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig Weiterschreitenden.

»Stop, Sir!«

Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in den Weg und hob den Gummiknüppel in nicht misszuverstehender Weise.

Heftig riss der Besucher eine Karte aus seiner Tasche und übergab sie dem Beamten.

»Zum Chef, sofort!«

Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlasste der funkelnde Blick den Polizisten, mit großer Höflichkeit die Tür zu öffnen und den Fremden in ein saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten.

»Edward F. Glossin, medicinae doctor« stand auf dem Kärtchen, das der Diener dem Polizeipräsidenten MacMorland auf den Schreibtisch legte. Der Träger des Namens musste ein Mann von Bedeutung sein. Kaum hatte der Präsident einen Blick auf die Karte geworfen, als er sich erhob, aus der Tür eilte und den Angemeldeten in sein Privatkabinett geleitete.

»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?«

»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?«

»Nur, was der Funk und die Zeitungen melden.«

»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft zu werden. Wenn die Polizeiflieger nicht ausreichen, fordern Sie Armeeflieger an! Ihre Vollmacht langt doch für die Anforderung?«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit gefasst sein. Das Staatsinteresse erfordert es. Sie haften dafür.«

»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch den ungewöhnlich barschen Ton des Besuchers verletzt, und dies Gefühl klang aus seiner Antwort heraus.

Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach Widerspruch und Verklausulierungen klangen, waren nicht nach seinem Geschmack.

»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen. Sonst müsste man sich nach einem Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach Sing-Sing telefonieren! Professor Curtis soll hierherkommen, Ihnen in meiner Gegenwart Bericht über die Vorgänge erstatten.«

Der Polizeipräsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung herstellen.

»Wann kann Curtis hier sein?«

»In fünfzehn Minuten.«

Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch das volle, kaum von einem grauen Faden durchzogene dunkle Haupthaar, das glatt nach hinten gestrichen war.

»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte ich…«

»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf…« MacMorland öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett und ließ Dr. Glossin eintreten.

»Danke, Herr Polizeipräsident… Dass ich es nicht vergesse! 200.000 Dollar Belohnung dem, der die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!«

»200.000…?« MacMorland trat erstaunt einen Schritt zurück.

»200.000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte. Anschläge mit der Belohnung in allen Städten und stündliche Durchsage über alle Fernseh- und Rundfunkstationen!«

Der Polizeipräsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, als plötzlich alle Straffheit aus den Zügen Dr. Glossins wich und einem erregten, sorgenden Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der Rechten die Augen, während die Linke nervös über das narbige Leder der Lehne glitt. Wie unter einem inneren Zwange kamen abgerissene Worte halb geflüstert und stoßweise von seinen Lippen.

»Stehen die Toten wieder auf? Bursfelds Sohn! Kein Zweifel daran… Wer rettete ihn…? Wer war dieser Williams? Der Vater selbst…? Nur der besäße die Macht, ihn zu retten. Doch er konnte es nicht sein… Aber wer wüsste sonst noch um die geheimnisvolle Macht? Ah, Jane…! Sie könnte es offenbaren. Der Versuch muss gemacht werden. Unmöglich, jetzt noch nach Trenton zu fahren. Ich muss bis zum Abend warten. Ein unerträglicher Gedanke. Acht Stunden in Ungewissheit…«

Nervös fuhr Glossin empor und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.«

Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt zwei winzige weiße Pillen und verschluckte sie. Beinahe augenblicklich wich die nervöse Spannung aus seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts. Bilder aus einer ein Menschenalter zurückliegenden Vergangenheit zogen plastisch an seinem Geiste vorüber… Die großen Bauten damals in Iran. Ein kleines Landhaus am Ausläufer der Berge… Eine blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden Knaben im Arm… Wie lange, wie unendlich lange war das her, dass er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen deutschen Ingenieur-Offizier, für die iranischen Unternehmungen gewonnen hatte.

Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit gern gefolgt. Mit ihm kamen sein junger Sohn und sein blondes Weib. Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld die große gefährliche Erfindung machte. Bis Edward Glossin, in Liebe zu der blonden Frau entbrannt, den Freund und seine Erfindung an die Regierung verriet… Gerhard Bursfeld verschwand hinter Kerkermauern. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen Knaben; ihre Spur war verloren. Und Edward Glossin war der betrogene Betrüger; denn die Russen hatten Bursfeld sein Geheimnis nicht zu entlocken vermocht, er war kurze Zeit nach seiner Gefangennahme gestorben. Wie das bei diesem System üblich war, nahm man aber Glossin die Sache übel, und er ging leer aus.

Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere Spannung an. Der Klang einer elektrischen Glocke ertönte. Der Doktor erhob sich und ging, straff aufgerichtet, in das Kabinett des Polizeichefs.

Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis aus Sing-Sing und fragte: »Wie ist es möglich gewesen, dass die Apparatur versagte?«

Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht.

»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten war die Elektrokution des Raubmörders Woodburne angesetzt. Sie ging glatt vonstatten. Um 5 Uhr 40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem Seziertisch. Die Maschine wurde still gesetzt und um 5 Uhr 55 Minuten wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte man den zweiten Delinquenten und schnallte ihn auf den Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen Hinrichtungsanzug mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei Minuten nach sechs senkte sich die Kupferhaube auf seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand der Gefängnisinspektor mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte seinen Platz an der Schalttafel, den Augen des Delinquenten verborgen. 6 Uhr 3 Minuten schlug er auf einen Wink des Sheriffs den Schalthebel ein… Ich will gleich bemerken, dass dies die letzte zuverlässige Zeitangabe aus Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten sind alle Uhren in der Anstalt mit magnetisierten Eisenteilen stehen geblieben. Die weiteren Zeitangaben in den Meldungen stammen vom New Yorker Telegrafenamt…«

Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der Professor fuhr fort:

»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom auf den Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine, wie von einer Riesenfaust gepackt, plötzlich stehen und hielt gleichzeitig auch die mit ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer Gewalt strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen die stillstehenden Turbinenschaufeln. Es war höchste Zeit, dass der Maschinenwärter zusprang und den Dampf abstellte.

Währenddessen saß der Delinquent ruhig auf dem Stuhl und zeigte keine Spur einer Stromwirkung. Erst später ist mir das eigenartige Verhalten des Verurteilten wieder in die Erinnerung gekommen. Er schien mit dem Leben abgeschlossen zu haben, aber sobald er in den Hinrichtungsraum geführt wurde, kehrte eine leise Röte in seine bis dahin todblassen Züge zurück. Als die Maschine das erste Mal versagte, glaubte ich die Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen zu bemerken. Gerade so, als ob er diesen für uns alle so überraschenden Zwischenfall erwartet habe.

Als die Maschine zum zweiten Mal angelassen wurde, verstärkte sich diese rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte unsere Arbeiten, als ob sich bei dem ganzen für ihn nur um ein wissenschaftliches Experiment handle.

Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten hatten die Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht. Sie lief mit dreitausend Umdrehungen, und die elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über der vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse zwischen Dynamo und Turbine zerbrach. Die Turbine, plötzlich ohne Last, ging durch. Ihre Schaufelräder zerrissen unter der ins Ungeheure gesteigerten Zentrifugalkraft. Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die Trümmer unter gräulichem Schleifen und Kreischen durch die Abdampfleitung in den Kondensator. Als der Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, dass wir haarscharf am Tode vorbeigegangen waren…«

Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem Doktor. Dann fragte er den Professor: »Haben Sie eine wissenschaftliche Erklärung für die Vorgänge?«

»Nein, Sir! Jede Erklärung, die sich beweisen ließe, fehlt. Höchstens eine Vermutung. Die Magnetisierung sämtlicher Uhren deutet darauf hin, dass in den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von Sing-Sing gegangen ist. Es müssen äußerst starke elektromagnetische Felder im freien Raum aufgetreten sein. Sonst wäre es nicht zu erklären, dass sogar die einzelnen Windungen der großen Stahlfelder in der Zentraluhr vollständig magnetisch zusammengebacken sind. Ein fürchterliches elektromagnetisches Gewitter muss wohl stattgefunden haben. Aber damit wissen wir wenig mehr.«

Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die wissenschaftlichen Erörterungen des Professors.

»Wie war die Flucht möglich?«

Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine im Nebenraum explodierte, suchten alle Anwesenden unwillkürlich Deckung. Ein Teil warf sich zu Boden. Ein Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Einige Minuten dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der Dampf abgestellt und Ruhe eingetreten war, merkte man, dass der Delinquent verschwunden war. Die starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten. Die Flucht muss in wenigen Sekunden ausgeführt worden sein. Erst zehn Minuten später wurde es bemerkt, dass auch einer der Zeugen fehlte.«

Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte.

Dr. Glossin zog die Uhr.

»Ich muss leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.« Er trat, von dem Polizeichef begleitet, auf den Gang.

»Wenden Sie alle Maßnahmen an, die Ihnen zweckmäßig erscheinen. In spätestens drei Stunden erwarte ich Meldung, wie es möglich war, dass ein falscher Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie telefonischen Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge! Ich gehe nach Washington.«

Ein Läuten des Telefons im Zimmer des Polizeipräsidenten rief diesen hinweg. Unwillkürlich trat Dr. Glossin mit ihm in den Raum zurück.

»Vielleicht eine gute Nachricht?«

MacMorland ergriff den Hörer. Erstaunen und Spannung malten sich auf seinem Gesicht. Auch Dr. Glossin trat näher.

»Was ist?«

»Ein Militärflugzeug verschwunden. R.F.c.1 vom Flughafen entführt.«

»Weiter, weiter!«

Der Doktor stampfte auf den Boden.

»Wer war es?«

Er drang auf den Polizeipräsidenten ein, als wollte er ihm den Hörer aus der Hand reißen. MacMorland hatte seine Ruhe wieder gefunden. Kurz und knapp klangen seine Befehle in den Fernsprecher.

»Der Verteidigungsminister ist benachrichtigt…? Gut! So wird von dort aus die Verfolgung geleitet werden. Wie sehen die Täter aus…? Hat man irgendwelche Vermutungen…? Wie? Was…? Englische Agenten? Sind das leere Redensarten oder hat man Anhaltspunkte…? Was sagen Sie? Allgemeine Meinung…? Redensarten! Die Herren Chopper und Watkins werden gleich herauskommen und die Nachforschungen leiten. Ihren Anordnungen ist Folge zu leisten!«

Der Polizeipräsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar Zeilen aufs Papier und übergab sie seinem Sekretär. Dann wandte er sich seinen Besuchern zu.

»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger Stunden zwei Vorfälle, wie sie mir in meiner langen Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind… Die Meinung, dass die Engländer dahinterstecken, scheint mir nicht ganz unbegründet zu sein. R.F.c.1 ist der neueste Typ der Rapid Flyers. Erst vor wenigen Wochen ist es geglückt, durch eine besondere Verbesserung die Geschwindigkeit auf 3000 Kilometer in der Stunde zu bringen. R.F.c. heißt die verbesserte Type. 1 ist das erste Exemplar der Type. Ich hörte, dass es erst vor drei Tagen in Dienst gestellt wurde. Die nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für den Probeflug fertig zu werden. Der Gedanke, dass die englische Regierung sich das erste Exemplar angeeignet hat, liegt natürlich sehr nahe… Es sei denn…«

»Was meinen Sie, Herr Polizeipräsident?«

Die Stimme Glossins verriet seine Erregung.

»Es sei denn, dass…« MacMorland sprach langsam, wie tastend »…dass ein Zusammenhang zwischen der Entführung des Flugzeuges und der Flucht jenes Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?«

»Ich bin versucht, das letztere für richtig zu halten. Es ist ausgeschlossen, mit gewöhnlichen Mitteln eine Maschine wie R.F.c.1 von dem streng bewachten Flugplatz am helllichten Tage zu entführen.«

»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?«

»Ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig. Trotzdem, Herr Präsident, werden Sie guttun, sich umgehend mit dem Verteidigungsministerium in Verbindung zu setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen und engsten Zusammenwirken mit diesem zu treffen. Guten Morgen, meine Herren.«

MacMorland und Professor Curtis waren allein im Chefzimmer des Polizeipräsidiums zurückgeblieben.

»Ein lebhafter Tag heute!«

MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen Erleichterung. Der Vorfall mit dem Flugzeug musste die Sorge der Regierung auf einen anderen Punkt lenken.

Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den Kopf.

»Der zweite Vorfall ist beinahe noch mysteriöser als der erste. Bedenken Sie! Das neueste, schnellste Turbinenflugzeug unserer Luftflotte. Auf einem Flugplatz hinter dreifachen, mit Hochspannung geladenen Drahtgittern. Schärfste Ausweiskontrolle. Fünfhundert Mann als Platzbewachung. Es geht mir über jedes Verstehen, wie das geschehen konnte.«

Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon wieder bei dem Falle, der sein Ressort anging.

»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt? Wir von der Polizei wissen wieder einmal nichts. Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.«

Der Professor nickte.

»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand: ›Zum Tode verurteilt wegen Hochverrats, begangen durch einen verbrecherischen Anschlag auf Schleusen am Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig vermuteten, die des Geheimen Rats.«

»Ich will gegen diese Einrichtung nichts sagen. Sie hat sich in kritischen Zeiten bewährt, in denen die Staatssicherheit gefährdet war. Aber… Menschen bleiben Menschen, und bisweilen scheint es mir, ich möchte sagen – das heißt, ich werde lieber nicht…«

Professor Curtis lachte.

»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen Sie ruhig, dass dieser Logg Sar die Panama-Schleusen wahrscheinlich niemals in seinem Leben gesehen hat und dass der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen zum Teufel schickt.«

MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors waren schon beinahe Hochverrat. Aber Curtis ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über alle Berge. Aber brennend gern möchte ich etwas Genaueres über Doktor Glossin erfahren. Sie wissen, man munkelt allerlei…«

MacMorland überlegte einen Augenblick.

»Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich selbst das Wenige, das ich weiß, für mich behalten. Um mit dem Namen anzufangen, so habe ich begründete Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen wahren Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur der Präsident. Seinen Papieren nach ist er Amerikaner. Aber als ich zum ersten Mal seine Bekanntschaft machte, glaubte ich bestimmt, einen starken europäischen Akzent in seiner Sprache zu bemerken.«

»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt.

»Die Gelegenheit war für Doktor Glossin nicht gerade ehrenvoll. Vor etwa zwanzig Jahren. Ich hatte einen Posten bei der politischen Polizei in San Francisco. Kalifornien war damals von russischen Spionen überschwemmt. Die Burschen machten uns Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch klar, dass ihre Unternehmungen von einer Stelle aus geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte mir den Doktor, den er unter höchst belastenden Umständen verhaftet hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts zu beweisen. Hätten wir damals schon den Geheimen Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich anders verlaufen. So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen zu lassen. Er soll – ich bemerke ›soll‹ – ein Agent der Roten gewesen sein. Zu beweisen war hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard die Russen mit blutiger Hand endgültig niedergeschlagen hatte, war Doktor Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muss dem Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben, denn sein Einfluss ist seitdem fast unbegrenzt.«

MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem Fernschreiber zuzuwenden.

»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über R.F.c.1. Versuchen Sie Ihren Scharfsinn, Herr Professor. Vielleicht können Sie das Rätsel lösen. Der Bericht lautet: R.F.c.1 stand um sieben Uhr morgens zum Abflug bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier waren an Bord. Der Kommandant stand mit den Ingenieuren, die an dem Flug teilnehmen sollten, dicht dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich das Flugzeug ganz plötzlich. Seine Strahltriebwerke sprangen an. Es flog in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz liegenden Wald. Etwa fünf Kilometer weit. Man nahm auf dem Flugplatz an, dass die Motoren versehentlich angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug hinter dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto brachte den Kommandanten und die Ingenieure dorthin. Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure, in schwerer Hypnose, behaupten, es habe nie ein Flugzeug R.F.c.1 gegeben. Sie sind zur Zeit in ärztlicher Behandlung.«

MacMorland riss den Papierstreifen ab und legte ihn vor dem Professor auf den Tisch.

»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie dazu?«

Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor Curtis konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht nicht entziehen.

»Sie haben recht, Mr. Morland, es ist ein tolles Stück. Aber, Gott sei Dank, fällt es nicht in das Ressort von Sing-Sing und geht mich daher wenigstens beruflich nichts an. Es wird Sache der Luftwaffe sein, wie sie ihre Maschine wiederbekommt. Lieber noch ein paar Worte über Doktor Glossin. Ich hatte schon viel von ihm gehört. Heute habe ich ihn das erste Mal gesehen. Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?«

»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier in New York besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus in der dreihundertsechzehnten Straße. Daneben hat er sicher noch an vielen anderen Orten seine Schlupfwinkel…«

»Ist er verheiratet?«

»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des weiblichen Geschlechts ist. Mir ist manches darüber zu Ohren gekommen… Na, gönnen wir ihm seine Vergnügungen, wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen mögen.«

»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?«

»Ich weiß, dass er Diamanten sammelt. Auserlesene schöne und große Steine.«

»Nicht übel! Aber ein bisschen kostspielig das Vergnügen. Verfügt er über so große Mittel?«

»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in seiner Stellung, mit seinem Einfluss kann wohl… Lieber Professor, ich habe schon viel mehr gesagt, als ich sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor sein Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so wenig wie möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie gerade hier sind, geben Sie mir, bitte, über die Vorgänge in Sing-Sing einen kurzen Bericht für meine Akten. Wir können nachher zusammen frühstücken.«

* * *

Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des Weißen Hauses zu Washington in der grellen Mittagssonne. Aber ein dunkles Geheimnis barg sich hinter den schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden Flächen des Gebäudes. Die politische Spannung war bis zur Unerträglichkeit gestiegen. Jede Stunde konnte den Ausbruch des drohenden Krieges bringen. Die Entscheidung lag einzig und allein dort hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des Weißen Hauses.

Im Vorzimmer des Präsidenten saß ein Adjutant und blickte aufmerksam auf den Zeiger der Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag zur elften Stunde ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des Präsidenten.

»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.«

Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum Schreibtisch, wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere beschäftigt war. Ein Mann mittleren Alters. Eine Art militärischen Interimsrockes umschloss den hageren Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß ein gewaltiger Schädel, dessen völlig haarlose Kuppel sich langsam hin und her bewegte. Aus dem schmalen, durchgeistigten Asketengesicht blitzten ein Paar außerordentlich große Augen, über denen sich eine hohe und breite Stirn nach vorn wölbte.

Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines Volkes von 300 Millionen. Als er sich jetzt erhob und langsam, beinahe zögernd der Tür zuschritt, bot er äußerlich nichts von jenen Herrscherfiguren, die in der Phantasie des Volkes zu leben pflegen. Nur das geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für einen der fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen Glaubenskämpfen der katholischen Kirche ansehen können.

Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat einen langgestreckten Raum, dessen Mitte von einem gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten bedeckten Tisch ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen sieben Herren in lebhaftem Gespräch, der Verteidigungsminister, der Minister für Auswärtige Angelegenheiten, der Finanzminister, der Chef des Generalstabes und die drei Oberkommandierenden der Armee, der Luftflotte und der Marine. Sie verstummten beim Eintritt des Präsidenten. Cyrus Stonard ließ sich in den Sessel am Kopfende des Tisches nieder und winkte den anderen, Platz zu nehmen.

»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über die auswärtige Lage.«

Der Minister des Auswärtigen warf einen kurzen Blick auf seine Papiere.

»Die Spannung mit England treibt automatisch zur Entladung. Nach der Niederwerfung Russlands fürchtet England für seine Vormachtstellung in Europa. Seitdem sich außerdem Kanada mit uns in einem Zollverband zusammengefunden hat, sind die Herren an der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen Parlament, nach kanadischem Muster mit uns zu verhandeln, haben die schlechte Laune in Downingstreet noch verschlechtert. England sieht zwei seiner größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher Evolution zu uns kommen.

In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen schwer mit den englischen zusammen. Und auch die Afrikanische Union hält bei aller Wahrung ihrer politischen Selbstständigkeit wirtschaftlich fest zu England und lässt nur englische Waren hinein. Unser letzter Versuch, einen Handelsvertrag mit der Afrikanischen Union abzuschließen, ist gescheitert. Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen Entscheidung entgegen. Die Entführung von R.F.c.1 gibt vielleicht einen geeigneten Anlass.«

Cyrus Stonard hatte während des Vortrages mechanisch allerlei Schnörkel und Ornamente auf den vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet.

»Wie denken Sie über die Entführung des R.F.c.1?«

Er heftete seine Augen auf General Hawkins, den Chef der Luftflotte.

»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten ergriffen worden. Sie leugnen jede Teilnahme.«

»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.«

»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.«

»Es gibt wirksamere Mittel… Wie lange kann sich R.F.c.1 in der Luft halten?«

»Etwa vier Stunden. Unser Radardienst für den nordatlantischen Abschnitt ist bereits alarmiert worden. Eine Landung in England müsste noch bei Helligkeit erfolgen und würde sofort gemeldet werden.«

»Sie halten es für sicher, dass die Entführung mit Wissen der englischen Regierung erfolgt ist?«

»Ganz sicher!«

»Hm…! Der Gedanke liegt nahe, vielleicht zu nahe… Und die anderen Herren…? Meinen dasselbe… Hm! Hoffentlich, nein, sicherlich haben sie unrecht.«

Die Minister sahen den Präsidenten fragend an.

»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde erst losschlagen, wenn ich weiß, dass er sitzt. Das heißt, meine Herren…«

Die Stimme des Sprechenden hob sich. »R.F.c.1 mag in Gottes Namen in England landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben, bis es so weit ist.«

»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?«

»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von Island vom 60. bis zum 30. Breitengrad gleichmäßig verteilt.«

Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der Kreuzerflotte an einem großen Globus zu demonstrieren.

»Wo stehen die Luftflotteneinheiten?«

General Hawkins schritt ebenfalls zum Globus.

»Die Aufklärer patrouillieren zwischen Island und den Färöer. Die Bomberverbände liegen seit drei Tagen auf dem grönländischen Inlandeis.«

»Die P-Flotte…?«

Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen Züge des Präsidenten. Seit mehr als Jahresfrist lagen englische Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden Pfund Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen Staatsschatzes. Von der Tausendpfundnote bis hinab zu den kleinsten Beträgen. Alles so vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, dass selbst die Bank von England diese Noten für echt halten müsste.

Die Aufgabe der P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch auf einen bestimmten Geheimbefehl hin, diese Unmengen englischen Papiergeldes über die ganze Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel trieben und englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser P-Flotte – die ein schweres Staatsgeheimnis war – würde die gesamten britischen Finanzen in wenigen Tagen vollständig zerrütten. Dennoch hatten englische Agenten die Existenz der P-Flotte als solche herausbekommen, wenngleich man in englischen Regierungskreisen der irrigen Ansicht war, dass es sich hier um eine Propagandaflotte handele.

»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«, sagte General Hawkins trocken.

Cyrus nahm das Wort von neuem.

»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation an der afrikanischen Küste vollkommen gesichert ist? Die Frist ist bereits seit einer Woche abgelaufen.«

Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten erhob sich der Flottenchef unwillkürlich.

»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen war, Herr Präsident.«

»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?«

»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als bis zum Ablauf dieses Monats dauern.«

»Hm… Dann, also, meine Herren… Dann wird man R.F.c.1 zur geeigneten Zeit in England landen sehen.«

Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten ein Wort ins Ohr.

»Gut, ich komme.«

Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet.

* * *

Aus dem blauen Mittagshimmel schoss ein silbern schimmernder Punkt auf das Weiße Haus in Washington zu, wurde größer, zeigte die schnittigen Formen eines Regierungsflugzeuges und landete sanft auf dem Dach des Gebäudes.

Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin die Maschine. Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend, schritt er an den martialischen Gestalten der Wachtposten vorbei. Auf den Treppenabsätzen und in den Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus den westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen.

Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des Präsidenten und ließ sich melden. Nur eine knappe Minute, dann trat der Gewaltige aus dem Sitzungssaal und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn in sein Arbeitszimmer mitkommen.

»Wer ist Logg Sar?«

Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in der Frage lag, und trat einen Schritt zurück.

»Logg Sar ist… Silvester Bursfeld.«

Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards.

»Bursfeld… Den die Russen gefangen setzten?«

»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.«

»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem Sohne Gerhard Bursfelds nie gesprochen. Warum nicht?«

»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.«

»Und ich erfahre es erst heute?«

Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein Blick traf ihn, der sein Gesicht noch um eine Nuance blasser werden ließ.

»Erklären Sie!«

»Es war vor ungefähr drei Monaten… Ich hielt mich einige Zeit in Trenton auf, um in meinem Laboratorium im Hause einer Mrs. Harte an einem Versuch zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur, der in den Staatswerken von Trenton beschäftigt ist, zu Mrs. Harte und erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen. Dabei stellt sich heraus, dass der verstorbene Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von Gerhard Bursfeld war.«

»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, dass der junge Ingenieur der Sohn von Gerhard Bursfeld ist. Warum nannte er sich Logg Sar?«

»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt und für ihn beruht alles andere auf Vermutungen. Für mich ist der Beweis erbracht.«

»Liefern Sie ihn mir!«

»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über die Sache, Herr Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung. Nachdem Gerhard Bursfeld die unfreiwillige Reise nach Russland gemacht hat, verschwindet er für immer. Seine Frau flieht mit ihrem kleinen Knaben. Unterwegs schließt sie sich einer Karawane an: Kaufleute, Priester und was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht. Die junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht gewachsen. Irgendwo unterwegs wurde sie bestattet. Ein tibetanischer Lama, der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der Sterbenden an. Ihm übergibt sie ihren Knaben und macht ihm zur Not dessen Namen verständlich…«

»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!«

»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster Pankong Tzo und erzieht ihn in den Lehren Buddhas. Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist, besucht eine Expedition schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der Expedition, dem Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit nach Schweden genommen, wird dort mit dessen Sohn zusammen erzogen und wird wie dieser Ingenieur…«

Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch allerlei Arabesken gemalt, wie es seine Gewohnheit war. Jetzt warf er den Bleistift unwillig auf das vor ihm auf dem Tische liegende Papier. »Weiter… Weiter!«

»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr Präsident. Die Kette schließt sich Glied an Glied. Auf einer Rheinreise, die er nach dem Abschluss seiner Studien macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar angesprochen, dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard Bursfeld auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard Bursfeld verwandt, haben ihn genau gekannt und sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert, wie ich es war, als Logg Sar mir das erste Mal vor die Augen trat. Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so vor mir zu sehen, wie er dreißig Jahre früher in Iran vor mir gestanden hat. Die alten Leute machen Logg Sar darauf aufmerksam, dass ein Stiefbruder seines Vaters in Trenton lebt. Logg Sar findet im weiteren Laufe seiner Ingenieurkarriere eine Stellung in den Trenton-Werken. Er erinnert sich der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs. Harte vor. Ihr Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard Bursfeld findet sich im Hause. Die Ähnlichkeit ist überzeugend.«

Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an.

»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig glaubwürdige Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte Muttermal, und die Sache könnte in irgendeinem Kriminalschmöker stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen schlüssige Beweise, keine Phantastereien. Haben Sie irgendeinen wirklichen Beweis, dass Logg Sar und Silvester Bursfeld identisch sind?«

Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus.

»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.«

»Was soll das heißen?«

»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende. Den letzten Tag des Jahres. Den Tag, den die christliche Kirche dem Silvester geweiht hat. Die sterbende Mutter hat dem fremden Priester verständlich zu machen versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet: das Jahresende. Der christliche Name wurde vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab den neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong Tzo verblieb.«

»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und ich glaube, für Sie auch nicht.«

Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Präsidenten heran.

»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er kennt das Geheimnis seines Vaters. Es ist ihm überkommen, er hat es ausgebaut in einem Maße, dass…«

Die feinen Flügel der Adlernase des Präsidenten zitterten. Zwei lotrechte Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen zusammen, als er den Satz des Doktors vollendete:

»…dass er unser werden oder verschwinden muss.«

»Das ist wohl nicht mehr möglich.«

»Nach dem Experiment in Sing-Sing… Ich glaube, dass Gründe vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr Konto damit zu belasten, Herr Doktor! Finden Sie einen Weg, auf dem sich die eine oder andere Möglichkeit bewerkstelligen lässt?«

Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der diesen erschauern ließ. Ein Wink des Präsidenten, und er war selbst aus der Liste der Lebenden gestrichen, fand vielleicht schon in wenigen Stunden selbst sein Ende auf dem Stuhle in Sing-Sing.

Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig fort: »Wie sind Sie hinter sein Geheimnis gekommen?«

Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu erzählen:

»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhasst. Auch sonst hatte ich Grund, seine Anwesenheit im Hause Harte unangenehm zu empfinden… Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit benutzen zu dürfen. Ich erlaubte es ihm. Beim Fortgehen sorgte ich dafür, dass 10.000 Volt an den Tischklemmen lagen, während der zugehörige Spannungsmesser nur 100 Volt anzeigte. Ich kam wieder, um eine Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt aus dem Hause treten. Das Lächeln eines Siegers auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg errungen hat. Da wusste ich, dass Silvester Bursfeld der rechte Sohn seines Vaters ist. Er musste wissen, dass ich ihm die Falle gestellt hatte. Ich durfte mich nicht mehr vor seinen Augen zeigen. Drei Tage später verschwand er… Unauffällig, wie es üblich ist. Spezialgericht. Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt. Was weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.«

»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?«

»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen über die Erfindung vorhanden. Ich war dreimal in seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde umgedreht und studiert.«

»Sie haben selbst gesucht… Lassen Sie unsere Polizei suchen! Die versteht es vielleicht besser… Zum zweiten Punkt unserer Besprechung. Wer hat R.F.c.1 genommen?«

»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn ich nicht…«

»Wenn Sie nicht…«

»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens fürchten müsste, dass Silvester Bursfeld allein oder mit Komplizen in unserem schnellsten Flugzeug geflohen ist.«

»Allein ist ausgeschlossen! Komplizen? Wer sind sie?«

»Ich weiß es nicht… Bis jetzt noch nicht. Einer dieser Komplizen ist bestimmt der Zeuge Williams. Von dem dritten, der das Auto steuerte, wissen wir nur, dass er braunhäutig ist…«

»Es ist anzunehmen, dass die drei zusammenbleiben werden. Drei sind leichter in der Welt zu finden als einer. Nehmen Sie die politische Polizei zu Hilfe und suchen Sie so gut Sie können. Das Finden liegt in Ihrem eigenen Interesse… Suchen Sie, Doktor!« Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Präsidenten. Zum ersten Mal hatte er die ihm anvertrauten, so ungeheuer weitreichenden Vollmachten für die Zwecke einer Privatrache angewendet. Die Blankette und Vollmachten, die er in den Händen hielt, machten es ihm leicht, den jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis dahin war alles in Ordnung. Aber dass er den Gefangenen sofort auf den elektrischen Stuhl brachte, entsprach nicht der Staatsräson. Solche Leute bewahrte Cyrus Stonard nach bewährter Methode an festen Orten auf und suchte hinter ihre Schliche zu kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen.

»Ich bitte Sie, den Entschluss über Krieg oder Frieden um 24 Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich wieder hier bin.«

»Warum?«

»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und seine Gefährten das Flugzeug genommen haben oder nicht.«

»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele, dass englische Agenten es genommen haben? Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir gelegen kommen.«

»Ich beschwöre Sie, Herr Präsident. Keine bindenden Entschlüsse, bevor wir nicht klarsehen.«

»Was klarsehen?«

»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im Bunde mit England…? Dann können wir den Kampf nicht wagen.«

Der Staatschef schüttelte abweisend das Haupt.

»Das halte ich für unwahrscheinlich. Was sollte er für Gründe haben, sich in politische Dinge einzumischen?«

»Amerika hat ihn, in seinen Augen ohne ersichtlichen Grund, schlecht behandelt. Rache und Hass sind ungeheure seelische Antriebsmittel.«

Cyrus Stonard blickte misstrauisch auf den Sprecher. Dr. Glossin fuhr fort:

»Das wären immerhin plausible Gründe dafür, dass Bursfeld sich nun an England wendet. Er würde dort sicherlich mit offenen Armen empfangen werden. Auf diese Weise könnte auch R.F.c.1, vorausgesetzt, dass er die Maschine überhaupt entführt hat, in englische Hände fallen.«

»Das muss umgehend festgestellt werden!« rief der Präsident erregt.

»Ich übersehe die Lage noch nicht. Jedenfalls ist Sicherheit mehr wert als irgendeine Vermutung. In wenigen Stunden kann ich Sicherheit haben. Hat Bursfeld R.F.c.1 nicht genommen, so ist er noch in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir fürchten müssen.«

Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte Cyrus Stonard: »Ich erwarte Ihre Mitteilung im Laufe der nächsten Stunden. Unsere Presse und unsere Radiostationen sollen ihre Angriffe gegen England bis auf weiteres unterlassen. Versuchen Sie auf jede Weise, des Erfinders habhaft zu werden. Vermeiden Sie aber jegliche Differenzen mit anderen Staaten. Wir wollen dem Gegner keine Bundesgenossen werben.«

Eine Handbewegung des Präsidenten, und Dr. Glossin war entlassen.

* * *

Hinter dichten Bäumen verborgen, vom Efeu umsponnen, stand in der Johnson Street zu Trenton das Häuschen, welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter Jane bewohnte. Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier vollkommen vergessen. Die roten Backsteinhäuser der Straße lagen ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die Straße selbst war reichlich zehn Minuten von den Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete in einen schönen, von Nordwesten her direkt an das Städtchen stoßenden Laubwald.

Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann war Ingenieur in den Staatswerken gewesen und durch einen unglücklichen Betriebsunfall ums Leben gekommen. Überhitzte Dämpfe eines geplatzten Dampfrohres hatten ihn derart verbrüht, dass sich sein Fleisch tot und weich von den Fingerknochen löste. Der Eintritt des Todes war nur eine Frage von Stunden gewesen. Er hatte noch ruhig nach Hause gehen und seine Frau schonend auf seinen Tod vorbereiten können. Nach zwei Stunden hatte er die Augen geschlossen. »Totale Verbrennung der ganzen Oberhaut, Erstickung infolge fehlender Hautatmung«, hatte das Urteil des Arztes gelautet.

Das schreckliche Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte vollständig niedergeschmettert. Monate hindurch fürchtete man für ihren Verstand. Nur ganz allmählich erholte sie sich von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen ab. Jetzt war sie fast den ganzen Tag an den Rollstuhl gefesselt, in der Pflege ihrer einzigen Tochter Jane.

Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung hinaus Aufsehen erregt. Wenige Tage danach war ein New Yorker Arzt, Dr. Glossin, nach Trenton gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen. Mit großer Teilnahme bemühte er sich um die beiden von ihrem Schmerz ganz niedergeworfenen Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges Mietangebot auf das Laboratorium, das sich ihr Vater in dem Hause eingerichtet hatte. Im Bewusstsein ihrer unsicheren pekuniären Lage hatte Jane ohne Bedenken zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern, zumal dieser selten kam und sich nur immer für kurze Zeit in dem Laboratorium zu schaffen machte.

Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen Kreis trat. Nach dem, was der junge Mann vorbrachte, war er ein Verwandter der beiden Frauen. Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle alten Erinnerungen und verstaubten Beziehungen schnell in den Hintergrund treten. Mr. Logg Sar oder, wie er hier bald gerufen wurde, Silvester, wurde ein lieber Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber nicht erbaut zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich und gestattete Silvester bereitwillig, das Laboratorium zu benutzen. Aber die Gegenwart des Doktors allein wirkte störend und erkältend.

Es kam, wie es das Schicksal mit den beiden jungen Menschen vorhatte. Aus dem Bewusstsein der Verwandtschaft erwuchs bald eine Zuneigung und aus dieser eine immer tiefer und inniger werdende Herzensgemeinschaft. Silvester Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein können, wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur während seiner Anwesenheit, sondern auch noch an den nächsten Tagen, war das Wesen Janes stets verändert. Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und Zurückhaltung, dass Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln wollte. Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche Benehmen ein, ohne dass ihr diese Veränderlichkeit selbst zum Bewusstsein zu kommen schien.

Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels. Eines Tages fand er Jane im Laboratorium schlafend auf einem Stuhle. Trotz aller seiner Bemühungen erwachte sie erst nach einer Viertelstunde und leugnete dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu irgendwelchen hypnotischen Experimenten. Missbrauchen nannte es Silvester. Er behielt seine Entdeckung für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur Rede zu stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach war Silvester verschwunden, ohne vorher von einer Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben.

Es war die vierte Nachmittagsstunde des 16. Juni. Vor der Tür im Schatten des alten Nussbaumes saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl, neben ihr in einem Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches das lichtblonde Haar reich und schwer niederfiel. Die Sonnenstrahlen drangen durch das Gezweig des alten Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung war wie hingehaucht. Man konnte vor solcher Zartheit erschrecken, die bei Menschen wie bei Blumen nur den vergänglichsten Blüten eigen ist.

Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre schlanken Finger setzten geschickt Stich neben Stich und formten in schwerer Seide das Muster einer roten Rose. Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser Arbeit. Ihre Miene verriet, dass eine Sorge, ein Kummer sie drückte. Die Schatten unter den Augen und die Blässe ihrer Wangen sprachen von durchwachten Nächten. Mit einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken.

»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum letzten Mal bei uns war.«

»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind. Ich denke, er hat eine plötzliche Reise unternehmen müssen und vergaß in der Eile, uns zu benachrichtigen.«

»Vergessen?«

Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund.

»Jane, was hast du?«

»Lass Mutter! Ich weiß, dass man in den Werken ebenfalls keine Erklärung für sein plötzliches Verschwinden hat. Man glaubt dort – und ich fürchte es – eine innere Stimme gibt mir die Gewissheit, dass er das Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht eines Verbrechens geworden ist.«

Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte vergeblich, die fließenden Tränen zurückzuhalten.

»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch. Wer sollte ihm übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte er mit niemandem im Ort. Wie wäre es, wenn wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für diesen Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt. Vielleicht kann er uns helfen.«

Jane ließ die Hände sinken.

»Dr. Glossin?«

Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten sich weit, und ein Beben lief durch den schlanken Körper.

»Dr. Glossin… Ja… Er!«

Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd ruhten ihre Blicke auf dem dichten Blättergewirr über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter ihrer Stirn. Sie versuchte, einen instinktartig aufgetauchten Verdacht zu ergründen… Vergeblich. Sie fand keinen Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck ihrer Züge wich dem einer Enttäuschung. Was war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte, so dass alle Zusammenhänge verloren gingen?

Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen und ließ sie auffahren.

»Ah, Dr. Glossin!«

Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen.

»Sie riefen mich, meine liebe Miss Jane. Da bin ich. Womit kann ich Ihnen helfen?«

»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte sich Mrs. Harte an den Besucher. »Seit einer Woche ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir stehen vor einem Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.«

Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des Doktors. Ihre Augen blickten so fragend und angstvoll, als würde von dieser Stelle aus über ihr eigenes Leben entschieden.

»Ja, helfen Sie uns, Doktor«, schloss sie sich Mutters Bitte an.

Es war klar, dass die beiden Frauen noch keine Ahnung von der Affäre in Sing-Sing hatten, und Dr. Glossin handelte danach.

»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre es doch wohl das einfachste, wenn man sich an die Polizei wendete. Freilich müsste man glaubhaft machen, dass der begründete Verdacht eines Verbrechens vorliegt, denn sonst… Man reist viel in den Staaten, und eine achttägige Abwesenheit eines jungen unabhängigen Mannes wäre noch kein Grund, den polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.«

Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane, die ihn gespannt beobachtete, merkte keine Veränderung an ihnen, während er ruhig fortfuhr: »Ich will mich selbst mit der Polizei in Verbindung setzen, aber… Aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe…«

»Doktor! Was soll das heißen?«

Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher mit großen, klaren Augen an. Doch nur Sekunden. Vor dem magnetischen Fluidum, welches aus den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte, senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam.

»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die ich bei meinem letzten Hier sein vergaß, aus dem Laboratorium zu holen. Ich muss gleich wieder abreisen.«

Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes zu fassen, den diese beharrlich zu Boden gerichtet hielt. Einen Augenblick nur dauerte der stumme Kampf. Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne empor. Ihre Blicke versenkten sich ineinander.

»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft erledigt.«

Der Doktor schritt dem Hauseingang zu.

»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist hinter dem Dach verschwunden. Mir wird kühl.«

Während Jane die herabgesunkene Decke um sie schlug, strich ihr die Mutter liebkosend über das bleiche Gesicht.

»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.«

»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.«

Ruhig, fast eintönig, sprach Jane die Worte. Im Hause bettete sie die Kranke auf eine Couch und wandte sich zum Flur. Leise schloss sie die Tür und stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still. Dann schritt sie dem Laboratorium zu.

Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem bequemen Stuhl. Der suggestive Befehl war auf die Minute genau ausgeführt. Noch einmal versuchte sie es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr Mund öffnete sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin streckte die Hände über Janes Haupt aus, und kein Ton kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen ließ sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war in jenem rätselhaften Zustand, in dem das körperliche Auge geschlossen ist, während die Seele Dinge wahrnimmt, die räumlich oder zeitlich in weiter Ferne liegen. Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?«

Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen und schwer oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen öffneten sich und formten Worte einer fremden Sprache.

»Om mani padme hum – Om mani padme hum!«

Eintönig wiederholte sie diese vier Worte. Dr. Glossin verstand ihren Sinn nicht. Mit größter Konzentration stellte er die Frage noch einmal und gab den Gedankenbefehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen. Die Antwort bestand immer wieder nur aus den vier unverständlichen Worten, die ganz mechanisch, fast maschinenmäßig, wiederholt wurden, so, als ob etwa ein Magnetofonband den gleichen Text ein dutzendmal abspielt.

Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere: »Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen? Können Sie hören, was er spricht?«

Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von Janes Lippen: »Ich sehe… Wolken… Ein Flugzeug… Logg Sar! Er trägt einen dunklen Anzug… Zwei Männer begleiten ihn… Das Flugzeug landet… Ich sehe Heidekraut. Die Männer verlassen das Flugzeug… Jetzt verschwindet das Flugzeug… Logg Sar geht über die Heide… Es wird neblig… Ich… Ich sehe nichts mehr…«

Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen.

»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?«

»Ein Land im Norden… Dunkle Tannen und Heidekraut… Ein Haus an einem Fluss. Die Nebel steigen… Ich sehe nichts mehr.«

Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wusste aus früheren Erfahrungen, dass es vergeblich war weiterzufragen, wenn das Bild sich verschleierte. So setzte er die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision schon bei Vorgängen abbrach, die, wenn auch weit entfernt, in der Gegenwart stattfanden, war wenig Aussicht, zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er beschloss, den Versuch zu machen.

»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!«

»Ich gehe… Die Johnson Street, die Washington Street… Ich bin in dem Hause… Ich trete in das Zimmer…«