Die Madonna der Berge - Elise Valmorbida - E-Book

Die Madonna der Berge E-Book

Elise Valmorbida

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Beschreibung

Venezien 1923: Maria Vittoria muss dieses Jahr heiraten, sonst wird es nie geschehen. Sie ist schon fünfundzwanzig, trotzdem findet ihre kleine Schwester sie schön. Ihr Vater findet einen Ehemann für sie, und Maria hat Glück: Gut sieht der Fremde aus, er ist kein alter Mann, er ist nicht kriegsversehrt. Sie ist dem neuen Inhaber des Dorfladens eine gute Frau, gebärt ihm über die Jahre fünf Kinder, und an Arbeit mangelt es nicht. Doch die Zeiten sind beschwerlich in den italienischen Bergen. Und man muss sich in Acht nehmen. Denn im Faschismus ändern die Regeln sich fast täglich. Maria ist fest entschlossen, ihre Familie zu beschützen. Koste es, was es wolle.

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Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Venezien, 1923: Maria Vittoria muss dieses Jahr heiraten, sonst wird es nie geschehen. Sie ist schon fünfundzwanzig, trotzdem findet ihre kleine Schwester schön. Ihr Vater wählt eine Ehemann für sie, und Maria hat Glück: Gut sieht der Fremde aus, er ist kein alter Mann, er ist nicht kriegsversehrt. Sie ist dem Inhaber des Dorfladens eine gute Frau, gebiert ihm über die Jahre fünf Kinder, und an Arbeit mangelt es nicht. Doch die Zeiten sind beschwerlich in den italienischen Bergen. Und man muss sich in Acht nehmen. Denn im Faschismus ändern die Regeln sich täglich. Maria ist fest entschlossen, ihre Familie zu schützen. Koste es, was es wolle.

ELISEVALMORBIDA

Die

Madonna

derBerge

ROMAN

Aus dem Englischen

von Pauline Kurbasik

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2018 by Elise Valmorbida

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel The Madonna of the Mountains bei Faber and Faber Ltd., London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Wiebke Bach

Umschlaggestaltung: Geviert, München

Umschlagmotiv: © Eve North/Trevillion Images

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-22006-8V001

www.diana-verlag.de

Für meine Mutter und meine Schwester

Inhalt

1923

1928 – Faschistische Ära Jahr VI

1936 – Faschistische Ära Jahr XIV

1942 – Faschistische Ära Jahr XX

1944 – Faschistische Ära Jahr XXII

1948

1950

Anhang: Essen, Familie, Geschichte

1923

Schneeschmelze

Ihr Vater hat sich aufgemacht, um ihr einen Ehemann zu suchen. Er hat sein Maultier genommen, eine Fotografie und Proviant eingesteckt: selbst gemachte Sopressa-Wurst, kalte Polenta, eine kleine Flasche Wein, aber kein Wasser, die ganze Welt ist voller Wasser. Es ist Frühling, eine gute Zeit für eine Verlobung, so überraschend wie ein wildes Alpenveilchen auf einem nassen Fels, so süß wie ein winziges Veilchen, das vom schmelzenden Bergschnee getränkt wird.

Maria Vittoria bestickt ein Laken für ihre Aussteuertruhe.

Alle arbeiten emsig, nutzen das Tageslicht. Zwölf Familien, die eng beieinander Holz hacken, Reparaturen erledigen, hämmern, kochen, waschen, Fallen stellen, Weinreben beschneiden, Silberweiden abbeizen und flechten, robustes Saatgut pflanzen, Hafer, Tabak, Kohl, Zwiebeln, Erbsen, und aus den Ställen kommen die üblichen Geräusche – doch in der ganzen Contrà ist spürbar, dass ihr Vater fehlt. Ein Körper ohne Kopf.

In seiner Brusttasche steckt das einzige Bild, das es von ihr gibt, es wurde aufgenommen, als sie siebzehn war, zusammen mit ihren Schwestern, Brüdern, Eltern und Großeltern. Nun, mit fünfundzwanzig, ist sie fast nicht mehr zu verheiraten, doch sie ist stark und gesund, und ihre kleine Schwester Egidia findet sie schön. Es ist einfach Pech, Gottes Wille oder Schicksal, dass in diesem Tal und im nächsten keine heiratsfähigen Männer leben, nur kränkliche, aus Inzucht hervorgegangene Kreaturen, Bucklige und Männer, die von den Österreichern zu Krüppeln gemacht wurden. Es ist nicht zuträglich, dass die Contrà so entlegen und aus den Städten schwer zu erreichen ist. Außerdem würde ihr Vater nicht jeden Dahergelaufenen akzeptieren – er muss an seinen Namen und seinen gesellschaftlichen Stand denken. Ihm gehört ein wenig Land. Er macht Geschäfte. Er hat sogar seinen eigenen Briefkopf.

Bevor das Foto aufgenommen wurde, vor der Evakuierung, hatte Maria einen Heiratsantrag bekommen. Der Mann hatte den weiten Weg von Villafranca auf sich genommen, und in seinen Papieren stand, er müsse nicht mehr kämpfen, er hätte eine ordentliche Pension und besondere Privilegien. Aber er hatte einen Finger und ein Auge verloren.

Wer weiß, was ihm sonst noch fehlt?, fragte ihr Vater, nachdem er das Angebot abgelehnt hatte. Wir finden jemand Besseren.

Und Mama sagte das, was alle sagten, alle Cousinen, alle Frauen: No se rifiuta nessun, gnanca se l’è gobo e storto. Weise niemanden ab, auch wenn er buckelig und krumm ist. Und Papà befahl ihr, mit diesen Binsenweisheiten aufzuhören.

Maria spricht leise mit sich selbst, stellt sich ein Gänseblümchen vor, von dem sie ein Blütenblatt nach dem anderen abreißt.

El me ama

 Er liebt mich

El me abrama

 Er begehrt mich

El me abracia

 Er umarmt mich

El me vol ben

 Er sorgt für mich

El me mantien

 Er unterstützt mich

El me ama

 Er liebt mich

El me abrama

 Er begehrt mich

Nol me vole

 Er will mich nicht

El me dise su.

 Er tadelt mich.

Sie wiederholt Gebete aus Die christliche Braut. Dieses Buch, ihr einziges Buch, ist ihr lieb und teuer. Klein, in blaues Leder gebunden, mit winzigen goldenen Linien um jede Seite, enthält es mehr Gebete, als sie aufsagen kann, und mehr Predigten, als sie auswendig kennt, doch die Anleitung am Anfang – für mein liebes junges Mädchen – hebt ihre Laune und weist ihr den Weg. Während du betest, tust du gut daran, leichte Kasteiungen des Körpers vorzunehmen. Auf diese Weise kannst du Opfer bringen und gleichzeitig deinen Geist von eitlen Reizen ablenken.

Sie sticht sich selbst mit der Nadel in die Fingerspitzen. Blut quillt hervor. Das Nähen muss warten. Sie wischt die Blutstropfen mit ihrem Taschentuch ab.

»Bitte, Herr, gib mir die Frömmigkeit, die heiligen Ehesakramente anzunehmen«, flüstert sie, obwohl niemand da ist, der sie hören könnte. »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte Ihn, mir einen Mann zu geben, der mich beschützen und mir eine ergebene christliche Familie schenken wird …«

Aber insgeheim denkt sie daran, wie gut aussehend ihr Liebster sein wird, mit einem Gesicht so gütig wie Jesus, so aufrecht wie der Pfarrer, so groß wie ihr Vater und mit dem süßen Duft einer Frau. Wird er einen dicken, buschigen Schnurrbart haben wie ihr Papà? Oder einen Bart wie ihr Großvater: das ganze Gesicht und der Hals wie von altem Tabak überwuchert? Oder einen Schnurrbart wie ihr Bruder: zwei dünne, nach oben geschwungene Linien. Sie stellt sich vor, wie die Barthaare seines hübschen Gesichts ihre Wange kitzeln. Ihr Herz schlägt wie die Flügel eines Vogels. Sie verbannt ihre wilden Gedanken und sticht sich selbst ein Mal in jede Fingerspitze, ordentlich wie beim Beten eines Rosenkranzes. Bei der Hochzeit zu Kana, wo Jesus Wasser in Wein verwandelt hat, gelüstete es Braut und Bräutigam nicht nach blinder Leidenschaft: Sie wussten, dass sie Gott sonst am Tag des Jüngsten Gerichts Rechenschaft würden ablegen müssen.

Maria sticht sich nun, wo sie alle zehn Fingerspitzen durch hat, in beide Handgelenke. Wieder wischt sie das Blut mit dem Taschentuch ab. Die Laken für die Hochzeitsnacht müssen sauber und weiß bleiben, wie ihre Seele, wie ihr Körper, unbefleckt und rein. Doch sie ist alt. Fünfundzwanzig Jahre alt und unberührt von einem Ehemann. Sie näht ohne Fingerhüte. Ihre Hände können einem Tier den Hals umdrehen. Die Arme einen Topf mit kochender Polenta umrühren. Sie ist eine gute Partie für jeden Mann, wenn er nur über ihr Alter hinwegsehen kann.

Sie schaut aus dem Fenster. Von Regenrinnen und Simsen tröpfelt Wasser, die Welt da draußen tröpfelt, während sie taut. Auf einigen Bäumen liegt immer noch Schnee, der sie niederdrückt und bedeckt. Sie hört die klagenden Laute eines Maultiers. Und dann die Kirchenglocken, klar und deutlich trotz der Entfernung. Sie läuten eine Minute lang. Einzelne Töne. Sie klingen melancholisch, nicht fröhlich wie bei einer Taufe. Dann eine Pause: Jemand ist gestorben. Dann wieder eine Minute Glockengeläute. Wenn es nun aufhört, ist eine Frau gestorben, vielleicht die alte Hexe, die wie eine Verrückte in ihrem Nachthemd herumläuft. Dann eine Pause und wieder eine Minute Geläut. Ein Mann ist gestorben. Noch ein toter Mann auf der Welt. Bei einem Mann wird drei Minuten lang geläutet, bei einer Frau zwei Minuten, weil ein Mann wichtiger ist, weil Adam der erste Mann war und Jesus ein Mann war und seine Jünger Männer waren und Priester Männer sind und der Papst ein Mann ist.

Ihr Vater reist durch die Dörfer in den Tälern, bahnt sich den Weg durch steile Hänge mit schmelzendem Schnee, nimmt Lawinen und vielleicht sogar Wölfe in Kauf, wer weiß, welchen Gefahren er trotzen muss?

Menschen wandern, Berge aber bleiben an Ort und Stelle. Und dennoch sind die Berge launisch – ein Abgrund kann sich plötzlich auftun, in den man hineinrutschen kann, ein sonniger Himmel lockt den Jäger, sich zu weit vorzuwagen wie ein Kind, ein eisiger Nebel hüllt die Welt im Nu ein, hinterhältige Luft kriecht in die Lungen und kann zu einer Lungenentzündung werden.

Sie näht und näht. Eine Wellenlinie aus weißen Blüten. Das Leinen ist nicht das teuerste, doch die Qualität ist anständig und fest – es wird Jahre halten, bevor sie es ausbessern oder stopfen muss. Ihr Verlobter wird ihre Handarbeiten bewundern. Er wird über die gestickten Blumen fahren und ihr dann über die Wange streichen, als wäre sie eine Blume. Und sie werden sich fest umarmen wie die beiden Hälften einer Walnuss, und schließlich werden Kinder kommen, mit Gottes Hilfe, weil Blumen und Kinder aus einem Haus ein Zuhause machen.

Fioi e fiori i fà la casa.

Die Umrandung ihres Bettlakens ist fast fertig. Das muss ein Zeichen sein. Nur noch drei Blüten mit gewundenen Stängeln und Sträußen mit winzigen Knospen. Plattstich und Kettenstich und Stielstich. Alles weiß. Sie ist sich sicher: Wenn sie den Saum erreicht, wird ihr Vater mit ihrem Liebsten erscheinen. Er ist schon seit über zwei Tagen fort. Sie wird sich hinter der Tür verstecken, einen Blick auf ihren duftenden Verlobten mit dem lieblichen Gesicht werfen, und er wird sie erkennen, weil er das alte Foto von ihr gesehen hat.

Sie legt ihre Handarbeit zur Seite, fährt sich mit den Fingerspitzen über die Wange und berührt ihre vollen Lippen. Wie fühlt es sich an, einen Mann zu küssen? Sie hätte sich einmal fast von ihrem Cousin Duilio küssen lassen, bevor er zum Priesterseminar gegangen, bevor er Soldat geworden ist. Sie küsst ihre Finger und erinnert sich an die Kasteiungen.

An Sonntagen und für die Sakramente trägt sie immer noch ihr dunkelbraunes Kleid mit hohem Kragen und eng anliegender Taille – sie hat gut darauf achtgegeben. Ihr Ehemann wird es bemerken, sobald er sie sieht, obwohl das Kleid auf dem Foto noch neu war, frisch und nicht gestopft. Wird er das Gestopfte zu schätzen wissen, weil es ihre Sparsamkeit und ihr Geschick zeigt? Nein, er wird denken, ihr Vater wäre zu arm, um ihr nach acht langen Jahren ein neues Kleid zu kaufen. Sie hasst es, arm zu sein. Sie hasst es von ganzem Herzen. Aber wenigstens wird sie nicht wie ein richtig armes Mädchen im November verheiratet werden, wenn die harte Arbeit des Sommers und Herbstes getan und eine junge Frau nur noch ein hungriges Maul ist, das im Winter gestopft werden muss. Na boca in più. Wenn sie in der Osterzeit heiratet, werden die Leute zu ihr aufschauen. Wie viel kann ihr Vater einem Mann für die Hochzeit mit ihr bezahlen? Ihre Schönheit und Stärke reichen nicht aus. Sie hasst den Krieg und die Spanische Grippe und die Evakuierung und ihre Abgeschiedenheit, die sie am Heiraten hindern und ihre Blütezeit verstreichen lassen.

Der reisende Fotograf hatte sie im Klassenzimmer in Albarela aufgestellt, zwölf Körper vor einem großen Vorhang, der mit verschwommenen Säulen und einem geblümten Rahmen bemalt war. Das war ein trauriger Tag gewesen. Das erste Foto in Marias Leben und vielleicht das letzte Mal, dass sie alle noch zusammen und am Leben waren. Die ganze Familie hatte sich wie für eine Hochzeit herausgeputzt, aber in ihren Bäuchen lauerte die Angst. Die Mädchen hatten sich darauf vorbereitet, ins Piemont geschickt zu werden – falls sie zu Hause blieben, hätten die fremden Soldaten mit ihnen gemacht, was sie wollten.

Für jeden italienischen Mann und jede italienische Waffe: vier österreichische Männer und vier österreichische Waffen, das sagten alle mit düsteren Stimmen.

Für das Bild hatte man ihrem Vater eine Topfpflanze zwischen die Füße gestellt. Und es gab noch eine andere Pflanze, groß und fremd – eine Palme, sagte der Fotograf, aus den biblischen Ländern. Das Emblem der Märtyrer. Hatte der Fotograf sie für Märtyrer gehalten? Hatte er sie bemitleidet? Maria hatte fest in seine Kamera geblickt und sich stumm geschworen, niemals wieder bemitleidet zu werden.

Ob mit Palme oder ohne, ihr Geliebter wird in dem Bild ihre aufrechte Bescheidenheit erkennen, ihr winziges glänzendes Medaillon der Jungfrau Maria prangt stolz am Kragen ihres Kleides, dazu die gleichmäßigen Gesichtszüge und der feste Blick. Kein Blinzeln, kein Schielen, keine Blindheit. Das wird er sicherlich erkennen.

Und nun – trotz ihres Alters – ist sie immer noch gesund, hat schönes, festes Fett an Hüften und Hintern, ihre Knochen sind gerade und ihre Hände stark. All dies wird er erkennen, weil er ein langes Leben mit ihr möchte und an Kinder mit ihr denkt. Er sucht nach einer Frau, die arbeiten kann.

Maria kann arbeiten. Jeder in der Contrà sagt das.

Wie lange hatte sie als Dienstmädchen für die Signori im Piemont gearbeitet? Diesen reichen Leuten hat sie ihre besten Jahre geschenkt. Sie lernte zu kochen, zu putzen und Lebensmittel anzubauen. Wie man näht, wusste sie schon vorher. Sie lernte, ihre Tugend zu wahren, das hatten ihr die Signori beigebracht. Sie lernte, sich nach Wohlstand zu sehnen, auch das haben ihr die Signori beigebracht. Als sie und ihre Schwestern nach dem Krieg in Schnee und Eis zurückkehrten, gab es keine Tiere, keine Fenster, kein einziger Laut war zu hören. Überall nur Zerstörung. Sie dankten Gott für die amerikanischen Soldaten, die ihnen Vieh gaben, um wieder von vorn anzufangen. Und sie dankten Gott für das Glück der Männer in ihrer Familie – sie hatten überlebt.

Aber wo ist dieser Mann, ihr Mann, der die Kämpfe mit den Österreichern überlebt hat? Die Täler wurden offiziell zum Kriegsmahnmal erklärt, und auf dem Gipfel wird ein Ossarium errichtet wie ein Leuchtturm, aber die Hälfte aller Männer ist tot, andernfalls gäbe es nicht genügend Knochen, Zähne und Schädel, um den Bau zu füllen.

Sie muss dieses Jahr heiraten, sonst wird es nie geschehen.

Du musst verheiratet werden, sonst endest du wie diese Hexe im Nachthemd, sagt ihre Mama jedes Mal, wenn Maria reizbar oder undankbar ist.

La Delfina streift von Contrà zu Contrà, sie gehört zu niemandem, wie ein wilder Hund heult sie den Mond an, wenn das Licht nachts so hell ist, als wäre es kalter blauer Tag, die Schatten sind schneidend scharf wie Granit, und der Fels funkelt. Manchmal lungert sie tagsüber am Cesso herum und murmelt Obszönitäten und Gotteslästerungen. Die kleine Egidia geht nicht auf den Abort, wenn La Delfina in der Nähe ist, Maria aber will keine Angst vor ihr zeigen. Manchmal gibt sie ihr Essen. Das ist wohltätig. Sie legt es in sicherem Abstand hin, oder sie wirft es. Insgeheim fürchtet sie sich zutiefst vor ihren Verwünschungen. Vielleicht hat La Delfina die Macht einer Zigeunerin? Es ist nicht ganz so gefährlich, wenn die Verrückte singt, deswegen ruft Maria durch die Holzwände und bittet sie um ein Lied, während ihre Cacca viele Meter tief in die Bergerde fällt.

Und manchmal spielt La Delfina mit.

L’uselin de la comare

 Der kleine Vogel der Patin

L’è volà su le tete.

 flog auf die Brüste.

L’uselin sbatea le alete,

 Der kleine Vogel schlug mit seinen kleinen Flügeln,

E un po’ più giù volea volare!

 Er wollte ein wenig weiter nach  unten fliegen!

Maria näht und näht. Sie muss dieses Jahr heiraten, sonst wird sie wie die Matronen in der Kirche enden, deren Kinderlosigkeit ihre Gesichter mit dumpfem Gram gezeichnet hat, deren Brüste leer herabhängen, Frauen, die beim Sprechen spucken und zu viel reden und sich unnötig aufregen und beschweren und an allem etwas auszusetzen haben. La dona senza fioi come, na vegna morta. Eine Frau ohne Kinder ist so unnütz wie ein toter Rebstock.

Ihr Vater wird sie retten. Er wird für sie einen Kriegshelden ohne Verwundungen finden – vielleicht mit nur einer einzigen schmissigen Narbe auf Wange oder Schulter. Sie stellt sich seine Schulter vor.

Nun muss sie aufhören zu nähen und sich besonders fest in die Daumen stechen. Das frische Blut ist ein Rubin, zwei Rubine, drei Rubine, vier.

Wenn sie verheiratet ist, werden auf dem von ihr bestickten Laken Rubine sein, weil eine Jungfrau bluten muss, aber sie weiß nicht, wie oder warum. Sie muss die Madonna der Berge fragen. Sie wird ein paar Blumen für sie pflücken, sie vor die Statue in der Glasglocke legen und um Antworten beten.

Maria Vittoria weiß, dass Blut mit Schmerzen einhergeht, wie Jesu Blut auf seinem gekreuzigten Leib, zart, weich und blass wie ein Frauenkörper. Vielleicht ist das Hochzeitsblut so schrecklich wie der Schmerz einer Geburt, Gottes Bestrafung für Eva. In Die christliche Braut steht nichts von einem blutigen Bettlaken.

Sie muss nur noch eine Blüte sticken.

Das Maultier draußen beschwert sich immer noch, aber noch ein anderes Tier brüllt weiter unten im Tal, auf dem Weg nach Albarela. Es ist der Esel ihres Vaters, sie kennt das Geräusch, und die Hühner werden hysterisch, der letzte Haufen Schnee fällt dumpf vom Dach, und die Luft hinter den Fenstern draußen funkelt, als sie hinausschaut und niemanden sieht.

»Maria!«, ruft ihre Mutter von unten. Sie ist laut und klingt aufgeregt. »Er kommt!«

*

In ihrem Körper wütet ein Sturm. Ihre Knie zittern. Wann hat sie sich zum letzten Mal gewaschen? Gestern. Nein, vorgestern. Jetzt ist keine Zeit mehr fürs Waschen. Keine Zeit mehr, am Brunnen Wasser zu holen. Außerdem könnte sie ihm dort über den Weg laufen. Ein Eimer steht in der Küche, ein zweiter an der Feuerstelle. Keine Zeit. Sie wäscht sich Gesicht und Hals mit Wasser aus der Schale vom Toilettentisch und der melierten braunen Seife, die sie gesiedet hat, nachdem im vergangenen Jahr das Schwein geschlachtet worden war, sein Fett wurde zu Talg ausgelassen und mit Olivenöl und Natronlauge aus dem Geschäft in Monastero vermischt. Rubbelt sich mit einem Lappen trocken. Sie betupft ihre zerstochenen Handgelenke mit dem Parfum ihrer Mutter, das nur für die Sakramente und bei besonderen Anlässen getragen wird. Um Erlaubnis hat sie nicht gefragt. Sie bekreuzigt sich. Atmet den Duft ein. Wie viele Veilchen hatten sie damals gepflückt? Einen ganz schönen Berg. Mindestens hundert. Sie zieht die Schürze und das Tageskleid aus. Die Kälte trifft sie mit voller Wucht. Sie nimmt ihr dunkelbraunes Kleid aus dem Schrank und will hineinsteigen, doch ihre Beine gehorchen ihr nicht, wie bei einem Fohlen, das aufstehen will. Sie stolpert. Sie versucht es noch einmal, ist vorsichtig, um das Kleid nicht zu zerreißen. Befestigt einen sauberen neuen Kragen. Knöpft ihn zu. Glättet den Unterrock und die Unterwäsche. Streicht den Rock glatt. Richtet das winzige goldene Medaillon mit der Madonna auf ihrer Brust, das sie auch auf der Fotografie trägt. Der kleine Vogel der Patin flog auf die Brüste. Sie verbannt das Lied von La Delfina aus ihrem Kopf. Das bringt sicher Unglück. Obwohl es Teufelswerk ist, schaut sie in den Spiegel. Sie ordnet ihr Haar. Kneift sich in die Wangen, damit sie rosig aussehen. Auf dem Getreidespeicher über ihr scharrt eine Maus, laut wie ein Schwein. Ganz gleich. Die Maus kann so viel Mais fressen, wie sie will. Maria bekreuzigt sich und geht nach unten, um den Fremden zu treffen, der – so Gott will – ihr Ehemann werden wird.

Im Erdgeschoss ist niemand. Ihre jüngeren Schwestern sind bei der Arbeit, sie verdienen Geld als Dienstmädchen. Doch wo ist die kleine Egidia? Ihre älteren Schwestern leben bei ihren Männern und deren Familien etliche Kilometer entfernt, viele Täler und Ebenen liegen zwischen ihnen. Ihr Bruder Severo wohnt mit seiner Frau in Padua. Ihr Bruder Vito arbeitet auf dem Feld. Aber wo ist ihre Mutter?

Mamas Stimme ruft sie wieder von draußen.

Maria nimmt sich ihr Tuch. Im hellen Tageslicht sieht sie den geraden Rücken ihrer Mutter hinter dem Walnussbaum, steif steht sie ganz oben auf dem Weg.

Sie rafft die Röcke und rennt zu ihr, die Stiefel fest auf dem steinernen Pflaster, wo vergangene Woche noch Schnee lag.

»Er hat einen Mann für dich gefunden«, sagt ihre Mutter, während sie hinunterschaut. Ihre Stimme klingt ruhig, erleichtert. Fast lächelt sie, aber ihre Mundwinkel zeigen wie gewöhnlich nach unten. »Jetzt sind es noch drei!« Sie stampft mit den Stiefeln auf den Boden, dreimal für drei Töchterlasten.

Aber Maria sind die jüngeren Schwestern egal. Sie blickt ins Tal hinab. Und dann sieht sie ihren Vater und sein Maultier den Hang heraufkommen, neben ihnen eine Gestalt. Ein Mann.

Und wenn er schlecht oder hässlich ist? Was macht sie dann?

Traue niemandem, sagen ihre Eltern und auch ihre Großeltern.

Er sieht seltsam aus, wie eine fantastische Erscheinung mit dem Körper eines Mannes und dem Kopf eines Riesen. Er trägt etwas, das wie ein enormer Hut aussieht, größer als ein Mühlstein, breit wie ein Wagenrad. Auch ihr Vater findet darunter Schutz. Es ist eine Gavegnà. Der Korb aus geflochtenen Weidenzweigen ist voll beladen mit Ernteerträgen, sie kann nicht erkennen, was es genau ist. Hat ihr der Fremde ein Geschenk mitgebracht?

Ihr Magen krampft sich zusammen. Ihr Mund ist trocken. Die Worte sprudeln aus ihr hinaus, ohne dass sie etwas dagegen tun kann. »Bitte, lieber Gott, lass ihn gütig und gut aussehend sein.«

»Dummes Ding«, entgegnet ihre Mutter. »Wenn die Kinder hungrig sind, werden sie nicht Papà bello, sondern Papà pan schreien!«

Ja, sie werden Brot wollen, Äußerlichkeiten sind egal, doch Maria kann einfach nicht anders. Sie hat doch schon so lange gewartet.

Er ist groß, größer als ihr Vater. Er ist schlank. Er humpelt nicht. Er könnte gut aussehend sein, jedenfalls von Weitem. Sein Kopf ist in die riesige Gavegnà gezwängt, deswegen ist die Stirn verdeckt. Der Korb ist fast einen Meter breit und voller Blätter. Er muss über dreißig Kilo wiegen. Trotzdem geht er nicht gebeugt. Er läuft aufrecht und unbeschwert, als würde er gemütlich spazieren gehen.

Die Männer kommen näher und gehen langsam den Weg herauf. Ihr Vater sieht froh aus – das glaubt sie zu erkennen. Gott sei Dank ist es nicht neblig, und die Luft ist klar.

Seine Wangen sind glatt. Er ist kein alter Mann. Er ist nicht kriegsversehrt. Er ist nun nur noch etwa zwanzig Meter entfernt, nah genug, damit er sie von oben bis unten mustern kann.

Vielleicht lächelt er ein wenig. Gefällt sie ihm? Ihr Vater sagt etwas zu ihm, doch sie kann ihn nicht hören. Und wenn sie ihm nicht gefällt?

Sie würde am liebsten in Ohnmacht fallen, aber das wird sie nicht.

Sie versteckt sich hinter ihrer Mutter.

»Nun hast du ihn gesehen«, sagt Mama und scheucht sie zurück. »Geh wieder ins Haus.«

Und Maria gehorcht. Sie eilt am Walnussbaum und dem aufgestapelten Feuerholz, den Kaninchen, den Käfigen mit dem Geflügel, dem Schwein und der Kuh vorbei. Lässt die Nachbarn, ihre Cousins, die halbe Contrà und den Brunnen hinter sich. Sie ist zu weit gelaufen. Zurück zum Haus. Sie rennt wie ein Wirbelsturm in die Küche. Steht keuchend am Feuer. Sie japst nach Luft. Er ist nicht versehrt. Und er ist schön. Außerdem hat er ein Geschenk mitgebracht. Getrocknete Tabakblätter. Eine ganze Menge davon. Das wird ihrem Vater gefallen. Er bekommt sie umsonst. Er kann sie rauchen oder verkaufen oder tauschen. Sie wird bald heiraten!

Zwei bewaldete Felder

»Zeig ihm deine Zähne«, befiehlt Papà.

Maria weiß nicht, was sie machen soll. Sie steht in der Küchentür.

Mama steht neben der Feuerstätte und beobachtet alles ganz genau. Papà sitzt mit dem Fremden am Tisch.

Der Fremde sieht gut aus. Sein volles schwarzes Haar ist vom Hut und der Gavegnà platt gedrückt. Seine Augen sind kastanienbraun. Sein Teint ist ebenmäßig. Der Mund ist gerade. Er trägt einen Schnurrbart, aber anders als bei ihrem Vater oder Großvater handelt es sich um ein ordentliches schwarzes Quadrat unter seiner perfekten Nase. Sie kann ihn im Zimmer riechen. Seinen männlichen Schweiß. Wie kann sie ihm ihre Zähne zeigen?

»Lächele – zeig ihm deine Zähne!«, wiederholt Mama.

Maria lächelt, sie steht immer noch in der Tür. Ihr Lächeln ist nicht freudig, sie weiß nicht, wie lange sie noch die Zähne zeigen soll.

Mamas Mundwinkel zeigen nun nach unten. »Sie ist nie krank gewesen. Ihr Blut ist gesund.«

Maria kann sich nicht daran erinnern, wann sie die Mutter zum letzten Mal lachen gesehen hat.

»Sehen Sie, wie gut die Zähne sind?«, fragt Papà. Er steht auf und kommt zu ihr. Er drückt ihren Arm, als würde er ein Nutztier in Augenschein nehmen. »Gute, starke Arme.«

Er geht wieder zu seinem Platz und schenkt dem Fremden den besten selbst gemachten Wein ein. Dann trinkt er selbst. Das Glas sieht abgenutzt und trüb aus. Er schiebt dem Mann die Platte mit Käse und Sopressa hin.

Der Fremde isst und trinkt.

»Trotz ihres Alters ist sie gesünder und stärker als die meisten anderen. In dieser Familie gibt es keine krummen Knochen oder Gebrechen, wir sind alle gesund, warten Sie nur, bis Sie den anderen begegnen, dann können Sie es mit eigenen Augen sehen. Sie kann kochen und putzen, anders als diese nutzlosen Mädchen, die man wie Prinzessinnen erzieht. Sie hat während des Krieges bei Herrschaften im Piemont als Dienstmädchen gearbeitet, sie weiß also, wie man einen Haushalt führt, und beschwert sich nicht. Außerdem ist sie drei Jahre lang zur Schule gegangen, kann also schreiben.«

»Kann sie sprechen?«, fragt der Fremde.

»Sicher kann ich sprechen!«, rutscht es Maria heraus.

»Ruhe«, sagt Mama. »Sonst wird Gott dir kein einziges Kind schenken.« Tasi ti o el Signore nol te dà gnanca on fiolo.

»Und du hältst den Mund, dumme Frau. Das ist eine ernste Angelegenheit. Achille kommt von weit her.«

Er heißt Achille. Seine Stimme ist tief und sanft, nicht schroff wie die eines groben Contadino. Wie kann ihre Mutter nur so vor ihm sprechen?

»Er hat ein eigenes Feld, das er verkaufen wird, damit er nach unten ins Flachland ziehen und ein Geschäft eröffnen kann. Er hat deine Aussteuertruhe akzeptiert und meine zwei Pinienfelder als Geschenk angenommen. Ich werde das Land behalten, aber er kann den Gewinn vom Bäumefällen behalten.« Papà blickt Achille direkt in die Augen. »Mit Holz kann man viel Geld verdienen – es wird für Eisenbahnstrecken und Schiffe gebraucht. Aber man wird sehen, wo uns die ganzen Eisenbahnen, Schiffslinien und Schiffe hinführen.«

»Vielleicht nach Amerika«, sagt Achille.

»Ich bleibe hier und werde mit verschiedenen Dingen handeln«, sagt Papà. »Ich habe Land und deswegen Mineralien und Dinge, die ich anbauen kann. Außerdem besitze ich alle Nutztiere, die ich will.«

Achille isst noch mehr Käse. Er nimmt sich Zeit. Alle im Raum lauschen stumm seinen Worten. »Ich denke, in Amerika kann man gutes Geld machen. Das werde ich vielleicht eines Tages versuchen.«

»La Mèrica?« Mama schnappt nach Luft.

Aber Papà sieht zufrieden aus. »Dort kann man ein Vermögen verdienen.«

Maria spürt, wie ihr Herz abenteuerlustig hüpft und gleichzeitig schmerzt. Wird er ihr Mann werden? Wird sie eines Tages nach La Mèrica gehen? Sie wird reich sein. Er ist zu gut, um wahr zu sein. Was stimmt mit ihm nicht? Vertraue niemandem – das sagt jeder. Vertraue niemandem, noch nicht einmal Menschen vom eigenen Schlag.

»Sie werden je nach Wetterlage etwa zwei Wochen brauchen, um die Felder abzuernten. Wir können Ihnen helfen. In dieser Zeit können Sie sich mit Maria treffen und sie ein wenig kennenlernen, natürlich immer unter Aufsicht durch ihre Brüder oder mich. Ihr Ruf ist tadellos, das wird so bleiben. Sind Sie immer noch mit der Vereinbarung einverstanden? Soll ich das Aussteuerkonto zusammenschreiben?«

Achille trinkt seinen Wein, leert das Glas und stellt es ab.

Alles – die ganze Welt – ist ruhig. Selbst die Tiere draußen.

»Sie ist perfekt. Wir können in der Osterzeit heiraten.«

An Ostern. Wie ein reiches Mädchen.

Maria würde gerne grinsen und lachen. Arme Mädchen werden zum Martinstag verheiratet. Ostern. Alle werden es erfahren. Che bella figura.

»Während wir die Felder abernten«, fährt Achille fort, »können Sie die Hochzeit vorbereiten …«

»Sie kennt ihren Katechismus«, erklärt Mama stolz, fast schon prahlerisch.

»Gut«, lächelt Achille. »Und das Gold und der Schleier sind ihr auch nicht fremd. Nach der Hochzeit kann sie mit mir im Haus meiner Eltern wohnen.« Nun wendet er sich Maria zu. »Werden Sie genug Zeit haben, sich ein neues Kleid zu nähen?«, fragt er. »Wie Sie wissen, trägt man sie nun kürzer.«

Maria wird vor lauter Scham feuerrot. Sie hat in Monastero kürzere Kleider gesehen. Sie hat Modekarten mit dem neuen, freizügigeren Schnitt gesehen. Dieser Mann sieht in ihrem alten braunen Kleid weder Sparsamkeit noch Bescheidenheit, sondern Hässlichkeit und Rückständigkeit.

Mama zupft an ihrem eigenen schlichten langen Kleid herum. Ihre Stiefel sind klobig, abgewetzt und alt. »Wir haben sie zur Bescheidenheit erzogen. Das wird Ihr Segen sein. Selbstverständlich werden wir ihr für die Hochzeit ein wunderschönes neues Kleid nähen. Ich habe den Stoff schon. Sie können sich vorstellen, was für eine schöne, makellose christliche Braut sie sein wird. Und ihre Aussteuertruhe ist voller guter Bettwäsche, Tischdecken, Strümpfe und Hemden. Und Hochzeitskleidung. Sie hat alles bestickt. Das ist ein weiteres Talent von ihr. Sie ist im Handarbeiten besser als ich …«

Maria spielt an ihrem Medaillon mit der Jungfrau.

Ihre Mutter palavert.

Doch Achille ergreift das Wort. Er grinst. »Wir werden eine schöne Hochzeit haben. Und eine schöne christliche Familie.«

Die beiden Männer schütteln sich nicht die Hand. Der Vertrag wurde mündlich abgeschlossen.

Maria ist verzückt wie eine Heilige.

*

In der Dämmerung geht Maria zu der Stelle, wo die Winterblumen wachsen. Rinnsale aus eiskaltem Wasser tröpfeln durch grüne Schlingpflanzen und Steine, sickern durch die Böschung am Wegesrand. Sie pflückt winzige Alpenveilchen von ihren felsigen Böden, achtet sorgfältig darauf, dass sich die empfindlichen Wurzeln nicht lösen. Sie bindet sie zusammen und macht sich auf den Heimweg.

Im Schlafzimmer ihrer Eltern legt sie das Sträußchen vorsichtig vor die Madonna der Berge. Die goldene Statue steht auf dem Schubladenschrank und sieht aus wie eine schöne Puppe auf einem Sockel, die bis in alle Ewigkeit in ihrer Glasglocke in Sicherheit ist, den Blick starr gen Himmel gerichtet, mit rundem, erhabenem Gesicht. Die kleinen Bauern, barfuß und bescheiden, schmiegen sich an ihren blau-goldenen Mantel, sie haben den Kopf in den Nacken gelegt, um sie anzuschauen. Sie sehen wie Kinder aus.

Maria steht vor dem Schrein, senkt den Kopf und betet, bis die Madonna spricht.

Du wurdest nach mir benannt. Deine Mutter wurde nach mir benannt. Deine Tochter wird nach mir benannt werden. Wenn jedes Mädchen auf der Welt Maria heißen könnte, würde es so genannt werden.

Mein kleines Lamm Maria, mein Gänselein, mein Kind, du bestaunst gern meine goldene Krone. Stell dir einmal ihren Wert vor – das tust du bereits. Du bewunderst die Perlenohrringe, die von meinen unsichtbaren Ohrläppchen hängen – du zählst die Perlen.

Du kannst gut rechnen, Maria.

Du hast noch nie so etwas wie das Gold auf meinem Kleid gesehen – außer bei einem Papst oder Bischof. Doch da, wo du herkommst, nähert man sich Päpsten und Bischöfen nicht. Dein Kleid, selbst dein bestes Kleid für eine Hochzeit, besteht aus einfacher blauer Wolle. Doch du wirst aus den Tagen mit einfacher Wolle, abgenutzten Stiefeln und gestopfter Kleidung herauswachsen, wenn du hart genug arbeitest, morgens und abends betest, an Frühmessen und Rosenkränzen teilnimmst und so häufig beim Priester beichten gehst, wie es deine Arbeit erlaubt.

Du bist reif für christliche Kinder – doch eine unbefleckte Empfängnis kenne nur ich allein. Du wirst den Mann kennenlernen und der Mann wird dich kennenlernen. Frage deine Mutter nicht, was das bedeutet. Sie würde wegen deiner Frage bloß fluchen. Überlass alles der Zeit, Gott und mir.

Achille wird wissen, was zu tun ist, weil er ein Mann ist. Männer sind draußen in der Welt gewesen, sind gereist, haben Handel getrieben und Städte erbaut. Nun musst du Achille zeigen, welche Perspektive er mit dir hat. Er ist ehrgeizig. Zeig ihm, wie hart du arbeiten kannst. Lass ihn den Schweiß auf deiner Stirn sehen. Lass ihn dich bewundern.

Ja, du bist verlobt, doch was er jetzt von dir denkt, wird für immer in seinem Herzen bleiben.

Polenta e baccalà

Heute ist der Tag der ersten Frühlingswäsche. Da ist es egal, dass Maria frisch verlobt ist. Der Fluss ist getaut, und das Wasser fließt schnell und reichlich.

Heute wird sie die normale Wäsche der Woche beiseitelegen: die schmutzigen Krägen und Taschentücher, die verschwitzten Westen und Hemden, die Unterröcke und Schürzen, die Arbeitskleidung, die zarte Unterwäsche, den Haufen mit Socken und Strümpfen.

Heute sind die großen Sachen dran: Bettlaken, Überwürfe, Handtücher, Tischdecken, Putzlappen. Fleckig und verschmutzt stapeln sie sich seit letztem Sommer in der Wäschetruhe.

Zunächst entfacht sie das Feuer im Herd mit einem Wachszündholz und Zunderzweigen, pustet und schirmt die kostbare Flamme mit den Händen ab, baut um sie herum ein Nest aus Holz aus dem Stapel, legt mehr Holz nach, bis sie weiß, dass das Feuer von selbst brennt.

Dann nimmt sie ihr Tragjoch und die Eimer auf die Schultern und geht zum Brunnen, Schritt für Schritt über die Steine. Es ist noch früh am Morgen, immer noch nachtschwarz, doch sie kennt den Weg. Die Tiere lärmen in ihren Ställen. Mama melkt die Kuh.

Maria trägt mühevoll das Bergwasser zurück, Eimer für Eimer. Sie geht hin und her, zum Brunnen und zurück. Sie schüttet jeden Liter des kalten Wassers in den riesigen Waschtopf, der über dem Feuer hängt. Langsam, aber sicher wird das Wasser erhitzt.

Bald schon herrscht Betriebsamkeit in der Küche. Mama erwärmt frische Milch am Rand der Feuerstelle, Papà und Vito packen ihre Werkzeuge ein. Sie werden sich mit Achille treffen und zu den Feldern gehen. Die kleine Egidia verpackt Käse, Brot und Sopressa in Wachstuch, als Zwischenmahlzeit für die Männer. Claudia und Edda haben ihre Arbeitskleidung angelegt, sie werden gleich die Wege in die Täler zu der Villa in Monastero hinabschreiten. Alle drängen sich um Polenta und heiße Milch, wärmen sich die Hände an den Schüsseln, niemand redet.

Maria isst schnell.

»Dieses Jahr kann Egidia dir beim Auswaschen helfen«, sagt Mama. Sie nimmt sich den Abfallkübel – Rinden, Schalen, Krümel, Hülsen, Schwarten, Innereien, Klauen, Knochen –, und Egidia kommt mit einem Korb voller getrockneter Maiskolben vom Getreidespeicher. Die beiden gehen nach draußen und versorgen die Tiere.

Mit den Wassereimern, die vom Joch auf ihren Schultern herabhängen, geht Maria immer wieder zum Brunnen.

An der Haustür zieht Claudia sie am Arm und flüstert ihr ins Ohr: »Mama sagt, du wirst heiraten, meine liebe Schwester. Stimmt das? Wann werden wir ihn zu Gesicht bekommen?«

Edda hört zu. Neugierig. Neidisch.

Maria schaut in die Eimer und zuckt die Schultern. »Es ist erst wahr, wenn es wirklich passiert.« Aber sie kann ein Grinsen nicht unterdrücken.

Claudia umarmt und küsst sie. »Die schönen, reifen Früchte sind schwerer zu erreichen. Herzlichen Glückwunsch, liebe Schwester! Du verdienst von uns allen das Beste.«

»Herzlichen Glückwunsch!« Edda umarmt und küsst Maria. »Ich bin als Nächste dran!«

»Ich werde nie heiraten«, entgegnet Claudia. »Das spüre ich einfach.«

»Sag das nicht, sonst wird es wahr«, sagt Edda. »Komm schon, wir sind sonst zu spät.«

Das Haus leert sich, und Maria ist wieder allein.

Im Hof stellt sie die hölzerne Wanne auf den Ständer. Sie überprüft das Rohr an der Unterseite, um sicherzugehen, dass es nicht verstopft ist. Sie legt das Waschbrett auf die Wanne und stellt die Ablaufwanne darunter.

Sie zieht die Stiefel aus, um nach oben zu gehen. Sie öffnet die Wäschekommode. Es riecht ranzig, trotz Mamas kleiner Sträuße aus Lavendel und Quitte. Sie nimmt so viel Wäsche heraus, wie sie tragen kann, einen großen Stapel. Und dann noch einen. Sogar trocken ist Wäsche schwer.

Draußen in der kalten, frischen Luft, in der halbblinden Finsternis zwischen Nacht und Tag, schrubbt sie die dreckige Wäsche mit der Schmierseife, die extra für diesen Tag aufgehoben wurde. Die Gerüche nach ausgelassenen tierischen Fetten, alten menschlichen Ausdünstungen und verblichenem Lavendel steigen ihr in die Nase. Das ist für sie der Geruch nach Frühling. Das Zeichen der Zeit. Sie ist fünfundzwanzig, aber noch dieses Jahr wird sie eine verheiratete Frau sein. Die Scheuerbürste fühlt sich gut an. Bis zu den Ellbogen reicht ihr das dreckige Wasser. Dankbare Freude erfüllt sie.

Sie entfernt das Waschbrett und legt die Schmutzwäsche in die leere Wanne, zuerst die kleinen Stücke, eine Lage auf die nächste. Es riecht penetrant, und der Behälter ist voll bis oben hin – sie muss Platz schaffen. Deswegen stellt sie sich in die Wanne und drückt die Wäsche mit ihrem ganzen Körpergewicht zusammen, als würde sie Trauben für Wein zerstampfen. Dann holt sie die Aschwäsche aus dem Lagerraum und legt sie über den Stapel, achtet darauf, dass alles einweicht. Sie nimmt die Aschetonne und schüttet vorsichtig – um Staub und Husten zu vermeiden – eine dicke Schicht Asche auf die Kleidung und lässt sie sich setzen. Sie hat die Asche selbst gemacht, Holz im heißesten Feuer verbrannt, damit das weißeste Pulver entsteht.

Sie benutzt den gekerbten Stab, um den Kessel vom Herd zu nehmen. Sie kippt das kochende Wasser auf die Asche und achtet sorgfältig darauf, nichts zu verschütten oder zu verspritzen. Durch die Dunstwolke kann sie erkennen, wie das Wasser einweicht. Es hinterlässt eine dunkle Schlacke auf der Oberfläche. Später wird sie die aschige Brühe in den Gemüsegarten schaufeln und damit den Boden düngen, auf dem die Pflanzen wachsen, die die Familie ernähren.

Zeit für mehr Wasser. Der Himmel ist nun ein wenig heller, aber die Sonne versteckt sich noch. Alles – die Wanne, das Waschbrett, das Haus, der Boden, der Weg – hat nun schärfere Umrisse und ist leichter zu erkennen.

Sie kehrt wieder zum Brunnen zurück. Zieht Wasser herauf. Erinnert sich an damals, als eine Maus im Brunnen verendet war, alle von dem Gift krank geworden waren und es in der Contrà kein sauberes Wasser gab – Gott sei Dank fließt unten im Tal der Fluss. Sie schaut in den Brunnen. Sieht nichts. Es ist wie das Leben, denkt sie, ein Geheimnis mit einem schwarzen Loch. Und nur Gott weiß, was als Nächstes kommt.

Zwei Cousins kommen in ihre Richtung. Ihre Eimer sind leer. Sie nicken zum Gruß. Es ist noch zu früh zum Verweilen oder Plaudern, doch sie müssen von dem Fremden gehört haben, ihrem Verlobten.

Maria füllt den Bottich auf dem Feuer wieder auf, Eimer für Eimer. Die verschütteten Tropfen zischen. Die Küche ist voller Dunst, und ihr ist trotz der Jahreszeit heiß.

Sie wuchtet noch mehr kochendes Wasser auf die dampfende Wäsche und schaut zu, wie sie einweicht. Die Wanne knarrt auf dem dreibeinigen Ständer.

Sie geht immer wieder zum Brunnen. Eimer für Eimer. Sie zählt die Schritte. Sie kennt die Steine. Winzige Grasbüschel wachsen zwischen ihnen. Ein Kuckuck schreit in der Ferne. Sie wird nie wieder den Ruf eines Kuckucks als alte Jungfer hören. Die Luft riecht süß und grün.

»Guten Morgen«, sagt Duilios Frau, als sie aneinander vorbeigehen. »Alles in Ordnung?«

»Ja, alles in Ordnung«, sagt Maria. Sie kann ihre Aufregung kaum verbergen. »Ich werde bald Neuigkeiten haben. Eine Bekanntmachung.«

»Ich auch, so Gott will.«

Und sie geht weiter zum Brunnen. Maria fragt sich, was Duilio seiner neuen Braut über sie erzählt hat. Er hat jahrelang geschmollt, nachdem Maria seinen Kuss abgewiesen hatte. Sie hatte nicht gewusst, was sie machen sollte, hatte den Kopf weggedreht, ihn geschubst, sowohl aus Angst als auch aus Tugendhaftigkeit. Und noch etwas verstärkte ihre Angst: ein huschender Schatten in den Bäumen hinter ihnen. Jemand beobachtete sie.

»COUSINS!«, hatte eine schrille Stimme vom Hang unter ihnen geschrien.

Als hätte man die Verrückte nur durch Gedanken herbeigerufen.

Duilios Frau ist wieder weg.

Im Zwielicht steht La Delfina vor Maria auf dem Weg. Sie stinkt. Sie war noch nie zuvor so nah. Sie keucht. Halb angezogen. Schmutzig.

Maria fühlt sich in der Falle. Sie kann nichts sagen.

Die Verrückte grinst: »Auch ich habe eine Bekanntmachung.«

Maria erbebt bei den Worten, ihren eigenen Worten, die wiederholt werden, dumpf und verzerrt wie ein Echo.

»Guten Morgen, Cousine.«

»Ich bin nicht deine Cousine«, sagt Maria und versucht, bestimmt zu klingen.

La Delfina lacht sie aus. »Wenn man unter den Wölfen ist, muss man mit ihnen heulen. Wir sind alle eine Familie. Wir sind uneheliche Cousinen. Komm in meine Arme!« Sie reißt die Arme weit auseinander.

Maria schreckt zurück. Sie würde vor ihr wegrennen oder sie schlagen, wenn es sein müsste. Sie gerät aus dem Gleichgewicht. »Ich bin nicht deine Cousine«, wiederholt sie stupide.

Die Verrückte heult leise, wie der Wind um ein Dach, sie hört sich spöttisch an. Dann steht sie auf und schlingt die Arme um sich. Sie ist groß, zu groß. Sie blockiert den Weg. Sie tritt gegen einen großen weißen Stein. »Ich beobachte, ich sehe alles, weiß alles, wie Gott im Himmel – das ist eine Gotteslästerung, das weiß ich. Du hast keine Geheimnisse.«

»Ich muss arbeiten«, sagt Maria, und ihre Stimme zittert. »Ich muss Wasser holen.«

»Ich bin deine Spiegelung im Wasser«, sagt Delfina. Und dann spuckt sie auf die Erde. Sie blickt Maria fest in die Augen. »Wenn du heiratest, wirst du sterben. Das sage ich zu allen Mädchen. Aber was weiß eine Verrückte schon?«

Was weiß sie? Was hat sie gesehen?

Delfina springt von einem Fuß auf den anderen. Sie singt: »Tötet die alten Frauen, nicht aber die jungen.« Und dann verschwindet sie, schneller als ein ausgebüxtes Schwein, den Weg hinab in die Dunkelheit.

Mit klopfendem Herzen stampft Maria mit den Stiefeln auf, richtet die Stange auf ihren Schultern und geht zum Brunnen. Sie ist erleichtert. Die Hexe hat sie nicht verflucht, jedoch hat sie beinahe ihre Hochzeit verflucht.

Während Maria das Wasser hochzieht, entscheidet sie sich, Mitleid mit La Delfina zu haben. Die hungernde, schimpfende, umherwandelnde Delfina kann von Glück sprechen, dass sie noch am Leben ist. Sie ist ein Fehler Gottes.

»ICH BIN DIE WESPE!« Die wilde Stimme steigt aus dem Tal empor und klingt nun weit entfernt.

Wespen haben keine Seele, denkt Maria. Armes Ding.

Sie spricht ein Gebet, in dem sie für ihr eigenes Leben dankt – und für einen gesunden, gut aussehenden Mann –, dann macht sie sich auf den Nachhauseweg.

Sie schüttet noch mehr kochendes Wasser in die Wanne. Nun sickert die Brühe von der Bettwäsche durch das Rohr. Sie ist dickflüssig und kaffeefarben. Es ist Marias Aufgabe, die Wäsche sauber und rein zu waschen.

Sie fängt wieder von vorn an. Wieder Wasser holen und zum Kochen bringen.

Sie hört die dumpfen Schläge und Echos vom Hacken in der Ferne. Sie darf nicht von ihrem Hochzeitstag zu träumen wagen. Achille erntet die beiden bewaldeten Felder weiter oben am Berg ab, wo der Schnee immer noch liegt. Er macht die Belohnung geltend, die er für seine Hochzeit mit ihr bekommt, die Extraarbeit ist ihm egal. Die Felder werden abgeerntet werden, und sie wird heiraten.

Wenn du heiratest, wirst du sterben. Die Verrückte bringt alles völlig durcheinander. Wenn du nicht heiratest, wirst du sterben.

Sie geht zum Brunnen und wieder zurück. Es ist hell, und die Tiere sind nun ruhiger. La Delfina ist nirgendwo zu sehen. Mama und Egidia füttern das fette junge Schwein, misten bei der Kuh, den Kaninchen, den Tauben, der Wachtel und den Hühnern aus und sammeln ihre reichhaltigen Hinterlassenschaften zum Düngen auf. Alles hat mit Nahrung und Füttern zu tun. Nichts wird verschwendet.

Schließlich ist das Wasser, das aus der Wanne fließt, flockig, schaumig und fettig. Maria denkt an eine Suppe. Eine fiese Brühe für Diebe und Zigeuner – oder für eine Hexe. Sie wird die Wäsche nun bis zum Nachmittag einweichen lassen, dann wird ihr Egidia statt Mama dabei helfen, die nassen Sachen zum Fluss zu tragen und sie dort auszuschlagen und zu spülen. Und sie werden jedes Wäschestück zwischen sich aufspannen und drehen, wie bei einem quirligen Mädchentanz, und die feuchte Wäsche, die nun fast so weiß und rein wie neu gefallener Schnee ist, über Büschen ausbreiten.

Nun füllt Maria den schwarzen Polentatopf mit frischem kalten Wasser. Sie hievt ihn auf den Herd, und das Wasser im Inneren schwappt herum, wie jeden Tag, doch heute denkt sie daran, wie sich eine Schnecke anfühlt, wenn man sie gerade hochgenommen hat und sich die Muskeln ins Gehäuse zurückziehen. Sie hasst Schnecken. Schau doch mal, hat ihr Bruder Severo sie einmal gepiesackt. Er hielt zwei Schnecken in der Hand, die wie Zwillinge zusammenklebten. So sieht Fortpflanzung aus. Versuch doch mal, sie auseinanderzureißen. Und sie hat ihm die Schnecken aus der Hand genommen – sie waren eng miteinander verbunden – und hat sie auseinandergezogen, entsetzt davon, wie viel Kraft sie aufwenden musste, bis sich ein schleimiger Wurm zeigte, der tief in der einen Schnecke steckte.

Sieht so Fortpflanzung aus? Sie erbebt. Sie weiß, dass alle Tiere unterschiedlich sind. Sie weiß, dass Menschen anders sind und über dem gesamten Tierreich stehen, dass Menschen eine Seele und Kleidung und Gott und Heirat haben. Aber was ist La Delfina?

Sie ist nicht besser als ein Tier, denkt Maria.

Sie hatte die Schnecken an die Wand geschleudert. Ein winziger Schleimklumpen hatte sie an der Stirn getroffen, und sie hatte sich an dieser Stelle den ganzen Tag lang schmutzig gefühlt. Und Severo hatte gelacht. Er ärgerte sie gerne, weil sie so naiv war.

Während sich das Wasser für die Polenta erwärmt, füllt Maria den Behälter auf der Bank und die Tonne darunter. Es ist noch Wasser übrig für die Waschschüssel aus Emaille oben im Haus.

Aber was soll sie mit ihren Schuhen machen? Wenn ihre Knöchel am Hochzeitstag entblößt sein werden, braucht sie Schuhe mit Absätzen, nicht diese Stiefel, mit denen sie auf einem steinigen Weg zum Brunnen läuft. Und Strümpfe. Schöne neue Strümpfe, nicht diese dicken, alten und gestopften. Und ein schickes Täschchen. Und ein Mantelkleid mit Fell- oder Satinabschlüssen. Und einen Hut, einen kleinen Hut, vielleicht mit einer Schleife oder einer Feder. Und einen vernünftigen gravierten Ring aus massivem Gold, der schwer in der Hand liegt, einen für sie und vielleicht einen für ihn. Ihr Vater wird das Geld sehr ungern ausgeben, das viele Geld, aber das ist der Fluch einer Tochter, er weiß es schon sein ganzes Leben lang, und sie weiß es auch.

Ihr ist warm. Schweiß steht ihr auf der Stirn. Sie wünscht sich, dass Achille sie nun sehen könnte. Er wird sie bald schon sehen. Die Männer werden zum Mittagessen herkommen. Sie werden frische Polenta essen und das Baccalà von gestern, das heute noch besser schmeckt.

Achille wird ihre Kochkünste mögen.

*

»Das ist lecker«, sagt er mit fettigem Kinn. Fischstückchen hängen ihm zwischen den Zähnen. Er hat gute Zähne. Er isst appetitvoll. Er tunkt die Polenta in die Soße, um nichts zu verschwenden.

Seine Hände sind schwielig und die Fingernägel schwarz, wie bei ihrem Vater und den Brüdern. Die drei Männer beugen sich auf gleiche Weise über den Tisch, kümmern sich um ihre Teller und riechen nach Kiefernharz, Tabakrauch und harter Arbeit.

Maria steht mit Egidia und Mama am Herd. Sie versucht, Achilles eigenen Duft herauszuriechen, doch das Feuer hinter ihr scheint alles in der Luft miteinander zu vermengen.

»Maria kann gut kochen«, sagt Papà mit öligem Schnurrbart. »Nicht wie dieses Milchgesicht, hinter dem du her bist«, sagt er zu Vito. »Sie bekommt dich nicht, solange sie nicht Kochen gelernt hat – im Augenblick ist sie eine Belastung.« Er knabbert Stockfisch von einer Gräte und wendet sich an Egidia. »Du weißt bereits mehr als sein schickes Mädchen.«

Vito schweigt.

Mama schüttelt den Kopf. Mama hasst Severos Frau, und Mama hasst auch jedes Mädchen, das Vito mag. Kein Mädchen ist gut genug für ihre Söhne.

Papà leckt sich über die Zähne und wendet sich wieder Achille zu. »Sie werden keinen Hunger leiden.«

Vito schaut von seinem Teller auf. »Nicht wie im Krieg.«

»Wir haben Hunde und Kröten gegessen«, sagt Papà.

Achille schüttelt den Kopf. »Die verdammten Österreicher!«

»Wir danken Gott für die Amerikaner.« Mama bekreuzigt sich.

»Die Mädchen haben es bei den Signori im Piemont besser gehabt, oder?«, sagt Papà. Das ist eine Tatsache.

Maria tupft sich die Stirn ab, doch kein Schweißtropfen ist mehr zu sehen, obwohl sie mit dem Rücken zum Feuer steht. Sie hat sich das Gesicht und die intimen Stellen mit dem übrigen warmen Wasser gewaschen.

Sie starrt Achille mit stumm aufgerissenen Augen an. Sie will reden, doch sie kann nicht.

»Zwei ihrer Schwestern sind in Monastero, kennen Sie die Villa dort?«, fragt Papà. »Das Geld ist in Ordnung. Die ältesten Mädchen leben selbstverständlich mit ihren Ehemännern zusammen. Sie werden sie bald kennenlernen. Gott hat mir sechs Mädchen gegeben. Sechs. Severo sollte hier sein, aber seine Frau ist wieder krank, deswegen hat er sie in ein Sanatorium in der Nähe von Padua gebracht.«

Maria macht sich Sorgen beim Gedanken an ihre unverheirateten Schwestern. Achille wird sie vor Ablauf der zwei Wochen treffen. Sie sind jung. Was, wenn er sich stattdessen in sie verliebt?

Claudia ist zwanzig und sehr schön, doch sie neigt zur Melancholie, wie lange wird er brauchen, bis er das erkennt? Sie ist auf jeden Fall dumm. Sie ist zwei Jahre lang zur Schule gegangen und kann kaum schreiben.

Egidia ist dreizehn, für ihn ist sie zu jung, doch sie ist nicht zu jung für eine Verlobung. Nein, sie ist noch ein Kind. Sie hängt Tagträumen nach und summt Kinderlieder.

Aber Edda ist sechzehn, fast schon siebzehn, kann mit Geld umgehen, ist ehrgeizig, wohlgeformt und in ihrer Blütezeit. Ist sie zu jung? Sie hat drei Jahre lang die Schule besucht, nein, fast vier Jahre sogar. Du musst lernen, damit die Leute dich nicht betrügen, sagt sie immer. Sie hat bis zu ihrem zwölften Lebensjahr nicht gearbeitet. Schlaue Schwester.

Edda würde sich gerne verlieben. Maria hat ihre nächtlichen Gebete gehört.

Wird Edda zurückkommen und ihn blenden? Ihr den Geliebten stehlen? Nein, das würde ihr Vater nicht zulassen. Er hat ein Geschäft abgeschlossen, von Mann zu Mann. Und ältere Schwestern müssen zuerst verheiratet werden, sonst … Was sonst? Da gibt es keine Regel. Und falls Claudia niemanden heiratet, wären die Kleinen auf ewig alte Jungfern?

Maria spürt die Hitze der Feuerstelle hinter sich und wird an das Höllenfeuer erinnert, die Bestrafung für Neid, doch sie ist neidisch und hat Angst. Sie muss sich das für die Beichte merken.

Was wird geschehen, wenn Edda heute Abend zurückkommt?

Im Winter sitzen alle im großen Stall, gemeinsam mit den Tieren, um sich an ihnen zu wärmen, stopfen dabei Kleidung im Laternenlicht, bessern Werkzeuge und Korbwaren aus, sortieren Garn, singen Lieder, erzählen Geschichten. Männer und Frauen, alle zusammen. Doch die Stunden mit Tageslicht, in denen man arbeiten kann, sind nun länger und wärmer. Die Mädchen werden mit ihrer Mutter zu Bett gehen, wie jeden Abend, alle zusammen, alle zur selben Zeit. Die Männer werden wach bleiben, rauchen, reden und Grappa trinken. Achille wird nicht die Gelegenheit haben, mit Edda oder einer anderen Frau allein zu sein. Nicht mit Maria und noch nicht einmal mit Mama. Zwei Wochen lang wird er am anderen Ende der Contrà schlafen, mit den Tieren in Zios Haus. Er hat ein Strohbett am wärmsten Ort.

Maria dankt Gott, dass ihre heiratsfähigen Schwestern den ganzen Tag über außer Haus arbeiten, und zwar jeden Tag. Nicht aber an Sonntagen.

»Haben Sie keinen Hunger?«, fragt Achille sie, sein Blick ist zärtlich.

»In diesem Haus essen die Männer zuerst«, sagt Papà.

»Wir essen die Reste«, erklärt Mama.

»Ich habe das Tischgebet gesprochen«, antwortet Maria. Ihre Stimme klingt fremd, auch für sie selbst. Sie muss dem Priester ihre Lüge beichten. Die Lüge und den Neid. »Ich habe Gott dafür gedankt, dass er uns alle verschont hat. Ich habe an die ganzen armen Männer wie euch gedacht, die ganzen Kämpfe, die ganze Gefahr. Und nichts zu essen, wenn ihr nicht gekämpft habt. Und ich habe Gott dafür gedankt, dass er uns alle gerettet hat. Wo wären wir nun, wenn ihr Männer nicht gekämpft hättet?« Sie merkt, wie ihr die Röte ins Gesicht steigt.

»Sehen Sie, sie ist auch dankbar«, nickt Papà. Er wird ihre Vorzüge weiterhin betonen, solange Achille noch einen Rückzieher machen und wegrennen könnte. Papà ist ein erfahrener Geschäftsmann.

»Sie weiß, dass sie Glück hat«, sagt Mama.

»Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?«, fragt Achille.

Maria nickt. Er macht ihr den Hof. Ihr Magen krampft sich zusammen. Sie kann jetzt nichts essen.

»Sie handelt von einem Esel und vom Krieg.« Er wischt sich mit der Hand den Mund ab und schiebt seinen Teller beiseite.

Maria stellt ihn auf die Bank, Egidia wird ihn abspülen.

»Ich wurde vor sieben Jahren zu den Waffen gerufen, es war Frühling, wie jetzt. Die Unterlagen wiesen mich als Contadino aus, als Bauer, nicht mehr und nicht weniger. Doch dann wurde ich Soldat. Ich war in der Bergartillerie. Kennen Sie diese Tunnel und Höhlen?«

Maria schüttelt den Kopf. Woher sollte ein Mädchen etwas über den Krieg wissen?

»Ganz oben, ab zwölfhundert Meter bis fast zweitausend Meter, gibt es Tunnel und Höhlen, die von italienischen Männern gegraben oder gesprengt wurden. Wir sind ein Land der Ingenieure. Einer dieser Tunnel führt wie ein Korkenzieher in einen Granitkegel – wie eine Wendeltreppe in einem Kirchturm. Wir sind nicht dumm. Wir haben die Österreicher überlistet, obwohl wir weniger Geld und Ausrüstung hatten. Dank dieser Tunnel konnten wir uns ungesehen fortbewegen. Wir konnten Waffen, Männer und Vorräte kilometerweit transportieren, ohne dass die Österreicher etwas davon mitbekommen haben. Sie haben nur Berge gesehen. Und Berge bewegen sich nicht.«

Papà schnauft. »Es gibt nichts Schlimmeres als einen Österreicher.« Er schiebt seinen Teller weg.

Egidia räumt so leise wie möglich den Tisch ab, jeden Teller, jede Gabel, jedes Messer.

Maria hilft ihr.

Achille fährt mit der Geschichte fort, die er allen erzählt. Die er ihr erzählt.

»Aber immer wieder gab es ein Tal, wo man sich nicht verstecken konnte. Ohne Tunnel. Man konnte dort keinen Tunnel bauen. Es gab nur einen Weg unter freiem Himmel, den die Österreicher sehen konnten. Wenn der Vollmond schien, war er tageshell beleuchtet. Der Himmel hing mächtig über unseren Köpfen. Man konnte sich nicht verstecken. Der Pfad war in den Fels geschlagen, und der Weg, der abwärts führte, war steil und gefährlich.«

Die Frauen sitzen am Tisch und hören zu, essen aber nach wie vor keinen Bissen.

Achille sieht wie das Familienoberhaupt aus. Papà lässt ihn.

»Mein Hauptmann hatte mir befohlen, mit einem Esel das schlimmste Tal zu durchqueren. Um den Männern an der Front Wasser zu bringen. Der ganze Weg war gefährlich, aber ich wusste, dass ich im Tal innerhalb von Sekunden in Stücke geschossen werden würde. Hinter einem großen Felsen – der wie ein Monument emporragte – war man ungeschützt, wie ein kleines Tier, das auf seine Erschießung wartet. Ich wäre ganz sicher getötet worden. Deswegen habe ich protestiert. Aber der Hauptmann hat mir eine Pistole an den Kopf gehalten. Er sagte, er würde mich erschießen, wenn ich die Befehle nicht befolge. Ich hatte also keine Wahl: Ich konnte jetzt sterben, oder eben später. Deswegen habe ich gehorcht. Ich habe den Esel und das Wasser genommen. Große Fässer waren an ihm befestigt. Ein Esel ist mehr wert als ein Mann.«

»Mehr wert als ein Mann?« Maria ist schockiert.

»Weil ein Esel mehr tragen kann als ein Mann.«

Maria fragt sich, wie schwer die Wäsche ist.

»Aber ich bin anders: Ich kann eine Kanone auf dem Rücken tragen.«

»Eine Kanone?«, Vito schnappt nach Luft.

»Einen Granatwerfer von achtzig Kilo. Oder noch schwerer.«

Papà spricht zur Familie: »Bei Sassone habe ich von diesem mageren jungen Mann gehört, der einen Mann mit einem Schlag zu Boden gebracht hatte. Ich wollte den jungen Mann sehen. Er muss so stark sein wie ein Ochse.« Papà sieht zufrieden aus. »Wie dieser junge Mann.«

»Erzählen Sie mir nicht, dass Sie den Esel auf dem Rücken getragen haben.« Vito lacht, um Achille zu zeigen, dass er Spaß macht.

Papà lacht schnaufend wie ein Blasebalg.

Maria ist verblüfft. Ihr Vater lacht sonst nie.

Egidia steht der Mund offen.

Achille lächelt und wartet, bis wieder Ruhe eingekehrt ist. »Also habe ich den Esel genommen. Ich kann nicht mehr sagen, durch wie viele Tunnel und über wie viele Wege wir gegangen sind. Wir haben uns geduckt und sind gerannt. Bis wir bei dem großen Fels angekommen sind. Ich konnte ihn aus dem letzten sicheren Tunnel sehen. Wir haben uns an den Berg gepresst, dieser arme Esel und ich, die Fässer sind am Stein entlanggeschrammt, aber wir waren immer noch außer Sichtweite. Als wir am Fels angelangt sind, hat mein Herz schneller geschlagen als das eines Schweins am Schlachttag. Ich bin ganz ehrlich: Ich hatte große Angst. Und dann habe ich mich an meinen Verstand erinnert. Ich habe den Esel vorgehen lassen, um die Kurve, am Fels vorbei. Und natürlich wurde er in dem Augenblick erschossen, als er hinter dem Fels aufgetaucht ist. Wasser ist aus den Fässern geschossen. Blut schoss aus dem Körper. Das arme Tier ist den steilen Abhang neben dem Weg hinuntergefallen, wie ein Bündel aus Lumpen, und es war wirklich steil, so steil. Der Körper blieb dann an einem Baum liegen. Er war dort eingeklemmt. Überall im Tal wurde geschossen. Ich wusste nicht, wer wen erschießt oder bei was es sich um ein Echo handelte, oder ob mein Herz einfach so laut gehämmert hat.«

Maria schaut kurz auf die gerunzelte Stirn ihres Geliebten. Sie ist so froh, dass der Esel gestorben ist.

»Das hätte einen Bergrutsch geben können«, sagt Vito.

»Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Wenn ich zurückgekehrt wäre, hätte mich der Kommandant umgehend erschossen, weil ich den Auftrag nicht erfüllt hatte. Und was war mit dem Tier passiert? Ich konnte nicht mit leeren Händen zurückkehren. Ich habe mich in Büschen versteckt. Ich habe bis zum Einbruch der Nacht gewartet. Es war eisig. Ich habe Gott gedankt, dass kein Vollmond war. Es war bewölkt und dunkel. Mein Körper war steif gefroren, aber ich bin geklettert und dann in einen Spalt am Berghang gefallen – so steil und gefährlich, einfach unglaublich –, bis ich bei dem Baum angekommen bin. Der Esel war steif wie ein Brett. In der Dunkelheit habe ich den Huf mit der Registrierungsnummer gefunden. Ich habe mein Messer genommen und den Huf abgeschnitten. Hört sich einfach an, war es aber nicht. Ich habe etwa eine Stunde gebraucht, vielleicht auch länger. Ich wollte keinen Lärm machen, aber ich musste Knochen brechen und zerhacken – ganz leise –, in diesem Tal, das Echos zurückwirft, ohne die Aufmerksamkeit eines Scharfschützen zu erregen. Deswegen habe ich immer wieder aufgehört, um zu lauschen und ruhig zu sein. Ich habe den Huf in meine Jacke gesteckt, unter meine Weste, und Wasser aus einem Fass getrunken. Ich konnte Blut schmecken. Vielleicht von meinen Händen, vielleicht vom Esel. Ich bin den Berg wieder hochgeklettert, habe mich vorangetastet wie ein blindes Tier, meine Finger und Füße in Spalten gesteckt und mich an allem hochgezogen und abgestützt, das als Stufen dienen konnte. Der Huf in meiner Uniform war im Weg. Ich hatte überall Verletzungen, wurde in Stücke geschnitten.«

Maria sucht Achille nach Narben ab. Er ist ein Mann, der im Krieg gedient hat und nicht verstümmelt ist oder hinkt, sondern bloß vernarbt. Sein ganzer Körper ist lebendig und bebt innerlich.

Papà wirft ihr einen Blick zu, der Schläge verspricht.