Die Magd von Schwalenbricht - Astrid Zahn - E-Book

Die Magd von Schwalenbricht E-Book

Astrid Zahn

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Beschreibung

Rheinland anno 1248 In einem verwüsteten Dorf findet der Graf von Schwalenbricht ein Mädchen. Er nimmt sie mit auf seine Burg und gibt ihr Arbeit. Nur langsam fasst sie Vertrauen zu den fremden Menschen und offenbart schließlich ihr dunkelstes Geheimnis. Der Freund des Grafen, ein Verwandter des Erzbischofs von Köln zieht die beiden in dessen Machenschaften und sie werden auf eine Mission geschickt. Während der Reise verliebt sich der Graf in das Mädchen, obwohl er weiß, dass diese Liebe niemals eine Zukunft hat.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1: Brunnenkind

Kapitel 2: Burg Schwalenbricht

Kapitel 3: Beim Onkel (Rückblick)

Kapitel 4: Die Schlacht von Wyckerode

Kapitel 5: Dunkle Schatten

Kapitel 6: Die Geheimbotschaft

Kapitel 7: Vertrauensvolle Gespräche

Kapitel 8: Krisensitzung auf Wyckerode

Kapitel 9: Reise ins Ungewisse

Kapitel 10: Der Falke

Kapitel 11: Der Überfall

Kapitel 12: Verschleppt

Kapitel 13: Flucht nach Hause

Kapitel 14: Unerwartete Neuigkeiten

Kapitel 15: Der Bote

Kapitel 16: Zurück auf Schwalenbricht

Kapitel 17: Tod Friedrich II.

Kapitel 18: Die Rückkehr

Kapitel 19: Rosalies Erhebung in den Adelsstand

Kapitel 20: Hochzeit auf Schwalenbricht

Kapitel 21: Ende und Anfang

Quellennachweise

Vorwort

Das Dorf Schwanenberg ist ein Ortsteil der Stadt Erkelenz, Kreis Heinsberg, in der Nähe der Stadt Mönchengladbach.

Seit 2004 wohne ich dort mit meiner Familie und bin sehr glücklich. Im Sommer 2013 fiel mir die alte Chronik Schwanenbergs von 1954 in die Hände und es ließ mir keine Ruhe, mehr über dieses besondere Dörfchen zu erfahren. Besonders war Schwanenberg schon immer und ist es noch – als ehemalige Enklave inmitten katholischen Umlands mit einer Dorfgemeinschaft, die ihresgleichen sucht. In der Chronik fand ich wertvolle Informationen über das Dorf Schwanenberg:

Ihre Astrid Zahn

*Quelle: Gustav Voss, Schwanenberg 1558-1958

Kapitel 1: Brunnenkind

Anno 1248

Die Sonne hatte ihren Zenit überschritten, als die neun Reiter aus der Dunkelheit des Waldes hinaustrabten.

Der Spätsommer hatte die ersten Blätter einiger Hainbuchen verfärbt und ein kühler Wind raschelte durch die Büsche.

Dederich Graf von Schwalenbricht war mit seinem Gefolge auf dem Heimweg. Seine sechs Ritter und zwei Knappen hatten ihn nach *Sancta Colonia begleitet. Die Grundsteinlegung des Domes war Anlass der Reise. Durch den Schlitz seines Topfhelmes fühlte er die warmen Sonnenstrahlen. Nur wenige Kilometer, dann würden sie das nächste Dorf erreichen. »Herr, es riecht nach Feuer und dort, hinter der Kuppe, steigt Rauch auf!«

Einer der Ritter zeigte nach Osten, wo eine dunkle Wolke gen Himmel zog. »Wir sollten uns beeilen, vielleicht ist es noch nicht zu spät und wir können ein paar Seelen retten«, rief der Graf, zog sein Schwert und stieß dem Rappen mit den Fersen in die Flanke.

In wildem Galopp fegte die Gruppe über das Ackerland. Vorbei an Randwäldchen und Buschgruppen. Auf dem Hügel sahen sie *Lomonsheim, das in Flammen stand. Dederich stieg ab und seine Ritter taten es ihm nach. »Die Knappen bleiben bei den Pferden, vielleicht ist das Pack noch in einem der Höfe.« Es war offensichtlich, dass hier Plünderer der übelsten Art am Werk gewesen waren. »Gerhard geht mit dreien links herum und ich mit dem Rest rechts. So können wir sie einkesseln«, befahl er.

Als sie näherkamen, sahen sie die Leichen von Männern, Frauen und Kindern auf dem Dorfplatz liegen. Sie waren zum Teil zerstückelt, nackt und geschändet. Überall lagen Köpfe herum. Fast jede der zehn Hofstätten war betroffen, ein Bild des Grauens. Die Männer suchten das ganze Dorf ab, aber das Gesindel war verschwunden. Einige Gebäude, die vom Feuer verschont geblieben waren, hatten eingeschlagene Türen und Löcher in den Dächern. In die verbrannten Häuser konnten sie nicht mehr eindringen, sie drohten einzufallen. »Seht nach, ob noch jemand am Leben ist, auch hinten bei den *Häuslern. Ich schöpfe uns Wasser aus dem Brunnen. Die Knappen sollen die Pferde tränken, dann werden wir die Leute begraben«, rief Dederich seinen Männern zu. Er nahm seinen Helm ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Kurz schloss er die Augen, weil ihm dieser furchtbare Anblick zuwider war.

Am Brunnen lag ein Bauer, nicht älter als er selbst. Sein Blut war kaum angetrocknet, das Gemetzel konnte höchstens zwei Stunden her sein. Sie hatten ihm die Kehle durchgeschnitten. Wahrscheinlich war es einer der Gemeindevorsteher. Dederich zog ihn zur Seite, damit er besser an die Kurbel mit dem Wassertrog heranreichte. Er löste die Verriegelung und der Holzbottich schoss in die Tiefe. »Aua«, japste eine weibliche Stimme aus dem Wasser und Dederich beugte sich neugierig über den Brunnenrand. Er sah in das blasse Gesicht eines Mädchens, das ihn mit ängstlichen Augen anstarrte. Sie war völlig außer Atem und rieb sich den Schädel, weil er offensichtlich schmerzte. Die langen, rotblonden Haare klebten dem Mädel um den Kopf, das dünne Leinenkleid zeichnete die Umrisse eines schmächtigen Körpers nach. Knospig stachen die Brustwarzen hervor; sie mochte nicht älter als vierzehn Jahre sein.

»Keine Angst, Kind, ich tue dir nichts. Ich gehöre nicht zu denen, die euer Dorf verwüstet haben. Halte dich am Trog fest und ich werde dich herausziehen.« Das Mädchen zitterte und kniff den Mund zusammen. Dann schüttelte sie den Kopf. Ich sollte behutsam sein, das Kind ist völlig verstört, dachte er und sagte: »Ich heiße Dederich und bin der Graf von Schwalenbricht. Meine Männer und ich kommen von einer Reise aus Sancta Colonia. Wir sind auf dem Heimweg und zufällig hier vorbeigekommen. Ich wollte helfen, doch leider kamen wir zu spät. Ich gehe davon aus, dass es Plünderer waren, oder nicht?« Das Mädchen schlotterte am ganzen Körper, sein Blick war misstrauisch. Kein Wort kam über die Lippen des Kindes. Dederichs Ritter waren inzwischen dazu getreten und schauten ebenfalls in den Brunnen. Sie staunten nicht schlecht, wer sich darin verbarg. »Komm Kind, du holst dir gleichfalls den Tod. Das ganze Dorf lebt nicht mehr. Es ist keinem zunutze, wenn du auch noch stirbst«, sagte einer der Männer. Nach ein paar Sekunden, knüpfte das Mädchen mit zittrigen Händen den Kübel vom Seil und band es sich um die zierliche Taille. Eine schlaue Kleine, dachte Dederich überrascht, und zog sie mithilfe seiner Männer aus dem Wasser. Den Trog hatte sie in der Hand behalten. Im Sonnenlicht konnte Dederich erkennen, wie hübsch sie war. Sie hatte helle, grüne Augen, ein ovales Gesicht und eine kleine Stupsnase. Ihre Lippen waren voll und ebenmäßig geschwungen. Sie schien unverletzt zu sein. Ihr Blick wanderte umher. Stumm liefen Tränen über die Wangen. Dann machte sie sich an dem Seil zu schaffen.

»Sag, wie heißt du denn?«, fragte Dederich freundlich, und zum ersten Mal glätteten sich die verkrampften Züge um den Mund des Kindes. »Mein Name ist Rosalie, des Gemeindevorstehers Hanns Tochter«, sprach sie leise.

»Du hast Schlimmes erlebt. Damit du nicht krank wirst, solltest du dir etwas Trockenes anziehen. Gerhard, mein Guter, laufe los und suche ihr etwas Passendes.« Der Genannte eilte davon, doch ein anderer brachte eine Pferdedecke herbei, in die er Rosalie einhüllte. »Wie zum Teufel hast du es geschafft, unentdeckt zu bleiben?«, fragte Dederich erneut.

»Ich wollte Wasser holen, als sie kamen.« Sie zeigte auf den Mann, den Dederich vom Brunnen weggezogen hatte. »Er hat mir geholfen, in den Brunnenschacht zu gelangen. Dann bin ich untergetaucht. Er hat mir einen Strohhalm gegeben, der an seinem Hemd klebte. Damit habe ich geatmet. Inzwischen ist er zu weich geworden, sonst hättet Ihr mich ebenfalls nicht entdeckt.« Die Männer staunten, wie es dieser zierlichen Person möglich gewesen war, so lange durchzuhalten. »Ist er dein Vater?«, fragte der Graf vorsichtig. »Nein, das ist unser Nachbar.« Gerhard hatte von irgendwo ein Kleid hergezaubert. Es war schmutzig, aber trocken. »In der Schmiede kannst du dich umziehen, sie ist weitestgehend unbeschadet. Wir werden indes die Toten begraben«, sagte Dederich und nahm ihr den Bottich aus der Hand, um endlich Wasser zu schöpfen. Alle waren durstig. Danach machten sie sich an die Arbeit.

Rosalie weinte lautlos weiter, als sie in Richtung Schmiede davon trottete. Sie kniff immer wieder die Augen zusammen, wollte die Toten nicht sehen. Dann fiel ihr Blick auf ihr Elternhaus, das in Schutt und Asche lag. Die Erinnerung an die Eltern schmerzte. Sie waren vermutlich im Gutshof verbrannt, denn als sie Wasser holen sollte, hatten sie beim Mittagsmahl in der Küche gesessen. Niemand wurde lebend gefunden.

Die Männer hoben die Gräber aus. Sie nutzten den dafür angelegten Platz neben der Kirche, die den Schurken standgehalten hatte. Den Vikar fanden sie im Inneren des Gotteshauses an das Holzkreuz genagelt, gleich hinter dem Altar. Ihn begruben sie als Erstes. »Das waren keine einfachen Plünderer«, murmelte Gerhard, während er die Erde aushob. »Ich gehe auch davon aus, dass es welfische Barbaren waren«, antwortete Dederich.

Missmutig schlug er den Spaten in die Erde, grub tiefer. Es waren mehr als zwei Dutzend Erdlöcher zu graben. Als die Arbeit beendet war, hielt der Graf eine Trauerrede für die Verstorbenen. Für die anderen, die den Feuertod starben, fand er gleichfalls einfühlsame Worte, zumal davon auszugehen war, dass sich die Eltern von Rosalie darunter befanden. Er hatte das Kind nicht gefragt, doch wäre es anders, hätte es sicher auf die Beisetzung in seiner Gegenwart bestanden. Dederich beschloss, im Dorf zu übernachten. Die Kirche würde ihnen Unterschlupf gewähren. Rosalie saß in der Schmiede und beobachtete die Männer. Der Graf schien ein guter Mensch zu sein. Das Erste, was ihr aufgefallen war, waren seine warmen, braunen Augen. Die Gesichtszüge waren hart und kantig, mit einem Grübchen im Kinn. Sein lockiges, schwarzes Haar hatte er zu einem Zopf zusammengebunden. Er musste so um die fünfundzwanzig Jahre alt sein. Er schien freundlich, doch sie war auf der Hut. Schon einmal war sie getäuscht worden.

Die Sonne ging unter und die beiden Knappen hatten ein kärgliches Mahl in der Kirche gerichtet. Sie halfen den Rittern aus ihren Rüstungen, damit sie ein erfrischendes Bad im *Lomonsheimer Mühlengraben nehmen konnten. Rosalie hatte sich etwas beruhigt und konnte ihnen zur Hand gehen. Sie zündeten in der Kirche Kerzen an, so war der Raum gut beleuchtet. Die Anwesenheit Gottes war deutlich zu spüren.

Warum ließ er diese Grausamkeiten zu? Rosalie hatte sich das oft gefragt, aber niemals eine Antwort darauf erhalten. Ihr eigenes Leid kam ihr in den Sinn und sie weinte wieder vor sich hin. Dann verkroch sie sich in einer Ecke und senkte den Kopf auf die Knie. Die Ritter hatten nach dem Bad nur ihre Unterkleider angelegt und stürzten sich auf das karge Abendmahl. Es gab Beeren, etwas Brot und Reste eines Hasen, den sie tags zuvor erlegt hatten. »Wenn die den Wein nicht mitgenommen hätten, könnten wir ein Festmahl haben«, sagte einer der Knappen und grinste. Dederich schaute ihn böse an, dann sah er zu Rosalie hinüber und seine Gesichtszüge wandelten sich ins Gegenteil.

»Kind, komm her, du musst etwas essen. Wir haben morgen einen langen Ritt vor uns, dafür brauchst du Kraft«, sagte er liebevoll. Sie schaute hoch, die Augen vom Weinen gerötet. Langsam erhob sie sich und nahm das Stück Brot, welches ihr gereicht wurde. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, aber ihr Magen knurrte. Dann setzte sie sich neben den Grafen und begann zu essen. Dederichs Herz stolperte. Das Mädchen hatte etwas an sich, was ihn rührte. »Erzähle uns etwas von dir, wie alt bist du denn?«, fragte einer der anderen neugierig.

Sie schluckte den Bissen hinunter, dann sprach sie leise und konzentriert drauflos: »Ich bin fünfzehn Jahre alt. Meine Großeltern haben dieses Dorf gegründet. Ursprünglich war mein Vater Kaufmann in Aachen, bis er meine Mutter kennenlernte. Aus Liebe zu ihr hat mein Vater seinen Stand aufgegeben, ist nach dem Tod meiner Großeltern hierhergezogen und wurde Pferdebauer. Wir hatten so schöne Tiere. Jetzt sind sie alle weg. Die Mörder haben sie mitgenommen.« Dederich hatte gut zugehört. »Bist du ihr einziges Kind?«, fragte er behutsam. »Ja, meine Mutter hatte vor mir einige Geburten, aber sie haben nicht überlebt«, antwortete Rosalie leise und wieder rannen Tränen über ihre Wangen. »Du kannst nicht allein hierbleiben, daher nehme ich dich mit auf meine Burg. Wir haben genug Arbeit. Unsere Köchin wird sich sehr über Hilfe freuen«, sagte der Graf. Rosalie nahm die Neuigkeit schweigend zur Kenntnis. Die Männer aßen stumm weiter, bis Dederich zur Nachtruhe mahnte. Draußen waren zwei Ritter zur Wache abgestellt. Rosalie war beruhigt. In der Nähe vom Grafen fühlte sie sich sicher. Sie legte sich zurück in die Ecke und kuschelte sich, so gut es ging, in die Pferdedecke. Morgen würde sie ihr Dorf verlassen, der Graf wollte es so. Erschöpft schlief sie ein. Die Ereignisse hatten sie geschafft. Als die Wachablöse an ihr vorbeikam, rührte sie sich nicht, so tief schlummerte sie.

Am Morgen waren die Männer geschäftig dabei, die Pferde zu satteln und nach brauchbaren Gegenständen zu suchen.

Rosalie war sofort hellwach. Sie dachte an die Ziegen in ihrem Versteck. Als die Plünderer aufgetaucht waren, grasten sie etwa einen Kilometer entfernt, auf einer Wiese, angebunden zwischen dichtem Gebüsch. Sie musste sie holen, ohne sie würde sie sich keinen Fuß fortbewegen.

»Herr Graf, ich muss meine Ziegen holen. Bitte nehmt auch sie mit Euch, ansonsten werde ich zurückbleiben«, forderte sie Dederich auf. Überrascht von der Kunde aus dem Munde des Mädchens, ließ er die Ziegen suchen und beobachtete, wie glücklich das Kind mit den Tieren schien. Es waren vier an der Zahl, ein Bock und drei Muttertiere. Damit hatte sich der unfreiwillige Aufenthalt an diesem Ort ausgezahlt.

Gerhard nahm Rosalie auf seinem Ross mit und sie ritten gemächlich los. Sie schaute nicht zurück, sie wollte nicht wieder weinen. Ihr war mulmig zumute. Was würde sie erwarten? Wie würde ihr neues Leben aussehen? Der Himmel war blau, ein paar weiße Schäfchenwolken zogen über ihre Köpfe hinweg. Die Sonne strahlte, nur der Wind war etwas kühl. Rosalie hatte glücklicherweise in der Schmiede einen Umhang gefunden, welcher sie gut wärmte. Sie zogen vorbei an leuchtend gelben Stoppelfeldern und erreichten gegen Mittag die Stadtgrenze zu Jülich. Der Krieg hatte die Stadt vor ein paar Jahren völlig zerstört. Inzwischen waren neue Siedler aufgetaucht und begannen, sie wiederaufzubauen. Hier machten sie Rast, ehe sie weiterritten. Dederich wollte bis zum Abend seine Burg erreicht haben. Die Sonne stand tief am Horizont, als sie den *Rheinweg entlang auf Burg Schwalenbricht zuritten. Rosalie war überrascht, wie groß die Burg auf der Motte war. Rundherum war ein Wassergraben, der in einen Teich mündete. Der runde Bergfried ragte majestätisch in die Abenddämmerung. Rosalie zuckte zusammen, als die Wächter die Zugbrücke herabließen. Quietschend öffnete sich das Burgtor. Hier war es nun, das neue Leben, dachte das Mädchen und empfand dabei Angst und Freude, gemischt mit jugendlicher Neugier.

Kapitel 2: Burg Schwalenbricht

Auf dem Burghof erwartete das Gesinde freudig die Rückkehr ihres Herrn. Alle jubelten und riefen Begrüßungsworte wild durcheinander, ehe sie sich wieder ihrer Arbeit zuwandten. Die Ritter ritten weiter zu den Ställen, wo Knechte und Stallburschen sie in Empfang nahmen. Gerhard half Rosalie vom Pferd, dann folgte er den anderen. Ein älterer Mann und eine etwa gleichaltrige Frau warteten vor dem Hauptgebäude, gleich neben dem Turm.

Dederich stoppte sein Ross vor ihnen und stieg vom Pferd. Er winkte das Mädchen zu sich. »Rosalie, das sind die wichtigsten Personen meiner Burg: Peter, unser Vogt, ist für das gesamte Geschehen zuständig und gleichfalls mein Diener. Waltrude, Peters Frau, ist die beste Köchin im ganzen Umland und kümmert sich um alles, was Küche und Haushalt betrifft. Ihr wirst du zur Hand gehen. Die Einzelheiten deiner Arbeit werde ich mit Trude später klären, nicht wahr?«

»Herr Graf, wie gut, dass Ihr wohlbehalten zurückgekehrt seid«, begrüßte Peter seinen Herrn und verbeugte sich tief. Trude tat es ihm gleich und klatschte freudig in die Hände, ehe sie vor Aufregung stammelte: »Hilfe für mich? Was für eine Freude. Komm her zu mir. Rosalie heißt du? Ich nenne dich Rosa, wenn du nichts dagegen hast. Ich werde mich gleich um dich kümmern.«

Rosalie schaute sich die beiden sehr genau an. Sie waren viel älter als ihre Eltern. Die Frau hatte eine rundliche Gestalt, ihre Augen wirkten warm und liebevoll. Der Vogt strahlte Güte aus, gepaart mit wachsamem, strengem Blick.

»Rosa hat mich mein Vater genannt, es macht mir nichts«, antwortete sie leise, mit einem traurigen Blick. Die Köchin strahlte und Peter entgegnete: »Willkommen auf Burg Schwalenbricht, Rosa. Hier herrscht Ordnung und Disziplin. Wenn du dich an die Regeln hältst, wirst du bei uns ein Zuhause finden.«

Dederich grinste. »Peter sei nicht so streng, sie ist ein liebes Mädchen, das sehr viel durchgemacht hat.« Er wandte sich wieder Rosalie zu: »Lass dich nicht täuschen. Peter ist die gute Seele unserer Burg. Wenn er nicht streng wäre, würde hier nichts klappen. Du kannst jetzt mit Trude gehen. Sie wird dir etwas zu essen geben und dir deinen Schlafplatz zuweisen. Wir reden morgen in Ruhe weiter, nicht wahr, Trude?« Die Köchin nickte, nahm Rosalie bei der Hand und zog sie mit sich.

»Peter, war etwas Besonderes, als ich fort war?« »Nur das Übliche, Herr Graf. Ich werde Euch ein Bad herrichten. Dabei könnt Ihr mir berichten, woher dieses Mädchen stammt und was Ihr erlebt habt.« Dederich folgte ihm mit schweren Schritten in den *Palas. Die Nacht war hereingebrochen. Fackeln brannten und warfen gespenstische Schatten auf den Burghof. Die Luft war feuchtkalt und irgendwo im angrenzenden Wald schrie ein Kauz.

In der Küche, die sich direkt neben dem Palas befand, bekam Rosalie von der Köchin eine heiße Milch und eine große Schüssel Hirsebrei gereicht. Hungrig begann sie zu löffeln. Trude rief nach einem Hannes, der ein Strohlager herrichten sollte. Als er mit mehreren Säcken eintrat, schaute er Rosalie neugierig an und hauchte: »Guten Abend.« Sie erwiderte den Gruß und widmete sich verlegen ihrem Essen. »Hannes, gleich neben dem Feuer richtest du das Lager. Schön bequem und warm. Das ist Rosa, unsere neue Magd. Sie wird mir zur Hand gehen. Behandle sie gut, sonst bekommst du gewaltigen Ärger, hörst du?« Trude schwang drohend den Kochlöffel, während sie zu dem Knecht sprach. »Na klar, mache ich«, antwortete Hannes belustigt. Er stapelte fix die Säcke zu einem gemütlichen Bett. Dann baute er sich vor dem Mädchen auf und sprach mit flammendroten Wangen: »Hallo Rosa, ich bin Hannes und arbeite meistens im Stall. Morgen zeige ich dir draußen unsere Tiere, wenn du magst.«

Rosalie schlug die Augen nieder, wagte ihn nicht anzusehen und sagte: »Gerne.« Sie sah auf, doch der Junge war verschwunden. »Kind, ich muss das Essen für den Grafen und die Ritterschaft herrichten. Falls du nicht zu müde bist, könntest du mir ein wenig zur Hand gehen?«

Rosalie sprang sofort auf. »Ja, das mache ich gerne. Ich bin viel zu aufgeregt, um mich schlafen zu legen. Was kann ich tun?«

Trude war angenehm überrascht. Das Mädchen scheute die Arbeit nicht, obwohl die Reise sicherlich anstrengend gewesen war. Sie gab ihr Schürze und Haube, dann zeigte sie ihr den Rittersaal, der sich im mittleren Teil des Palas, gleich unter den Wohnräumen des Grafen befand. Sie erklärte außerdem, dass sie mit ihrem Mann im Erdgeschoss wohnen würde, wo sich zudem die Diensträume des Vogtes befanden. Peter war dabei, die Kerzen des mächtigen Kronleuchters anzuzünden, der in der Mitte des Raumes an einem der Deckenbalken angebracht war. Im Kamin prasselte ein großes Feuer. Er erklärte dem Mädchen, dass der Graf nach einer längeren Reise oder zu besonderen Anlässen mit allen Rittern zu speisen wünscht. Gemeinsam deckten sie die Tische ein, verteilten Brot, zapften Krüge voll Bier und richteten Fleisch und Käse her.

Der Weg von der Küche bis zum Saal war zwar lang, doch Rosalie rannte mühelos hin und her. Mit lautem Gegröle kamen die Hungrigen herein. Einige hatten ihre Frauen dabei und endlich entdeckte Rosalie auch Dederich. In seiner Rüstung hatte er bereits gut ausgesehen, doch jetzt, in seiner Festtagsrobe, fand sie ihn unvergleichlich schön. Seinen Haarzopf hielt ein dunkelblaues Samtband, passend zum Rock. Er schien gut gelaunt. Ihre Blicke trafen sich und er lächelte Rosalie zu. Sie riss staunend die Augen auf, heiß schoss ihr das Blut in den Kopf. Er setzte sich ans Kopfende, wartete bis alle Platz genommen hatten, und erhob sich wieder, mit einem Becher in der Hand: »Liebe Freunde und Weggefährten! Ich trinke auf unsere gelungene Reise, auf Gesundheit und Wohlstand, auf die Treue meiner Untergebenen und auf ein neues Mitglied unserer Burg. Zum Wohle!« Alle erhoben sich und prosteten einander zu. Dann wurde ein kurzes Tischgebet gemurmelt, ehe sie über das Essen herfielen. Rosalie und Trude füllten die leeren Schüsseln immer wieder auf, bis alle gesättigt auf den Bänken hingen. »Trude, es war köstlich und Rosalie, ich bin wahrlich überrascht, dass du noch die Kraft besitzt, so viel zu arbeiten. Wir werden uns jetzt zur Nachtruhe begeben und du solltest das auch so schnell wie möglich tun«, lallte der Graf und wünschte allen eine gute Nacht. Dann wankte er in seine Gemächer und die Ritterschaft folgte stehenden Fußes. Lächelnd räumte Rosalie die Tische ab. Der Graf hatte eindeutig zu tief in den Bierkrug geschaut. Die Müdigkeit kam eine halbe Stunde später über sie und Trude hatte Mitleid: »Komm Kind, den Rest besorge ich allein. Lege dich schlafen. Morgen sehen wir weiter.« Rosalie war dankbar und fiel völlig erschöpft in ihr Strohbett in der Küche. Innerhalb weniger Sekunden, war sie tief und fest eingeschlafen. Trude bemühte sich, leise zu sein, doch Herumgemore hätte Rosalie nicht wecken können. Dann wurde es still auf Burg Schwalenbricht. Am Morgen wurde Rosalie wach, weil jemand an ihrer Schulter rüttelte.

»Rosa, aufwachen, der Graf möchte seine heiße Milch. Du sollst sie ihm bringen. Ich werde dich begleiten, da wir noch in Erfahrung bringen müssen, welche weiteren Aufgaben der Graf dir zuteilen will.« Rosalie war sofort hellwach. »Guten Morgen, Trude, ich beeile mich.« Schnell schlüpfte sie in ihr Kleid und wusch sich durchs Gesicht. Mit ein paar Griffen hatte sie ihr Haar zu einem Zopf gebunden. Die Köchin reichte ihr den Becher und beide machten sich zur Kemenate des Grafen auf. Während sie den kurzen Weg hinüber zum Palas liefen, sah Rosalie, dass die Arbeit auf der Burg in vollem Gange war. Der Schmied hämmerte auf dem Amboss, die Knechte säuberten die Ställe und die Knappen striegelten die Pferde. Es würde ein schöner Tag werden, die Sonne hatte sich auf den Weg gemacht. Der Himmel war blau und die Vögel zwitscherten. Ein paar Schweine quietschten und die Ziegen meckerten. Als sie den Palas betraten, um die Treppen zu den Gemächern des Grafen hinaufzusteigen, verhielt Rosalie mit einem Mal und blickte die Köchin sichtlich nervös an. »Was ist Kind?«

»Ich muss meine Ziegen versorgen, Trude. Sie sind es gewohnt, in der Früh zum Weiden auf die Wiesen geführt zu werden.« »Ja, ja, das besprechen wir gleich, verschütte die Milch nicht.«

Warnend zeigte Trude auf den Becher. Im obersten Stock des Wohngebäudes war es wie überall recht kalt. Durch die schmalen Fenster in den Feldbrandziegelsteinen zog es ungemütlich herein. Vom Flur aus, gingen rechts mehrere Räume ab, ehe am Ende eine weitere Treppe hinabführte. An der letzten Tür stoppten sie und Trude klopfte kräftig dagegen. »Herein«, brummte die Stimme des Grafen und Rosalie hatte ein flaues Gefühl im Bauch. »Guten Morgen, Herr Graf, hier ist Eure Milch«, sagte Trude freundlich und schubste das Mädchen sanft vor sich her.

»Guten Morgen, Trude, grüß dich, Rosalie.«

Der Graf saß auf seinem Bett und war nur mit einem Hemd bekleidet. Seine Haare lagen wirr und offen um seinen Kopf, was ihm ein wildes Aussehen verlieh. Er wirkte verkatert, trotzdem rang er sich ein Lächeln ab, als er den Becher an sich nahm und ihn auf die Nachtkonsole stellte. Verstohlen schaute sich das Mädchen um.

Der Raum war mittelgroß. Das Himmelbett nahm den größten Platz in Anspruch. Ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle standen rechts an der Wand. Mehrere Kerzen waren angezündet. An der linken Seite loderte im Kamin ein kleines Feuer, welches den Raum wohlig warm machte. »Ich hoffe, du hattest eine gute Nacht. Ich möchte, dass du mir ab heute jeden Morgen meine Milch bringst. Dann hilfst du Trude in der Küche und kümmerst dich um die Ziegen. Ein Knecht soll dir die Ställe zeigen. Wir haben einige Tiere hier, die du mitbetreuen kannst. Ich denke, das ist genug Arbeit für den Anfang. Wenn etwas Außergewöhnliches anliegt, bekommst du über Trude Bescheid gesagt.

Trude, du kannst Peter schicken, ich will mich fertigmachen. Ich muss heute noch die Verwaltungsarbeiten mit ihm durchgehen.«

Trude nickte und stob davon. Rosalie zögerte, dann überwand sie sich und sprach: »Danke, Herr Graf, dass ich meine Ziegen versorgen darf. Sie sind mir sehr ans Herz gewachsen.« Dederich lächelte. »Das habe ich gemerkt. Nun laufe los, sonst verhungern sie noch.« Das Mädchen sputete sich. Der Graf war wirklich freundlich und er wusste genau, was ihr wichtig war. Hüpfend vor Glück folgte sie Trude. Peter kam ihr entgegen, sie grüßte und er antwortete mürrisch. Er ist der Vogt, schalt sie sich. Der muss eine Menge erledigen, deshalb wirkt er so grantig. Ungeachtet dessen lief sie zurück zur Küche und fragte Trude, was sie als Erstes tun sollte. »Du kannst die Ziegen zur Weide führen. Hannes wird dich begleiten. Dann kommt ihr zurück, das Gesinde frühstückt morgens zusammen. Hier, neben der Küche passen alle rein.«

Trude zeigte Rosalie den Essensraum, der neben der Vorratskammer lag. Beide Räume waren mit der Küche verbunden. »Wo essen denn die Ritter mit ihren Familien?«, fragte sie neugierig.

»Die meisten unserer Ritter sind ohne Familie. Du hast gestern Abend sicherlich gesehen, dass nur drei Frauen anwesend waren. Diese drei Ritter leben in ihren eigenen Häusern und werden von ihren Frauen betreut. Sie kümmern sich jedoch auch um die anderen, die in einem Gebäude neben dem Gesindehaus leben. Nur nach einer Reise mit dem Grafen oder bei Burgfesten essen alle zusammen«, erklärte Trude. Das Kind kannte das Burgleben nicht. Sie war meistens im Dorf bei ihren Eltern gewesen. Sogleich krümmte sie sich zusammen, ihr Magen reagierte nervös und krampfte. Sie dachte an die Zeit, die sie bei ihrem Onkel in Sancta Colonia verbracht hatte. Schnell verdrängte sie die Erinnerung wieder und schnappte sich ihren Umhang. Kaum war sie aus der Küche heraus, da kam ihr Hannes entgegen. »Guten Morgen, Rosalie, gut geschlafen?« »Ja und du? Du wolltest mir die Tiere zeigen. Ich suche meine Ziegen.« Hannes lachte. »Die machen einen Krach. Ich musste die Stalltür schließen, so laut meckern die. Komm mit, wir bringen sie hinter die Burg auf die große Wiese. Albricht kann sie hüten, denn er achtet auch auf die Schafe.«

Als Rosalie in den Ziegenstall trat, war die Freude groß. Der Bock stieß dem Mädchen seine Hörner in die Rippen und die Damen leckten Rosalie die Hand. »Brav meine Süßen, gleich dürft ihr fressen«, sprach sie liebevoll, während Hannes den Tieren die Stricke umband. Gemeinsam führten sie die Herde über den Hof, vorbei am Brunnen und der Kapelle, zum Tor hinaus. Zwei Wächter, die an der Zugbrücke postiert waren, lachten, als sie die Freudensprünge der Tiere sahen. Heute war die Brücke herabgelassen, weil über Tag reger Verkehr herrschte. Ein Müller mit Säcken voller Mehl kam ihnen mit seinem Fuhrwerk entgegen. »Morgen, Franz«, rief Hannes und der Müller hob die Hand. »Wer ist das denn? Ein neues Gesicht!« Erstaunt musterte der Mann das Mädchen. »Das ist unsere neue Magd Rosalie, sie hilft Trude«, antwortete Hannes wichtigtuerisch.

»Sei gegrüßt, holde Magd«, rief der Müller schelmisch und das Mädchen wurde rot im Gesicht. Dann grüßte sie schüchtern zurück und rannte davon. Die Männer lachten. »Zur Burg Schwalenbricht gehört eine Mühle, wenn du Lust hast, können wir sie einmal besuchen. Sie liegt in *Genhof, nur tausend Schritte von hier.« Hannes hatte sie eingeholt. Beide liefen an zwei Eiben vorbei Richtung Teich. Gleich dahinter begann die große Weide. Sie grenzte an den *Thuschinbrocer Wald. »Die Burg von *Thuschinbroc gehört einem furchterregenden Herrn, dem wir besser aus dem Weg gehen sollten«, warnte der Knecht und senkte dann die Stimme. »Gehe niemals allein in den Wald. Seine Jäger schießen auf alles, was Beine hat.«

Rosalie erschrak. »Nein, allein werde ich nirgends hingehen. Dafür habe ich zu viel Schreckliches erlebt.« Erneut kamen ihre düsteren Gedanken hoch. Mittlerweile hatten sie die Weide erreicht, und Rosalie ging auf den älteren Mann zu, dessen Augen sie aus dem wettergegerbten Gesicht wohlwollend anblickten. »Ach, ein paar Ziegen haben uns gefehlt«, sagte er fröhlich. »Du bist ein hübsches Mädchen, wie kommst du hierher? Ich habe dich gar nicht ankommen sehen? Mein Name ist Albricht und ich bin der älteste Stallknecht hier auf der Burg.«

Rosalie stellte sich ebenfalls vor und erklärte ihm, wo sie herkam. Dann wandte sie sich den Tieren zu. Zwei Dutzend Schafe stark war die Herde. Im Gras ruhte ein zottiger, schwarzer Hund. Er sprang auf, als Albricht pfiff, und setzte sich abwartend neben die Füße seines Herrchens. »Das ist Wolf, unser Wachhund. Auf ihn kann man sich verlassen. Wolf, das ist Rosalie. Sie gehört ab jetzt zu uns. Du musst gut auf sie aufpassen. Schöne Mädchen werden gern entführt.« Der Stallknecht grinste. Rosalie erschrak. »Gibt es hier Gesindel und Schurken?«

»Nicht mehr und nicht weniger als sonst wo«, antwortete Albricht. »Bei uns auf Burg Schwalenbricht passt jeder auf jeden auf. Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Der Graf ist ein guter Herr, er tut alles, damit wir hier friedlich leben können. Er ist ein Freund der Herren von *Wickerode, sie sind reichsfrei, genau wie unser Graf. Die Burg hat er mit seiner Erbschaft gebaut, seine Verwandten leben nicht mehr. Das hat er uns erzählt. Wilhelm der II. ist jetzt unser König, wie du sicher weißt, aber der macht uns nichts. Für Schurken ist hier kein Platz, darum kümmern wir uns, also keine Angst, Mädchen.«

Aufmerksam hatte Rosalie den Ausführungen des Knechtes gelauscht. Sie wusste von der Krönung des Gegenkönigs Willem und der Fehde zu Kaiser Friedrich II., der in Italien weilte. Ihr Vater hatte darüber gesprochen. Als sie an ihre Eltern dachte, wurde sie wieder traurig und eine Träne schlich sich aus dem Augenwinkel. »Nanu, was ist los?«, fragte Hannes besorgt.

»Ach nichts. Ich habe an meine Eltern gedacht, die vorgestern zu Tode kamen. Ich habe das noch nicht verdaut.« Erschüttert von der Aussage des Mädchens legte der junge Knecht eine Hand auf Rosalies Schulter. Sofort zuckte sie zurück. »Fass mich nicht an, bitte«, sagte sie zornig. »Entschuldigung«, flüsterte der Junge und schlug die Augen nieder. Sie hörten, wie nach ihnen gerufen wurde. Hannes forderte Rosalie auf: »Jetzt aber los, wir haben genug Zeit vertrödelt. Ich habe Bärenhunger, du nicht?«

Sie ließen Albricht mit den Ziegen zurück. Trude hatte ihm eine Vesper mitgegeben. Sie rannten zurück zur Burg, er würde am Abend die Tiere in den Stall bringen. Als sie zum Essensraum kamen, war das Gesinde mit dem Frühstück fast fertig. Zum Glück hatte Trude jedem von ihnen eine Schüssel Haferbrei mit Honig und einen Becher Milch aufgehoben. Rosalie lernte nun die Handwerker und Knechte kennen und fand sie alle sehr nett. Außer Trude und ihr gab es nur drei weitere Mägde. Die Frauen von Schmied, Zimmermann und Steinmetz waren zugegen und stellten sich vor. Wie Rosalie erfuhr, waren sie für die Kleidung aller Burgbewohner zuständig. Hungrig aß sie das köstliche Mahl auf. Dann musste sie Trude bis zum Mittagessen in der Küche helfen. Nachmittags war sie erneut mit Hannes verabredet. Er zeigte ihr die Ställe. An der Ringmauer entlang befanden sich außerdem das Gesindehaus und die Werkstätten. Daran angrenzend waren die Wohnstätten der Ritter. Einige saßen in der Sonne und säuberten ihre Waffen. Sie grüßten das Mädchen freundlich. Gerhard, rief sie zu sich. »Na, Mädchen, hast du dich schon eingelebt?«

»Ja, es gefällt mir. Hier gibt es viel Arbeit, das lenkt mich ab.« Gerhard nickte verständnisvoll. Neben den Pferden gab es Hühner und Enten zu versorgen. Vier Schweine und acht Kühe rundeten die Tierschar ab. Rosalie half, die Ställe auszumisten und die Futtertröge zu füllen. Dann wurde es Zeit für das Abendbrot. Die Sonne stand tief am Horizont. Ein arbeitsreicher Tag auf Burg Schwalenbricht war vergangen. Trotz allem hatte es Rosalie Freude bereitet. Die Menschen waren freundlich zu ihr und betrachteten sie als vollwertiges Mitglied. Dankbar dachte sie an den Grafen. Gut, dass er mich gefunden hat, dachte sie, ehe ihr müde die Augen zufielen. In der Nacht wachte sie schweißgebadet und schreiend auf. Ein Albtraum hatte sie heimgesucht. Trude, die Rosalies Schreie gehört hatte - ihr Schlafgemach war direkt hinter der Küchenmauer - war bei ihr und tröstete das verstörte Mädchen. Sie hatte vom Grafen erfahren, was Rosa durchgemacht hatte, und ihre Achtung vor ihr war gestiegen. Mitleidig wiegte sie das Kind, bis es wieder eingeschlafen war. Ein paar Stunden später begrüßte der Hahn einen neuen Tag.

Die Wochen vergingen. Erste Herbststürme fegten über das Land. Die Ernte war eingefahren, doch da zur Burg einige Obstwiesen gehörten, mussten Äpfel, Birnen und Pflaumen verarbeitet werden. Alle Frauen der Burg halfen dabei. Rosalie saß mit ihnen in der Küche und putzte die Früchte, als Hannes hereinstürmte: »Trude, Albricht liegt im Stall, es geht ihm schlecht. Er ist ganz heiß und stöhnt nur«, sagte er aufgewühlt.

Trude ließ ihr Messer fallen und sprang auf. »Rosa, lauf zum Vogt. Er soll dir die Kiste mit den Kräutern geben, die bringst du mir. Ich bin bei Albricht im Stall.«

Rosa rannte, so schnell sie konnte. Trude hatte ihr erzählt, dass sie den Sommer über viele Heilkräuter gesammelt hatte. Als ein Bader die Burg vor ein paar Jahren besuchte, verriet er der Köchin, welche Pflanzen notwendig waren, um die gängigsten Krankheiten zu lindern. Manchmal war Eile geboten, denn bis Hilfe aus der Stadt kam, hätte der Tod längst zugeschlagen.

Peter gab ihr eine große Kiste, in der die getrockneten Pflanzen ordentlich gestapelt lagen. Rosalie hielt ihre Nase daran und sog den würzigen, aromatischen Duft ein. Sie entdeckte Kamille, Fenchel und Pfefferminze. Die anderen waren ihr unbekannt. Einige stanken erbärmlich und kitzelten in der Nase. Sie musste kräftig niesen. Dann hielt sie die Kiste von ihrem Körper fern und wandte den Kopf zur Seite. Inzwischen war sie im Stall angelangt und sah den alten Knecht im Stroh liegen. Trude kniete bei ihm. Sie hatte sich Wasser bringen lassen und rieb ihm sanft das Gesicht ab.

Rosalie stellte die Kiste neben sie. Hannes stand mit den anderen Knechten im Hintergrund und wartete auf Anweisungen. »Hier, Trude, deine Kräuter. Was glaubst du, was ihm fehlt?«

»Er hat sich verkühlt. Sein Atem geht schwer und er hat Fieber. Ein Lindenblütentee und ein paar Tage Ruhe, dann ist er wieder auf den Beinen«, antwortete die Köchin. »Hannes, du bringst ihn mithilfe der anderen ins Gesindehaus und kommst so schnell wie möglich wieder. Ich werde ihm den Tee kochen, den du ihm einflößen wirst. Es ist schon spät, gleich wird es dunkel und das Abendessen muss vorbereitet werden. Rosa, du hilfst, die Tiere zu füttern. Wenn morgen der Sturm vorbei ist, können sie wieder auf die Weide. Ich bespreche mit dem Vogt, wie wir die Arbeit neu verteilen werden.«

Am nächsten Morgen war die Sonne wieder da, der Sturm hatte sich verzogen. Die Tage waren noch angenehm warm und Rosalie freute sich darauf, ein paar Stunden mit den Tieren auf der Weide zu verbringen. Trude würde eine der anderen Mägde zur Hand gehen. Hannes brachte sie hin und sollte sie abends wieder abholen, so hatte es Peter befohlen. Wolf, den Wachhund, hatte sie zum Schutz bei sich. Die Schafe und Ziegen grasten friedlich vor sich hin. Rosalie kuschelte mit den Osterlämmern, die inzwischen eine beachtliche Größe erlangt hatten. Ihre geliebten Ziegen wichen ihr auch nicht von der Seite, nur der Bock beschnupperte die weiblichen Schafe interessiert. Trude hatte ihr einen Korb mit kaltem Haferbrei und etwas Wasser mitgegeben. Als die Sonne hoch am Himmel stand, griff sie hungrig zu und fand es mehr als köstlich. An der Luft schmeckte es einfach am besten.

Plötzlich hörte sie Stimmen. Sie sah den Müller mit seinem Fuhrwagen Richtung Burg rollen. Er war nicht allein, zwei Burschen begleiteten ihn. Einer der Jungen sprang ab und bewegte sich auf das Mädchen zu. Er winkte freundlich, während er immer näherkam. Was will er von mir, fragte sich Rosalie. Ängstlich schaute sie in Richtung des Burgtores. Die Wachen waren nicht zu sehen. Sie konnten Rosalie nur erkennen, wenn sie um die Ecke schauten, denn die Wiese lag außerhalb ihres Blickwinkels. Ach was, schalt sie sich, wenn er zum Müller gehört, wird er mir nichts antun. Inzwischen war der junge Mann nur ein paar Schritte von ihr entfernt, und Wolf begann zu knurren. »Einen schönen Tag, ich bin Diether und der Sohn des Müllers. Wolf, erkennest du mich nicht mehr?«, redete er auf den Hund ein. Wolf jaulte auf, dann sprang er an dem Jungen hoch. »Na siehst du, so ist es recht«, beruhigte ihn der Müllerssohn, während er ihn streichelte. Dann wandte er sich wieder der Magd zu. Rosalie sagte nichts, sondern fixierte ihn mit strengem Blick. »Du bist also die neue Magd. Mein Vater hat mir von dir erzählt. Warum schaust du so böse?«

»Ich bin Rosalie und schaue wie ich will«, antwortete sie trotzig. Der Junge hatte etwas an sich, was sie beunruhigte. Er war älter als sie. Sein helles, kurzes Haar war ungepflegt und seine Kleidung schmutzig. Seine spitze Nase und die schrägen Augen verliehen ihm das Aussehen eines Raubvogels. Er hielt seine Arme vor der Brust verschränkt und blickte arrogant auf sie herab, denn er war einen Kopf größer als sie. »So, so, frech bist du nicht, was? Alle reden über die neue hübsche und fleißige Magd von Burg Schwalenbricht, da wollte ich mir selbst ein Bild machen.« Er hatte die beschreibenden Worte besonders betont, was Rosalie wütend machte. »Du bist genau das Gegenteil, hässlich und faul, wenn du hier herumstehen kannst. Scher dich zu deinem Vater, der braucht sicher Hilfe.« Sie drehte sich um und ging zu ihrem Ziegenbock, der etwas weiter entfernt im Gras lag. Der Junge lachte frech, dann machte er sich auf zur Burg.

»Wir sehen uns wieder, das verspreche ich dir«, rief er rückwärtsgehend, drehte sich und verschwand im Laufschritt.

Was bildete sich der Kerl nur ein? Das nächste Mal rufe ich die Wachen, dann kann er was erleben, dachte das Mädchen grollend und trieb die Herde zusammen. Am Abend erzählte sie Trude davon. »Ach Kind, das ist ein dummer Kerl, große Klappe, nichts dahinter. Der Müller sucht verzweifelt eine Frau für ihn. Er dachte wohl, du wärst die Richtige. Mach dir nichts daraus, der beruhigt sich wieder.« Rosalie hatte verstanden, was die Köchin sagte, doch glauben, dass er sie in Frieden ließe, konnte sie nicht recht.

In der Nacht hatte das Mädchen wieder einen Albtraum. Sie träumte davon, wie Diether sie würgte, und sie bekam keine Luft. Hechelnd und schnell atmend wachte sie auf. Sie zitterte und ihr Körper war schweißgebadet. Jäh kamen ihre Erinnerungen zurück. Sie stand auf, holte sich etwas Wasser und versuchte, sich zu beruhigen. Da sie nicht mehr einschlafen konnte, entfachte sie das Feuer und begann die Milch für den Grafen zu kochen. Er sprach nicht viel am Morgen, doch Rosalie freute sich jedes Mal, wenn sie ihn zu Gesicht bekam. Er hatte sie gerettet und würde sie immer beschützen.

Albricht erholte sich langsam und Rosalie nahm ihre normalen Tätigkeiten auf. Die Tage wurden kälter und ungemütlicher. Das Leben auf der Burg wurde ruhiger, aber nicht einfacher. Immer wieder erkrankte einer der Knechte und die Arbeit wurde neu aufgeteilt. Das Mädchen verbrachte die meiste Zeit in den Ställen, dort war es schön warm. Als eine der Ziegen trächtig war, übernachtete Rosalie sogar im Stall. Sie hatte sich ein Strohlager gebaut und schlief mit dem Rücken an das Tier geschmiegt. Jederzeit war es möglich, dass die Geburt ihren Anfang nahm. Die Sorge darüber verdrängte ihre Ängste. Seit Längerem war kein böser Traum aufgetreten. Sie hatte einen leichten Schlaf und wenn ein ungewöhnliches Geräusch auftauchte, war sie hellwach. Die Pferde wieherten und waren unruhig. Wahrscheinlich war ein Gewitter im Anzug. Der Stall wurde vom Mondlicht etwas erhellt. Plötzlich sah sie einen Schatten am Fenster vorbeihuschen. »Hannes, bist du das?«, flüsterte sie in die Dunkelheit. Sie erhob sich langsam und lauschte. Nichts war zu hören. Sie wartete zwei Minuten, dann legte sie sich wieder hin. Vielleicht war der Schatten nur Einbildung gewesen, tröstete sie sich. Gerade als sie die Augen geschlossen hatte, spürte sie die Nähe eines Menschen. Sie wollte aufspringen, doch jemand zog sie zu Boden. Eine schwielige Hand presste sich auf ihren Mund, der Schrei, den sie ausstieß, erstickte im Nu. Sie drehte und wand sich in dem Zangengriff, doch der Angreifer hielt mühelos dagegen. Er roch nach Schweiß und Mist. Mit der freien Hand versuchte er, ihr unter das Kleid zu greifen, seine Absichten waren eindeutig. Das Mädchen sammelte alle Kräfte und wollte ihn wegstoßen. Die trächtige Ziege begann zu meckern, und die anderen fielen sogleich mit ein. Sie wurden so laut, dass der Angreifer das Mädchen losließ und flüchtete. Eine Minute später stand Hannes mit einer Fackel in der Hand in der Stalltür.

»Rosalie, ist alles in Ordnung?« fragte er. Als er besorgt näherkam, sah er die weinende Magd am Boden liegen. Ihr Kleid war zerrissen und gab den Blick auf ihr nacktes Hinterteil frei. Er stellte die Fackel in die Vorrichtung an der Wand und trat beschämt zu ihr. Vorsichtig bedeckte er ihre Blöße. »Was ist passiert, sag, wollte dich jemand belästigen?« Das Mädchen zitterte und regierte nicht. Hannes wusste nicht, was er machen sollte. »Rosa, bitte, ich kann dich jetzt nicht allein lassen. Wir müssen den Vogt wecken und ihm alles erzählen. Ich helfe dir, aber du musst selbst aufstehen und mitkommen.«

Das Mädchen hörte die Worte des Knechts, doch der Schock über das Erlebte saß tief. Als Hannes sie berührte, zuckte sie zusammen und schrie. Von dem Schrei geweckt stand Albricht plötzlich im Stall. Er erfasste die Situation sofort und rannte zum Palas. Kurze Zeit später war die gesamte Burg auf den Beinen. Sie hatten Rosalie in den Rittersaal gebracht und mit heißem Tee versorgt. Die Ritter suchten das Gelände ab, ob irgendetwas Verdächtiges zu finden war. Bis jetzt konnte das Mädchen noch nicht sprechen. Erst als der Graf auftauchte, begann sie zu erzählen. »Ein Mann wollte mich vergewaltigen. Er hat mich überwältigt, ich hatte keine Chance, mich zu wehren. Bevor es zum Äußersten kam, tauchte Hannes auf, weil die Ziegen so laut gemeckert haben«, erklärte sie stammelnd. Erschüttert trat der Graf zu ihr. »Das Tor war geschlossen, die Wachen haben nichts Ungewöhnliches bemerkt. Meine Ritter suchen das Gelände ab. Von unseren Leuten war es niemand, dafür halte ich meinen Kopf hin. Wir werden den Übeltäter finden und dann Gnade ihm Gott«, sagte er ärgerlich. Das Kind tat ihm leid. Es hatte genug erlebt. Dass so etwas auf seiner Burg geschehen war, war unverzeihlich.

Es verging eine halbe Stunde, dann hörten sie die Ritter rufen. Alle, bis auf Rosalie und Trude, stürmten auf den Burghof. Sie hielten einen Jungen an den Haaren und hatten ihm die Hände gefesselt. »Das ist Karl, der jüngste Sohn des Müllers«, sagte Gerhard wütend. »Ich habe ihn im Heu gefunden.«

»Was tust du hier, du Taugenichts?«, fragte Dederich aufgebracht. »Er hat mich heute besucht, aber er ist vor dem Abendbrot gegangen«, antwortete stattdessen einer der Knappen kleinlaut. »Anscheinend nicht. Hast du unsere Magd belästigt? Sag die Wahrheit, oder ich lasse dich sofort köpfen«, warnte der Graf. Der Junge schaute schuldbewusst zu Boden, dann brach es aus ihm heraus: »Ich wollte ihr nur einen Schrecken einjagen, weil sie so frech ist. Das hat mir mein Bruder erzählt. Er wollte es selbst tun, doch das wäre zu auffällig gewesen. Außerdem kriegt er immer die besseren Mädchen, da wollte ich ihm zuvorkommen.«

»Was hat Rosalie mit dem Müllerssohn zu schaffen? Holt sie her, ich will wissen, woher sie ihn kennt«, rief Dederich. Trude trat mit Rosalie am Arm auf den Hof heraus und das Mädchen schaute sich den Burschen genau an. Er sah aus wie Diether, nur jünger und seine Haare waren braun.