Die Magie von Pax - Sarah Nicola Heidner - E-Book

Die Magie von Pax E-Book

Sarah Nicola Heidner

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Beschreibung

Die sechzehnjährige Sofia Winters lebt in einer Welt voller Magie in der Stadt Pax, in der ein Ständesystem herrscht. Die Kasten der Blaukutten, Schwarzkutten und Rotkutten leben in Pax streng getrennt. Schon die Kinder werden, sobald sich herausgestellt hat, welche Art von Magie ihnen gegeben ist, in getrennten, sogenannten Schülerhäusern erzogen und ausgebildet. Dabei ist Sofia, die seit ihrem sechsten Lebensjahr im Schülerhaus der Rotkutten lebt und unterrichtet wird, eine Außenseiterin, denn sie ist scheinbar die Einzige, die keinerlei magische Fähigkeiten besitzt. Mit ihrer Rolle als Außenseiterin hat sie sich abgefunden und hat – wie alle anderen – Freunde und Feinde gefunden. Mit dem Erreichen des 16. Lebensjahres kommt für die jungen Kutten der gesellschaftlich und für ihre weitere Entwicklung entscheidende Moment: die Zuweisung zu einem Mentor, der sich der Ausbildung, die sich insbesondere der magischen Fähigkeiten der jungen Kutten widmet, annimmt. Deshalb stößt es auf allgemeines Unverständnis unter den Rotkutten, dass Sofia dem Leiter des Schülerhauses der Rotkutten, Yu Weiß, als Schülerin zugewiesen wird. Schon bald wird deutlich, dass hier irgendetwas nicht stimmt, denn Yu Weiß konfrontiert Sofia mit Kenntnissen, die für eine magisch nicht begabte Kutte ohne Bedeutung sein müssen.

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ähnliche


Sarah Nicola Heidner

Die Magie von Pax

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto: Woman in white © Sergey Nivens - Fotolia

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Für meine Eltern – danke!

Der ungerechteste Frieden

ist immer noch besser

als der gerechteste Krieg

Marcus Tullius Cicero

Kapitel 1

»Der letzte Schultag. Irre, dass es jetzt soweit ist«, sagte Bea und schüttelte fassungslos den Kopf. Gedankenverloren spießte ich ein Salatblatt auf meine Gabel und schob es mir in den Mund. »Hm«, machte ich. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schülern, wie auch meiner besten Freundin Bea, hatte ich diesem Tag immer mit Schrecken entgegen gesehen. Ich weiß nicht, ob Bea es einfach nicht mehr wahrnahm, oder ob sie sich damit abgefunden hatte, dass ich eine Außenseiterin, ein Freak, war. Ich war ihr unendlich dankbar, dass sie meine Freundin war. Es war zwar nicht so, als würden mich alle in der Schule hassen, aber hinter meinem Rücken verspotteten sie mich dann doch.

Noch sehr gut konnte ich mich an die siebte Klasse erinnern. Ich saß gerade auf der Toilette, als ich meine (damalige!) Freundin Isabell mit ein paar anderen Mädchen hereinkommen hörte. »Warum gibst du dich eigentlich mit Sofia ab?«, fragte eines der Mädchen. »Nun ja, sie ist ein Freak«, sagte Isabell mit ihrer arroganten Stimme (ich weiß nicht, warum ich überhaupt mit ihr befreundet gewesen war). »Aber sie kann auch ganz lustig sein. Wie dem auch sei, in der zehnten Klasse werde ich sie sowieso fallen lassen. Im Moment ist sie mir noch ganz nützlich, denn sie ist wirklich klug und man kann hervorragend von ihr „lernen“. Seid ihr jetzt fertig mit Schminken? Ich muss von unserem Freak noch Geschichte abschreiben.«

Na ja, auf jeden Fall war seitdem nur noch Bea meine Freundin, und alle anderen mieden mich. Ich war ja schon froh, dass ich die zehnte Klasse überstanden hatte. Aber als ich an den heutigen Abend dachte, fing mein Magen an, verrückt zu spielen. »Ist irgendetwas, Sofia?«, fragte Bea. Ich schüttelte den Kopf, dann beschloss ich aber, ihr die Wahrheit zu sagen.

»Ihr alle freut euch so auf die Mentoren, die euch in eurer Magie unterrichten und diese fördern«, sagte ich leise und schaute mich in der Mensa um. An allen Tischen saßen die Oberstufenschüler mit einem breiten Grinsen im Gesicht, freuten sich auf den heutigen Abend – die jüngeren Schüler hingegen schauten die älteren neidisch an.

Bea nickte mitfühlend, sagte aber nichts. Was sollte man darauf auch erwidern? Jeder in unserer Stadt Pax hatte Magie, und sei es auch nur die Fähigkeit, Gegenstände zu bewegen, wie die Rotkutten sie hatten, zu denen alle Schüler hier im Schülerhaus zählten. Die Rotkutten beherrschten zwar nur die rangniedrigste Magie, aber dennoch wünschte ich mir jeden Tag (und eigentlich auch jede Nacht), eine von ihnen zu sein. Als meine Schulwahl angestanden hatte, wurde ich einfach auf eine Rotkuttenschule gesteckt. Wahrscheinlich, weil ich denen am ähnlichsten war. Aber alle Schüler hier hatten nun mal Magie, einige konnten vielleicht auch Gebäude verschieben, andere nur Bücher oder Stifte. Aber sie alle waren der Telekinese mächtig. Sie alle konnten etwas, im Gegensatz zu mir. Sie alle hatten Magie – und ich nicht.

»Sofia, du bekommst heute doch auch einen Mentor«, sagte Bea tröstend und biss herzhaft von ihrer Pizza ab. »Ja, und derjenige wird sich auch sehr freuen, jemanden ohne Magie unterrichten zu dürfen«, sagte ich sarkastisch. »Mentoren sind dazu da, die Magie der jeweiligen Schüler auszubilden, damit diese später einen zu ihnen passenden Beruf erlernen können. Aber was soll der Mentor denn schon mit mir machen?«

Ich sollte mich beruhigen. Dadurch, dass ich mal wieder wütend auf mich selbst wurde, bekam ich auch keine Magie. Bea seufzte nur und schaute mich dann aus ihren großen, blauen Augen lieb an. (Das war der Grund, weshalb ich ihr niemals einen Wunsch abschlagen konnte.)

»Wir ziehen uns jetzt gleich um, und dann werden wir unsere Eltern abholen, okay?« Schon wieder ein Grund, weshalb ich mich eigentlich in meinem Bett verkriechen und den Abend verschlafen sollte – das Verhältnis zwischen meinen Eltern und mir war sehr … gespannt (eine nette Umschreibung dafür, dass es ihnen scheiß egal war, was ich machte).

Bea und ich brachten unsere Tabletts weg und liefen dann die breite Wendeltreppe nach oben zu den Schlafräumen. Die Flure waren schmal und grau, an den Wänden blätterte die Farbe ab und die Nummern auf den Türschildern waren schon lange nicht mehr zu erkennen. Das lag daran, dass die Blaukutten, die mächtigsten aller Magier (sie konnten die Elemente beherrschen!), das meiste Geld verdienten und natürlich für sich ausgaben (Idioten).

Beas und mein Zimmer war sehr klein und einfach eingerichtet. Es gab zwei Holzbetten, einen großen Schreibtisch, den wir uns teilen mussten – der deshalb auch ziemlich chaotisch aussah – und einen alten Schrank, dessen linke Tür vor Jahren einmal herausgefallen war, sodass jetzt jeder, der unser Zimmer betrat, als erstes unsere Schlafanzüge sehen konnte (nicht, dass uns – besonders mich – sehr viele besuchen würden).

Bea hatte darauf bestanden, dass ich auch ein Kleid anziehen musste. Sie sah aus wie ein Engel, in ihrem roten Kleid, das perfekt zu ihren Augen passte. Ihre blonden, lockigen Haare fielen ihr sanft auf die Schulter. Ich lächelte sie an. Mein Kleid war ebenfalls rot, weil die Rotkutten nicht nur im Beruf oder in der Schule rot trugen, sondern sich auch meistens im Alltag auf diese Farbe beschränkten. Ich hatte das Kleid selbst ausgesucht, weil ich nicht auffallen wollte – und nicht, weil ich mich wirklich den Rotkutten zugehörig fühlte. Tatsächlich sah ich sehr unauffällig aus, als Bea und ich uns im Spiegel in unserem kleinen Badezimmer betrachteten. Das Kleid passte zu meinem dicken, schwarzen Haar, und meine dunklen Augen funkelten gefährlich (okay, ich wusste, warum mich alle für einen Freak hielten. Nicht nur, dass ich keine Magie hatte, ich sah auch noch aus wie ein Freak). Hoffentlich würden die Schüler heute mit ihren Eltern lieber über die Mentoren, die sie bekommen würden, reden, und nicht über den magielosen Freak an ihrer Schule.

»Bereit?«, fragte Bea und öffnete die Tür. Auf dem Flur standen rotgekleidete Schüler in Gruppen zusammen, hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich aufgeregt über den bevorstehenden Abend. Während sie jedoch von Freude erfüllt zu sein schienen, krampfte sich mein Magen bei dem Gedanken an die Mentoren und meine Eltern zusammen.

»Nein, kein bisschen«, ich schüttelte den Kopf und folgte Bea nach draußen.

Bea und ich mischten uns unter die Schülermenge, die in Richtung Eingangshalle strömte. In der riesigen Halle angekommen, löste sich die Menge auf und die Schüler liefen kreischend auf ihre Eltern zu, die sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatten. Überall lagen sich Familien in den Armen und der Lärmpegel stieg von Minute zu Minute an, weil immer mehr Schüler ihren Eltern hysterisch schreiend um den Hals fielen. Mein Magen zog sich zusammen und ich klammerte mich an Beas Arme.

»Ich geh dann mal«, sagte sie leise zu mir und begrüßte ihre Eltern, die mich mit einem abschätzigen Blick bedachten. Natürlich wollte niemand, dass ihre Tochter mit mir befreundet war. In diesem Moment sah ich meine Eltern, eine kleine Frau mit rötlichen Haaren und den dicken Mann neben ihr. Zögerlich machte ich ein paar Schritte auf sie zu und der Mund meiner Mutter verzog sich sofort.

»Hallo Sofia«, sagte sie kühl, mein Vater schwieg.

»Äh … Hi«, sagte ich vorsichtig.

»Wir haben gehört«, meine Mutter senkte die Stimme, »dass du trotz deiner fehlenden Magie einen Mentor bekommst. Ist das wahr?« Ich nickte mit trockenem Mund. Wie ich die Gespräche mit meinen Eltern hasste! Sie arbeiteten beide als Zaubertrankmischer, kein besonders angesehener, aber auch kein schlechter Beruf. Rotkutten hatten allgemein nicht viele Aufstiegsmöglichkeiten.

»Nun denn, hoffen wir, dass er dir ein bisschen helfen kann. Hast du dich übrigens schon einmal umgesehen wegen deines Berufes? Ich schätze mal, du wirst in einer Familie das Hausmädchen spielen können. Ich habe gehört, dass Familie Meier jemandem zum Putzen sucht, sie ist ja eine der angesehensten Rotkuttenfamilien. Es wäre wahrscheinlich die einzige Möglichkeit für dich, an ein bisschen Geld zu kommen. Was meinst du dazu, Sofia?«

Ich wollte das alles gar nicht hören, wollte meine Zukunft nicht im Blick haben. Vor allem wollte ich nicht, dass meine Eltern mir vorschrieben, was ich zu tun hatte.

»Ich habe noch zwei Jahre mit meinem Mentor«, sagte ich deswegen bestimmt. »Und außerdem bin ich sechzehn und sehr wohl in der Lage, mich alleine zu informieren.«

Wir schwiegen; es war ein unangenehmes Schweigen, das mich unruhig machte und den Blick senken ließ. Ich seufzte erleichtert auf, als der Direktor die Halle betrat und sofort auch alle anderen Gespräche verstummten. Yu Weiß war ein großer, schlaksiger Mann mit kurzen, braunen Haaren. Man munkelte, er sei eine Blaukutte, aber niemand wusste das genau. Ich glaubte, dass er mindestens eine Schwarzkutte wäre, die sehr viel mehr Macht als die Rotkutten hatten, aber noch nicht so viel wie die Blaukutten. Schwarzkutten gab es häufiger, sie machten etwa achtzehn Prozent der Bevölkerung aus, Blaukutten nur zwei. Der Rest waren Rotkutten. Allerdings waren Schwarzkutten böse und der Schulleiter schien mir sehr freundlich zu sein, also traf das vermutlich nicht zu.

»Die Mentoren sind nun bereit. Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Der Strom aus Eltern und Schülern führte uns aus der Halle hinaus durch die Mensa in unseren Saal, in dem alle Feiern abgehalten wurden. Die Bänke waren längs auf dem zerkratzen Boden verteilt aufgestellt; vorne auf der Bühne standen etwa dreißig Mentoren vor den geflickten, zugezogenen Vorhängen.

Meine Eltern und ich setzten uns in eine der letzten Reihen und warteten schweigend, bis Yu Weiß die Bühne betrat.

»Liebe Eltern, liebe Schüler«, begann er mit seiner sanften Stimme. »Schon wieder ist ein Jahr vorbeigezogenen und nun haben genau zweiunddreißig Schüler den zehnten Jahrgang hinter sich gelassen. Morgen schon wird der Unterricht der Mentoren beginnen. Ihre Kinder begeben sich nun auf den Weg der Entfaltung ihrer Kräfte. Das hat viel mir ihrer Magie, aber auch mit der geistigen Stärke jedes einzelnen zu tun. Was die Mentoren von den Schülern halten, ist sehr wichtig, auch für den späteren Beruf. Aus diesem Grund sind es sehr kluge Rotkutten, die sich unserer Schüler annehmen werden. Ich selbst habe die Mentoren dieses Jahr ausgewählt und auch ich bin dieses Jahr Mentor.«

Sofort tuschelten die Schüler in den Reihen vor mir. Jeder wollte Yu Weiß als Mentor haben, aber wahrscheinlich würde er die mächtigste Rotkutte meines Jahrgangs nehmen: Isabell.

Ich senkte den Blick und schlug unruhig meine Beine übereinander.

»Ich will euch, liebe Schüler, aber auch nicht zu sehr langweilen. Wenn ich eure Namen vorlese, begebt ihr euch bitte mit euren Eltern nach vorne auf die Bühne … Isabell Scheft!«

Ich hob wieder den Kopf und sah, wie Isabell mit erhobenem Kinn nach vorne lief, flankiert von ihren Eltern, und sich neben Yu Weiß stellte. Der erste Mentor in der Reihe trat vor, ein kleiner, stämmiger Mann mit einem etwas merkwürdigen Gesicht (es sah ehrlich gesagt aus, als wäre er gegen eine Wand gelaufen) und Isabell verbeugte sich vor ihm. Die Abfolge hatten wir vor ein paar Wochen mit unserer ehemaligen Klassenlehrerin geübt. Der Mann nahm etwas Wasser aus einer Schale, die Yu Weiß ihm reichte, und ließ drei Tropfen auf ihren Kopf herunterfallen.

»Im Name der Rotkutten«, sagte er und träufelte noch etwas Wasser auf ihren Kopf, »der Schwarzkutten«, drei Tropfen rieselten auf ihren Kopf, »und der Blaukutten. Isabell Scheft, wirst du mir gehorchen, um deine Magie zu entfalten? Wirst du mir Glauben schenken, was auch immer ich dir erzähle, und meiner Meinung vertrauen?«

Isabell nickte. »Ja, ich werde.« Die Menge klatschte, und Isabell und ihre Eltern setzten sich wieder, auf ihren Gesichtern prangte ein breites Grinsen.

Ich wusste, warum Isabell als erste nach vorne hatte gehen dürfen; sie hatte am meisten Magie, und bekam aus diesem Grund auch den ersten Mentor. Am Ende der Klasse zehn hatten wir eine Art Abschlusszeugnis erhalten, auf dem der Grad unserer Magie stand. Auf meinem Stand 0 (nachvollziehbar), Isabell hingegen hatte 17 Magiepunkte erhalten, Bea 9. 17 Magiepunkte waren für Rotkutten schon ziemlich viele, natürlich nichts gegen Blaukutten. (Ich hatte gehört, dass ihre Magie bis zu 86 Punkte erreichte!)

Es folgten ein paar Kutten aus meiner Parallelklasse, dann zwei Jungen aus meiner Klasse und Bea. Ich lächelte sie an, als sie nach vorne ging, so anmutig wie sie lief, konnte man es fast fliegen nennen. Ihr Mentor war eine große Frau, die verkniffen schaute und ihr so viel Wasser aufs Haar schüttete, dass es ihr in die Augen lief. Aber Bea grinste tapfer und zwinkerte mir zu, was ihre Eltern mit einem leichten, ungläubig Kopfschütteln quittierten. Je mehr Schüler aufgerufen worden, desto unruhiger wurden meine Eltern. Ich fragte mich wirklich, wieso. Ihnen war doch klar, dass ich die wenigste Magie von allen hatte (nämlich gar keine) und deshalb als Letzte aufgerufen werden würde.

Die Mentoren, die schon Schülern zugeteilt worden waren, verschwanden hinter dem Vorhang, sodass ich immer genau wusste, wie viele Mentoren noch übrig waren. Bald darauf stand nur noch Yu Weiß auf der Bühne. Das konnte nicht wahr sein! »Wir haben dieses Jahr ein besonderes Mädchen bei uns«, sagte der Direktor und ich schaute auf meine Füße. Bitte nicht, betete ich. Bitte sag es jetzt nicht!

»Sie hat keine Magie«, widersetzte Yu Weiß sich meiner stummen Bitte. In diesem Augenblick drehten sich alle Eltern um und starrten mich an. Meine Mutter rückte unauffällig (wie sie wahrscheinlich dachte) ein bisschen von mir weg. »Und die meisten Mentoren, die ich gefragt habe, wussten nicht, was sie sie lehren sollten. Aus diesem Grund werde ich mich ihrer annehmen.« Sofort entbrannte Protest, vor allem von den Eltern der ersten Schüler (angeführt natürlich von Isabells Mutter und Vater). »Warum unterrichten Sie denn nicht die Mächtigsten?«, brüllte Isabells Vater. Doch ein Blick von Yu Weiß brachte ihn zum Schweigen. »Kommst du nach vorne, Sofia Winters?«

Ich konnte ihre Blicke förmlich spüren, als ich nach vorne ging. Der Direktor lächelte mich leicht an. »Keine Magie ist auch eine Magie«, sagte er leise, sodass nur ich es hören konnte, und hob die Schale. »Im Namen der Rotkutten, der Schwarzkutten und der Blaukutten. Sofia Winters, wirst du mir gehorchen, um deine ganz eigene Magie zu entfalten? Wirst du mir Glauben schenken, was ich dir auch immer erzähle und meiner Meinung vertrauen?« Das Wasser, das er auf meinen Kopf träufelte, machte mich merkwürdig ruhig und ließ mich die ganzen empörten und teilweise auch entsetzten Gesichter, die in diesem Moment zu mir hochstarrten, vergessen.

Ich nickte. »Ja, ich werde.«

Meine Eltern verschwanden als erste. Kaum waren sie weg, verkroch ich mich in meinem Zimmer, um den wütenden Blicken meiner Mitschüler und den Eltern zu entgehen, die sich noch im Saal versammelt hatten, um zu feiern und später in der Mensa zu essen. Natürlich waren auch Bea und ihre Eltern dort geblieben, sodass ich mich in mein Bett kuschelte und meinen Gedanken nachhing. Ich versuchte mich zu beruhigen, aber je mehr ich es versuchte, desto zorniger wurde ich. Gönnte mir denn niemand auch nur einen kleinen Triumph? Gönnte mir niemand eine Ausbildung?

Mir schnürte es die Luft zu und ich öffnete das Fenster, um ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen. Draußen stürmte es, was es eigentlich sehr selten tat. Das Wetter war beständig und obwohl wir Spätherbst hatten, war es nicht viel kühler als im Sommer und ich nahm auch nicht an, dass die Temperaturen bis zum Winter besonders weit fallen würden.

Der Wind fegte mir ins Gesicht und ließ meine Haare hinter mir tanzen. Ich genoss die kühle Luft, die ins Zimmer wehte und begann mich zu beruhigen. Sollten meine Mitschüler und von mir aus auch deren Eltern doch reden. Ich hatte einen Mentor – wahrscheinlich einen der besten. Ich blieb noch einen Moment am Fenster stehen, so lange, bis sich der Sturm langsam legte. Ich beschloss, nicht zum Abendessen zu gehen. Beas Eltern würden noch da sein und mit ihnen wollte ich bestimmt nicht essen. Ich konnte mich ja immer noch nachts runter schleichen, bei so etwas hatte ich eine gewisse Routine. Das erste Mal war ich auch wegen der ersten Stunde der Mentoren aufgeregt und verspürte nicht nur die gewöhnliche Angst. Yu Weiß war der einzige, der mich bisher normal behandelt hatte (und ich spreche nicht nur von Schülern, sondern auch von Lehrern). Vielleicht würden die nächsten zwei Jahre doch nicht so schlimm werden.

Bea kam erst am späten Abend in unser Zimmer. »Lass sie reden«, sagte sie nur. »Du hast echt Glück. Yu Weiß ist wirklich nett und meine Mentorin – Quandri – wirkt sehr streng.« Wir redeten nicht viel an diesem Abend, weil es nichts zu sagen gab. Morgen würde sich klären, wie das mit den Mentoren lief und ob die anderen Schüler mir meinen kleinen Erfolg noch übel nehmen würden.

Ich schlief nicht viel in dieser Nacht. Irgendwann lief ich nach unten in die Küche und nahm mir etwas Nachtisch. Ich war so häufig nachts essen gewesen, dass ich den Weg ohne Probleme im Dunkeln fand. Ich hasse es, wenn man weiß, dass man am nächsten Morgen ausgeschlafen sein muss, aber nicht einschlafen kann. So war das auch heute. Ich dachte gar nicht so viel über die Mentoren nach, eher über meine Eltern. Ich hatte gehofft, dass sie sich doch verändert hatten. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Vielleicht, dass sie mir sagten, wie sehr sie mich vermisst hatten. Immerhin hatten sie mich seit zwei Jahren nicht gesehen. Meine Eltern waren keine, die zu den Besuchertagen kamen wie Beas Mutter und Vater.

Manchmal fragte ich mich, ob das nur daran lag, dass ich keine Magie hatte. Ich konnte mich einfach zu wenig an früher erinnern, als es noch normal war, dass sich keine Anzeichen der Magie zeigten.

Ich wusste nicht, wann ich endlich eingeschlafen war. Irgendwann wachte ich jedenfalls von dem Geräusch der Dusche auf. Bea duschte jeden Morgen vor mir, und normalerweise liebte ich es, im Bett zu liegen und dem Rauschen des Wassers zu lauschen. Doch heute war ich viel zu nervös. Ich wusste nur, dass die Mentoren uns beim Frühstück abholen würden und wir auch Vormittags- und Nachmittagsunterricht haben würden.

Nachdem Bea und ich fertig waren, liefen wir nach unten in die Mensa. Die Schlange reichte mal wieder bis zur Tür. Ich stellte mich hinter einer Sechstklässlerin an und nahm mir ein Tablett. Wie immer konnten sich vorne manche nicht entscheiden und hielten alle anderen auf. Als wir endlich beim Buffet angekommen waren, nahm ich mir Müsli und Bea sich ein Brötchen, dann setzten wir uns an unseren Stammtisch ganz am Ende des Raumes an der Fensterseite.

Kaum hatte Bea einmal in ihr Brötchen gebissen, stand ihre Mentorin von ihrem Platz am Lehrertisch auf und kam zielstrebig auf sie zu.

»Du kannst mich Quandri nennen, Bea. Ich möchte anfangen. Folgst du mir bitte?« Mich ignorierte sie eiskalt. Nicht, dass ich so etwas nicht gewohnt wäre, die Lehrer waren da nicht viel besser als die Schüler. Bea schaute leidend auf ihr angebissenes Brötchen, stand dann aber auf und lächelte mir nervös zu.

»Viel Glück«, formte ich lautlos mit den Lippen, dann folgte Bea ihrer Mentorin Quandri aus der Mensa. Alleine aß ich mein Müsli auf und beobachtete, wie nach und nach alle älteren Schüler von ihren Mentoren abgeholt wurden, bis nur noch die Unter- und Mittelstufenschüler da waren, deren Unterricht erst um kurz nach neun Uhr begann.

Ich dachte schon, dass mich niemand mehr abholen würde, als Yu Weiß die Mensa betrat.

»Sofia, kommst du mit?«, fragte er und ich stand sofort auf. Wir gingen in einen leerstehenden Klassenraum, der nicht von den Klassen genutzt wurde. Yu Weiß setzte sich auf (ja, auf! Das machte ihn sehr sympathisch) das Lehrerpult und ich nahm auf der Fensterbank Platz. »Weißt du, was die Magie der Schwarzkutten ist?«, fragte er sofort ohne eine Art von Erklärung oder Einleitung á la »Ich bin jetzt dein neuer Mentor und erzähle dir erst einmal etwas von den Themen, die wir ansprechen werden.«

»Sie beherrschen die Nekromantie – Totenmagie. Aber niemand weiß wirklich, welche Magie sie haben. Die Schwarzkutten schotten sich sehr von uns ab«, sagte ich sofort und schauderte. Schwarzkutten waren gefährlich. Sie waren sehr mächtig, standen aber nicht, wie die Blaukutten, für Weisheit und Güte, sondern für List und Falschheit. Das war natürlich nicht fair, weil es natürlich auch miese, arrogante Blaukutten und nette Schwarzkutten gab, aber dennoch hatten die Schwarzkutten eben diesen Ruf – und auf die Mehrheit trafen die Eigenschaften List und Falschheit auch zu.

»Und ab welchem Jahr setzt die Magie bei Kindern ein?«

Ein heikles Thema für mich. »Ab sechs Jahren«, sagte ich leise. Ich wusste nicht, wie lange Yu Weiß mir Fragen stellte. Es gab allgemeine Fragen, dann bezogenen sie sich auch wieder auf ein bestimmtes Kraut oder eine Art von Magie. Irgendwann nickte er. »Du weißt wirklich viel, Sofia. Das ist eine gute Grundlage. Du fragst dich sicher, was ich mit dir machen werde, da du keine Magie beherrschst.«

Ich zuckte zusammen, aber er redete einfach weiter. »Wir werden hier natürlich viel Theorie machen, aber auch etwas anderes. Und ich muss dir das Versprechen abnehmen, darüber mit niemandem, wirklich niemandem, zu sprechen. In Ordnung?«

Verwirrt nickte ich. Was wollte er denn mit mir schon machen?

»Gut«, sagte er. »Denn ich werde dich ein bisschen auf das Leben vorbereiten. Ich möchte, dass du fragst, wenn du etwas nicht verstehst. Aber ich werde dir nicht sagen, warum wir bestimmte Dinge tun. Das bedeutet, dass du lernen musst, mir zu vertrauen. Du kannst jetzt zum Mittagessen gehen. Nach der Pause hole ich in deinem Zimmer ab.«

Sehr verwirrt machte ich mich auf den Weg zum Mittagessen. Bea saß schon an unserem Tisch und stocherte in ihren Nudeln herum.

»Sie ist schrecklich«, zischelte sie mir zu, als ich mich neben sie setzte und deutete mit dem Kopf in Richtung Lehrertisch. »Wir haben die ganze Zeit nur Gegenstände verrückt«, stöhnte sie. »Kein Wort hat Quandri gesagt. Kein Wort! Na ja, wie war es bei dir?«

»Yu Weiß hat die ganze Zeit Fragen gestellt«, sagte ich vorsichtig. »Ich bin mal gespannt, was wir beim Nachtmittagsunterricht machen.« Ich wollte Bea von den Andeutungen erzählen, aber ohne dass ich wusste, worum es überhaupt ging, machte es wenig Sinn.

Bea war wegen Quandri schlecht gelaunt und so gingen wir gleich nach dem Essen auf unser Zimmer und übten Gegenstände verschieben (Bea natürlich, ich feuerte sie nur an). Ich liebte es, wenn sie Kissen allein mit Gedankenkraft durchs Zimmer fliegen ließ und war mir sicher, dass Quandri stolz auf sie sein würde.

Quandri holte Bea als erstes ab, sie kam (ohne zu Klopfen übrigens!) in unser Zimmer und das Kissen, das Bea mir gerade ohne es zu berühren an den Kopf werfen wollte, segelte langsam auf halbem Weg zu Boden.

Quandri hob die Brauen. »Gut, dass du übst«, sagte sie gönnerhaft und nickte mit dem Kopf in Richtung Tür. Bea trottete ihr missmutig hinterher. Yu Weiß kam dieses Mal sehr kurz nach Quandri, um mich abzuholen – im Gegensatz zu ihr klopfte er jedoch höflich an, und stürmte nicht einfach in unser Zimmer.

Ich folgte ihm wieder in ein leeres Klassenzimmer. Kaum hatten wir den Raum betreten, als Yu Weiß sich ein Stück Kreide aus dem Behälter neben der Tür nahm und etwas an die Tafel schrieb:

1. Beobachten

2. Verstehen

3. Reagieren

Seine Schrift war ordentlich und gerade – was für Mentoren und Lehrer meiner Meinung nach sehr ungewöhnlich war. Die Schrift der meisten Lehrer, die ich in den letzten zehn Jahren gehabt hatte, konnte man in etwa so gut entziffern, wie mir Magie beibringen. Verwundert setzte ich mich auf einen der Tische in der ersten Reihe und ließ meine Füße baumeln. »Das«, sagte Yu Weiß, »ist sehr wichtig. Ich möchte, dass du dir das einprägst. Alles was du tust, sollte auf diesen drei Dingen beruhen. Du beobachtest etwas, erschließt, was passiert ist und reagierst angemessen.«

Ich runzelte immer noch verwirrt die Stirn, weil ich nicht wusste, was er mir damit sagen wollte. »Ich nenne dir ein Beispiel«, sagte Yu Weiß, der mir wohl ansah, dass ich ihn nicht verstand. »Angenommen, ich würde jetzt zusammenbrechen und Blut spucken. Du würdest sehen, was mit mir passiert, dann würdest du dich hoffentlich daran erinnern, dass vor allem Babaspilze eine solche Wirkung haben. Deine Reaktion wäre das Holen eines Krankenwagens. Verstehst du, was ich meine?«

Ich nickte langsam. Ja, ich verstand, was er meinte, aber ich wusste immer noch nicht, was er mir damit sagen wollte. Warum dachte er, dass so etwas gerade für mich wichtig wäre, mich aufs Leben, wie er gesagt hatte, vorbereiten würde?

»Nun, ich möchte, dass du das anwendest. Nicht nur bei alltäglichen Gelegenheiten, sondern überall. Wenn du etwas Merkwürdiges siehst, das du nicht verstehst, solltest du dir Informationen beschaffen, damit du es verstehst und anschließend reagieren kannst.«

Den Rest des Unterrichts redeten wir über Magie im Allgemeinen, wie sie sich auswirkte, wenn sie begann (beispielsweise litten viele sechsjährige, wenn sie ihre Magie bekamen, unter Schlafstörungen, Fieber und Kopfschmerzen).

Beas Mentorin Quandri war wohl genauso merkwürdig wie Yu Weiß.

»Sie meinte, ich solle Mentorin werden«, Bea tickte sich gegen die Stirn. Ich saß mit angezogenen Beinen auf dem Rand der Dusche, während Bea sich schminkte. (Sie hatte vor, Luis heute zu fragen, ob sie sich mal treffen wollten. Seit der achten Klasse waren die beide eines von diesen Fast-Paaren, bei denen man sich fragt, weshalb sie noch nicht zusammen sind.)

»Genau, ich. Sehr lustig. Morgen will sie mit mir in die Stadt fahren und ein paar Dinge besorgen, die wir bewegen können. Keine Ahnung, woran sie so denkt. Sessel vielleicht«, Bea grinste und steckte ihre Schminksachen wieder in ihre kleine Tasche zurück. »Und was habt ihr gemacht?«

Ich erzählte ihr von den drei Stichworten an der Tafel. »Ich hab das Gefühl, dass Yu Weiß ziemlich merkwürdig ist«, sagte ich. »Ob das gut oder schlecht ist – keine Ahnung.«

Bea schaffte es an diesem Abend tatsächlich, Luis zu fragen. Sie verabredeten sich für das Wochenende in einem Restaurant in der Stadt (was natürlich nicht erlaubt war) und Bea vergaß sogar ihren Ärger wegen ihrer Mentorin Quandri. Erst als wir in den Betten lagen, kamen wir wieder auf unsere Mentoren zu sprechen.

»Kopf hoch und Schultern raus, Bea«, ahmte Bea die Stimme ihrer Mentorin nach.

Ich musste lächeln. Ehrlich gesagt hatte ich mir das alles schlimmer vorgestellt. Meine Mitschüler beachteten mich immer noch so wenig wie früher – sie schienen den Ärger darüber, dass der Schulleiter mich unterrichte, über ihre erste Mentorenstunden wieder vergessen zu haben – und Yu Weiß war vielleicht ein Mentor mit vielen Merkwürdigkeiten, aber keineswegs mies oder nervig. Im Gegenteil – ich hatte das Gefühl, dass er sehr klug war.

Die nächsten Stunden mit Yu Weiß waren sehr interessant, auch wenn ich langsam aber sicher zu dem Schluss kam, dass er den letzten Schuss nicht gehört hatte. Wahnsinn und Klugheit lagen nun mal sehr nah beieinander. Bea war mit Mentorin Quandri nicht wirklich zufrieden und das besserte sich auch in den nächsten Tagen nicht. Ich lernte Quandri das einzige Mal kennen, als sie mit Bea so unzufrieden war, dass sie der Meinung war, beim Abendessen ihre Lehreinheit fortzusetzen zu müssen. Sie wirkte sehr arrogant und schien sich nur auf ihren Stoff zu konzentrieren, so wie sie Bea herumkommandierte.

Ich war so vollkommen mit Yu Weiß’ Arbeit (und seinen Hausaufgaben) beschäftigt, dass ich praktisch keine Zeit für andere Dinge fand.

Nachdem Luis und Bea ein paar Mal miteinander ausgegangen waren, saß er jetzt immer an unserem Tisch in der Mensa (was schon ein Fortschritt war).

Der Unterricht mit Yu Weiß wurde immer anspruchsvoller, ein paar Stunden konzentrierten wir uns total auf Heilpflanzen und die Woche darauf nur auf die Magie der Rotkutten.

»Natürlich ist die Magie bei jeder Kutte unterschiedlich«, erklärte Yu Weiß mir, während wir in einem der leeren Klassenräume saßen, »aber alle Rotkutten sind der Telekinese mächtig, das heißt, sie können Gegenstände bewegen. Die Schwächeren schaffen es vielleicht nur, eine Feder schweben zu lassen, aber die Besten können Häuser verschieben. Diese wenigen werden normalerweise Architekten.« Dann schauten wir uns Studien über die Magiepunkte der Rotkutten an, die ich mir einprägen sollte.

Ich dachte schon, dass das Leben so eigentlich doch ganz schön war, auch ohne Magie. Ich lernte wirklich viel von Yu Weiß, und auch wenn es anstrengend war, bis spät in die Nacht an Büchern oder Arbeitsblättern zu sitzen, interessierte es mich. Und, was fast das Wichtigste für mich war: Er behandelte mich wie eine normale Rotkutte.

Kapitel 2

Ein paar Wochen später folgte ich Yu Weiß nach dem Frühstück quer durch das ganze Schülerhaus (so nannten sich die Gebäude, in denen Schüler nach dem Entdecken ihrer Magie unterrichtet wurden).

»Warum gehen wir nicht wieder in einen leeren Klassenraum?«, fragte ich.

»Das wirst du sehen«, antwortete er nur. »Jetzt musst du dich an das Versprechen erinnern, das du mir gegeben hast.«

Ich kannte das Schülerhaus der Rotkutten nicht so gut, wie man einen Ort, an dem man fast die gesamte Zeit seines Lebens verbracht hatte, eigentlich kennen müsste. Das lag aber vor allem daran, dass ich es vermieden hatte, mit anderen Leuten durch die Korridore zu gehen, oder auch nur von anderen gesehen zu werden. Tatsächlich fiel mir auf, als ich gerade darüber nachdachte, dass ich eigentlich die ganze Zeit entweder in den Klassenzimmern, in der Mensa oder aber in meinem Zimmer verbracht hatte.

Schließlich drückte Yu Weiß eine Tür auf, und ich fand mich in einem Raum wieder, den man nur als eindrucksvoll beschreiben kann.

Der Raum (viel eher eine Art Saal) war riesig. Die linke Seite bestand nur aus Fenstern und das morgendliche Sonnenlicht spiegelte sich auf der gegenüberliegenden Wand des Raumes, an der die Statue stand. Natürlich hatte ich im Unterricht von den Göttern der verschiedenen Kutten gehört, aber als Nichtmagier hatte mich es nicht sonderlich interessiert. Die Götter waren sowieso nicht auf meiner Seite. Aber dennoch konnte ich nicht anders, als die Statue des Rotkuttengottes zu bewundern. Sie reichte fast bis zur Decke, und die langen, kräftigen Beine standen auf einem runden Plateau. Der Gott (ich konnte mich daran erinnern, dass er Armet hieß) hielt in der Rechten Pfeil und Bogen, das Zeichen der Rotkutten. »Du darfst auch nicht von diesem Raum erzählen, Sofia«, sagte Yu Weiß und riss mich aus meinen Gedanken. Ich wandte den Blick von der Statue ab und nickte. Obwohl ich keine Ahnung hatte, warum ich ihm diese Versprechen geben musste, vertraute ich meinem Mentor. Ich hatte nur auf die beeindruckende Statue geachtet, aber der Raum war nicht vollkommen leer. In der Mitte waren Matten auf dem glatten Mamorboden ausgebreitet, und an der Wand hingen Waffen. Fasziniert trat ich näher. Ich hatte noch nie solche Waffen gesehen, da man normalerweise seine Magie nutzte, sollte man angegriffen werden. Das dachte ich jedenfalls.

Der Großteil der Waffen waren Pfeil und Bogen, aber es gab auch lange Metallstäbe, die Yu Weiß »Lanzen« nannte, »Dolche« und »Schwerter«.

Nachdem ich mir die Waffen angeschaut hatte, setzten Yu Weiß und ich uns auf die Matten in der Mitte des Raumes.

»Wenn du kämpfst«, sagte er eindringlich, »kämpfst du nicht mit Magie, wie du vielleicht denkst. Die meisten nehmen das an, aber das liegt daran, dass sie noch nie wirklich gekämpft haben. Wenn man in einem Kampf Magie einsetzt, ist man viel zu schnell erschöpft und wird vielleicht sogar ohnmächtig und das ist das Letzte, was man sich vor einem Feind erlauben kann. Deshalb gibt es diese Waffen, die ich dir gerade benannt habe.« Yu Weiß stand auf, ging zu der Wand mit den Waffen und nahm eine in die Hand.

»Dolche sind Stichwaffen, die zur Waffenart der Messer gehören«, erklärte Yu Weiß. »Siehst du hier die Klinge? Sie ist zweischneidig, und etwa vierzig Zentimeter lang. Das Griffstück besteht hier aus Holz, es gibt aber auch weit bessere Modelle aus Jade oder Elfenbein.«

Es klingelte, die Mittagspause hatte begonnen. »Warum …«, fragte ich, »warum erzählen Sie mir das alles? Ich werde nie kämpfen, sondern irgendwo in einem Haushalt putzen oder etwas in der Art.«

Yu Weiß lächelte mich verständnisvoll an. »Allgemeinwissen«, sagte er sanft, aber ich glaubte ihm kein bisschen. Waffen oder auch nur Kämpfen hatte ganz sicher nichts mit Allgemeinwissen zu tun und das lag nicht nur daran, dass die anderen Mentoren den Schülern das nicht beibrachten.

Beim Mittagessen war ich sehr still, selbst für meine Verhältnisse, und das fiel auch Bea auf. »Alles in Ordnung?«, fragte sie leise, als Luis für uns Nachtisch besorgte, aber ich schüttelte den Kopf.

»Nur viele Hausaufgaben«, log ich und verdrehte die Augen. Ich wollte Bea von der Stunde mit Yu Weiß erzählen, aber ich hatte auch ein Versprechen gegeben. Hin- und hergerissen überlegte ich, ob ich Bea davon erzählen sollte und hatte mich gerade dafür entschieden, als Luis mit einem abwertenden Blick auf mich zwei Puddingschalen brachte und sie vor seinen und Beas Teller stellte. Bea sah mich entschuldigend an.

»Ich hab sowieso keinen Hunger, danke der Nachfrage«, versetzte ich und stand auf. An diesem Abend gingen Bea und Luis zusammen in die Stadt und ich legte mich auf mein Bett und versuchte die Lektüre über Pilze und Kräuter zu lesen, die Yu Weiß mir gegeben hatte. Aber immer wieder drifteten meine Gedanken ab, zu der Stunde mit Yu Weiß und den Fakten über Dolche. Ich wusste nicht wieso, aber ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache. Yu Weiß war niemand, der etwas ohne Grund machte. Und dass er mir Waffentraining gab, beunruhigte mich zutiefst. Vielleicht, überlegte ich, machte er das aber auch nur, weil ich keine Magie zu Verfügung hatte. Ich musste mich ja irgendwie verteidigen können. Allerdings – wovor sollte ich mich als Putzfrau verteidigen, etwa vor Putzlappen?

Ich konnte nicht einschlafen, und setzte mich deshalb an das Fenster. Draußen war nur der Mond zu sehen und er beleuchtete den gepflasterten Innenhof in einem sanften Licht. In diesem Moment sah ich einen Schatten, nur wenige Meter vom Haus entfernt, auf dem Boden kauern. Ich hätte ihn nicht gesehen, hätte der Mond nicht so hell geschienen. Vorsichtig rutschte ich vom Fensterbrett und schob meine Hand, ohne den Blick von der Gestalt zu lassen, zentimeterweise über die Wand, bis meine Finger den Lichtschalter ertasteten. Dunkelheit fiel über das Zimmer, sobald ich das Licht ausgeschaltet hatte. Da die Gestalt mich jetzt auch nicht mehr sehen konnte, sollte sie nach oben schauen, kletterte ich wieder auf das Fensterbrett. Ich konnte mir nicht vorstellen, was jemand vor dem Schülerhaus der Rotkutten wollte. Vielleicht vor einem der Blaukutten – wenn jemand von einer Blaukutte Goldstücke erpressen oder teure Bücher klauen wollte. Aber hier? Ich wusste nicht, was ich machen sollte, deshalb blieb ich einfach sitzen und beobachtete die Gestalt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann erhob sich die Gestalt, trat ein paar Schritte zurück und verschmolz mit der Dunkelheit. Mir lief ein Schauer über den Rücken, ohne dass ich genau sagen konnte, weshalb. Wahrscheinlich gab es eine natürliche Erklärung dafür, dass jemand in der Dunkelheit dort unten hockte, als ob er auf jemanden warten würde, nur um ihm gleich an die Kehle zu springen. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, welche.

Ich war noch wach, als Bea die Tür zu unserem Zimmer leise öffnete und im Bad verschwand. Mit geschlossenen Augen lag ich da und lauschte dem unregelmäßigen Rauschen unseres Wasserhahns. Immer wieder musste ich an den merkwürdigen Schatten unter meinem Fenster denken, und es war weit nach Mitternacht, als ich endlich einschlief.

Das Wochenende verbrachten wir wie immer; am Samstagmorgen lagen Bea und ich bis Mittag im Bett und aßen dann in der Mensa »Frühstück«. Danach zeigte Bea mir, wie sie Gegenstände verschob und wir gingen in die Stadt. Wir achteten sorgfältig darauf, nur in der Gegend der Rotkutten zu bleiben, wofür ich Bea dankbar war. Ich konnte diese riesigen Villen der Blaukutten einfach nicht ertragen, genauso wenig wie die blauen Funken Magie, die immer durch ihre Straßen zu fliegen schienen. Nachdem Bea sich neue Kleidung gekauft hatte, zog sie mich in ein Geschäft für Kräutertränke und Elixiere. Als wir durch die kleine Tür traten, klingelte eine Glocke und mir wehten die verschiedensten Düfte entgegen. Es war dunkel im Laden, und nur ein paar im Raum verteilt stehende Kerzen erzeugten ein Dämmerlicht. Überall standen Kessel und Töpfe herum, in denen wer weiß was blubberte. Bea grinste: Sie liebte diese Läden über alles. Ehrlich gesagt konnte ich mir gut vorstellen, dass Mischer ein guter Beruf für sie wäre.

Während sie mit der Mischerin im Laden fachsimpelte, (»Fünf Jahre alte Froschschenkel aus dem Sumpfteich! Eine Schande, dass er eingegangen ist. Aber wie viel kostet denn dieses Weißbuschkraut?«) drifteten meine Gedanken zu Yu Weiß’ merkwürdigem Unterricht und der Gestalt unter meinem Fenster ab.

Irgendwann (eine gefühlte Ewigkeit später!) zupfte Bea an meinem Ärmel und zog mich aus dem Laden in das gleißende Sonnenlicht, an ihrem Arm baumelten mindestens zehn Tüten, gefüllt mit kleinen Fläschchen und verpackten Kräutern.

Am Sonntag holte Yu Weiß mich schon kurz nach dem Frühstück ab. Wir gingen wieder in den Trainingsraum, wo er mir dieses Mal alles über Knauf, Parierstange, Klinge und Fehlschärfe erklärte. Ich hatte, als wir bei der Fehlschärfe angekommen waren, schon wieder alles über den Knauf vergessen.

»Ich möchte, dass du bald einmal kämpfen übst«, sagte mein Mentor am Ende der Stunde nebenbei.

»Moment! Was soll ich machen?!« Ich hoffte, mich verhört zu haben.

»Kämpfen üben«, wiederholte Yu Weiß ruhig. »Natürlich nicht mit mir«, er gluckste leise, »dafür bin ich ein bisschen alt. Morgen wirst du jemanden kennenlernen, der mir dafür geeignet scheint. Nach dem Mittagessen baue ich hier eine Zielscheibe auf, damit du mit Pfeil und Bogen schießen kannst«, erklärte er und hängte seelenruhig das Schwert, an dem er mir die Begriffe erklärt hatte, wieder zurück an die Wand.

Ich stolperte aus dem Raum und rannte den Weg zur Mensa zurück. Okay, es war an der Zeit, mein Versprechen zu brechen. Ich musste unbedingt mit jemanden darüber reden! Beim Mittagessen wich Luis Bea aber leider nicht von der Seite, und danach kam Mentorin Quandri, um Bea schon vor Ende der Pause wieder abzuholen. Luis verdrückte sich danach schnell, ohne auch nur ein Wort mit mir gewechselt zu haben. (Woran das lag, kann man sich denken.)

Auf jeden Fall schlenderte ich nach dem Ende der Pause gerade in Richtung des riesigen Raumes mit der Statue von Armet, als mir Isabell und ihre Freunde über den Weg liefen. Also noch beschissener konnte der Tag eigentlich nicht werden.

»Na, Freaki? Bist du auf der Suche nach deiner verschwundenen Magie oder was treibt dich hier her?« Isabell strich sich mit den Fingern durch die lange, braune Mähne.

Ich schüttelte den Kopf. »Lass mich einfach durch«, sagte ich bestimmt, aber sie und ihre drei Mitläuferinnen versperrten mir den Weg.

»Du gehörst wirklich nicht auf diese Schule«, sagte eine von Isabells Freundinnen, Lindsay, abfällig und lehnte sich demonstrativ cool an die Wand. Ich verdrehte die Augen, obwohl mir jedes ihrer Worte wie ein Messer ins Herz schnitt. Keine Ahnung, warum es mich nach all den Jahren immer noch so traf.

Nach weiterem abfälligen Gekicher und Spötteleien ließen sie mich endlich durch und ich rannte die Strecke bis zum Trainingraum – zu spät kam ich natürlich trotzdem. Aber Yu Weiß saß ganz entspannt auf einer der Matten, Pfeil und Bogen lagen in seinen ruhigen Händen und er schien zu meditieren. Langsam trat ich näher und er öffnete die Augen.

»Ah, Sofia. Wie geht es dir?«

Ich versuchte, meinem Gesicht einen neutralen Ausdruck zu geben und murmelte etwas Unverständliches.

Mein Mentor runzelte die Stirn, winkte mich aber heran, um mir den Pfeil und Bogen zu zeigen, die er in den Händen hielt. Der Bogen sah schlicht aus, war aus Eichenholz gemacht und eigentlich nicht wirklich besonders. Ich nahm ihn auf Yu Weiß´ Kopfnicken hin in die Hand und maß die Entfernung zu der runden Zielscheibe, die er an die Wand gehängt hatte, mit den Augen.

»Das sind mindestens zwanzig Meter«, empörte ich mich. »Ich habe das noch nie in meinem Leben gemacht.«

»Gerade deshalb sind es ja nur zwanzig Meter«, versetzte Yu Weiß und bedeutete mir mit einer Handbewegung, es einfach einmal auszuprobieren. Ich seufzte und kam zu dem Schluss, dass Yu Weiß wirklich verrückt war (nicht, dass ich das nicht schon vorher geahnt hatte).

Ich spannte den Bogen (was sich übrings ziemlich anstrengend war – morgen würde ich Muskelkater in den Armen haben) und ließ den Pfeil los. Er schoss direkt auf die Zielscheibe zu und blieb in einem der äußersten Kreise stecken.

Yu Weiß nickte zufrieden. »Noch mal.«

Ich verbrachte den gesamten Rest der Stunde, den Pfeil abzuschießen (und wieder zur Zielscheibe zu rennen, ihn zu holen, und zurückzulaufen). Als es klingelte, hängte mein Mentor Pfeil und Bogen wieder an die Wand.

»Sei morgen bitte ausgeruht«, sagte er zum Abschied.

Kaum hatte ich mich auf mein Bett gefläzt und eine Packung Kekse aus meiner Schultasche herausgezogen, (die ich aus der Mensa stibitzt hatte) als Bea in unser Zimmer stürmte. Ich wollte ihr eigentlich das ganze Du-Darfst-Nichts-Erzählen-Weil-Ich-Dich-Im-Kämpfen-Ausbilde und der schwarzen Gestalt unter unserem meinem Fenster erzählen, aber ich kam nicht dazu. Denn gerade hatte ich den Mund aufgemacht, (obwohl ich überhaupt keine Ahnung hatte, wo ich eigentlich anfangen sollte) als Bea wütend fauchte: »Quandri kann mich mal, ernsthaft! Fünf Bücher über Heilkunst! Wozu brauche ich denn das? Rotkutten können doch sowieso keine Ärzte oder Heiler werden, nur Helfer von diesen, und mich würde Mischer viel mehr interessieren, aber Quandri hört ja nicht auf mich.« Als sie mein nachdenkliches Gesicht sah, (schließlich wusste ich immer noch nicht, wie ich Bea am besten auf die ganze Geschichte ansprechen konnte) schaute sie mich zerknirscht an. »Sorry, Sofia. Ich weiß ja, dass du das alles nicht werden kannst.« Sofort schüttelte ich den Kopf. »Darum geht es nicht«, sagte ich schnell, »vielmehr …«

»Dann ist ja gut. Auf jeden Fall muss ich zusätzlich zu den Büchern auch noch Hibispilze im Wald suchen. Bis morgen! Hallo?! Was denkt die Frau, wie viel Freizeit ich habe?«

Ich nickte zustimmend.

»Na ja, ich mache mich auf den Weg zu den Hibispilzen, dann kann ich heute Abend noch mit dem ersten Buch anfangen«, Bea verdrehte die Augen. »Ich nehm deine Robe, ja? Meine ist in der Wäsche. Wir sehen uns beim Mittagessen?« Sie umarmte mich, schnappte sich meine Robe aus dem Schrank, drehte sich auf dem Absatz um und war schon aus dem Zimmer verschwunden, bevor ich auch nur »Tschüss« sagen konnte. Ich seufzte tief und nahm einen der Kekse aus der Dose. Nicht, dass ich genug Probleme damit hätte, dass ich keine Magie hatte. Nein, ich musste natürlich auch noch einen verrückten Mentor haben, der meinte, mich im Kämpfen ausbilden zu müssen (ich hatte ehrlich gesagt immer noch keine Ahnung, warum) und zu allem Übel hockte auch noch eine schwarze Gestalt unter meinem Fenster. Also zusammengefasst konnte es in letzter Zeit überhaupt nicht besser laufen.

Als ich an die Gestalt denken musste, lief mir ein Schauer den Rücken herunter und ich stand auf, um aus zum Fenster zu schauen. Aber im Hof war alles leer. Vielleicht hatte ich mir das auch nur eingebildet, überlegte ich, als ich mich wieder auf mein Bett fallen ließ. Mich hielten ja sowieso schon alle für geisteskrank, vielleicht war ich ja wirklich ein verrückter Freak ohne Magie, aber dafür mit Halluzinationen.

Am Abend war Bea noch immer nicht zurückgekehrt, und langsam begann ich mir Sorgen zu machen. Ich ging nicht zum Abendessen (schließlich hatte ich ja meine Kekse), sondern setzte mich ans Fenster und schaute nach unten in den Hof, in der Hoffnung, Bea zu sehen. Aber es wurde immer später und irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte gerade von der Fensterbank aufspringen und Yu Weiß oder irgendeinen anderen Lehrer suchen, als ich die dunkle Gestalt wieder sah, aber dieses Mal rannte sie quer durch den Hof, schaute nach oben, und direkt in mein Gesicht. Wegen der Dunkelheit konnte ich nicht wirklich erkennen, wer dort unten stand, aber ich sah die hektischen Bewegungen, die derjenige vollführte. Vorsichtig öffnete ich das Fenster einen Spalt breit.

»Wer bist du?«, fragte ich so laut, dass der dort unten es hören konnte.

»Mary, aber egal! Wer auch immer du bist, du musst unbedingt kommen! Im Wald – die Schwarzkutten«, die Gestalt keuchte. »Sie haben jemanden angegriffen – ein Mädchen im Wald. Bitte, schnell!« Die Stimme klang so verzweifelt, dass ich sofort das Fenster schloss und die Wendeltreppe nach unten flitzte.

In meinem Kopf hämmerte ein einziges Wort – Bea! Ich riss die Tür zum Hof geradezu auf und rannte die schwarz gekleidete Gestalt fast um. Diese entpuppte sich allerdings als ein Mädchen, etwa in meinem Alter, mit kurzen, schwarzen Haaren und tiefen, braunen Augen. Jetzt allerdings winkte es hektisch und lief schon vor in Richtung Wald. Ich folgte ihm mit ein bisschen Abstand, denn irgendetwas störte mich an dieser Sache. Ich hatte etwas Wichtiges übersehen, aber in meiner Panik kam ich nicht darauf, was es war. Allerdings konnte ich Bea – und es hörte sich auf jeden Fall so an, als wäre sie es – nicht im Stich lassen, und so rannte ich hinter dem Mädchen in den Wald. Zwischen den Bäumen war es so dunkel, dass ich meine eigene Hand fast nicht erkennen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir gelaufen waren, aber irgendwann stoppte das Mädchen und deutete auf eine am Boden liegende Gestalt.

Das große, stämmige Mädchen mit den langen, blonden Haaren, war – da gab es keinen Zweifel – Bea. Sofort stürzte ich auf sie zu. Im Dunkeln konnte ich nicht viel sehen, aber dennoch konnte ich das Blut auf ihren Armen erahnen. »Bea!«, schrie ich panisch und rüttelte an ihren Schultern. »Komm schon, Bea! Du musst aufwachen!«

Das Mädchen hatte sich neben mich gekniet und spähte vorsichtig durch die Bäume. Die Schwarzkutten, fiel mir ein. Vielleicht waren sie noch in der Nähe!

»Was machen wir jetzt mit ihr?«, Mary schien hilflos zu sein. Aber ich hatte genauso wenig Ahnung.

»Wir müssen sie zurückbringen, zur Schule – sofort. Kannst du mir helfen?«, ich hob Beas Oberkörper an, und das Mädchen nahm schweigend ihre Beine. Zusammen stolperten wir so schnell es ging aus dem Wald heraus und über die Straße zu dem Schülerhaus. Erschöpft legten wir Bea im Hof auf den Boden, und ich rannte so schnell ich konnte nach drinnen, um Hilfe zu holen. In der Mensa saßen, wie ich schon gehofft hatte, noch ein paar Lehrer, Mentoren und wenige Schüler. Ich musste ziemlich übel aussehen, denn sofort standen ein paar Lehrer alarmiert auf.

Yu Weiß eilte vom Lehrertisch an meine Seite. »Alles in Ordnung, Sofia?«, fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf. »Draußen im Hof … Bea. Kommen Sie mit!«

Ohne weitere Fragen zu stellen, folgte mein Mentor mir mit ein paar weiteren Lehrern nach draußen, wo das Mädchen noch neben Bea kniete.

Erst jetzt konnte ich meine Freundin im Licht der Laternen hier draußen näher betrachten. Auf ihren Armen waren blutige Striemen, ihre rote Robe (also eigentlich war es ja meine) war von dunklem Blut verkrustet und an der Stirn klaffte ein großes Loch.

Eine Lehrerin schrie auf, der Rest beeilte sich, Bea nach drinnen zu tragen. Erledigt sackte ich neben dem Mädchen auf dem Boden zusammen. Yu Weiß schaute den Lehrern hinterher, wie sie Bea nach drinnen trugen, und wandte sich dann an das Mädchen. »Ich muss dir dafür danken, dass du eine unserer Schüler gerettet hast«, sagte er mit einer so kalten Stimme, dass ich schauderte, »aber ich frage mich dennoch, warum du deinen eigenen Stamm verrätst.«

Ich schaute das Mädchen an und dann erkannte ich, was mir vorhin in der Hektik nicht gleich eingefallen war: Das Mädchen trug schwarz – Eine schwarze Robe: Sie war eine Schwarzkutte!

Sofort rappelte ich mich auf und stellte mich neben Yu Weiß. Ich machte mir riesige Sorgen um Bea und wollte eigentlich schauen, wie es ihr ging, aber dennoch verblüffte mich die Tatsache, dass eine Schwarzkutte hier war, so sehr, dass ich nur wie angewurzelt stehen bleiben konnte.

»Ich bin Mary«, sagte das Mädchen leise und verschreckt. »Und außerdem bin ich keine Schwarzkutte. »Na ja, eigentlich schon, aber … Das ist kompliziert«, sagte Mary und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie senkte den Blick, und Yu Weiß schaute sie stirnrunzelnd an.

»Nun gut. Morgen wirst du uns davon erzählen«, sagte er. »Du wirst natürlich erst einmal bei uns unterkommen. Doch sei gewiss, dass wir dich beobachten. Falls du also zu den Schwarzkutten zurücklaufen wolltest, falls du ein Spion wärst, dann würden wir es verhindern können. Verstanden?«

Mary nickte leicht, dann klopfte Yu Weiß mir auf die Schulter. »Bring sie in dein Zimmer, Sofia. Ich möchte, dass heute jemand auf sie aufpasst«, sagte er leise und fügte lauter hinzu: »Morgen müssen wir darüber reden, aber jetzt geht ihr erst einmal duschen und schlafen.«

»Ich möchte zu Bea«, sagte ich, obwohl ich vor Kälte zitterte.

»Ich bin mir sicher, dass du bald wieder zu ihr kannst. Aber erst einmal braucht ihr beide Ruhe. Morgen sehen wir weiter.« Entschieden schob er mich in Richtung Tür und wartete, bis Mary hinter mir nach drinnen gegangen war, dann schloss er die Tür. Mary und ich schwiegen, während wir die Wendeltreppe nach oben stiegen (und die Blicke der verwirrten Schüler im Rücken spürten). Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte. Eine Schwarzkutte hatte meine beste Freundin gerettet und sollte bei mir im Zimmer schlafen! Allerdings, überlegte ich, war ich auch keine Rotkutte. Egal, ich konnte nichts über sie sagen, bevor ich nicht wusste, weshalb sie ihren Stamm verraten hatte.

»Du kannst als erstes ins Bad«, sagte ich, als wir im Zimmer angekommen waren und gab ihr ein paar Klamotten von mir zum Überziehen; eine rote Hose, ein ebenso farbiges T-Shirt und einen roten Pullover. Sie zuckte zwar zusammen, als sie die Farben sah, aber ich trug sie schließlich auch schon mein Leben lang, auch wenn ich keine Rotkutte war. Also streckte ich ihr die Sachen wortlos entgegen und ließ mich dann zitternd auf mein Bett fallen. Eigentlich hatte ich noch gar nicht wirklich realisiert, was passiert war. Ich saß die ganze Zeit wie paralysiert auf meinem Bett, (wenn mich jetzt jemand sah, war klar, dass ich ein totaler Freak war; nicht nur ohne Magie, sondern auch mit Halluzinationen und einem gestörten Gesichtsausdruck) während Mary duschte. Schließlich kam sie in der roten Kleidung aus dem Bad und setzte sich vorsichtig auf Beas Bett. Langsam ging ich selbst ins Bad. Das warme Wasser tat mir gut, es schien nicht nur den Dreck aus dem Wald und Beas Blut abzuwaschen, sondern auch das Bild, Bea dort liegen zu sehen. Ich fühlte mich tatsächlich viel besser, als ich mich mit einem neuen Schlafanzug auf mein Bett fallen ließ.

Mary lag schon in Beas Bett, die Bettdecke bis zur Nase hochgezogen. Ich schaute sie nachdenklich an. Mich interessierte die komplizierte Geschichte, die sie anscheinend zu erzählen hatte, aber Yu Weiß hatte sie nicht ohne Grund erst zum Schlafen geschickt und mich ebenso. Wir waren beide total erschöpft und deswegen beschloss ich, Mary ihren Schlaf zu lassen. Aber gerade als ich ins Bett krabbeln wollte, hörte ich ein Geräusch vor der Tür. Ich vergewisserte mich, dass Mary die Augen geschlossen hatte, lief leise zur Tür und sah erstaunt, dass Yu Weiß vor ihr saß.

»Ich werde aufpassen – vorsichtshalber. Mary ist zwar nur ein Mädchen, aber sie ist auch eine Schwarzkutte. Nur, damit du beruhigt schlafen kannst.«

Ich lächelte ihn dankbar an und schloss die Tür vorsichtig, damit Mary nichts mitbekam (diese schlief allerdings, ich hätte mir also keine Sorgen machen müssen).

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schoss mir sofort das Bild von Bea durch den Kopf, wie sie blutend auf dem Waldboden lag. Schnell sprang ich auf und warf mir meine Robe über, (die, die an der Seite schon aufgerissen war, die andere hatte Bea schließlich im Wald angehabt) dann warf ich einen abwägenden Blick auf die schlafende Mary. Ich wollte sie nicht alleine lassen, aber andererseits musste ich unbedingt sehen, ob es Bea wieder gut ging. Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, denn Yu Weiß saß immer noch vor der Zimmertür.

»Ich gehe zu Bea«, sagte ich leise. »Sagen Sie mir Bescheid, wenn Mary aufwacht?« Mein Mentor nickte verständnisvoll und beschrieb mir den Weg zu Beas Krankenraum. Draußen war es noch dunkel, so war ich allein, als ich durch die verlassenen Gänge hastete.

Das Krankenzimmer, in dem Bea lag, war klein und überfüllt mit Tuben und Fläschchen, die sich in Regalen und auf dem Boden stapelten, sodass das Bett irgendwie fehl in dem Raum wirkte. Auf dem Bett, neben Bea, lag meine zerrissene und blutverschmierte Robe. Vorsichtig, ohne über eine der Tuben zu stolpern, trat ich näher und sah an einem Stuhl neben dem Bett Quandri sitzen. Sie schaute mich aus zusammengekniffenen Augen an, schien mich dann aber zu erkennen.

»Bist du nicht Beas Freundin, dieses Mädchen ohne Magie?«, fragte sie mit einem leicht abfälligen Ton in der Stimme. (Typisch! Nicht so auffällig diskreditieren wie die Schüler – vor allem Isabell – aber dennoch verächtlich: Das zum Thema unvoreingenommene Lehrer!) Ich nickte, ohne auf ihren Ton einzugehen und stellte mich neben das Krankenbett. Bea sah besser aus: Die Wunde am Kopf war anscheinend genäht worden und auf ihren zerkratzten Armen war eine grünlich schimmernde Flüssigkeit verrieben worden (wenn ich in Kräuterkunde aufgepasst hätte, wüsste ich jetzt, dass es sich um Aloe-Vera-Extrakte handelte).

»Wie geht es ihr?«, fragte ich leise.

Mentorin Quandri runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen sollte.«

Aufgebracht schaute ich sie an. (Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was über mich kam, so mit einer Lehrerin zu sprechen, aber Bea war schließlich meine beste Freundin und nicht ihre.) »Entschuldigen Sie, aber schließlich war ich es, die sie gefunden hat. Ich bin ihre beste Freundin und ich habe die ganze Nacht mit einer Schwarzkutte in meinem Zimmer verbracht. Also: Wie geht es ihr?!«

Mentorin Quandri sah mich missbilligend an, dann zuckte sie mit den Schultern.

»Sie wird wieder. Die nächsten Tage wird sie wohl keine Gegenstände fliegen lassen können – obwohl das dringend nötig wäre! Du solltest jetzt allerdings ins Bett gehen – du wirkst ziemlich … unausgeglichen.«

Ich übersah die letzte Bemerkung und verdrehte die Augen. Wie konnte eine Kutte nur so wenig Mitgefühl besitzen? In diesem Moment öffnete Bea vorsichtig ihr rechtes Auge und stöhnte laut auf. Sofort beugte ich mich über sie. »Bea! Wie geht es dir?«

»Kopfschmerzen«, sie stöhnte und schloss ihr Auge wieder. »Sofia, was ist passiert?«

»Wir wissen es nicht genau. Eine Schwarzkutte, ein Mädchen in unserem Alter namens Mary, hat mich zu dir gebracht. Du lagst im Wald«, ich schluckte. »Verletzt.«

»So weit war ich auch schon!«, murmelte Bea und ich lächelte erleichtert. Es schien ihr wirklich besser zu gehen. »Aber ehrlich gesagt weiß ich sonst nichts von dem Angriff. Irgendetwas war mit Pilzen … dann kamen plötzlichen Gestalten auf mich zu – und danach bin ich hier aufgewacht. Ach, Sofia, tut mir leid mit deiner Robe, ich besorge dir natürlich eine neue«, murmelte Bea.

»Mach dir darüber keine Sorgen.«

Mentorin Quandri stand auf. »So, das reicht jetzt, meine Damen. Bea soll schließlich bald wieder am Unterricht teilnehmen können.«

»Ich komme später noch mal wieder«, versprach ich Bea und warf Quandri einen entschuldigenden Blick für mein patziges Verhalten vorhin zu, den sie aber ignorierte. Dann machte ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer.

Ein paar Stunden später saßen Yu Weiß, Quandri, der stellvertretende Schulleiter Herr Must, Mary und ich in Yu Weiß’ Büro. Ich hatte mich sehr über die Einrichtung des Büros gewundert. Rotkutten hatten normalerweise nicht viel Geld, aber Yu Weiß schien über reichlich davon zu verfügen. Die Wand war bedeckt von einem überdimensionalen Bücherregal, in dem sich vergoldete Einzelexemplare stapelten. Sein Schreibtisch war perfekt aufgeräumt und er saß auf einem Zedernholzstuhl, während wir anderen alle auf den weißen Ledersesseln im Raum, die alle in Richtung Schreibtisch angeordnet waren, Platz genommen hatten.

Yu Weiß sah uns ernst an. »Was sich ereignet hat, darf unter keinen Umständen noch einmal vorfallen. Mary, es ist von absoluter Wichtigkeit, dass du uns alles, was du weißt, erzählst. Vor allem, warum die Schwarzkutten Bea angegriffen haben und aus welchem Grund du Hilfe geholt hast.«

Mary saß auf dem Sessel neben mir, und als sich alle zu ihr umwandten, rutschte sie ein bisschen tiefer hinein. Ihr kurzes Haar war zerstrubbelt und ihre Augen blickten stumpf, als sie schließlich (nach endlosem Schweigen und nach Quandris Räuspern) endlich anfing zu sprechen:

»Meiner Familie hat die Art, wie die restlichen Schwarzkutten leben, nie gefallen. Aber meine Großeltern haben uns zum Bleiben gezwungen – sie … sie wollten nicht, dass wir die Schwarzkuttentradition brechen. Doch nach dem Tod meines Großvaters vor drei Tagen haben wir den Stadtteil der Schwarzkutten verlassen«, ihre Stimme brach. »Auf jeden Fall hatten meine Eltern das alles langfristig geplant. Sie wollten bei Verwandten von ihnen unterkommen, meinem Onkel. Er ist eine Rotkutte.« Sie schaute nicht hoch, während sie sprach, und ihre Stimme klang merkwürdig emotionslos, als ob sie die Geschichte überhaupt nicht berühren würde. »Aber wir sind nicht weit gekommen. Wir waren gerade im Wald, als die Schwarzkutten uns gefunden haben. Verräter haben sie uns genannt und dann haben sie meine Eltern getötet. Ich konnte nichts machen. Ich stand hinter einem Busch versteckt und sah die Schwarzkutten, wie sie mich suchten. Ich bin … ich bin einfach losgerannt. Bis sie mich gesehen haben, hatte ich einen großen Vorsprung. Ich bin auf den Hof hier gelaufen und habe mich unter einem Fenster versteckt. Die Schwarzkutten haben das Gelände des Schülerhauses nicht betreten. Ich glaube, sie sind umgekehrt. Auf jeden Fall hatte ich vor, zu meinem Onkel zu gehen. Aber erst musste ich zu meinen Eltern – ich wollte mich von ihnen verabschieden. Ich war gerade im Wald, da sah ich dieses Mädchen dort liegen. Ich wollte einfach nicht … nicht, dass noch jemand wegen der Schwarzkutten stirbt, wenn ich es hätte verhindern können.«

Als sie geendet hatte, schauten sich alle sprachlos an. »Das mit dem Fenster kann ich bestätigen«, ich räusperte mich. »Ich habe sie gestern Abend dort hocken sehen.«

Yu Weiß sah mich enttäuscht an, was eigentlich noch schlimmer war, als wenn er wütend geworden wäre. »Es war grob fahrlässig, das nicht zu erzählen«, stellte er fest, richtete seine Aufmerksamkeit dann aber wieder auf Mary.

»Wir müssen darüber beraten, was mit dir geschieht«, sagte Yu Weiß nüchtern. »Du kannst nicht zu deinem Onkel, weil Kinder und Jugendliche ab ihrem sechsten bis zum achtzehnten Lebensjahr in Schülerhäusern leben und lernen müssen – ob nun bei den Schwarz- oder den Rotkutten. Quandri, könnten Sie Mary vielleicht vor die Tür geleiten, während wir uns beraten?«