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Phillip, der seit längerem mit seinen übersinnlichen Begabungen experimentiert, wird nach einer Gewalttat in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Zu seinem Erstaunen erweist sich die Einrichtung als Schule für Zauberei und Magie. Die Freude über diese schicksalhafte Wendung währt jedoch nicht lange. Einige Mitschüler machen ihm das Leben schwer, Albträume quälen ihn. Und in der Bibliothek lauert ein Artefakt, das schließlich die gesichtslosen Grauen in die Schule bringt. Der anfangs so verheißungsvolle Ort wandelt sich in eine Hölle, in der die Grenzen zwischen Freund und Feind, zwischen Realität und Irrsinn verschwimmen.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
05/2021
© by Markus Bury
© by Hybrid Verlag
Westring 1
66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design,Homburg
Stock-Fotografie-ID:860377332, Bildnachweis:i-ling hsu
Lektorat: Barbara Dier, Matthias Schlicke
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Rudolf Strohmeyer
Coverbild ›Phönixerwachen‹
© 2021 by Creativ Work Design, Homburg
Coverbild ›Dangerous Person – Die Verdammten‹
© 2020 by Creativ Work Design, Homburg
ISBN 978-3-96741-097-6
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Printed in Germany
Markus Bury
Die Magieranstalt
Roman
Für Janina, die Liebe meines Lebens.
Kapitel 1: Magie
Kapitel 2: Doktor
Kapitel 3: Jason
Kapitel 4: Magicka
Kapitel 5: Unterricht
Kapitel 6: Illusion
Kapitel 7: Freiheit
Kapitel 8: Kampf
Kapitel 9: Artefakt
Kapitel 10: Grau
Kapitel 11: Trance
Kapitel 12: Schmerzen
Kapitel 13: Anna
Kapitel 14: Verrückt
Kapitel 15: Rebellion
Kapitel 16: Arthur
Kapitel 17: Tod
Kapitel 18: Scherben
Kapitel 19: Käfig
Kapitel 20: Krankenhaus
Danksagung
DER AUTOR
Hybrid Verlag
Kapitel 1: Magie
Philip starrte seine Hände verblüfft an. Er hatte es geschafft. Endlich. Schon lange wusste er, dass etwas Besonderes in ihm steckte, dass er besondere Dinge vollbringen konnte. Niemand wollte ihm glauben. Nein, sie hielten ihn für verrückt, sagten, er würde durchdrehen und solle sich Hilfe suchen. Aber hier saß er und würde ihnen allen zeigen, wie falsch sie lagen, würde der Welt zeigen, dass er, Philip Beck, ein Magier war.
Er stand auf, den Ball, den er gerade zum Schweben gebracht hatte, immer noch in seiner Hand. Er musste es Anna zeigen. Als Mitbewohnerin und gute Freundin seit Kindheitstagen gab es niemanden, der ihm mehr bedeutete. Der gemeinsame, beschwerliche Weg hatte ihnen vor einigen Jahren die Entscheidung leicht gemacht, sich zusammen eine Wohnung zu suchen. Er liebte sie wie eineSchwester. Sie sprang ihm immer zu Hilfe, unterstützte ihn, wo sie konnte. Stets an seiner Seite, wenn er mal wieder von den anderen Jungs in die Mülltonne gestopftwurde. Wenn sie ihn mit Klopapier umwickelten, in einen Schrank sperrten oder einen Freak nannten. Sie hielten ihn für einen Spinner. Anna verteidigte ihn jedes Mal. Siewar so wie alle anderen auch, so anpassungsfähig, so klug, hübsch und nett, dass sie nur das beliebteste Mädchen der Schule hätte sein können. Sie war so — normal. Dass sie von vielen für verrückt gehalten wurde, lag nur an ihm. An ihrem Freund, ihrem Freak, ihrem Spinner. Er liebte sie für das alles, was sie für ihn aufgegeben hatte. Für ihre Hilfe und Zuneigung, die er eigentlich gar nicht verdiente.
Er musste es ihr zeigen. Von allen Menschen musste er es der Person zeigen, die immer an seiner Seite stand, auch nachdem die Therapie begonnen, als er einige Monate in der Psychoklinik verbracht hatte.
Der Gedanke an die Klinik ließ das bekannte Gefühl der Panik in ihm aufkommen. Er hasste sie. Mehr noch als die Arschlöcher aus seiner Schulzeit. Die Klinik mit ihren Doktoren, Schwestern und den Spinnern dort. Aber auch Anna trug ihren Teil zu seinem Leid bei, immerhin hatte sie ihn zum Arzt gezerrt. Zum Kopfdoktor. Dafür hasste er sie. Er hasste sie dafür, dass sie normal war — und dafür, dass sie ihn nicht unnormal sein lassen wollte. Wie hätte er es ändern sollen. Aber jetzt würde sie es endlich verstehen. Sie würde ihm glauben.
Philip riss die Tür auf und stürmte ins Wohnzimmer. VonAnna keine Spur. Die Uhr an der Wand zeigte kurz nach sechs, sie arbeitete bis vier und musste schon lange nach Hause gekommen sein. Er durchquerte den Raum und klopfte an die Tür zu Annas Zimmer. Von innen hörte er ein Klappern, dann eine zischende Stimme. Ein paar Sekunden Stille, gefolgt von Schritten, die sich der Tür näherten. Als sie sich öffnete, zögerte Philip keinen Moment.
»Anna, das musst du sehen. Ich hab’s dir gesagt! Schau, ich …« Er starrte Anna verblüfft an. Sie trug ihren Bademantel, den sie mit den Händen vor ihrer Brust geschlossen hielt. Ihre Haare standen wirr vom Kopf ab, auf dem Boden erkannte er ihre Kleidung. Vor dem Bett lag ein Paar lederner Männerschuhe, daneben ein dunkelblaues Jackett. Auf dem Bett saß ein Mann, Ende zwanzig, der gerade die Anzughose über seine Hüfte zog und zuknöpfte.
»Was … wer ist das?«, fragte Philip.
Anna sah ihn mit ihren großen, grünen Augen an. »Ich wusste nicht, dass du da bist. Solltest du nicht bei Dr. Wolf sein?«
»Wer ist das?«, wiederholte Philip, seine Augen voller Zorn auf den Typen gerichtet, der sich gerade die Schuhe zuband.
»Philip, du hast einen Termin bei Dr. Wolf, du weißt doch, wie wichtig…«
»Wer ist das?« Er schrie fast und spürte selbst das Vibrieren in seiner Stimme.
Anna schreckte zurück. Der Typ auf dem Bett hob den Kopf und starrte Philip mit großen Augen an. Philip hielt sich die Stirn und erwiderte den Blick.
»Schrei doch nicht so, das ist Michael. Ein Kollege. Er ist nach der Arbeit mit zu mir gekommen.«
»Warum? Was will er hier?«
»Ich … weißt du, wir hatten noch etwas wegen der Arbeit zu besprechen. Wir …«
»Wegen der Arbeit?« Seine Stimme wurde wieder lauter und zitterte vor Wut. »Wegen der verdammten Arbeit? Hältst du mich für blöd? Hat er deswegen sein Hemd ausgezogen? Wegen der Arbeit?«
Anna sank zusammen und drehte sich zu ihrem Kollegen um. Der starrte sie schockiert an, inzwischen wieder komplett angezogen. »Du, Anna, ich glaube, ich gehe jetzt besser.« Nervös lächelnd nahm er seine restlichen Sachen und ging zur Tür. Als er näher kam, schaute er ängstlich zu Philip, trat langsam auf ihn zu und hob seine Hände, als hätte er es mit einem wilden Tier zu tun. Mit einem wilden, dreckigen, verrückten Tier. Die Wut kochte in Philip hoch.
»Kumpel, kein Stress, ja? Lass mich einfach durch und ich bin hier raus. Ich will keinen Streit anfangen.«
»Dann hättest du zu Hause bleiben sollen, Arschloch!«, zischte Philip.
»Philip!«, kreischte Anna. »Hör mit diesem Scheiß auf!« Sie starrte ihn ungläubig an. »Michael ist ein Freund von mir!«
Philip sagte nichts. Er starrte den Fremden weiterhin an, ging aber einen Schritt zurück. Nach kurzem Zögern zwängte sich Annas Kollege durch die Tür, darauf bedacht, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und den Verrückten zu bringen. Das machte Philip nur noch wütender und er warf sich gegen ihn. Der andere schlug gegen die Wand und hob verteidigend die Hände.
»Philip!«, kreischte Anna. »Was fällt dir ein?«
»Was mir einfällt? Was mir einfällt? Habe ich etwa einen halbnackten Mann auf dem Bett gehabt? Bin ich die Hure, die sich durch die ganze Stadt bumst?«
Annas Gesicht verlor sofort alle Farbe. »Hure? Eine Hure? Das ist also, was du von mir denkst?«
»Was ist es denn sonst?«
»Ich bin erwachsen, Philip! Es wird Zeit, dass du es auch wirst. Du bist achtzehn, verdammt! Ja, ab und zu brauche ich ein bisschen Nähe. Was ist daran so schlimm?«
Annas Kollege ging weiter Richtung Tür, aber Philip versperrte ihm den Weg und funkelte ihn an.
»Lass mich in Ruhe, Freak.« Philip hörte die Angst in seiner brüchigen Stimme. Das brachte ihn erst recht auf.
»Lass dich hier nie mehr blicken.«
»Es reicht!«, brüllte Anna. »Philip, es reicht, wirklich. Misch dich nicht ein!«
»Ich verbiete dir, ihn weiter zu sehen«, schrie Philip sie an.
Ihr Gesicht wurde sofort knallrot.
»Du verbietest es mir? Du kannst mir nichts verbieten, Philip! Du bist mein Mitbewohner, nicht mein Vater.«
»Du siehst ihn nie wieder!« Der Kollege schlich sich an der Wand entlang, doch Philip bemerkte ihn im Augenwinkel. Er drehte sich zu ihm, holte aus und schlug mit voller Kraft in Richtung seiner Schläfe. Der andere wich noch aus, so dass Philips Schlag ihn nur streifte, stolperte nach hinten und landete auf dem harten Boden. Anna schrie und warf sich neben ihn, legte sachte ihre Hände an seinen bebenden Körper. »Alles okay, Michi? Ist bei dir alles okay? Oh Gott, es tut mir so unendlich leid. Es tut mir so leid!«
Michael rappelte sich auf und bewegte sich rückwärts zur Tür, den Blick weiter auf Philip gerichtet. Seine Augen zeigten Furcht.
»Michi, es tut mir so leid!«
Der Fremde rannte hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Anna drehte sich zu Philip um, die Hände zu Fäusten geballt. »Du Arschloch! Du dummes Arschloch!« Sie ging auf Philip zu und schlug auf ihn ein. Er wehrte sich nicht, ließ die Schläge über sich ergehen.
»Was fällt dir ein?« Tränen liefen ihre Wangen hinunter. »Warum mischst du dich immer ein?« Ihre Stimme brach beinahe, hörte sich rau an. Sie ließ von ihm ab, drehte sich weg und wischte mit der Hand über ihre Augen.
»Du bist krank, Philip. Du bist einfach nur krank.«
»Ich will nur dein Bestes«, zischte er.
»Nein, Philip, du bist verrückt. Du bist ein kranker Spinner.«
Wut loderte in ihm empor. Sie nannte ihn einen Spinner? Sie? Von allen Personen ausgerechnet sie?
»Hol dir endlich Hilfe.«
Ein roter Schleier legte sich über seine Augen. Die Wut kochte in ihm und er spürte, dass sie ihn übermannte. Ohne darüber nachzudenken, rannte er auf Anna zu. Sie warf sich auf den Boden, aber er griff an ihr vorbei, schnappte sich einen Küchenstuhl, hob ihn hoch in die Luft und warf ihn mit aller Kraft gegen das Fenster, das in Tausend Teile zerbarst. Licht flackerte in den Scherben auf und der Stuhl schien kurz in der Luft stehenzubleiben, dann sauste er Richtung Straße und wenige Sekunden später hörten sie einen Knall, ein Splittern und hohe Schreie einer Frau, gefolgt von den schrillen Tönen einer Auto-Alarmanlage. Philip sah Anna kauernd auf dem Boden liegen und rannte in sein Zimmer. Er warf die Tür hinter sich zu und klappte über seinem Bett zusammen.
***
Grashalme kitzelten zwischen seinen Zehen und Philip bemerkte die Wiese mit ihrem kalten Druck unter seinen Füßen. Nebel schloss sich um ihn wie ein dichter Schleier und beschränkte sein Sichtfeld. Auf seiner Haut bildeten sich Wassertropfen, Kälte kroch durch seinen klammen Körper. Er blickte an sich hinab und bemerkte, dass er nur seinen Schlafanzug trug.
In der Stille hörte er ein merkwürdiges, dumpfes Geräusch. Es kam auf ihn zu. Er wandte sich um, versuchte herauszufinden, was dieses Geräusch verursachte. Immer wieder, bumm bumm, in regelmäßigen Abständen. Sein Herz blieb stehen, als sich ein dunkler Umriss im Nebel andeutete, näherkam und sich immer deutlicher abzeichnete. Dort stand ein Mann, dessen Konturen er nur schwach ausmachen konnte, das Gesicht in der Dunkelheit verborgen. Er ging auf den Unbekannten zu, schien ihm jedoch nicht näher zu kommen. Frustriert blieb er stehen. Die Gestalt begegnete ihm nicht das erste Mal, tauchte in seinen Träumen seit seinem zehnten Geburtstag immer wieder auf. Philip hatte große Angst vor dem Fremden gehabt, versuchte, vor ihm zu fliehen. Die Gestalt hatte darüber nur gelacht. Sie redete selten, und wenn, dann nur leise und verzerrt, nie zusammenhängende Sätze. Sie sprach seinen Namen, Annas oder den seiner Eltern. Manchmal sprach sie ein Kauderwelsch, das er nicht verstehen konnte. Oder sie zeigte ihm Bilder. Verstörende Bilder. Immer wieder erschien sie ihm, immer wieder, bis er sich an sie gewöhnt hatte. Daran, dass sie zu ihm gehörte. Er hasste sie. Er wusste nicht, was sie von ihm wollte, was ihr Dasein bedeutete, aber er hasste sie.
»Was willst du? Was willst du schon wieder?«
Das Lachen der Gestalt durchbrach die Dunkelheit.
»Lass mich in Ruhe.«
Die Gestalt lachte nur lauter. Es war kein sehr menschliches Lachen, nur ein leises Glucksen, das Philips Haare zu Berge stehen ließ.
»Verschwinde!«, schrie er.
Die Gestalt hob lachend die Hände und der Nebel schien sich zu bewegen. Philip drehte sich im Kreis, die Suppe wirbelte umher, Farben deuteten sich an und wurden immer kräftiger, bis der Nebel verschwand.
Philips Füße berührten den kalten, rauen Asphalt vor einem Gebäude, die dunkle Gestalt stand einige Meter entfernt am Ende der Straße und winkte ihm zu. Philip musterte das Gebäude genauer. Es erstreckte sich über mehrere Stockwerke und wirkte sehr alt. Efeu kletterte die Wand empor bis unter das Dach. Eine Treppe führte zu einer großen Eingangstür. Philip stieg hinauf und betrachtete das Türschild. Psychiatrische Klinik. Darunter noch einige Zeilen, die Philip aber nicht lesen konnte. Je mehr er versuchte, sich darauf zu fokussieren, umso verschwommener die Umrisse. Er drehte sich zu der dunklen Gestalt um.
»Was willst du?«, schrie er die Straße entlang. »Was soll das bedeuten? Was willst du verdammt nochmal von mir?«
Die Gestalt hob die Hände wie zur Entschuldigung, dann drehte sie sich um. Das Gebäude und die Straße verschwanden wieder im Nebel, alles drehte sich, Philip schien zu fallen, er fiel immer tiefer, dann wurde alles schwarz.
***
Er nahm alles nur durch einen Schleier wahr. Der Tag wirkte, als hätte er ihn in einer Seifenblase verbracht. Sein Gesicht glänzte nass und geschwollen von Tränen der Trauer und Wut. Seine Gedanken flogen im Kreis, ohne einem Faden zu folgen. Er erinnerte sich nur noch an den großen Raum, an die Bänke, die darin nur noch leerer wirkten. An Anna, die weinend in der ersten Reihe saß, allein und verlassen. An die Frau, deren Auto nun ohne Frontscheibe auskommen musste, nachdem der Stuhl das Glas durchbohrt hatte. An Michael, Annas Kollegen, im Zeugenstand. Oder an den Staatsanwalt, der die Anklage verlas. Auch an seinen Verteidiger, der auf Zurechnungsunfähigkeit plädierte. Oder an den Richter, der den Urteilsspruch verkündete. Er wusste, dass sich jetzt alles ändern würde. Jetzt war nichts mehr wie zuvor. Jetzt würde er bezahlen.
»Das Gericht verurteilt den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung. Dies sehen wir aufgrund der Tatsache, dass es sich hier um einen Wiederholungstäter handelt, als angemessen an. Er wird diese Zeit im Maßregelvollzug verbringen, der Versuch der Resozialisierung hat Vorrang.«
Die Sätze hörte er zwar, nahm sie aber nur teilweise wahr und konnte sich nicht sicher sein, ob sie überhaupt so gesprochen wurden. Er wusste nur, dass sie ihn wieder in eine Klinik stecken würden. Und dieses Mal wusste er nicht, ob er jemals wieder herauskam. Egal, ob es zwei Jahre sein würden oder zehn, ein Aufenthalt in einer Klinik war schlimmer als die Hölle selbst. Als er abgeführt wurde, nahm er im Augenwinkel Anna wahr, die zu ihm wollte. Sie wollte etwas zu ihm sagen oder sagte es sogar, aber er hörte sie nur dumpf, ohne zu verstehen. Genau genommen wusste er nicht einmal, ob dort wirklich Anna saß oder jemand anderes. Jemand, der ihr einfach nur ähnlich sah. Vielleicht nicht einmal das.
Sie nahmen ihn mit, führten ihn aus dem Gebäude hinaus. Zwei Männer packten ihn an seinen Armen, einer davon schien bewaffnet zu sein. Sie zwängten ihn in ein Auto mit Gittern an den Fenstern. Er fand das alles ein bisschen übertrieben, schließlich hatte er nur die Frontscheibe eines Autos zerstört und niemanden umgebracht. Aber das Gericht schien wohl davon auszugehen, dass er durchaus jemanden umbringen wollte. Michaels Erzählungen hatten nicht gerade zu einem positiven Bild beigetragen.
Das Auto fuhr eine Weile, holperte über mehrere Straßen. Er wusste nicht, wo sie sich befanden, seine Gedanken immer noch voller Nebel. Als das Auto stoppte, blieb er sitzen, wartete auf seine Peiniger. Die Tür öffnete sich und er wurde hinausgezogen. Es ging mehrere Treppenstufen hinauf, bis er die Tür erkannte. Bis er das Gebäude erkannte, zu dem sie ihn führten. Er sah es nicht zum ersten Mal. Er stand vor dem Gebäude, das ihm die dunkle Gestalt im Traum gezeigt hatte.
Kapitel 2: Doktor
Der Raum leuchtete merkwürdig hell. Das Licht, das zum Fenster hereinschien, brannte in seinen Augen. Er kniff sie zusammen und versuchte, den pochenden Schmerz in seinem Kopf zu ignorieren. Ein großer Mann, komplett in Weiß gekleidet, bewachte eine hölzerne Tür und trommelte mit den Fingernägeln auf dem Holz des Türrahmens. Das monotone Geräusch machte Philip nervös. Nein, nicht nervös, eher wütend. Er spürte die Wut in sich aufsteigen und unterdrückte sie, was ihm aber nur mit viel Willensstärke gelang. Er wollte schreien, den Mann packen, ihn schütteln und seinen Kopf gegen ebendiesen Türrahmen schlagen, immer wieder, im monotonen Takt. Aber er riss sich zusammen. Es würde ihm nicht helfen. Es würde alles nur noch schlimmer machen. Er wollte nicht geschlagen werden. Wollte nicht noch mehr Medikamente eingeflößt bekommen. Nicht noch mehr Nebel in seinem Kopf.
Die Tür öffnete sich und eine Frau trat ein. Philips Herz machte einen Sprung, als er Anna erkannte. Ihre Haare waren zerzaust, ihre Augen rot und geschwollen. Sie sah besorgt aus, tiefe Falten standen ihr im Gesicht. Sie hastete auf ihn zu und nahm ihn in den Arm.
»Aufpassen, junge Dame! Er ist gefährlich!«, sagte der weiße Mann und trat heran.
»Ach, lassen Sie mich in Ruhe. Er ist mein Freund!«, zischte Anna ihn an. Der Mann ging langsam wieder zurück und stellte sich neben die Tür, nun aber deutlich angespannter. Er wollte wohl bereit sein, falls Philip durchdrehen würde. Aber er hatte nichts zu befürchten, Anna würde er kein Haar krümmen.
Nicht jetzt, niemals. Sie war alles, was er hatte. Alles, was er brauchte.
»Anna! Du bist hier. Es — es tut mir so leid.« Philip hörte seine eigene Stimme und konnte nicht fassen, wie brüchig sie klang.
»Schon gut, Philip. Schon gut. Ich — ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Ich …« Ihre Stimme brach ab. Sienahm ihre Hände vor das Gesicht, schluchzte und ihr ganzer Körper schüttelte sich. Philip griff nach ihrer Hand. Der weiße Mann machte einen Schritt auf ihn zu, Philip ignorierte ihn und zog die Hand von ihrem Gesicht weg.
»Weine nicht, Anna, bitte. Bitte weine nicht.« Er wollte nicht schon wieder schuld an ihrer Trauer sein. Er wollte sie nicht schon wieder verletzen.
Sie blickte ihn mit ihren geschwollenen Augen an. Die Trauer stand ihr tief ins Gesicht geschrieben.
»Sollen wir uns vielleicht hinsetzen?«, fragte sie vorsichtig und führte Philip an der Hand zu einem Tisch und zwei Stühlen, die mitten im Raum standen.
»Wie geht es dir hier? Sind sie gut zu dir?«, fragte sie ihn, als beide saßen und warf einen bösen Blick zur Tür, wo der weiße Mann alles genau beobachtete. Philip beugte sich zu ihr und senkte seine Stimme. Er wollte nicht, dass der Mann hörte, was er zu ihr sagte.
»Ich muss hier raus, Anna. Die sind wie alle anderen auch. Niemand glaubt mir, alle wollen mich heilen. Ich bin nicht krank! Verdammt, ich bin doch nicht krank. Die stopfen mich mit Medikamenten voll und fesseln mich. Ich will den Nebel nicht mehr, Anna. Der Nebel soll weg! Aber du bist ja hier. Du nimmst mich doch wieder mit. Ich darf doch jetzt wieder heim, oder? Du nimmst mich doch mit heim?«
Anna stiegen die Tränen in die Augen. Er verstand, wie leid es ihr tat, welche Schmerzen ihr das alles bereitete.
»Oh Philip, ich würde dich so gerne mitnehmen.«
Sein Herz sank in die Hose. Er atmete tief ein und wieder aus. »Dann nimm mich mit.«
»Das kann ich nicht. Sie lassen mich nicht.« Jetzt stiegen ihm die Tränen in die Augen. Er wandte sich von ihr ab. »Es tut mir so leid, Philip. Wirklich. Ich wollte das alles nicht.«
Er sagte nichts. Auf diese Weise endete es also. So schnell würde er hier nicht mehr rauskommen. Sie hatten ihn eingesperrt und er würde hierbleiben müssen. Sie würden ihn mit Drogen vollpumpen, würden ihn schlagen, ihn fesseln, würden ihm den Nebel bringen. Ihn kaputt, krank machen. Wenn er es jetzt noch nicht war, dann würde er es doch bald sein. Die anderen würden schon dafür sorgen, dass er bald verrückt wurde. Damit sie endlich Recht bekämen.
Anna nahm seine Hand und drückte sie. »Philip, ich hol dich hier raus. Versprochen. So schnell es geht. Michaels Schwester ist Anwältin, die kann uns sicher helfen. Ich rede mal mit ihr, ob sie …«
»Michael?«, zischte Philip. »Der Wichser? Du redest noch mit ihm?«
»Ja, Michi ist ein guter Mensch.«
»Seinetwegen bin ich hier, Anna! Wäre er nicht gewesen, wäre alles noch wie früher!«
»Aber Philip, er hat nichts getan. Er wollte doch nur Zeit mit mir verbringen. Und du hast ihn angegriffen. Er wollte dir doch gar nichts Böses.«
Wut stieg in Philip auf. Er schloss seine Finger immer noch um ihre Hand, fester jetzt. Annas Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.
»Du tust mir weh, Philip.«
»Er war da! Er hat mich provoziert und er hat mich beleidigt. Seinetwegen bin ich hier!« Seine Stimme wurde immer lauter.
»Du tust mir weh!«, sagte Anna noch einmal, Tränen liefen ihre Wange hinunter.
»Er war es! Es ist seine Schuld! Und du fickst ihn immer noch?« Philip stand plötzlich, ihre Hand fest im Griff, und sie winselte vor Schmerz. Der weiße Mann rannte auf ihn zu, riss ihn von ihr los. Er nahm alles nur verschwommen wahr. Da war der Nebel wieder. Er schrie weiter, hörte seine Stimme aber nicht mehr. Der weiße Mann drückte ihn gegen die Wand und die Tür sprang auf. Weitere Männer kamen herein, einer zog Anna nach draußen, der andere trug eine Spritze in der Hand. Er kam auf Philip zu, der noch mehr schrie, trat, um sich schlug und den weißen Mann in die Schulter biss. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Arm und er spürte, wie ihn alles verließ. Wie es wieder dunkel wurde, wie der Nebel sich dichter zusammenzog. Philip erschlaffte und fiel in die Dunkelheit hinein.
***
Sie hatten ihn wieder in diesen hellen Raum gebracht. Rasende Kopfschmerzen zwangen ihn dazu, die Augen geschlossen zu halten. Das flackernde Licht der Beleuchtung, das sich auf dem hellen Tisch spiegelte, bohrte sich bis in die Tiefen seines Gehirns. Der Stuhl, auf dem er saß, drückte mit der harten Fläche auf seinen Hintern und an seinen Rücken. Er rutschte hin und her, versuchte, eine gemütliche Position zu finden. Der weiße Mann stand wieder neben der Tür und beobachtete ihn argwöhnisch. Philip ignorierte ihn, versuchte nicht daran zu denken, wie sich die Spritze beim letzten Besuch dieses Raumes in seinen Arm gebohrt hatte.
Als die Tür aufging, zuckte er zusammen. Er hoffte, dass er Anna noch einmal sehen konnte, aber herein kam ein fremder Mann. Trotzdem wirkte er irgendwie bekannt, irgendwie so, als wäre er schon einmal in einem seiner Träume aufgetaucht. Er war groß, mit dunkler Haut und einer Glatze, auf der sich das Licht der Deckenlampe spiegelte. Auf seiner Nase saß eine Brille mit dicken Gläsern, die sein Gesicht merkwürdig groß aussehen ließ. Unter seinem weißen Arztkittel trug er ein weißes Hemd und eine weiße Hose. In seiner Hand hielt er ein Klemmbrett, auf dem Philip vollgeschriebene Blätter mit Diagrammen und Tabellen sehen konnte. Was genau dort stand, konnte er aber nicht erkennen. Der Neuankömmling nickte dem weißen Mann neben der Tür zu, woraufhin dieser den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss. Er ging lächelnd auf den Tisch zu und nahm sich den Stuhl Philip gegenüber.
»Guten Morgen, Herr Beck. Haben Sie gut geschlafen?« Seine Stimme klang tief und mächtig, sie dröhnte in dem kleinen, hellen Raum. Philip antwortete nicht.
»Wie geht es Ihnen?«, fragte die tiefe Stimme erneut. Philip vermied es, dem Arzt in die Augen zu sehen. Seine Zähne knirschten, als er sie fest zusammenpresste und mit seinen Kiefermuskeln spielte.
»Vielleicht stelle ich mich zunächst einmal vor. Ich bin Doktor Holder und ich bin der leitende Arzt in dieser Klinik. Sie sind Philip, wenn ich richtig informiert bin?«
Die Stille wurde nur unterbrochen von Schritten draußen auf dem Gang, die leiser wurden und schließlich verschwanden. Der Doktor beobachtete Philip, immer noch ein Lächeln im Gesicht. Zumindest sein Mund lächelte, die Mundwinkel leicht hochgezogen. Die Augen allerdings — die dunklen Augen strahlten nichts als Kälte aus.
»Sie brauchen keine Angst zu haben, Philip. Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.«
Philip verdrehte die Augen und unterdrückte ein Lachen. Das hatte er schon so oft gehört. Und nie hatte ihm jemand wirklich geholfen. Außer Anna vielleicht.
»Glauben Sie mir nicht?«, fragte der Doktor. Er wirkte immer noch amüsiert.
»Fick dich«, zischte Philip.
Der Doktor schwieg einige Sekunden. Er beobachtete Philip, dem es so vorkam, als würde er ihn durchleuchten. Als würde er ihn röntgen. Nicht seinen Körper, nicht seine Knochen, nein, seine Seele.
»Wovor hast du Angst?«, fragte der Doktor. Philip starrte ihn jetzt direkt an. Starrte in seine dunklen Augen.
»Ich hab gesagt, du sollst dich ficken.« Seine Stimme zitterte. Jeder Muskel in seinem Körper vibrierte vor Anspannung. Der Doktor ignorierte seine verbalen Ausraster.
»Hast du vor den Pflegern Angst? Vor den Medikamenten? Vor mir?« Der Kiefer schmerzte Philip, weil er seineZähne mit aller Kraft zusammenpresste. An der Stuhllehne splitterte ein kleines Stückchen Holz ab, das er in den letzten Minuten mit seinem Fingernagel bearbeitet hatte.
»Davor musst du keine Angst haben. Die Pfleger und ich, wir wollen dir wirklich helfen. Und die Medikamente sind nur dafür da, dass du dir nicht selbst weh tust.«
»Ich kann dir wehtun.«
»Das bezweifle ich nicht«, sagte der Doktor. »Aber auch das würde am Ende nur dir selbst schaden.«
Die Stille, die folgte, erstreckte sich über längere Zeit. Philip wollte aufstehen und gehen. Er wollte nicht hier sein, mit diesem Arzt, der so tat, als würde er ihm helfen können.
»Warum bist du hier?«, fragte die tiefe Stimme, als die Stille beinahe unerträglich wurde.
»Schau doch auf dein beschissenes Klemmbrett.«
Der Doktor lächelte wieder sein nervtötendes Lächeln, dann griff er nach dem Klemmbrett und las, was darauf stand.
»Du hast jemanden geschlagen. Einen Stuhl aus dem Fenster geschmissen, ein Auto damit getroffen. Die Frontscheibe ist zerstört, die Fahrerin musste genäht werden und ihr Arm ist gebrochen. Das habe ich alles schon gesehen. Aber mich interessiert, warum du das alles getan hast.«
»Weil Sie sich jetzt endlich mal ficken sollen.«
»Wer hat dich denn so wütend gemacht?«
Philip dachte an Anna, wie sie in ihrem Bademantel vor ihm stand. An diesen Wichser Michael, der sich an ihm vorbeizwängte und ihn anstarrte, als wäre er ein Irrer. Und er dachte an seinen zehnten Geburtstag. An seine Mutter. Tränen stiegen ihm in die Augen. Er ballte seine Hände zu Fäusten.
»Schon gut.« Der Doktor hob beschwichtigend die Hände. Seine tiefe Stimme sprach ruhig, aber in Philip tobte das Chaos. »Schon gut, Philip. Wir sind hier, um dir zu helfen. Um diese Wut zu bekämpfen. Um den Grund für diese Wut zu bekämpfen.«
Wenn er noch einmal sagen würde, dass er Philip helfen wollte, wäre er der Nächste, der einen Stuhl an den Kopf bekam. Er konnte es nicht mehr hören. Alle wollten ihm immer helfen. Aber niemand glaubte ihm.
»Was ist mit deiner Mutter?«, fragte der Doktor und Philip wich zurück. Er starrte den Doktor mit großen Augen an. Konnte er etwa seine Gedanken lesen? Direkt nachdem er an seine Mutter dachte, fragte der Doktor nach ihr. Oder hatte er es womöglich doch laut ausgesprochen?
»Ist etwas mit deiner Mutter geschehen?«
»Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel.«
»Ist sie der Grund für deine Wut? Für deine Trauer?«
»Meine Mutter ist tot.« Philips Stimme ertönte lauter als zuvor.
»Das tut mir leid«, versicherte der Doktor und Philip hätte es ihm beinahe abgenommen. »Wirklich. Das muss schlimm für dich gewesen sein.«
Das Sonnenlicht warf einen Schatten auf die gegenüberliegende Wand und Philip versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Er bemühte sich, darin nicht die dunkle Gestalt zu sehen, die ihn seit seinem zehnten Geburtstag in seinen Träumen heimsuchte.
»Ich sehe, dass du bereits in Behandlung warst. Schon eine ganze Weile sogar. Ich nehme an, dass sie dich deswegen hierhergeschickt haben, statt es mit einer Geldstrafe gut sein zu lassen?« Philip war dankbar, dass der Doktor das Thema wechselte. Er wollte nicht über seine Vergangenheit nachdenken müssen. Nicht über seine Mutter. Nicht über seinen zehnten Geburtstag.
»Die denken, ich bin verrückt. Diese Hurensöhne.«
»Hast du ihnen denn einen Grund dafür gegeben?«
»Es denken doch immer alle gleich, jemand ist verrückt, wenn er nicht ist wie alle anderen.«
»Und du bist nicht wie alle anderen?« Der Schatten an der Wand schien in Philips Augenwinkeln zu tanzen. Regelrecht zu frohlocken. »Wie bist du denn dann?«
Philip dachte an den Ball. Wie er vor seinen Augen durch die Luft glitt, von einer Hand in die andere. Er dachte daran, wie Anna ihn angesehen hatte.
»Willst du es mir nicht sagen?«
»Sie glauben mir sowieso nicht. Niemand glaubt mir.«
»Aber ich habe immer ein offenes Ohr für eine gute Geschichte.« Der Doktor lächelte, versuchte ihn zu ermutigen. Die letzten Jahre hatten Philip jedoch gegen Ermutigung abgehärtet.
»Was würden Sie denn sagen, wenn ich Ihnen die Wahrheit erzähle?« Er wusste nicht, was er tat. Warum er mit dem Doktor redete. Schließlich würde er ihn nur in eine Zelle sperren, mit Medikamenten vollpumpen und schwören, es ihm auszutreiben, so wie alle anderen Ärzte. Aber etwas an diesem Arzt war anders. Etwas an ihm ermutigte Philip, die Wahrheit zu sagen. Vielleicht seine dunklen Augen, die Philip das Gefühl gaben, dass er sowieso schon alles wusste.
»Das weiß ich nicht, bevor ich sie nicht gehört habe«, sagte der Doktor.
»Okay. Nehmen wir an, ich erzähle Ihnen, dass ich nicht normal bin. Dass ich anders bin, dass ich Dinge kann, die man normalerweise nicht können darf.«
»Wovon sprichst du?«
»Nehmen wir an, ich erzähle Ihnen, ich würde fliegen können. Oder unsichtbar werden. Oder ich würde die Zeit anhalten können. Würden Sie mir glauben? Würden Sie mir wirklich helfen? Oder würden Sie mir meine Fantasien nur austreiben wollen?«
»Denkst du, dass du das alles kannst?«
»Darum geht es nicht. Alle erzählen immer, sie wollenmir helfen. Alle erzählen immer, sie wollen nur mein Bestes. Aber alle verschließen die Augen, sobald es um etwas geht, das sie nicht verstehen. Da sind Sie nicht besser als alle anderen. Als die Ärzte vor Ihnen. Als meine Großeltern, als meine Eltern. Als Anna.« Philips Stimme wurde immer lauter und er bemühte sich, ruhig sitzen zu bleiben.
»Philip, was sind diese Dinge, von denen du redest?«
Philip überlegte. Er wollte es ihm sagen, wollte es ihm in sein Gesicht schreien. Aber er hatte Angst. Hatte schon immer Angst davor gehabt, es auszusprechen. Zumindest seit seinem zehnten Geburtstag.
»Was bringt es, mit Ihnen darüber zu sprechen? Sie glauben mir ja sowieso nicht.«
»Das weißt du nicht, bevor du es versucht hast.«
»Oh doch, das weiß ich.«
Der Doktor faltete die Hände in seinem Schoß. Er lehnte sich zurück und musterte ihn. »Versuch es.«
Entschlossenheit durchfuhr Philip. Entschlossenheit und Wut, die sich immer deutlicher in ihm manifestierte. Entschlossenheit, dem Doktor zu geben, was er wollte: die Wahrheit. Wut darüber, dass er ihm sowieso nicht glauben würde.
»Wenn Sie es genau wissen wollen. Ich kann zaubern. Schon immer. Das glaubt mir niemand und ich konnte es auch noch niemandem beweisen. Aber ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Es gibt Zauberei und ich bin ein Zauberer.« Der Doktor schwieg. Er lächelte immer noch, aber er schwieg. »Und jetzt können Sie mich für verrückt erklären. Sie können mich einsperren und mir Ihre Scheiß Drogen einflößen, aber das ist die Wahrheit, ob Sie es glauben wollen oder nicht.« Sein Herz pochte wild in seiner Brust. Warum hatte er es ihm erzählt? Warum konnte er nicht einfach seinen Mund halten, alles über sich ergehen lassen, seine Zeit absitzen und am Ende in Frieden wieder entlassen werden?
»Wie kommst du darauf, dass du ein Zauberer bist?«, fragte der Doktor.
»Hab ich Ihnen doch schon gesagt. Weil ich Dinge tun kann, die normale Menschen nicht tun können. Sachen schweben lassen und so.«
»Kannst du mir das zeigen?«
Philip wurde nervös. Er zupfte an dem weißen Shirt, das sie ihm gegeben hatten. »Nein. Also … ich würde gerne. Aber es klappt nie, wenn jemand da ist.«
Der Doktor nickte. »Ich verstehe.« Aber Philip bezweifelte, dass er wirklich verstand.
»Kennst du die Geschichte von Arthur Stone?«
Philip musterte den Doktor verdutzt. Er schüttelte den Kopf. Von einem Arthur Stone hatte er noch nie gehört.
»Mir wurde die Legende von Arthur Stone schon viele Male erzählt. Vielleicht gefällt sie dir ja. Es geht auch um einen Zauberer. Arthur lebte vor vielen Jahrhunderten im mittelalterlichen England. Schon damals mussten Hexen und Zauberer verdeckt leben, da sie von den Nichtmagiern gefürchtet und verfolgt wurden. Die Leute hatten Angst vor Zauberei. Sie konnten sich Magie nicht erklären und dachten, es wäre ein Werkzeug des Teufels. Du hast ja sicher schon von den Hexenverfolgungen gehört?«
Philip nickte. Sie hatten das Thema mal kurz in der Schule angeschnitten. Genau genommen wurde es von einem seiner Mitschüler in einem Referat behandelt. Der Vortrag war nicht besonders gut gewesen, viele Informationen fehlten oder passten nicht zusammen, aber Philip spürte jetzt noch Angst, wenn er darüber nachdachte. Schließlich konnte er selbst zaubern und die Vorstellung, auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, verfolgte ihn in vielen Albträumen.
»Auf jeden Fall lebte Arthur in einem kleinen Dorf im Süden Englands. Seine Nachbarn merkten über viele Jahre hinweg nicht, wer da neben ihnen wohnte. Sie hielten ihn für einen normalen, guten Bauern, der nur etwas Glück mit seiner Ernte hatte. Aber nicht alle gönnten ihm das. Einige Männer im Dorf erblassten vor Neid, weil er immer das größte Gemüse und die reichste Frucht hervorbrachte. Arthur teilte seine Erträge barmherzig mit der Dorfgemeinschaft und genoss deshalb ein hohes Ansehen, aber andere wollten das, was er hatte. Sie wollten herausfinden, was ihm zu seinem Glück verhalf. Eines Abends folgten ihm drei der Männer, als er sich zu seinem Feld aufmachte. Er ging oft am Abend dorthin, um seine Zauber zu wirken und das Gemüse wachsen zu lassen, ohne dass ihn jemand beobachtete. Es war dunkel und niemand hätte ihn gesehen, wenn ihm die drei nicht auf den Fersen gewesen wären. Sie sahen, was er tat, sahen ihn seine Zauber wirken und schienen sich nun sicher, dass er einen Pakt mit dem Teufel eingegangen war.«
Der Doktor griff nach dem Wasserglas und nahm einen Schluck, bevor er weitersprach. Philip hörte ihm aufmerksam zu. Er wartete gespannt, bis er weiterreden würde, auch wenn er noch nicht verstand, warum ihm der Doktor diese Geschichte erzählte.
»Sie schmiedeten einen Plan. Wollten ihm den Teufel austreiben, den Dämon bezwingen. Sie wollten keinen Zauberer bei sich im Dorf haben. Also schritten sie zur Tat.«
»Sie haben ihn verbrannt?«, fragte Philip schockiert.
»Das wollten sie. Sie sammelten Holz und Stroh und bauten einen Scheiterhaufen. Dann lauerten sie ihm auf, überwältigten ihn und brachten ihn zur Feuerstelle. Als Arthur das sah und verstand, was sie planten, wurde er wütend. Die Männer versuchten, ihn zu halten, aber seine Kraft ließ ihnen keine Chance. Er sprengte seine Ketten, um zu fliehen, aber sie erkannten nicht, welche Kräfte in ihm schlummerten. Sie wollten ihn aufhalten und griffen erneut an. Das war ihr Untergang. Arthur besiegte sie mit einer Leichtigkeit, wie ein normaler Mann eine Fliege erschlägt. Alle drei starben einen qualvollen Tod. Ihre Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt und Arthur musste das Dorf verlassen. Er hatte gemordet, wenn auch nur zum Selbstschutz. Aber wenn er blieb, konnte ein Blutbad nicht mehr verhindert werden.«
»Aber sie hatten doch ihn angegriffen.«
»Das mag sein, aber die Menschen fürchteten die Zauberei. Jetzt, wo sie um seine besonderen Fähigkeiten wussten und welch große Gefahr von ihm ausging, würden sie nicht neben ihm leben wollen.
Arthur bereute, was geschehen war, weil er sich in dem Dorf sehr wohl gefühlt hatte. Er mochte die Menschen dort und sie akzeptierten ihn als Teil in ihrer Mitte. Er bereute, dass er sich zum Mord hinreißen ließ.«
»Er hat sich doch nur verteidigt!«
»Trotzdem war er jetzt ein Mörder. Die Zauberei hatte ihn zum Mörder gemacht. Die Wut hatte ihn zum Mörder gemacht. In diesem Moment schwor sich Arthur, nie wieder Zauberei gegen Nichtmagier einsetzen zu wollen. Er schwor, seine Kräfte zu kontrollieren und zu verbergen. Noch stärker im Geheimen zu agieren, den Menschen keinen Grund mehr zu geben, sich zu fürchten. Es reichte ihm aber nicht, dass er selbst auf Magie als Waffe verzichtete. Zu dieser Zeit, musst du wissen, haben viele Zauberer ihre Magie eingesetzt, um Kämpfe zu gewinnen. Kriegewurden mit Magie ausgetragen, die berühmtesten Krieger beherrschten unglaubliche Arten der Zauberei. Sie bestimmten das Geschehen auf dem Schlachtfeld und sie entschieden, wer auf dem Thron saß. Aber Arthur machte essich zur Mission, das zu ändern. Er wollte die Magie vom Krieg fernhalten. Und so tat er das einzige, was er in diesem Moment sinnvoll fand. Er gründete eine Schule.«
»Eine Schule?«
»Ja, eine Schule. Die erste Zaubererschule auf der Welt. Zuvor hatten Eltern ihre Kinder zuhause unterrichtet. Viele waren sogar aufgewachsen, ohne ihre Fähigkeiten zu trainieren. Das kostete viele Leben und Arthur wollte alldem ein Ende setzen. Viele Zauberer schickten schon bald ihre Kinder zu ihm, damit er ihnen beibrachte, die Kraft zu kontrollieren. Und er brachte ihnen bei, sie nichtgegen jene einzusetzen, die sich nicht wehren konnten. Aus seiner Schule wurde eine Bewegung und schon bald sprossen überall im Land Schulen aus der Erde. Es dauerte nicht lange, bis seine Lehre auch in anderen Ländern ankam. Arthur Stone war es, der es geschafft hat, Frieden zwischen Zauberern und Menschen zu wahren. Heute gibt es Schulen nach seinem Vorbild auf der ganzen Welt. Heute vereint seine Lehre die gesamte Zaubererschaft.«
Philip ließ sich in seinen Stuhl sinken. Er beäugte den Doktor argwöhnisch. »Sie erzählen diese Geschichte, als wäre sie wahr. Als würden Sie daran glauben, dass sie mir hier Geschichtsunterricht geben.«
Der Doktor richtete sich auf, legte seine Hände auf den Tisch und sah Philip direkt in die Augen. »Philip, du bist nicht hier, weil du ein Auto zerstört hast und deswegen eine Frau einen Kratzer auf ihrer Stirn hat. Du bist hier, weil wir es so wollen.«
»Was?« Er verstand nicht, was der Doktor ihm sagen wollte.
»Es gibt einen guten Grund dafür, dass du den Weg hierher gefunden hast. Wir haben dir diesen Weg gewiesen.«
»Was wollen Sie mir sagen?«
»Philip, das hier ist keine Klinik und ich bin kein Doktor. Du bist nicht hier, weil du verrückt bist. Du bist hier, weil du Fähigkeiten besitzt, die für andere unverständlich bleiben. Du bist hier, weil Arthur auch dich auf den rechten Weg führen will. Herzlich willkommen in der Magicka, der ältesten Zaubererschule Deutschlands. Ich bin Direktor Holder und es wäre mir eine Freude, dir die Lehre Arthurs zu vermitteln.«
Philip starrte ihn mit offenem Mund an. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Damit hatte er nicht gerechnet.
»Willkommen zuhause. Jetzt kannst du endlich der sein, der du wirklich bist. Jetzt bist du unter deinesgleichen.«
»Wollen Sie mich verarschen?« Der Doktor zog die Augenbrauen hoch. »Eine Zaubererschule? Ja klar. Ist das eines Ihrer verrückten Spielchen? Da mache ich nicht mit.«
»Philip, es tut mir leid, aber das ist die Wahrheit. Ist das nicht, was du immer wolltest?«
»Natürlich ist es, was ich immer wollte! Aber ich werde hierhergebracht und dann ist das zufällig die älteste Zaubererschule Deutschlands? Und Sie sind ein Zauberer? Verarschen kann ich mich allein.«
»Es ist kein Zufall. Ich habe dir doch schon gesagt, du bist hier, weil wir es so wollen. Wir haben unsere eigenen Möglichkeiten, Dinge auf den Weg zu bringen. Du hast mich doch darum gebeten, dir zu glauben. Jetzt bitte ich dich, mir zu glauben.«
Philip dachte nach. Er hatte keine Lust, bei den Spielchen des Doktors mitzumachen. Es war immer das Gleiche. Sie wollten einfach nur in seinen Kopf, damit sie ihn brechen konnten. Das würde er nicht zulassen. Aber es bestand immer noch die Chance — die kleine Chance, dass der Doktor die Wahrheit sagte. Dass er hier wirklich das gefunden hatte, was er sein ganzes Leben suchte.
»Beweisen Sie es.« Er verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wie bitte?«
»Beweisen Sie, dass Sie ein Zauberer sind.«
Der Doktor lachte. Er musterte Philip mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Du willst einen Beweis?«
»Ja.« Philip rechnete nicht damit, dass der Doktor seiner Aufforderung wirklich nachkommen würde. Aber Holder stand auf, zog die Ärmel hoch und bedeutete Philip aufzustehen. Der stand ebenfalls auf und ging einen Schritt zurück.
Der Doktor lächelte ihn an und hob seine Hände, die Handflächen nach oben gerichtet. Philip bemerkte zunächst nicht, was geschah. Als er es realisierte, kippte ihm die Kinnlade auf die Brust. Der Tisch, an dem sie eben noch gesessen hatten, schwebte in der Luft. Er stieg immer höher, bis Philip darunter hätte stehen können. Er starrte den Doktor mit großen Augen an. Dieser senkte die Hände wieder und der Tisch glitt nach unten, bis er auf dem Boden stand, als wäre nichts geschehen.
»Sie … Sie sind … das war … unglaublich!«, stotterte Philip. »Danke schön.« Der Doktor setzte sich, das Lächeln weiterhin auf den Lippen. »Und ja, ich bin ein Zauberer. So wie du.«
»Aber … warum … Sie wollen mich unterrichten?«
»Setz dich erst einmal.« Philip bemerkte, dass er immer noch stand. Er griff nach dem Stuhl, zog ihn zurück und setzte sich gegenüber dem Doktor hin.
»Ja, wir wollen dich unterrichten. Hier, in der Magicka. Du wirst lernen, deine Kräfte zu kontrollieren, sie zu stärken und sinnvoll einzusetzen. Natürlich nur, wenn du das auch willst.«
»Natürlich will ich!«, stieß Philip hervor. »Ich will das lernen! Wie Sie den Tisch hochgehoben haben. Und alles. Was bringen Sie mir noch bei?« Sein Herz pochte so laut, dass es seinen ganzen Körper zu erfüllen schien. Hier fand er offenbar alles, was er immer gewollt hatte. Das konnte nicht wahr sein. Aber hier saß er mit einem Zauberer, der zaubern konnte. Er hatte es mit seinen eigenen Augen gesehen, hatte es sich nicht eingebildet, er war nicht verrückt. Er war ein Zauberer.
»Ganz ruhig, Philip. Du wirst alles noch früh genug lernen. Wir werden dich zunächst einmal auf dein Zimmer bringen. Morgen beim Frühstück wird dir dann dein Stundenplan ausgehändigt und du darfst schon bald mit den anderen lernen. Bist du bereit dazu?«
»Ja! Ja, ich bin bereit!«
»Gut. Dann werden wir den Rest deiner Sachen holen und du kannst endgültig bei uns einziehen. Und dann geht es los. Dann machen wir dich zu einem echten, ausgebildeten Zauberer.«
Philip lächelte. Das erste Mal seit Langem war er wieder glücklich. So fühlte es sich also an, wenn einem geglaubt wurde. Wenn man selbst mit eigenen Augen gesehen hatte, dass man im Recht war. So fühlte es sich an, dazuzugehören.
»Dann lass uns mal zum Organisatorischen kommen«, sagte der Direktor.
Kapitel 3: Jason
Philip saß auf einer Bank vorm Schwesternzimmer und wartete. Der Direktor hatte ihm alles genau erklärt, mit ihm besprochen, wie es weiterging. Er würde einziehen, jeden Morgen zum Unterricht gehen und nach einem Jahr seine erste Prüfung ablegen. Die gesamte Grundausbildung dauerte drei Jahre, danach konnte er sich entscheiden, ob er sein Wissen noch vertiefen wollte. Es war alles so aufregend.
Außerdem durfte er noch mit Anna telefonieren. Sie wirkte zunächst verwirrt. Phillip konnte ihr nicht erzählen, was hier wirklich vor sich ging, und das fiel ihm schwer. Aber die Warnung des Direktors, dass er sie damit in Schwierigkeiten brächte, belehrte ihn eines Besseren. Sie dachte immer noch, er sei in der Klinik, und das erklärte auch ihre Überraschung darüber, wie glücklich er klang. Aber das wollte sie doch immer. Sie musste jetzt einfach glücklich darüber sein, dass er sich endlich behandeln ließ. Am Ende besann sie sich und glaubte, dass nun alles gut werden würde. Anna versprach ihm, seine Sachen zu richten und von Mitarbeitern der Schule abholen zu lassen. Dann fände er endlich ein richtiges Zuhause. Er zog den Rucksack mit den wenigen Sachen, die er bei sich trug, an sich und lächelte. Lächelte ein wahrhaft glückliches Lächeln.
Nach wenigen Minuten kam eine Krankenschwester auf Philip zu. Sie war sehr klein und beinahe so breit wie hoch. Ihre Haare hatte sie zu einem strengen Zopf nach hinten gebunden, passend zu ihren ernsten Gesichtszügen und ihrem strengen Blick.
