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Stündliche Bombenangriffe, Sirenengeheul und die Flucht in den Bunker - dieses schreckliche Szenario bestimmt den Alltag des kleinen Jungen. Als Fünfjähriger flieht er mit seiner Mutter und Schwester aus dem brennenden Stettin - es ist schon fast zu spät. Sie suchen Zuflucht bei Verwandten auf einem Rittergut in Pommern. Im Januar 1945 rückt die Front näher, und russische Soldaten besetzen den Hof. Seine geliebte Mutter zu schützen, wird für den Jungen zur größten Aufgabe. Er lernt eine ihm fremde , völlig verrohte Welt kennen, bis endlich der Vater seine Familie aufspürt und mit ihr zur Flucht in den Westen aufbricht. Burkhard Driest erzählt von einem zunächst unbeschwerten Leben auf dem Land, von seiner Nähe zur Mutter, der Distanz zum Vater, der Eifersucht auf die kleine Schwester und von den wunderbaren gemeinsamen Stunden mit Tante Kläre, die ihm Geborgenheit gibt. Ein scheinbares Paradies, in dem alles noch seinen Platz hat, bis diese Idylle grausam zerstört wird und eine Kindheit früh zu Ende geht. Die Zeit zwischen 1939 und 1945, die harten Kriegsjahre mit Hunger, Gewalt und Flucht beschreibt der Autor mit drastischer Offenheit und auf bewegende Weise.
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Seitenzahl: 437
Veröffentlichungsjahr: 2012
Wenn es der Leser vorzieht, kann dieses Buch auch als Werk der Fantasie angesehen werden. Aber es besteht immer die Chance, dass solch ein Werk der Fantasie einiges Licht auf das wirft, was als Tatsache geschrieben worden ist.
Ernest HemingwayParis, ein Fest fürs Leben
Das Morgenlicht fiel bereits durch die Jalousie, als ich die Augen einen kleinen Spalt öffnete. Ich lag auf der Seite, hatte die Beine angezogen und die rechte Hand unter dem Kissen. Es war der 28. April 1944.
Immer wieder erinnere ich mich an dieses Datum, an dieses quälende Erwachen. Es war an meinem fünften Geburtstag.
Mein Leben lang habe ich nicht begriffen, was wissenschaftlich längst erwiesen ist, nämlich dass die Dinge, wie ich sie sehe und erlebe, in meinem Kopf entstehen. Eine wunderbare oder grausige Welt, doch sie ist nirgendwo anders zu finden als in meinem Bewusstsein – einem Panoramakino großer und kleiner Szenarien.
Im Grunde ist das für mich kein Problem, aber im Trubel des Alltags verfalle ich vollkommen der Illusion, dass alles so ist, wie ich es wahrnehme. Wenn ich eifersüchtig bin, habe ich keinen Zweifel daran, dass die Geliebte mich betrügt. Dazu brauche ich nicht anwesend zu sein, brauche keine Beweise oder Zeugen. Ich weiß, was sie tut, wie sie zu Werke geht, warum sie es tut und wie sie dabei empfindet. Es ist mein Instinkt oder mein siebter Sinn, auf den ich mich verlassen kann. Ich kenne das Dasein, weil ich so sehr ein Teil von ihm bin, mir entgeht nichts. Mit allen Tentakeln meiner Lebensgier und Lebensangst bin ich meinem Leben verhaftet, und so sehr ich mich auch bemühe, es als die Projektion meiner Wünsche und Ängste zu begreifen, mein Bemühen ist vergeblich. Mein Schicksal kommt von außen, es fügt sich mir zu, und wenn meine Eltern mich in dieser unvergesslichen Nacht, von der ich eben sprach, für Stunden in ein dunkles Zimmer sperrten und mich dort schreien ließen, während sie sich ihrer leidenschaftlichen Liebe hingaben, erlebte ich meine Regungen als Gespenster einer schrecklichen Außenwelt.
Ich sah nicht mein tobendes Chaos von Eifersucht und Angst, sondern ich hatte ganz reale Katastrophen vor Augen. Wände, die mich schützen sollten, zerbrachen. Tapeten lösten sich auf oder begannen, sich in unheimlichen Bewegungen zu wellen, aus den Dielen oder den Falten des Vorhangs züngelten Flammen, die mich verbrennen würden. Doch statt wegzulaufen war ich starr vor Angst und erwartete das Unfassbare. Aus den Bäumen vor meinen Fenstern glotzten Schattengeister in mein Zimmer, deren Absichten unerfindlich waren. Ich dachte nicht daran, wie meine Mutter in den Armen meines Vaters lag, ich wusste nur, dass sie hier zu sein hatte, um mir beizustehen, mich zu schützen und zu beruhigen, damit ich aufhörte zu zittern.
Ich weinte, bis meine Augäpfel in der eisigen Nachtluft zu Kristallkugeln gefroren. Während sich alles um mich herum bewegte – die Wolken am finsteren Himmel, die Blätter der Bäume, die Katzen im Hof, die Fledermäuse, das sich liebende Elternpaar –, lag ich wie zu einer Salzsäule erstarrt in meinem Bett und schrie ohne Ton. All dies spielte sich nicht nur einmal ab, doch ich erinnere mich an dieses eine Mal, weil es die Nacht vor meinem fünften Geburtstag war.
Mein Vater, damals in Dresden stationiert, hatte seinen Besuch angekündigt, und meine Mutter blies das Ganze zu einem wundervollen Ereignis auf, das es für sie sicherlich auch war. Ich erwartete natürlich nicht nur ein Geschenk, irgendetwas im Erzgebirge extra für mich Hergestelltes, vielleicht eine neue elektrische Eisenbahn, sondern auch einen Tag, an dem sich meine Umgebung bemühen würde, mir das Gefühl zu geben, ein besonderes Wesen zu sein.
Ich wollte wenigstens an diesem Tag meiner Mutter, die ohne Mühe und Anstrengung von morgens bis abends ein einzigartiges Wesen war, ähnlich sein. Nie fiel irgendein Schatten auf ihre Einzigartigkeit, weder auf ihre Schönheit noch auf ihre Magie. Sie hätte es als göttliche Verzauberin auch kaum zugelassen, denn sie schien niemals zu vergessen, dass alle gefühlsbetonten Bindungen ausschließlich auf dem Wechselspiel von Verführung beruhten. Sie wies mich nicht nur darauf hin, dass ich in zwei Tagen Geburtstag hatte, dass mein Vater extra anreisen würde, um mir zu gratulieren und mir etwas Schönes zu schenken, sondern sie verführte mich zu der Erwartung, dass dieses Fest die Feier meiner Einzigartigkeit sein werde.
Berauscht und voller Ungeduld erwartete ich nun diesen Tag, der mit der Ankunft meines Vaters seinen Anfang nehmen sollte.
»Niemand ist morgen wichtig, nur du!« Meine Mutter sang es fast und ging mit mir in die Stadt, während meine dreijährige Schwester an Tante Kläre übergeben wurde.
In der Stadt führte sie mich zum ersten Mal in meinem Leben in einen Modeladen. Dort übernahm sie das Kommando über fünf Verkäuferinnen, dekorierte mich mit allerlei Kostümen und verstand es, mir mit feiner Hand ein Matrosenjäckchen anzuprobieren und so lange zurechtzuzupfen, bis mir vor Seligkeit fast schwindlig wurde.
»Wie schneidig du aussiehst«, sagte sie und strahlte mit ihren blauen Augen erst mich und dann die anderen an, die ihr sofort beipflichteten.
Anschließend nahm sie mich an die Hand und führte mich zu Nazi-Hermann, wie sie den Friseur nannte, der mir nur »den Hals etwas ausschneiden« sollte, damit die Zotteln nicht über den Matrosenkragen fielen. Ich hasste Nazi-Hermann mit seiner Krücke aus dem Ersten Weltkrieg und den harten Sprüchen aus den Schützengräben, wenngleich ich ihn auch ohne sein nationalistisches Brimborium verabscheut hätte, weil mir jeder Angriff auf meine blonde Haarpracht zuwider war.
»Vor Verdun hatten wir gar keine Zeit für mehr als Deckel drauf und rundum ab!«, sagte er, nachdem meine Mutter ihm erklärt hatte, dass er nur den Nacken etwas ausrasieren sollte.
So machte er es auch mit mir, als lägen wir noch vor Verdun, und meine Mutter tat, als würde sie gar nichts bemerken. Mit steigender Wut starrte ich in den Spiegel und ahnte, wie schwer es sein würde, meine Einzigartigkeit zu bewahren. Als er fertig war, hielt er mir nicht etwa von allen Seiten einen Spiegel hin, sondern das gerahmte Foto eines HJ-Pimpfes mit abstehenden Ohren und dem gleichen Topfschnitt. »Der Scheitel links, wie der Führer«, sagte er und zog mir das Tuch weg, auf dem noch ein Teil meiner »Schnittlauchlocken« lag, wie er meine Haare nannte.
Während meine Mutter drei Groschen auf den Blechteller warf, beklagte er sich darüber, dass die russischen Gefangenen aus den Lagern nun überall zur Arbeit geschickt würden. Sogar bei ihm habe man solch einen slawischen Steppenmenschen abstellen wollen.
»Wenn er Haare schneiden kann«, sagte meine Mutter.
Nazi-Hermann schüttelte den Kopf. »Da sollen böse Brüder drunter sein. Die fressen den Ratten das Futter weg.«
Beim Abschied rief er »Heil Hitler«, sie sagte »Adieu«, und ich kniff wütend die Lippen zusammen. Auf dem Heimweg ließ sie meine Klagen gar nicht erst laut werden, sondern fragte zufrieden lächelnd: »Warum sollen Steppenmenschen keine Haare schneiden können?« Als ich ihr grimmig meinen kahl geschorenen Nacken vorhalten wollte, beschrieb sie voller Vorfreude, was sie morgen kochen würde und dass sie heute Nachmittag noch den Frankfurter Kranz fertig machen müsse. Sie versprach mir, dass ich von den gerösteten Haferflocken naschen dürfte und auch von der Vanillecreme, auf die ich immer total versessen war. Dabei machte sie das Probieren vor, lachend und schmatzend, als gäbe es nichts Amüsanteres und nichts Köstlicheres. Sie war so guter Laune, dass sie auch lachte, wenn uns auf der Straße Leute grüßten.
Als mein Vater abends kam, holten wir ihn vom Bahnhof ab. Nur Mama und ich. Dagi blieb bei Tante Kläre, die mein Vater nicht leiden konnte, weil sie so »tüterig« war. Als ich das Wort zum ersten Mal hörte, fragte ich meine Mutter, was das bedeutete. »Tantig« war ihre Antwort, also hieß »tüterig« so zu sein wie Tante Kläre.
Tante Kläre hatte den traurigen, demütigen Blick eines kranken Hundes, der sich bei jeder abrupten Bewegung zurückzieht, den Kopf auf die Pfoten legt und wimmert. Sie hatte nicht nur diesen leidensvollen Ausdruck, sondern sagte auch oft: »Ach, daran bin wohl wieder ich schuld!« Diese Jämmerlichkeit löste sich auch dann nicht auf, wenn sie mich kritisierte. Wenn ich eine Tasse zerschmissen hatte und sagte, ich war das nicht, jammerte sie: »Ach, ich bin wohl blind!« Einmal sagte sie: »Wahrscheinlich mögt ihr mich alle nicht.« Ein andermal: »Ich will euch ja immer das Schlechteste.« Oder: »Ihr wäret froh, wenn ich gar nicht da wäre«, fügte jedoch dann mit leiser Aggressivität hinzu: »Aber wer würde euch dann den Haushalt machen?« Nur die Geschichte vom kleinen Prinzen konnte sie besser erzählen als jeder andere.
Mein Geburtstag ist Ende April, eine Jahreszeit, in der es in Pommern gegen Abend noch ziemlich kühl war. Daher bestand meine Mutter darauf, dass ich eine Mütze aufsetzte. Mützen hasste ich, aber ich besaß ohnehin nur eine. Es war eine zu große Skimütze, die ich durch und durch verabscheute. Obendrein musste ich noch die Ohrenklappen herunterziehen, damit ich nicht schon wieder Mittelohrentzündung bekäme.
Als meine Mutter sie mir aufsetzte, schob sich die Kante über meine Augen, und ich stand im Dunkeln. Sie lachte, und weil ich kreischend protestierte, fasste sie sie mit beiden Händen zugleich hinten und am Schirm und stellte sie schräg gen Himmel, so wie der Jauchefahrer Kalle von Gut Drewitz sie trug. Ich kannte ihn, wir Kinder ärgerten ihn, aber er machte kein Hehl daraus, dass ihm die Verachtung der anderen schnuppe war.
In Wahrheit war es keine Verachtung, denn niemand dort blickte auf den anderen herab. Das galt auch für die Eigner Major Albrecht Friedrich von Roxin und seine Frau Elisabeth, die jedem auf dem Gut Respekt erwiesen. Ich nannte sie Onkel Albi und Tante Sissi. Bei ihr kam noch Liebe hinzu, die Onkel Albi sich eher für seinen Zuchthengst und die zwei Stuten aufbewahrte oder für die Jagd oder Fürst Bismarck, den er verehrte und an den ein großes Gemälde in seinem Büro erinnerte. Nichts war der Verachtung wert, und so klein auch die Geschäfte unter den Gutsarbeitern waren, es gab nicht den kleinlichen Geschäftsgeist, so wie es auch die Gemeinheit und die Dummheit nicht gab, die sich aus der Sicht der Roxins in der Partei und der Politik eingenistet hatten.
Dennoch wollte ich weder durch den Sitz der Mütze noch durch sonst etwas in Kalles Nähe gerückt werden, schon gar nicht am Vortag meiner Geburtstagsfeier. Auch wenn alle in mir noch ein Kind sahen, eines Tages würde ich ein Mann sein, ein Soldat, und die trugen die Skimütze, wenn sie denn zur Uniform gehörte, ein wenig schräg nach rechts, im Schirm geknickt, knapp über den Augen, sodass diese im Schatten lagen, wenn eine Lichtbombe oder eine Blitzgranate sich über ihnen in der Luft entzündete. Von meinem Freund Paul wusste ich, dass das im Krieg jederzeit der Fall sein konnte und daher die Augen stets gut zu schützen waren.
Es war schon dunkel. Ich stand nah an den Gleisen und beugte mich vor, um die zwei Lichter der Lokomotive in der Kurve als Erster zu sehen.
Ein kalter Wind blies mir entgegen. Geh nicht so nahe ran, sonst kommst du noch unter den Zug!, hätte Tante Kläre gesagt, aber meine Mutter kümmerte sich nicht darum, sie war nur damit beschäftigt, sich ihre Zigarette anzustecken, obwohl es sich damals für eine Dame nicht schickte, draußen zu rauchen. Das waren Dinge, die man jederzeit von meinem Vater hören konnte, wenngleich sich meine Mutter nicht darum scherte. Selbst seine schärfsten Ermahnungen verdarben ihr kein einziges Mal die Laune. Einmal lachte sie ihn aus und sagte: »Nur die Zigarette ist draußen, der Rauch ist ja innen«, inhalierte besonders tief und machte mit ihrer Zigarette eine großartige Bewegung durch die Luft.
»Deine Mutter lässt sich nicht von einem Uhrmachersohn einschüchtern, auch wenn der Uhrmacher sein Haus am Marktplatz in Gollnow hat und im Stadtrat sitzt«, war Tante Lieschens Kommentar, als ich ihr meine Beobachtung berichtete. Tante Lieschen war die Schwester meiner verstorbenen Großmutter und gehörte zum bürgerlich-liberalen Holzgroßhändlerzweig der Familie, nicht zu den deutschnationalen Uhrmachern.
Aus der Ferne kam ein lang gezogenes Tuten, ich wurde ganz aufgeregt, sah die zwei kleinen Punkte, die sich schnell zu großen Lichtern ausdehnten, und als der Zug mit viel Schnaufen und Getöse in den Bahnhof einlief, tutete er noch ein paar Mal, zischte und stampfte, die Kolben drehten rückwärts, die Eisenräder blockierten, rutschten weiter, sprühten Funken. Jedes Mal faszinierte mich dieses Ereignis in seiner ganzen pompösen Orchestrierung. Kerzengerade stand die Wasserdampfsäule über dem Schornstein, vom Rückenwind gestützt, doch als die eiserne Raupe noch einmal röhrte und schnaubte, kippte die weiße Säule um und hüllte alles ein. Hinter diesen Schleiern mühte sich das schwarze Ungetüm an mir vorbei.
Hektisch suchte ich Papa an allen Fenstern, an allen Türen, die sich überall schon vor dem Stopp öffneten, doch der weiße, über den Bahnsteig kriechende Qualm der Lokomotive verdeckte die Ankommenden. Gebannt stand ich da und kam erst wieder zu mir, als meine Mutter rief: »Da hinten ist er, wir gehen ihm entgegen!«
Ich ergriff ihre Hand, und als wir drei Schritte von ihm entfernt waren, schüttelte sie meine Hand ab, er stellte den Koffer nieder, und sie flogen sich in die Arme.
Es dauerte. Ihre Umarmung erschien mir eine Ewigkeit, in der es mich nicht gab. Ich beobachtete zwei Soldaten, die sich begrüßten, sich kurz und kräftig die Hände schüttelten, wobei der eine sagte: »Mehr als dreißig Einsätze in Cholm geflogen.«
»Hoffnungslos?«
Der Ankömmling lachte kurz auf. »Wer hat dir das Adjektiv beigebracht? Heeresgruppe Nord steht kurz vor einem Entsatz-Angriff. Da wird von den Russen nur ihr schlechter Geruch übrig bleiben.« Wie nebenbei warf er meiner Mutter und Papa einen Blick zu, zog die Augenbrauen hoch und sagte spöttisch zu seinem Kollegen: »Mal sehen, was die Heimat uns zu bieten hat.« Er nahm seinen Koffer auf, und sie gingen davon.
Der Kuss meiner Eltern dauerte noch an, obgleich ich unter der Skimütze gar nicht sehen konnte, was sie genau taten. Ich hatte abgeschaltet. Ich beteiligte mich erst wieder, als der pelzige Muff meiner Mutter zu Boden fiel. Ich hob ihn auf, hielt ihn mir an den Mund, streichelte meine Lippen mit dem weichen Fell und sog den Duft des Parfums ein, mit dem meine Mutter ihren Handwärmer oft betropfte.
Der Geruch und die Berührung beruhigten mich, doch gerade als mein Herz langsamer schlug, bekam ich einen Knuff auf die Mütze und hörte über mir meines Vaters sonore Stimme: »Na, Hein Mück, Vorfreude schon da?«
Er nannte mich, wenn er »aufgeräumt« war, Hein Mück. Ich hasste das. Ich wusste nicht, wer Hein Mück war und was der Name symbolisieren sollte.
Meine Mutter zog mir die Mütze vom Kopf, sodass ich nicht vergessen konnte, sie bei der Begrüßung abzunehmen. Dann entwand sie mir den Muff, damit meine rechte Hand frei war, um sie meinem Vater hinzustrecken. Diese Begrüßung mit Hacken-Zusammenknallen hatte Muckchen Mattes gestern nach ihrer Ankunft mit mir geübt, nachdem sie ihren Koffer ausgepackt hatte, in dem auch ein Geschenk für mich war, wie ich mit einem schnellen Blick feststellen konnte. Sie war Funker bei einer Flakeinheit in Stettin und bewunderte meinen Vater »abgöttisch«, wie Tante Kläre sagte. Diese Bewunderung hatte auch einen sexuellen Hintergrund, wie ich viele Jahre später von meiner Mutter erfuhr. Das Besondere an ihr war: Sie trug immer einen Kamm seitlich im Haar, mit dem sie, bevor sie ihn einsteckte, ihre glänzende braune Mähne auf die andere Seite schob. Imposant war auch, dass sie ihre Zigaretten aus einer sehr langen Bernsteinspitze rauchte, die sie in großem Bogen durch die Luft schwang, wenn sie eine ihrer amüsanten Ausführungen über die Kriegsereignisse machte. Da sie Kettenraucherin war, hatte sie die Spitze immer in der Hand. Diese viele Raucherei war auch der Grund, erklärte mir Tante Kläre, weshalb sie eine Spitze benutzte, denn sonst hätte sie den halben Tag am Waschbecken stehen und ihre Finger mit Bimsstein schrubben müssen.
Muckchen hatte eine tiefe, leicht heisere Stimme, mit der sie kollernd oder gurrend lachte. Sie hatte kräftige Brauen und große braune Augen, mit denen sie ihr Gegenüber, wenn es etwas erzählte, genau betrachtete. Sie unterbrach nicht, sondern wartete, bis derjenige fertig war, ließ zwei weitere Sekunden verstreichen, ehe sie zu lächeln begann und antwortete. Diese kleine Pause gab ihrem Lächeln oft etwas Verruchtes, denn es war, als lächelte sie nicht über die Bemerkung ihres Gegenübers, sondern über das, was die Engländer einen second thought nennen, einen Hintergedanken und zwar einen obszönen. Das war eine der Seiten, die meinen Vater an ihr reizten, und irgendwie spürte ich das. Ich spürte, dass etwas nicht in Ordnung war. Muckchen hatte auch einen Oberlippenbart, und einmal hörte ich, wie meine Mutter in der Küche zu Tante Kläre sagte, Frauen mit einem Oberlippenbart seien besonders scharf. Es war kein Bart, wie Männer ihn trugen, aber ihr Haarflaum auf der Oberlippe war so dicht, dass er einen dunklen Schatten warf. Mich faszinierte das, und ich musste immer wieder hinschauen. Eigentlich wäre Muckchen jetzt am Bahnhof mit dabei gewesen, aber meine Mutter hatte ihr den Wunsch abgeschlagen. Im Gegenteil, sie hatte sie aufgefordert, abends zu Freunden zu gehen, weil sie mit Papa eine dringende Sache zu besprechen hätte. Wahrscheinlich würde sie gar nicht mehr da sein, wenn wir nach Hause kämen.
Ich drückte Papis Hand, so kräftig ich konnte, und knallte dabei die Hacken zusammen, obwohl nichts zu hören war, weil sich Sand zwischen meine Schuhe geschoben hatte.
»Er kann einen ja schon richtig begrüßen«, sagte er, ergriff seinen Koffer, hakte meine Mutter unter und ging mit ihr zum Ausgang. Ich trippelte hinterher, aber in der kleinen Bahnhofshalle holte ich auf, nahm ihre freie Hand und hielt sie ganz fest. Sie erwiderte den Druck, und damit war das Band, das nur uns beide einte, wieder hergestellt. Diese Verbindung war für mich stets wichtig, denn wenn sich etwas zwischen uns stellte, wurde ich sofort unruhig, gereizt oder sogar aggressiv. Darunter hatte dann besonders meine Schwester zu leiden.
Ich sorgte dafür, dass Unterbrechungen oder gar Abbrüche in der Beziehung zu meiner Mutter so selten wie möglich vorkamen, bestenfalls wenn sie auf die Toilette musste, wo ich nicht mit durfte. So war meine Erinnerung, später aber fand ich heraus, dass sie sehr geschickt und kompromisslos darin war, sich ihren »Freiraum« zu verschaffen. Trennung war stets ein großer Schmerz für mich, den ich aber sofort vergaß, wenn sie sagte, ich habe immer Zeit für dich, ich liebe dich, du gehst mir nie auf die Nerven, mein Leben wäre nichts ohne dich, du bist ein Geschenk für mich, gut, dass es dich gibt, gib Gott, dass wir nie getrennt sind.
Ich kann mich nicht erinnern, dass sie ein einziges Mal über mich geflucht hätte. Wann immer sie einmal ärgerlich oder wütend wurde, formulierte sie konkrete Ansprüche: Sei so lieb und räum das auf; bitte nasch nicht davon, lass uns das für Sonntag. Und wenn ich am Klavier herumklimperte, sagte sie: Es klingt wie Ravel. Niemals verlor sie sich in Vergleichen mit anderen Kindern, in übersteigerten Bildern, die dann sowieso nicht gepasst hätten.
Ich liebte sie, weil ich alles an ihr liebte. Oder umgekehrt: Da ich nichts an ihr auszusetzen hatte, war meine Liebe durch nichts eingeschränkt. Niemals zweifelte sie an meinen guten Fortschritten, wenngleich sie das an nichts Konkretem festmachte. Das hatte seine Ursache einmal darin, dass sie mich nicht auf etwas Bestimmtes festlegen wollte. Zum anderen war ihr Geist immer angefüllt mit Gegenwärtigem wie mit Klängen, Gerüchen, Eindrücken von Farben. Sie teilte diese Eindrücke sofort begeistert mit mir, wenn sie die ersten roten Tomaten sah, goldgelbe Zwiebeln, grüne Kräuter, die verschiedenen Schattierungen des Lichtes über den Tag oder an schönen Sommermorgen das Himmelsblau. Sie rief dann, oh, sieh mal wie rot die Tomaten sind! Und wie goldgelb die Zwiebeln!
Sie malte sich meine Zukunft nicht aus, sondern ließ mich immer wieder wissen, dass jemand wie ich stets einen Weg fände, »alle Wege führten nach Rom«, da machte sie sich gar keine Sorgen. Mein Ziel war also Rom.
»Ja, du wirst Papst!«, rief sie lachend.
Natürlich wollte ich wissen, wie sie sich das vorstellte, aber schalkhaft wich sie solch waghalsigen Spekulationen aus und gab Begründungen wie diese:. »Keinen Moment zweifle ich daran, wenn ich sehe, mit welchem Appetit du isst!«
Würde man sich zu einer so hohen kirchlichen Position empor essen können, hätte sie sogar recht gehabt, denn was sie mit großer Lust gekocht hatte, verschlang ich mit ebenso großem Genuss. War ihr Lieblingsgericht Gänsebraten, konnte ich mir nichts Verlockenderes vorstellen. Ging ihr der Sinn nach Himbeersaft, wollte ich nichts weiter haben als den Saft dieser durch ein Tuch passierten Frucht. Auch sonst war ich Feuer und Flamme für ihre Ideen. Wenn sie rief: »Wollen wir an die See?«, war ich ihr noch fröhlicheres Echo und jubelte ohne Zögern: »Oh ja, an die See!«
Sie war das Lächeln der Göttin. Sie wollte nichts als meine Liebe und Verzückung.
So sah ich es, und so empfand ich es. Erst als Erwachsener fiel mir auf, dass es zwischen der großen Freiheitsliebe meiner Mutter und der engen Beziehung zu mir, die man sehr wohl auch als Knebelung auffassen könnte, einen Widerspruch gab. Ein Psychologe, dem ich später von ihr vorschwärmte, fragte mich, ob diese kindliche Liebe auch einer kritischen Reflexion der tatsächlichen Geschehnisse standhalten würde. Als ich länger darüber nachdachte, fielen mir meine häufigen Besuche bei Tante Lieschen in Gollnow auf und die vielen Reisen meiner Mutter nach Dresden zu meinem Vater. Mir kam dann auch in Erinnerung, wie ich bei Gewitter stundenlang im Garten in einem Kinderwagen gelegen und geschrieen hatte. Oder wie sie sich niemals meinem Vater entgegengestellt hatte, wenn er mit Prügel oder Stubenarrest strafte, der manchmal über zwei Tage ging. Dennoch muss ich sagen: Ist es nicht gerade das Glück der Kindheit, die Dinge vereinfacht zu sehen, getragen von einer Lebenskraft, die den kleinen Organismus zur Entfaltung bringen will? Einer Kraft, die mit gegenläufigen Tendenzen auch dadurch fertig wird, dass sie sie gar nicht wahrnimmt?
Ich jedenfalls nahm nur die Liebe meiner Mutter zu mir wahr. Bis ins hohe Alter empfand ich es als die wunderbarste, wenn auch unbewusste Entscheidung meines Lebens, mich von ihr nur geliebt gefühlt zu haben. Die zwei Soldaten, die meinen Vater bei seinem letzten Kurzurlaub begleiteten, nannten sie ein »Rasseweib«. Ich fragte später Tante Lieschen, was das sei. Sie schüttelte den Kopf und sagte, die beiden hätten nicht Rasse, sondern Klasse gemeint, und das sei etwas sehr Gutes, das sei eine Frau, die Klasse habe, man könnte auch sagen: Adel, kurzum so etwas wie eine Königin.
Als wir vom Bahnhof zu Hause ankamen und ich meiner Schwester verkünden wollte, dass Vater da wäre, rannte ich durch alle Zimmer, fand aber weder Dagi noch Tante Kläre. Meine Mutter sagte, Dagi schlafe heute Nacht bei der kleinen Laura Schattner unten, und Tante Kläre lege der Frau Schattner noch Karten.
Die Schattners kamen aus Berlin und waren wegen der vielen Fliegerangriffe zu uns aufs Land übergesiedelt. Frau Schattner war es auch, die mir irgendwann einmal erzählte, wie sie mich nach einem heftigen Gewitter brüllend im Garten gefunden habe. Ich hätte angeschnallt in meiner Karre gelegen, gepeinigt von meinem Verlassensein, dem Donner und den Blitzen, die mein Geschrei verschluckten.
Als ich meine Mutter danach fragte, sagte sie lachend, das sei ein ordentliches Gewitter gewesen, gut, dass Dagi da noch nicht geboren war, und sie erzählte in spannenden Einzelheiten, wie sie nur schnell im Naugarder See ihre morgendliche Runde hatte schwimmen wollen und, von dem fürchterlichen Unwetter überrascht, auf einer Insel Zuflucht hatte suchen müssen.
Paul war acht, Irmchen fünf. Paul spielte immer mit seinen Soldaten Schlachten, und Irmchen musste die Figuren der Feinde bewegen. Weil sie das nur mit Widerstreben, tat holte Paul oft mich dazu. Laura, die Jüngste, war drei und noch zu klein, um mit uns zu spielen. Deswegen musste sie allein spielen oder mit Dagi Mutter und Kind. Mir gefiel das, weil Dagi dann manchmal auch nachts bei ihr schlief und nicht stören konnte, wenn mir meine Mutter noch eine Geschichte vom kleinen Prinzen erzählte.
Auf jeden Fall war es eine gute Nachricht, dass sie nicht da war. »Dann können wir noch Mensch ärgere Dich nicht spielen«, schlug ich gleich vor. Gemeinsam Spiele spielen, hatte ich mir zum Geburtstag gewünscht. Meine Mutter antwortete ausweichend, und ich hatte sofort die Frage parat, was wir denn sonst machen würden.
»Du hast morgen Geburtstag, und da musst du ausgeschlafen sein«, sagte sie zu meiner großen Enttäuschung. »Ich bring dich jetzt ins Bett, dann schläfst du schön, und morgen früh kommen alle zu deiner Geburtstagstafel zusammen.«
»Ich will aber noch nicht ins Bett!«, brüllte ich.
Mein Protest war etwas zu laut, und sofort war mein Vater da. »Du tust, was deine Mutter dir sagt, und zwar ohne Widerrede!«
Ich hielt meinen Mund und musste warten, bis ich mit ihr alleine war. Als sie neben mir am Bett saß, begann ich die Verhandlungen neu und luchste ihr das Versprechen ab, noch einmal zu mir zu kommen, falls ich nicht schlafen könnte.
»Du wirst schon schlafen«, sagte sie.
»Aber wenn nicht, erzählst du mir noch eine Geschichte vom kleinen Prinzen?«
»Wenn ich Licht sehe, komme ich. Aber erst mal machen wir es jetzt aus.«
Immer wieder mokierte sie sich später darüber, wie spießig er gewesen war. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, ließ sie ihn nicht aus den Augen. Sie wusste, dass der Blick durch die halb gesenkten Lider ihn in äußerste Erregung versetzte. Er atmete schwer, und diesen Atem hatte sie schon am Bahnhof gespürt. Dieser Atem weckte das Bedürfnis, von ihm begehrt zu werden. Mehr noch: Sie wollte von seiner Gier durchdrungen sein.
Langsam und ohne ihn aus den Augen zu lassen, schloss sie die Tür hinter sich. Sie machte einige Schritte auf ihn zu, um ihre Seidenstrümpfe aneinander zu reiben, denn sie wusste, wie sehr ihn dieses knisternde Geräusch aufreizte. Sie presste ihre halb nackten Arme gegen die Schenkel und zog die Strümpfe langsam hoch, sodass der schwarze, knielange Rock mit glitt, bis ihre Strumpfhalter zu sehen waren und ihm klar wurde, dass sie keinen Schlüpfer trug. All ihre Bewegungen begleitete sie mit leise geflüsterten Versprechungen.
Schwer atmend stützte er sich gegen den Tisch, unfähig, unter ihren Blicken irgendetwas zu denken, bis ein Geräusch im Haus ihn aufhorchen ließ und er plötzlich realisierte, dass die Gardinen zur Straße hin noch weit offen waren und sie beide im hellen Licht der Deckenlampe standen. Ehe er aber daran etwas ändern konnte, war sie heran und hielt ihn an der Krawatte seiner Uniform fest.
»Wir müssen die Vorhänge zuziehen«, zischte er.
Sie aber lachte und griff ihm an den Gürtel. »Du kannst dich zwischen mir und den Vorhängen entscheiden.«
Immer wieder mokierte sie sich später darüber, wie spießig er in vieler Hinsicht gewesen sei. Um das zu belegen, berichtete sie mir diese und andere Szenen in allen Einzelheiten. Auch diesmal gab er ihrer Drohung nicht nach, zu schrecklich war für ihn der Gedanke, sich den Augen der Nachbarn preiszugeben. Sie lachte wieder, aber diesmal lachte sie ihn aus, nachdem er sich von ihr befreit hatte und hastig an den Vorhängen herumzerrte, um mögliche Zuschauer am Blick ins Zimmer zu hindern. Um diese Abendzeit war das ziemlich unwahrscheinlich und auch nicht einfach, denn die Wohnung lag im ersten Stock, und ein Passant hätte schon in die Kastanien vor dem Haus klettern müssen, um Zeuge dieses Spektakels zu werden.
Er betrachtete diese Art von Anstand aber als seine Pflicht, und während er sie erfüllte, wies er zu seiner Verteidigung auf das generelle Verdunklungsgebot im Lande hin.
»Wenn das Licht eine solche Rolle spielt«, sagte sie, »dann muss ich jetzt erst hinüber zum Kinderzimmer gehen, denn ich habe mit ihm ausgemacht, dass ich nachschaue, wenn er Licht hat.«
Mit zwei Sprüngen war er bei ihr, umklammerte sie und fauchte ihr mit bebender Stimme ins Ohr, er würde die Sicherung für das Kinderzimmer herausdrehen. Schnell war er im Flur und hatte das erledigt, bevor sie protestieren konnte.
Das erste Mal in dieser Nacht nahm er sie auf dem Esszimmertisch. Dann trug er sie ins Schlafzimmer und ließ dort nur so viel Zeit verstreichen, wie sie brauchte, um ihn wieder auf Touren zu bringen. Wenn sie einschliefen, war sie es, die als Erste wieder erwachte. Mit vorsichtigen Fingern überzeugte sie sich dann sogleich, in welchem Zustand sich sein Geschlechtsteil befand. Sie brauchte nicht lange, um es sich mit großer Geschicklichkeit einzuverleiben und sich langsam in die sanften Gefilde ihrer Lust zu schaukeln, ohne dass er zu sich kam, bis ihre Umarmung heftiger wurde und selbst seine Rücksichtnahme auf die Nachbarn nicht mehr ausreichte, die Lautstärke ihres Stöhnens zu kontrollieren.
Tierähnliche Laute drangen bis in mein Kinderzimmer. Ein unüberwindliches Verbot hinderte mich daran, der realen Ursache auf den Grund zu kommen.
Nachdem meine Mutter verschwunden war, ohne mir noch eine Geschichte vom kleinen Prinzen zu erzählen, lauschte ich in den Abend hinaus. Es war nichts zu hören außer den drei Schlägen von der Marienkirche und dem Pochen meines eigenen Herzens. Ich legte mir die Hand auf die Brust und zählte mit, um einzuschlafen, wie es mir Tante Kläre gezeigt hatte. Da ich aber die Zahlen nur bis zehn kannte, musste ich immer von Neuem beginnen und verlor nach drei oder vier Wiederholungen die Lust daran. Mir wurde immer klarer, dass ich nicht einschlafen konnte, auch wenn ich noch eine Weile zögerte, das Licht anzumachen. Schließlich drückte ich entschlossen den Knopf –, das Licht ging aber nicht an.
Ich stand auf, tastete mich zur Tür und fand den Schalter für das Deckenlicht, doch auch das blieb aus. Irgendwas war kaputt. Ich fasste den Türgriff, um Bescheid zu sagen, dass das Licht nicht funktionierte. Die Tür war verschlossen.
Ich hätte klopfen oder schreien können, aber instinktiv wusste ich, dass das nichts nutzen würde. Es war schon einmal passiert, vielleicht schon viele Male. Wenn sich auch die Details meiner Erinnerungen aufgelöst hatten, war mir doch die Vergeblichkeit all meiner Versuche bewusst. Es hatte keinen Sinn zu klopfen oder zu rufen.
Ich begann zu weinen.
Oft erhellte der Mond mein Zimmer, auf dessen Tapeten sich die großen Blumenmuster zu bewegen schienen, aber jetzt war es stockfinster. Schluchzend schlich ich ins Bett zurück und kroch unter die Decke. Dort wollte ich Schutz finden, doch die Decke schützte mich nur vor der Kälte von draußen, nicht vor der Kälte, die aus meinem Herzen aufstieg und mir in allen Formen einer Geistersprache von meiner Verlassenheit erzählte. Anfangs schienen die Laute aus irgendeinem unguten Traum zu stammen, doch dann lösten sie sich von mir, und es war, als schliche jemand über eine dumpf knarrende Diele. Sobald das Geräusch anschwoll, klang es wie das Grunzen seltsamer Tiere aus dem Garten, die ich in meinen Märchen suchte, aber dort nicht fand. Schließlich entledigte sich der Klang auch dieser Gestalten und stieg aus dem Garten oder Keller zu mir herauf, um als Erscheinung böser und gefährlicher Gewalten in mich zu schlüpfen. Entsetzt wich ich davor zurück, aber ich konnte nicht fliehen. Umzingelt von meiner Angst, war ich ausgesetzt. Meine Verlassenheit wurde größer und größer, bis ich mich in ihr aufzulösen drohte. Diesem letzten Schrecken meiner Vernichtung stemmte ich mich mit all der Kraft entgegen, die meine Lungen hergaben. Ich brüllte wie am Spieß. (Vielleicht hoffte ich auch, mit meinem Geschrei die Stimmen aus dem Schlafzimmer zu übertönen.)
Wie mir Tante Kläre ein paar Mal berichtet hat, hatte es vor meiner Geburt eine heftige Diskussion um meinen Namen gegeben. Meine Eltern konnten sich offenbar lange nicht einigen. Entzücken sollte er, aber zugleich auch jeweils die Haupteigenschaft vermitteln, die Mutter und Vater mir zu vererben gedachten. Meine Mutter war angeblich für Robert gewesen, weil sie Schumann so liebte, mein Vater für Tronje als Sinnbild treuer Kriegerschaft. Damit hatte er sich nicht durchsetzen können, und schließlich hatten sie sich auf Burkhard geeinigt, wobei es meiner Mutter noch gelungen war, das T in ein D zu verwandeln. Das Ende der Diskussion fand laut Tante Kläre am 19. April in einem D-Zug-Abteil des Zuges nach Berlin statt. Lange war es der Traum meines Vaters gewesen, den nationalen Geburtstagsfeierlichkeiten des Führers am 20. April beizuwohnen. Meine Mutter begleitete ihn, weil sie nicht von seiner Seite weichen wollte. Er war in jeder Hinsicht die große Liebe ihres Lebens, von der sie trotz aller familiären Warnungen nicht lassen konnte.
Sie hatte sich durchgesetzt, hatte ihn geheiratet, war dann mit mir schwanger geworden und reiste neun Tage vor meiner Geburt von Naugard nach Berlin, weil ihr Mann, persönlicher Adjutant des Führers der SA Bereich Pommern, die Stimme Adolf Hitlers hören und, wenn möglich, ihm auch in die Augen schauen wollte. Heute oder morgen an seinem Geburtstag. Meine Mutter sollte auch schauen, die Ekstase sollte sich auch auf sie übertragen, aber sie interessierte sich nicht für Adolf, sie interessierte sich nur für Kurt, ihn wollte sie im Auge behalten, ihn riechen, ihn spüren, ihn tragen und von ihm getragen werden. Es war gleichgültig, was er ihr sagte, sie wollte nur seine Stimme hören, deren tiefes Vibrieren, das ihr Herz berührte und es in sanfte Schwingungen versetzte. Diese Schwingungen lösten bei ihr, wie sie mal sagte, Engelschöre und Sphärenmusik aus. Auch später nach ihrer Scheidung blieb sie dabei. Sphärenmusik, aber keine Märsche, wie er sie nach ein paar Schnaps intonierte, wobei er sich selbst mit der rechten Hand begleitete. Er bumste den Takt mit dem Handballen auf die Tischplatte und imitierte die schnellen Trommelwirbel mit den Fingern.
Nein, die Musik meiner Mutter war ganz und gar nicht der stampfende Ausdruck von Macht, ihre Musik war eher inspiriert von erotischen Gefühlen. Sie liebte Schumann, seit sie im Konservatorium in Stettin Klavier studiert hatte. Das war zu einer Zeit, als ihr noch nicht bewusst gewesen war, dass sich ihr Land – oder besser – ihre Welt, das heißt, alles was sie umgab, einer wüsten Unordnung verschrieben hatte, wie sehr sich dieser Verfall auch den Anschein von Ordnung gab. Am Schluss würde es heißen, wenn das Volk nicht imstande wäre zu siegen, verdiente es seine Niederlage und seinen Untergang. Es war ein Volk, das bereit war, so wurde mir später klar, den Sinn in allem zu sehen, sofern es ihn bloß nicht selbst suchen musste. Ein Volk, das das innere Leiden, auch das Leiden einer persönlichen Sinnsuche, vollständig durch äußeres Gebrülle, Gestampfe, Getöse, Geknatter und unablässige Befehle, Heil-Rufe und anderen Lärm so lange zu überdecken suchte, bis ihm die Zähne ausgebrochen, seine Frauen geschändet, seine Kinder verrückt und seine Felder und Städte verwüstet worden waren.
Neun Tage vor meiner Geburt mahlte sich der gleichmäßige Takt der Eisenbahnräder in mein Nervenkostüm, sodass ich Zeit meines Lebens in diese pränatale Trance zurückfiel, wenn ich Zug fuhr.
Damals war diese Trance mein Schutz. Ein Schutz, den ich brauchte und zu mobilisieren suchte, wenn ich mich in den folgenden Jahren im Finstern zusammenkrümmte, eingesperrt in einem Zimmer, das für mich wie eine Totenkammer war, die sich vielleicht niemals wieder öffnen würde, erschöpft von all den Hilferufen, abgenabelt von meiner Mutter, verzweifelt. Mittels kleiner Bewegungen meines Kopfes und rhythmischer Zuckungen meines Körpers versuchte ich in solchen Situationen, den gleichmäßigen Takt der Eisenbahnräder zu imitieren, versuchte dieses Schaukeln des Zuges noch einmal zu erschaffen.
Neun Tage vor meiner Geburt war meine Mutter verliebt, und mein Vater hatte sich einem Henker verschrieben, der sich am nächsten Tag, dem 20. April 1939, in tausendfachem Glanz und vielen Uniformen zeigen wollte.
Dies war der Blutboden, auf dem ich das Licht der Welt erblicken würde und auf dem ich ein Jurist werden sollte, wenn es nach meinem Vater ginge. Jurist und dann Landrat. Meine Mutter hingegen wünschte sich von ihrem zukünftigen Kind, dass es Schauspieler oder Musiker oder Maler oder Literat werden würde. Sie war eine blond gelockte, junge Schöne, viel zu vital und optimistisch, um im Volk der tumben Marschierer ihren Platz zu suchen. Sie war die Tochter des Holzgroßhändlers Klöhn, der in der Stadt Gollnow das erste Auto besessen hatte. Sie war die Jüngste von drei Geschwistern, das Nesthäkchen, deren einzige Pflicht es gewesen war, strahlend glücklich zu sein und die Familie mit ihren Klavierübungen zu erfreuen. Ihr Bruder, ein Studienfreund des späteren Reichsbankpräsidenten, ging schon kurz vor der Machtergreifung nach Argentinien, verliebte sich dort, heiratete und gründete eine Bank. Ihre Schwester war mit einem Oberst der Wehrmacht verheiratet und hatte bereits zwei Kinder im Abstand von zwei Jahren. Süßchen aber, wie man sie rief, die Jüngste des Holzgroßhändlers, der die Schönheit aller Tage gehören sollte, hatte mit dem Uhrmacher-Sohn und SA-Mann Kurt die schlechteste Wahl getroffen.
Auf dieser Reise nach Berlin am 19. April 1939 nahmen meine Eltern Tante Kläre mit, damit sie zur Stelle wäre, sollte mit meiner Geburt irgendetwas anders als geplant verlaufen. Meine beiden Großmütter waren zu diesem Zeitpunkt schon tot, doch es erschien mir nie als Mangel, weil ihre beiden jüngeren Schwestern, Tante Kläre und Tante Lieschen, sie vollkommen ersetzten.
Tante Kläre hatte einen Picknickkorb mit allerlei Delikatessen gepackt, damit meine Mutter von einer sauren Gurke über Hühnerbrust, Aal in Aspik bis zu einem Becher mit extrem süßer Vanillesoße alles zum schnellen Imbiss dabei hatte. Das war neun Tage vor meiner Geburt, und wenn ich später meine unheimliche Einsamkeit betäuben wollte, sagte ich immer wieder »neun Tage vor meiner Geburt, neun Tage vor meiner Geburt, neun Tage vor meiner Geburt« – das gleichmäßige Rattern von Eisenbahnrädern, das sich mir über das Fruchtwasser mitgeteilt hatte. Diese Formulierung stammte von Tante Kläre, denn sie hat mir die Geschichte von dieser Reise oft erzählt: »Neun Tage vor deiner Geburt fuhren deine Eltern nach Berlin, um bei den Paraden zum Geburtstag des Führers dabei zu sein.«
Des Führers 50. Geburtstag war an einem Donnerstag.
Sie kamen bereits am Mittwochvormittag an, um auch die Vorbereitungen zu den Festlichkeiten mitzuerleben. Schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel war alles voller Hakenkreuzfahnen, Girlanden, mit Kränzen umwundener, großer Hitler-Fotos, in jedem Schaufenster stand ein mit Lorbeer gerahmtes Götzenbild. »Wir danken dir, unser Führer!« Aus allen Gauen des Reiches wurden unaufhörlich Geschenke in die Reichskanzlei getragen. Kisten, Truhen, riesige Pappkartons, Vogelkäfige. Aus aller Welt trafen die Gäste ein. Grüßend marschierten Uniformierte ununterbrochen in die Reichskanzlei hinein und wieder heraus. Am Vorabend des Geburtstags übergab der Reichsbauinspektor dem Führer die gerade fertig gestellte Ost-West-Achse der Hauptstadt. Vom Großen Stern grüßte die neu erstandene Siegessäule, und als das Licht des Tages schwand, wurden die Gebäude angestrahlt, überall Schalen mit Feuer entzündet, Scheinwerfer beleuchteten das Wehen der Flaggen und er riesigen Hakenkreuztücher.
Weit vorausplanend hatte mein Vater einen Fensterplatz gemietet, sodass er, Tante Kläre und Mama (mit mir) verfolgen konnten, wie am Morgen des Geburtstags der Reigen der Gratulanten mit den Ständchen der Leibstandarte eröffnet wurde. Der Führer im Eingang der Reichskanzlei mit überkreuzten Händen, einem haarigen Oberlippenviereck und tief gezogenem Mützenschirm. Trachtengruppen warteten mit Blumen, junge und alte Menschen kletterten alle möglichen Säulen hinauf, und über allem wehte die Flagge des Reiches. Applaus, Heil, der Führer bedankte sich; kleine, weiß gekleidete Mädchen umringten ihn. Die säuberlich nach Geschlechtern getrennte Trachtenjugend mit Blumensträußen in den Händen, zog vorüber. Dann kamen aus der Reichskanzlei der slowakische Ministerpräsident Dr. Tiso, Reichsprotektor Freiherr von Neurath und ein Staatspräsident, den Tante Kläre nicht erkannte. Sie stiegen in offene Limousinen.
Ein riesiger Chor sang ein Lied, während der Führer am Fenster den Arm streckte und den Jubel des Volkes entgegennahm. Heil! Auf dem Balkon im ersten Stock trat er an die Balustrade, lächelte, riss den Arm hoch und hielt ihn lange gestreckt. Eine Stunde später verließ die Kolonne der offenen Limousinen mit dem Führerkader den Hof der Kanzlei. Schnell wurden kleine Kinder hochgehoben, um ihr Ärmchen zu strecken. Die Fahrt ging an ihnen vorbei durch das Regierungsviertel, wo ein Teil des Volkes angetreten war – in Uniformen, in Panzern, auf Pferden, mit Armbinden, geschmückt mit den Insignien der Staatsjugend. Der Führer stand vor dem Beifahrersitz und grüßte; seine Begleitung behielt Platz, den Gipfel einer Karriere genießend, die nicht mehr zu überbieten war, den Gipfel der Geschichte. Motorisierte Einheiten standen, Flakgeschütze, Panzerspähwagen verharrten, während die Führerlimousine weiterrollte, unter dem Siegestor hindurch nach einem dramatisch verlorenen Krieg vor zwanzig Jahren. Da nahm das Rufen des Volkes zu und steigerte sich zu hysterischem Schreien, das wie eine Welle entlang der Siegesallee die Führerlimousine begleitete.
Meine Eltern, Tante Kläre und ich hatten inzwischen den Platz gewechselt und waren in einen Wagen der SA gestiegen, unmittelbar dort, wo die Truppen sich zur Parade der größten Heerschau des Dritten Reiches formiert hatten. Vier Stunden lang zogen nun alle Waffengattungen an ihrem obersten Befehlshaber und an uns vorüber. Der Führer erhob sich, mein Vater erhob sich, wenn der Führer ihn unter den Vielen auf der anderen Fahrbahnseite auch nicht wahrnehmen konnte. Meine Mutter blieb sitzen, auf Schwangere wurde Rücksicht genommen. Der Führer und mein Vater kreuzten die Hände, wandten den Blick nach oben, wo die Formationen der Luftgeschwader vorbeidröhnten. Er und mein Vater setzten sich wieder. Ein neues Regiment trug Fahnen herbei, wieder erhoben sie sich, legten die linken Hände ans Koppel, der Führer ließ den rechten Arm zum gestreckten »Sieg Heil« schnellen, und alle – auch mein Vater – folgten der Bewegung. Die Stiefel knallten, der Marsch hämmerte, Fallschirmjäger und die Marine ließen grüßen, ein Reiterregiment auf Schimmeln trommelte und blies ins Horn. Die Musiker auf den Pferden machten eine Wende, nahmen Aufstellung gegenüber dem Führer, verdeckten meinem Vater die Sicht. Zwischen ihm und dem Führer ritt das Bataillon hindurch, gefolgt von einer motorisierten Infanteriedivision und einer Panzerabteilung. Dann war die Sicht wieder frei, abermals trat ein Bataillon vor, senkte die Fahnen, und die Nationalhymne erklang.
Dieser 20. April war der Deutschen glücklichster Tag, denn niemals zuvor wurde ein deutscher Held und Führer so gefeiert. Nicht nur sang es laut aus allen Kehlen: »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre«, nein, die Himmel sandten, laut Tante Kläre, auch das schönste Wetter, das sich meiner Mutter warm um die Schultern legte. Beglückt summte sie zur Führerlyrik, die mein Vater ihr aus allen möglichen Zeitungen vorlas. Dann überraschte er sie mit zwei Karten für die Staatsoper, wo Herbert von Karajan Fidelio dirigierte. Das hörte ich nicht mehr, da schlief ich bereits. Das Letzte, das an meine müden Ohren drang, war der Männergesangsverein vor unserem Haus, der mit dem Lied »Brüder, weihet Herz und Hand« des deutschen Volkes unbegrenzte Liebe zu Führer und Vaterland pries.
All dies ging mir durch den Sinn, als für einen Moment Stille in meiner Geisternacht eingetreten war. Es war eine Stille, die nicht lange währte, denn meine Mutter besaß eine Grammophonplatte mit Fidelio, von Karajan dirigiert, und legte sie nun in der Pause ihrer Liebesnacht auf. Wieder erhob sich der Horror der Dunkelheit.
Immer, wenn mein Vater für diese kurzen Urlaube zurück nach Hause kam, wurde ich weggesperrt. Nicht allein wegen der Lust und Bequemlichkeit meiner Eltern, sondern weil mein Vater einem Erziehungsprinzip huldigte: Unerbittlichkeit. Er sagte immer wieder zu meiner Mutter: »Wenn er schreit, und du gehst zu ihm ins Zimmer, gibst du ihm recht. Er macht die Erfahrung, dass er sich mit seinem Gebrüll durchsetzen kann. Er muss lernen, dass er seinen Willen auch durch seine Toberei nicht kriegt. Da musst du unerbittlich sein.«
Am nächsten Tag, meinem fünften Geburtstag, schliefen meine Eltern ziemlich lange, und es war Tante Lieschen, die mir zuerst gratulierte und mir beim Anziehen half. Sie war mit dem Frühzug aus Gollnow gekommen, hatte mein Zimmer unverschlossen vorgefunden und tröstete mich mit einem Frühstück in der Küche, bei dem ich das Brötchen in die heiße Honigmilch stippen durfte. Außerdem ließ sie mich mein Geschenk erraten: einen Gutschein für ein Pony. Pferde waren meine Lieblingstiere. Zehn Gutscheine brauchte ich, dies war der achte. »Noch Weihnachten und ein Geburtstag«, strahlte ich glücklich.
Als meine Eltern aufgestanden waren, gab es das große Geburtstagsfrühstück, an dem auch Muckchen teilnahm. Sie schenkte mir einen Panzer, den sie selbst geschnitzt hatte. Bevor ich ihn entgegennehmen konnte, hatte ihn mein Vater in den Händen, drehte und wendete ihn und spendete fachmännisches Lob. Muckchen errötete.
Dann reichte er ihn mir mit den Worten: »Dies ist ein Panther. Kannst du vergleichen mit dem russischen T-34, aber unserer ist besser bei gleicher Mobilität. Was wiegt er?«
»30 Tonnen«, sagte Muckchen und sog tief an ihrer Zigarettenspitze.
»Ja, und bei diesem relativ niedrigen Gewicht hat er durch die günstige Neigung der Panzerwände – hier, siehst du?« – er nahm ihn mir wieder weg und strich mit dem Finger über die Seiten – »… eine sehr gute Panzerwirkung.«
»Das hat der T-34 auch«, sagte Muckchen und schwenkte ihre Zigarette Richtung Panzer, »aber der hier hat eine ganz moderne Feuerleitung.« Dann zog sie wieder, behielt aber die Spitze zwischen den Zähnen, »und hier …« – ruck, zuck hatte sie den Panzer in beiden Händen – »… Drehstabfederung und einen Drei-Mann-Turm.« Sie hielt das Schnitzkunstwerk hoch ins Licht, als sollte die Sonne aufgehen und hindurch scheinen. Dann gab sie ihn mir zurück, und Papa sagte:
»Die Tiger sind zu unbeweglich, haben wir die Erfahrung gemacht.« Sein Ton war entspannt, er hatte sich zurückgelehnt, alle anderen »sendeten« nicht mehr, wie Muckchen, die Funkerin, gesagt hätte. Diese Schwingung von Kennerschaft verband im Moment nur sie mit ihm.
Sie machte eine ausladende Bewegung mit Arm und Spitze, deren Mundstück rot wie ihre Lippen war. »Aber auf ihre Art auch sehr gefährlich.« Sie lachte.
Natürlich bekam ich den Unterton nicht mit; erst später erfuhr ich von meiner Mutter, dass Muckchen meinen Vater bei ihren Sexspielen Tiger nannte.
Nach dem Frühstück blieben sie alle noch sitzen, aber ich zeichnete, am Boden kniend, Loks, in voller Fahrt, wie sie qualmend aus dem Tunnel donnerten. Ich hatte die Angewohnheit, zu zeichnen oder mit Farbe zu klecksen und zu pinseln, wenn meine Seele wie diese Loks überdampften. Tante Kläre machte alle darauf aufmerksam und sagte, »Wie schön er zeichnet!«. Worauf mein Vater blaffte: »Wer hat gesagt, dass du aufstehen darfst?«
»Es ist sein Geburtstag«, meinte meine Mutter beschwichtigend, worauf er lächelte und sagte: »Oh ja, ich wollte dir ja noch mein Geburtstagsgeschenk zeigen. Geh schon mal in mein Zimmer, ich komme gleich.«
Gehorsam ließ ich meinen Zeichenblock liegen und ging in sein Zimmer. Es hatte eine gepolsterte Tür, die ich hinter mir zuschob. Noch immer war ich verbittert und blieb mit dem Rücken an der Tür stehen. Mir gegenüber hing ein Hitler-Bild in schwarzem Rahmen, der Held meines Vaters, dem er einmal gegenüber gestanden und in die blauen Augen geschaut hatte, wie er Besuchern stets erklärte. Ich mochte den Mann auf dem Bild nicht, seine Haare hingen ihm hässlich ins Gesicht. Zu poliert glänzten sie am Scheitel. Tief über seine Schulter lief ein Lederriemen.
Um den Rauchtisch stand eine Ledergarnitur und in der Ecke, schräg zum Fenster, der Schreibtisch. Dahinter an der Wand hing ein Ölgemälde, ein aufsteigender Schimmelhengst mit wehender Mähne. Das Bild mochte ich und wünschte mir, auf so einem Pferd zu reiten.
Auf dem Schreibtisch stand als Briefbeschwerer meine Märklin-Eisenbahnlok in Rot und Schwarz mit einem Anhängerwagen, bei dem man die Türen aufschieben konnte. Das war der Anfang einer inzwischen abgebrochenen Geschenkserie für mich gewesen, die zu einem großen Reichsbahnnetz ausgebaut werden sollte. Es hätte einen Teil des Dachbodens bedeckt, und zwar den zum Garten hin, weil auf dem anderen Teil, dem südlichen, Familie Schattner ihr Territorium hatte. Es war aber bei dem einen Weihnachtsgeschenk, einer Lokomotive mit Tender und Anhänger, geblieben, weil ich angeblich nicht nur die dazugehörigen Schienen, sondern auch das Gestänge an der Lok kaputt gemacht hatte. Ich kann mich an mein zerstörerisches Tun zwar nicht erinnern, aber da einer meiner Wesenszüge Ungeduld ist, halte ich es für möglich. Damals allerdings bestritt ich es wütend und unter Tränen. Vergeblich, denn bis zu ihrem Tod führte Tante Kläre diese Geschichte als Beispiel an, wenn sie anschaulich machen wollte, dass ich manchmal »so schrecklich böse« sein konnte. Wie auch immer – ich schätzte diese Lok als Vaters Briefbeschwerer viel mehr, als wenn sie auf dem Dachboden als Reichsbahn herumgedüst wäre. Normalerweise bekam ich sie auch gar nicht zu Gesicht, denn uns Kindern war es verboten, Vaters Zimmer zu betreten. Jetzt ging ich auf die Lok zu, denn neben ihr lag Papas Geburtstagsgeschenk: ein großes Bilderbuch mit einem grauen Schlachtschiff.
Vater kam herein, überholte mich, wobei er mit Schwung unter meine Achseln fasste, und setzte mich auf seinen Schoß. Er legte beide Arme um mich, nahm den Bildband und erklärte mir vor jedem Umblättern die militärischen Aktionen. Unsere Soldaten erkannte ich an den zuversichtlichen oder gar fröhlichen Gesichtern, die Feinde am finsteren Ausdruck. Ich konnte das Kampfgeschrei fast hören. Alles auf den Bildern schien unablässig in Bewegung zu sein, veränderte sich jedoch nicht. Ein kleiner Trupp siegessicherer Soldaten stürmte eine Flak-Stellung mit grimmig dreinblickenden Franzosen, ohne die Stellung je zu erreichen.
Vater deutete auf den Zigarrenanzünder auf dem Rauchtisch, hob mich vom Schoß und stellte mich neben den Schreibtisch vor einen drehbaren Ständer mit verschiedenen Füllfederhaltern, drei dazugehörigen Tintenfässern und einem Löschpapierstempel. Schon immer hätte ich gerne mit der roten Tinte gemalt, doch leider durfte ich davon nichts anfassen. Als Papa sich die Zigarre angezündet hatte und mich wieder auf den Schoß nahm, stürmten die Soldaten immer noch an derselben Stelle. Ich hätte sie gerne in Bewegung gebracht, die durch die Luft schwirrenden Kugeln gesehen, ihren Siegesjubel und ihr »Blutopfer«, wie mein Vater sagte, obwohl ich nicht genau wusste, was das war. Aus dem Buch tropfendes Blut, das ich mit dem filzigen Papierstempel hätte löschen können, würde mir sicher gefallen haben. Rote, dicke Seen neben kleinen Inseln blauer Tinte.
In dem Buch waren auch die Dienstgrade der SA abgebildet: Männer mit Mütze, Riemen unterm Kinn, Daumen vorn im Gürtel. Die Uniformen waren braun, und manche trugen am Arm eine Hakenkreuzbinde. Papa sagte, bei dem Verein sei er auch gewesen. Nun war er bei einer Versorgungseinheit in Dresden, wo ihn meine Mutter oft besuchte, um mit ihm ins Konzert oder in die Oper zu gehen.
Vielleicht hätte ich die strammen Männer mit Mütze und Querriemen bewundert, wenn mit dieser Glückswelt meines Vaters nicht die häufige Trennung von meiner Mutter verbunden gewesen wäre. Von ihren Reisen nach Dresden kam sie immer so strahlend zurück, dass es mir einen Stich ins Herz versetzte.
Als mir abends Tante Kläre wieder eine Geschichte vom kleinen Prinzen erzählen wollte, der auf seinem Planeten auch immer alleine war, wie ich, wenn ich eingesperrt war, berichtete ich ihr davon. Eigentlich wusste ich nicht, wer die Tür abschloss und das Licht ausschaltete. Da es aber nur in den Nächten passierte, in denen mein Vater zu Hause war, hielt ich ihn für die böse Macht, die mich in Ängste versetzte. Tante Kläre würde nichts gegen ihn ausrichten können, das ahnte ich. Aber ich musste jemandem mein Leid klagen.
Sie schaute mich eine Weile ratlos mit ihren wässrig blauen Augen an. Da spürte ich instinktiv, dass ich lernen musste, auch Angst zu verbreiten. Größere Angst, als ich während meines Eingesperrtseins empfand. So etwas wie eine Gegenwelle von Angst aussenden. Aber warum sollte ausgerechnet Tante Kläre mir helfen können, einen Schrecken zu erfinden, der größer wäre als jener meiner einsamen Nächte? So traurig und hilflos, wie sie da am Bettrand saß, war das doch sehr unwahrscheinlich.
»Das ist der Krieg, der das alles macht«, sagte sie schließlich. »Seinetwegen muss Papa immer weg und hat nur diese wenigen Stunden zu Hause. Wenn der Krieg vorbei ist, wird alles anders.«
Ich wusste, dass Krieg war und dass dieser Begriff etwas mit Schlachten, Panzern und Soldaten zu tun hatte. Aber letztlich war es nur ein Wort für mich, nichts, was tiefer in mein Leben eingedrungen wäre. Selbst die Flugzeuge, die manchmal kleine Teile des Himmels punktierten oder mit Streifen durchpflügten, waren fern und nahmen ihr Grollen stets mit, wenn sie verschwanden. Und nun sollte sich der Krieg in etwas verwandelt haben, das in meinem Vater steckte und mit ihm unser Haus betrat? Ein unsichtbarer Feind, der mir Angst machte und dem ich mit keinem Schrecken drohen konnte?
Zu den harten Fakten, die Erwachsenen nichts bedeuten, bei Kindern aber ein Drama auslösen, gehörte, dass mir meine Mutter eines Tages nicht mehr die Geschichten vom kleinen Prinzen erzählen wollte. Meine zwei Jahre jüngere Schwester Dagi hatte rebelliert.
