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Eine fatale Verschwörung, enthüllt von ihren Pinselstrichen … Delft, 12. Oktober 1654: Eine gewaltige Explosion in einem Schwarzpulverlager zerstört fast die Hälfte der Künstlerstadt und fordert Hunderte von Menschenleben. Zehn Jahre später will die Stadt dem Unglück des Delfter Donnerschlags mit einer Gedenkfeier und einem Gemälde Tribut zollen. Die Historienmalerin Sarah Meulemeester zögert zunächst, den Auftrag anzunehmen – das Grauen, das sie damals selbst miterlebte, verfolgt sie immer noch in ihren Träumen. Noch dazu beklagt sich die Künstlergilde der Stadt, dass eine Frau diesen wichtigen Auftrag erhalten hat, und Sarah muss Anfeindungen und Drohungen ertragen. Als ihre Skizzen jedoch enthüllen, was an diesem schicksalhaften Tag wirklich geschah, ist bald auch ihr Leben in Gefahr … Ein fesselnder Historienroman für Fans von Sabine Ebert.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Über dieses Buch:
Delft, 12. Oktober 1654: Eine gewaltige Explosion in einem Schwarzpulverlager zerstört fast die Hälfte der Künstlerstadt und fordert Hunderte von Menschenleben. Zehn Jahre später will die Stadt dem Unglück des Delfter Donnerschlags mit einer Gedenkfeier und einem Gemälde Tribut zollen. Die Historienmalerin Sarah Meulemeester zögert zunächst, den Auftrag anzunehmen – das Grauen, das sie damals selbst miterlebte, verfolgt sie immer noch in ihren Träumen. Noch dazu beklagt sich die Künstlergilde der Stadt, dass eine Frau diesen wichtigen Auftrag erhalten hat, und Sarah muss Anfeindungen und Drohungen ertragen. Als ihre Skizzen jedoch enthüllen, was an diesem schicksalhaften Tag wirklich geschah, ist bald auch ihr Leben in Gefahr …
Über die Autorin:
Alexandra Guggenheim ist Kunsthistorikerin und Journalistin mit dem Hang zum Geschichtenerzählen. Mit ihren historischen Romanen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und auch unter den Pseudonymen Anna Paredes und Agnès Gabriel erscheinen, hat sie sich ein internationales Publikum erobert. Die Autorin lebt in Hamburg.
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Der Gehilfe des Malers«, »Die Malerin von Delft« und »Die Schatten des Klosters«.
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eBook-Neuausgabe April 2025
Dieses Buch erschien bereits 2008 unter dem Titel »Die Malerin des Feuersturms« bei Piper
Copyright © der Originalausgabe 2008 Piper Verlag GmbH, München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/AcantStudio, Helen Lane und eines Gemäldes von Jan van der Heyden
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (lj)
ISBN 978-3-98952-649-5
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Alexandra Guggenheim
Die Malerin von Delft
Historischer Roman
dotbooks.
Prolog
Erstes Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16 Das Haus am Oude Langendijk
Zweites Buch
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30 Das Haus in der Kromstraat
Drittes Buch
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Historische Personen
Im Text erwähnte Gemälde
Zum Weiterlesen – eine Auswahl
Lesetipps
Cornelis Soetens schloss die Knöpfe an seinem Wams und ließ den Blick über den Körper der schlafenden Frau in seinem Bett gleiten. Sanft zeichneten sich ihre Konturen unter dem zerwühlten Laken ab. Das flammend rote Haar breitete sich über das Kopfkissen aus, bildete einen leuchtenden Rahmen für ihr helles Gesicht mit den unzähligen Sommersprossen, die er noch vor wenigen Stunden mit den Lippen erkundet hatte. Er seufzte leise in Erinnerung an die nächtlichen Umarmungen, verspürte noch immer die Wärme und Zartheit ihrer Haut unter seinen Fingerkuppen und die Glut in seinem Herzen, das kraftvoll und stürmisch schlug. Für sie, seine strahlende Sonne, sein Leben.
Soetens legte Hut und Mantel an, griff nach den kniehohen Lederstiefeln mit dem breiten Aufschlag und schlich auf Zehenspitzen durch das Zimmer, um die Geliebte nicht zu wecken. Nur mit Mühe konnte er sich losreißen von diesem Anblick, sog mit ein paar tiefen Atemzügen den Geruch ihres Parfums ein. Geräuschlos verließ er den Raum, zog in der Diele seine Stiefel an und trat hinaus auf die Straße.
Milde Herbstluft umfing ihn, am Himmel zogen ein paar Wolken vorbei. Einen kurzen Augenblick noch verharrte Soetens versonnen am Oude-Delft-Kanal, in dessen glattem Wasser sich die drei- und viergeschossigen roten Backstein-Häuser der wohlhabenden Bürger dieser Stadt spiegelten. Dann eilte er an der Oude Kerk vorbei Richtung Westen, zur Stadtmauer von Delft. Beim School-Tor wollte er eine Kutsche nehmen und nach Den Haag fahren. Samuel van Eckhout, der Adjutant des Prinzen Frederik Hendrick, hatte ihn zu sich bestellt. Die beiden Männer würden zu Mittag speisen und dabei den Ablauf der Gedenkfeier für Willem I. von Oranien besprechen. Dieser unvergessene, von den Landsleuten hoch verehrte Herrscher war genau siebzig Jahre zuvor in Delft einem Attentat zum Opfer gefallen.
Körbe, Säcke und Fässer türmten sich in den Lagerschuppen am Ufer des großen Kanals, der die Stadt ringförmig umgab. Kurz bevor Soetens das Stadttor erreicht hatte, trat aus dem Schatten eines Hauseingangs ein Laufbursche auf ihn zu und händigte ihm einen versiegelten Brief mit den Anweisungen des prinzlichen Adjutanten aus: Er, Cornelis Soetens, solle sich noch vor seiner Abreise in das Hauptquartier der Delfter Bürgerwehren begeben und eine angemessene Menge Schießpulver aus dem Munitionslager entnehmen. Das Pulver werde von den Truppen benötigt, damit diese ihre Parade für die bevorstehende Feier proben könnten. Soetens selbst wurde, wie vereinbart, vom Unterzeichner pünktlich zu Mittag in Den Haag erwartet.
Soetens wunderte sich über die Eile des Auftrags. Man schrieb den zwölften Oktober 1654, bis zur Jahresfeier blieb noch ein ganzer Monat Zeit. Kopfschüttelnd winkte er eine Kutsche heran und ließ den Fuhrmann in Richtung Nordosten fahren. Auf kürzestem Weg durchquerten sie die Stadt, die allenthalben Betriebsamkeit zeigte. Handwerker arbeiteten vor den Türen ihrer Häuser und ließen ihre Hämmer, Sägen und Meißel erklingen. Pferdekutschen und Karren ächzten über die gepflasterten Wege, Menschen eilten geschäftig durch die Straßen. Vor dem Haus des Vorstehers der Bürgerwehren ließ Soetens anhalten und den gleichermaßen überraschten Kommandanten in den Wagen einsteigen.
Am Ende des langen, schnurgeraden Geerwegs tauchten die Mauern des ehemaligen Klarissenklosters mit dem Pulverturm auf. Die Delfter nannten das Lagerhaus, in dem Dutzende Fässer mit Munition aus dem Krieg gegen die Spanier aufbewahrt wurden, »t’Secret van Holland«, das Geheimnis von Holland. Kurz vor halb elf stiegen die beiden Männer aus der Kutsche. Der Kommandant öffnete die schwere Eichentür mit dem goldverzierten Stadtwappen und schloss sie hinter sich sorgfältig zu.
Im Inneren des Turms war es dunkel und kühl, der Geruch von modriger Erde umfing sie. Soetens meinte, wenn auch sehr schwach, noch einen anderen Geruch wahrzunehmen, den er jedoch nicht zuordnen konnte. Durch vier schmale, knapp handbreite Fenster fiel mattes Tageslicht in das hohe steinerne Gewölbe. Die Männer zündeten zwei Laternen an. Ihr flackerndes Licht erhellte ein Eisengatter, hinter dem eine schmale gewundene Treppe in die Tiefe führte. Cornelis Soetens ließ sich die Schlüssel reichen, für deren rechtmäßigen Einsatz er, als Sekretär beim Rat der Vereinigten Niederlande, verantwortlich war, und sperrte der Reihe nach fünf Schlösser auf. Für das letzte brauchte er am längsten, weil sich der Fallriegel erst beim dritten Versuch anheben ließ.
Soetens musste auf einmal an die zurückgebliebene Geliebte denken, stellte sich vor, wie sie vielleicht in genau diesem Augenblick ihre meergrünen Augen aufschlug und sich schlaftrunken räkelte. Die Erinnerung an die vergangene Nacht ließ ihn zuerst erschaudern, dann lächeln. Würde das Gespräch mit dem Adjutanten zufriedenstellend verlaufen, könnte er vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück in Delft sein und Hendrickje in die Arme schließen. Noch eine ganze lange Nacht hatten sie für sich, denn ihr Ehemann war geschäftlich in Rotterdam unterwegs.
Cornelis Soetens bat den Kommandanten, auf ihn zu warten, und bückte sich nach der Laterne. Als er den Fuß auf die oberste Stufe der steinernen Treppe setzte, flammte ein gleißend helles Licht auf. Geblendet zuckte Soetens zurück, fühlte, wie ein Sog ihn wegriss und gegen die mächtigen Verstrebungen des Gatters presste. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Tränen schossen in seine Augen, die Kehle wurde eng. Seine Mundhöhle füllte sich mit etwas Süßlichem, Klumpigem. Gleichzeitig vernahm er einen Knall, der ihm das Trommelfell zerplatzen ließ. Dann wurde es schwarz um ihn.
Fröstelnd zog sie das dicke Federbett bis über die Nase. Sie würde noch ein paar Säcke Torfziegel zusätzlich kaufen müssen, stellte sie schlaftrunken fest. Fast den gesamten Wintervorrat hatte sie inzwischen aufgebraucht, um den engen, nur mit wenigen Möbelstücken eingerichteten Raum zu erwärmen, der ihr zum Leben und Arbeiten diente. Der erste Frost war diesmal früher gekommen als gewöhnlich, bereits Anfang November. Über Nacht hatte er die Grachten von Delft in starre, silbrig glänzende Straßen verwandelt. Auch jetzt, vier Monate später, trugen Häuser und Bäume immer noch weiße Kappen, konnte man nur dick vermummte Gestalten durch die engen Gassen eilen sehen. Dicht gedrängt an Hauswände, die ein wenig Schutz vor dem schneidenden Wind boten.
Während der Stunden, in denen Tageslicht durch die milchigen Fensterscheiben fiel, musste der Kamin in ihrer Werkstatt unablässig brennen. Pinsel und Malstock würden den klammen Fingern entgleiten, mit zittrigen Händen ließen sich keine Farben anrühren oder auf der Palette mischen. Für die kalten Nächte spendete ihr eine kupferne Bettflasche die notwendige Wärme.
Sarah Meulemeester schwang sich bibbernd auf die Bettkante und wusch Gesicht und Hände in einer Schüssel mit Wasser, die sie am Abend zuvor bereitgestellt hatte. Mit hastigen Bewegungen zog sie ein grob gewirktes Mieder und drei Röcke über ihr Hemd. Die wollenen Strümpfe mit den vielen Flickstellen, die längst schon durch neue hätten ersetzt werden sollen, hatte sie am Vorabend gar nicht erst ausgezogen. In Gedanken überschlug sie, wie viele Gulden ihr blieben, wenn sie von dem Verkauf ihres letzten Bildes die Miete für die vergangenen beiden Monate abzog und dazu noch die Außenstände beim Bäcker und beim Bierbrauer. Die Summe würde keinesfalls ausreichen, um die Torfziegel sofort bezahlen zu können, stellte sie bedrückt fest. Sie würde den Händler um ein paar Wochen Aufschub bitten.
Gleichzeitig beunruhigte sie die Vorstellung, dass er ihretwegen womöglich selbst in Schwierigkeiten geraten könnte. Vielleicht sollte sie dem buckligen Mann mit der Hasenscharte anbieten, eins seiner fünf Kinder zu porträtieren, überlegte sie. Immerhin hätte er mit einer Zeichnung einen Gegenwert, eine Ware zum Tauschen, wenn die Familie Nahrung benötigte oder Arznei.
Sarah schlüpfte in ihre ausgetretenen Pantoffeln, schüttelte Federbett und Kissen auf und zog die verblichenen grünen Bettvorhänge zu. Mit noch nachtsteifen Gliedern schlurfte sie zum Kamin, entfachte das Feuer und rieb ihre Hände über dem aufsteigenden Luftzug. Eine Weile blieb sie mit hochgezogenen Röcken so stehen, bis sie spürte, wie die Wärme allmählich, von den Knien heraufkriechend, ihren ganzen Körper erfasste. Wohlig streckte und dehnte sie den Rücken, verschränkte die Hände im Nacken und kreiste mit den Hüften.
Niemals würde sie sich an diese kalte Jahreszeit gewöhnen können. Wie sehr sehnte sie das flirrende Licht glühender Sommertage herbei, das den rotbraunen Ziegeln der Häuser und Stadttore den Anschein gab, als wären sie mit einer Goldlasur überzogen. Wenn die Natur wie in ein kräftiges Grün eingetaucht erschien, aus unscheinbaren Knospen farbenprächtige Blütenwunder entstanden, die die Luft mit ihrem verführerischen Duft erfüllten. Und sie wieder mit Maatje, der haselnussfarbenen Stute des Schmieds vom Schoolsteeg, über die Wiesen außerhalb der Stadt galoppieren könnte.
Aus dem Weidenkorb neben dem Kamin erklang ein leises Fiepen. Ein Paar kohlschwarzer Augen blickten erwartungsvoll zu Sarah empor, eine runde braune Schnauze reckte sich ihr witternd entgegen. Sie beugte sich hinunter und kraulte den Hund hinter den Ohren. Seit vier Jahren war Vosje ihr ergebener Gefährte, seit dem Tag, an dem sie den Welpen winselnd und mit gebrochener Vorderpfote vor ihrer Haustür gefunden und gesund gepflegt hatte. Fortan war er nicht mehr von ihrer Seite gewichen. Der Hund leckte freudig ihre Hand, stand gemächlich auf und streckte nacheinander zuerst die Hinter-, dann die Vorderläufe. Dabei stieß er einen tiefen Gähnlaut aus.
Sarah ging zu der kleinen Vorratskammer im hinteren, dem Fenster abgewandten Teil ihres Zimmers und zapfte einen Becher Bier aus einem Holzfässchen. Danach schnitt sie mühsam mit einem stumpf gewordenen Messer zwei Scheiben dunkles Brot von einem harten Laib ab und legte sie, zusammen mit einem Stück Stockfisch und etwas Käse, auf einen irdenen Teller. Vosje tänzelte ungeduldig auf den Hinterbeinen und forderte bellend sein morgendliches Stückchen Dörrfleisch ein, mit dem er eilig unter einem schmalen Klapptisch am Fenster verschwand.
Gerade hatte Sarah sich niedergesetzt und wollte mit der Morgenmahlzeit beginnen, als sie ein Klopfen an der Tür hörte. Vor ihr stand Trientje Anslo, die alte Hausbesitzerin, die das Erdgeschoss bewohnte. Die kleine, hagere Frau hatte es an diesem Tag offensichtlich besonders eilig gehabt heraufzukommen. Ihre Haube, die schon längst aus der Mode gekommen war, mit seitlichen, zu Wülsten gerollten Zipfeln, saß schief auf dem Kopf. Die blütenweiße Schürze mit dem bestickten Saum war zwar frisch gewaschen, aber noch nicht geplättet. Sarah fühlte, wie es Trientje drängte, die Gerüchte und Neuigkeiten, die sie am Vortag auf der Straße aufgeschnappt hatte, jemandem mitzuteilen.
»Wisst Ihr schon das Neueste? Der jüngste Neffe des Organisten von der Oude Kerk hat vorgestern im ›Zilveren Anker‹ einen Fremden niedergestochen«, begann sie ohne Umschweife und noch schnaufend vom Treppensteigen das Gespräch, und ihre wässrig blauen Augen glänzten vor Aufregung.
Sarah schüttelte stumm den Kopf und zog einen dreibeinigen Lehnstuhl an den Tisch heran, auf dem sich die Vermieterin ächzend niederließ. Sie beugte sich vor und sprach heftig gestikulierend auf Sarah ein.
»Ich gehe jede Wette ein, dass die neue Magd dahintersteckt, diese Anna. Die verdreht doch jedem, der Hose und Wams trägt, den Kopf. Einfach schamlos, wie sie sich immer hinunterbeugt und es darauf anlegt, dass die Gäste ihr in den Ausschnitt schauen. Pfui, sage ich da nur. Und jetzt sitzt dieser Trunkenbold von Neffe im Gefängnis. Der Arzt meint, der Fremde würde den Angriff wahrscheinlich überleben. Das Messer hat das Herz nur knapp verfehlt. Pah, Männer! Aber so sind sie eben. Einer hitzköpfiger als der andere! Genauso wie mein Jacob ... Gott hab ihn selig.«
Trientje Anslo zog verächtlich die Mundwinkel herunter und fuhr mit der blassrosa Zungenspitze zwischen den breiten Lücken ihrer fauligen Zahnstümpfe hin und her. Eine dünne Spur Spucke rann vom Mundwinkel bis zum Kinn hinunter. Sarah biss in das harte dunkle Brot, schmeckte dem würzig herben Geschmack des Biers auf der Zunge nach und täuschte Aufmerksamkeit vor. Klatsch und Tratsch langweilten sie, außerdem waren Wirtshausschlägereien an der Tagesordnung. Aber sie wollte die Vermieterin nicht brüskieren. Trientje Anslo hatte weder Verwandtschaft noch Freunde, mit denen sie sich austauschen konnte.
»Habt Ihr noch mehr Neuigkeiten erfahren?«, beeilte Sarah sich zwischen zwei Bissen zu fragen und setzte ein gewinnendes Lächeln auf.
»Allerdings! Die älteste Tochter des Weinhändlers aus der Kerkstraat soll zu Ostern heiraten«, setzte die Vermieterin ihren Redefluss fort. »Wurde aber auch Zeit, schließlich ist sie schon Ende zwanzig und ganz sicher keine Schönheit. Ihr zukünftiger Mann besitzt eine Kornmühle in Leiden, hat mir die Cousine der Schwägerin des Fleischers verraten. Oder war es doch Utrecht?«
Sarah hielt ein Stückchen Stockfisch unter den Tisch, das Vosje ihr vorsichtig schnuppernd aus den Fingern nahm und mit einem vernehmlichen Schmatzgeräusch hinunterschluckte. Mit Absicht übersah sie die vorwurfsvoll hochgezogenen Brauen ihres Gegenübers.
»Ich habe es schon oft gesagt, Sarah Meulemeester, Ihr seid noch zu jung, um für den Rest Eures Lebens alleine zu bleiben. Was geschehen ist, ist geschehen. Ihr solltet wieder heiraten und eine neue Familie gründen. Dann müsstet Ihr auch nie mehr einen Pinsel in die Hand nehmen. Malerin ... das ist kein Beruf für eine anständige Frau! Ihr kennt doch den Bäcker aus der Doelenstraat. Er ist auf Brautschau. Das weiß ich von der Schwiegermutter der Strumpfmacherin. Der Mann hat zwar nur ein Auge, aber sonst ist er nicht übel. Stellt Euch nur vor, Ihr hättet auch in Notzeiten immer genug zu essen, und außerdem ... «
Sarah machte eine abwehrende Handbewegung, stand abrupt auf und trug das leere Geschirr zurück in die Kammer. Sie hielt sich sehr gerade, spürte instinktiv die bohrenden Blicke der Vermieterin in ihrem Rücken.
»Ja, ja, Ihr mögt dieses Thema nicht, aber ich meine es doch nur gut mit Euch«, rief Trientje Anslo ihr mit vorwurfsvollem Unterton hinterher. Sarah presste die Lippen zusammen und antwortete mit Schweigen. Mit fahrigen Händen holte sie einen Zinnbecher aus dem hölzernen Eckregal über dem Bierfass, zählte hastig ein paar Münzen ab und ging an das Tischchen zurück. Sie schob das Kinn vor und straffte die Schultern.
»Hier, Trientje, das ist die Miete für die beiden letzten Monate, die ich Euch noch schulde. Gestern wurde wieder eins meiner Bilder verkauft. Ihr seht, zur Zeit laufen die Geschäfte recht gut bei mir.«
Trientje Anslos Gichtfinger griffen gierig nach den Münzen und verschwanden in Sekundenschnelle unter der Schürze. Die Vermieterin verzog den Mund zu einem breiten und zufriedenen Grinsen.
»Ihr wisst, dass ich nicht hinter dem Geld her bin. Aber eine alte Frau wie ich muss schließlich zusehen, wie sie alleine zurechtkommt. Da fällt mir ein, ich habe noch ein wenig Pökelhering übrig, den könnt Ihr Euch nachher abholen. Aber du darfst nichts davon bekommen«, sagte sie streng und warf einen tadelnden Blick zuerst unter den Tisch, dann auf Sarah. Vosje blinzelte und blieb zusammengerollt liegen, nur die buschige Schwanzspitze zuckte schwach.
Im Aufstehen rückte die alte Frau ihre Haube gerade und strich sich umständlich die zerknitterte Schürze glatt. »Jetzt habe ich aber lange genug geschwatzt. Höchste Zeit, dass ich mich um die Bügelwäsche kümmere. Schließlich will ich beim Sonntagsgottesdienst mit frisch gestärkten Kleidern vor das Angesicht unseres Herrn treten.«
Vosje sprang auf und zwängte sich an Trientje Anslo vorbei. In großen Sätzen hastete er die Treppe zur Diele hinunter und wartete ungeduldig darauf, dass ihm die Haustür geöffnet wurde. Wenige Minuten später war er wieder oben bei seiner Herrin, rollte sich in seinem Korb zusammen und schlief ein.
Sarah genoss die Stille, die nur vom Knistern des Kaminfeuers unterbrochen wurde. Sie spürte die vibrierende Mischung aus Spannung und Ungeduld in sich, die sie immer dann befiel, wenn sie mit einem neuen Bild begann. Handelte es sich um den Auftrag eines Kunden, musste sie sich nach den Erwartungen des Auftraggebers richten und ihre eigenen Empfindungen dem Handwerklichen unterordnen. Dafür war ihr, sofern es sich nicht um einen säumigen Auftraggeber handelte, ein vereinbartes Honorar sicher. Griff sie dagegen aus freien Stücken zum Pinsel, brauchte sie sich um keinerlei Wünsche und Forderungen zu kümmern und konnte ungehindert ihren Eingebungen folgen. Jedoch um den Preis, dass sich nach der Fertigstellung erst noch ein Käufer finden musste.
Am Vortag, beim Einkaufen auf dem Markt, war ihr ein Einfall für ein neues Bildmotiv gekommen. Eine Szene aus dem Buch des Propheten Daniel: »Susanna im Bade«. Eine junge Frau hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Mit einer anmutigen Bewegung und einem rätselhaften Lächeln beugte sie sich hinunter, um einen Kohlkopf aufzuheben, der ihr aus dem Einkaufskorb gefallen war. Der Gemüsehändler, ein pockennarbiger Mann in schmutzigen Flickenkleidern, sah währenddessen mit unverhohlenem Begehren auf die mädchenhafte Gestalt und leckte sich grienend die rissigen Lippen. Sofort hatte Sarah ihr kleines Skizzenheft, das sie immer bei sich trug, aus der Rocktasche gezogen und die Szene mit ein paar flüchtigen Strichen festgehalten.
Sie war dankbar, dass sie ungehindert arbeiten konnte, ohne sich um den Verkauf ihrer Bilder kümmern zu müssen. Das Geschäftliche regelte für sie Johannes Vermeer, ihr Vertrauter seit vielen Jahren. Seit sie beide im Alter von fünfzehn Jahren als Schüler im Atelier des berühmten Carel Fabritius ihre Ausbildung begonnen hatten.
Von allen lebenden Malern Delfts bewunderte sie Vermeer am meisten. Wegen des unübertroffenen Leuchtens seiner Farben und wegen der Gelassenheit, die seine Bilder ausstrahlten. Doch offenbar begriffen längst nicht alle Menschen das Außergewöhnliche seiner Werke. Denn auch Vermeer kannte finanzielle Sorgen und kämpfte mit Unwägbarkeiten. Die Pachteinnahmen aus dem geerbten Gasthaus deckten gerade einmal die Zinsen, die noch abgetragen werden mussten. Mehrmals schon war seine Schwiegermutter Maria Thins in den vergangenen Jahren eingesprungen und hatte der mittlerweile achtköpfigen jungen Familie mit ihrem Vermögen unter die Arme gegriffen.
Von Zeit zu Zeit nagten Selbstzweifel an Sarah. Die letzten Jahre waren ein zäher Kampf gewesen – um ihre Anerkennung als Frau in einem Männer-Beruf und um ihre finanzielle Unabhängigkeit. Was aber würde geschehen, wenn sie eines Tages ihren Lebensunterhalt nicht mehr alleine bestreiten könnte, sie ihr Atelier aufgeben und womöglich ins Armenhaus gehen müsste? Es sei denn ... Mit einem energischen Kopfschütteln verscheuchte sie den Gedanken an den einäugigen Bäcker, zwang sich, an nichts anderes mehr zu denken als an ihre Arbeit.
Das Malen ging ihr immer dann am leichtesten von der Hand, wenn sie zuvor den Bildaufbau genau geplant, die Konstruktion bis ins letzte Detail durchdacht hatte. Und so setzte sie sich ans Fenster in den abgenutzten, mit braunem Leder bezogenen Armlehnstuhl, auf dem Schoß ein Zeichenheft, in der rechten Hand einen Kreidestift. Sie skizzierte und korrigierte, verwarf und begann wieder von vorn, nahm einzelne Versatzstücke heraus und fügte diese neu zusammen.
Ganz allmählich entwickelte sich auf dem Papier die Szene. Sie würde Neelken bitten, ihr wieder einmal Modell zu stehen. Neelken, die dunkelhaarige Dienstmagd mit den funkelnden gelben Katzenaugen aus dem »Oude Admiral«, die keine Scheu hatte, ihre Nacktheit zur Schau zu stellen, und Gefallen daran fand, wenn ihr hübscher Körper auf der Leinwand festgehalten wurde, in immer wieder neuen Posen und Rollen.
Sarah war gänzlich in ihre Arbeit vertieft und merkte nicht, wie die Stunden verstrichen. Als irgendwann Vosje aufsprang und unruhig hin und her zu laufen begann, hörte sie die Turmuhr der nahe gelegenen Oude Kerk drei Mal schlagen. Sie gähnte kräftig, legte das Skizzenheft zur Seite und massierte ihren steifen Nacken. Dann packte sie drei große wollene Tücher übereinander und wickelte sie um Kopf und Schultern. Sie zog ihre hölzernen Überschuhe unter dem Bett hervor, die sie zum Schutz gegen die Kälte zusätzlich mit Stroh ausgestopft hatte, und stakste die steile, gewundene Treppe hinunter.
Der Himmel über Delft war grau und verhangen. Ein scharfer Wind blies von Westen. Es lag Schnee in der Luft. Vosje trottete neben ihr her, jedoch nur bis zum Ende der Choorstraat. An der Straßenecke nahm er Witterung auf und zog, die Rute hoch erhoben und die Nase dicht am Boden, alleine am Verwersdijk entlang Richtung Marktplatz.
Ein paar Kinder glitten laut johlend auf ihren Schlittschuhen über die zugefrorene Gracht, bewarfen ahnungslose Passanten mit faulen Eiern und scherten sich mitnichten um die Schimpftiraden, die ihnen vom Ufer aus entgegengeschleudert wurden. Sie ließen einen verbeulten Kupferkessel über das Eis kreiseln und prügelten sich um ein morsches Holzschwert, das eins der Kinder unter einer Brücke entdeckt hatte.
»He, seht ihr die Frau da vorne, die in dem braunen Rock? Irgendjemand hat mal erzählt, dass sie Malerin ist«, rief ein rotgesichtiger, etwa zwölf Jahre alter Junge seinen Kumpanen zu. Seine schief stehenden Zähne und die buschigen, über der Nasenwurzel zusammengewachsenen Augenbrauen erinnerten Sarah an den Markthändler, bei dem sie manchmal Stockfisch und Salzheringe kaufte.
»Ist das nicht komisch? Dabei weiß doch jedes Kind, dass Frauen überhaupt nicht malen können«, fuhr der Junge feixend fort und schaute frech und herausfordernd zu Sarah herüber. Flammende Wut loderte in ihr auf, die sich nur schwer mäßigen ließ. Zwar kannte sie solche hohlen Phrasen inzwischen zur Genüge, doch noch niemals hatte es ein Halbwüchsiger gewagt, sie in der taktlosen Art der Erwachsenen auszusprechen. Sarah reckte den Hals, und es gelang ihr sogar ein gelassener Tonfall. Auf keinen Fall wollte sie sich ihre Verärgerung diesen Kindern gegenüber anmerken lassen.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das ganz alleine herausgefunden hast, junger Mann. Das hat dir doch bestimmt dein Vater erzählt, habe ich recht?«
Der Junge schlug grinsend mit dem Schwert gegen den Kessel, der scheppernd über das Eis glitt, und kratzte sich im Schritt. Sarah tat, als bemerkte sie diese Geste nicht, und reagierte auf ihre Weise. Sie lächelte.
»Eigentlich müsstest du alt genug sein, um dir selbst ein Bild zu machen. Komm mich doch einmal in meiner Werkstatt besuchen, dann male ich dich. Du hast hübsche dunkle Haare und ein gutes Profil. Ich wohne in der Choorstraat, ungefähr in der Mitte, in dem kleinen Haus mit den ockerfarbenen Fensterläden.«
Der Junge drehte ihr den Rücken zu, beugte sich vornüber und schwenkte grölend sein Hinterteil hin und her. Es war wohl nur die Kälte, die ihn daran hinderte, auch noch die Hose herunterzulassen. Seine Freunde kreischten laut vor Vergnügen und äfften ihn nach.
Sarah verspürte Zorn und Traurigkeit. Sie raffte ihre Wolltücher enger um die Schultern und nahm sich vor, künftig bei einem anderen Fischhändler einzukaufen. Einem, der eine freizügigere Gesinnung hatte und seine Kinder besser erzog. Das Leben hatte sie bescheiden gemacht. Sie träumte weder von Ruhm, einem großen Haus oder von schönen Kleidern. Aber sie erwartete zumindest Respekt. Den gleichen Respekt, der auch einer Gemüsehändlerin, einer Bierbrauerin oder Handschuhnäherin für ihre Arbeit entgegengebracht wurde.
Schon als Kind hatte sie sich für Bilder begeistert. Ihr Vater, der nach dem frühen Tod der Mutter keine zweite Ehe eingegangen war, hatte seine Tochter nach Kräften unterstützt und sie bei dem besten Maler Delfts in die Lehre geschickt. Vor zwölf Jahren war der Vater gestorben, als wieder einmal die Pest gewütet und er sich als Arzt bei der Behandlung seiner Kranken angesteckt hatte. Damals war sie neunzehn Jahre alt gewesen.
Und unversehens fühlte sie sich wieder als kleines Mädchen, sah die großen Hände des Vaters vor sich, die so schnell und sicher Knochen richten und ihr so zärtlich über das Haar streichen konnten. Hörte sie sein warmes Lachen, wenn er mit ihr im Sommer barfuß über die Wiesen vor der Stadt lief, sah seinen Blick, in dem sich all seine Liebe zu ihr, seinem einzigen Kind, spiegelte ...
Für einen Moment schloss sie die Augen, gebot dann ihren Erinnerungen Einhalt. Mit energischen Schritten stapfte sie über die bogenförmige Brücke zur Vlamingstraat, wo sich der Bäckerladen und die Bierbrauerei befanden. Nachdem sie ihre Schulden bis auf den letzten Stuiver zurückgezahlt hatte, fühlte sie große Erleichterung. Sofort begann sie wieder zu träumen. Träumte, dass sich schon bald ein Interessent für ihr neues Bild, die »Susanna im Bade«, einfinden würde. Dann könnte sie endlich wieder ein Stückchen des kostspieligen Lapislazuli in der Apotheke kaufen. Dieses Pigment liebte sie am meisten, weil sich mit ihm die schönsten Samtstoffe und die klarsten Sonnenhimmel darstellen ließen. Und vielleicht würde sie sich sogar eine neue Staffelei leisten können aus widerstandsfähigem, glattem Holz, über das die Finger gleiten konnten, ohne dass sich Splitter in die Haut bohrten.
»Warte, kannst du noch einen Augenblick so stehen bleiben?« Mit raschen und sicheren Handgriffen mischte Sarah eine Messerspitze Azurit unter das Bleiweiß. Neelken nickte stumm, verharrte reglos in ihrer Stellung, während Sarah mit einem feinen Pinsel zarte Linien auf die Leinwand tupfte, um einen bläulichen Schatten zwischen Bauch und Hüfte zu setzen.
Gleich nach dem Aufstehen hatte sie den Kamin angefacht, damit Neelken nicht fror. Sie selbst stand breitbeinig vor der Staffelei, die Ärmel ihres Malerkittels, der mit unzähligen Farbsprenkeln übersät war, hochgekrempelt, auf dem Kopf eine turbanähnliche Haube. Konzentriert glitt ihr Blick über die sanft geschwungenen Konturen des nackten Körpers. Sie prüfte die Wirkung des grünlich braunen Hintergrunds auf der Leinwand, der die helle, samtene Haut der jungen Frau zum Leuchten brachte. Die Unschuld der biblischen Susanna sollte gleich auf den ersten Blick erkennbar sein, ihre Vorfreude auf eine Erfrischung in dem klaren blauen Wasser spürbar.
»Es ist Zeit für eine Pause, Neelken. Du sollst schließlich nicht steif werden wie ein Hemd, das auf der Wäscheleine festfriert«, meinte Sarah nachsichtig. Sie legte Pinsel und Palette zur Seite und zog ein frisches Laken aus der geschnitzten Eichentruhe neben dem Bett.
Vosje sah darin eine Aufforderung zum Spielen und sprang aus seinem Korb. Er schnappte nach einem Zipfel des Tuchs und zog kräftig daran. Sarah lachte und lenkte ihn mit einem alten Lederhandschuh ab, in den er sich sogleich verbiss und ihn links und rechts um die Ohren schlug.
Neelken dehnte ihren zartgliedrigen, biegsamen Körper, flocht die Haare zu einem dicken Zopf und schlang das Tuch wie eine Toga um sich. Sarahs Blick blieb an ein paar blauen Flecken hängen, die von den langen kastanienfarbenen Locken bisher verborgen geblieben waren und in einen Bogen zwischen Schulter und Brust verliefen.
»Wir hatten Streit«, erklärte Neelken unaufgefordert. Ihre raue, tiefe Stimme ließ Sarah immer an eine alte Frau denken, die in ihrem Leben zu viel Branntwein und Tabak gekostet hatte. Neelken setzte sich breitbeinig auf einen wackeligen Schemel, nahm einen Pinsel und kratzte sich mit dem Stiel zwischen den Schulterblättern. »Jan hatte an dem Abend mal wieder getrunken. Klar, dass er beim Tric-Trac-Spielen einen Gulden nach dem anderen verlor. Plötzlich kam dieser große, kräftige Seemann aus Amsterdam in die Schänke. Hat immer drei Bier auf einmal bestellt. Jan hat mir Vorwürfe gemacht und behauptet, ich hätte dem Fremden schöne Augen gemacht. Aber das stimmt nicht. Und dann hat Jan mich verprügelt. Ich hab mich gewehrt und ihn schließlich rausgeworfen. Jetzt ist ein für alle Mal Schluss.«
»Es ist nicht in Ordnung, was Jan getan hat«, stellte Sarah fest. »Aber bestimmt ist er nur deswegen aus der Haut gefahren, weil er dich so sehr liebt.«
»Liebe? Pah, dass ich nicht lache ... Krank vor Eifersucht ist dieser Kerl gewesen! Vom ersten Tag an! Ständig hat er mir nachspioniert. Hat mir eine endlos lange Predigt gehalten, wenn ich mit einem Gast auch nur ein paar Worte gewechselt habe ... Aber ich lass mich nicht rumkommandieren. Ich brauche meine Freiheit, und zwar in jeder Hinsicht – wenn du verstehst, was ich meine.« Neelken verzog den Mund und entblößte eine Reihe unregelmäßiger, gelb verfärbter Zähne, die einen unerwarteten Gegensatz zu ihren feinen, regelmäßigen Gesichtszügen bildeten. »Ein Wunder, dass ich es überhaupt so lange mit ihm ausgehalten habe. Zwei Monate ... «
»Ich kenne Jan, seitdem er als Lehrling mit seinem Meister einen Arzneischrank für meinen Vater gebaut hat. Dein Freund ist ein anständiger und fleißiger Mann. Und er hat großes Talent. Niemand in der Stadt baut so kunstvolle Tische und Truhen wie er. Meinst du nicht, du hättest ihm noch eine Chance geben sollen?«
Neelken zuckte mit den Schultern und spuckte verächtlich auf den Boden, direkt neben Vosje, der verstört aufstand und sich neben dem Bett einen neuen Platz suchte. »Wozu? Dieser Mistkerl soll bleiben, wo er ist. Außerdem habe ich schon längst einen neuen Verehrer – Arent. Er arbeitet in der Fleischhalle. Der hat eine Kraft, sage ich dir. Wenn der mich durch die Stube trägt und auf mein Bett wirft und dann wie ein Stier ... «
»Genug jetzt, Neelken! Aber überleg doch ... Liebe ist ein Geschenk. Man darf einen Menschen nicht bloß aus einer Laune heraus zurückweisen.«
»Das war keine Laune ... Und überhaupt, du hast leicht reden. Du lebst allein und musst dir von niemandem Vorschriften machen lassen.«
Sarah biss sich auf die Lippen, nahm einen Pinsel und schleuderte ihn in die hinterste Ecke der Werkstatt.
»Entschuldige, das geht mich alles nichts an. Ich wollte mich nicht in deine Angelegenheiten einmischen ... Du kannst dich jetzt wieder anziehen. Wir machen morgen weiter.«
Mitte April hielt der Frühling machtvoll Einzug. Die Grachten tauten auf und verwandelten sich in schnurgerade Wasserstraßen, auf denen Männer Backsteine, Gemüse, Fleisch und andere Handelswaren in bunt lackierten Lastkähnen transportierten. Jeden Tag waren sie unterwegs, außer am Sonntag, dem Tag des Innehaltens und des Gebets. Enten, Reiher und Blesshühner suchten nach ruhigen, geschützten Nistplätzen an den Ufern der Kanäle, die die Stadt von Norden nach Süden, von Westen nach Osten durchzogen. Die ersten Glockenblumen und Hyazinthen bahnten sich einen Weg durch das Erdreich.
Sarah warf einen letzten Blick auf ihr vollendetes Werk, stellte mit Befriedigung fest, dass es gut gelungen war. Susanna, die mit der Geschmeidigkeit einer Katze ihre Sandalen löste, bildete das Zentrum des Gemäldes, einige Zentimeter rechts neben der Mittelachse. Ihr alabasterfarbener Körper erinnerte in seiner Makellosigkeit an marmorne Statuen antiker Göttinnen.
Am linken Bildrand streckten weiße Seerosen ihre Blütenköpfe der Sonne entgegen, die die Szene in ein warmes Licht tauchte. Schilfgräser, deren Halme sich im leisen Windhauch bogen, säumten den Teich. Eine Amphore, über der sich der zarte weiße Stoff von Susannas Kleid bauschte, bildete einen senkrechten Abschluss im rechten Vordergrund des Bildes.
Dahinter erhob sich ein Wacholderstrauch, zwischen dessen zurückgebogenen Zweigen die scharfkantigen Gesichter zweier Greise auftauchten. Der eine mit einer grauen Kappe und spitz vorgestrecktem Kinn, der andere mit rotem Turban und einem Kneifer auf der Nase. Beide mit gierigem Blick, während Susanna selbst nichts von den ungebetenen Gästen in ihrem Garten ahnte. Auf das Blütenblatt einer Seerose hatte Sarah ihre Initialen gesetzt, ein breit gestrecktes M, durch das sich in der Mitte ein schwungvolles S zog. Darunter die Jahreszahl 1664.
Sie holte einen Tontopf mit Butterkeksen aus der Vorratskammer und hüllte das Gemälde in einen Sack aus grob gewirktem Leinen. Dann zog sie eine dicke gewalkte Wolljacke an, legte sich zusätzlich ein breites Tuch um die Schultern und verließ gut gelaunt das Haus. Der Weg führte sie vorbei an unzähligen Fayence-Werkstätten, in denen die berühmten Delfter Fliesen sowie Vasen und Teekannen in der allseits beliebten chinesischen Manier hergestellt wurden. Von draußen konnte man die zotigen Lieder der Lehrjungen hören und die schallenden Ohrfeigen, die die Meister verteilten, wenn ein Stück zu Boden fiel und in Stücke zersprang.
Durch den schmalen Oudemansteeg gelangte sie in die Voldersgracht. In der früheren Kapelle des Altmännerheims befand sich der Versammlungsraum der Malergilde, deren Schutzpatron der heilige Lukas war. Hier hatten nur Zunftmitglieder Zutritt. Sie wandte sich nach links und war nach wenigen Schritten am Marktplatz, dem Zentrum Delfts, angelangt. Fuhrwerke klapperten über das Pflaster. Viele von ihnen voll beladen mit Holz und auf dem Weg zur Stadtwaage, um es dort wiegen zu lassen. Kutscher knallten mit der Peitsche und trieben mit lauten Schnalzlauten ihre Pferde an. Der Geruch von frischem Backwerk und geräuchertem Fisch zog durch die Gassen.
