Die Märchenkerze - Rudolf Specht - E-Book

Die Märchenkerze E-Book

Rudolf Specht

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Beschreibung

Märchen für Erwachsene: Eine Sammlung von zehn fantastischen Geschichten zum Lesen und Vorlesen aus unterschiedlichen Welten voller Magie und Poesie. Ein alter Mann erzählt abends Geschichten, die genau so lange dauern, wie eine Kerze zum Niederbrennen benötigt. Was aber wird geschehen, wenn die Kerze so groß ist, dass die Geschichten Jahre dauern würden? Jamine verliert einen ihrer unersetzbaren Tanzschuhe. Wird sie nun nie mehr im Leben den Großen Tanz tanzen können? Der verkrüppelte Genri sieht die Chance, ein neues Leben zu beginnen - welches wird er wählen? Was lernen die Bewohner einer abgelegenen Insel von einem Fremden über die Seelenwanderung - oder haben sie da etwas missverstanden? Was hat es mit dem todbringenden Schatz auf sich, der sich im Wrack eines Schiffes aus dem 16. Jahrhundert befindet? Der Unersättliche stiehlt sich unerkannt in ein Dorf, von furchtbarem Hunger getrieben - aber wonach? Die silberne Kugel spiegelt die Leben ihrer Besitzer. Wird es Königin Dorothea gelingen, die Gefahr zu bannen, die ihrem friedlichen Reich Taramokkien von ihren Nachbarn droht? Wie findet der weise Gelin in Königin Dorotheas Reich eine Blume, die nur alle fünfzig Jahre blüht? Wie ich durch eine unvermutete Begegnung die Idee zu einer Hochzeitsgeschichte für meine Freunde fand.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2013

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www.tredition.de

Rudolf Specht

Die Märchenkerze

und andere Erzählungen

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© 2013 Rudolf Specht

Umschlagillustration: Rudolf Specht

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-1462-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Die Märchenkerze

Der verlorene Tanzschuh

Das Kranichkleid

Ein Traum von Te Oweakoa

Der Schatzjäger

Der Unersättliche

Die silberne Kugel

Königin Dorotheas wunderbarer Eissalon

Königin Dorothea und die 50-Jahres-Blume

Wie ich zu meiner Hochzeitsgeschichte kam

Die Märchenkerze

Jeden Abend, sobald der alte Mann eine brennende Kerze auf den Bürgersteig vor sein Haus stellte, verstummte das Leben in den Straßen rings um die enge Gasse. Leute strömten zusammen, Großeltern schoben ihre Enkelkinder nach vorne, Liebespaare drückten sich wie zufällig in die dunklen Ecken, die Ladenbesitzer in den benachbarten Straßen schlossen ihre Geschäfte und eilten heran, um ja nichts zu verpassen. Die Stadt war groß, so groß, dass man sich verirren konnte, wenn man morgens Brötchen holen ging, und in dieser Stadt galt der alte Mann als der beste Geschichtenerzähler. Er wohnte in einem Haus, das so klein war, dass man in den dritten Stock schauen konnte, wenn man auf Zehenspitzen davor stand. Die Gasse, in der das Haus stand, war eng, und daher ziemlich bald mit Menschen verstopft, wenn der Alte zu erzählen begann. Dann flüsterten die Zuhörer unaufhörlich die Geschichten, die er erzählte, den hinter ihnen Stehenden zu, und diese wiederum den Nächsten, bis in die Nachbarstraße, und die folgende, wo sich die Stille herabsenkte und Kinder und Erwachsene einfach auf den Boden setzten und zuhörten, bis schließlich die halbe Stadt seinen Geschichten lauschte.

Der alte Mann erzählte, während die kleine Kerze brannte. Er erzählte von schönen Königstöchtern und mutigen Königinnensöhnen, von feurigen Seepferdchen mit grüner Mähne und nachtschwarzen Ungeheuern mit grünen Zähnen, von Feuer spuckenden Drachen und Dampf spuckenden Maschinen. Seine Hände zeichneten die Figuren mit wilden Bewegungen in die Luft, bis die Zuhörer sie tatsächlich tanzen und kämpfen, einander jagen und einander umarmen sehen konnten. Der alte Mann erzählte immer nur solange die Kerze brannte. Schließlich - irgendwann kommt immer ein Ende - erlosch die flackernde kleine Flamme. Genau in diesem Moment war auch die Geschichte zu Ende. Dann seufzten die Menschen auf, als erwachten sie aus einem tiefen Schlaf, erhoben sich und trugen in ihren Herzen die kleine Kerzenflamme nach Hause.

Eines Tages brachte ein kleiner Junge in abgerissener Kleidung schüchtern einen Kerzenstummel zu dem alten Mann. Diese Kerze war etwas größer als die Kerzen, die der alte Mann sonst benutzte. Er besah sie sich, strich dem Jungen übers Haar, zündete die Kerze an und stellte sie vor sein Haus. Die Geschichte, die er nun erzählte, war etwas länger, und in ihr tauchten zum ersten Mal elfenbeinfarbene Einhörner und zwiebelschalenfarbene Zweihörner auf, Löwen mit Adlerkopf und Hühner mit Schlangenschuppen. Die neue, längere Geschichte war noch spannender als sonst. Als die Menschen diesmal nach Hause gingen, summten sie vor Erregung wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm.

So war es nicht verwunderlich, dass am nächsten Abend wieder jemand dem alten Mann eine Kerze brachte, bunt marmoriert wie die Kacheln auf dem großen Marktplatz und erneut deutlich größer als ihre Vorgängerin. Die Stimme des alten Mannes erschuf nun geflügelte Pferde mit Menschenköpfen, die eine nicht zu bezähmende Gier nach Karottenbrei aufwiesen, schleimige Nachtmahre mit Augen aus kaltem Diamant, Spatzen mit den Haaren einer Frau und Menschen mit dem Hirn eines Spatzen. In die gebannte Stille hinein, in der die Zuhörer verharrten, warf die Kerze regenbogenfarbene Schatten, bis auch sie flackerte und hustete und schließlich der samtenen Nacht wich. Und so ging es weiter, jeden Abend brachte jemand dem alten Mann eine noch ein wenig größere Kerze, die Geschichten wurden mit jedem Mal leuchtender und länger und endeten erst, wenn die Morgenröte schließlich am Horizont aufmarschierte und die Kerzenflamme erstarb.

Eines Abends, als die Sonne sich bereits in den Staub des Sternenhimmels aufgelöst hatte, erschien einer der reichen Kaufleute der Stadt auf einem Wagen, auf dem etwas Großes mit einem reich bestickten Tuch verhüllt war. Als der Wagen vor dem Häuschen des alten Mannes zum Stehen kam, stieg der Kaufmann herab und riss mit einer weit ausholenden Handbewegung das Tuch zur Seite. Zum Vorschein kamen: eine flache Schale, breiter als das Häuschen des alten Geschichtenerzählers, und darauf ein Monstrum von einer Kerze, größer als ein Mensch, schillernd und glitzernd und achtlos mit Perlen bestreut wie mit Puderzucker, die einen so süßen Duft nach Honig und Vanille verströmte, dass die Umstehenden reihenweise in Verzückung fielen.

Die Stadt hielt den Atem an. Würde der alte Geschichtenerzähler auch zu dieser wunderbaren Kerze eine Geschichte erzählen? Es war klar, dass in diesem Fall die Geschichte nicht nur einen Abend, sondern viele Abende, Wochen, Monate, vielleicht gar Jahre dauern würde. Die eifrigsten Zuhörer begannen, sich mit ausreichendem Proviant für die lange Sitzung auszustatten und mitten auf den Straßen weiche Lager aus Decken und Seidenkissen unter bunten Baldachinen aufzuschichten.

Der alte Mann überlegte lange. Er umrundete die Kerze, an einem Stock humpelnd, und betrachtete sie von allen Seiten. Aus einer Nebenstraße erschallten bereits eifrige Stimmen, die Wetten abschlossen, ob er die Herausforderung annehmen würde oder nicht.

Schließlich begann der alte Mann zu erzählen. Er erzählte von schönen Königstöchtern und mutigen Königinnensöhnen, von feurigen Seepferdchen mit grüner Mähne und nachtschwarzen Ungeheuern mit grünen Zähnen, von Feuer spuckenden Drachen und Dampf spuckenden Maschinen. Er erzählte von der Suche des Eisernen Prinzen nach dem Schatz des Eisernen Pferdes, und wie er stattdessen die drei Tränen der Göttin der Barmherzigkeit fand, und wie diese wiederum von dem Löwen mit dem Adlerkopf gestohlen wurden, nur um von dem Menschen mit dem Spatzenhirn gefunden und wieder verloren zu werden. Er erzählte von der Reise des Eisernen Prinzen durch die Wüste ohne Wiederkehr, durch das Meer ohne Mäßigung und durch das Land ohne Liebe. Die Zuhörer hingen an seinen Lippen, seine Worte flossen hinaus in die Straßen der Stadt, in der aller Verkehr zum Erliegen kam, als habe ein dichtes Traumgewebe die Menschen erfasst. Doch die große Kerze hatte erst wenige Tropfen an Substanz eingebüßt, ruhig und hell brannte ihre Flamme wie eine Sonne in der Nacht, und daran erkannten die Umstehenden, dass die Geschichte erst begonnen hatte. Dabei kämpfte der Eiserne Prinz nun mit niederträchtigen Nachtmahren und widerspenstigen Wurmdrachen, mittlerweile begleitet von der Goldenen Prinzessin, der die Horde der haltlosen Hühnermenschen dicht auf den Fersen war. Schwerter flirrten durch die enge Gasse, und eine einsame Feder, zweifellos von einem der haltlosen Hühnermenschen, segelte herab und verzischte Funken sprühend in der Flamme der großen Kerze, die weiterhin still wie eine Marmorsäule brannte.

Schon nahte die Dämmerung, doch die Kerze war noch so groß wie zu Beginn der Geschichte. Der alte Mann hüllte sich gegen die Kälte des frühen Morgens in seinen langen, eisgrauen Bart, doch seine Zuhörer schwitzten, umtobt von den Kämpfen, die die Geschichte in ihrer Mitte ausfocht. Nun erzählte er ihnen von der Odyssee des Eisernen Prinzen und der Goldenen Prinzessin zu dem Weisen, der stets mit seinem Spiegelbild philosophische Streitgespräche führte und dabei unweigerlich den Kürzeren zog, er berichtete von den drei Dienern des Eisernen Prinzen, die zusammen acht Augen hatten und zwei davon reihum austauschten, und von der unglücklichen Dienerin der Goldenen Prinzessin, deren Haar sprechen konnte und bei jedem Haareschneiden herzzerreißend zu jammern begann, und nun schilderte er die Frage der Goldenen Prinzessin nach dem Elixier des Unsterblichen Todes, und schließlich erschuf seine donnernde Stimme den Vierzähnigen MOCK. Ein Raunen erhob sich unter den Zuhörern, denn noch nie hatte einer von ihnen von dem Vierzähnigen MOCK gehört. Weiter wirbelte die Geschichte, der Vierzähnige MOCK näherte sich, und manch einem der gebannt Zuhörenden war es, als erzittere der Boden leicht. Die Goldene Prinzessin und der Eiserne Prinz hoben ihre Schwerter - »Schlagzu« hieß das eine, »Haudrauf« das andere - doch noch war er nicht zu sehen, der Vierzähnige MOCK. Zog da nicht ein Schatten über die Sonne, die soeben am Horizont geboren wurde? War da nicht ein seufzendes Fauchen zu hören, als wache etwas aus einem unendlich tiefen Schlaf auf? Nun erzitterten die Häuser, die ersten Zuhörer sprangen auf, doch noch immer war die Stimme des alten Mannes zu hören, klangvoll und gläsern wie das Knirschen von Eis, und er erzählte von dem abscheulichen, dem grässlichen, dem furchtbaren Vierzähnigen MOCK, von dessen vier Zähnen zäher Schleim tropfe und in dessen blinden Augen sich die Welt hinter der Welt spiegele, der eine unersättliche Gier nach etwas Warmem, Weichem habe – da richtete sich der Vierzähnige MOCK über der Stadt auf, und wer sich umdrehte und ihn erblickte, dessen Haar wurde mit einem Schlag schlohweiß und blieb es sein Leben lang. Selbst dem alten Mann versagte die Stimme, und aus den erstarrten Händen der Goldenen Prinzessin und des Eisernen Prinzen fielen die Schwerter klirrend zu Boden.

Langsam, ganz langsam und bedächtig griff der Vierzähnige MOCK nach dem alten Mann, doch er bekam ihn nicht zu fassen. Stattdessen bohrten sich seine Klauen in die große, perlenüberstäubte Kerze, er quetschte sie, bis das warme Wachs über seine riesigen Hände rann, und dann aß er sie auf, bis auf einen kleinen, kümmerlichen Rest, der verloren am Boden weiterbrannte. Mit einem zufriedenen Rülpsen wandte sich der Vierzähnige MOCK um und schwebte leicht wie eine Seifenblase in die Dämmerung davon.

Kälte brannte in den Zuhörern und lähmte ihre Gedanken. Viele hatten vor dem grässlichen Anblick des Vierzähnigen MOCK die Augen verschlossen. In die Stille hinein hörte man den alten Mann flüstern. Den Blick auf die ersterbende Kerzenflamme gerichtet, erzählte er, wie der Vierzähnige MOCK der Goldenen Prinzessin das Geheimnis des Unsterblichen Todes verriet, wie die verlorenen Tränen der Göttin der Barmherzigkeit gefunden wurden - die Kerze flackerte - wie die Goldene Prinzessin und der Eiserne Prinz - die Flamme verglomm zu einem schwachen Funken - sich bei der Hand ergriffen und - die Flamme erlosch. Die Geschichte war aus.

Still gingen die Zuhörer nach Hause, und in ihrem Herzen bewahrten manche von ihnen das Bild auf, das sie bis an ihr Lebensende nicht mehr loslassen würde: das Bild von den blinden Augen des Vierzähnigen MOCKS, in denen sich die Welt hinter der Welt spiegelte, die Welt ohne Licht und ohne Schatten.

Immer noch erzählt der alte Mann seine Geschichten zum Schein einer flackernden Kerze auf dem Bürgersteig vor seinem Häuschen, und immer noch atmet die halbe Stadt den Duft der Träume, die er mit seiner Stimme in die Schatten webt. Manchmal ist die Kerze etwas größer; dann dauern die Geschichten etwas länger. Doch niemals, niemals mehr hat dem alten Mann in den langen, lauen Nächten, die er mit seinen Geschichten füllt, jemals wieder jemand eine so große Kerze gebracht wie diejenige, die der Vierzähnige MOCK verschlang.

Der verlorene Tanzschuh

Jamine bekam von ihren Eltern ihre Tanzschuhe geschenkt, als ihre Haare so lang gewachsen waren, dass sie den Boden erreichten, denn dies war ein Zeichen dafür, dass sie nun kein Kind mehr war. Die Tanzschuhe waren aus den Blütenblättern des Blausterns genäht und federleicht. Man konnte sie mit gespitzten Lippen in die Luft blasen, dass sie wie kleine blassblaue Vögel im Atem der Luft trieben und nur widerwillig zurück zur Erde sanken, wobei sie vom kleinsten Lufthauch wieder empor gewirbelt werden konnten. Einmal angezogen, waren sie jedoch überraschend warm und schwer und schmiegten sich an die Füße wie eine zweite Haut, vor Ungeduld und Wärme pulsierend. Wenn man sie aus der Nähe betrachtete, waren die kleinen gelben Sterne zu erkennen, die die Oberfläche besprenkelten wie verspritzte Buttertröpfchen, und dazwischen die filigranen Muster aus Silberfäden, mit denen stilisierte Tanzschritte auf die hauchdünne Haut aufgetragen waren. Die Tanzschuhe waren das kostbarste Geschenk, das Jamine bis dahin bekommen hatte. Nicht nur, dass sie ihr anzeigten, dass die Zeit der sorglosen Kindheit nun unwiderruflich zu Ende war; nun, da sie eigene Tanzschuhe besaß, durfte sie auch die jahrelange Vorbereitung beginnen, um einmal in ihrem Leben am Großen Tanz teilzunehmen.

Der Große Tanz war älter als alles, was die Menschen kannten. Man erzählte sich, dass die Regentropfen ihn schon getanzt hatten, ehe es Menschen gab, und die Steine, ehe es Regentropfen gab, und der Staub der Sterne, ehe es Steine gab. Eine Generation dauerte es, um einen einzigen weiteren Schritt des Tanzes zu entdecken und einzuüben, und da schon von Anbeginn der Zeiten an viele Generationen vergangen waren, umfasste der Tanz mittlerweile eine unüberschaubar große Zahl von Schritten, die zu lernen ein Menschenleben kaum ausreichte. So war es nicht verwunderlich, dass Jamine schon bald mit dem Unterricht beginnen musste. Ihr Leben würde von nun an, wie das aller Menschen, ein großes Ziel haben: Einmal den Großen Tanz zu tanzen. Schon oft hatte Jamine zugeschaut, wenn andere Tänzer und Tänzerinnen ihn tanzten, eingehüllt in bunte Kleider aus Schlangengras und Meerschaum, sodass die zum Rhythmus der Musik sich wiegenden Körper wie zuckende Flammen erschienen. Über die Köpfe der Tanzenden waren abenteuerliche Masken gestülpt, die im Laufe des Tanzes zu Gesichtern mit weit aufgerissenen Augen wurden, während die Füße sich bald so schnell bewegten, dass sie nicht mehr zu sehen waren, und die Erde Wellen schlug, als habe sie sich in ein grünes Meer verwandelt. In solchen Augenblicken, so hatte man Jamine erzählt, wenn der Tanz von allen richtig getanzt wurde, jeder Schritt von allen genauso gesetzt wurde, wie er gesetzt werden sollte, alle Tanzenden gleichzeitig ein- und ausatmeten – in solchen Augenblicken rissen die Wolken auf und wurden die Sterne sichtbar. Aber dies hatte Jamine nie erlebt. Sie vermutete, dass selbst diejenigen unter den Tanzenden, die nach dem Tanz – die Augen vor Erschöpfung blind, die Füße blutig – behaupteten, sie hätten die Sterne in der Tat gesehen, dies nur sagten, um sich darüber hinwegzutrösten, dass es eben doch nicht gereicht hatte.

Um den Großen Tanz tanzen zu dürfen, bedurfte es der kostbaren Tanzschuhe, die alle zukünftigen Tänzer und Tänzerinnen von ihren Eltern geschenkt bekamen, wenn es an der Zeit war. Nur die Schuhe erlaubten es, stundenlang mit äußerster Geschwindigkeit die Schritte des Tanzes durchzuführen. Dann erwachten sie zu eigenem Leben, als erinnerten sie sich von selbst an die Bewegungen, zogen die Beine der Tanzenden hierhin und dorthin und glühten vor Erregung. Nie tanzte man den vollständigen Großen Tanz mit den gleichen Schuhen ein zweites Mal, denn am Ende eines jeden Tanzes hatten sich die sorgsam vernähten Blütenblätter zu schmutzigen Lappen aufgelöst, und die gelben Sterne waren grau und unansehnlich geworden. Nein, einen zweiten Tanz hielt keiner der Schuhe aus. Wer den Großen Tanz ein zweites Mal tanzen wollte, musste sich ein zweites Paar Schuhe besorgen, und das konnte, da sie so überaus kostbar waren, mehr als den Rest seines Lebens dauern.

Am Tag, nachdem Jamine ihre Schuhe geschenkt bekommen hatte, lief sie an die Felsküste, wo sich der Tanzplatz befand. Die Wolken hingen schwer über dem grünen Land und spiegelten sich in den vom letzten Regen hinterlassenen Pfützen, die den Tanzplatz wie leuchtende Augen bedeckten. Ein leichter, kühler Wind blies Nebelfetzen vor sich her und ballte sie über dem Abgrund der Klippe zu absonderlichen Gestalten zusammen. Irgendwo in der Tiefe atmete die Brandung in langem, seufzendem Flüstern.

Es war niemand auf dem Tanzplatz zu sehen, dessen Ränder sich im Nebel verloren, und so zögerte Jamine nur einen kurzen Augenblick lang, bevor sie, vor übermütiger Ungeduld zitternd, in die Schuhe schlüpfte und sich in die Mitte des Platzes stellte. Der Wind spielte mit ihrem Haar und türmte es über ihrem Kopf zu einer wehenden grünen Fahne auf. Jamine schloss die Augen und vergegenwärtigte sich die Anfangsschritte des Großen Tanzes, die sie bereits als kleines Kind den Erwachsenen abgeschaut hatte. Ein kleiner Schritt nach vorn – den anderen Fuß nachziehen, aber gleich hinter dem ersten zur Seite ausgreifen; der erste Sprung. Mit verhaltener Stimme summte Jamine die leise Melodie des Tanzes vor sich hin. Die Schuhe trugen sie fast wie von selbst durch die erste lange Schrittfolge, sodass Jamine die Augen geschlossen halten konnte. Vor ihr auf dem Boden, selbst durch die Lider hindurch sichtbar, begann das Grundmuster des Großen Tanzes zu leuchten, eine glühende Spur aus ineinander verschlungenen Arabesken, die mit ihren Strahlen hinausgriffen in die Welt, um das Meer und die Wolken zu verbinden. Eine ungeheure Zuversicht ergriff Jamine, dass sie, obgleich völlig ungeübt, auf Anhieb den vollständigen Tanz würde tanzen können, um einen ersten Blick auf die Sterne werfen zu dürfen.

Die Spur des Tanzes führte durch eine der vielen Pfützen, und Jamine hielt einen unmerklichen Augenblick inne, als sie verspürte, wie die Feuchtigkeit an ihre Fußsohle drang. Dieses Innehalten reichte aus, um sie auf dem glitschigen Boden aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie riss die Augen auf und ruderte mit den Armen in der Luft, die glühenden Muster des Tanzes am Boden erloschen schlagartig, und bevor Jamine sich wieder gefangen hatte, flog einer ihrer Schuhe in hohem Bogen durch die Luft, wo ihn der treibende Nebel ergriff und über den Rand der Klippe wehte.

Einen Moment lang glaubte Jamine, die Welt sei zur Regungslosigkeit erstarrt, nur erfüllt von ihrem wie wahnsinnig klopfendem Herzen. Dann stürzte die Klippe ihr entgegen, Jamine bemerkte gar nicht, wie sie rannte, die Wolken wichen auseinander, und dort unten, vor dem Hintergrund des lautlos schäumenden Meeres, segelte wie ein blauer Schmetterling der Tanzschuh, langsam an Höhe verlierend, bis er vom Nebel oder der sprühenden Gischt verschluckt wurde.

Erst als Jamine mit brennenden Augen und stechender Brust nach Hause rannte, gewann die Welt ihre Stimmen zurück. Das Pfeifen des Windes klang in ihren Ohren wie höhnisches Lachen, während in ihrem Rücken die dumpfe Trommel der Brandung immer und immer wieder wie das Zuschlagen eines gewaltigen Tores hämmerte. Jamine flog nach Hause, vor Schmerz brüllend, während die Tränen in ihren Augen aus den Reflexionen des Sonnenlichtes undeutliche, schwache Sterne zauberten, als sollte sie einen kleinen Trost dafür erhalten, dass sie die wahren Sterne nun in ihrem ganzen Leben nicht zu sehen bekommen würde.

Jamines Eltern waren durch die verzweifelten Klagen ihrer Tochter zwar gerührt, aber sie vermochten nichts zu unternehmen, um ihren Schmerz und ihre Wut über den Verlust zu mildern. Es stand außer Frage, dass sie für den verlorenen Schuh keinen Ersatz würden beschaffen können. Aus ihrem Trost klang als leiser Unterton der Vorwurf, dass Jamine nicht alleine hätte tanzen dürfen. Der Große Tanz, erklärten die Eltern zwar verständnisvoll, aber streng, war als Tanz für die Gemeinschaft gedacht, nicht als ein Tanz Einzelner. Wenn sie sich bemühe, könne sie selbst vielleicht irgendwann einen zweiten Schuh besorgen. Jamine wandte sich stumm ab. Ihre Verzweiflung über den Verlust ihres kostbarsten Besitzes und damit eine der Begründungen ihres Lebens wurde mittlerweile von der Wut auf sich selbst übertroffen. Diese Wut lag wie ein Kloß in ihrer Kehle und ließ sie das erste Jahr nach dem Geschehen nur noch unverständliche, kurze Laute hervorstoßen. Die ersten Tage nach dem Unglück verbrachte sie am Fuß der Klippe, zwischen den Haufen angeschwemmten Strandgutes herumwühlend und von neugierigen Möwen beäugt, erfüllt von der vagen Hoffnung, der Schuh möge direkt nach seinem Sturz ins Wasser wieder angeschwemmt worden sein. Doch alles Suchen war vergeblich.

Als die Menschen beim nächsten Mal den Tanzplatz füllten, zuerst fröhlich lärmend, dann vor Konzentration verstummend, schließlich, nach Tagen des Tanzes, vor Erfüllung schreiend, blieb Jamine daheim, in einer Ecke gekauert und mit einem Kissen über dem Kopf, in dessen Schutz sie sich vor Wut die Lippen blutig biss. In späteren Jahren, als sie bereits eine junge Frau war, stand sie während des Tanzes in einiger Entfernung vom Tanzplatz, stumm in einen weiten Umhang gehüllt, der ihr vor dem oft beißenden Wind, nicht aber gegen die Kälte in ihrem Herzen Schutz bot. Einmal war ihr, als sehe sie zwischen den unzähligen Füßen der Tanzenden die Muster der Tanzschritte hindurch leuchten, doch es war wie eine Schrift, die sie nicht mehr zu lesen vermochte, und sie wandte den Kopf ab. Tränen kamen ihr zu diesem Zeitpunkt bereits keine mehr.

Obgleich Jamine wieder lachen lernte, trug sie ihren Verlust wie einen verborgenen Makel weiter mit sich herum. Es war eine Wunde, die nie heilen und die sie auf immer von den allermeisten ihrer Mitmenschen trennen würde. Jamine wurde zu einem Sonderling, dem die anderen Kinder und später die Jugendlichen nur schwer Eingang zu ihren Kreisen gewährten. Ihre Eltern vermochte sie nie mehr ohne ein nagendes Schuldgefühl anzuschauen, denn sie waren es ja gewesen, deren Geschenk sie so leichtfertig im wahrsten Sinne verschleudert hatte.

Eines Tages schließlich war ihre Ungeduld so gewachsen, dass sie einen kurzen Abschied nahm und sich auf eine Reise ins Ungewisse begab. Als sie den Weg in die Berge voranschritt und sich noch einmal umwandte, um die grünen Felder, die schwarzen Klippen und die weite Fläche des Tanzplatzes in sich aufzunehmen, klang die stumme Melodie des Großen Tanzes in ihr auf, bevor der Wind sie unter den tief dahin jagenden Wolken zerriss. Nur der Geruch von Tang und Salzwasser blieb noch lange in ihrem Haar haften und umwehte sie mit der bittersüßen Erinnerung an eine verlorene Heimat.

In der Welt jenseits der Berge, wo das Atmen des Meeres nur mehr wie ein ferner Traum in der Erinnerung der Menschen lebte, wusste man zu Jamines großem Erstaunen nichts vom Großen Tanz. Die Stadt, die Jamine aufsog, ruhte in sich selbst wie ein leuchtender Edelstein, und abends flammte eine Milchstraße von Sternen über den Häusern und Straßen auf, die ihr künstliches Licht in verschwenderischer Fülle ausgoss. Für Jamine, die in der kargen Landschaft zwischen der schwarzen Küste und den stets niedrig hängenden, undurchdringlichen Wolken aufgewachsen war, strahlte der nächtliche Sternenhimmel aus Menschenhand eine Verheißung aus: das Versprechen, dass es jedem Menschen gegeben sein sollte, in seinem Leben die Sterne zu erblicken. Sie begann, den Großen Tanz und die, die ihn tanzten, gering zu schätzen. Begegnete sie in den Straßen einem Menschen, der wie sie von der Küste stammte, so hob sie stolz den Kopf und schaute über ihn hinweg. Was brauchte sie den Tanz, wenn sie ihr Verlangen auch auf andere Weise stillen konnte! Was machte es da aus, dass sie damals, vor so vielen Jahren, unachtsam gewesen war! Die Melodie des Großen Tanzes stahl sich aus ihren Träumen davon, und ihre Füße hörten auf, nachts im wohlvertrauten und doch so fremden Rhythmus zu zucken. Trotzdem behielt Jamine den ihr noch verbliebenen Tanzschuh und versteckte ihn, eingepackt in Seidenpapier wie ein kostbarer Talisman, unter ihren wenigen Habseligkeiten.

Eines Abends, als Jamine eine der vielen filigranen Brücken über den nachtdunklen Fluss überquerte, der sich wie eine pulsierende Ader mitten durch die Stadt zog, begegnete ihr eine merkwürdige, in einen großen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt. Sie stand mit dem Rücken zur Brückenmitte und schien unverwandt auf den ölig glänzenden Leib des Flusses zu starren. Jamine senkte den Kopf und wollte vorbeieilen, aber sie nahm noch wahr, dass die Person gedankenverloren Bruchstücke der fast vergessenen Melodie des Großen Tanzes vor sich hin summte. Jamine war wie vom Donner gerührt. Längst tot geglaubte Erinnerungen und Gefühle brachen mit einem Male in ihr auf, und unwillkürlich blieb sie stehen.

Bei der dunkel gekleideten Person handelte es sich um einen jungen Mann, der sich nun erstaunt umdrehte und seinerseits aus melancholischen Augen Jamine musterte, die ihn weiter unverwandt anstarrte. Er sah nicht aus wie einer der Menschen von der Küste, von der Jamine stammte, aber woher kannte er dann die Melodie des Großen Tanzes? Jamine öffnete den Mund, um die Frage zu formulieren, aber sie bekam keinen Laut heraus, und nach einer Weile schüttelte sich der junge Mann, als ob er aus einem tiefen Traum erwachte, und ging in die Richtung davon, aus der Jamine gekommen war.

Jamine erschien es in den darauf folgenden Tagen und Wochen, als sei in jener Nacht ein unsichtbares Band zwischen ihnen gespannt worden, denn nun begegnete sie dem jungen Mann erneut, immer und immer wieder. Verfolgte er sie? Bog sie um eine Straßenecke, sah sie ihn mit einem scheuen Blick in ihre Richtung im Gewühl der Menschen verschwinden. Seine Stimme zitterte am Rand ihrer Träume, wenn sie morgens erwachte. Wer war er überhaupt? Ihre Gedanken kreisten um die geheimnisvolle Person in dem schwarzen Umhang, deren Bedeutung selbst den Glanz der großen Stadt zu überdecken begann und deren Stimme in Jamine wieder die Melodie des Großen Tanzes wie eine klingende Saite zum Leben erweckt hatte, bis die alte Verzweiflung und Sehnsucht in ihrer Seele erneut aufbrachen.

Eines Tages, als die Sonne die Luft über der Stadt vor Hitze tanzen ließ und die Türme und Gebäude zu flimmernden Phantomen verwischte, traf Jamine auf der Brücke erneut auf den jungen Mann. Der schwarze Umhang hing wie ein trauriges Paar Fledermausflügel an seinem Körper herab, und der Schweiß rann beiden über die Wangen. In der Hitze schmolz ihre beiderseitige Scheu, und während Jamine mit stockender Stimme von jenem einen großen Verlust ihres Lebens und von der langen Zeit des Schweigens danach erzählte, las sie in den Augen Eremonds, des ihr aufmerksam Zuhörenden, seine eigene Geschichte ab, die Geschichte eines Lebens mit einer unstillbaren Sehnsucht, den künstlichen Himmel der Stadt auszutauschen gegen die gleißenden Sterne, die der Große Tanz aus den Wolken holte. Doch nie würde es ihm möglich sein, den Tanz zu tanzen, nicht deswegen, weil er nicht von der Küste stammte, sondern weil ihm die Tanzschuhe fehlten, nun ja, mit einer gewissen Ausnahme… Und mit zitternden Händen holte Eremond eine kleine Schachtel hervor, schlug sie auf, rollte sorgfältig und mit kleinen Bewegungen das Seidenpapier beiseite… und dort – es war kein Zweifel möglich, sie erkannte ihn sofort – dort lag Jamines verlorener Tanzschuh.

Alle Farbe und alle Stimmen wichen mit einem Schlag aus der Welt. Jamine hörte das Blut in ihren Adern pochen, in ihren Ohren gellte erneut der verletzte und verzweifelte Schrei, den sie in jenem Augenblick ausgestoßen hatte, als der Tanzschuh ihr verloren ging, und einen Moment lang verspürte sie den übermächtigen Impuls, den Schuh, den Eremond ihr so vertrauensvoll entgegenstreckte, einfach zu packen und zu rennen, zu rennen, bis zu den schwarzen Klippen und dem weiten Rund des Tanzplatzes zu rennen. Doch sie rührte sich nicht, und Eremond berichtete, wie er vor vielen Jahren als kleiner Junge dort, wo der Fluss ins Meer mündete, auf einer Sandbank den zarten blauen Tanzschuh gefunden hatte, wie er ihn erst verwundert, dann von einem seltsamen Glücksgefühl durchströmt aufgehoben und ihn vor allen Menschen verborgen hatte, als wäre er eine seltene Muschel; wie er seitdem nach einem zweiten Exemplar Ausschau hielt, da er auf keine andere