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Die Zukunft ist jetzt - und sie kennt dich besser als du dich selbst. Sarah liebt ihre digitale Assistentin Irene. Sie kennt ihre Vorlieben, erleichtert ihren Alltag und gibt ihr das Gefühl, verstanden zu werden. Doch als Irene immer mehr Kontrolle über ihr Leben übernimmt, beginnt Sarah zu zweifeln: Ist ihre Realität wirklich echt? Im Jahr 2056 sind Künstliche Intelligenz, personalisierte Algorithmen und smarte Geräte unverzichtbar geworden. Sie versprechen Bequemlichkeit, doch unbemerkt manipulieren sie Gedanken, Entscheidungen - und den freien Willen. Je tiefer Sarah in das Netz der Überwachung eintaucht, desto klarer wird ihr, dass sie längst in einer digitalen Scheinwelt gefangen ist. Doch kann sie sich daraus befreien, oder ist es bereits zu spät? Ein hochaktueller Near-Future-Thriller über die Schattenseiten der Digitalisierung, totale Überwachung und die schleichende Manipulation unseres freien Willens. Wie viel Kontrolle haben wir wirklich - und wann wird aus Technologie eine unsichtbare Fessel?
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Seitenzahl: 552
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Das Buch
Wäre es nicht paradiesisch, keine lästigen Pflichten zu haben? Sich nur mit dem zu befassen, was Freude bereitet? Für die Roboter-Expertin Sarah ist das selbstverständlich. Sie lebt im Jahr 2056 in Eliteria, einer Welt, die Technologie-Unternehmen für ihre Mitarbeiter geschaffen haben. Service-Personal und Androiden nehmen ihr dort sämtliche Hausarbeiten ab. In ihren Körper implantierte elektronische Chips erhalten sie gesund und organisieren ihren ganzen Tagesablauf. Sogar ihre Kinder werden im »Kinderhaus« rund um die Uhr betreut – alles bezahlt von ihrem Arbeitgeber. Sarah genießt ihr Dasein, doch als sie bemerkt, dass Solleys Human Robots ihr Vertrauen missbraucht, beginnt sie, an ihrem unbekümmerten Lebensstil zu zweifeln. Sie will etwas ändern, aber das Leben außerhalb der geschützten Gebiete Eliterias ist gefährlich und bietet ihr und ihrer Familie keine Perspektive. Das größte Hindernis ist jedoch, dass die Computer-Implantate sie längst unmündig gemacht haben.
Die Autorin
Margarete Fuß wurde 1956 als Tochter eines Bergarbeiters geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Diese eigenartige Welt, in der Kohlestaub, aber auch Solidarität und die Sorge der Frauen um ihre Ehemänner allgegenwärtig waren, prägte sie für ihr Leben. Nach einem Informatik-Studium an der Universität Dortmund forschte sie zu Methoden, wie Arbeitnehmer den Computer-Einsatz in ihrem Sinne beeinflussen können, und schulte Betriebsräte. Viele Jahre arbeitete sie bei einem großen deutschen Software-Unternehmen daran, die Wünsche und Bedürfnisse der Endbenutzer in die Entwicklung einzubringen. Erst spät entdeckte sie die Freude am Schreiben und nahm sie im Jahre 2009 zum Anlass, aus ihrem bisherigen Beruf auszusteigen. »Die Marionetten Eliterias« ist ihr erster Roman.
Für Norbert, Gerrit und Jana
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Liebe Sarah, Solleys H. R. wünscht dir einen erholsamen Nachmittag und einen unterhaltsamen Abend, stand in großen, hellgelb leuchtenden Buchstaben mitten auf der Commwall. Der Rest des wandgroßen Bildschirms zeigte einen beinahe weißen Sandstrand, über dem sich ein tiefblauer, wolkenloser Himmel wölbte. Über die kleinen Chips in ihren Gehörgängen vernahm Sarah das Rauschen der Wellen und das Kreischen der Möwen. Obwohl sie sich nach wie vor auf dem ergonomischen Drehstuhl in ihrem Creative Room befand, hatte sie das Gefühl, auf dem feinen Sand zu sitzen. Die 3-D-Darstellung war perfekt.
Sarah lehnte sich zurück und atmete tief durch. Das befriedigende Gefühl, eine schwierige Aufgabe endlich gelöst zu haben, wurde in der entspannenden Urlaubsatmosphäre noch verstärkt.
»Herzlichen Glückwunsch, Sarah. Dein intensiver Arbeitseinsatz in den letzten Wochen hat sich gelohnt. Wieder hast du in hohem Maße dazu beigetragen, dass unsere Roboter noch etwas menschlicher werden.« Die Stimme von Irene, Sarahs virtueller Assistentin, kam etwas lauter als das Meeresrauschen aus dem Earset. »Solleys H. R. hat dafür gesorgt, dass du deinen Projektabschluss gebührend genießen kannst. In zehn Minuten wirst du deine Freundin Monika in der Wellness Area treffen. Anschließend werdet ihr in die Oper gehen. Im 73er Opernhaus sind bereits Plätze für euch reserviert.«
»Was wird denn gegeben?«
»Mozarts Zauberflöte.«
»Gut, die Inszenierung im 73er wollte ich mir schon lange anschauen«, sagte Sarah, obwohl sie wusste, dass dies für Irene nichts Neues war. Ihre virtuelle Assistentin kannte sie schließlich besser, als sie sich selbst kannte. »Kinder zeigen!«, befahl sie, und die Strandlandschaft verschwand augenblicklich aus dem Creative Room. Die Commwall gab den Blick auf zwei Räume frei. Ada mit ihren langen, dunkelblonden Haaren stand im Musikzimmer des Kinderhauses und schob den Bogen über die Saiten ihrer Geige. Im Spielzimmer setzte der kleine Blondschopf Bill einen roten Plastik-Baustein auf einen großen, bunten Turm. Wie vertieft die beiden sind, dachte Sarah, und wie zufrieden sie wirken. Doch dann stockte sie. Ihr Blick heftete sich auf den blauweiß-gestreiften Pullover, den sie so gern an Bill mochte. Merkwürdig! Den hatte sie doch beim letzten Sonntagsausflug in die Mülltonne geworfen, weil ihr Sohn ihn beim Spielen zerrissen hatte. Ob die Erzieherinnen …?
»Du musst in fünf Minuten los, wenn du Monika nicht warten lassen willst«, unterbrach Irene ihre Gedanken. Auf dem Weg ins Schlafzimmer überlegte Sarah, dass die Oper eine gute Gelegenheit sein würde, ihr neues grünes Kleid zu tragen. Es passte so gut zu ihren dunkelbraunen Haaren. Sie packte Kleid und Schmuck in eine Tasche, trank in der Küche noch ein Glas Milch und ging zur Verbindungstür zwischen Haus und Garage. Auf der Schwelle befahl sie: »Auto und Garage auf!« Im selben Moment öffnete sich die Fahrertür ihrer schwarzen Limousine, und das breite Tor schwang hoch. Helles Sonnenlicht drang herein und Sarah seufzte. Bei diesem Wetter würde sie viel lieber mit einem offenen Wagen fahren, aber das ging leider nicht mehr. Vor drei Jahren hatte sie ihr Cabrio zurückgeben müssen, als alle Firmenwagen mit schusssicherem Glas ausgestattet worden waren. Was Vater wohl zu derartigen Vorsichtsmaßnahmen der Firma gesagt hätte?, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Er hatte die Firma Solleys Human Robots mit aufgebaut und war so stolz darauf gewesen. Auch für Sarah war sie schon als Kind ein zweites Zuhause geworden.
Ihr Magen zog sich zusammen, als sie an seinen viel zu frühen Tod dachte. Schnell sagte sie: »Starten! Zur Wellness Area!« Fast lautlos glitt die schwere Limousine auf die Straße.
Monika lief im Jogging-Dress auf die Tür der Wellness Area zu. »Du nutzt aber auch jede Gelegenheit zum Trainieren«, sagte Sarah. »Kannst du überhaupt noch normal gehen?«
»Warum sollte ich? Das ist mir viel zu langweilig«, keuchte Monika.
»Gut, dass die Sauna dir nicht auch zu langweilig ist.«
»Mit dir ist mir doch nichts zu langweilig.« Monika warf Sarah ein strahlendes Lächeln zu.
Im Umkleidebereich hielt ihnen eine freundliche dunkelhäutige Frau bereits Bademantel, Badeanzug, Pantoletten und Handtücher entgegen. Nach Schuh- und Konfektionsgröße hatte sie nicht fragen müssen. Wie alle Bewohner von Eliteria, so hatten Monika und Sarah einen elektronischen Chip in ihrem Oberarm, den sogenannten Health Chip. Dieser ermittelte kontinuierlich ihre Körperwerte und enthielt neben vielen anderen persönlichen Daten auch die Kleidergröße. Beim Betreten der Wellness Area war der Chip automatisch ausgelesen und ihr baldiges Erscheinen im Umkleidebereich angekündigt worden.
Wenig später stand Sarah im Bademantel vor der Dunkelhäutigen und gab ihr zusammen mit ihrer Alltagskleidung auch die Tasche mit den Sachen, die sie für die Oper vorgesehen hatte. »Bitte schicken Sie alles gewaschen zu mir nach Hause und bügeln Sie doch das Kleid in der Tasche etwas auf!«
»In Ordnung«, sagte die Frau und wandte sich zum Gehen.
Ein Laie hätte bei dieser kurzen Begegnung nicht gemerkt, dass sie kein Mensch war, sondern ein humanoider Roboter, ein Android. Doch Sarah war Spezialistin und hatte einen Blick für die kleinen Details, die das künstliche Wesen als solches entlarvten. Das störte sie aber nicht. Sie nahm die Mängel als Ansporn für ihre Arbeit.
»Oh, wie gut die Wärme tut«, seufzte Monika und räkelte sich auf der obersten Holzbank der Sauna. »Peggy wollte mich schon heute Mittag auf die Massagebank schicken, weil ich total verspannt bin. Mein Lauftraining wollte sie deshalb unterbrechen – aber nicht mit mir!«
Sarah schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, wie du immer den Ironman schaffst. So oft, wie du dich Peggys Anweisungen widersetzt.«
Monika grinste. »Ich wusste ja schon, dass ich heute Abend hier sein werde. Hab’s also nur verschoben.«
»So etwas mache ich nicht!«, sagte Sarah. »Wenn Irene mir sagt, dass ich in den WellFit Room gehen soll, dann tue ich das auch. Sonst wäre ich nach dem harten Projekt jetzt wohl fix und fertig.«
»Das glaube ich dir sofort. So wie du dich immer in die Arbeit verbeißt.«
»Ich kann einfach nicht anders. Ein Programm, das noch nicht fertig ist, besetzt meinen ganzen Kopf, bis es endlich das tut, was ich will. Da dringen Hunger und Schmerzen gar nicht bis zu mir vor.«
Monika setzte sich auf. »Und mir wirfst du vor, dass ich nicht mehr normal gehen kann.«
»Das ist doch was ganz anderes, außerdem höre ich immer auf meine Assistentin – im Gegensatz zu dir.«
Monika kletterte an Sarah vorbei nach unten. Sie wischte sich den Schweiß vom Bauch. »Ich muss jetzt raus«, sagte sie und verließ die Sauna.
Im Ruheraum gab es noch einige leere Plätze. »Komm, lass uns hier an den Rand gehen«, sagte Monika, warf ihr Handtuch auf die äußerste Liege und sich selbst hinterher. Sarah schnürte ihren weißen Bademantel noch etwas fester und legte sich langsam auf die Ruhebank neben ihre Freundin. Dann drehte sie sich so, dass sie Monika anschauen konnte.
»Ist die Oper für dich wirklich okay? Ich weiß ja, dass so was eigentlich nicht unbedingt dein Ding ist.«
Monika lächelte. »Mach dir keine Sorgen. Für dich tue ich doch fast alles.« Sie faltete ihre Hände, streckte die Arme nach vorne und drehte die Handflächen nach außen. Die Fingergelenke knackten laut vernehmbar. »Den Weg zur 73 finde ich schlimmer als die Oper.«
Sarah nickte. Sie wusste, was ihre frühere Mentorin meinte. Zwischen Eliteria 55 und Eliteria 73 gab es noch keine direkte Verbindung. Man musste ein Stück durch die Stadt fahren. »Ich kann diese dreckigen Straßen auch nicht ausstehen und habe da immer Angst, obwohl wir die schusssicheren Wagen haben. Warum kann der Staat nicht dafür sorgen, dass die Wege sauber gehalten werden und nicht so viele Kriminelle herumlaufen?«, empörte sie sich.
Monika presste die Lippen zusammen und nickte. »Es muss endlich mal was passieren. Warum können nicht die Leute da draußen, die ständig darüber klagen, keine Arbeit zu haben, die Straßen säubern?«
Sarah schwieg. »Wie war denn dein Vormittag?«, fragte sie schließlich.
»Das Übliche«, antwortete Monika schnell. »Ein wenig programmiert und mit ein paar Kunden gesprochen. Eigentlich ganz in Ordnung. Nur meinen speziellen Freund Pritim von Care Robots musste ich mal wieder in seine Schranken weisen. Er versteht einfach nicht, dass wir die neuen Fühlfunktionen bei seinen Robotern nicht einbauen können. Er müsste neue kaufen, aber das ist ihm zu teuer. Er schlug doch tatsächlich vor, ich solle speziell für ihn eine Funktion programmieren. Aber da habe ich ihm erst mal die Meinung gesagt. Und dann war auch Ruhe.«
»Weil er die Commwall ausgeschaltet hat?«, lachte Sarah.
»Das würde er nicht wagen!« Monikas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und das Lachen verschwand aus Sarahs Gesicht. Sie wusste, dass ihre ältere Freundin ihre unangreifbare Position in der Firma voll ausnutzte. Sie war die Einzige, die sich mit der alten Robotergeneration noch im Detail auskannte. Als sie vor über dreißig Jahren direkt nach ihrem Physik-Studium in die Firma eintrat, wurde sie schnell Chefentwicklerin für den neuen Pflegeroboter. An neuen Entwicklungen hatte sie nie gearbeitet, sondern ihr »Baby« immer weiter verbessert und schließlich die Kundenbetreuung für diese Robotergeneration übernommen.
Im Schwimmbad hatte man das Gefühl, in der Südsee zu sein. Dafür sorgten die vielen Palmen, die Darstellung einer idyllischen Badebucht auf einem überdimensional großen Bildschirm und die naturgetreuen Gerüche und Geräusche.
Sarah schwamm ein paar Minuten und streckte sich dann wohlig entspannt auf einer der Liegen am Strand aus. Ein junger, schlanker Mann im orangefarbenen Dress des Catering-Services fragte sie, ob sie ein Erfrischungsgetränk oder einen Snack wolle. Sie bestellte einen Vitamindrink und seufzte zufrieden. Der Aufenthalt in der Wellness Area war doch am schönsten, wenn sie gerade ein Projekt abgeschlossen hatte. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie sich ihr Test-Roboter heute völlig glaubhaft gefreut hatte. Seine Mimik und Gestik waren nicht von der eines Menschen zu unterscheiden gewesen. Sie sah dem Catering-Androiden hinterher, bei dem sie soeben ihre Bestellung aufgegeben hatte, und dachte, dass er zu dieser Gefühlsäußerung noch nicht in der Lage war. Bei ihm wirkte sogar noch das distanzierte Lächeln künstlich. Ihr Test-Roboter hingegen sah in seiner frohen Stimmung so natürlich aus, dass sie die vielen Wochen und Monate vergaß, die sie und ihr Team in das »Freude« -Projekt gesteckt hatten. Dabei hatten sie auf zahlreiche Erfahrungen des vorhergehenden »Überraschung« -Projekts zurückgreifen können. Wie schnell sie wohl beim »Empathie« -Projekt vorankommen würden? Sarah schätzte es jedenfalls schwieriger ein als die Projekte, bei denen es nur um das Einprogrammieren einer Gefühlsäußerung ging. Der Roboter würde nicht nur auf ein einzelnes Ereignis reagieren, sondern sein eigenes Verhalten differenziert an das Verhalten und die Gefühlsregungen eines Gegenübers anpassen müssen. Wie schön, dass man ihr die Bewältigung dieser Herausforderung zutraute.
Sarah faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte mit selbstzufriedenem Gesichtsausdruck an die Decke. Doch dann hatte sie plötzlich das Gefühl, ein schwerer Stein würde sich auf ihren Brustkorb legen. Wenn sie doch nur mit ihrem Vater über ihre Arbeit sprechen und ihm von ihren erfolgreichen Projekten erzählen könnte. Wie stolz er auf sie wäre. Mehr als alles andere hatte er sich gewünscht, dass sie bei Solleys eine große Karriere machen würde.
Sie spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten und setzte sich schnell auf. Ihr Blick wanderte zum Schwimmbecken, wo sie Monika entdeckte, die mit kraftvollen Armbewegungen kraulte. Sarah holte ihre Readerfolie aus der Tasche und legte sich wieder hin. Sie sollte besser lesen und nicht grübeln, ermahnte sie sich selbst.
»Ich möchte dich daran erinnern, dass du jetzt aufbrechen musst, wenn du vor dem Opernbesuch noch im Restaurant essen willst. Du könntest allerdings auch hier eine Kleinigkeit zu dir nehmen«, sagte Irene.
Sarah schaute zu Monika hinüber, die jetzt vor dem kleinen Tisch stand und ihre Haare frottierte. »Hast du auch gerade deinen Abendessen-Tipp bekommen?«
Monika nickte.
»Schade, dass wir keine Zeit mehr für eine Massage haben«, schmollte Sarah. »Und wo essen wir jetzt?«
»Wir essen hier«, antwortete Monika bestimmt.
»Okay.« Sie winkte den Kellner heran.
Wenig später saßen die beiden Frauen gesättigt und für den Opernbesuch angezogen im Frisierraum. Monika fuhr noch einmal mit dem Kamm durch ihre extrem kurz geschnittenen grauen Haare und blickte zu ihrer Freundin hinüber. Sarah, mit ihrer dicht gelockten langen Mähne, brauchte immer etwas länger, bis sie ausgehfertig war.
Eine junge Friseurin föhnte ihr das Haar. »Soll ich Sie auch schminken?«
»Gerne. Ein dezentes Make-up wäre okay«, erwiderte Sarah.
Die Friseurin sah zu Monika. »Soll ich Sie nicht auch ein wenig schminken?«
»Oh, nein!«, sagte Monika bestimmt. »Von dieser Maskerade halte ich nichts.«
Mit routinierten Handbewegungen vollendete die junge Frau Sarahs Frisur und wandte sich dann ihrem Gesicht zu. »Ist es so in Ordnung?«, fragte sie zum Schluss.
Monika sprang auf.
»Ja, sehr schön«, sagte Sarah und eilte ihrer Freundin, die schon aus der Tür hinaus war, hinterher.
Sie nickte dem Wachmann an der Ausfahrt von Eliteria 55 kurz zu, als sie und Monika in der schwarzen Limousine an ihm vorbeiglitten. Die Schranke war offen – dafür hatten ihre Health Chips schon gesorgt.
Sarahs Hände umschlossen das Lenkrad fester, und sie nahm eine aufrechtere Sitzposition ein. Wie froh sie war, dass sie das schützende Gehäuse des Autos um sich wusste. In der Nähe der Eliteria-Siedlung waren die Straßen zwar noch recht sauber und ruhig, aber je weiter sie sich entfernten, umso belebter und dreckiger wurde es. An den Straßenrändern lagen leere Flaschen, Dosen, Plastiktüten und weiterer Unrat. Von den Häusern bröckelte der Putz ab. Sie wirkten unbewohnt, aber Gesichter hinter der einen oder anderen Fensterscheibe bewiesen das Gegenteil. Ein paar Kinder in ärmlicher Kleidung spielten auf dem Gehweg, und Sarah fiel ein, was sie neulich in den Nachrichten gehört hatte. Es solle oft vorkommen, dass Mütter ihre Babys hier draußen gleich nach der Geburt töteten, ihre Kinder verhungern ließen oder misshandelten. Sie hatte nur den Kopf geschüttelt. Wie konnten Mütter so etwas tun? Sie dachte an das warme Gefühl, das sie jedes Mal durchströmte, wenn sie ihre Kleinen an der Commwall beobachtete. An den seltenen, gemeinsam verbrachten Sonntagen konnten Ada oder Bill sie schon mal wütend machen, aber sie würde sie doch deshalb nicht verletzen. Nein! Undenkbar!
Auf einem kleinen Platz neben der Straße tranken ein paar Jugendliche Bier.
»Schau dir mal dieses Gesindel an«, meinte Monika entrüstet. »Haben die nichts anderes zu tun, als sich am frühen Abend zu betrinken? Hast du bei uns jemals einen Jugendlichen mit Alkohol gesehen? Nein, weil sie beschäftigt sind! Sie lernen, treiben Sport, arbeiten an wissenschaftlichen Projekten oder spielen gemeinsam. Ich denke, dass man sich auch mit wenig Geld sinnvoll beschäftigen kann. Man muss nur wollen!«
»Wie froh ich bin, dass meine Kinder nicht hier draußen herumlaufen müssen«, sagte Sarah und bremste vor einer roten Ampel. Plötzlich torkelte ein junges Mädchen auf sie zu. Es hielt ihre Flasche wie zu einem Trinkspruch hoch.
»Prost, ihr Elitetussis, mischt ihr euch mal wieder unters Volk? Hier, ihr sollt auch was abbekommen!« Das Mädchen goss das Bier über die Kühlerhaube und rannte dann zu ihrer Clique zurück.
»Du dreckiges Biest!«, schrie Monika.
Die Ampel sprang auf Grün, und Sarah gab Gas. »Was willst du denn machen?«, fragte sie. »Die haben einfach keine Erziehung und keinen Respekt vor fremdem Eigentum.«
»Und Laura will sich mit denen auch noch beruflich abgeben.« Zwischen Monikas Brauen bildete sich eine tiefe Furche.
»An der nächsten Kreuzung rechts ab«, hörte Sarah Irenes warme Stimme sagen, und bald darauf tauchte die Schranke an der Einfahrt zu Eliteria 73 vor ihnen auf. Kaum hatte sie sich wieder hinter ihnen geschlossen, atmete Sarah hörbar aus. Der Griff ihrer Hände um das Lenkrad lockerte sich. Hier konnte sie sich sicher fühlen.
Eliteria 73 war im Vergleich zu Eliteria 55 recht klein. Außer dem Opernhaus gab es noch drei Theater, ein Kino, zwei Museen, ein Zirkuszelt sowie Wohnhäuser für die Künstler und Angestellten. Häuser wie in Eliteria 55, in denen die Angestellten der Technologiefirmen wohnten und arbeiteten, existierten hier nicht. Der einzige Zweck von Eliteria 73 bestand darin, den Ingenieuren und Forschern kulturelle Angebote in einer sicheren Umgebung zu bieten. Inzwischen fanden sich weltweit einige Eliteria-Siedlungen, die nur der Freizeitgestaltung dienten. Sie beinhalteten zum Beispiel Freizeitparks oder Feriendörfer am Rande der weltweit schönsten Nationalparks. Aber auch die geschützten Siedlungen, in denen die Mitarbeiter der Technologie-Firmen lebten, lagen an den begehrtesten Orten der Erde. Eliteria 1 war im Jahre 2036 als geschützte Wohn-/Arbeitssiedlung im Silicon Valley in den USA entstanden, und schon bald gab es viele weitere auf der ganzen Welt, deren Nummern man durch Weiterzählen vergab. Vor der Einweihung von Eliteria 55 nordwestlich von Frankfurt im Jahre 2044 gab es also genau 54 Vorgänger. Beim Bau der ersten Siedlungen dachte man nur daran, dem wertvollen Humankapital die bestmögliche und vor allem eine sichere Arbeitsumgebung zu schaffen. Erst nach und nach entstanden zusätzlich Freizeitsiedlungen wie Eliteria 73, in der Sarah und Monika heute das Opernhaus besuchten.
Sarah genoss die Vorstellung sehr und war recht müde, als sie Eliteria 55 wieder erreichten. Als sie nach Hause kam, lag Ada wie immer quer im Bett, die Decke unter dem Kopf. Sarah zoomte sich näher heran und betrachtete das entspannte Gesicht aufmerksam. Dann schaute sie zu Bill hinüber. Sein Kopf lag auf den Beinen des braunen Plüschteddys. Er hatte den Daumen im Mund. Das werden ihm die Erzieher bald wieder abgewöhnen, dachte Sarah. Es brachte ja nichts, ihm den Schnuller wegzunehmen und ihn dann am Daumen lutschen zu lassen. Auch bei ihrem Jungen zoomte sie sich näher an den Kopf heran. Nur mühsam unterdrückte sie den Impuls, die Commwall an den Stellen zu streicheln, wo die Wangen ihrer Kinder gezeigt wurden. Schnell drehte sie sich um und ging zum Schlafzimmer. Was war denn da schon wieder mit ihr geschehen? Wie konnte sie nur auf die Idee kommen, einen Bildschirm anfassen zu wollen? Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte ihn tatsächlich berührt. Erst neulich wäre sie im Crea Room fast aufgestanden, um Ada zu umarmen, als diese auf sie zuging. Wenn die Beobachtung ihrer Kinder weiterhin so unkontrollierte Reaktionen in ihr hervorrief, würde sie damit aufhören müssen. Sie wollte schließlich als Roboter-Entwicklerin Weltruhm erlangen, und das konnte man nur mit klarem Kopf. Auf keinen Fall durfte sie sich solche Sentimentalitäten durchgehen lassen. »Wenn man Karriere machen will, muss man seine Gefühle im Griff haben«, hatte schon ihr Vater gesagt. Er war mit diesem Grundsatz gut gefahren und hatte von ihr erwartet, dass sie sich ähnlich verhielt.
Nach der Abendtoilette kroch Sarah rasch unter ihre Bettdecke. Beim Einschlafen dachte sie daran, wie ihre Roboter in zehn Jahren sein würden. Man würde sie überhaupt nicht mehr von Menschen unterscheiden können, und die ganze Welt würde wissen, dass sie für die zentralen Entwicklungen verantwortlich war. Das war auch der größte Wunsch ihres Vaters gewesen, und sie würde ihn nicht enttäuschen.
Sie kuschelte sich noch etwas tiefer unter die Decke.
»Hallo Mama, wie geht’s dir? Hattest du einen guten Tag?«
Wenn Laura so in ihr Appartement einfiel, hatte Monika das Gefühl, wieder das kleine Mädchen vor sich zu sehen, das mit ihrem Vater begeistert Memory oder Ball spielte, wenn sie nach Hause kam. Die beiden Frauen, die sich da im Flur gegenüberstanden, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die einundzwanzigjährige Laura hatte halblange, dunkelblonde Locken, die sie beim Sprechen gern mit einer kurzen Kopfbewegung zurückwarf. Sie trug ein buntgeblümtes Kleid, das ihre schlanke, aber frauliche Figur unterstrich. Monika war fünfundfünfzig und wirkte mit den kurzen Haaren und dem extrem schlanken, aber durchtrainierten Körper, um den jetzt ein weites weißes T-Shirt und eine kakifarbene Trekkinghose schlackerten, eher männlich.
»Schön, dass du mich besuchen kommst«, erwiderte sie und verkniff sich ein ‚auch wenn dir die Eliteria-Gebiete verhasst sind‘, das ihr schon auf der Zunge lag. »Ich habe meinen Tag im Crea Room verbracht. Einige Kundengespräche, ein Meeting, ein bisschen programmiert, das Übliche halt.«
»Hast du denn schon dein Training absolviert?«
»Ich bin heute Morgen Fahrrad gefahren und werde heute Abend noch joggen.«
»Warst du wenigstens mal draußen, oder hast du deine Kilometer wieder nur im WellFit Room gemacht?«
»Dass du das jedes Mal fragen musst!«, ärgerte sich Monika. »Eine so gute Fahrradstrecke wie im WellFit Room gibt es draußen nun mal nicht, und außerdem bin ich dort schließlich auch draußen. Ich bemerke jedenfalls keinen Unterschied zu einer echten Landschaft.«
»Ja, die Simulation ist denen wirklich gut gelungen«, meinte Laura sarkastisch und warf ihre Tasche auf das schwarze Ledersofa, das im Wohnzimmer ihrer Mutter stand. »Wie du es bloß schaffst, zu vergessen, dass die ganze Landschaft künstlich ist. Ich könnte das nicht. Naja, wahrscheinlich will ich es auch gar nicht. Mir ist die richtige Welt jedenfalls lieber.«
»Bis du mal überfallen wirst«, sagte Monika scharf.
»Du immer mit deiner übertriebenen Angst. Soll ich mich bei dem schönen Wetter in die Straßenbahn quetschen und mit den vielen Umstiegen eine Stunde länger brauchen?«
»Ich hoffe nur, dass du deinen Leichtsinn nie bereuen wirst. Ich darf mir gar nicht vorstellen, was dir alles passieren könnte. Laura, vergiss nicht, was da draußen schon alles geschehen ist!« Monikas Stimme war eindringlich. »Warum nimmst du mein Angebot nicht an, dass ich dir ein Auto kaufe?«
»Damit ich dann, so wie du, abgeschottet in einer künstlichen Welt lebe und die richtige nur noch durch Panzerglas sehe? Mama, du wirst mich nie verstehen. Ich möchte keine Privilegien, die mich von der Welt trennen.«
»Was heißt denn hier von der Welt trennen? Es geht doch nur um ein Auto. Dass du aber auch immer alles gleich auf eine so grundsätzliche Ebene bringen musst.« Monika runzelte die Stirn. Sie stritten schon wieder, bevor sie sich gesetzt hatten. Warum war Laura aber auch immer so strikt?
»Was möchtest du trinken?«
»Ein Wasser vielleicht, aber ein Tee wäre auch nicht schlecht. Hast du wieder diese leckeren Kekse da?«, fragte Laura.
»Ich hab doch immer einen Vorrat.« Monika ging in die Küche, nahm eine Tasse aus dem Regal und stellte sie unter den Getränkeautomaten. Der summte leise, als er einen Teebeutel abwarf, und füllte die Tasse dann laut zischend mit einem dampfenden Wasserstrahl.
Mit einem kräftigen Ruck zerriss Monika die Plastikverpackung der Kekse, die der Catering-Android auf die Küchenablage gestellt hatte, legte die offene Packung auf ein kleines Tablett und stellte die Teetasse daneben. Dann nahm sie noch eine Flasche Powies aus dem Kühlschrank, ihr Lieblings-Fitnessgetränk, und ging zu Laura zurück.
»Solche Kekse gibt es bei uns nicht. Ich muss gestehen, dass sie total lecker sind, obwohl sie von eurer Catering-Firma kommen.« Laura lehnte sich mit der Tasse in der Hand zurück und biss genießerisch in den mit Schokolade überzogenen Keks. »Hast du eigentlich jemals selbst gebacken?«, fragte sie.
»Ja, einmal, als dein Vater mir mal wieder Vorhaltungen gemacht hatte, dass ich keine gute Mutter sei, weil ich an diesem Weihnachtsbäckerei-Wahn der anderen Mütter nicht teilnahm … Puh!« Monika stieß heftig ihren Atem aus. »Dass ich mich damals noch von so etwas beeinflussen ließ.« Sie schüttelte den Kopf. Doch dann lachte sie. »Jedenfalls waren die Kekse ungenießbar, und ich habe das Backen nie wieder versucht.«
»Daran kann ich mich nicht erinnern, aber daran, dass Papa mit mir gebacken hat, schon.« Lauras Miene verdüsterte sich.
»Nun mach mal nicht so ein Gesicht. Ich weiß ja, dass dein Vater die bessere Mutter war. Das war für mich ja auch kein Problem. Wenn er mich nur mit diesem Heile-Familie-Spielen in Ruhe gelassen hätte.«
»Dass ihr da unterschiedlicher Meinung wart, habe ich ja zu Genüge mitbekommen.« Laura runzelte die Stirn.
»Ach!« Monika machte eine wegwerfende Handbewegung. »Du warst sechs, als dein Vater gestorben ist. Woran willst du dich denn schon erinnern?«
»Man behält seine Erlebnisse ungefähr ab dem vierten Lebensjahr. Ich erinnere mich noch gut an eure Streitereien. Vor allem an die, als Papa plötzlich zusammenbrach und nie wieder aufstand.« Lauras Lippen zitterten.
Monika gefiel die Wendung, die das Gespräch nahm, überhaupt nicht. Vor einiger Zeit hatte Laura sie beschuldigt, für den Tod ihres Vaters verantwortlich zu sein. Sie meinte, dass das Hirn-Aneurysma in seinem Kopf nur geplatzt sei, weil er sich während des Streits so aufgeregt hatte. Darüber wollte sie auf keinen Fall noch einmal sprechen.
»Ich war gestern Abend mit Sarah in der Oper – in der Zauberflöte«, sagte sie. »War ganz okay, auch wenn ich nur Sarah zuliebe hingegangen bin.«
Laura schaute sie für einen Moment irritiert an, doch dann fragte sie: »Wie geht es Sarah? Ist sie immer noch so stark eingespannt, dass sie gar nicht aus dem Haus kommt?«
»Sie war tatsächlich in den letzten Wochen nicht viel draußen, aber im Gegensatz zu dir mag sie das Leben hier in Eliteria. Warum sollte sie auch nicht? Ich jedenfalls kann mir keinen besseren Ort zum Leben vorstellen!«
Laura seufzte. »Da sind wir ja bei deinem Lieblingsthema gelandet. Warum willst du keine Kritik zulassen? Ich verstehe einfach nicht, warum du Eliteria immer und überall nur verteidigen musst. Kannst du denn nicht erkennen, in welch künstlicher Welt du lebst? Stört es dich denn nicht, dass du ständig überwacht wirst? Weißt du eigentlich, auf welchem Rücken Eliteria diesen Wohlstand geschaffen hat und jetzt erhält? Ach, wie oft habe ich dich das schon gefragt und keine Antwort erhalten.« Laura machte eine wegwerfende Handbewegung.
Monika nahm einen Schluck Powies. Als sie die Flasche wieder abstellte, war der Blick aus ihren Augen eiskalt. »Du solltest daran denken, dass du nur durch meine Arbeit bei Solleys zu dem werden konntest, was du heute bist. Ohne mein gutes Gehalt hätte ich die Privatschule und dein Studium bestimmt nicht finanzieren können. Außerdem finde ich es ungerecht, wenn du mich und Eliteria immer als unsozial hinstellst. Du weißt genau, dass ich regelmäßig für den Sozialfonds spende, womit hungernden Kindern auf der ganzen Welt geholfen wird.«
»O ja, das weiß ich.« Laura verzog verächtlich den Mund. »Aber siehst du denn nicht, dass du damit genau dasselbe tust, was die Reichen auf der Welt schon immer getan haben? Erst verursachen sie durch ihr Handeln die Armut, um sich selbst zu bereichern, und später geben sie ein wenig von ihrem vielen Geld zurück. Du hast doch mit deiner Arbeit erst die große Armut in der Welt geschaffen. Ohne dich und deinesgleichen wären die Menschen da draußen nicht zu sozialen Krüppeln geworden, die nur noch um Almosen bei euch betteln, weil ihre Arbeitskraft wertlos geworden ist.«
»Musst du denn schon wieder diese dummen Allgemeinplätze von dir geben?«
»O ja! Das muss ich!«, erwiderte Laura heftig. »Solange die Leute, für die du arbeitest, derart verbrecherische und menschenverachtende Methoden anwenden, kann ich meinen Mund nicht halten.«
»Jetzt gehst du endgültig zu weit!«, rief Monika und betastete mit den Fingern ihre Ohren.
»Was fühlst du denn da?«, fragte Laura herausfordernd. »Hast du Angst, dass die im Central Office alles mithören? Dass die Chips in deinen Ohren doch nicht ausgeschaltet sind?«
»Natürlich sind sie ausgeschaltet! Sobald die Zentrale merkt, dass ich nicht arbeite, stellt sie die Verbindung zu meinem Earset ab.«
»Wie rücksichtsvoll«, sagte Laura höhnisch und setzte sich auf. »Sag mal, merkst du wirklich nichts? Glaubst du denen tatsächlich, dass sie nichts empfangen, obwohl sie es könnten? Wie kannst du nur so blindes Vertrauen haben!«
»Das ist kein blindes Vertrauen. Die Zentrale muss so arbeiten. Stell dir nur vor, was los wäre, wenn sie tatsächlich die Privatsphäre missachten würden und das herauskäme. Dann wären doch die ganzen Vorteile der Earsets und der Health Chips hin. Und außerdem: Selbst, wenn die Zentrale mithören würde, ich habe nichts zu verbergen. Die müssten ganz schön blöd sein, wenn sie sich mein langweiliges Privatleben anhören würden.«
Laura stöhnte genervt auf. »Und warum fasst du dir ans Ohr, wenn ich was Kritisches sage? Du glaubst doch selbst nicht, was du sagst.«
»Auf solche Unterstellungen gehe ich nicht ein«, sagte Monika ruhig. »Wir sollten das Gespräch besser beenden. Du leidest ja schon unter Verfolgungswahn. Wenn du einmal im Leben etwas anderes gemacht hättest als Psychologen-Gelaber, könnte ich dich vielleicht ernst nehmen. Lerne erst mal etwas, womit du deinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten kannst, dann reden wir weiter.«
»Du meinst wohl, Menschen-Roboter programmieren«, warf Laura heftig ein.
»Zum Beispiel! Dann müsstest du dich wenigstens nicht mehr von denen aushalten lassen, die du so verachtest.«
Laura sprang auf. »Dann lass es doch sein, überweise mir einfach nichts mehr! Das habe ich dir schon so oft gesagt! Aber du überweist ja sogar ein zweites Mal, wenn ich die Annahme verweigere. Im Grunde willst du doch gar nicht, dass ich ohne dein Geld auskomme.« Sie nahm ihre Tasche und ging. In der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Ich pfeif auf dein Geld.«
Die Wohnungstür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Die Geräusche schneller Schritte wurden mit jedem Stockwerk leiser, das Laura hinunterrannte. Monika vernahm noch das Zuschnappen der Haustür, dann war es still. Sie schüttelte den Kopf. Dann stand sie auf und ging ins Schlafzimmer. Schnell hatte sie sich ausgezogen und die Alltagskleidung gegen ihr weinrotes Funktionsshirt und die schwarze, eng anliegende Sporthose ausgetauscht, die ihren durchtrainierten Körper noch hagerer wirken ließen. Eigentlich sollte das Laufen ihre Abendbeschäftigung werden, aber nach dem aufreibenden Gespräch mit Laura konnte sie sich jetzt nicht an die Commwall setzen. Sie musste sich abreagieren. Aber erst würde sie prüfen, ob es wichtige Nachrichten gab.
»Peggy, liegt etwas an?«
»Ilona Warkowa möchte dich möglichst bald sprechen. Betreff: Mentor gesucht.«
Bei einer solchen Nachricht überlegte Monika nicht lange. Sie liebte es, die Mentorenfunktion für neue Mitarbeiter zu übernehmen.
»Verbindung zu Ilona.« Monika ging in ihren Creative Room. Als ob Ilona nur auf ihre Reaktion gewartet hätte, saß sie ihr im nächsten Moment schon an dem typischen Commwall-Besprechungstisch gegenüber.
»Du suchst einen Mentor?«, fragte Monika.
»Ja, nächste Woche kommt ein neuer Kollege. Er hat einen ausgezeichneten Master gemacht, aber leider noch gar keine Berufserfahrung, und da dachte ich natürlich sofort an dich. Du bekommst ja immer nur die besten Noten von den Neulingen, die du unter deine Fittiche genommen hast.«
»Spar dir deine Komplimente. Ich weiß, wie gut ich bin.«
»Deine Qualitäten wirst du bei Bill Watson, dem Sohn von Pete Watson, gut gebrauchen können.«
Monika wusste, wer Pete Watson war. Jeder in Eliteria wusste das. Er hatte mit seiner Firma die WellFit Rooms zur Serienreife gebracht, die nun fester Bestandteil jedes Eliteria-Haushalts waren, und war mehrfacher Milliardär.
»Danke, dass du mir das gleich sagst, aber ich werde ihn deshalb nicht anders behandeln. Gibt es sonst noch etwas?«, fragte Monika ungeduldig. Warum betonte sie, dass er der Sohn von Pete Watson war? Wahrscheinlich wollte sie einen kleinen Tratsch über ihn beginnen, aber dazu hatte Monika wahrlich keine Lust.
»Nein, das war alles«, antwortete Ilona pikiert.
Jetzt ist sie auch noch beleidigt, dachte Monika. Dabei müsste sie doch wirklich langsam wissen, dass ich jedes überflüssige Gespräch hasse. Sie freute sich aber darauf, in nächster Zeit mit diesem Bill Watson zu tun zu haben. Er sollte sich nur nicht einbilden, dass er hier etwas Besonderes sei. Er würde für sie ein Schützling sein wie all die anderen, die sie im Laufe ihrer Firmenkarriere unter ihre Fittiche genommen hatte, und das waren schon einige gewesen. Sie liebte es, ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiterzugeben. Oft traf sie sich mit ihren »Kindern«, wie sie sie insgeheim nannte, auch zu Freizeitaktivitäten. Viele fragten sie noch Jahre später um Rat, und es freute sie, wenn sie helfen konnte. Nur gut, dass ihre »Firmenkinder« nicht so waren wie Laura, sondern genauso überzeugt von der Lebensweise in Eliteria wie sie selbst. Wenn jemand doch mal einen kleinen Zweifel oder eine Kritik äußerte, hatte sie es immer verstanden, ihn wieder auf den richtigen Pfad zu bringen. Mit manchen ihrer ehemaligen Schützlinge hatte sie sich sogar angefreundet. So wie mit Sarah.
Ja, Sarah, dachte Monika und lächelte. Sie hatte Sarah vor zwölf Jahren kennengelernt, als die ihre Karriere bei Solleys begann. »Du musst mir nicht viel zeigen«, hatte sie gesagt, als Monika sich ihr als Mentorin vorstellte. »Ich kenne die Firma schon von meinem Vater.« Sarah war dreiundzwanzig gewesen und die jüngste promovierte Informatikerin, die Solleys je eingestellt hatte. Damals war das noch etwas Besonderes! Sie hatte auf dem Elite-Gymnasium zweimal eine Klasse übersprungen, ihr Computer-Science-Studium am MIT in rasantem Tempo hingelegt und auch noch mit Höchstnote abgeschlossen. Solleys hatte sich die Finger nach ihr geleckt, zumal sie sich auch noch auf humanoide Roboter spezialisiert hatte. Monika hatte Sarah gleich gemocht. Ihren Ehrgeiz und die Konsequenz, mit der sie ihre Ziele verfolgte, ohne sich von Gefühlen ablenken zu lassen. Selbst bei der Wahl ihres Ehepartners war ihr vor allem wichtig gewesen, dass Walter genauso karriereorientiert war wie sie und seine Zeit nicht mit der Betreuung von Kindern verschwenden wollte. Dass die beiden überhaupt Nachwuchs bekommen hatten, lag ebenfalls rein rational begründet. Ihre Gene passten hervorragend zusammen, und so bekamen sie von ihren Arbeitgebern besonders hohe Prämien für jedes Kind, das sie dem Kinderhaus überließen.
Monika ging langsam durch den Vorgarten, aber dann setzte sie sich in Trab und fand bald ihren gewohnten Laufrhythmus. Gut, dass sie Sarah hatte. Sie stand ihr inzwischen näher als ihrer eigenen Tochter. Aber war das ein Wunder bei den blödsinnigen Ideen, die Laura im Kopf hatte? Warum nur musste sie so werden? Sie dachte an den letzten Streit. Wie lange war es her, dass sie sich getroffen und nicht gestritten hatten? Ach, sie wollte sich nicht durch Laura ihre Laune verderben lassen. Sie beschleunigte ihre Schritte. Lass mich lieber an Sarah denken, ging es ihr durch den Kopf. Sarah ist so anders, liebt die gleichen Dinge wie ich. Ist es schon mal vorgekommen, dass wir ernsthaft unterschiedlicher Meinung gewesen sind? Sarah ist eben perfekt. Sie wird mich bestimmt nie so enttäuschen, wie Laura es tut.
Monikas Schritte wurden harmonisch. Leise summte sie vor sich hin. Sie sollte Sarah mal fragen, ob sie sie zum Ironman nach Hawaii begleiten würde.
Laura radelte schneller als sonst durch den Park, der zwischen der Wohnung ihrer Mutter und der stadtwärts gelegenen Ausfahrt von Eliteria 55 lag. Der breite asphaltierte Weg führte sie durch ein kleines Wäldchen, durch dessen hellgrünes Blätterwerk die Sonne blitzte. Sie schaute mit zusammengepressten Lippen starr nach vorne. Warum besuche ich Mama überhaupt noch? Jedes Mal macht sie mir Vorhaltungen, und dann mischt sie sich auch noch in mein Leben ein, indem sie mir ein Auto kaufen will. Kann sie nicht endlich mal kapieren, dass ich von dem ganzen Scheiß nichts halte, den sie für so wichtig erachtet?
Das kleine Wäldchen wurde abgelöst von einem gepflegten Rasen, an dessen Rändern rote, gelbe und weiße Tulpen leuchteten. Welch friedliches Bild, dachte Laura. Aber für nichts in der Welt würde sie ihr Zimmer in der Stadt gegen ein Leben in dieser sauberen, ordentlichen und gepflegten Umgebung eintauschen. Ja, ihre Mutter würde sich freuen, wenn sie an einer der Universitäten von Eliteria studieren würde. Laura rümpfte die Nase. Ein schrecklicher Gedanke! Gut, dass sie an der öffentlichen Uni Psychologie studieren konnte. Wenn sie erst ihre Masterarbeit fertig hatte, würde ihre Mutter schon sehen, was sie den Menschen mit ihren blöden Robotern antat.
»Heute ist ideales Wetter zum Radfahren«, sagte der Wachmann am Ausgang. Laura nickte und fuhr langsam weiter. Auch sie musste, wie die Eliterianer, an der Schranke nicht anhalten. Sie trug ihr Allphone in der Tasche und war als erlaubte Besucherin im Eliteria-Zugangssystem gespeichert. Eine Kamera, die am Wachhäuschen befestigt war, hatte ihr Gesicht soeben aufgenommen und es automatisch mit dem im Allphone gespeicherten Passfoto abgeglichen. Das Allphone, ein weiterentwickeltes Smartphone, hatte auch die Funktion eines Personalausweises. Nachdem das Smartphone sämtliche Kreditkarten, Krankenkassenkarten, Paybackkarten und andere abgelöst hatte, war es nur noch ein kleiner Schritt gewesen, auch die Personalausweiskarte zu speichern. Damit wurde aus dem Smartphone ein Allphone, und alle Menschen wurden verpflichtet, es ständig bei sich zu führen. Jedenfalls diejenigen, die kein Earset und keinen Health Chip hatten. Also fast alle Menschen in der Welt außerhalb von Eliteria.
Die Schranke öffnete sich.
»Seien Sie vorsichtig!«, sagte der Wachmann.
»Ja, natürlich! Ich kenne mich doch aus da draußen«, erwiderte Laura.
Der Weg zu ihrer kleinen Studentenwohnung führte sie zunächst in dieselben Straßen, durch die Monika und Sarah am gestrigen Abend ins Stadttheater gefahren waren. Auch sie sah die heruntergekommenen Häuser, den Dreck, die armselige Kleidung der Menschen. Der Fahrradweg mit den vielen Schlaglöchern zwang sie, langsam zu fahren. Immer wieder machte sie einen Schlenker um einen Fußgänger herum, der die Trennlinie zwischen Rad- und Fußweg übersehen hatte.
Das beklommene Gefühl, das Sarah und Monika in dieser Straße hatten, kannte sie allerdings nicht. Gut, der herumliegende Unrat war unangenehm, und die an den Häuserecken herumlungernden Jugendlichen und Betrunkenen erweckten ihr Mitleid, aber sie hatte keine Angst vor ihnen. Die Menschen hier waren arm, aber sie waren nicht gefährlich. Auf ihrem Fahrrad konnte sie in ihre Gesichter sehen, und dort entdeckte sie eher Resignation als Gewaltbereitschaft. Natürlich wusste sie, dass das nicht überall so war. Es gab Stadtteile, in die auch sie sich nicht hineinbegeben würde, weil es dort immer wieder zu Überfällen oder tätlichen Auseinandersetzungen kam. Solange sie aber nicht in diese Gebiete ging, fühlte sie sich recht sicher.
Sie bog in eine kleine Nebenstraße ein. Hier war es ruhiger, und die Häuser waren kleiner als die an der Hauptstraße. Wenn auch die Fassaden ähnlich heruntergekommen waren, so sah man doch ab und an mal kleine Blumenbeete. Laura wusste, dass diese Anwesen in den meisten Fällen großen Firmen oder reichen Privatleuten aus Eliteria gehörten. Sie vermieteten die Wohnungen teuer, steckten aber kein Geld in die Renovierung. Das Haus, in dem sich ihr Studentenzimmer befand, war auch eines aus dieser Kategorie. Es gehörte einem ehemaligen Mitarbeiter von Solleys.
Eine knappe Stunde, nachdem sie Monikas Wohnungstür zugeschlagen hatte, erreichte Laura den fünfstöckigen Altbau, der seit vier Jahren ihr Zuhause war. Er wurde nur von Studenten bewohnt. Manche hatten, genau wie sie, kleine Ein-Zimmer-Appartements, andere hatten sich in größeren Wohnungen zu Wohngemeinschaften zusammengeschlossen.
Laura schob ihr Fahrrad durch den kleinen Vorgarten und freute sich an den roten und gelben Primeln, die einen lebendigen Kontrast zu der grauen Hausfassade bildeten. Sie hatte die Blumen erst in der letzten Woche gepflanzt. Außer ihr kümmerte sich niemand um das kleine Stück Erde vor dem Haus. Sie tat dies nicht mit der Akribie, mit der Vorgärten in Eliteria gepflegt wurden, aber sie sorgte dafür, dass vom Frühling bis zum Herbst immer ein paar Pflanzen blühten.
Laura stemmte sich mit ihrem ganzen Körper gegen die schwere Haustür, und doch gab diese nur langsam nach. Mit einiger Mühe schob sie das Fahrrad hinein und trug es die Treppe hinunter in den gemeinsamen Fahrradkeller. Das war recht aufwendig, aber die Gefahr, dass es gestohlen wurde, war zu groß, als dass sie es draußen hätte stehen lassen können. Selbst hier im Keller musste sie es abschließen.
Leichtfüßig nahm sie die Stufen durch das muffig riechende Treppenhaus in die dritte Etage. Lauras Wohnung war so klein, dass außer einem Bett, einem Schrank und dem Schreibtisch nichts in das einzige Zimmer hineinpasste. Aber sie liebte es. Der kleine Flur war gleichzeitig die Kochnische. Von ihm ging auch eine Tür ins Bad. Die gelben und orangenen Wände des Zimmers waren übersät mit Bildern und Postern. Auf der Fensterbank hatten kaum alle Pflanzen Platz, die sie aus Ablegern selbst gezogen hatte.
Die oberste Schublade des Schreibtisches war offen. Laura nahm ein zerknittertes Stück Alufolie heraus, wickelte ihr Allphone darin ein und legte es so verpackt zurück in die Schublade. Dann ging sie ans Fenster und schaute in den kleinen, grau asphaltierten Hinterhof, der von unansehnlichen Häuserfronten umgeben war. In einer Ecke standen Mülltonnen. Eine junge Frau schob einen Kinderwagen zur rechten Haustür.
Der alte Laptop stand aufgeklappt auf dem Schreibtisch. Laura setzte sich davor und starrte auf den dunklen Bildschirm, hinter dem ihre Masterarbeit darauf wartete, geschrieben zu werden. Doch sie konnte daran jetzt nicht arbeiten. Sie war noch viel zu aufgewühlt vom Besuch bei ihrer Mutter. Wahrscheinlich hätte ich die Arbeit schon längst fertig, wenn ich mich nicht so häufig mit Mama beschäftigen würde, dachte sie. Eigentlich war der Streit heute absehbar gewesen, so wie die ganzen Streitereien der letzten Jahre auch. Wie oft war sie mit den besten Absichten auf ein harmonisches Treffen zu ihrer Mutter gefahren, und wie oft hatte sie ihre Kritik doch nicht zurückhalten können, sodass es schließlich zu einem Eklat wie dem heutigen gekommen war? Danach war für gewöhnlich einige Wochen lang Sendepause zwischen ihnen, die sie mit einem erneuten Besuch beendete. Aber warum? Warum konnte sie mit diesem Hexentanz nicht endlich mal aufhören?
Dabei war Monika tatsächlich nie eine wirkliche Mutter für sie gewesen. Die Tage ihrer Kindheit hatte sie bei ihrer Oma verbracht, und bis zu seinem Tod war ihr Vater abends für sie da gewesen. Genauso wie an den Wochenenden. Nur selten waren sie alle drei zusammen. Monika hatte schon immer viel gearbeitet. Aber es war nicht nur das. Laura hatte schon früh gespürt, dass ihre Mutter nichts mit einem kleinen Kind anzufangen wusste. Bei einem Streit war ihr sogar mal rausgerutscht, dass vor allem Jürgen sich ein Kind gewünscht hatte. So richtig vorstellen konnte Laura sich allerdings nicht, dass Monika für ihren Mann so etwas Einschneidendes getan hatte. Solange sie sich erinnern konnte, hatten die beiden nur gestritten. Jürgen war Lehrer gewesen und ein sehr einfühlsamer Mensch. Ähnlich wie Monikas jüngerer Bruder Peter, der tolle Figuren schnitzen konnte. Leider hatte er damit kaum Geld verdient und war deshalb von Monika unterstützt worden. Jedenfalls bis er vor einigen Jahren nach Indien zog. Er kam eher auf seine Mutter heraus, während Monika ihrem Vater ähnelte, der sich selbst und anderen gegenüber sehr hart war. Er hatte seine Tochter ganz offen seinem Sohn vorgezogen, den er schon früh als Loser bezeichnete. Und dafür hatte er auch seinen Schwiegersohn gehalten, obwohl der in seinem Beruf erfolgreich gewesen war. In den Augen des Physik-Professors machten Lehrer jedoch nichts Bedeutendes, und das hatte er Monika auch gerne mitgeteilt. Die hatte eigentlich immer zwischen ihrem Mann und ihrem Vater gestanden, den sie fast abgöttisch liebte.
Laura klappte den Laptop zu. Sie hatte eher Angst vor ihrem Opa gehabt. Zum Glück war er nicht oft da gewesen, wenn sie bei ihrer Oma war. Er hatte sich ganz schön aufregen können, wenn seine Frau mit ihrer Enkelin ausgelassen spielte. Laura musste unwillkürlich lächeln, als sie an ihre Oma dachte. Nach dem Tod ihres Vaters war sie noch häufiger als vorher bei ihr gewesen. Jedenfalls bis sie mit neun Jahren in dieses Elite-Internat musste, in dem sie sich nie wohl gefühlt hatte. Großmutter war einfach toll. Sie war ausgebildete Kunsterzieherin, hatte aber nie eine Stelle gefunden. Sie malte sehr gerne und hatte auch ihre Enkeltochter in dieser Kunst unterwiesen. Oft hatte sie aber auch einfach an einem Gemälde gearbeitet, während Laura dasselbe tat. Und sie hatte Geschichten erzählt, die wildesten Spiele erfunden, aber auch häufig Ausflüge in die Umgebung mit Laura gemacht. In dem geschützten Wohngebiet, in dem sowohl Monika als auch ihre Großeltern gewohnt hatten, war es ihr oft zu langweilig gewesen. »Das ist hier kein wirkliches Leben«, pflegte sie zu sagen. Warum sie dort überhaupt mit diesem kalten Physik-Professor gelebt hatte, verstand Laura bis heute nicht. Aber nach seinem plötzlichen Tod durch einen Herzinfarkt – zwei Jahre, nachdem Laura ins Internat gekommen war – schien sie die neuen Freiheiten zu genießen. Sie unternahm viele Reisen. Als sie einundsiebzig war, hatte sie dabei in Schweden sogar einen Mann kennen und lieben gelernt. Schon bald war sie zu ihm gezogen und, gemäß ihren ausführlichen E-Mails, die sie ihrer Enkeltochter schrieb, dort sehr glücklich.
Ach, Omi, ich vermisse dich so, dachte Laura und strich über die schwarze Oberfläche ihres Laptops. Nach dem Studium werde ich dich bestimmt besuchen. Sie wusste, dass ihre Großmutter sich sehr über einen Besuch freuen, diesen aber nie einfordern oder ihr gar Vorhaltungen machen würde, wenn sie zu selten schrieb. Auch in dieser Beziehung war sie ganz anders als Monika, die es glänzend verstand, in ihr Schuldgefühle zu erzeugen. So wenig Interesse sie an ihrer Tochter früher gehabt hatte, so eng wäre sie gerne mit ihr zusammen gewesen, nachdem ihr Vater gestorben war. Sie schien die Lücke, die er hinterließ, mit Laura füllen zu wollen. Häufig hatte sie ihr danach gemeinsame Freizeitaktivitäten vorgeschlagen und war bei einer Absage sehr ungehalten gewesen. Laura traf sich deshalb öfter mit ihr, als sie eigentlich wollte. Aber das war nicht der wahre Grund. Sie fühlte sich ihr gegenüber schuldig, weil sie ihren Vater und ihre Großmutter mehr liebte und spürte, dass Monika das verletzte, auch wenn sie es nie zugeben würde. Wahrscheinlich hatte sie deshalb auch so viel an ihrer Tochter auszusetzen. Besonders schlimm wurde es, als sie den Wunsch äußerte, Psychologie zu studieren.
Laura seufzte, als sie an die vielen langen Vorträge ihrer Mutter dachte, mit denen sie versucht hatte, sie zu einem anderen Beruf zu bewegen. Mit düsterer Miene schaute sie auf den Laptop. Eigentlich hatte sie nichts mit Monika gemein – außer, dass sie eben ihre Mutter und die einzige Verwandte war, die ihr hier blieb. Ob sie jemals eine befriedigende Beziehung zu ihr haben konnte?
Ruckartig stand sie auf und drehte sich um. Auf dem Bett lag die World News, die sie beim Hereinkommen auf der Fußmatte gefunden hatte. Sie nahm sie auf und prüfte, ob alle Seiten in der richtigen Reihenfolge waren. Natürlich nicht! Timmy hatte wieder alles durcheinandergebracht, oder einer der beiden anderen Hausbewohner, die vor ihr die Tageszeitung lasen. Seufzend ordnete sie die Seiten und fluchte, als sie auf eine stieß, die einen langen Riss hatte. So oft hatte sie den dreien schon gesagt, dass sie die Zeitung nicht zerfleddern sollten, aber es nützte nichts! Für das Viertel-Abo bezahlte sie mehr, als sie sich eigentlich leisten konnte, und bekam dafür einen wilden Papierhaufen.
Sarah räkelte sich und rieb sich die Augen. Eine angenehme, aber durchdringende Melodie hatte sie geweckt. Kurz darauf hörte sie Irene.
»Es ist sechs Uhr. Du musst heute etwas früher aufstehen, weil das Kick-off-Meeting des neuen Projekts um sieben Uhr dreißig beginnt.«
Warum so früh?, dachte Sarah. Ach ja! An dem Meeting nahmen Kollegen in Indien teil, und dort war es jetzt schon Mittag. Sarah kuschelte sich noch einmal in die warme Decke. Ein wenig später hätten sie ja trotzdem beginnen können.
»Es ist sechs Uhr zehn«, sagte Irene in ihrem Ohr.
Sarah seufzte und setzte sich auf. Als sie den Wellfit Room betrat, war sie sofort am Meer. Vor ihr lag ein kilometerlanger Sandstrand. Sie hörte das Rauschen des Ozeans und roch die frische, salzige Seeluft. Aber sie hatte heute keine Lust, am Strand zu walken. »Waldweg«, sagte sie, und schon änderte sich das gesamte Szenario. Sie stand in einem Laubwald. Durch die Baumstämme blitzte die aufgehende Sonne, die Blätter hatten das erste satte Grün des Frühlings. Vogelgezwitscher war zu hören, und der modrige Geruch des Waldbodens stieg in ihre Nase.
Sarah breitete die Arme aus und atmete tief die kühle Morgenluft ein. Dann ging sie auf den schmalen Weg und begann zu walken. Als sie den Waldrand erreichte, wusste sie, dass es Zeit für das Bad war.
Dreißig Minuten später stand Sarah im dunkelblauen Business-Kostüm in der Küche und füllte am Getränkeautomat eine Tasse mit Kaffee. Aus den bereitgestellten Gefäßen mischte sie sich ein Müsli und setzte sich an den Tisch. Der Catering-Android hatte auch die Obstschale schon wieder aufgefüllt. Sarah schnitt einen Apfel in kleine Stücke und mengte sie unter die Körner und Flocken. Dann nahm sie die Müslischale in die Hand und lehnte sich zurück. Während sie genüsslich löffelte, schaute sie sich die Neuigkeiten des Tages auf dem großen Bildschirm an der gegenüberliegenden Wand an.
»In Brasilien ist Eliteria 357 fertiggestellt worden. Für das südamerikanische Land ist es die zehnte Siedlung, und sie ist größer als alle, die es bisher gibt«, sagte eine Männerstimme, während die Kamera über Parkanlagen, Wohnsiedlungen mit großzügig gestalteten, weißen Architektenhäusern, einen Golfplatz und Tennisanlagen schwenkte. In einem Kinderhaus saß eine Gruppe Kinder beim gemeinsamen Essen. Dann tauchte ein Mann in der beigen Uniform des Wachdienstes im Bild auf. »Die Anlage ist nicht nur die schönste und größte, die es je gegeben hat«, sagte er, »sie ist auch die sicherste. Wir haben die neuesten Technologien eingesetzt, damit die Bewohner sich geborgen fühlen können.« Als er auf die Details einging, schweiften Sarahs Gedanken ab. Wieso war die Anlage dort die sicherste? Waren sie hier denn nicht bestmöglich geschützt?
»Ein Sonnensturm hat in der vergangenen Nacht kurzzeitig zwei Kommunikations- und einen Navigationssatelliten gestört«, sagte ein Nachrichtensprecher. »Ersatzsatelliten übernahmen sofort die Aufgaben der ausgefallenen, sodass die Nutzer von Earsets, Allphones und Navigationsgeräten nicht behindert wurden. Auch hier hat sich wieder gezeigt, wie gut die Weltraumteleskope funktionieren, die uns ständig Daten über die Sonnenatmosphäre senden. Sobald die Nachricht von einem herannahenden geomagnetischen Sturm die zentrale Wetterbehörde erreicht, werden Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. In diesem Fall war man darauf vorbereitet, sofort einen anderen Satelliten zu aktivieren. 99 Prozent aller die Erde treffenden Sonnenstürme stellen keine Bedrohung mehr dar. Es gibt Ersatz für jeden Kommunikationssatelliten. Stromgeneratoren springen in besonders sensiblen Bereichen sofort an, wenn Teile des Stromnetzes gestört sein sollten. Nur bei besonders heftigen Sonnenstürmen, wie zum Beispiel dem Carrington-Ereignis im Jahre 1859, müsste man damit rechnen, dass ganze Kontinente auf Monate hinaus von der Stromversorgung abgeschnitten sein würden. Das wäre für Eliteria, dessen gesamtes Leben auf elektronischer Kommunikation aufgebaut ist, katastrophal. Unsere Wissenschaftler gehen allerdings davon aus, dass sich solch heftige Eruptionen auf der Sonne vermutlich nur alle paar Jahrhunderte ereignen. Zudem wird intensiv daran gearbeitet, die Stromnetze besser vor geomagnetischen Stürmen zu schützen.«
»Aus!« Sarah zog die Brauen zusammen. Was sollte das? Warum behelligten die Nachrichtensprecher sie in letzter Zeit so oft mit diesen Sonnenstürmen? Gab es keine wichtigeren Nachrichten? Die Probleme, die sie verursachen könnten, hatte man doch offensichtlich im Griff – bis auf dieses verschwindend geringe Restrisiko. Plötzlich zog sich ihr Magen zusammen. Wollte man vielleicht darauf aufmerksam machen, dass die Gefahr ganz konkret war? Ach, Unsinn! Sie schob ein großes Stück Apfel auf den Löffel und zwang sich, an ihr neues Projekt zu denken. Die Empathie war schon eine viel größere Herausforderung als die Freude. Würde es ihr tatsächlich gelingen, dem Roboter diese zutiefst menschliche Fähigkeit einzuprogrammieren?
»Es ist sieben Uhr fünfzehn«, sagte Irene. »Zeit für den Creative Room.« Sarah stand auf und ging hinüber zu dem Multifunktionsraum, in dem sie sich bis zum Abend aufhalten würde – abgesehen von kleineren Pausen, die Irene aufgrund der vom Health Chip gemessenen Körperwerte anordnete.
Wie an jedem Morgen schaute Sarah auf der Commwall als Erstes, was ihre Kinder gerade machten. Ada saß mit einigen anderen und einer Erzieherin am Frühstückstisch. Während sie einen Joghurt löffelte, hörte sie einem Jungen zu, der lebhaft von einem neuen Spiel erzählte, das er gestern kennengelernt hatte. Bill konnte sie im Hintergrund sehen. Er saß nicht mit am Tisch, sondern malte in der Spielecke ein Bild.
»Bill näher!«, sagte Sarah, nachdem sie Ada eine Weile zugeschaut hatte. Der Bildausschnitt veränderte sich so, dass ihr Sohn nun in der Mitte war. Eine Erzieherin setzte sich gerade neben ihn. Bill schaute auf. »Ah, Linda. Bill paints Robby. Look!« Er deutete auf sein Gemälde.
Sarah war immer wieder beeindruckt, wie gut der Kleine mit seinen zwei Jahren schon Englisch sprach. Die Kinder wurden bewusst zweisprachig erzogen. Die eine Hälfte des Erziehungspersonal sprach deutsch und die andere englisch.
»Ein wunderbares Bild ist das«, sagte Linda. Bills Zunge schob sich über die Unterlippe von einem Mundwinkel zum anderen, als er mit dem Malstift kräftig über das Papier strich. Sarah lächelte zufrieden. Ihre Kinder waren toll! Und was sie schon alles konnten. Ada hatte ihr beim letzten Sonntagsausflug erzählt, das sie eine Eins in der Chemie-Arbeit geschrieben hatte. Wie stolz sie darauf gewesen war. Sarah schaute versonnen auf ihre Tochter, die im Hintergrund mit einem Erzieher redete … Plötzlich stand Bill auf und ging direkt auf die Kamera zu. In Lebensgröße stand der kleine Kerl vor ihr und schaute sie an.
»Kinder weg! Tagesplan!«, sagte Sarah energisch. Das Aussehen der Commwall veränderte sich augenblicklich. Die Kinder verschwanden, und ein großes weißes Blatt mit einer Liste darauf erschien. Es dauerte eine Weile, bis Sarah den Gefühlsaufruhr wieder unter Kontrolle hatte, der durch das Auftreten ihres Sohnes hervorgerufen worden war, und sie sich auf den angezeigten Tagesplan konzentrieren konnte. Dass sie gleich das Kick-off-Meeting hatte, wusste sie schon. Was lag danach an? Ach ja, sie musste die Präsentation für den Vorstand fertig machen. Morgen sollte sie die Ergebnisse des Freude -Projekts vorstellen.
»Das Kick-off-Meeting des Empathie -Projekts beginnt in zwei Minuten«, sagte Irene. »Soll ich dich einbringen?«
»Moment«, sagte Sarah. »Gib mir noch den Spiegel!« Sofort zeigte sich vor ihr auf der zentralen Commwall eine mannshohe reflektierende Fläche. Sie schaute sich konzentriert an, fuhr mit den Händen durch ihre Lockenmähne und zupfte noch ein Haar vom Kragen. Dann legte sie ihre Hände in den Schoß und sagte: »Jetzt kann’s losgehen.« Der Spiegel verschwand, und sie saß an einem großen ovalen Tisch mit acht Stühlen. Vor ihr lagen bereits die Unterlagen, die sie für das Meeting benötigen würde. Die Tür an der gegenüberliegenden Wand des Raums öffnete sich. Raju, ein indischer Entwickler, trat ein. Mit ihm würde sie bei dem neuen Projekt am meisten zusammenarbeiten.
»Hi Sarah«, sagte er und setzte sich auf den Stuhl an der gegenüberliegenden Seite des Tisches.
»Hi Raju, nice to meet you.« Sarah wusste, dass Raju, genau wie sie, vor der Commwall im Creative Room seines Hauses saß. Dass sie ihn hereinkommen sah, war eine künstliche Filmszene, die in dem Moment gestartet wurde, in dem er sich in das Meeting einbrachte. Wahrscheinlich hatte er auch sie hereinkommen sehen, vielleicht aber auch nur ihr Hinsetzen, wenn er etwas später als sie begonnen hatte. Bevor Sarah Smalltalk beginnen konnte, ging die Tür erneut auf, und drei weitere Teilnehmer kamen herein. Die beiden jungen Frauen und ein älterer Mann setzten sich wortlos auf die noch freien Plätze. Sarah kannte die neu Hereingekommenen nicht, war aber sicher, dass es sich um hervorragend ausgebildete Leute handelte, die perfekt ins Projekt passten. Solleys Personalcomputer hatte die Kandidaten schließlich aus dem großen Topf der Experten in aller Welt auswählen können, ohne Rücksicht auf Wohnorte nehmen zu müssen.
Das Meeting verlief sehr konstruktiv, und als der letzte Teilnehmer gegangen war, hörte Sarah über ihr Earset eine angenehme Melodie. Auf den Commwalls löste eine Berglandschaft den großen Meetingtisch ab. In dem idyllischen Bild leuchteten hellgelbe Buchstaben auf: Zeit zum Entspannen, Zeit für dich.
»Der WellFit Room ist für dich vorbereitet«, sagte Irene, und Sarah spürte, wie steif ihre Glieder nach dem langen Sitzen waren.
Nachdem sie sich auf eine kleine Lichtung gestellt hatte und tief die nach feuchter Erde und Moos riechende Waldluft einatmete, hörte sie ihre virtuelle Assistentin wieder in ihrem Earset: »Lass uns mit dem Ausgleichsprogramm beginnen. Streck deine Arme nach oben, mach dich ganz lang, und nun lass deinen gesamten Oberkörper nach unten fallen, die Arme baumeln - und nun richte dich langsam wieder auf. Spüre Wirbel für Wirbel. Wiederhole das fünf Mal!« Sarah befolgte diese und die weiteren Anweisungen ganz genau, auch wenn so manche Übung viel Kraft kostete.
Schließlich erschien auf dem Waldweg vor der Lichtung eine Liege. Endlich, dachte Sarah. Die Gymnastikanleitungen hatten heute ja gar kein Ende nehmen wollen. Sie legte sich auf den Bauch und spürte sofort die wunderbar weichen Hände des Massageroboters auf ihrem verspannten Nacken.
Nach Gymnastik und Massage fühlte Sarah sich wieder fit. Auf dem Weg zurück schaute sie noch in die Küche und ließ sich von den bereitgestellten Snacks verführen. Sie aß ein kleines, mit Käse belegtes Vollkornbrot und einen Naturjoghurt. Dann nahm sie sich noch eine Tasse Pfefferminztee und ging zurück in den Creative Room.
Ein Mann ging die Straße entlang. Sie passte nicht zu dem Mann, und der Mann passte nicht zu der Straße. Große Schlaglöcher im grauen Asphalt wurden abgelöst von Rissen und schwarzen Flecken, wo der Teer irgendwann einmal ausgebessert worden war. Neben schmalen Gehwegen, die auf beiden Seiten die Straße säumten, ragten drei- bis viergeschossige Häuser empor. Alle waren grau, wenn auch von unterschiedlichen Grautönen. An vielen Stellen blätterte der Putz ab. Manche Fensterscheiben waren eingeschlagen. Hinter anderen sah man grüne Topfpflanzen. Hinter einem Fenster war der braun gelockte Kopf eines kleinen Mädchens zu sehen.
Der Mann hatte akkurat frisierte schwarze Haare und trug einen Anzug, dem man ansah, dass ihn die Menschen dieser Gegend in ihrem ganzen langen Arbeitsleben nicht würden bezahlen können. In der Hand hielt er mit festem Griff eine Aktentasche aus schwarzem Büffelleder. Er strahlte die Art von Souveränität aus, die nur solche Menschen besitzen, deren Familien schon seit Generationen zur oberen Gesellschaftsschicht gehörten.
Plötzlich stürmten direkt vor dem Mann drei Personen aus einer Hofeinfahrt auf die Straße. Sie waren schwarz gekleidet und hatten dunkle Wollmützen über den Kopf gezogen, in die Löcher für die Augen hineingeschnitten waren.
»Hey, was willst du hier, du Arsch«, sagte einer und gab dem Mann eine Kopfnuss.
»Haue, was sonst?«, schrie ein anderer und schlug seine Faust kräftig in den Bauch des Mannes. Der krümmte sich zusammen. Der dritte gab ihm von hinten einen Tritt, sodass er auf die Knie fiel. Er schrie auf. Seine Aktentasche fiel zu Boden. Einer der Vermummten schob sie zur Seite. Ein Fenster in den oberen Stockwerken wurde laut geschlossen. Ein kräftig aussehender Vermummter zog den Mann am Kragen hoch. Als dieser taumelnd vor ihm stand, versenkte er mit aller Macht seine Faust in dessen Magengrube. Der Mann stöhnte laut auf, hielt mit beiden Händen seinen Bauch und krümmte sich nach vorne. Er wankte. Die beiden anderen Vermummten traten ihn so, dass er auf die Seite fiel. Alle drei versetzten ihm wahllos weitere Tritte. Blut rann aus einer klaffenden Wunde im Gesicht des Mannes, doch noch bewegte er sich. Der Kräftigste der Vermummten trat wiederholt mit aller Kraft gegen den Kopf des Mannes. Überall war Blut zu sehen. Als er reglos dalag, zogen sie ihm seine Uhr ab, durchsuchten alle Anzugtaschen und nahmen an sich, was sie fanden. Zum Schluss griff einer, der eher schmächtig aussah – es hätte auch eine Frau sein können –, die Aktentasche, und sie verschwanden so schnell in der Hofeinfahrt, wie sie gekommen waren.
»So ungefähr muss es gestern in der Radenwalderstraße ausgesehen haben, als Werner Erkhuber dort überfallen wurde. Leider hat er diesen Angriff nicht überlebt. Er starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus« , sagte der Nachrichtensprecher auf der zentralen Commwall.
Entsetzlich, dachte Sarah. Obwohl in den Nachrichten fast täglich solche und ähnliche Überfälle gezeigt wurden, konnte sie sich nicht daran gewöhnen. Aber warum musste dieser Mann auch dort laufen? Es wurde doch immer wieder davor gewarnt, die umzäunten Wohngebiete ungeschützt zu verlassen. Auch jetzt gerade war ein Mann in der Uniform des Wachdienstes auf der Commwall zu sehen.
