1,99 €
"Kasnitz' drei Geschichten sind gewogene 20 Gramm, aber gefühlte 100 Kilo." (Anna-Lena Scholz, Kritische Ausgabe)
Das E-Book wird angeboten von und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 19
Veröffentlichungsjahr: 2013
Adrian Kasnitz
Die Maske
und zwei weitere Geschichten
SuKuLTuR 2013
DIE MASKE
Obwohl es klingelte, rührte er sich nicht. Es erklang zwei-, dreimal das Signal der Schelle, während er das Muster der Tapete studierte. Eine Anordnung von Blumen mit gelben Blüten und ein weiterer Strauß mit roten wechselten sich ab auf beigem Grund. Er wusste die Namen nicht zu bestimmen. Dennoch besaß die Wand eine Ebenmäßigkeit, eine Ordnung. Er verstand sie nicht.
Da er im Bett lag, ausgestreckt, in T-Shirt und Boxershorts, die Augen den Blüten zugewandt, der Atem regelmäßig, fuhr ein Schlüssel in den Zylinder. Nun hörte er, wie die Tür aufschwenkte, Schritte auf dem Linoleum, eine Tasche sackte zu Boden, eine Jacke rieb an anderen Stoffen der Garderobe. Werner, rief eine leise Stimme, verunsichert und jung, ohne Frische.
- Werner, wo bist du?
Die Schritte näherten sich. Er starrte auf die Blüten und wünschte sich, die fremden Füße würden sich verirren. Sie liefen in einen Rosengarten, in eine streng geometrische Anlage, deren Bewuchs einen Menschen überragte. Die Wege wären weitläufig, die Hecken ähnelten sich, die Blütenstände glichen sich wie Mutter und Tochter. Die Füße, die zu einer Person gehörten, gehorchten dieser nicht. Während die Person sich den Weg für eine Rückkehr einzuprägen versuchte, jagten die Füße durch die Rabatten.
- Werner, möchtest du Kaffee? Soll ich welchen machen? fragte Lisa. Sie rüttelte ihn und erkannte doch die geöffneten Augen. Sie war weiß vor Kummer, aber sie trug Make-up.
Er drehte sich um und er begann wieder zu blinzeln. Die Lider schmerzten, die Netzhaut war verstaubt. Er erinnerte sich und rief sie beim Namen.
- Espresso? fragte sie.
Er nickte und gab ihr zu verstehen, sie solle vorgehen. Er wolle noch ins Bad, er brauche Wasser. Sie sah es ein, drehte sich um, und der Wirbel ihres Rocksaums bestrich seine Haut.
Ein Wasser kochte in der Kanne, stieg auf, tränkte das Pulver und quoll empor, ein Wasser rieselte, trommelte den Körper, besänftigte, wässerte. In der Küche trug er einen Bademantel und sprach mit Lisa, wie zu einem Kind. Sie verwehrte die Antwort und wich auf die Milch aus. Er bejahte und drang weiter mit Fragen, die er zu stellen gewohnt war.
- Natürlich war ich in der Schule, zischte sie, aber schon reute es, schon schlug die Stimme in ein Zittern, das nicht zu bersten geübt hatte.
