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»Das Phantom der Oper« ist zurück. Paris 1881: Der junge Countertenor Christoph Daaé erhält ein Engagement an der Opera Garnier. Entgegen aller Warnungen von Logenschließerin Giry folgt er der nächtlichen Einladung eines schwarz maskierten Mannes. Christoph soll für ihn an einem ungewöhnlichen Ort singen: In seinem Versteck unter der Oper. Dass Erik, der Mann hinter der Maske, als ›Operngeist‹ das Haus tyrannisiert und Verwirrung stiftet, ahnt Christoph nicht. Fasziniert von Eriks musikalischem Genie, versucht Christoph ihn als Mentor zu gewinnen. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Schüler-Lehrer-Beziehung, aus der schon bald mehr wird. Doch Erik kann seiner Rolle als Operngeist nicht entkommen und ruft alsbald die Pariser Polizei auf den Plan. Als er einen der Ermittler verschwinden lässt, stellt er Christophs Vertrauen auf eine harte Probe.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Claudia Thoß
Die Maske aus schwarzem Samt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Ein neuer Anfang
Kapitel 2: Briefe
Kapitel 3: Der Engel der Musik
Kapitel 4: Lektionen
Kapitel 5: Hinter der Maske
Kapitel 6: Nachspiel
Kapitel 7: Maskenball
Kapitel 8: Maskenball (Fortsetzung)
Kapitel 9: Unerwarteter Besuch
Kapitel 10: Ein letzter Abschied
Kapitel 11: Kein Weg zurück
Kapitel 12: Ein wenig befahrener Weg
Kapitel 13: Dem Dunkel entfliehen
Kapitel 14: Der Todeswald
Kapitel 15: Aufbruch
Letztes Kapitel: Schwarzer Samt
Impressum neobooks
Christoph durchquerte das Foyer de la Danse, in dem die Ballerinen eifrig ihre Figuren übten. Die Vorbereitungen für die Saisoneröffnung an der Opera Garnier liefen auf Hochtouren. Direktor Poligny hatte darauf bestanden, den Vertrag zu unterzeichnen noch bevor er und sein Geschäftspartner Debienne ihre Amtszeit aufkündigten.
»Ein Countertenor, wie?« fragte Debienne, indem er Christophs Resümee überflog.
»Dieser Tage müssen wir nehmen, wen wir kriegen können, mein Lieber. Dank eines gewissen Vorfalls haben wir arge Verluste in der Besetzung erlitten. Und bedenke nur die anstehende Idomeneo-Aufführung. Es finden sich schon Rollen. Da können wir ganz auf Monsieur Gabriel vertrauen. Bei ihm hat der Junge während des Vorsingens anscheinend für großes Aufsehen gesorgt.«
Christoph gefiel es nicht, dass die Direktoren in seiner Anwesenheit redeten, als sei er nicht da. Dennoch freute er sich auf die neue Saison. Trotz guter Referenzen und einem Abschluss an der Akademie der Künste Schwedens blieb ein Countertenor eine Ausnahmeerscheinung. Ausgerechnet an der Opera Garnier genommen zu werden, war daher ein unerwartetes Glück, auf das er gern mit jemandem angestoßen hätte. Außer der Logenschließerin Giry, die ihm den Weg ins Direktionsbüro gewiesen hatte, kannte er bisher jedoch niemanden. Wenn wenigstens sein Vater diesen Erfolg noch erlebt hätte, es hätte ihn stolz gemacht. Doch der alte Daaé ruhte auf dem Friedhof von Perros Guirec, wie er es sich gewünscht hatte: An der Seite seiner Frau.
Christoph nahm den Vertrag entgegen und ließ sich seine neue Garderobe zeigen. Madame Giry, die vor dem Büro auf ihn gewartet hatte, führte ihn die Korridore entlang durch die verschlungenen Gänge der Oper. Offenbar war sie neben ihrer Tätigkeit als Logenschließerin auch die gute Seele des Hauses.
»Da wären wir, mein Junge.« Sie schloss auf und überreichte ihm den Schlüssel. »Es ist besser, abzuschließen bevor du die Garderobe verlässt. Man weiß nie, wer hier umgeht. Das Personal ist natürlich von jedem Verdacht ausgenommen, aber in letzter Zeit gab es kleinere Zwischenfälle.«
»Welche Zwischenfälle?«, hakte Christoph nach.
Vage hob Madame Giry die Schultern. »Ein Fass Tinte, das aus dem Direktionsbüro verschwand; eine vermisste Puderquaste oder ein Taschentuch. Und außerdem … Manche sagen, sie haben einen Geist gesehen, der in einem Frack durch die Menge geht.«
Bei dieser letzten Bemerkung hob Christoph die Brauen. Zwar hatte er davon gehört, dass Aberglauben unter Theaterleuten verbreitet ist, doch dies war das ausgehende neunzehnte Jahrhundert. Der Glaube an Geister erschien ihm unzeitgemäß.
»Ich werde es bedenken«, sagte er dennoch und steckte den Schlüssel in die Brusttasche seines Hemdes. Wobei ein Geist sich kaum von Türschlössern aufhalten ließe, setzte er gedanklich hinzu.
»Dann herzlich willkommen, Christoph Daaé. Wenn du irgendetwas brauchst, wende dich jederzeit an mich. Unsere Ballettratten hast du ja schon gesehen, im Foyer de la Danse. Meine kleine Meg ist seit kurzem Prima Ballerina. Die Primadonna des Hauses wirst du auch bald kennenlernen. Vor der nimm dich besser in Acht.«
Die Warnung ließ Christoph erneut die Brauen heben. Zuerst ein Geist, nun eine Primadonna. Aber als er in Madame Girys gutmütiges Gesicht sah, zerstreuten sich seine Bedenken und er dankte ihr nochmals für ihren freundlichen Empfang.
»Ich muss wieder an die Arbeit, mein Junge. Du findest mich im Foyer, wenn du etwas brauchst.« Beim Hinausgehen raschelte ihr brauner Taftrock. Christoph starrte noch einen Moment lang auf die Tür, dann schaute er sich in dem Zimmer um.
Die Garderobe lag in einem Dämmerlicht, das von einer Petroleumlampe auf dem Frisiertisch herrührte. Fenster gab es keine. Eine zweite kleinere Petroleumlampe befand sich auf dem Tisch vor der Chaise Longue, nahe der Tür. Christoph setzte sich vor die Kommode und betrachtete sich im Spiegel. Auf dem Frisiertisch lümmelten einige Utensilien, ein Kamm, Haarnadeln und sogar frische Taschentücher. Als Christoph eine der Schubladen öffnete, fand er darin ein Fässchen Tinte, eine Schreibfeder und einen Bogen Briefpapier. Er inspizierte auch den Kleiderschrank. Bis auf ein paar Kleiderbügel stand er leer. Christoph atmete tief den Geruch von altem Holz und Staub ein. Aber da war noch etwas anderes, das er nicht genau zuzuordnen vermochte. War es eine Art Parfum oder eine andere Substanz? Der Geruch war zu flüchtig.
Christoph schloss Schranktüren und Schubladen, und trat wieder auf den Flur hinaus. Wie von Madame Giry empfohlen, schloss er hinter sich ab. In den Korridoren und auf der Treppe eilten verschiedene Leute an ihm vorbei: Bühnenbildner, Techniker, ein paar Ballettratten, wie Madame Giry sie genannt hatte. Sie tuschelten und kicherten.
»Das war sicher das Phantom«, wisperte eine von ihnen bedeutungsvoll. Er ließ die vier Mädchen vorbei und schritt anschließend die Treppe zum Großen Foyer hinunter. Ab und an nickte ihm jemand zu, doch die meisten gingen unbehelligt ihrer Arbeit nach. Das Phantom, überlegte Christoph, schien nur die jungen Gemüter zu beunruhigen. Dabei erinnerte er sich an die Geistergeschichten, die sein Vater ihm einst erzählt hatte. Legenden aus dem hohen Norden hatten ihn als Kind fasziniert und seine Phantasie beflügelt. Doch nun schien es ihm, als seien diese Dinge in einem früheren Leben passiert.
***
Nach dem Ende der Proben kehrte Christoph in seine Garderobe zurück. Beim Eintreten bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Was genau es war, konnte er jedoch nicht sagen. Der Geruch schien ein anderer - reifer, wenn man es so nennen wollte. Die Möbel standen noch, wie er sie verlassen hatte; abgesehen von einer einzelnen Rose auf dem Chiffonier, die dort lag als habe man sie beiläufig platziert.
»Ich bin mir sicher, den Raum abgeschlossen zu haben«, murmelte er vor sich hin, halb im Zweifel, halb erschrocken darüber, wie einfach es war, in seine Privatsphäre einzudringen.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach seine Gedanken.
»Christoph, mein lieber Junge, ein Besucher erwartet dich im Foyer de la Danse.« Logenschließerin Girys Stimme hatte diesen mütterlichen Ton, den sie bei allen Ballettmädchen und ihm unter allen Neulingen anschlug. Vielleicht, weil er unter allen Sängern der Oper eine Ausnahme darstellte.
»Eine Minute, Madame. Ich kleide mich an und treffe ihn unten.«
»Ich werde ihm ausrichten, auf dich zu warten.«
»Danke.« Er griff nach der Rose und roch daran. Ihr süßlicher Duft erinnerte ihn an die aufkommende Frühlingszeit. Zugleich war es der Beginn seines ersten Jahres an der Opera Garnier. Die Direktion war freizügig genug gewesen, ihn für zwei Spielzeiten im Voraus zu verpflichten, ungeachtet ihrer Abdankung. Andererseits hatte Christoph bisher keine Gelegenheit gehabt, die neue Direktion kennenzulernen. Es hieß, sie stellten sich auf der Eröffnungsgala in einigen Tagen erstmals vor.
Während er sich umzog überlegte Christoph, um wen es sich bei dem Besucher handelte. Er war neu in Paris, daher war es unwahrscheinlich, dass jemand von seinem Engagement an der Oper wusste. Außerhalb der Oper hatte er keinerlei Freunde. Dazu mangelte es ihm schlicht an Zeit.
Im Foyer de la Danse drängten sich die Menschen, Ballettmädchen mit ihren Bewunderern, Abonnenten, Bühnenarbeiter sowie der künstlerische Leiter Gabriel. Christoph hielt nach Madame Giry Ausschau und fand sie im Gespräch mit der Primaballerina. Die kleine Meg erblickte ihn zuerst und neigte zum Gruß den Kopf, wobei sie ihre Mutter auf Christoph aufmerksam machte.
»Da bist du. Der Vicomte wartet dort drüben auf dich.« Sie deutete mit dem Kopf in Richtung des Gastes.
»Der Vicomte?« Christoph folgte ihr mit den Augen und sah einen einzelnen Mann scheinbar verloren in einer Ecke stehen. Aus irgendeinem Grund erschienen ihm die Züge des Mannes vertraut. Es dauerte einige Sekunden, ehe Christoph seinen alten Freund wiedererkannte.
»Raoul«, rief er ihm zu. »Du bist es wirklich.«
»Christoph!« Raoul gab sich nicht mit einem Handschlag zufrieden, sondern schloss Christoph überschwänglich in die Arme. »Ich hörte die Neuigkeiten von Tante Cecil, dass du jetzt in Paris bist. Es ist schön, dich zu sehen.«
Woher wusste Tante Cecil von seinem Aufenthalt? Andererseits hätte jedem, der das Programm für die neue Saison aufmerksam studierte, Christophs Name darauf begegnen können.
»Ich wusste nichts von deiner Anwesenheit«, erwiderte Christoph schließlich. »Wie geht es dir?« Ihm fiel nichts anderes ein, das er hätte sagen können. Seit ihrer letzten Begegnung waren sechs Jahre verstrichen; damals hatte Christophs Mutter noch gelebt.
Als Christoph dem anderen vom Tod der Eltern erzählte, bekundete Raoul sein Beileid.
Ob Raoul ihm die Rose geschenkt hatte? Christoph fühlte sich zu verlegen als dass er danach gefragt hätte. Wie hätte der Vicomte auch in die Garderobe eindringen sollen?
»Wirst du zur Gala in ein paar Tagen kommen? Ich hoffe sehr, dich dort zu sehen.«
»Sicher, mein Freund. Und ich bringe eine gemeinsame Freundin mit. Du wirst überrascht sein.«
Einen Moment lang schaute Christoph verdutzt. »Wer ist es?«
»Erinnerst du dich an die kleine Daphne?«
»Sie müsste mittlerweile 16 sein.«
»Letzten Sommer ist sie 17 geworden. Meine liebe Cousine ist ganz wild darauf, dich zu sehen. Deine elfengleiche Stimme hat sie bis heute bezaubert.«
Christoph nickte und versuchte, seine Erinnerungen an Daphne wachzurufen. Manchen Sommer hatte sie mit ihm und Raoul in Perros verbracht, bevor ihre Mutter mit ihr nach Paris zurückgekehrt war. Allerdings erinnerte sich Christoph kaum an sie.
»Nun, dann wird auch sie sich hoffentlich auf die Saisoneröffnung freuen«, sagte er endlich. »Wenn du mich jetzt entschuldigst? Ich gehe schon vor.«
Raoul schien überrascht von dem plötzlichen Abschied und der Hand, die Christoph ihm reichte. Unversehens nahm er den alten Freund in die Arme; eine Geste, die Christoph erneut überrumpelte.
Als sie auseinander gingen, fühlte Christoph sich von einem Paar unsichtbarer Augen verfolgt. Indes schaute ihm niemand der Umstehenden nach. Selbst Madame Giry widmete ihre ungeteilte Aufmerksamkeit den Ballettmädchen, die ihre Pirouetten drehten.
***
Die Gala füllte das Haus bis auf den letzten Platz. Alle waren gekommen, um der scheidenden Direktion ihren Respekt zu zollen, und gleichzeitig neugierig auf deren Nachfolger. Die vier Herren sahen wohlwollend von ihrer Loge aus in den Saal und spendeten angemessen Beifall.
Kleine Schweißperlen liefen über Christophs Stirn, als er von der Bühne trat. An ihm vorbei eilte die Carlotta, deren Arie aus Faust den Höhepunkt des Abends darstellte. Christoph bewunderte ihren klaren Sopran, auch wenn ihre Persönlichkeit ihn eher Abstand halten ließ. Madame Giry hatte ihn gewarnt vor den Launen der Diva. Daher zog er sich zurück in das Foyer de la Danse und von dort in seine Garderobe.
Sein Herz klopfte und eine angenehme Wärme glühte in seinen Wangen; so fühlte es sich also an, vor Publikum auf der Bühne der Pariser Oper zu singen. Nicht zu vergleichen mit den kleinen Auftritten während seiner Zeit an der Akademie. Lächelnd schloss Christoph die Tür zur Garderobe auf und entzündete die Petroleumlampe. Sobald ihr Licht den Raum erhellte, hielt er inne und sah auf die Kommode: Jemand hatte ihm einen Strauß weißer Rosen hingestellt, versehen mit einer Karte, auf der zu lesen war: »Bravo, Christoph«. Kein Gruß. Kein Name.
Christoph starrte unverwandt auf die Rosen, als es an seiner Tür klopfte. Erschrocken wandte er den Kopf und rief ein irritiertes »Ja?« in Richtung des Klopfens. Die Tür schwang auf und ohne Umschweife trat eine junge Frau herein, die Christoph überschwänglich um den Hals fiel. Hinter ihr stahl sich Raoul in den Raum, der beschämt lächelte.
»Raoul, Fräulein Daphne!« Christoph atmete auf und wagte zugleich nicht, sich zu rühren. Erst, als Daphne von ihm abließ, entspannte er sich.
»Guten Abend. Ich hoffe, wir stören nicht«, sagte Raoul, dessen Blick nahezu zeitgleich auf den Blumenstrauß fiel. »Wie ich sehe, hattest du bereits Besuch.«
»Eifersüchtig?« neckte ihn Daphne, die noch immer dicht bei Christoph stand.
»Wie hast du ...«, hob er an, doch sie wehrte ab: »Die Blumen sind nicht von mir. Ich war die ganze Zeit bei Raoul und Maman. Aber sie sind wunderschön.« Daphne betrachtete einen Moment lang die Rosen und wechselte dann das Thema: »Ich konnte es nicht erwarten dich wiederzusehen, deshalb habe ich Raoul gebeten, mich zu begleiten. Du leistest uns doch Gesellschaft, nicht wahr? Ohne dich ist die Gala schrecklich langweilig.«
Christoph lächelte. »Vielen Dank. Ich wollte eben noch meinen Frack anlegen und euch danach empfangen. Wie hat euch das Programm gefallen?«
»Oh, Maman war begeistert und mich hat dein Gesang tief berührt. Es war fast wie früher, weißt du noch?«
»Ich habe es nicht vergessen.«
»Dann gehen wir besser schon einmal vor«, mischte Raoul sich ein, dem die Situation sichtlich unangenehm war. Offenbar hatte er nur widerwillig Daphnes Bitte nachgegeben, Christoph in dessen Garderobe aufzusuchen.
»Na schön«, entgegnete Daphne, indem sie sich bei ihrem Cousin unterhakte. »Lass uns nicht zu lange warten.«
Christoph verabschiedete sie unter dem Versprechen, so bald wie möglich zu folgen. Als er wieder allein war, begann er damit, seine Schminke zu entfernen. Ab und an warf er einen Blick auf die Rosen zu seiner Rechten, noch immer darüber grübelnd, wer sie ihm hingestellt hatte. Vielleicht erlaubte sich einer der Angestellten einen Streich. Oder das Phantom, dachte er mit einem Schmunzeln. Er erinnerte sich an die Begegnung mit den Ballettmädchen, die mit einer Mischung aus Belustigung und Entsetzen darüber getuschelt hatten. Es schien, als reihte sich sein Blumenstrauß ein in die Vorfälle, von denen Madame Giry gesprochen hatte.
Als er sein Kostüm abgelegt und gegen einen schwarzen Frack getauscht hatte, war Christoph plötzlich, als drang eine leise Melodie durch den Spiegel ins Zimmer. Während er die Ärmel seines Hemdes richtete, lauschte er aufmerksam. Die Melodie kam näher, umgab ihn wie ein Windhauch und beflügelte seine Sinne. Die Stimme klang überirdisch, weder männlich noch weiblich, wie der Gesang von Geistern. Woher kam dieser Gesang? Und weshalb kam die Melodie ihm so vertraut vor?
Christoph trat auf den Spiegel zu, beugte sich vor zu dem Glas, das auf einmal unter seiner Berührung nachgab. Er machte einen Schritt nach vorn und noch einen und befand sich plötzlich inmitten von Dunkelheit. Der Gesang umgab ihn noch immer, wurde klarer und zog ihn weiter in seinen Bann. Wie in Trance ging Christoph voran, bis ihn unerwartet eine Hand ergriff und führte. Hinter ihm schloss sich die Spiegeltür.
Das flackernde Licht einer Laterne brach sich an den Steinmauern zu beiden Seiten des Korridors, den Christoph und die Stimme hinabstiegen. Stufe um Stufe führte der Weg in die Tiefe, ohne dass ein Ende abzusehen war. Ab und an machten sie eine Biegung, querten lange Gänge, doch insgesamt führte der Weg abwärts. Schließlich gelangten sie an einen unterirdischen See. Die Stimme verstummte und im selben Moment zerbrach der Bann, der Christoph hatte alles andere vergessen lassen. Erst jetzt bekam er Gelegenheit, seinen Entführer genauer zu betrachten: Ein Mann, gehüllt in einen weiten Umhang, das Gesicht hinter einer schwarzen Maske verborgen. Obwohl sie annähernd gleichgroß waren, erschien Christoph die hagere Gestalt bedrohlich. Sobald der andere jedoch zu sprechen begann, verflüchtigte sich der Eindruck.
Am Ufer des Sees lag ein Boot im zwielichtigen Schein dutzender Kerzen, die an mehrarmigen Kerzenhaltern in den Wänden befestigt waren.
»Wo sind wir hier?« fragte Christoph und blickte zwischen See und dem Fremden hin und her.
»Bitte steig ein«, bat der andere und deutete mit einem Arm in Richtung des Boots. Seine Stimme klang sanft und beharrlich zugleich.
Christoph gehorchte. Er bestieg das Boot als erster und setzte sich dem anderen gegenüber. Das gleichmäßige Eintauchen der Ruder teilte das bleierne Wasser.
»Die Blumen in meiner Garderobe waren von Euch.« Es war weniger eine Frage als eine Feststellung Christophs.
»Haben sie dir gefallen?«, fragte der Fremde unvermittelt. Dabei blieben seine Augen auf das Wasser fixiert.
»Ja.« Vielleicht war es Höflichkeit, die Christoph zu einem »Danke« verleitete. Die Situation erschien ihm surreal. Er hätte sich fürchten sollen, doch stattdessen fühlte er sich verwirrt und wusste nicht recht, wie er sich verhalten sollte. Ihm fielen Madame Girys Geschichten über das Phantom ein, das in der Oper hauste, und das Gekicher der Ballettmädchen, als sie von einem Operngeist sprachen. Doch der Mann, der so konzentriert ihr Boot steuerte, hatte nichts von einem Geist. Er war aus Fleisch und Blut, ganz in schwarz gekleidet, das Gesicht hinter einer Maske verborgen. Christoph stockte der Atem. Wenn dieser Mann das Phantom war, von dem alle sprachen, war er in Schwierigkeiten. Sicher würde der andere es nicht riskieren, vor dem ganzen Haus bloßgestellt zu werden. Vielleicht hatte er Christoph extra verschleppt, um sich seiner zu entledigen. Dann wiederum hätte er ihn vermutlich längst erledigt, wäre das seine Absicht gewesen. Mittlerweile befanden sie sich unter dem vierten Untergeschoss, tief genug, um nie wieder ans Tageslicht zurückzufinden.
Als sie die andere Seite des Sees erreichten, befestigte der Fremde das Boot und hielt Christoph seine Hand entgegen.
»Komm.«
Ihm blieb keine Wahl. Er ergriff die Hand und folgte dem anderen zu einer geheimen Tür, die sich geräuschlos vor ihnen öffnete.
***
Im Grand Foyer tranken die Leute Champagner und lobten die Aufführung. Firmin Richard und Armand Moncharmin stellten sich als Ehrengäste und neue Direktoren der Oper vor. Einigen Abonnenten schien die Nachricht bereits bekannt und sie gratulierten den Vorgängern zu deren exzellenter Wahl. Die neue Direktion gab sich weltmännisch und dem Kultusministerium nahestehend. Claudia Thoß2020-07-03T11:44:42.64Als Dialog?
»Wir tun unser möglichstes, den Namen des Palais Garnier hochzuhalten«, begann Moncharmin seine Ansprache, »Richard und ich sind seit vielen Jahren Geschäftspartner und fühlen uns geehrt, dass man uns dieses Haus anvertraut. Wir und, wie ich zu hoffen wage, Sie sehen einer grandiosen neuen Saison entgegen.« Er hob sein Champagnerglas in Richtung Richard, der den Toast erwiderte.
»Zudem danken wir unserem Gönner, dem Vicomte de Chagny, der der Oper eine großzügige Summe zukommen ließ.«
Jedermann drehte sich nach Raoul um. Der stand neben Daphne und nickte Richard wohlwollend zu. Doch als er sich weiter umsah, konnte er Christoph noch immer nirgends entdecken.
»Chris ist wirklich spät dran, findest du nicht auch?« Daphne klang erregt, als rechnete sie mit dem Schlimmsten.
»Liebe Mademoiselle de Lacroix«, sagte Madame Giry, die Daphnes Bemerkung mitangehört hatte, »Möglicherweise ist er dem guten Geist des Hauses begegnet, dem Phantom.« Sie lächelte zu ihrem Scherz.
»Was für ein Unsinn, Madame«, schimpfte Raoul. Sofort bereute er aber, die Beherrschung verloren zu haben. Ganz verstand er selbst nicht, was ihn derart verärgerte.
»Nun, Monsieur le Vicomte, in dieser Oper geschehen Dinge, die nicht einmal wir uns erklären können.« Mit «Wir« meinte sie offenbar die Mitarbeiter. »Der Operngeist sieht alles, wie auch Sie lernen werden. Verärgern Sie ihn nicht.« Damit ging sie an ihm vorbei und verschwand in der Menge. Raoul blieb kopfschüttelnd zurück.
Unterdessen sprach die neue Direktion über anstehende Projekte.
»Raoul, es langweilt mich zu Tode. Offenbar wird Chris heute nicht mehr kommen. Begleitest du mich nach Hause? Es ist schon reichlich spät.«
»Glaubst du, er ist gegangen, ohne uns ein Wort zu sagen?«
»Wer weiß. Doch ohne seine Gesellschaft finde ich diesen Abend ziemlich öde. Und mittlerweile erwartet mich Maman sicher zurück.«
Raoul runzelte die Stirn, rang sich jedoch zu einem Lächeln durch. »Wie du meinst. Lass uns gehen.«
Er entbot Daphne seinen Arm und geleitete sie aus dem Saal.
***
Ein wie ein Salon eingerichtetes Zimmer hatte Christoph im Unterbau der Oper am aller wenigsten erwartet. Zwischen Couchtisch und einem in die Wand eingelassenen Kamin aufgestellte Kerzenhalter tauchten den Raum in ein gespenstisches Licht; auf dem Sims entdeckte Christoph einen Samowar und ein Holzkästchen mit Messingbeschlag; um den Couchtisch herum standen ein mit rotem Samt ausgeschlagener Lehnsessel und eine Chaise Longue. Auf der anderen Seite nahm eine Orgel mit vier Registern die Wand ein; dazu Bücherregale, die bis unter die Decke mit diversen Abhandlungen und Gedichtbänden vollgestopft waren. Zwei Türen führten in Nebenräume ab, von denen Christoph nur erahnen konnte, was sich darin verbarg.
Sein Gastgeber war in die Mitte des Raumes getreten und schaute sich ebenfalls um, als sähe er das Zimmer zum ersten Mal.
»Weshalb habt Ihr mich hier hergebracht?«
Anstatt zu antworten, bot der andere Christoph an, sich zu setzen.
»Nein, danke. Ich wüsste gern, weshalb ich hier bin«, hakte er nochmals nach.
»Ist das nicht offenkundig?« Der Mann in der Maske deutete in Richtung der Orgel. »Du sollst für mich singen!«
»Singen?«, entfuhr es Christoph. »Ihr konntet mich nicht auf normale Art darum bitten?«
»Normal?« In plötzlichem Zorn packte der Maskierte Christoph am Kragen. »Sehe ich für dich normal aus?«
In Anbetracht des Umstands, dass er sich mit einem schwarz maskierten Mann in einem Salon im fünften Kellergeschoss der Oper befand, gestand sich Christoph ein, dass seine Situation alles andere als normal war. Daher hielt er den Mund. Erst als der andere von ihm abließ, sagte er: »Gut. Ich werde für Euch singen. Versprecht Ihr, mich anschließend wieder frei zu lassen?«
»Selbstverständlich.« Die Stimme hatte zu ihrem ruhigen, fast weichen Ton zurückgefunden. »Bitte, sing noch einmal für mich.«
Christophs Herz hämmerte. Der unerwartete Umschwung von Wut zu Gelassenheit beängstigte ihn beinahe mehr als der Zornesausbruch zuvor. Dieser Mann würde ihm mit Sicherheit etwas antun, wenn Christoph nicht tat was er verlangte. Dennoch versuchte er Ruhe zu bewahren und sich nichts anmerken zu lassen. »Was also soll ich für Euch singen?«
»Nobil core, che ben ama. Und wenn du es gestattest, begleite ich dich auf der Violine.«
Christoph nickte, noch immer verunsichert, ob das Gentleman-Gebaren seines Gastgebers nicht innerhalb von Sekunden umschlug. Die Arie aus Partenope war ihm aus seiner Zeit auf der Akademie vertraut. Er schloss die Augen, vergegenwärtigte sich die Strophen und hob zu singen an.
Wie eine Feder im Wind umspielte die Violine seinen Gesang, nahm sich zurück, wenn er die Unwandelbarkeit des Herzens besang und schwoll an, wenn der Gesang pausierte. Weshalb der andere sich gerade diese Arie gewünscht hatte, konnte Christoph nur vermuten. Doch er gab sich ganz der Musik hin und vergaß völlig die Welt um sie herum.
Es folgte eine tiefe Stille. Sekunden verstrichen, ehe Christoph es wagte aufzuatmen. Der Mann in der Maske stand vor ihm wie angewurzelt, den Geigenbogen noch halb in der Luft, die Violine gesenkt. Christoph musterte ihn schweigend, als ihm ein leises Zittern auffiel. Es schien, als rang der Maskierte mit sich selbst.
»Geht es Euch gut?«, fragte Christoph, indem er eine Hand ausstreckte. Doch der andere wich ihm aus.
»Eine Sekunde nur.« Der Mann in der Maske wandte Christoph den Rücken zu und verbarg sein Gesicht in Händen. Immer heftiger bebte sein Körper und ein Seufzen löste sich aus seiner Kehle.
»Danke«, sagte der Maskierte nach einer Weile. Seine Stimme klang hauchdünn, als rang er mit den Tränen. »Wie versprochen lasse ich dich gehen. Du bist frei.«
Seit ihrem seltsamen Duett hatte Christoph nicht mehr an Flucht gedacht. Zu seiner eigenen Überraschung hörte er sich sagen: »Ich kann Euch so nicht zurücklassen.«
»Bitte geh.«
»Nein!«
Der Maskierte fuhr herum, offensichtlich erzürnt über Christophs Weigerung. Seine Augen funkelten golden, sein Atem war Feuer. »Weshalb solltest du bleiben wollen?«
Christoph runzelte die Stirn. »Zunächst finde ich den Weg allein nicht hinaus. Und zum anderen - auch wenn Ihr Euer Gesicht vor mir verbergt, so erkenne ich doch, dass Ihr tief bestürzt seid.« Er biss sich auf die Zunge; zu spät sah er ein, dass er mit seiner letzten Bemerkung eine Grenze überschritten hatte.
»Weshalb sollte dich das kümmern?« fragte der andere irritiert. »Ich habe dich mitten in der Nacht entführt, in den Unterbau der Oper gezerrt und dich gegen deinen Willen singen lassen.«
»All das ist mir bewusst.« Den Mann in der Maske umgaben Rätsel, die Christophs Neugier weckten. Doch er zögerte, diesen Gedanken weiter zu erörtern. Wenn er wirklich das Phantom war, war es gefährlich, hinter seine Geheimnisse zu kommen. Schließlich setzte er hinzu: »Dennoch bereitete mir das Singen mit Euch Freude. Euer Geigenspiel hat mir geholfen, die Bedeutung dieser Verse zu erfassen.«
Schweigend sahen sie einander an. Weshalb der Mann in der Maske sich ausgerechnet dieses Stück gewünscht hatte, war Christoph noch immer nicht klar. Partenope gehörte nicht zu den populären Opern, die dieser Tage auf den Bühnen der Welt gespielt wurden. Offenbar besaß der andere ein umfassendes Wissen über klassische Musik und Kunst. Welch eine Verschwendung.
Nach einiger Zeit des Schweigens hob der Maskierte ohne weitere Ankündigung erneut Geige und Bogen. Und er sang. Der weiche Klang seines Baritons füllte den gesamten Raum wie ein betörendes Rauschmittel. Wieder fühlte Christoph die Magie dieser Stimme. Er erkannte das Duett aus Roméo et Juliette, für das er die Rolle der Juliette zugeteilt bekam. Es beschämte ihn, dass der andere ihm den Part eines lyrischen Soprans zutraute. Die Augen schließend, versuchte er sich ganz auf die Musik zu konzentrieren und alles außer jener engelsgleichen Stimme zu vergessen.
***
Erik raufte sich die wenigen Strähnen schwarzen Haares, die er besaß. Er musste völlig den Verstand verloren haben. Was in aller Welt hatte ihn dazu bewogen, Christoph aus seiner Garderobe zu entführen und in das unterirdische Versteck zu bringen? Ein Duett aus Roméo et Juliette - ausgerechnet diese Arie hatte Christoph mit einer Leichtigkeit gesungen, die Erik wünschen ließ, er singe die Worte aus tiefster Überzeugung.
»Warum besucht Ihr nicht eine Aufführung wie normale Menschen?« Der Satz hallte in Eriks Kopf nach wie Hohngelächter. Aber Christoph traf keine Schuld. Dass der Junge nicht vor Angst auf die Knie gesunken war, nötigte Erik Respekt ab.
Er atmete tief durch. Sein irrwitziger Plan, Christoph für sich singen zu lassen, hatte eine unerwartete Wendung genommen, als der Junge sich weigerte, an die Oberfläche zurückzukehren.
»Du musst dich nicht sorgen«, versicherte Erik am Ende ihres Duetts. »Wie versprochen bringe ich dich zurück.« Doch es würde zu lange dauern, den ganzen Weg zur Garderobe durch die verwinkelten Korridore zurück zu laufen. Er legte die Violine beiseite und öffnete mit einer versteckten Feder die Tür zum See. Christoph folgte ihm in das Boot.
»Verrate niemandem, was du heute Nacht gesehen hast.«
»Das würde mir sowieso keiner glauben. Aber … würdet Ihr mir Euren Namen verraten?«
»Mein Name tut nichts zur Sache.«
Am anderen Ufer befestigte Erik das Boot. Als er sich nach Christoph umdrehte, ihm hinaus zu helfen, war dieser bereits selbst hinausgeklettert.
Erik führte ihn durch einen Tunnel, der vor einem Eisengatter endete. Mit einem Schlüssel, den er an einer Kette um den Hals trug, öffnete er und entließ Christoph hinaus in die Nacht.
»Das Tor führt zur Rue Scribe. Von dort bringt dich eine Droschke nach Hause.«
Christoph sah ihn einige Sekunden lang an und nickte dann. Es war seltsam, ihn auf diese Weise zu verabschieden; als begleitete er einen guten Freund nach draußen, der auf einen Tee vorbeigekommen war. Unter anderen Umständen hätte er zum Abschied vielleicht die Hand gehoben. Aber Christoph drehte ihm den Rücken zu, noch bevor Erik diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte.
»Ich heiße Erik«, sprudelte es aus ihm heraus. Er wollte noch einmal in dieses Gesicht sehen. Und tatsächlich wandte sich Christoph zu ihm um und nickte leicht, ehe er seinen Weg nach draußen fortsetzte.
Das Versteck wirkte mit einem Mal leer und kalt. Erik atmete tief ein. Ihm war, als hinge noch etwas von Christophs Geruch in der Luft, als könne er seine Präsenz noch spüren. Dabei wusste er, es war reines Wunschdenken. Ein Wahn, der ihn überkommen hatte, nachdem er Christoph auf der Gala hatte singen hören. Natürlich von seiner Loge aus. Wie so oft hatte er seiner treuen Logenschließerin Giry eine Schachtel Konfekt hinterlassen. Sie sollte wissen, dass er auch unter dem neuen Management ihre Dienste schätzte.
Besagtem Management galt es einen Brief zu schreiben. Die monatliche Summe von 200.000 Francs wurde fällig und er verließ sich nicht darauf, dass Debienne und Poligny ihre Nachfolger ausreichend über die Konditionen für Loge fünf unterrichtet hatten. Zudem galt es sie in Kenntnis zu setzen, dass es Konsequenzen hatte, sollten sie sich den Forderungen des Phantoms widersetzen.
Firmin Richard und Armand Moncharmin waren seit drei Tagen im Amt, als sie einen mysteriösen und für sie höchst unliebsamen Brief erhielten. Geschrieben in roter Tinte, wirkten die Worte spinnenhaft hingekritzelt, wie von einem Kind, das es nicht gewohnt war, eine Feder zu halten. Folgendes stand darin geschrieben:
Meine sehr geehrten Herren Direktoren,
ich bedauere Sie zu behelligen, während Sie für die Oper wichtige Engagements erneuern, neue Verträge unterzeichnen und allgemein Ihren guten Geschmack beweisen. Wie Ihre Vorgänger Ihnen sicher mitteilten, ist mein monatliches Salaire von 200.000 Francs fällig. Alsbald lasse ich Ihnen Anweisungen bezüglich der Auszahlung zukommen. Zudem möchte ich Sie erinnern, stets Loge fünf für mich frei zu halten. Meine Anweisungen zu missachten rate ich Ihnen ab.
Ihr ergebener Diener O.G.
Richard fand den Brief in einem versiegelten Umschlag auf seinem Schreibtisch, nachdem er am Morgen die Tür zu seinem Büro aufgeschlossen hatte. Zunächst hielt er es für einen schlechten Scherz Moncharmins, aber sobald sein Geschäftspartner eintrat, zeigte sich, dass keiner von beiden daraus schlau wurde.
»Wer ist überhaupt dieser O.G.?« brüllte Richard. Sein Gesicht lief purpurn an und Moncharmin hätte schwören können, das Pochen in den Schläfen seines Kollegen zu hören. Er versuchte ihn zu beruhigen:
»Mein lieber Richard, offensichtlich handelt es sich um einen Scherz. Jemand muss sich Zutritt verschafft haben, während wir fort waren. Wer außer uns besitzt einen Schlüssel?«
»Natürlich muss jemand hinein gelangt sein! Wie sonst erklärst du dir das?« Er wedelte mit dem Brief vor Moncharmins Nase herum. »Bestelle Sekretär Remy her! Sofort!«
Erik in seinem Versteck unter einer der geheimen Falltüren unterdrückte ein Kichern. Fast tat Remy ihm leid, der ebenso wenig über den Brief zu sagen wusste wie Moncharmin. Erbarmungslos befragten ihn die beiden Direktoren, einer nahe am Wahnsinn, der andere scheinbar kühl und reserviert. Remy stammelte seine Antworten, mit Sicherheit schaudernd unter den Augen seiner Vorgesetzten. Als Erik genug von ihrer kleinen Auseinandersetzung gehört hatte, entkam er in die unteren Stockwerke, tauchte unverhofft in einem Korridor auf, huschte vorbei an einigen Ballerinen. Doch als diese sich nach ihm umdrehten, war er bereits hinter der nächsten Geheimtür verschwunden.
»Es ist das Phantom!«, hörte er sie flüstern. Kichernd gingen sie weiter. Einfältige Kälber, die sie waren, hatten sie keine Vorstellung, wie nah sie der Wahrheit waren. »Das befrackte Skelett« nannten sie ihn zuweilen. Es traf zu, er war dürr wie ein Gerippe, dafür entkam er flink durch den schmalsten Spalt. Gesehen wurde er nur dann, wenn er es wollte, andernfalls bewegte er sich unbehelligt durch das Palais Garnier. Diesmal nahm er eine Abkürzung in die dritte Versenkung. Er eilte zurück zu seinem Haus am See, um sogleich einen neuen Brief aufzusetzen.
***
Als Erik das Louis-Philippe Zimmer betrat, vernahm er den Schrei der Sirene. Jemand musste in die dem Versteck vorgelagerte Folterkammer gefallen sein. Eine Vorsichtsmaßnahme, die sich als notwendig erwies. Erik schnaubte, als er den Ton abstellte und nach dem bedauernswerten Opfer sah. Wer wagte es? Und war die Person noch am Leben? Weshalb kamen die Leute ungefragt zu ihm? Es war nicht so, als bereitete das Töten ihm Freude.
Die Folterkammer, eine hexagonale Spiegelkammer aus deren Ecke ein eiserner Ast herausragte, war dunkel, als Erik die Tür öffnete. Ein kühler Hauch kam ihm entgegen, unterlegt von einem leichten Geruch nach Erbrochenem. Erik bedeckte das, was seine Nase hätte sein sollen, und machte sich daran, die Kammer zu untersuchen. Alsbald entdeckte er den armen Narren mit dem Punjab-Lasso um den Hals gezurrt.
»Armer, unglücklicher Buquet«, murmelte Erik vor sich hin. »Immerzu unachtsam. Sie waren gewarnt.« Er löste das Lasso, an dem Buquet hing, von dem Ast, darüber grübelnd, den Kulissenschieber in die dritte Versenkung zurückzuschaffen. Er musste den Leichnam so schnell wie möglich loswerden. Sollte jemand anderes sich um die Überreste kümmern.
***
Sekretär Remy, verwirrt und ratlos wegen der Briefe an die Direktion, fühlte sich weiter in Verlegenheit gebracht, als Richard rief: »Was im Namen Meyerbeers geht da draußen vor?« Der Direktor schwang die Tür auf und stapfte in den Korridor. Remy folgte ihm, erstaunt, nahezu das gesamte Corps de ballet vor dem Büro versammelt zu finden. Alle schnatterten durcheinander, aufgeregt wie eine Schar junger Amseln.
»Was hat das zu bedeuten?« explodierte Richard.
Die Ballettratten verstummten sofort und starrten ihn an. Gerade als Richards Gesicht nicht mehr hätte röter werden können, trat eines der Mädchen vor und flüsterte: »Es war der Operngeist!«
»Verzeihung?«
»Wir haben ihn gesehen! Der Operngeist verschwand vor unseren Augen!«
Unterdessen war Moncharmin dazu getreten, um herauszufinden was diese Aufregung bedeutete.
»Der Operngeist! Ich verstehe. O.G.! Moncharmin, da haben wir es!« Richard drehte sich nach seinem Geschäftspartner um. »O.G. steht offenbar für Operngeist!« Dann wieder an die Ballerinen gewandt: »Und was wollte er von euch? Hat er nach Geld verlangt?«
»Nein, Monsieur. Er hat nichts verlangt. Er ging vorüber und verschwand dann einfach.« Das Mädchen sprach mit einer Aufrichtigkeit, dass Richard sich am liebsten in die Faust gebissen hätte.
Remy fühlte sich genötigt einzugreifen. »Gutes Kind, seien Sie nicht albern. Sie verschwenden jedermanns Zeit. Bitte kehren Sie zu Ihren Proben zurück.« Er klatschte in die Hände und versuchte sie fort zu scheuchen, doch keines der Mädchen beachtete ihn. Sie starrten weiterhin auf Richard und Moncharmin; letzterer legte Richard eine Hand auf die Schulter in dem Versuch, die Wut seines Kollegen zu dämpfen.
»Nun gut. Lassen Sie uns über eines im Klaren sein: Geister existieren nicht in dieser Welt. Was oder wen Sie auch gesehen haben, ehe Sie herkamen, es handelte sich um einen Mann aus Fleisch und Blut.«
»Aber Monsieur -«
»Genug! Tun Sie, wozu Sekretär Remy Ihnen geraten hat und verschwenden Sie nicht weiter unsere Zeit.«
Moncharmin nickte zu den Worten Richards, als die jungen Tänzerinnen ihn erwartungsvoll ansahen. Damit war die Angelegenheit entschieden.
Sobald die Ballettmädchen den Korridor hinab entschwunden waren, verschanzten sich die beiden Direktoren mit Sekretär Remy erneut im Büro.
»Damit ich das richtig verstehe«, fasste Richard zusammen, die Augen zu Schlitzen verengt, »Da ist ein Operngeist, der von uns eine monatliche Summe von 200.000 Francs erpresst. Andernfalls … nun, was? Wird er unseren Corps de ballet entführen?«
Remy räusperte sich. »Wenn ich etwas sagen darf. Ihre Vorgänger erwähnten mir gegenüber keinen Geist, aber Gerüchte um ein Phantom halten sich seit geraumer Zeit. Niemand hat es jedoch je gesehen. Allein Madame Giry behauptet, es in seiner Loge gehört zu haben.«
»Nun, diese kleine wie-hieß-sie-noch behauptete ebenfalls, sie habe einen Geist gesehen. Welchen Reim machen Sie sich darauf, Remy?«
»Keinen, Monsieur. Dieser Tage schreiben diese Mädchen jedes kleine Missgeschick dem Phantom zu. Sogar -«
»Monsieur Richard! Monsieur Moncharmin!« Eine aufgebrachte Madame Giry unterbrach sie, indem sie ungefragt das Büro betrat. Einige Sekunden schnappte sie nach Luft, dann setzte sie an: »Messieurs, bitte kommen Sie sofort! Es gab einen Unfall!«
»Einen Unfall?« riefen Richard und Moncharmin einstimmig.
»Ja! Joseph Buquet ist tot! Man fand ihn erhängt im dritten Kellergeschoss, nahe der Kulisse für Le Roi de Lahore!«
Die Direktoren sahen einander an, dann zurück zu Madame Giry. Das Gesicht der Logenschließerin war bleich wie Papyrus, aber sie wahrte gerade genug Fassung, um auf Richards und Moncharmins Fragen zu antworten.
***
Eiligst verließ Erik sein Versteck in der dritten Versenkung, holte sein Lasso und entschwand hinter einer der geheimen Falltüren. Das Verschwinden des Punjab-Lassos würde mit Sicherheit den Mythos vom Operngeist nur weiter nähren. Später wollte er nochmals alle Sicherheitsvorkehrungen der Geheimtürmechanismen überprüfen. Doch im Moment war es Zeit, sich zurückzuziehen. In seinem Kopf drehte sich alles, er musste sich beruhigen, brauchte die Musik, um wieder klar denken zu können. Mehr noch brauchte er sein Morphium.
***
»Es darf nichts an die Öffentlichkeit! Buquets Tod ist offiziell ein tragischer Selbstmord.«
Moncharmin stimmte Richard zu und nahm Madame Giry erneut das Versprechen ab, bei ihrer Version der Wahrheit zu bleiben. »Sagen Sie es den Mädchen, falls die Sie fragen sollten. Die Polizei hat es bereits als Tatsache akzeptiert«, log er.
»Wie Sie wünschen, Messieurs.« Girys Hände ballten sich in ihrem Rock, als sie den Kopf neigte.
»Und kein Wort mehr über das Phantom. Die Leute kommen nur auf dumme Gedanken.«
»Welche Gedanken, Monsieur?«
»Nun, erstens,« brummte Richard missvergnügt, »könnte man Sie für verrückt halten.«
Madame Giry blinzelte. »Aber ich bleibe weiterhin seine Logenschließerin, oder? Und überbringe seine Briefe?«
»Pardon?«
Ehe Richard Gelegenheit bekam erneut zu poltern, sagte Moncharmin mit einem schmalen Lächeln: »Selbstverständlich. Danke für Ihre Dienste. Sie dürfen sich zurückziehen.«
Als die Logenschließerin draußen war, knallte Richard seine Faust auf den nächstbesten Tisch. »Ist das ein schlechter Scherz? Zuerst die Briefe, nun Buquet. Falls irgendetwas davon publik wird, wird der Vicomte vermutlich bald nicht mehr so großzügig sein.«
Moncharmin blieb unbeeindruckt. Er ging um den Tisch herum und setzte sich. »Mit Sicherheit handelt es sich um keinen Scherz, mein lieber Richard. Es ist eine Intrige und jemand zieht im Hintergrund die Fäden. Und ich bin ganz bei dir, der Vicomte wird es sich zweimal überlegen, sollte er je hinter die Geschichte mit dem Phantom kommen. Aber sorge dich nicht. Lass das die Polizei untersuchen. Bald haben wir den Schuldigen gefunden. Gegenwärtig führen wir unsere Geschäfte einfach fort wie gewohnt.«
Richard atmete tief durch. »Du hast recht. Es lässt sich nicht ändern. - Wo ist Sekretär Remy?« Erst jetzt fiel Richard dessen Abwesenheit auf.
»Gegangen. Mir scheint, du bist nicht bei der Sache. Soll ich ihn herkommen lassen?«
»Nein. Nein, vielen Dank.« Richard nahm ebenfalls Platz und begann, einige Papiere durchzusehen. »Allerdings sollte jemand Buquets Familie benachrichtigen.«
»Betrachte es als erledigt.«
***
Die Nachricht vom Tod Buquets verbreitete sich rasch unter den Angestellten; manche beschuldigten das Phantom, während andere an einen Unfall oder sogar Selbstmord glaubten.
Als Christoph erstmals davon hörte, tat es ihm leid um den Kulissenschieber, obwohl er ihn kaum gekannt hatte. Er hoffte nur, das Phantom habe damit nichts zu tun. Dennoch erzählte er niemandem von seiner Begegnung mit Erik. Er dachte daran, Madame Giry zu befragen, denn sie schien mehr als andere zu wissen. Immerhin behauptete sie, die persönliche Logenschließerin des Phantoms zu sein.
Nach den Proben kehrte Christoph in seine Garderobe zurück, zog das Briefpapier aus der Schublade des Chiffoniers und schrieb zügig ein paar Zeilen. Seine Gedanken trieben unruhig umher. Er musste mehrmals ansetzen, um die richtigen Worte zu finden. Mitten im Satz fiel im auf, dass er die Melodie vor sich hinsummte, mit der Erik ihn gelockt hatte. Es war ein Lied wie jedes andere, das ihm dabei seltsam vertraut vorkam. Woran erinnerte es ihn? Während er schrieb, summte er weiter vor sich hin, bis es ihm plötzlich einfiel: Das Schlaflied, das er aus Kindertagen kannte. Sein Vater hatte es ihm oft auf der Geige vorgespielt. Doch woher kannte Erik das Lied? Oder war es Zufall?
Christoph ließ die Schreibfeder sinken und seufzte. Erik schien ihn bereits eine Zeitlang beobachtet zu haben und hatte auf diese Art möglicherweise von dem Lied erfahren. Vielleicht hatte er schon früher das Lied gedankenverloren vor sich hingesummt.
Erneut seufzte Christoph und nahm die Feder wieder auf. Er füllte einen Bogen Papier und steckte den Brief in den bereit liegenden Umschlag. Nachdem er ihn verschlossen hatte, legte er ihn gut sichtbar auf der Kommode ab. Dann griff er sich seinen Mantel und verließ den Raum.
Auf dem Weg nach unten fragte er einen der Mitarbeiter nach Madame Giry. Er fand sie im ersten Stock.
»Mein lieber Junge, ich dachte, du seist längst zu Hause«, bemerkte sie, »Was kann ich für dich tun?«
»Ehrlich gesagt habe ich eine Frage an Euch, Maman Giry.«
»Nur zu, junger Mann.«
Mit gedämpfter Stimme sagte er: »Es geht um das Phantom … den Operngeist.«
Alarmiert legte Madame Giry einen Finger an die Lippen. »Bitte sprich nicht von ihm. Nicht hier.«
Sie nach dem Warum zu fragen erübrigte sich, als sie ihn sofort darauf mit sich zu den Rängen zog.
»Lass uns hier hinein gehen.« Sie öffnete die Tür zu Loge fünf, die sie ebenso geschwind hinter ihnen schloss. Die Vorhänge waren zugezogen, sodass niemand sie vom Auditorium aus hätte beobachten können.
»Ist das nicht seine Loge?«
»Ja, aber momentan ist er nicht hier. Wir sind sicher. Niemand wird uns belauschen.« Sie bat ihn, sich in einen der Fauteuils zu setzen, während sie selbst es vorzog zu stehen.
Christoph sah sich um in der Angst, nicht so allein zu sein wie Madame Giry glaubte. Schließlich fasste er sich ein Herz und fragte geradeheraus: »Ist es wahr, dass Ihr seine Logenschließerin seid?«
Giry nickte stumm.
»Und habt Ihr ihn je gesehen?«
