Die Maske der Vergangenheit - Antonia C. Wesseling - E-Book + Hörbuch
Beschreibung

»Auf die Zeit ist kein Verlass! Merk dir das! Sie kann verrücktspielen.« Unerwartet erhält Luzie einen Brief von ihrer Großmutter, die sie nie kennengelernt hat. Aber anstatt wie angekündigt zu Besuch zu kommen, verstirbt die Frau. Luzie reist nach Venedig, um der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Einer Vergangenheit, die von den seltsamen Mitbewohnern ihrer Großmutter wie hinter einer Maske verborgen wird. Doch als dann mitten in der Stadt die Uhren verschwinden, liegt alles an Luzie. Sie muss hinter diese Maske sehen – denn die Zeit ist in Gefahr!

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Seitenzahl:412

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Sammlungen



Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Epilog

Danksagung

Antonia C. Wesseling
Die Maske der Vergangenheit
Eisermann Verlag

Die Maske der Vergangenheit E-Book-Ausgabe  05/2017 Copyright ©2017 by Eisermann Verlag, Bremen Umschlaggestaltung: Cover & Books – Buchcoverdesign Illustrationen: Jessica Broton Satz: André Piotrowski Lektorat: Sabrina Schumacher Korrektur: Klaudia Szabo http://www.Eisermann-Verlag.de ISBN: 978-3-96173-001-8

Prolog

1949

Der junge Mann stand auf der Straße und hielt die Hände gen Himmel, als wolle er den Schlafenden dort oben um Hilfe anflehen. Der Regen tropfte auf den Asphalt, aber es schien ihm nichts auszumachen, dass er ihn bis auf die Haut durchnässte.

Viel mehr sah es so aus, als hätte er von all dem noch gar nichts mitbekommen, als wäre noch so versunken in seine eigene Welt.

»Wieso?«, drang es plötzlich aus seinem Mund. »Wieso sie?«

Der Himmel öffnete sich und ein Blitz jagte herab. Er erleuchtete die Nacht für wenige Sekunden und betonte das Bild des verzweifelten Mannes.

Beim Näherkommen sah man, dass seine Augen mit Tränen gefüllt waren und seine Haut so weiß wie frischer Schnee.

»Sie darf nicht gehen. Du …« Er blickte noch einmal hoch zum Himmel. »Du darfst sie nicht zu dir holen, Herr.«

1. Kapitel

Meine Mutter starb zwei Tage nach meinem vierten Geburtstag. Ich erinnerte mich noch daran, dass sie mir ihre Kette, an deren Anhänger eine spiegelnde Perle hing, geschenkt hatte. Als hätte sie geahnt, dass sie sie selber nicht mehr tragen konnte.

»Damit du immer siehst, wie wunderschön du bist, meine kleine Prinzessin«, hatte sie gesagt. »Die Welt liegt dir zu Füßen. Das Einzige, was du tun musst, ist, dich danach zu bücken.«

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht geahnt, dass meine Mutter mich schon so früh verlassen würde.

Auch zwölf Jahre später vermisste ich sie noch immer so sehr, dass es wehtat, an sie zu denken.

Vor zwei Jahren hatte ich mich deshalb auf dem Dach eines Hochhauses wiedergefunden. Völlig verzweifelt, einsam und mit dem Gedanken daran, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Als sei das Leben ein Spiel, das man in den Schrank bringen und wieder herausholen konnte, wann immer man Lust darauf hatte.

Noch heute brauchte ich nicht einmal die Augen zu schließen, um mich an das Bild zu erinnern, das sich mir beim Blick in die Tiefe geboten hatte. Niemand hatte mich bemerkt, die Menschen waren fröhlich an dem Haus vorbeigegangen. Einige waren langsam gelaufen, andere schnell, um noch etwas zu besorgen, ehe die Geschäfte schlossen.

Vor dem alles entscheidenden Schritt hatte mich mein Vater gefunden. Weil ich auf keinen seiner Anrufe reagiert hatte, war er auf die Suche nach mir gegangen.

Zwei Tage nach dem Vorfall auf dem Hochhaus hatte ich mich dann auf einem Stuhl gegenüber einer Psychologin wiedergefunden. Ich hatte ihr lang und breit erklärt, dass ich nichts über meine Mutter erzählen wollte, dass sie tot war und dass ich deshalb, selbst wenn ich es wollte, nicht darüber sprechen konnte.

»Aber Luzie, fangen wir doch noch einmal von vorne an …« Die Psychologin hatte ihren Stift abgesetzt und auf ein Formular geschrieben: Patientin Luzie Wagner, 14 Jahre alt. Was sie danach notierte, hatte ich nicht mehr lesen können, aber es sah nicht gut für mich aus. Noch heute ging ich regelmäßig zu Irina Talenhof. Ob sie mir helfen konnte? Ich wusste es nicht.

Manchmal lag ich abends immer noch im Bett und konnte nicht einschlafen, weil meine Gedanken Achterbahn fuhren. An diesem Abend war allerdings Jonas daran schuld. Jonas, der Junge, der mir schon seit Nächten den Schlaf raubte. Sobald ich meine Augen schloss, sah ich sein Lächeln vor mir. Der Liebeskummer sollte verdammt noch mal aufhören. Ich konnte nicht einfach Bindungen eingehen. Nicht mit 16 Jahren. Nicht jetzt. Genau das hatte ich Jonas auch gesagt. Ich brauchte Zeit.

Ich setzte mich auf die Fensterbank, blickte gedankenversunken in die Nacht und versuchte, den Gedankenstrom abzuschalten und einfach nur dazusitzen.

Aber das war nicht möglich. An diesem Abend hatte ich eine Last auf dem Herzen, die einfach nicht verschwinden wollte. Ich schluckte, versuchte, tief ein- und aus zu atmen, und überlegte für einen Augenblick, einfach zurück ins Bett zu gehen, das Kissen auf den Kopf zu drücken und mich in den Schlaf zu zwingen. Aber genau das war der Punkt, an dem ich jedes Mal scheiterte: mich in den Schlaf zu zwingen. Das war schlicht unmöglich.

Ich presste Hinterkopf und Rücken gegen die kalte Fensterscheibe. Es tat gut. Wie in einem Rausch schob ich den Kopf zur Seite, sodass schließlich meine Stirn das kühle Glas berührte. Mit den Augen suchte ich den Himmel nach dem Mond ab, aber er war gut verborgen. Tatsächlich schien das einzige Licht von den grellen Straßenlaternen zu kommen, denn selbst die Sterne hingen blass am Himmel, als wäre auch ihnen die Freude am Strahlen vergangen. So wie mir. Auch mir war oft alles zu viel.

Meine Füße klebten an dem Parkettboden, als ich durch mein Zimmer lief, den Blick stets auf das Fenster gerichtet. Was wäre, wenn ein Stern vom Himmel fallen würde? In diesem Augenblick hatte ich tatsächlich das Gefühl, einer der Funken am Himmel würde kurz aufleuchten. Zufall?

Ich biss mir auf die Lippe und beobachtete durch die bodentiefen Fenster eine weiße Katze, die blitzschnell unter einem parkenden Auto Unterschlupf suchte. Wie gerne ich doch manchmal eine Katze wäre. Elegant, schnell und unnahbar. Eine Katze zeigte selten Gefühle. Sie war Herr über ihre Emotionen, wusste oft, was gut für sie war.

Aber ich war keine Katze. Ich war ein Mensch. Wahrscheinlich fiel es mir deshalb so verdammt schwer, meine Gefühle zu ordnen. Tausend Stimmen schallten in meinem Ohr, keine davon ließ sich verdrängen. Natürlich wusste ich tief im Inneren, dass sie nur in meinem Kopf waren, aber das machte es kein bisschen besser.

Leise schlich ich zurück zu meinem Bett, setzte mich auf die hölzerne Kante und stützte den Kopf auf die Arme. Erwachsenwerden war schwierig, verdammt schwierig. Es gehörte mehr dazu, als zu wachsen, breitere Hüften zu bekommen oder auch die erste Brustwölbung.

Erwachsenwerden war ein Kampf. Ein Kampf gegen sich selbst. Und das Schreckliche daran war, dass es keinen Sieger geben würde, denn letztendlich konnte man nicht gegen sich selbst gewinnen. Es ging also nicht ums Gewinnen oder Verlieren. Es ging um unsere Seele, um das, was wir fühlten, um das, was wir werden wollten. Ich wusste noch nicht, was mich in Zukunft erwartete, hatte noch keinen Plan davon, wie mein Leben aussehen sollte. Für mich war nur ausschlaggebend, wie glücklich ich war.

Hatte ich etwa zu viel verlangt, als ich Jonas gesagt hatte, ich könne nicht mit ihm zusammen sein, wenn er mir nicht die Zeit gab, die ich brauchte, um mich zu entscheiden?

Es gab einfach zu viele Momente in meinem Leben, in denen ich vergessen hatte, wer ich eigentlich war: Luzie. 16 Jahre alt, Tochter eines Architekten, der zurzeit mit den Umbauarbeiten des eigenen Hauses zu tun hatte. Jedoch waren diese oberflächlichen Dinge wie Name, Alter und Herkunft gar nicht mein Problem. Es waren vielmehr die Fragen: Weshalb bin ich? Wer werde ich sein? Und wie werde ich zu diesem Menschen werden?

Tausend philosophische Gedanken schwirrten durch mein Gehirn. Ich war mir sicher, dass mein Inneres für das Nachdenken über den Sinn des eigenen Lebens nicht der richtige Schauplatz war. Ich war ein Teenager. In meinem Alter beschäftigte man sich mit der ersten Liebe und war froh, wenn der attraktivste Junge der Schule Interesse an einem zeigte. Man schimpfte über nervige Lehrer, tauschte sich über Kleidung oder andere Trends aus und fand Schule doof. Irgendetwas war wirklich bei mir schiefgelaufen, dass ich über den Sinn des Lebens nachdachte. Es war, als trällerte jemand einen Song aus den Charts und seine Bühne wäre mein Kopf. So fühlte es sich für mich an.

»Ruhe«, murmelte ich leise, um die Stimme zum Schweigen zu bringen.

Vielleicht musste ich endlich akzeptieren, dass ich diese Antworten erst viele Jahre später bekommen würde. Ich war noch zu jung.

Der Tag war es jedoch nicht mehr. Die Wanduhr zeigte kurz vor Mitternacht, als ich mich rücklings ins Bett fallen ließ, die Decke über meinen Körper zog, mich schließlich doch freistrampelte und eine undefinierbare Ewigkeit später in den Schlaf sank.

Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass ich lange nicht mehr einen so erholsamen Schlaf gehabt hatte wie in der vergangenen Nacht. Mein Kopf hatte sich anscheinend von den vielen Gedanken lösen können, und als ich die Augen aufschlug, stellte ich fest, dass ich sogar gute Laune hatte. Wahrscheinlich lag es daran, dass nun Sommerferien waren, dass ich somit sechs wunderbare Wochen vor mir hatte, in denen mich nichts, aber auch gar nichts davon abhalten würde, mich mit einem guten Buch auf die Gartenliege zu legen und an überhaupt nichts zu denken. Zumindest hatte ich mir genau das vorgenommen. Auch wenn gerade das für mich eine irre Herausforderung sein würde.

Ja, vielleicht würde ich mich hin und wieder ins Freibad bewegen und so tun, als sei es das Einfachste der Welt, gelassen zu sein. Und vielleicht würde Jonas endlich merken, dass er mich nicht in eine Beziehung treiben konnte. Ich hatte doch gesehen, wie weit Liebe einen bringen konnte. Mein Vater war am Tod meiner Mutter zerbrochen. So etwas würde mir niemals passieren. Schlicht und ergreifend, weil ich nicht zulassen würde, dass ich jemanden so ins Herz schloss.

Ich rieb mir die Müdigkeit aus den Augen, schlug die Bettdecke nach hinten und setzte mich auf. Gähnend blickte ich durch mein Zimmer. Die Sonne erfüllte es schon am frühen Morgen mit Tageslicht und draußen hörte ich in der Ferne Vögel zwitschern. Nacheinander setzte ich meine nackten Füße auf den dunklen Holzboden, lief zum Fenster und öffnete es.

Die frische Luft strömte über mein Gesicht und tat einerseits unglaublich gut, fühlte sich so beflügelnd an. Anderseits belastete sie mich auch. Der klare Zug der Luft erinnerte mich an das Leben, an meine Ängste. So als wäre der letzte Rest von oberflächlichen Gedanken aus meinem Gehirn gerissen worden und übrig blieben nur die tiefgründigen Gefühle, die wie Klebstoff an meinem Hirn hingen.

Abrupt machte ich das Fenster zu, drehte mich um und schloss die Augen. Verdammt, das musste endlich aufhören.

Ich konnte meinen Vater noch nicht hören. Entweder er verhielt sich absichtlich leise, damit ich nicht aufwachte, oder er schlief selbst noch. Auf Zehenspitzen schlich ich durch den Flur, stieg die Treppe nach unten und warf einen Blick zur Haustür. Draußen sah es verlockend warm aus. Ich holte die Zeitung aus dem Briefkasten und suchte nach der Wettervorhersage. Achtundzwanzig Grad Höchsttemperatur. Eigentlich war das ja das ideale Wetter fürs Freibad, aber meine gute Stimmung hatte sich schon wieder verabschiedet. Außerdem waren meine zwei Freundinnen verreist und allein hatte ich keine Motivation, mich aufzumachen

Also nahm ich Plan B in Angriff und ging in Richtung Garten. Da nahm ich meinen Vater wahr, der mit einem Nachbarn über den Gartenzaun hinweg sprach.

»Guten Morgen«, begrüßte er mich munter und auch Herr Wiegand von nebenan – ich kannte ihn kaum – warf mir ein freundliches Lächeln zu. Ich versuchte es zu erwidern, aber so richtig gelang es mir nicht.

Erst als mein Vater auf mich zukam und mir über den Kopf wuschelte, verstand ich, dass es ungerecht war, meine miese Laune an anderen auszulassen. Mein Vater konnte nichts dafür, dass ich 16 war. Na ja, zumindest nicht richtig.

Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Dein Bart kratzt«, schimpfte ich und warf ihm einen gespielt wütenden Blick zu.

»Unsinn!« Er lachte und fuhr sich durchs Gesicht.

»Hast du Hunger?«, fragte ich und deutete nach drinnen in die Küche. Mein Vater nickte. »Pancakes, Rührei, Toast?«

Ich hatte vor Jahren angefangen, die Rolle der Hausfrau zu übernehmen. Es war schließlich nur fair. Mein Vater verdiente das Geld, und ich kümmerte mich um den Rest. Seit meine Mutter tot war, musste jemand diese Dinge erledigen, und nachdem wir eine Haushälterin nach der anderen hatten entlassen müssen, weil sie meinem Vater nicht guttaten, blieb diese Arbeit an mir hängen.

Für jeden anderen mochte es vielleicht eigenartig klingen, aber mein Vater ertrug keine fremden Frauen im Haus. Meine Mutter war die einzige Frau gewesen, die seiner Meinung nach hierher gehörte. Die einzige, die er je geliebt hatte. Zumindest behauptete er das. Meine Großmutter hatte sich irgendwann während seiner Kindheit aus dem Staub gemacht, und so war auch er bei seinem Vater aufgewachsen.

Während ich den Teig für die Pfannkuchen rührte, hörte ich Radio. Dann goss ich die Masse in die Pfanne und sah zu, wie sie eine Form annahm. Wie ein Rohdiamant, in dessen Kern etwas Besonderes lag. Schmunzelnd stellte ich fest, dass der Teig die Form eines Herzens angenommen hatte. Ich legte den fertigen Pancake auf einen Teller, den ich meinem Vater vorsetzte.

Er lächelte mich an und seufzte. »Wenn du dort so stehst, erinnerst du mich noch mehr an deine Mutter.«

Es war ein innerer Zwiespalt, wenn ich so etwas hörte. Natürlich hatten es schon viele Menschen zu mir gesagt, denn es wäre gelogen, wenn man behauptet hätte, dass die junge Frau mit dem blonden geflochtenen Haar, der zierlichen Gestalt, der hellen Haut und den leuchtend blauen Augen keine Ähnlichkeiten mit mir gehabt hätte. Aber andererseits wollte ich das nicht hören, nicht wissen. Ich wollte nicht, dass meine Mutter in den Erinnerungen der anderen war, während ich sie nur verschwommen vor mir sah. Sie war meine Mutter. Eine Art von Eifersucht erfüllte mich in solchen Augenblicken. Dabei war es falsch. Zumindest meinem Vater gegenüber. Es war egoistisch zu denken, dass sie nur zu mir gehört hatte, denn mein Vater hatte sie ebenfalls sehr geliebt.

»Erinnere ich dich auch an sie, wenn mir das Ei verbrennt?« Ich lächelte und deutete auf das Rührei, das in der Pfanne vor sich hin brutzelte.

»Auch dann.« Er schenkte mir sein schönstes Lachen. Dabei glitzerten seine Augen, als befände sich in ihnen die Sonne, die jedoch draußen am Himmel stand und die Welt mit ihrem Strahlen erfüllte.

Kaum dass ich mir mein Frühstück geholt hatte, setzte ich mich neben meinen Vater und stützte den Kopf auf meine Handfläche. Dabei stach ich mit der Gabel in das Rührei und steckte es mir in den Mund. Allerdings schmeckte ich nicht wirklich viel, so als hätten meine Gedanken meine Geschmacksnerven betäubt.

»Können wir nicht mal wieder in den Urlaub fahren?«, sagte ich, selber verwirrt darüber, dass ich diesen Wunsch laut aussprach.

»Du meinst, wir beide?«

Ich blickte mich um, um ihm zu symbolisieren, dass es außer ihm und mir hier niemanden gab.

»Warum nicht?«, erwiderte ich. Die Vorstellung, irgendwo an die See zu reisen und mich dort am Strand zu bräunen, gefiel mir. »Wir sind ewig nicht mehr verreist.«

Das letzte Mal war kurz nach Beginn der Therapie gewesen. Und das auch nur, weil Irina Talenhof es meinem Vater ans Herz gelegt hatte. Von wegen »das Kind braucht einen Raumwechsel«.

Dieser Urlaub in Italien war jedoch noch immer klar in meiner Erinnerung. Die trüben Augen meines Vaters, seine zurückgezogene Art und jener Abend, an dem ich zum Meer gelaufen war. Nur um alleine zu sein, nur um den Wind zu spüren, die salzige Luft zu schmecken. Unter mir hatte der Sand gewirkt, als sei ich eine unheimliche Last. Dabei hatte ich die Tage zuvor kaum etwas herunterbekommen.

Doch dann war mein Vater aufgetaucht, im Bademantel, und wir hatten eine gefühlte wunderschöne Ewigkeit damit verbracht, zusammenzusitzen, zu reden und gemeinsam zu schweigen.

»Wir könnten etwas unternehmen.« Zögerlich sah er mich an.

»Ja«, sagte ich. »Könnten wir.«

Nein, er wollte nicht mit mir wegfahren, wollte nicht, dass wir ohne sie waren. Hier in unserem Zuhause war alles wie früher, wie mit ihr. An einem anderen Ort würde es sich anfühlen, als sei sie daheim geblieben.

Aber genau das wünschte ich mir manchmal: dieses Gefühl, sie sei einfach nur zu Hause und würde bei unserer Rückkehr auf uns warten. Aber das tat sie nicht und daran wurde ich in unserem Haus jeden verdammten Tag erinnert.

»Es tut mir leid, mein Schatz«, flüsterte mein Vater und strich mir über den Arm. »Ich mache es wieder gut.«

Ich wollte nicht, dass er sich schuldig fühlte, wollte nicht, dass es ihm noch schlechter ging. Trotzdem reagierte ich nicht und legte die Gabel langsam auf den Teller. Mein Vater zuckte leicht zusammen, als das Besteck klirrte.

»Du musst endlich aufhören. Ich weiß, dass du sie vermisst, und das tue ich auch, aber du musst damit abschließen.«

Manchmal fand ich es komisch, die Worte aus meinem eigenen Mund zu hören. Sie gehörten viel mehr zu einem tröstenden Erwachsenen, aber nicht zu einem – seine verstorbene Mutter liebenden – Mädchen.

»So wie mit Großmutter«, flüsterte ich und beobachtete ihn. Er atmete schwerfällig. Ich hatte verdammt große Angst um ihn. Angst davor, dass er vor Kummer zerbrechen würde. Angst davor, ihn auch noch zu verlieren. Er hatte das alles nicht verdient. Erst seine Mutter, die die Familie so früh verlassen hatte, und dann der viel zu frühe Tod seiner Frau. Er hatte sie gebraucht, geliebt und dann ihren Verlust schmerzhaft zu spüren bekommen.

Ich stand auf, legte meine Hände auf seinen Rücken und massierte seinen Nacken. »Du musst nicht immer stark sein. Du kannst auch zu deinen Gefühlen stehen«, flüsterte ich ihm ins Ohr. »Ich bin für dich da.« Als seien unsere Rollen vertauscht, legte ich meinen Kopf auf sein Haar und summte leise eine Melodie.

»Du hältst mich, Luzie.« Er seufzte. »Ich bin so verdammt stolz auf dich.«

Ebenso war ich war stolz auf ihn und war mir sicher, dass wir immer zusammenhalten würden. Denn nicht einmal die Zeit würde uns trennen können.

2. Kapitel

Nachdem wir noch ein bisschen zusammengesessen hatten, räumte ich den Tisch ab und begab mich an die Hausarbeit. Zuerst musste ich die untere Etage wischen, dann das Badezimmer putzen und schließlich auch ein paar Körbe Bügelwäsche bewältigen. Aber auch das war für mich mittlerweile kein Problem mehr.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die kalte Kellerluft mir sogar guttat. Vor allem jetzt im Sommer. Während ich ein Hemd meines Vaters über das Bügelbrett legte, dachte ich erneut an den Urlaub. Nicht, dass ich mich über die freie Zeit beklagen würde, aber oft verbrachte ich stille Momente dann mit nachdenken.

Mein Handy vibrierte. Ich warf rasch einen Blick auf das Display und musste unweigerlich seufzen. Eine neue Nachricht von Jonas. Er bat mich, ihn zurückzurufen, aber mir war nicht danach. Ich verstand nicht, wieso es für ihn nicht zu begreifen war, was ich fühlte. Als junger Mensch hatte man noch so viel Zeit vor sich. Warum dann etwas überstürzen?

Ich räumte die Wäsche zur Seite und stöhnte auf. Doch, ja, Urlaub würde mir wirklich mehr als guttun. Einmal hier raus. Einmal weg von all dem Kummer und der Stille. Weg von Jonas und meinen Gedanken an ihn.

Nach dem Duschen frisierte ich mich und trug sogar eine Schicht Make-up auf. Dann ging ich zu meinem Kleiderschrank. Die Auswahl hielt sich in Grenzen, denn die meisten Sachen hatten meinen letzten Wachstumsschub nicht überstanden. Dennoch hatte ich eine Shoppingtour zeitlich noch nicht einplanen können. Ich beschloss, die Ferien dafür zu nutzen und die alten Kleider auszusortieren.

Letztendlich entschied ich mich für blaue Shorts und ein weißes Spitzentop. Dann prüfte ich mein Outfit noch mal im Spiegel. Unzufrieden griff ich mit beiden Händen in meine Haare und versuchte, sie mit einer Spange hochzustecken. Diese Frisur machte mich etwas älter, was mir gefiel. Vielleicht weil ich meiner Mutter so noch ähnlicher sah und den Eindruck bekam, ein Teil von ihr wäre noch da. In mir.

Nachdenklich hockte ich mich auf meinen Schreibtischstuhl und sah aus dem Fenster. Der Himmel war strahlend blau und die einzelnen Wolken, die sich dorthin verirrt hatten, sahen wie für ein Kinderbuch gezeichnet aus. Auf dem Bürgersteig ging ein Pärchen spazieren, es sah glücklich aus. Die Frau schob einen Kinderwagen. Eine richtige Familie. Vater, Mutter, Kind. Dass wir damals genauso ausgesehen hatten, konnte ich mir nicht vorstellen. Der Tod hatte uns viel zu früh auseinandergerissen.

An meiner Zimmertür klopfte es.

»Luzie?« Mein Vater tauchte im Türrahmen auf. »Hast du Lust, mit mir draußen eine kleine Runde zu gehen?«

Im Grunde war ich nicht sonderlich motiviert, aber ich fand es auch unglaublich lieb von ihm, dass er mich aus meinem Zimmer holen wollte. Trotzdem schüttelte ich den Kopf.

»Ich habe keine Lust«, erklärte ich.

»Dann setz dich doch wenigstens ein bisschen in den Garten. Das Wetter ist so schön.«

Andere Kinder hätten wahrscheinlich genervt die Augen verdreht, wenn die Eltern versuchten, sie an die frische Luft zu schicken. Aber ich wusste, dass er es einfach nur gut meinte und sich Sorgen machte, dass ich mich zu viel mit meinen düsteren Gedanken beschäftigte.

»Ich kann dich doch nicht auch noch verlieren«, hatte er vor einigen Wochen gesagt.

Da hatte ich ihn verwirrt angesehen. »Ach, Papa. Ich lebe doch.«

Er hatte nur den Kopf geschüttelt. »Das meine ich nicht, Luzie. Ich verliere dich an dein Zimmer.«

Mit dem Gedanken an diese Sätze nickte ich und stand auf. Mit einem Taschenbuch bewaffnet folgte ich meinem Vater nach unten und legte mich auf die Liege.

»Alles klar bei dir?«, fragte Papa. »Ich habe dich letztens mit diesem Jungen vor der Schule gesehen. John heißt er, glaube ich.«

Ich hielt die Luft an. »Jonas.« Hoffentlich würde er nicht weiter drauf eingehen.

»Magst du ihn?«

Ich verdrehte die Augen. »Darüber will ich mit dir nicht sprechen, Papa. Mach dir keinen Kopf! Ich bin schon ein großes Mädchen.«

Mein Vater runzelte die Stirn. »Ich will nur dein Bestes, mein Schatz.« Als ich nichts erwiderte, fragte er schließlich: »Hast du die Zeitung schon aus dem Briefkasten geholt?«

Ich war froh, dass das Thema Jungs so schnell vorüber war. Rasch deutete ich nach drinnen, bevor ich mich auf die Seite drehte. Meine Gedanken kreisten, und auch wenn ich einen tiefen Schlaf gehabt hatte, wurde ich unglaublich müde. Ich ließ meinen Kopf auf die Schulter sinken, sodass mein Gesicht gen Himmel zeigte. Ein bisschen Farbe um die Nasenspitze würde mir sicherlich guttun.

Ich hörte Blätter rascheln. Vielleicht war es ein Eichhörnchen, ein Vogel oder das Geräusch stammte einfach nur aus meinen Vorstellungen. Die Sonne kitzelte auf meiner Nase, aber ich rührte mich nicht, sondern versuchte mir vorzustellen, dass ich selbst ein Vogel war, die Arme ausbreitete und durch die Lüfte glitt.

Dieser Gedanke betäubte meine Sinne und ich schlief tatsächlich wieder ein.

Als ich die Augen aufschlug, hatte ich den Eindruck, der Schlaf hätte mich noch müder gemacht, als ich zuvor gewesen war. Nachdenken kostete mich unheimlich viel Kraft. Drinnen hörte ich meinen Vater mit Geschirr klappern und in mir regte sich die Befürchtung, dass er etwas kochen wollte. Deshalb setzte ich mich auf und ging in die Küche.

»Was machst du denn da?«, fragte ich verwirrt und musterte den Topf, den er in den Händen hielt. Dann betrachtete ich meinen Vater genauer. Seine Haare standen wild in alle Richtungen, als wäre er sich mit der Hand mehrfach hindurchgefahren. Auf seiner Stirn hatte sich eine Falte gebildet und er war kalkweiß im Gesicht. Das letzte Mal hatte er so ausgesehen, als ich auf dem Hochhaus gestanden hatte. Voller Angst. Ich erinnerte mich noch genau an seinen Blick.

Die Liebe, die ihm in die Augen geschrieben war, die Panik vor dem, was gekommen wäre, und die Endgültigkeit, die auf das Ganze gefolgt hätte. Endgültigkeit konnte etwas Schmerzhaftes sein. Es hieß schließlich, dass sich etwas ins Unendliche zog. Aber die Ewigkeit wurde in jedermanns Gedanken anders definiert. Für einige Menschen war es nur eine Minute, in der sie ungeduldig warteten, für manche ein Tag, an dem nicht alles nach ihnen ging, und für manche eine Woche, in der ärgerliche Dinge geschahen. Aber im Grunde war die Ewigkeit für immer.

»Ich wollte Spaghetti kochen. Du hast so friedlich geschlafen und ich dachte, du hättest danach bestimmt Hunger.«

Ich nickte nur, obwohl ich absolut nichts essen wollte. Die Hitze hatte mir jeden Appetit genommen und in meinem Kopf dröhnte es.

»Dann setz dich schon mal«, meinte mein Vater und wandte sich der Schublade mit den Nudeln zu. Mit einer Bewegung war ich zu ihm gesprungen und hatte ihm den Kochtopf aus der Hand genommen.

»Falsch. Du setzt dich und ich koche«, erklärte ich. Ohne zu widersprechen, nahm er seinen Platz ein. »Alles okay bei dir?«, fragte ich, weil er auf mich irgendwie seltsam wirkte.

Er zuckte mit den Schultern. »Wir haben einen Brief bekommen.«

Ich griff nach der Tüte Spaghetti und biss sie mit den Zähnen auf. Auf einmal rutschte sie mir aus der Hand und platzte auf.

»Mist«, jammerte ich und bückte mich, um die Nudeln mit den Händen aufzufegen. »Einen Brief?«, hörte ich mich selbst fragen, war aber mit den Gedanken bei dem Chaos, das ich gerade angerichtet hatte.

»Der Brief ist von meiner Mutter.«

Erst ein paar Sekunden, nachdem die Worte verklungen waren, verstand ich, was mein Vater da gerade gesagt hatte.

»Meine Großmutter hat geschrieben?« Meine Stimme bebte. Er nickte stumm. Ich schluckte, war starr vor Schreck. »Wieso?«, kam es dann aus meinem Mund. »Was will sie denn nach all den Jahren, in denen sie sich nicht für uns interessiert hat?« Ich ließ die Spaghetti auf dem Boden liegen und suchte mit dem Blick den Tisch nach dem Brief ab.

»Er liegt in meinem Arbeitszimmer. Du kannst ihn holen, wenn du willst.«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Mit pochendem Herzen lief ich in das Büro meines Vaters.

Dort lag er. So, als würde er nur ein harmloses Schreiben verbergen. Aber es war kein normaler Brief. Es fühlte sich seltsam an, sich dem Umschlag auch nur zu nähern. Es war, als strahlte er eine unglaubliche Macht aus. Meine Finger zitterten. Ich drehte mich um, sah meinen Vater immer noch auf dem Stuhl sitzen. Er starrte einfach nur geradeaus. Mein Herz fuhr Achterbahn, ich hatte unglaubliche Angst.

Als ich das dünne Papier in meiner Hand spürte, merkte ich, wie mir schwindelig wurde. Meine Großmutter hatte die Familie einfach im Stich gelassen. Auch wenn ich diese Frau nicht kannte, fühlte ich eine gewisse Abneigung.

Meine Finger tasteten über die glatte Oberfläche des Umschlags und ich bildete mir ein, mein Herz schneller schlagen zu hören. Nein, dachte ich. Ich wollte so nicht fühlen. Ich wollte nicht aufgeregt sein. Aber es ging nicht anders.

Vorsichtig, als würde das Briefpapier bei der kleinsten Bewegung zerreißen, zog ich es heraus und musterte es. Das Papier war beige. Es fühlte sich weich an, aber sehr dünn. Der Geruch von Blumen stieg mir in die Nase. Eigentlich war es ein schöner Duft, aber ich verband damit sofort etwas Fremdes. In meinem Hals bildete sich ein Kloß, der auch durch mehrfaches Schlucken nicht verschwand. Stattdessen musste ich fast würgen. Mit pochendem Herzen las ich die geschriebenen Zeilen.

Mein lieber Stefan, mein liebes Kind,

ich hoffe, Ihr werdet dieses Schreiben lesen. Luzie, Du musst jetzt 16 Jahre alt sein. Diese Auskunft verdanke ich deinem Großvater. Vor seinem Tod konnte er mich ausfindig machen und hat mir Eure Anschrift gegeben. Verzeiht mir, dass ich mich nicht gleich bei Euch gemeldet habe. Vielleicht versteht Ihr, dass ich Angst hatte.

All die Jahre waren meine Gedanken bei Dir, mein Sohn. Auch wenn Du denkst, dass ich dich schnell vergessen habe, ist kein Tag vergangen, an dem ich Dich nicht unendlich vermisst habe. Jedoch gibt es Dinge, die man nicht ändern kann. Auch damals hatte ich große Angst, Angst vor der Zukunft. Angst vor dem Älterwerden. Ich habe einen Fehler gemacht. Es tut mir so leid.

Ihr werdet dieses Schreiben sicherlich nicht ganz verstehen, aber die Zeit wird Euch Antworten schenken, glaubt mir! Erst wenn man alt ist, versteht man, worauf es wirklich ankommt.

Liebe Luzie, lieber Stefan.

Wenn Ihr diesen Brief lest, bin ich hoffentlich schon auf dem Weg zu Euch.

In Liebe, Helene

Helene. Helene Wagner. Meine Großmutter, deren Nachnamen ich geerbt hatte. Jedoch hoffte ich, dass ich sonst nicht viel Ähnlichkeit mit ihr besaß.

Fassungslos ließ ich das Schreiben sinken und blickte ins Leere. Das gab es doch nicht. Das konnte nur ein Traum sein. Ob ich ihn als Albtraum einstufen würde oder nicht, wusste ich nicht. Früher hatte ich mir das alles hier gewünscht, manchmal abends im Bett gelegen und mir vorgestellt, wie ich mit meiner Mutter und meinen Großeltern im Garten sitzen und Limonade trinken würde. Aber trotzdem fühlte es sich fremd an. Falsch? Jahrelang nichts, absolut nichts, und dann ein Brief. Sie wollte uns besuchen kommen.

Wollte ich das? Wollte mein Vater das?

Hatte er sich nicht all die Jahre geschworen, mit dieser Frau nichts mehr zu tun haben zu wollen?

Ich hatte keine Ahnung. Doch immerhin war sie seine Mutter.

Sie hatte ihn als Erste in den Händen gehalten.

Als Erste seine Nähe gespürt.

Als Erste sein kleines Herz schlagen gehört.

Ich verstand nicht, wie eine Mutter ihr Kind verlassen konnte. Dass sie meinen Großvater nicht mehr geliebt hatte, war eine Sache, aber ihren Sohn, ein wehrloses Kind? Mein Vater hatte mir einst erzählt, er wäre froh gewesen, dass sie weggegangen sei, dass das Leben ohne sie besser wäre. Und trotzdem hatte er sich all die Jahre verraten gefühlt. Verraten von der Frau, die ihn neun Monate in sich getragen und schließlich auf die Welt gebracht hatte. Und nun wollte sie kommen? Sie hatte uns nicht einmal eine Wahl gelassen, sondern einfach selbst entschieden. Sie hätte einen Fehler gemacht. So hatte sie es geschrieben. Einen Fehler! War das das richtige Wort dafür, seine Familie im Stich gelassen zu haben, um mit einem anderen ein neues Leben zu beginnen?

»Was denkst du darüber?«, hörte ich meinen Vater sagen. Plötzlich stand er direkt hinter mir. Ich drehte mich zu ihm um.

»Ich möchte das, was für dich am besten ist«, antwortete ich. Mein Vater reagierte nicht, sondern schluckte nur. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, sodass ich sein Herz laut schlagen hören konnte.

»Willst du sie kennenlernen?«, fragte ich leise.

»Ich weiß es nicht«, murmelte er.

Tief in meinem Inneren hoffte ich es irgendwie. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als auf einen anderen Verwandten zu treffen. Jemanden, der mich lieben würde. Jemanden, der mir zuhörte und für mich da wäre. Aber ob meine Großmutter die Richtige dafür war?

»Ich habe mich schon oft gefragt, ob sie noch am Leben ist. Seltsam, aber ich habe immer gehofft, dass sie sich nicht mehr meldet.«

Ich sah meinen Vater an. Da verstand ich ihn plötzlich.

»Ich wollte mich dieser Situation nicht stellen, wollte diese Frau aus meinem Leben streichen.«

Er wusste gar nicht, wie sehr ich ihn verstehen konnte. Seine Gedanken, seine Gefühle. Auch ich hatte versucht, meine Mutter zu vergessen, wenigstens nicht ständig an sie zu denken. Aber sie war trotzdem noch ein Teil von mir. Ich wollte endlich, dass alles gut war. Vielleicht wäre mein Vater durch dieses Kennenlernen glücklicher.

Niemand wusste so gut wie ich, wie es sich anfühlte, ohne Mutter zu leben. Ich wollte nicht, dass er weiterhin das Gleiche durchmachen musste wie ich.

»Lass uns sie kennenlernen«, flüsterte ich. »Sie ist deine Mutter.«

Er bewegte sich nicht, dann stöhnte er schließlich auf. »Ich muss darüber nachdenken«, sagte er und strich sich mit der Handfläche über die Stirn und räusperte sich. »Du bist ein Geschenk, Luzie.«

Ich lächelte. Seine Worte erfüllten mich mit Stolz. »Danke.«

Und so vergingen schweigsame Minuten. Minuten des Fühlens, des Denkens und des Empfindens.

Mir schossen viel zu viele Gedanken auf einmal durch den Kopf. Die Entscheidung würde vielleicht mein Leben verändern. Vielleicht würde meine Großmutter hier einziehen, Essen kochen, mich abends ins Bett bringen, bei Regen zur Schule fahren, mit mir über die Liebe sprechen und mir morgens einen heißen Kakao kochen. Vielleicht war sie ja so eine Art von Großmutter.

Aber dann gab es auch diese Großmütter, die einen abends früh ins Bett schickten, sehr streng waren oder vielleicht auch gleichgültig mit ihren Enkeln umgingen.

Ich hoffte, dass Helene anders war. Aber ein Teil von mir hatte große Angst. Konnte sie nach allem, was ich über sie wusste, immer noch warmherzig sein?

Ich starrte einen Punkt an der Decke an und es schien mir, als würde er immer größer werden. Irgendwann verschwamm das Bild vor meinen Augen, mir wurde schwindelig und ich machte die Augen zu. Irgendwo in meinem Kopf hörte ich ein leises Brummen, das ich mir wohl letztendlich nur eingebildet hatte. Aber es machte mich unheimlich nervös. Mein Herz klopfte ungleichmäßig, so als wollte es mich provozieren. Auch meine Gedanken kämpften gegen mich. Die Sorgen, die Ängste und das Unbehagen kamen mir in den Sinn.

Ich kniff die Augen fester zu, als würde das irgendetwas bringen. Als würden die dunklen Vorstellungen dann verschwinden. Ich versuchte, gleichmäßig zu atmen.

3. Kapitel

Ich hockte zwischen einem Haufen aus Zeitungen und alten Konserven. Mir war klar, dass die Kombination dieser beiden Dinge etwas eigenartig war, aber mein Vater hatte sich Folgendes in den Kopf gesetzt: Wenn er seine Mutter kennenlernen würde, dann musste es hier sauber sein.

Ich war stolz auf ihn, dass er zu dem Entschluss gekommen war, sie in Empfang zu nehmen. Andererseits tummelten sich in meinem Kopf nun noch mehr Fragen als zuvor.

Wie sah sie aus? Was für eine Stimme hatte sie? Wie würde sie riechen? Seltsame Fragen, aber das passte doch irgendwie. Seltsame Fragen für einen seltsamen Anlass. Welcher Mann lernte nach seinem 50. Lebensjahr noch seine Mutter kennen?

Klar, solche Dinge gab es immer. Aber sie geschahen doch nur in der Zeitung, im Fernsehen, vielleicht noch bei den Nachbarn oder dem Zeitungsboten. Aber nicht bei einem selbst. Schon früher war für mich klar gewesen, dass ich von gefährlichen Situationen nicht betroffen sein würde. Bei einem Sturm würde ich nicht unter einen Baum geraten, nicht vom Blitz getroffen werden. Egal in welchem Moment, für mich stand aus irgendeinem Grund immer fest, dass mir nichts passieren würde. So als hätte das Schicksal mich einfach schon genug bestraft, als könnte es mir mehr als meine Mutter nicht nehmen.

Ich stand auf und stieß mit dem Fuß gegen eine Erbsenkonserve.

»Verdammt«, schimpfte ich und humpelte aus dem Chaos hinaus.

»Wir müssen uns beeilen, Luzie«, mahnte mein Vater und räumte hektisch ein Regal leer, um es im nächsten Moment auszuwischen.

»Wir haben doch keine Ahnung, wann sie kommt«, merkte ich an.

Er hielt kurz inne. Natürlich wusste er, dass ich recht hatte. Wir hatten nur ihren Brief.

»Das Aufräumen ist doch völliger Unsinn. Sie will uns kennenlernen und nicht unser …« Ich suchte nach den richtigen Worten. »Haus«, setzte ich nach. »Wenn sie denn überhaupt kommt. Sie müsste doch eigentlich schon längst da sein.«

Aber darauf wusste mein Vater eine Antwort. »Das können wir nicht wissen. Wir haben keine Ahnung, wie weit sie von uns weg wohnt, oder ob sie aufgehalten wurde. Wenn sie nicht planen würde, zu kommen, hätte sie uns doch wohl nicht diesen Brief geschrieben.«

Hoffentlich hatte er recht. Erschöpft ließ ich mich wieder auf den Boden sinken und legte den Kopf schief. Ich wusste nicht mehr, was ich tun konnte. Am liebsten wollte ich einfach stumm sitzen bleiben und warten. Darauf, was passieren würde. Wieder kam mir der Brief in den Sinn.

Ich stand auf, um ihn mir im Wohnzimmer noch einmal genauer anzusehen. Diesmal war ich nicht so aufgeregt wie beim ersten Mal. Schließlich wusste ich, was darin geschrieben stand. Meine Aufmerksamkeit widmete ich stattdessen dem Umschlag.

Helene Wagner, Calle dei Fabbri, 30124 Venezia, Italy.

Mein Herz fing wieder an, schneller zu klopfen. Wie konnten wir das nur vorher übersehen haben? Natürlich hatte meine Großmutter einen Absender angegeben.

»Papa!«, rief ich und hörte, wie meine Stimme durch den Flur hallte. Mit eiligen Schritten rannte ich zur Küche, in der ich meinen Vater vermutete. Wie erwartet stand er noch immer vor dem Regal, das er zuvor ausgewischt hatte. Nun war er dabei, die Pakete mit Mehl, Zucker und Haferflocken einzuräumen.

»Mein Gott, Luzie«, schimpfte er. »Du hast mich total erschreckt.«

»Sorry, Papa«, räumte ich ein. »Ich habe gerade etwas entdeckt.«

Mein Vater wirkte nicht sonderlich interessiert, sondern konzentrierte sich weiterhin auf seine Arbeit.

»Helene wohnt in Venedig«, sagte ich triumphierend.

»In Venedig?« Jetzt sah mein Vater mich an. Ich nickte lächelnd. »Du meine Güte. Da hat sie sich ja ein feines Plätzchen gesucht, nachdem sie aus Frankfurt weggezogen ist.«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich kannte Venedig nur aus dem Fernsehen oder aus Büchern. Mein Vater hatte mir vor Jahren versprochen, einmal hinzufahren, aber wir waren nie dazu gekommen.

»Das ist ja der Wahnsinn. Vielleicht können wir sie dann auch mal besuchen. Das wird bestimmt toll. Oder wir ziehen dorthin … Dann müsste ich die Schule wechseln. Aber das wäre überhaupt nicht schlimm. Nun beginnt vielleicht ein neues Leben, Papa. Ich bin so aufgeregt!« Ich war sofort Feuer und Flamme.

Allerdings war mein Vater nicht so angetan von meinem Vorschlag. »Moment, Moment. Erst mal lernen wir sie in Ruhe kennen«, stoppte er mich.

Aber ich ließ mich nicht davon abhalten, mir im Internet auf meinem Handy Bilder anzusehen. Ich hatte schon mehrfach die tollen Aufnahmen bewundert, und auch wenn ich noch nie dagewesen war, hatte ich mich sofort in die im Wasser liegende Stadt verliebt. Diesmal fühlte es sich aber noch einmal ganz anders an. Es hatte mich auf einen Schlag etwas mit Venedig verbunden: meine Großmutter.

Ich freute mich auf Anhieb noch mehr auf sie. Für einen Moment war die Angst vergessen.

Ich klickte auf das erste Bild und betrachtete es. Zu sehen war ein breiter Kanal, in dem sich eine Mauer aus Häusern spiegelte, die das Wasser umarmte. Die Häuser waren ziemlich alt, wirkten aber sehr romantisch und schafften trotz des … nein, wahrscheinlich gerade wegen des heruntergekommenen Putzes eine unheimlich schöne Atmosphäre. Die Farben im hinteren Bereich waren leuchtend und klar.

In dem trüben Wasser glitt ein Gondoliere, welcher am Heckschnabel der Gondola stand und sein steuerbordseitiges Remo elegant durch das Wasser gleiten ließ. Die fachbegrifflichen Bezeichnungen waren neben dem Bild stichpunktartig aufgelistet. Ich musterte die Brücke, die die Menschen über das Wasser führen sollte. Zwischen den Häusern, welche in zarten unterschiedlichen Orang-, Beige- und Gelbtönen gestrichen waren, befanden sich schmale Gassen, die etwas Geheimnisvolles ausstrahlten. An fast jedem Fenster waren lindgrüne Fensterläden befestigt, die der Wirkung des Fotos noch ihren letzten Schliff gaben.

»Warst du schon mal in Venedig?« Ich sah auf und musterte meinen Vater. Er schüttelte den Kopf. Nachdenklich blickte ich wieder auf das Foto. »Diese Stadt ist zum Verlieben schön.«

»Sie wollte dort immer heiraten«, sagte mein Vater plötzlich.

»Wer?« Ich hatte gar nicht richtig zugehört.

»Juliane. Deine Mutter.«

Ich schluckte. »Das hast du noch nie erzählt.«

»Hast du mich denn schon mal danach gefragt?«

Ich verdrehte die Augen.

»Ich glaube, jedes Mädchen oder jede Frau träumt irgendwann mal davon, dorthin zu reisen. Es soll unglaublich romantisch sein.« Er zuckte mit den Schultern.

»Na klar! Sieh dir nur diese Bilder an. Du hast das Gefühl, du wohnst direkt auf dem Wasser. Meinst du, Helene hat ein großes Haus?«

»Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls hätte ich nicht gedacht, dass es sie nach Italien zieht. Nach allem, was dein Großvater über sie erzählt hat, war sie eher der Typ für …« Er suchte nach den richtigen Worten. »Ach, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich das alles auch nur falsch eingeschätzt.«

»Ob sie noch mit diesem Mann zusammenlebt, für den sie Großvater verlassen hat?«, überlegte ich.

Mein Vater schüttelte den Kopf. »Sicherlich nicht. Angeblich war sie nicht gerne in festen Händen.« Er schnaubte. »Hat sie ja auch deutlich gezeigt.«

Ich verdrängte seine Worte. All das, was er erzählte, war nicht gerade positiv. Deshalb wollte ich es nicht hören. Ich wollte, dass sie anders war …

»Du kannst ihre Adresse ja mal im Internet suchen«, schlug mein Vater vor.

Die Idee fand ich spitze. Weil mein Handyakku gleich den Geist aufgeben würde, lief ich in mein Zimmer und setzte mich an den Schreibtisch. Mein Vater folgte mir. Aha. Es interessiert ihn also auch, stellte ich schmunzelnd fest. Ich konnte es gar nicht abwarten, die Buchstaben in die Tastatur zu hämmern, und tippte ungeduldig auf der Maus herum, während die Sanduhr auf dem Desktop anzeigte, dass der Computer noch im Wartemodus war.

Ein paar Sekunden später war ich auf einer Seite mit venezianischen Bildern.

»Wie heißt die Straße noch mal?«, murmelte ich leise und griff nach dem Umschlag. Dann tippte ich den Straßennamen ein. Aufgeregt wartete ich. Aber ich konnte nichts dazu finden, nur ein paar Einträge auf Wikipedia über Venedig selbst, Restaurantempfehlungen und Facebook-Bilder von Besuchern. Auch der Name meiner Großmutter brachte keine Einträge.

Nachdem ich verschiedenste Seiten im Internet durchwühlt und mein Vater mein Zimmer wieder verlassen hatte, stieß ich endlich auf einen Namen. Zwar nicht auf den meiner Großmutter, aber zumindest erfuhr ich den ihrer Nachbarin, die als Architektin im Online-Telefonbuch eingetragen war.

»Hier ist eine Nummer der Nachbarin«, rief ich und notierte die Zahlen auf einen Block. »Vielleicht kannst du ja mal anrufen und fragen …« Ich lief aus meinem Zimmer in den Flur.

»Fragen?« Verwirrt sah mein Vater mich an.

Ich verdrehte die Augen. »Du weißt schon. Hören, ob Großmutter schon unterwegs ist.«

»Du musst dich doch nur ein bisschen gedulden.«

»Bitte, Papa«, bettelte ich und schwenkte den Zettel mit der Telefonnummer. »Du bist doch bestimmt auch aufgeregt.«

Er gab nach. »Gut. Ich versuche es.« Er nahm das Telefon und tippte die Ziffern ein. Dabei bedeutete er mir, leise zu sein. Ich setzte mich auf den Fußboden und beobachtete, wie er in der Diele hin und her lief. Es war ziemlich lange still am Telefon. Ich hatte schon die Sorge, niemand würde sich melden. Mein Herz fing wieder an, schneller zu schlagen, als das Gesicht meines Vaters sich plötzlich aufhellte. Jemand musste sich gemeldet haben.

»Ciao, Signora. Mein Name ist Stefan Wagner. Ich rufe aus Deutschland an«, fing mein Vater an, auf italienisch zu sprechen. Er beherrschte viele Sprachen. Beruflich hatte er oft mit ausländischen Firmen zu tun, und auch ich kannte die Sprache gut. Ich lernte sie seit mehreren Jahren in der Schule und fand den Klang so wunderschön, dass ich auch meine Freizeit dafür opferte.

»Sie wohnen auf der Calle dei Fabbri, richtig? Es geht um Signora Wagner, meine Mutter. Kennen Sie sie?«

Ich bekam kurze Zeit keine Luft mehr, rang nach Sauerstoff und hörte ein Piepen in meinem Kopf. Bitte, bitte, bitte, flehte ich.

Ich wusste genau, was ich hören wollte: Dass meine Großmutter eine tolle Frau war, ein großes Herz besaß und viel über uns erzählt hatte. Und dass sie längst auf dem Weg war.

Ich schloss die Augen und lauschte den Worten meines Vaters.

»Ja, so hieß sie einmal, aber nein, sie hat vor vielen Jahren geheiratet«, erklärte dieser.

Wieder sagte die Person am anderen Ende der Leitung etwas. Ich versuchte, irgendetwas aufzuschnappen, aber die Stimme war zu leise.

»Sind Sie sicher?«, hörte ich ihn dann plötzlich sagen. »Das muss ein Missverständnis sein. Wir haben einen Brief von ihr …«

Dann wurde es um mich herum still. Stiller als still.

»Vielen Dank, Signora Pisano«, sagte er schließlich. Ich riss die Augen auf, starrte ihn an und wartete auf eine Reaktion. Doch er lief schweigend auf mich zu und nahm mich in den Arm. »Es tut mir so leid, Luzie.«

Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Mir kamen so viele Dinge in den Sinn, dass ich überfordert war. »Was ist?«, wisperte ich. So leise, dass ich mich selbst kaum hören konnte. So leise, als würde ich mich an dem Klang dieser Frage verbrennen.

»Sie ist tot«, antwortete er.

Es verging eine ziemlich lange Minute. Ich blickte auf die Uhr, die an der Wand hing, und zählte jede Sekunde mit. Tot, tot, tot, hallte es in meinem Kopf.

»Nein«, kam es auf einmal aus meinem Mund. »Sie lebt. Sie hat doch den Brief …«

Mein Vater schüttelte den Kopf. »Sie ist vor zwei Tagen gestorben, Luzie.«

Ich wollte das nicht hören. »Das stimmt nicht. Du lügst!«, schrie ich aufgebracht. »Du willst sie nur nicht kennenlernen.«

Tränen stiegen in seine Augen und obwohl ich tief im Inneren wusste, dass ich unrecht hatte, konnte ich die Worte nicht zurückhalten.

»Vielleicht ist es ein Missverständnis«, behauptete ich. »Vielleicht gibt es zwei Frauen …«

Er unterbrach mich. »Luzie, Wagner ist ein deutscher Nachname. Eine Verwechslung ist fast ausgeschlossen.«

Aber das durfte nicht sein. Nach all den Jahren hatte sie sich endlich gemeldet. Da konnte sie doch nicht einfach sterben.

»Vielleicht hat sie eine Schwester, oder …« Ich überlegte. »Das kann doch sein.« Ja, das konnte sein. Aber die Wahrscheinlichkeit ging gegen null. Ich lehnte mich gegen meinen Vater, drückte den Kopf in sein Hemd und schniefte. »Ich habe es so gehofft«, flüsterte ich.

Er nickte. »Ich weiß. Aber vielleicht ist es besser so. Ich meine, so wie es ist.«

Das war so ungerecht. Schon wieder hatte das Schicksal mich ausgewählt.

»Ich habe gehofft, dass nun endlich alles besser wird«, schluchzte ich.

Mein Vater kratzte sich am Kopf. »Wir können abschließen«, sagte er dann.

Aber ich wusste, dass ich dies nicht tun konnte. Noch immer war diese Lücke in meinem Herzen, diese Stelle, die sich nach Leben sehnte. »Ich möchte sie kennenlernen«, sagte ich plötzlich. »Ich möchte endlich wissen, wie sie gelebt hat, wer sie gewesen ist.«

»Ich verstehe dich ja, aber es ist zu spät. Wir müssen es so hinnehmen.«

Ich verstand ihn nicht. Ging es ihm denn gar nicht so wie mir?

»Was ist nur los mit dir? Deine Mutter ist gestorben und du redest vom Akzeptieren und Hinnehmen?« Ich sah ihn vorwurfsvoll an.

»Ich hatte nie eine Mutter.« Seine Stimme klang sachlich, so als würde er über einen Goldfisch sprechen und nicht über die Frau, die ihn zur Welt gebracht hatte.

»Ich möchte nach Venedig fahren, Papa«, rief ich. »Ich möchte das Haus sehen, in dem sie gelebt hat, über die Straße laufen, in der sie morgens ihre Einkäufe erledigt hat, und ich möchte aus dem Fenster sehen. So wie sie es gemacht hat, bevor sie sich ins Bett legte.«

Tränen liefen mir über die Wangen. Ich wusste, dass das Ganze sehr theatralisch klang, aber ich hoffte einfach, dass die Worte Wirkung zeigten. Ich war mir absolut sicher, dass es das Beste für mich sein würde, für eine Weile wegzugehen. Weg von dem ganzen Vertrauten hier, weg von Jonas.

»Das geht nicht. Du kannst nicht alleine nach Italien reisen.«

Ich runzelte die Stirn, wischte mir die Wangen trocken und sah ihn an. »Ich hatte daran gedacht, dass wir gemeinsam fahren.«

Sofort schüttelte mein Vater den Kopf. »Nein, Luzie. Ich werde nicht fahren. Ich habe abgeschlossen. Das Schicksal hat entschieden: Sie ist tot.«

Warum schon wieder wir? Ich spürte ein Stechen in meinem Bauch. Mir wurde furchtbar schlecht und ich wünschte mir, ich könnte mich übergeben.

»Ich muss hier weg«, presste ich hervor. »Bitte, Papa. Lass mich nach Venedig.«

Mein Vater sah verzweifelt aus. »Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt. Aber ich kann dich unmöglich alleine in ein fremdes Land, eine fremde Stadt … Nein, Luzie. Beim besten Willen nicht.«

»Ich habe doch gesagt, dass du mitkommen kannst.«

Mein Vater schüttelte sich. »Und ich habe dir gesagt, dass das nicht infrage kommt.«

»Wir haben Ferien. Stell dir einfach vor, ich würde ein Sprachcamp besuchen.«

In einem gleichmäßigen Rhythmus schüttelte er den Kopf. »Das lässt sich nicht vergleichen. Du kennst dich überhaupt nicht aus in Italien.«

Langsam wurde ich sauer. »Du kannst mir nicht alles nehmen.« Die Worte kamen wie automatisch aus meinem Mund.

Er erschrak. »So?« Seine Stimme klang fremd. Als gehörte sie jemand anderem. Jemand Fremdem. Nicht ihm, meinem Vater.

Ich war wie gelähmt, spürte noch immer das Stechen. »Bitte, Papa. Lass mich mit all dem abschließen!« Das war meine letzte Chance, um ihn umzustimmen, die letzte, um nach Venedig zu fahren.

»Und wie willst du dorthin kommen?«, fragte er.

Sofort witterte ich meine Gelegenheit. »Mit dem Zug.«

Er schnaubte. »Mit dem Zug fährst du viele, viele Stunden.«

Ich winkte ab. »Das ist mir egal. Ich kann doch schlafen. Und lernen.«

Mein Vater schüttelte den Kopf. »So eine lange Fahrt ist wahnsinnig anstrengend und mit Umsteigen verbunden.«

Ich blickte auf den Boden, ließ enttäuscht die Schultern hängen und sagte nichts mehr. Ich würde ihn nicht umstimmen können, egal was ich sagte.

Irgendwann beschloss ich, in mein Zimmer zu gehen. Verzweifelt, von der Welt verlassen, stand ich auf. Mein Körper fühlte sich schwer an, vor allem meine Füße schienen Tonnen zu wiegen. Irgendwo in mir keimte die Hoffnung auf, mein Vater würde mich aufhalten, sagen, dass er doch mit mir kommen würde. Langsam drehte ich mich um. Unsere Blicke trafen sich. Aber er blieb einfach stehen.

Feigling, schoss es mir durch den Kopf, obwohl ich wusste, dass das gemein war. Er war kein Feigling, er hatte einfach nur Angst. Und Furcht war keine Untat. Aber das war mir in diesem Augenblick egal. Ich war wütend. Wütend auf meine Großmutter, weil sie alles kaputt gemacht hatte. Damals, als sie einfach weggegangen war, und dann heute, weil sie gestorben war.