Die Maske - Sebastian Nordmann - E-Book

Die Maske E-Book

Sebastian Nordmann

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Beschreibung

Nach einem Attentat flüchtet der kleine afrikanische Junge mit seiner überlebenden Mutter aus dem rechtspopulistischen Paris, kann dem grassierenden Rassismus jedoch nicht entkommen und wird selbst zu einem hasserfüllten Menschen, der weder vor Gewalt noch Mord zurückschreckt - mit dem einzigen Unterschied, dass er aus Liebe zu seiner entstellten Mutter handelt, denn er will sie retten. Die Idee hinter dem Werk ist die aktuelle politische Lage Europas, so wie die Veranschaulichung, was Rassismus in einem Menschen verändern kann. Das Thema "Rassismus" ist, trotz der heutigen Zeit und der Erfahrungen damit, aktueller denn je.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2018

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»Weiß nicht, ob ich fliege oder falle

– doch ich springe«

»Asche kann nicht verbrennen«

Inhaltsverzeichnis

Paris, 2034

Paris, 2027

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Andalusien, 2031

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Paris, 2034

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

PARIS, 2034

HOTEL

Ich blicke in den Spiegel. Und sehe nichts. Ich sehe mich. Einen Verlierer, der gewonnen hat. In meiner pechschwarzen Haut spiegelt sich Grausames, doch ich sehe es schon lange nicht mehr. Ich sehe nur mich. Und sehe nichts. Nichts Gutes. Nichts Schlechtes. Nichts. Ich bin leer.

Hinter mir Körper. Tote Körper. Ein Mann mit durchlöcherten Kopf. Ein Mädchen mit aufgequollenen Augen. Ein Mann und ein Junge mit verätzten Gesichtern. Eine junge Frau, ohne Gesicht. Und dann liegt da noch diese wunderschöne Frau. Auch tot. Die ganze Stadt ist voller toter, blutender und ungerechter Leichen, doch das ist nicht meine Schuld. Sie sind mehr wert als ich. Mama? Papa? Bruder? Schwester? Ich kann euch nicht hören.

In wenigen Sekunden ist das ganze Zimmer mit meinem Blut überströmt, die Tapeten mit meinem Blut tapeziert, der Teppich von meinem Blut vollgesogen, die Stadt von meinem Blut gezeichnet – das ist die logische Konsequenz. Es gibt keinen Sinn mehr zu leben. Es ist getan. Es ist Schluss. Ich hoffe für immer. Gott?

I

PARIS, 2027

1

Es war einer dieser bittergrauen, dunklen Wintertage. Der Dreck bedeckte den grausamen, voll Hass geprägten Asphalt, versiegelt durch eiskalten und puderigen Schnee. Paris war noch nie so düster wie an diesem Tag, doch in den nächsten Tagen und Wochen sollte diese Stadt noch düsterer werden. Nie wieder wird Paris bei Nacht so schön sein, wie man sagt. Vielmehr sollte die Nacht eine Zeit werden, in denen Schwarze, so wie ich es bin, auf der Straße nichts zu suchen haben – aus Angst … Angst umgebracht zu werden. Es war noch nicht offiziell, doch jeder wusste, dass sich ab morgen alles, wirklich alles verändern wird. Und auch ich hatte diese unheimliche Angst, dass mein Leben nichts mehr wert sein wird, dass dieser sowieso schon herrschende Rassismus Überhand nimmt, sich von Woche zu Woche, von Tag zu Tag und mit jeder einzelnen Stunde weiter ausbreitet und verstärkt, bis Zustände wie vor Jahrhunderten und teilweise noch Jahrzehnten vorzufinden sind. Ich will Paris nicht verlassen müssen, ich will auch nicht zurück nach Afrika und schon gar nicht will ich befürchten müssen irgendwo im Dixieland von einem Sklavenhalter zum nächsten Sklavenhalter verkauft zu werden und den ganzen Tag Schwerstarbeit zu verrichten, dabei angebrüllt, ausgelacht oder ausgepeitscht zu werden, dafür ist die Welt zu erfahren, zu weit entwickelt, aber anscheinend kann Angst und Hass bestehende soziale Verhältnisse – Menschlichkeit – außer Kraft setzen.

Und genau das ist der Grund, warum ich durch die schmalen französischen Gassen ging. Dieser Tag war die letzte Chance etwas gegen den rotierenden Motor des zerschmetternden Systems zu unternehmen. Schon den nächsten Tag konnte meine Stimme nichts mehr wert sein, mein ganzes Leben nichts mehr wert sein. Ich setzte das Kreuz an der richtigen Stelle, unterschrieb mit meinem Namen »Idrissa Azikiwe« und verließ das Wahllokal. Drinnen war es warm, Hoffnung strömte durch meinen Körper und brachte mein togolesisches Blut auf eine angstfreie, in die Zukunft blickende, Temperatur. Sobald ich mich aus der Tür bewegte und meine Füße in das knackende Weiß setzte, fand ich mich in der kalten, die Bluttemperatur senkenden Realität wieder. Ab jetzt war es das Schicksal, was über meine Rasse entscheiden sollte. War Gott dazu bereit? Wenn ja, warum? Ich vertraute trotz alledem auf den Allmächtigen. Das war das einzige, was mir Kraft in jenen Tagen spendete.

Es war meine erste Wahl, doch es war nicht kompliziert, denn ich musste mich nicht mit den Parteiprogrammen und den Kandidaten beschäftigen. Es war einfach. Ich musste nur das Kreuz bei »Manon Dupont« setzen und ich beförderte mich, meine afrikanisch-togolesische Familie, meine Freunde und Bekannten, meine ausländischen Mitmenschen – Brüder und Schwestern – und meine gesamten Nachfahren in den Abgrund, in die Hände von hasserfüllten weißen Menschen. Was sie mit der Macht und somit mit uns machen würden, wer konnte das schon mit Sicherheit sagen? Nachdem sie ihr aufgesetztes Parteiprogramm abgearbeitet haben und der Geschmack von Erniedrigung, Rachsucht, Folter – egal in welchem Sinne – gefällt, sind sie zu allem fähig. Das innere Monster, welches nichts als Genugtuung und Gerechtigkeit will, wird gefüttert mit Hass und Wut, portioniert offeriert in kleinen einzelnen Schandtaten und täglicher, routinierter Schikane. Vielleicht schickten sie uns zurück in die Heimat, vielleicht in die moderne Sklaverei, vielleicht aber auch in etwas, das wir bis dato nicht kannten und noch schlimmer sein würde. Etwas, das mindestens genauso unverzeihlich gewesen wäre ist, dass ich meine afrikanischen Vorfahren verraten hätte; die ganzen schwarzen Menschenrechtler, die bis zu ihrem Tod für das Ende dieser menschenverachtenden Sklaverei, die Gleichberechtigung und alle Privilegien, die wir niederen afrikanischen, schwarzen Menschen besitzen, gekämpft haben – wobei ich mir bis heute nicht erklären kann, was diesen weißen, gierigen Menschen das Recht gibt, sich über uns zu stellen. Ich würde mir metaphorisch mit Martin Luther King seiner Rede den Hintern abwischen oder Nelson Mandelas und Mahatma Gandhis Köpfe zusammenstoßen, bis sie wie eine Keramikvase Risse kriegen, langsam aufplatzen, in tausend Stücke zerspringen und die Scherben sich in nichts bedeutenden Staub auflösen, also war die logische Konsequenz, dass das Kreuz auf der anderen Seite landet.

Der Schnee lag wie eine Schutzschicht über Paris, als wollte er etwas verdecken, als wollte er etwas verbergen. Er hat, wie gesagt, alle Emotionen, die bis zum heutigen Tag entstanden, in den Köpfen der Menschen – egal ob Schwarz, ob Weiß – versiegelt und für wenige Stunden zurückgestaut – egal ob Hass, Euphorie, Verachtung, Hoffnung, Wut –, nur damit sie in der Nacht konserviert und bereit zum Aufstrich sind – zum Explodieren, zum Exerzieren. Doch auch an jenem Abend, an dem die meisten Menschen zu Hause waren, die das Haus nur verließen, um schnell zum Wahllokal zu gehen, ihre Stimme für Humanität oder gegen Humanität zu setzen und danach sofort vor ihren Fernseher zu revinieren, damit sie der mächtigen Populistin Manon Dupont lauschen können, die weiter eine schreckliche Aversion dem französischen Volk gegenüber den grässlichen, ach so schlimmen Ausländern indoktriniert.

Für mich galt es jetzt nur noch nach Hause zu gehen und mit meiner Familie das Wahlergebnis abzuwarten. Das Wahllokal war in der Mitte des 5. Arrondissements – Panthéon. Ich hatte es nicht weit, vielleicht zehn Minuten zu Fuß. Auf dem Weg schaute ich in den Sternenhimmel und versuchte den ganzen Frust und Rassismus für wenige schöne Sekunden zu vergessen, als ich an der kleinen Kreuzung zweier Gassen, die von einer nostalgischen rotschimmernden Laterne ausgeleuchtet wurde, Stimmen hörte. Zwei weiße Franzosen Ende der Zwanziger unterhielten sich lautstark. Neben ihnen standen mehrere leere Flaschen Bier, in den Händen haltend ließen sich weitere zwei entdecken. »Mist«, dachte ich, »das wird nicht gut enden!« - Bei der aufgeheizten Stimmung, und ich als Schwarzer, abends vor der großen bevorstehenden Wende, laufe diesen Hitzköpfen noch über den Weg. Ich wollte einfach nur nach Hause. Zu meiner Familie. Zu Mama.

»Hey«, stupste der eine Weiße den anderen ungläubig in die Rippen, »schau dir mal an, was wir da haben, mon ami!« - »Das gibt's doch nicht! Dass ich das heute Abend noch erlebe! Ein Nigger!«, fiel der andere in hämisches Lachen. »Hey, Nigger! Schwing deinen Arsch hier rüber!« - Verdammt ich wollte doch einfach nur nach Hause. Ich hatte Angst, also ging ich weiter, den Kopf auf die Straße gesenkt, als ob ich ihn nicht hörte. »Ey, Nigger! Ich rede mit dir!«, rief er erneut, »hat man dir nicht beigebracht zu antworten?« – Ich verließ die beleuchtete Kreuzung und ging weiter in eine noch kleinere Gasse, als ich hörte wie sie wütend herum brüllten, ihre Bierflaschen gegen die Backsteinwand warfen und mir hinterher liefen. »Idrissa«, sagte ich mir, »du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du läufst, läufst weg vor deinen Gegnern, vor deiner Zukunft, vor dir selbst oder du bleibst stehen und kassierst Prügel« - Noch bevor ich den Gedanken zu Ende führen konnte, stoß mich einer der beiden. Ich kam auf dem glatten Kopfsteinpflaster ins Rutschen und landete schließlich auf dem Boden, dem Boden der Tatsachen. Ich konnte mir nicht einmal vor Schmerz an den Rücken fassen, schon hielt der eine meine Hände über den Kopf zusammen, während der andere mir ein Messer an die Kehle drückte und mit seiner anderen Hand in mein Gesicht griff, sodass ich meinen Mund nicht bewegen konnte. »Wieso antwortest du nicht, Nigger? Denkst du, du bist etwas besseres?«, fragte er rhetorisch und spuckte mir ins Gesicht. »Du Stück Scheiße! Du bist Abschaum! Eine Schande für Frankreich! Sag mir einen Grund, warum ich dich nicht hier und jetzt aufschlitzen soll?« - In diesem Moment dachte ich an Mama. Was, wenn sie ihren kleinen Jungen, aufgeschlitzt wie ein Schwein, in dieser Gasse vorfinden würde? Ihre Welt würde zusammenbrechen und ihre Tränen das Blut aus dem Schnee auswaschen. Dann dachte ich an Gott. Ich flehte ihn innerlich an. Mach doch etwas gegen diese Ungerechtigkeit!

»Antworte mir!«, schrie er. »Tu es nicht! Bitte!«, bat ich ihn ruhig, sodass er meine Angst nicht spürte. Ich wollte stark wirken, doch das war ich nicht - das war ich noch nie gewesen. »Ach guck mal an, der Nigger kann also doch reden!«, sagte er und verpasste mir dann eine volle Breitseite auf mein linkes Auge, welches sofort aufplatzte und anschwoll. Blut lief meine Wange herunter. »Du bist erbärmlich!« - Er hielt mir sein Messer direkt unter die Nase und presste es fest, ohne dass es schneidet, in mein Nasenloch. »Ich sollte dich von deinem Leiden erlösen und einfach hier ausbluten lassen!« - Er drückte fester, die Klinge schnitt nun in meine Haut, als sein Freund, der meine Hände festhielt ihn beruhigte. »Ami! Bist du bescheuert? Bring ihn nicht um! Ab morgen wird sein Leben nichts mehr wert sein! Lass ihn noch diesen einen Abend« - Der Typ mit dem Messer schaute mich verachtend an, dachte einen Moment nach, zog den Rotz in seiner Nase hoch und wischte seine Hand, mit der er mich berührte an meiner Jacke ab, als hätte er gerade Schmutz berührt. »Steh auf, Nigger!«, befahl er, während er weiter das Messer vor mir hielt. »Du kannst froh sein, dass dieser Samariter hier«, er zeigte auf seinen Freund, »heute auf eurer Seite ist! Bedanke dich bei ihm!« - Ich schaute stumm auf den Boden. Der sogenannte Samariter schlug mir auf den Hinterkopf und fragte, ob ich schwerhörig sei, ich solle mich bei ihm bedanken. »Danke, Monsieur!«, sagte ich leise, ohne jegliche Emotionen, ohne dass die tiefe Wut auf diese abscheulichen Menschenhasser bemerkbar wurde. Ich wollte gehen, also drehte ich mich mit gesenkten Kopf und ging einen Schritt, als einer der beiden mich an der Schulter festhielt. »Oh! Wo willst du denn hin?«, fragte er. »Ich dachte, ich dürfte jetzt gehen« - Er wand sich zu seinem Freund: »Ami!«, lachte er, »er dachte, er dürfte gehen!« - »Du kannst gehen, Nigger, aber nicht mit dieser wunderschönen Jacke. Ausziehen!« - Die Jacke war ein Geschenk von Opa zu meinem 18. Geburtstag. Es war ein brauner Mantel aus Lammleder mit stehenden Kragen und weißem Lammfell. Die Jacke muss ungeheuer teuer gewesen sein. Viel schlimmer aber ist, dass er wenige Wochen danach verstarb und diese Jacke, bis auf ein paar Fotos, die einzige wirkliche Erinnerung an ihn ist – doch die Situation war aussichtslos. Was blieb mir übrig? Hätte ich kämpfen sollen? Gegen zwei Typen mit Messer? Sollte ich mein Leben riskieren? Wegen einer Jacke? Nicht nur die Jacke, sondern auch mein Stolz wurde in jenem Moment genommen, doch ich hatte keine Chance. Schließlich gab ich ihm meine Jacke. »Sei froh, dass ich dir deine Stiefel nicht auch noch wegnehme! Pass auf wo du im Dunkeln lang gehst! Das nächste Mal habe ich nicht so gute Laune! Und jetzt lauf Nigger, lauf!«

In der Jacke war es so warm, dass ich meist nur ein Shirt darunter trug, also lief ich jetzt durch die Eiseskälte, gedemütigt und traurig in einem weißen Shirt, die Arme schlingend um meinen Oberkörper, damit mir nur ein bisschen warm wurde. Diese verdammten Schweine ließen mich halb erfrieren. Zum Glück war es nicht mehr weit. Ich lief nun vorausschauend durch die Gassen und erblickte immer wieder an den gepflasterten Wänden die Wahlplakate dieser schrecklichen und wunderhübschen Manon Dupont. Wie konnte eine so schöne Frau so abscheulich sein? Überall unter ihrem Gesicht stand der Wahlslogan: »Vive la France vraie«, darunter: »C'est le moment, qu'on change« - Sie hat auf jeden Fall ihren Teil dazu beigetragen, dass der Hass noch stärker grassierte, als vorher. Doch dazu später mehr.

2

Total durchfrostet stand ich nun vor unserer Wohnung. Die Gasse, in der sie sich befand, lag in einem ruhigen Gebiet, etwa vier Blocks von der Hauptstraße entfernt. Autos fuhren hier kaum durch. Die Gasse war so schmal und eng, dass man sich hätte gefangen fühlen können, zwischen den hohen, alten, gepflasterten Häusern, doch das tat ich nicht. Vereinzelt standen ein paar Autos auf dem Bürgersteig, die von den warmen Laternen angeleuchtet wurden. Als Kind fühlte ich mich hier immer sicher, irgendwie abgeschottet von der Außenwelt. Es konnte dich keiner sehen, niemand fuhr unwillkürlich durch und es war immer still, bis auf die spielenden Kinder auf dem Kopfsteinpflaster. Wir spielten Fußball, Fangen, Verstecken – es war so friedlich, eine versteckte Welt für sich. Unter unserer Wohnung war ein Kiosk, der alles anbot, was man brauchte. Man musste die Gasse quasi nie verlassen. Eine Art goldener Käfig, nur dass die Tür nicht verschlossen war.

Ich öffnete das riesige hölzerne Tor zum Innenhof. Von dort ging es zur Haustür. Im Innenhof stand unser Auto, die Fahrräder und im Sommer hing Mama die Wäsche auf. Die Botanik machte ihn in warmen Jahreszeit so harmonisch, dass ich mich oft mit einem Buch auf die Motorhaube unseres Autos legte und stundenlang in dieser tollen Atmosphäre las. Das Haus war sechs Stockwerke hoch und es wohnten nur drei Familien darin. Eine Wohnung ging über zwei Etagen, eine Maisonette. Unsere Wohnung war ganz oben, im fünften und sechsten Stockwerk. Ich öffnete die Haustür des urigen Hauses. Es muss schon über 500 Jahre hier stehen, so alt war es. Jedes Mal wenn ich die Tür öffnete, strömte dieser nostalgische Geruch in meine Nase und trieb meine Phantasie an: Wie damals dünne, fleißige Franzosen mit einem Schnurrbart Stein auf Stein setzten und dieses Haus in die Höhe zogen, wie sie die Bretter schliffen und zusammen nagelten und die Treppe erschaffen haben, wie sie in ihrer Mittagspause im Innenhof Baguette aßen und Espresso schlürften – an jenem Fleck, wo auch ich immer lag. Diese positive Energie muss von den hohen Mauern eingefangen worden sein, wie gutmütige Geister herumspuken und die Seelen der Menschen, die hier leben, mit dieser Energie attribuieren, denn auch unsere Nachbarn waren nette Menschen, die nicht dem Hass verfallen sind, wie der Rest der Stadt.

Mit dem nostalgischen Duft in der Nase lief ich nun hoch zu unserer Wohnung. Es war, geschuldet durch das tiefbraune, fast schon schwärzliche Holz, der schwachen Glühbirnen und des Fehlen von Fenstern, immer sehr dunkel im Treppenhaus, aber nicht auf eine gruselige Art, sondern auf eine gemütliche Weise. Es konnte dunkel sein, denn ich fühlte mich hier so sicher, dass die minimale Beleuchtung, um zu sehen wo man hintritt, völlig ausreichte. Oben angekommen öffnete ich die Wohnungstür. Man passierte einen langen Flur und gelang dann in ein kleines Foyer, von dort aus in das Badezimmer, ebenso in das Zimmer meiner kleinen Schwester Keisha und meines kleinen Bruders Aamun, die es sich teilten. Das letzte Zimmer im Untergeschoss unserer Maisonette war groß. Hier schliefen Madame Tonya & Monsieur Zinédine Azikiwe – meine über alles geliebten Eltern – und passten tagtäglich auf ihre Kinder auf und sorgten natürlich auch dafür, dass niemand unerlaubt das Haus verlässt oder betritt – besonders in diesen Zeiten. Nicht ohne Grund haben sie ihr Zimmer von oben nach unten verlegt. Ich musste mein großes Zimmer also tauschen und wohnte dafür im Obergeschoss. Die Wendeltreppe befand sich in der Ecke des Foyers. Oben waren Wohnzimmer und Küche zusammengelegt – ein riesiger Raum mit hohen Decken. Holzbalken durchströmten das Zimmer und machten es noch gemütlicher. Die Seite zur Straße hin wurde, als ich klein war, modernisiert und bestand aus einer langen durchgehenden Fensterfront, von der aus man auf den ebenso langen und großflächigen Balkon gelangte. Von dort konnte man auf die winzige Gasse schauen und sah die Seine, die Sainte-Chapelle, die Notre-Dame und auch den Eiffelturm – was war das für ein Ambiente, wenn die Nacht ruhig war und die funkelnden Lichter das Gemüt beruhigten, als sei man abgekapselt von der Welt und gleichzeitig mittendrin – unantastbar. Weiter war oben noch eine kleine Toilette und schließlich mein Zimmer. Es war nicht besonders groß, aber von meinem Bett aus konnte ich durch das große Fenster direkt in den liebevoll beleuchteten Himmel Paris' schauen und wenn ich an meinem Schreibtisch saß, konnte ich über die Sphäre der Stadt blicken und fühlte mich frei.

Was sollte ich nun meinen Eltern erzählen? Meine Jacke war weg, mein Auge aufgeplatzt und mein Gesicht blutverschmiert. Ich lief ins Bad und wusch das Blut aus meinen Poren. Während ich die Augen zu und die Hände vor den Augen hatte, um das Leid und die Ungerechtigkeit abzuwaschen, dachte ich wieder über mich und mein Leben nach. Wie können sich Menschen herausnehmen, sich über andere zu stellen? Wie kann jemand bestimmen, dass dieser Mensch weniger wert ist als jener, der nicht weiß ist. Ich griff das Handtuch und trocknete meine Wunden, blickte in den Spiegel und sagte mir, dass ich nicht mehr der sein will, auf den man herumtrampeln darf. Ich muss zurück zu den Stolz der afrikanischen Bevölkerung zurückgelangen – niemand hat das Recht mich so zu behandeln, das hat mir Papa und vor allem Mama immer und immer wieder eingetrichtert. Das nächste Mal werde ich kämpfen, und jetzt werde ich nicht hoch zu meinen Eltern gehen und mich beklagen, nein, ich werde hochgehen, mit stolzer Brust und diese Niederlage akzeptieren, wie ein Mann – ich war schließlich mittlerweile ein Mann, wenngleich ein noch junger. Doch schon als ich die Treppe hochkam, rief Papa sorgenvoll meinen Namen. »Idrissa!« - Mama schmiss ihr Strickzeug in die Ecke und lief zu mir. »Bubu! Wo warst du? Was ist passiert? Was ist mit deinem Auge?« - Sie kniete sich vor mir hin und griff an mein Kinn, um mein Gesicht zu begutachten. »Wer hat dir das angetan, mein Schatz?« - Papa stand ungläubig daneben. Mir ist schon viel Fremdenfeindlichkeit widerfahren, aber so entstellt bin ich schon lange nicht nach Hause gekommen. »Mama«, versuchte ich zu erklären, doch sie grätschte sanft dazwischen. »Sei ruhig, Bubu, sag nichts« - Ich wollte ihr erzählen, was passiert ist, doch bevor ich überhaupt die Chance hatte meine Lippen zu bewegen, hat sie mich umarmt, umschlungen, wie ein kleines hilfloses Kind. Für sie werde ich wahrscheinlich nie ein erwachsener Mann, sondern immer ihr kleines Baby sein, welches sie ihr Leben lang beschützen will. »Bubu, warum bist du denn eiskalt? Wo ist deine Jacke?«, fragte sie. »Zinédine! Hol für Idrissa eine Decke!« - Papa holte eine Decke, wickelte mich darin ein und legte mich anschließend aufs Sofa. Beide haben sich vor mir hingekniet. »Bubu, wir haben uns solche Sorgen gemacht!« - »Mama, ich … « - »Psshht«, beruhigte sie mich streichelnd über die Stirn. »Das waren bestimmt diese Dupont-Anhänger!«, fluchte mein Vater. »Sei ruhig, Zinédine! Das ist jetzt nicht wichtig!«, sagte sie und fuhr fort, dass er mir einen Tee aufkochen solle. Ich lag auf dem Sofa und sah in Mamas trauriges, wütendes und fröhliches Gesicht – fröhlich, dass ich es nach Hause geschafft habe. Papa reichte mir den Tee. »Wenn diese ganzen Kakerlaken nur wüssten, Idrissa. Wenn sie nur wüssten, was wir für Menschen sind. Die denken wir Schwarzen sind alle gleich; denken, wir gehören zu dem einen Prozent, welches solch eine Schande über unseren Kontinent bringt … wenn sie nur wüssten, dass schon unsere Eltern in Frankreich lebten, dass selbst ich in Paris geboren und aufgewachsen bin! Genau wie deine Mutter! Warum lassen sie ihre Wut an einem kleinen Jungen aus, der gar nichts anderes als Paris kennt? Der Frankreich so in sich verinnerlicht hat und es einfach nur liebt in diesem Land zu leben; der französische Nationalfeiertage feiert; der die cuisine francaise vergöttert; der der größte Jean Reno-Fan ist; der jeden Film von Louis Malle und Jean-Luc Godard in und auswendig kennt; der ein A+ in Französisch hat; über dessen Bett die französische Flagge hängt; dessen größter Traum es ist, eines Tages für die französische Nationalmannschaft zu spielen, wie sein großes Vorbild Paul Pogba; der ein Schüleraustauschprogramm nach Berlin ablehnte, da er in seinem Leben nichts anderes sehen will als Frankreich und hofft, wenn es geht, Paris nie verlassen zu müssen. Was gibt ihnen das Recht uns als Fremde, als Geduldete zu betiteln? Wir sind genauso französisch, wie sie es sind. Doch in ihren Augen unterscheiden sich unsere Hautfarben – aber uns unterscheidet nicht nur die Hautfarbe, nein, uns unterscheiden auch die Werte. Die denken, dass sie etwas besseres sind, doch warum? Was gibt ihnen das Recht uns zu unterdrücken? Wann hat sich in der Geschichte je eine schwarze Gesellschaft über die weiße gestellt? Das ist ein Weißen-Ding!« - Mama unterbrach ihn. »Zinédine! Lass den Jungen etwas zur Ruhe kommen und die Dämonen der Gesellschaft mal für einen Moment aus deinem Kopf. Du kannst dich nicht durchgehend damit beschäftigen. Das bringt dich irgendwann noch um!« - Stille. »Tonya, mein Engel, du hast recht. Ich habe genug getan. Lass uns das Thema bis zum Bekanntgeben des Wahlergebnisses vergessen. Ich bereite das Abendessen vor. Bleib du bei Idrissa!« - »Danke, Cherié. Es ist noch Hühnchen im Kühlschrank, vielleicht brätst du es an und machst dazu Nudeln und einen schönen Salat?« - Papa überlegte. »Weißt du was? Ich glaube heute ist der perfekte Abend, um Omas Rezeptbuch herauszuholen. Wir essen heute afrikanisch-togolesisch! Wer will einen Wein?«, freute sich mein Vater und versuchte das Beste aus dem Abend zu machen, aus dem etwa zweistündigen Zeitfenster, was uns vor dem Bekanntgeben des Wahlergebnisses noch blieb.

Mama stand auf und ich schloss für einen Moment die Augen, während ich die Ohren streichelnde Stille genoss. Wenig später ertönte die Trompete von Miles Davis – Jazz. Wie ich diese Musik liebte. Nichts konnte mich mehr beruhigen als die sanften Klänge eines Saxophons, eines Pianos, eines Kontrabasses oder einer Trompete. Miles Davis war mein Lieblingskünstler, aber ich hörte genauso gerne den unfassbaren Charlie Parker. Wenn die harmonisierenden Sounds aus der Vinylplatte ihren Weg in die Lautsprecher und durch den Raum in meinen Gehörgang fanden, vergaß ich alles Schlechte, was um mich oder in meinem Kopf war. Schon wenn ich das Kratzen der Nadel auf der Platte hörte, wusste ich, dass sich jeden Augenblick meine Nerven und meine Muskeln entspannen werden. »Ich liebe dich, Mama!«, sagte ich, »du weißt was mir gut tut« - »Entspann dich, Bubu«, grinste sie. »Guck mal, was ich hier habe« - Sie brachte ein altes Fotoalbum mit – das Fotoalbum der Azikiwes, welches schon Jahre nicht aus mehr aus dem Schrank, neben den Schallplatten des begnadeten Monsieur Davis, herausgenommen wurde. Sie hielt es in den Händen und pustete den Staub von der Frontseite. Ich richtete mich auf, damit sie sich neben mich setzen kann. Sie mummelte sich mit unter die Decke und wir schauten uns die Bilder an. Es waren Bilder von unserer ganzen Familie; Verwandte, die schon längst nicht mehr lebten, die ich nur von Hören-Sagen kannte, die es nie aus Togo geschafft und Paris noch nie gesehen haben. Ich habe das Album schon dutzende Male durchgeblättert, aber bei der Anzahl der Verwandten verlor ich jedes Mal den Überblick. »Das ist die Cousine von der Mutter, dessen Mann die Stieftochter des Apothekers aus dem kleinen togolesischen Dorf geheiratet hat, du weißt schon, dessen Frau mit Oma-Oma zur Schule ging und dessen Bruder sie schließlich geheiratet hat« - So ging es oft, anstatt zu sagen, dass das irgendwer ist, und keiner wirklich weiß wer und auch niemand weiß, warum dieses Bild überhaupt im Album war – wahrscheinlich, weil das Bild in einem Fotoalbum einer Person war, die mit dem Menschen verwandt war, diese dann starb und ein ihr nahestehender Mensch es erhielt, dieser wiederum auch starb und so weiter, bis es schließlich zu uns gelangte. Was auch immer, darum geht es nicht. Hier waren eine Menge Menschen drin, die weder Mama noch ich kannte, es gab aber auch Menschen, die wir sehr wohl kannten, jedoch nicht kennen wollten. Diese gehörten zu der Seite von Papa, wenn auch nur über mehrere Ecke verwandt.

Mama ist eine geborene Mensah und mein Vater hat mit dieser Schande für unsere Familie ebenso wenig zu tun, wie ich, zumindest nicht mehr. Sie fingen als kleine Jungs an, als sie frisch aus Togo immigrierten, Drogen zu verkaufen – unter dem Eiffelturm, hinter dem