Die Maurin - Lea Korte - E-Book

Die Maurin E-Book

Lea Korte

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Beschreibung

Andalusien im 15. Jahrhundert. Zwischen Mauren und Christen toben erbitterte Kämpfe – und mittendrin steht die junge Zahra. Als Hofdame und enge Vertraute -Aischas, der Hauptfrau des tyrannischen Emirs, gerät sie in ein grausames Spiel dunkler -Intrigen und rücksichtsloser Machtkämpfe. Dann verliebt sie sich ausgerechnet in den Spanier Gonsalvo – eine Liebe, die sie in tödliche Gefahr bringt ... Die Maurin von Lea Korte: als eBook erhältlich!

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Seitenzahl: 818

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Lea Korte

Die Maurin

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Inhaltsübersicht

Nicht, weil die Dinge [...]

Dramatis Personae

Maurische Familie

Maurische Herrscherfamilie und ihre Berater

Kastilische Königsfamilie und ihre Berater

Was zuvor geschah …

Prolog

Granada

12. Juli 1478

Erster Teil

1. Kapitel

15. August 1478

2. Kapitel

15. August 1478

3. Kapitel

23. August 1478

4. Kapitel

Oktober 1478

Zweiter Teil

1. Kapitel

10. Dezember 1481

2. Kapitel

10. Dezember 1481

3. Kapitel

26. Dezember 1481

4. Kapitel

10. Januar 1482

5. Kapitel

20. Januar 1482

6. Kapitel

8. Februar 1482

7. Kapitel

15. Februar 1482

8. Kapitel

15. März 1482

9. Kapitel

2. April 1482

10. Kapitel

15. Juli 1482

11. Kapitel

1. August 1482

12. Kapitel

8. August 1482

13. Kapitel

24. März 1483

14. Kapitel

30. März 1483

15. Kapitel

8. April 1483

16. Kapitel

2. Mai 1483

17. Kapitel

23. Juni 1483

Dritter Teil

1. Kapitel

15. August 1484

2. Kapitel

12. Oktober 1484

3. Kapitel

15. November 1484

4. Kapitel

25. November 1484

5. Kapitel

20. März 1485

6. Kapitel

25. Juni 1485

7. Kapitel

30. September 1485

Vierter Teil

1. Kapitel

2. Oktober 1485

2. Kapitel

17. Mai 1487

3. Kapitel

18. September 1487

4. Kapitel

1. November 1487

5. Kapitel

4. Mai 1490

6. Kapitel

5. Juni 1490

7. Kapitel

18. März 1491

Epilog

Nachbemerkung

Zeittafel

Glossar

Ausgewählte Literatur

Dank

Nicht, weil die Dinge uns unerreichbar erscheinen, wagen wir nicht – weil wir nicht wagen, erscheinen sie uns unerreichbar.

SENECA

Dramatis Personae

Historische Personen sind mit einem Sternchen* gekennzeichnet.

Maurische Familie

ZAHRA AS-SULAMI

YAZID, ihr Halbbruder

HAYAT, ihre Halbschwester

ZAINAB, ihre Schwester

RASCHID, ihr Bruder

MAHDI, ihr Bruder

ABDARRAHMAN AS-SULAMI, ihr Vater (maurischer Adliger)

LEONOR, ihre Mutter (ehemalige christliche Sklavin, kastilische Adlige, zweite Frau des Vaters)

KENZA, die erste Frau ihres Vaters, vor Zahras Geburt verstorben

DEBORAH, Raschids Frau, Jüdin

ABDARRAHMAN JR., Zahras Sohn

CHALIDA, Zahras Tochter

YAYAH, Zahras Sohn

TAMU, eine der Dienerinnen des Hauses

ZUBAIR, Abdarrahman as-Sulamis Leibdiener

Maurische Herrscherfamilie und ihre Berater

ABU L-HASSAN ALI* († 1485), genannt Hassan, Emir von Granada

AISCHA*, »la Horra« († 1493), seine erste Frau

MUHAMMADXII.*, Boabdil (1452– ca. 1533), ihr ältester Sohn (auch genannt: az-Zugaibi, »der Unglückliche« und »der Unglücksbringer«)

YUSSUF*, ihr jüngerer Sohn

ISABEL DE SOLÍS*, genannt Soraya, Hassans Zweitfrau

MUHAMMADXIII.*, az-Zagal (Hassans Bruder)

ALI AL-ATTAR*, Boabdils Schwiegervater und bester Kriegsherr; Vater von Kenza (und damit auch Abdarrahman as-Sulamis Schwiegervater)

MORAYMA* (ca. 1465–1493), Boabdils Frau und Ali al-Attars Tochter

AHMED, »el infantico«, ihr Sohn (ca. 1482 geb.)

ISMAIL IBN BADR, Boabdils Freund, Bürgermeister von Granada

KAFUR, Haremswächter

Kastilische Königsfamilie und ihre Berater

ISABEL* (1451–1504), Königin von Kastilien (deutsch: Isabella I. von Kastilien; Isabella die Katholische)

FERNANDO* (1452–1516), ihr Gemahl, König von Aragón und Sizilien, später auch Kastilien (deutsch: Ferdinand II.)

GONZALO FERNÁNDEZ DE CÓRDOBA Y AGUILAR* (1453–1515), Vertrauter Isabels

ALONSO FERNÁNDEZ DE CÓRDOBA Y AGUILAR*, Gonzalos älterer Bruder

JAIME DE CÓRDOBA Y AGUILAR, Gonzalos jüngerer Bruder

DIEGO DE CÓRDOBA*, Marqués de Cabra, Gonzalos Onkel

JUAN DE GÓNGORA, einer von Isabels Feldherren

KARDINAL PEDRO GONZÁLEZ DE MENDOZA* (1428–1495), Berater Isabels

PADRE TOMAS DE TORQUEMADA* (1420–1498), Großinquisitor, der Schrecken Kastiliens

HERNANDO DE TALAVERA* (um 1428–1507), Isabels Beichtvater

PONCE DE LEÓN*, Marqués de Cadiz (1432–1492)

Was zuvor geschah …

Viele Jahrhunderte vor unserer Geschichte beherrschten die Westgoten die Iberische Halbinsel, bis sich ihr König Roderich in die anmutige Tochter eines seiner Grafen verliebte und damit dessen Zorn hervorrief. Der Sage nach hatte Graf Julian seine Tochter Florinda um 710 an den westgotischen Königshof von Toledo geschickt, damit sie dort ihre Bildung vervollkommne.

Eines Tages erblickte König Roderich die Schöne, als sie in aller Unschuld ein Bad im Tajo nahm, verliebte sich in sie und machte sie zu seiner Mätresse. Als Graf Julian davon erfuhr, tobte er vor Zorn und gewann Tarik ibn-Ziyad, den muslimischen Statthalter von Tanger, dafür, in Kastilien einzufallen.

Tarik war auf seinem ersten Eroberungsfeldzug in dem ebenso reichen wie verwundbaren Land so erfolgreich, dass er auf der Iberischen Halbinsel blieb und immer ausgedehntere Feldzüge unternahm. Nach der Schlacht am Rio Guadalete am zwanzigsten Juli 711 gab es für die Mauren kein Halten mehr: Innerhalb der folgenden fünf Jahre beendeten sie ein für alle Mal die Herrschaft der Westgoten auf der Iberischen Halbinsel und gründeten ihr märchenhaftes »al-Andalus«.

Schon wenige Jahre später begann eine Gegenbewegung, Reconquista genannt, in der die Kastilier ihr Land Stück um Stück von den Mauren zurückeroberten, bis diese Ende des fünfzehnten Jahrhunderts schließlich nur noch über das Königreich Granada herrschten. Und hier beginnt die Geschichte der Maurin Zahra as-Sulami und ihrer Familie.

Prolog

Granada

12. Juli 1478

Zahra wusste, dass sie um diese späte Stunde in ihrem Bett zu liegen und zu schlafen hatte, aber die Nacht war drückend heiß, die Luft in ihrem Zimmer schwül und stickig, und so schlich sie sich doch hinaus und huschte über die Treppe auf die Dachterrasse. Dort oben wehte ihr ein erfrischendes Lüftchen entgegen. Sie atmete auf, ließ sich auf einem Mauervorsprung nieder und blickte zum Himmel empor. Welch wundervolle, sternklare Nacht!

Auf einmal hörte sie auf der Treppe Schritte. Erschrocken verbarg sie sich hinter dem breiten, weit hochragenden Schornstein, lugte um die Ecke – und schnellte zurück, als sie die schwarze Haarmähne ihres Halbbruders erblickte.

Ausgerechnet Yazid! Wenn er sie hier entdeckte, würde er nichts Eiligeres zu tun haben, als sie bei ihrem Vater anzuschwärzen, und die dann folgende Standpauke konnte sie sich schon lebhaft vorstellen.

Ihr Halbbruder trat an den Rand der Terrasse und ließ einen Eulenlaut ertönen. Nur wenige Atemzüge später kletterte ein Mann über die Mauer, die ihre Dachterrasse von der ihrer Nachbarn trennte. Er trug eine schwarze Djellaba, deren Kapuze er so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass Zahra nicht erkennen konnte, wer sich dahinter verbarg. Mit klopfendem Herzen beobachtete sie, wie Yazid auf den Mann zuging und ihn mit einem stummen Nicken begrüßte.

»Hast du Hassan endlich für unsere Sache gewinnen können?«, raunte der Unbekannte ihm zu.

»Ich war kurz davor«, erwiderte Yazid. »Aber dann hat mir der Großwesir dazwischengefunkt.«

»Verdammt, die Zeit drängt! Du weißt, dass sie schon in wenigen Wochen kommen!«

»Keine Sorge«, beruhigte Yazid sein Gegenüber. »Die Saat ist ausgebracht, und wenn wir sie weiter kräftig begießen, wird sie Früchte tragen!«

Zahra stellten sich die Nackenhaare auf. Was, zum Teufel, heckten die beiden da aus?

Mit einem Mal sprangen zwei weitere Männer über die Mauer und stürzten sich mit gezückten Krummsäbeln auf Yazid und seinen Freund. Sofort zogen auch sie ihre Schwerter und wehrten die Hiebe kraftvoll ab. Doch sie konnten die Angreifer nicht zurückdrängen.

Mehr noch als um ihren Halbbruder fürchtete Zahra um sich selbst: Wenn Yazid noch drei Schritte weiter zurückwich, würde er sie nicht nur entdecken, sondern sie überdies selbst zwischen die Kämpfenden geraten! Verzweifelt blickte sie sich nach einem anderen Versteck um, aber hier oben gab es sonst nichts, wo man sich verbergen konnte. Da machte Yazid einen Ausfallschritt und schlitzte seinem Gegner mit einem einzigen glatten Schnitt die Kehle auf. Röchelnd brach der Mann zusammen. Der zweite Angreifer wollte fliehen, doch Yazid und sein Freund stellten ihn noch vor der Mauer und stachen ihn ebenfalls nieder. Ohne ein Wort zu wechseln, luden sie sich die beiden Toten über die Schulter und verschwanden mit ihnen über die angrenzende Dachterrasse in der Dunkelheit. Mit zitternden Knien huschte Zahra zurück in ihr Zimmer und drückte leise die Tür hinter sich ins Schloss.

Erster Teil

1478

1.

Granada

15. August 1478

Hör auf mit dieser nervtötenden Vorleserei, hör sofort auf!«

Die schneidend scharfe Stimme der Sultanin ließ die dreizehnjährige Zahra so sehr zusammenfahren, dass ihr beinahe der kostbare kleine Gedichtband aus der Hand gefallen wäre. Sie blickte zu Aischa auf.

»Du liest heute so leiernd wie ein altes Waschweib!«, donnerte sie weiter. »Wie soll man sich denn dabei entspannen?«

Schuldbewusst sah Zahra zu Boden. Seit Aischa ihr am Morgen gesagt hatte, dass im Laufe des Tages Gesandte der spanischen Könige im Palast erwartet wurden, schwirrte ihr ständig diese Szene im Kopf herum, deren unfreiwillige Zeugin sie vor einigen Wochen nachts auf der Dachterrasse geworden war. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Ständig fragte sie sich, ob sich Yazid und sein Freund auf die Ankunft dieser Gesandten bezogen hatten und ob sie Aischa nicht endlich erzählen sollte, was sie an jenem Abend belauscht und beobachtet hatte. Allerdings konnte sie sich letztlich keinen Reim auf deren Andeutungen machen, und sie wollte vor Aischa in keinem Fall als wichtigtuerische Schwätzerin dastehen.

»Und auch du, Laila«, herrschte Aischa nun ihre Favoritin unter den Dienerinnen an. »Lass das Herumgewedel mit dem Fächer. Statt die Sommerhitze zu lindern, wehst du sie mir geradezu ins Gesicht. Verschwinde, verschwindet alle!«

Als sei der Blitz in sie gefahren, flüchteten die Hofdamen, Dienerinnen und Sklavinnen unter einer Woge wehender Kleider aus dem weitläufigen Wohnraum der Sultanin, der sich im ersten Stock des Comaresturms der Alhambra befand.

»Und was ist mit dir?«, fuhr Aischa Zahra an. »Was hockst du noch immer hier herum? Raus, habe ich gesagt, ich will allein sein!«

Zahra erhob sich von ihrem Sitzkissen, blieb jedoch stehen. »Ihr … Ihr fürchtet Euch vor den kastilischen Gesandten, nicht wahr?«, brachte sie nach einem Zögern heraus.

»Fürchten – ich, die Sultanin von Granada?« Aischa lachte auf, doch sie schien selbst zu merken, wie gezwungen es klang. Von plötzlichem Unwillen gepackt, erhob sie sich von ihrem Diwan und trat an eines der hohen Bogenfenster, das auf das dichtbevölkerte Viertel jenseits des Rio Darro hinausging. Ihr Blick verlor sich zwischen den weißen Häusern und Palästen des Albaicínhügels und dem sich weithin erstreckenden fruchtbaren Land ihrer Väter. Zahra sah, wie sich ihre Haltung allmählich entspannte.

»Fürchten … Nein, ich fürchte mich nicht«, seufzte Aischa nach einer Weile und fuhr mit der Hand über das edle Holz des Fensterrahmens. »Nur Feiglinge fürchten sich. Aber die Ankunft der kastilischen Gesandten … Nun ja, sie beunruhigt mich schon. Seit sich Hassan diese kastilische Hure Isabel de Solís als Zweitfrau genommen und mich in den Comaresturm verbannt hat, erfahre ich kaum noch, was hier vorgeht, und leider gibt sich auch der Großwesir in der letzten Zeit zunehmend bedeckt. Und doch bin ich mir sicher, dass hier irgendetwas vorgeht. Warum sonst konnte mir Hassan bei unserer letzten Begegnung vor drei Tagen kaum in die Augen sehen?«

Zahra legte das Buch auf dem Diwan ab und trat zu ihrer Gebieterin. Neben deren stets stolz aufgerichteter und solider Gestalt kam sie sich auch heute wieder klein und unscheinbar vor. Wie um sich Mut zu machen, reckte sie das Kinn.

»Es kann allerdings gut sein, dass der Emir Pläne hat, die er Euch verschweigt«, platzte sie heraus. »Vor kurzem habe ich nämlich ein Gespräch belauscht.«

Aischa fuhr zu ihr herum. »Was für ein Gespräch?«

»Zwischen meinem Halbbruder Yazid und einem Fremden …« Zahra erzählte ihr das wenige, was sie wusste.

»Also doch!« Aischa schüttelte den Kopf. »Ich wusste es, beim Allmächtigen, ich wusste, dass hier irgendetwas gespielt wird.«

Zahra sah zu ihr auf. »Wenn ich Euch helfen kann …«

Aischa betrachtete sie nachdenklich. »Du bist ein ungewöhnliches Mädchen. Schon damals, als deine Mutter dich ab und an mit hierhergebracht hat und du mit meinen Söhnen gespielt hast, habe ich mir manches Mal insgeheim gewünscht, dass wenigstens einer meiner beiden Söhne etwas von deinem Mut und deiner Entschlossenheit besäße. Deswegen habe ich dich auch unbedingt an meinem Hof haben wollen.«

Zahra hoffte, dass sie nicht errötete. Sie war an Lob nicht gewöhnt, weder von zu Hause, wo man sie wegen ihres Eigensinns und ihres Vorwitzes zumeist nur tadelte, noch von Aischa, deren Blicke sie zwar oft auf sich spürte, die darüber hinaus aber kaum das Wort an sie richtete. Wieder einmal fragte sie sich, warum die Sultanin sie in ihren Hofstaat aufgenommen hatte. In deren Gemächern gab es ohnehin schon mehr dienstbare Geister als Aufgaben, und überdies verfügte Zahra über keinerlei Erfahrung als Hofdame. Sicher, im Unterschied zu den anderen konnte sie lesen und schreiben, aber darüber hinaus … Auch ihr Vater hatte sich gewundert, als Aischa sie in den Palast berief, und ihr Ansinnen zunächst kategorisch abgelehnt, doch seine Frau hatte ihm so lange zugesetzt, bis er schließlich zustimmte, dass Zahra an drei Tagen der Woche am Hof lebte.

Aischas Frage durchbrach ihre Gedanken. »Würdest du dir zutrauen, dich in den Myrtenhof zu schleichen und das Gespräch zwischen Hassan und den kastilischen Abgesandten zu belauschen? Aber du weißt: Wenn sie dich dabei erwischen, landest du im Kerker, und so gering, wie mein Einfluss derzeit ist, kann es Monate dauern, bis ich dich wieder freibekomme!«

Zahra schluckte und berührte instinktiv den feinziselierten, mit einem blauen Saphir besetzten Ring an ihrem Mittelfinger. Wie alle blauen Steine galt der Saphir bei den Arabern als Schutz gegen den bösen Blick und anderes Ungemach, und ihr Ring war sogar noch weit machtvoller: In ihm wohnte ihr Schutzgeist. Ihre maurische Großmutter hatte ihn ihr am Tag ihrer Geburt an einer Kette um den Hals gehängt. Ein Amulett, dessen Geist das Kind während seines ganzen Lebens beschützen sollte. Erst vor wenigen Wochen hatte Zahra den Ring von der Kette abnehmen und an ihren Mittelfinger stecken können, weil er endlich zumindest an diesem Finger passte, und ihn seither mit großem Stolz getragen. Stumm bat sie ihren Schutzgeist, ihr beizustehen, und nickte. »Mich wird schon niemand erwischen!«

»Gut«, sagte Aischa schlicht. »Dann geh hinunter in den Myrtenhof und versteck dich dort. Wenn die Wachen die Kastilier in den Thronsaal geführt haben, schleichst du dich an den Empfangssaal heran. Bei der Hitze heute wird die Tür des Thronsaals gewiss offen stehen, und so solltest du hören können, was sie zu besprechen haben. Geh sofort. Denn wenn du unten zugleich mit den kastilischen Gesandten ankommst, wird dir keine Zeit mehr bleiben, dir ein Versteck zu suchen – falls die Wachleute dich dann überhaupt noch in den Hof lassen.«

Mit geübten Griffen legte Zahra ihren Gesichtsschleier, den Niqab, an, ohne den sich auch so junge Mädchen wie sie nicht außerhalb der Frauengemächer zeigen durften, schwang sich den Hidschab, ein großes Umschlagtuch, um Kopf und Oberkörper und eilte über die Hintertreppe nach unten.

 

Zahra kam, ohne angehalten zu werden, an den überall im Palast aufgestellten Wachen vorbei. Viele kannten sie, andere schenkten ihr keine Beachtung. Sie waren dafür abgestellt, Meuchelmörder abzuwehren; kleine Mädchen interessierten sie nicht. Erst vor dem Eingang zum Myrtenhof versperrte eine Leibwache des Emirs Zahra den Weg. »Was hast du hier zu suchen?«, knurrte der große, mit einem Krummsäbel und zwei Dolchen bewaffnete Mann.

Unwillkürlich wich Zahra einen Schritt zurück.

»Im Thronsaal finden wichtige Beratungen statt!«

»Mei… meine Herrin hat mich gebeten, ihr einen Bund Myrten aus dem Myrtenhof zu holen«, stotterte Zahra. Obwohl ihr Herz flatterte, gelang es ihr, eine unschuldige Miene aufzusetzen.

Der Leibwächter machte eine unwillige Handbewegung. »Dann lauf, aber sieh zu, dass du wieder in den Gemächern der Sultanin bist, bevor die Abgesandten eintreffen!«

Zahra nickte und huschte weiter. Vor dem Einlass des Thronsaals, der auch Saal der Gesandten genannt wurde, traf sie noch einmal auf zwei Wachleute, die ihr allerdings nicht mehr Aufmerksamkeit als einem vorbeiflatternden Schmetterling schenkten. Zahra atmete auf und zwang sich, gemächlich zum Zentrum des Patios weiterzugehen, einem langgestreckten Wasserbecken. Wie an allen klaren Tagen spiegelte sich die mit zahlreichen filigranen Kunstwerken verzierte Fassade des Comaresturms friedlich in dem von immergrünen, herrlich duftenden Myrtenhecken umsäumten Becken. Ohne die Wachen aus den Augen zu lassen, pflückte Zahra hier und da einen blütengefüllten Zweig und näherte sich dabei dem Thronsaal.

Wie Aischa vermutet hatte, stand die hohe Doppelflügeltür weit offen. Wütende Stimmen drangen nach draußen. Schon bald begriff Zahra, dass der Grund des Zorns die Angriffe der Kastilier auf die fruchtbare Vega waren, die alte Scheidewand zwischen dem maurischen Königreich Granada und dem christlichen Kastilien. Am Vortag hatten sie erneut ein maurisches Dorf angegriffen und dabei einen Hügel kostbarer Olivenbäume niedergebrannt und ein Dutzend Männer gefangen genommen.

»Und inzwischen bieten sie unsere Landsleute sicher schon hohnlachend auf einem ihrer Sklavenmärkte feil!«, übertönte die Stimme von Zahras Halbbruder Yazid die anderen. »Mein Emir, glaubt Ihr mir jetzt endlich, dass wir den Christen die Stirn bieten müssen?«

»Das müssen wir allerdings. Und sei gewiss, dass ich den christlichen Gesandten schon heute die erste Lektion erteilen werde. Die gestrigen Überfalle der Heiden haben dem Ganzen wirklich die Krone aufgesetzt!«

»Ich hoffe nur«, mischte sich der Großwesir mit seiner bedächtigen Stimme ins Gespräch, »dass Ihr bei all Eurer berechtigten Empörung nicht vergesst, dass den Christen solch kleinere Überfälle laut unseren Waffenstillstandsvereinbarungen ausdrücklich erlaubt sind, wie ja auch wir das Recht der Dreitagekriege regelmäßig in Anspruch nehmen!«

Wütende Stimmen fielen ihm ins Wort, welche die Taten der Mauren verteidigten und die der Christen verdammten und den Wesir verstummen ließen.

»Wir haben schon viel zu lange Geduld mit den räudigen Ungläubigen gehabt, und es ist nur gut, dass der Emir nun endlich gegen die Christen vorgehen will!«, hetzte auch Yazid weiter und erntete lautstarke Zustimmung. Zahra kannte solche Versammlungen aus den Erzählungen ihres Vaters, der ihnen ebenfalls oft als Berater beiwohnte, und wusste, dass auch Qadis, der Großimam und Vertreter der mächtigsten Familien teilnahmen.

Von den kunstvollen Bodenfliesen im Torbereich hallten harte Schritte wider. Gerade noch rechtzeitig verbarg sich Zahra hinter den Myrtenbüschen, als ein Wachsoldat aus dem Patio des Cuarto Dorado in den Hof trat. Sie beobachtete, wie er durch die Sala de la Barca, die eher ein weitläufiger, überdachter Gang denn ein Saal war, zum Thronsaal schritt.

»Die kastilische Delegation ist eingetroffen«, rief er den Wachleuten vor dem Thronsaal zu. »Don Juan de Góngora und ein junger Mann namens Don Gonzalo de Córdoba y Aguilar.«

Der ältere der beiden Wachleute des Thronsaals nickte. »Sag ihnen, der Emir erwartet sie in seiner Güte.«

Während der Soldat mit den beiden Kastiliern näher kam, arbeitete sich Zahra lautlos im Hockgang bis zum Ende der Hecke vor, um besser sehen zu können. Don Juan de Góngora war von mächtiger Gestalt; den weiten, roten Umhang aus edlem Tuch hatte er geckenhaft über der rechten Schulter zurückgeschlagen. Sein um einiges jüngerer, aber nicht weniger stattlicher Begleiter hielt sich, wie es ihm gebührte, einen Schritt hinter ihm und nickte den beiden Wachleuten freundlich zu, was diese geflissentlich ignorierten. Mit einer knappen Handbewegung hießen sie die Kastilier eintreten. Trotz der vorherigen Unmutsbekundungen wurden sie im Saal mit dem gebotenen höfischen Gepränge begrüßt.

Don Juan de Góngora ergriff das Wort. »Wir grüßen Euch, hochgeschätzter Emir, und sollen Euch auch die Grüße der Majestäten von Kastilien und Aragón ausrichten und Euch versichern, dass sie Euch tiefe und aufrichtige Freundschaft entgegenbringen!«

»Allerdings wird man über die Art und Weise, wie sie ihre Freundschaft kundtun, streiten können«, warf Emir Hassan knurrend ein.

Ohne auf die Zwischenbemerkung einzugehen, fuhr Don Juan de Góngora mit blasierter Stimme fort: »Des Weiteren haben mich die christlichen Könige gebeten, Euch auszurichten, dass sie wie in der Vergangenheit auch in Zukunft fest auf Eure Loyalität vertrauen und hoffen, dass die bewährte Tradition der Tributzahlung weiterhin dem Erhalt des Friedens unserer beiden Reiche dient!«

»Auch von Frieden kann wohl immer weniger die Rede sein«, gab der Emir mit noch größerer Gereiztheit in der Stimme zurück. »Und deswegen, geschätzter Don Juan, habe auch ich eine Nachricht für Eure Könige: Richtet ihnen aus, dass die Emire von Granada, die der kastilischen Krone früher einmal Geld zu zahlen pflegten, bedauerlicherweise ebenso verstorben sind wie der kastilische König, der unser Land in Frieden hat leben und gedeihen lassen. Die einzigen Münzen, die wir nach den Vorfällen der letzten Monate anzubieten haben, sind Säbelklingen und Lanzenspitzen!«

Vor Schreck fiel Zahra der Myrtenstrauß aus der Hand. O mein Gott, Yazid, ist es das, wozu du und dein geheimnisvoller Freund Hassan hattet treiben wollen? Aber die alljährlichen Tributzahlungen sind doch Teil der Friedensvereinbarungen mit den Christen! Und wenn es jetzt Krieg gibt? Vater meint doch schon seit Wochen, dass diese ständigen Angriffe der Christen nur darauf abzielen, uns aus der Reserve zu locken, und dass es nur noch eines Funken bedarf, um die Spannungen zwischen unseren Ländern zum Eskalieren zu bringen!

»Wir werden unseren Königen Eure Botschaft wortgetreu auszurichten wissen«, erwiderte Don Juan und klang in der Tat so wenig verärgert, ja geradezu erfreut, wie Zahra befürchtet hatte.

Wenige Atemzüge später verließen die kastilischen Gesandten den Thronsaal, begleitet von Zahras hochgewachsenem Halbbruder Yazid, der den Wachmännern mit einer knappen Geste und zwei auf Arabisch gebellten Worten klarmachte, dass er die kastilischen Abgesandten persönlich aus dem Palast geleiten würde.

Während Yazid noch einmal kurz in den Thronsaal zurückging, zischte Don Juan seinem jungen Begleiter lächelnd zu: »Hätte für uns doch gar nicht besser laufen können …«

Zahra sah, dass Don Gonzalo das Lächeln seines Landsmanns nicht erwiderte, sondern die Stirn in sorgenvolle Falten zog. Sie fand dies sympathisch. Anders als ihr Halbbruder hasste sie die Kastilier nicht, stammte ihre Mutter Leonor doch selbst daher. Bei einem der Beutezüge von Hassans Vater war sie als junges Mädchen in Gefangenschaft geraten und versklavt worden. Zwei Jahre später hatte Yazids Vater die junge kastilische Adlige zum ersten Mal am Hofe gesehen, sich in das stille, feinsinnige Mädchen verliebt und es bald darauf geheiratet – ein Schritt, den Yazid ihm nie verziehen hatte. Yazids Großvater mütterlicherseits war schließlich der berühmt-berüchtigte Maurenkrieger Ali al-Attar, und sein Enkel hatte nicht nur dessen dunkle Hautfarbe, sondern auch den unbeugsamen Kampfgeist und den Hass auf Kastilien geerbt. Für ihn waren Kastilier nichts als stinkende Ratten und gehörten ausgerottet. In seinen Augen hatte sein Vater mit dieser Heirat die Ehre seiner verstorbenen Mutter und ihren alten maurischen Familiennamen beschmutzt. Und auch wenn er seine Abneigung gegen die sanfte Leonor mit den Jahren nicht hatte aufrechterhalten können, war der Hass auf die Kastilier doch immer größer geworden.

»Ihr Jungen habt wohl nur noch Wasser statt Blut in den Adern«, knurrte Don Juan ob Gonzalos sorgenumwölkter Miene.

»Wasser kann man trinken«, erwiderte sein Begleiter mit einem gleichmütigen Schulterzucken. »Zumindest, solange es nicht mit dem Blut sterbender Soldaten durchtränkt ist.«

Don Juan machte eine verächtliche Handbewegung und herrschte im nächsten Moment den wieder zu ihnen tretenden Yazid an, sie endlich aus dem Palast zu führen. »Wir wollen hier schließlich keine Wurzeln schlagen!«

Yazid verzog keine Miene, einzig die rechte Augenbraue hob sich ein winziges Stück. Wie Zahra es nicht anders erwartet hatte, setzte er sich erst etliche Atemzüge später in Bewegung.

Als die drei Männer um die erste Ecke verschwunden waren, eilte Zahra ihnen nach. Im Löwenhof verbarg sie sich hinter einem ausladenden Orangenbusch und beobachtete, wie Gonzalo im Unterschied zu seinem grimmig dreinschauenden Begleiter beim Anblick der vor ihm liegenden Pracht aufstrahlte. In der Mitte des langgezogenen Hofes entsprang der sogenannte Quell des Lebens in einem von zwölf Löwenfiguren getragenen Brunnen. Gonzalo ließ seinen Blick bewundernd über den von hundertvierundzwanzig grazilen Säulen aus weißem Marmor getragenen Bogengang gleiten, der in seiner Leichtigkeit an den Palmenhain einer Wüstenoase erinnerte.

»Welch Wunderwerk der Architektur«, rief er beeindruckt, trat näher an den Brunnen und fragte Yazid auf Arabisch, ob die Gestaltung des Patios eine tiefere Bedeutung habe, die sich dem ungeübten christlichen Auge verschloss.

»Euren ungeübten christlichen Augen verschließt sich so manches mehr als nur das«, gab Yazid zurück.

Ungeachtet dieser Spitze sah sich Gonzalo weiter bewundernd im Patio um. Don Juan aber zischte: »Euren Heidenaugen entgeht auch so manches, zum Beispiel, dass Ihr Euch nicht mehr lange in dieser Pracht aalen werdet. Die unbefleckte Jungfrau wird den Kastiliern beistehen und ihnen zum Sieg über euch Heiden verhelfen!«

»An unserer Seite kämpft Allah, ta’ala, und ich glaube kaum, dass sich der Allmächtige von einem Götzenbild einschüchtern lässt!« Yazids Augen blitzten.

»Ihr und Euer Allah«, schnaubte Don Juan. »Aber Euer Heidenverstand ist eben zu winzig, als dass darin der wahre Glaube Einzug halten könnte.«

»Winzig erscheint mir eher der Eure«, konterte Yazid. »Bei aller Hochachtung vor den Überzeugungen der Jünger des Propheten Isa kann ich über seine Lehre von der Empfängnis eines Gottessohnes durch Maria doch nur lachen. Es gibt keinen Gott außer Allah, ta’ala, und Mohammed ist sein Prophet!«

Don Juan riss sein Schwert aus der Scheide und holte gegen Yazids Kopf aus. Zahra wollte aufschreien, presste aber schnell die Hände vor das Gesicht. Das nachfolgende Klatschen klang schauerlich. Das Schlimmste befürchtend, lugte Zahra durch ihre Finger – doch ihr Halbbruder trug den Kopf noch auf den Schultern. Auf seiner rechten Wange flammte eine breite, rote Strieme. Yazid zog seinen Krummsäbel und stürzte auf den Kastilier los. Hart prallten die Klingen aufeinander. Beim nächsten Schlagabtausch kreuzten sich ihre Schwerter in Augenhöhe. Plötzlich wich Yazid zurück. Don Juan verlor das Gleichgewicht und kippte nach vorn. Sofort hieb Yazid erneut auf ihn ein, doch der Kastilier hatte sich rasch wieder gefangen und wehrte den Angriff meisterlich ab. Wie tollwütige Katzen umschwirrten ihre Waffen einander; nach jedem Schlagabtausch erzitterten die Knäufe in ihren Händen.

Gonzalo versuchte, die Kämpfenden auseinanderzubringen. »Don Juan, wir sind hier als Gesandte des Königshauses!«

»Und als gute Christen«, brüllte der Kastilier und stieß auf die Kehle seines Gegners zu. Yazid duckte sich, und Don Juans Schwert schrammte knapp an seiner Stirn vorbei. Nur durch einen hastigen Sprung zur Seite konnte Gonzalo verhindern, selbst von Don Juans Schwert getroffen zu werden.

Zahra raffte ihre Tunika und rannte zurück in den Myrtenhof. »Wachen, kommt schnell, ihr müsst sie auseinanderbringen, sonst gibt es Tote!«

Die Wachen würdigten Zahra keines Blickes. Helle Jungmädchenstimmen gehörten nicht zu den Geräuschen, auf die zu reagieren sie gewohnt waren.

»Beim Allmächtigen, hört ihr denn nicht? Sie bringen einander um!«, schrie sie noch einmal und gestikulierte dabei heftig mit den Armen. Endlich sahen die Wachen zu ihr her. Doch erst als sie ihnen noch einmal zurief, was im Löwenhof vor sich ging, herrschte der Ältere den Jüngeren an, aus dem Thronsaal Verstärkung zu holen, und stürmte in die von Zahra gewiesene Richtung. Noch vor der Ankunft Hassans und weiterer Wachleute hatte sich Zahra erneut hinter dem Orangenbusch verborgen. Nach einem kurzen Gefecht gelang es den Wachleuten, die beiden Kämpfenden zu trennen und zu entwaffnen. Um sie bewegungsunfähig zu machen, bogen sie ihnen im Rücken die Arme hoch.

»Was ist hier los?«, donnerte der Emir Yazid an und machte dem Wachsoldaten Zeichen, ihn loszulassen.

»Der Kastilier hat mich angegriffen«, gab Yazid wütend zurück und drückte seine Rechte auf die stark blutende Wunde am Unterarm.

Erbost versuchte Don Juan, sich aus den ihn eisern umklammernden Pranken zu winden. »Euer Laufbursche hat unsere Heilige Jungfrau beleidigt!«

Bei dem Wort Laufbursche wollte Yazid erneut auf ihn losstürmen, doch Hassan verstellte ihm den Weg. »Die christlichen Abgesandten sind unantastbar, solange sie sich auf meinem Territorium befinden!«

Yazid biss so heftig die Zähne zusammen, dass seine Kiefermuskeln wie die Griffe von Krummsäbeln hervortraten. Trotzdem wich er zurück und verbeugte sich vor seinem Herrscher. »Euer Wunsch ist mir Befehl, mein Gebieter.«

Zahra sah, wie Hassan Yazid zuzwinkerte, und schloss daraus, dass ihm der kleine Schwertkampf keineswegs so ungelegen kam, wie er vorgab.

»Begleite unsere hochverehrten Gäste jetzt zum Tor!« Er verbeugte sich vor den Kastiliern und zog sich mit den Wachleuten zurück.

»Irgendwann werden wir uns wieder über den Weg laufen«, knurrte Yazid, kaum dass Hassan außer Hörweite war.

»Das will ich hoffen!«, giftete Don Juan zurück.

Gonzalo legte ihm mahnend die Hand auf den Arm. »Ich denke, wir sollten jetzt wirklich gehen!«

Don Juan wischte Gonzalos Hand wie eine lästige Fliege von seinem Arm und stapfte auf das erstbeste Tor zu. Im gleichen Moment merkte Zahra, dass jemand sie ansah. Sie wandte den Blick und sah in Gonzalos warme, braune Augen. Er verbeugte sich kaum merklich in ihre Richtung und machte eine Geste des Dankes. Zahra schüttelte heftig den Kopf. Aus Angst, auch ihr Halbbruder könne ihre Anwesenheit bemerken, wurde ihr gleichzeitig heiß und kalt. Da Gonzalo noch immer nicht ging, legte Zahra beschwörend die Finger auf ihre von dem Schleier verdeckten Lippen und blickte ihn bittend an. In seinen Augen leuchtete Verstehen und ein Hauch Belustigung auf, dann folgte er seinem Landsmann und Yazid, der sich an die Spitze des Trupps gesetzt hatte.

Als sich das Tor hinter ihnen schloss, sank Zahra mit einem erleichterten Aufseufzen gegen einen Marmorpfeiler und sah noch lange in die Richtung, in der die Männer verschwunden waren. Sie war froh und dankbar, dass alles glimpflich ausgegangen war, froh vor allem für diesen Don Gonzalo, wie sie sich eingestehen musste, und lächelte – ohne zu begreifen, wieso.

2.

Granada

15. August 1478

Ans Fenster gelehnt, lauschte Aischa mit düsterer Miene Zahras Bericht.

»Hassan ist ein Holzkopf«, murrte sie anschließend. »Wie kann er den Christen drohen, ohne sich zuvor der Treue unserer Verbündeten in Afrika zu versichern und ohne für einen Krieg überhaupt gerüstet zu sein?« Mit einem Mal stieß sie sich vom Fensterrahmen ab und lachte auf. »Immerhin hat das Ganze auch ein Gutes: Die Absage an das kastilische Königspaar dürfte Hassans Christenhure so manch schlaflose Nacht bereiten.« In ihre großen, dunklen Augen trat ein schadenfrohes Leuchten. »Dieses hinterhältige Weibsstück hat doch schon ihren ältesten Bastard auf unserem Thron gesehen und ihn im Geiste bereits mit der Tochter der christlichen Könige vermählt! Wenn sich Hassan endlich wieder auf seine maurischen Wurzeln besinnt, kann das für meinen Sohn und seine Rückkehr in die Alhambra nur von Vorteil sein. Du weißt ja, dass Boabdil nur deswegen im Exil lebt, weil diese Isabel de Solís vor einigen Jahren einen Anschlag auf ihn geplant hatte …«

Zahra nickte. Jeder in Granada wusste das – und auch, dass Hassan Isabel nie deswegen zur Rechenschaft gezogen und seither überdies selbst einige Mordanschläge auf seinen Sohn angezettelt hatte.

»Meint Ihr, dass es jetzt Krieg geben wird?«, fragte Zahra bang.

»Wer weiß? Aber vielleicht kann dieser Konflikt auch ganz andere Entwicklungen in Gang setzen.« Aischa blickte Zahra bedeutungsvoll an. »Der Allmächtige ist weise. Ich werde ihn bitten, dass er mir die Kraft und die nötige Weitsicht gibt, meine Schritte in die richtige Richtung zu lenken, auf dass schon bald der Einzige auf dem Thron Granadas sitzt, dem er zusteht: mein Erstgeborener!«

Sie machte eine Geste, die Zahra zeigte, dass sie für heute entlassen war. Trotzdem zögerte sie zu gehen. In ihrem Kopf schwirrten noch so viele Fragen, Zweifel und Ängste … Aber Aischa ließ sie einfach stehen und zog sich in ihr Schlafgemach zurück. Seufzend legte Zahra ihren Schleier und den Hidschab an. Vor der Tür traf sie auf Kafur. Der schwergewichtige Eunuch hielt Aischa gemeinsam mit zwei weiteren Haremswächtern unwillkommene Besucher vom Leib und warnte sie rechtzeitig vor Hassans Nahen.

»Nanu, Sternchen«, rief er erstaunt. »Sollst du etwa schon nach Hause gehen?«

»Scheint so …« Zahra zuckte mit den Achseln.

Kafur nickte den anderen Wächtern zu. »Ich begleite sie.«

Für Mädchen aus guter Familie schickte es sich nicht, allein aus dem Haus zu gehen. Zahra war erleichtert, dass Kafur selbst mit ihr kam, obwohl der lange Weg für den gichtgeplagten Eunuchen recht anstrengend war. Doch gerade nach diesem Tag sehnte sie sich nach Wärme, Schutz und Geborgenheit – und niemand am Hof strahlte so viel davon aus wie der gute, alte Kafur. Sie folgte ihm aus dem Palast und durch die engen Gassen Granadas. Als sie ihr Elternhaus erreicht hatten, klopfte Zahra dreimal kurz hintereinander an die schwere Holztür. Beinahe augenblicklich öffnete ihr Tamu. Die stämmige Berberin, eine Frau mit unverwüstlicher Gesundheit und einem von tiefen Falten durchzogenen Gesicht, war ihre älteste Dienerin. Wie stets brachte Zahras Rückkehr ihre alten Augen zum Leuchten.

»Friede sei mit Euch, liebes Kind!« Sie verbeugte sich und fuhr sich mit der linken Hand grüßend über Brust und Stirn. »Wie froh ich bin, Euch wohlbehalten wieder hier zu sehen!«

»Friede auch mit dir, Tamu«, erwiderte Zahra und nickte Kafur zum Abschied dankend zu. »Wir sehen uns dann nächste Woche wieder!«

Tamu schloss die Haustür, und sie standen allein in dem L-förmigen Eingangsbereich, der typisch für arabische Häuser war: Selbst wenn die Tür geöffnet war, konnte niemand von der Straße ins Haus oder in den Patio sehen, so dass die Frauen vor den Blicken Fremder geschützt waren.

»Eure Mutter wird sich freuen, dass Ihr schon zurück seid«, sagte die gute Alte. »Die Familie hat sich gerade im Patio zum Essen niedergelassen. Zum ersten Mal seit Tagen sind die Temperaturen dort dank der auffrischenden Brise wieder erträglich!«

Zahra nickte und ließ sich von Tamu ihren Niqab und den Hidschab abnehmen. Als Zahra ihr langes, schwarzes, lockiges Haar offen über die Schultern fiel, atmete sie auf. Ihr war, als hätte Tamu außer ihrer Kopfbedeckung auch einen Teil der Ängste von ihr genommen. Sie folgte der Dienerin zu der Schüssel mit frischem Wasser, die diese bereitgestellt hatte, damit sie sich vor dem Essen die Hände waschen und den Mund ausspülen konnte, wie es bei den Muslimen vor und nach den Mahlzeiten Sitte war. Zahra streifte die Ärmel ihrer Tunika hoch, wusch sich die Hände mit der mild nach Sandelholz duftenden Seife und trocknete sie sorgfältig mit dem Handtuch ab, das Tamu ihr reichte.

Plötzlich hielt die alte Berberin ihre Hände fest. »Aber Engelchen! Wo ist denn Euer Schutzring?«

Verwirrt starrte Zahra auf die rechte Hand und drehte und wendete sie, als müsse der Ring so zwangsläufig irgendwo auftauchen.

»Ihr … habt ihn doch nicht etwa verloren?«

»Ich weiß nicht«, stotterte Zahra und suchte nun auch noch die andere Hand ab. Beim Allmächtigen, wo war ihr Ring? Am Morgen, bei Aischa im Comaresturm, da war sie sich sicher, hatte sie ihn noch am Finger gehabt. Beklommenheit kroch in ihr hoch.

»Wir werden ihn wiederfinden, ganz gewiss!« Tamu heftete ihre granitschwarzen Augen auf sie. »Und wenn nicht, werden wir die Propheten bitten, Eurem Schutzgeist den Weg zu Euch zurück zu weisen!«

»Und du meinst, so findet er mich auch ganz bestimmt?«

Tamu nickte. »Geht jetzt in den Patio. Ihr wisst, dass Euer Vater es hasst, wenn jemand zu spät zum Essen erscheint, und er hat sicher schon gehört, dass Ihr da seid!«

Zahra drückte der alten Dienerin die Hand und hätte sie am liebsten nicht wieder losgelassen. Seit sie wusste, dass sie den Ring mit ihrem Schutzgeist verloren hatte, erschienen ihr die Ereignisse dieses Tages in einem noch viel unheimlicheren Licht …

 

Am Ende des Hausflurs wehte Zahra zusammen mit einem auffrischenden Lüftchen der angenehm süßliche Duft entgegen, welcher der Blumenpracht des weitläufigen Patios entströmte. In das sanfte Plätschern des Springbrunnens in der Mitte des Patios mischten sich die Stimmen ihrer Familie, die hinter den blühenden Oleanderbüschen saß. Wie immer hatten die Diener den niedrigen Esstisch mit einem feinledernen Tuch überzogen und für das Abendessen, die wichtigste Mahlzeit des Tages, das edle Porzellan und kunstvoll geformte Gläser gedeckt. Als Zahra ihre jüdische Freundin Deborah entdeckte, hätte sie diese am liebsten sofort in die Arme geschlossen, aber die Sitte verlangte, dass sie sich zuerst ihrem Vater zuwandte. Abdarrahman as-Sulami thronte am Kopfende des Tisches auf einem weichgepolsterten Podium und erzählte seiner Frau gerade von einem Besuch bei Freunden. Als Zahra vor ihn trat und ihn mit einem ehrerbietigen »Salam aleikum« begrüßte, blickte er zu ihr auf.

»Möge Allah, er ist erhaben, dich segnen«, erwiderte er. Seine tiefschwarzen Augen unterzogen sie einer strengen Prüfung. Vorsorglich verbarg Zahra die Hand mit dem fehlenden Schutzring unter dem Ärmel ihrer Tunika. Das Letzte, wonach ihr nach diesem Tag zumute war, war eine Standpauke ihres Vaters wegen ihrer Unachtsamkeit. Erst nach etlichen Atemzügen gab er ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass sie nun ihre Mutter begrüßen dürfe. Leonor, die am gegenüberliegenden Kopfende saß, schloss Zahra liebevoll in die Arme und küsste sie auf beide Wangen. Unwillkürlich atmete Zahra tief ein. Sie liebte den feinen Blütenduft, der von dem samtigen, kastanienbraunen Haar ihrer Mutter ausging und für sie untrennbar mit ihr verbunden war.

»Wie schön, dass du schon da bist«, sagte Leonor und drückte sie noch einmal herzlich an sich.

Rechts von ihr saß Zahras vier Jahre jüngere Schwester Zainab, ein schmächtiges, blasses Mädchen mit großen, graublauen Augen, das wegen seiner Kränklichkeit nicht nur von der Dienerschaft verhätschelt wurde. Zahra wuschelte ihr neckend durch die feinen, aschblonden Locken und lächelte ihrer Halbschwester Hayat, die neben Zainab saß, herzlich zu. Während Hayat früher wegen ihres immerhin zehnjährigen Altersunterschieds wie eine zweite Mutter für sie gewesen war, verband sie mittlerweile eine herzliche Freundschaft. Anschließend wandte sie sich der anderen Tischseite zu, zog Deborah mit einem tiefen Seufzer an sich und strich ihrem vier Jahre älteren Bruder Raschid, der neben ihrem Vater saß, über den Arm. Sie liebte und verehrte Raschid, der von ihrer Mutter nicht nur die braunen Locken und die bernsteinfarbenen Augen geerbt hatte, sondern auch ihre sanfte Heiterkeit, ihre Güte und einen untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit. Sie war froh, dass er und Deborah im nächsten Frühjahr heiraten würden und Deborah danach ganz zu ihrer Familie gehörte. Eheschließungen zwischen Juden und Mauren entsprachen zwar nicht den Sitten, aber Deborahs Vater, ein Arzt, hatte Leonor nach der Geburt von Zainab das Leben gerettet. Hernach hatte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den Männern entwickelt, so dass sie mit der Hochzeit ihrer verliebten Kinder voll und ganz einverstanden gewesen waren.

Zwei Diener brachten einen scharf gewürzten und verlockend duftenden Lammbraten, in Korianderöl gebratene Fleischbällchen und eine große Schüssel Reis. Während der eine Diener der Sitte entsprechend zunächst den Hausherrn, dann Raschid und anschließend die Frauen bediente, holte der andere winzige gefüllte Blätterteigpasteten, Salate und in Joghurt getränkte Kichererbsen aus der Küche und füllte die Gläser mit frisch zubereitetem Apfelsaft. Alkohol wurde bei den Sulamis nicht ausgeschenkt; Abdarrahman achtete in seinem Haus auch in diesem Punkt streng auf die Einhaltung der Regeln des Korans.

»Man hört, dass es heute im Palast einige Aufregung gab«, wandte er sich an Zahra. Die Frage ihres Vaters erfüllte sie mit Unbehagen. Unsicher, was sie erwidern sollte und vor allem auch erwidern durfte, rutschte sie auf ihrem Kissen hin und her.

Abdarrahman strich sich über sein schwarzes Bärtchen, in dem sich wie in seinem dichten, krausen Haar schon seit einigen Jahren silberne Fäden zeigten. »Was zierst du dich denn so? Du willst mir doch nicht weismachen, dass ihr nicht mitbekommen habt, wie viele wichtige Leute heute im Thronsaal ein und aus gegangen sind? Jeder weiß, dass Aischa überall ihre Spione hat – und ganz sicher hast auch du etwas aufgeschnappt. Schließlich musst du doch immer in alles deine Nase hineinstecken!«

Zahra schluckte. »Ich … Also, eigentlich weiß ich wirklich nichts. Die Sultanin war heute leidend und lag die meiste Zeit über allein in ihrem Schlafgemach.«

Was sollte sie sonst sagen? Schließlich konnte sie ihrem Vater kaum gestehen, dass sie seit wenigen Stunden selbst eine der Spioninnen Aischas war.

Ihr Vater musterte sie noch einen Moment und begann dann zu essen. Zahra ahnte, dass er ihr kein Wort glaubte und sie sich später sicher noch einmal unter vier Augen vorknöpfen würde. Sie fuhr mit dem Löffel durch den Reis, ohne zu essen.

»Was hat Aischa denn?«, fragte Leonor, die der Sultanin sehr zugetan war. Als Abdarrahman sie geheiratet hatte, war sie von den adligen maurischen Damen zunächst geflissentlich ignoriert worden. Sie hatten es unter ihrer Würde angesehen, mit einer ehemaligen Sklavin zu verkehren, und sich auch nicht davon beeindrucken lassen, dass Leonors Vater dem kastilischen Hochadel angehörte. Erst nachdem Aischa Leonor mehrmals in den Palast eingeladen hatte, hatten sich auch die Türen anderer maurischer Adelshäuser für sie geöffnet.

»Es … es war wohl vor allem die Hitze, die Aischa zugesetzt hat«, antwortete Zahra ausweichend. Noch ehe ihre Mutter nachfragen konnte, platzte Yazid in den Patio und dröhnte seinem Vater triumphierend entgegen: »Jetzt endlich werden wir es den verfluchten Ungläubigen zeigen!«

Unwillig sah Abdarrahman von seinem Teller auf. »Auch wenn ich sehr wohl auf die neusten Nachrichten vom Hof erpicht bin, ist das wohl kaum eine angemessene Begrüßung zum Abendessen, mein Sohn!«

Unbeeindruckt ließ Yazid sich auf den Platz neben seinem Vater fallen. »Der Emir hat den Kastiliern endlich die Stirn geboten!«

Abdarrahman ließ sein Messer sinken. »Was soll das heißen?«

»Ganz einfach: Hassan hat die christlichen Gesandten mit ihren alljährlichen Tributforderungen zum Teufel gejagt – und recht hat er!«

»Wie kannst du das sagen?« Abdarrahman schob seinen Teller von sich. »Wir haben Verträge mit den Kastiliern, schon seit 1236, als sich der damalige Emir Mohammed König Fernando von Kastilien als Vasall unterstellt hat. Wir müssen die Tribute zahlen, um hier in Frieden leben zu können, und um unsere Truppen ist es derzeit bei weitem nicht so gut bestellt, dass wir einem größeren Angriff trotzen könnten!«

»Aber Vater, ohne unsere Tributzahlungen haben die Kastilier doch gar nicht die finanziellen Möglichkeiten, um Krieg gegen uns zu führen, zumal sie allein schon der Krieg gegen Portugal ein Vermögen kostet. Außerdem müssten sie, um gegen uns losschlagen zu können, erst einmal in ihrem eigenen Land Frieden schaffen. Die eigensinnigen kastilischen Adligen machen nicht erst, seit Isabel und Fernando vor vier Jahren den kastilischen Thron bestiegen haben, was sie wollen, und werden sich hüten, Isabel gegen uns zu unterstützen, weil sie viel zu große Furcht vor einem Vergeltungsschlag haben. Schließlich grenzen ihre Ländereien an die unseren – und ihre Köpfe werden die ersten sein, die wir aufspießen, wenn sie uns zu Leibe rücken!«

»Trotzdem hat Hassan kein Recht, einen Krieg anzuzetteln, ohne sich zuvor mit uns zu beraten!«

»Hassan ist der Emir, und er kann tun, was er für richtig hält«, widersprach ihm Yazid. »Außerdem war ein Großteil seiner Berater bei dem Gespräch mit den christlichen Gesandten anwesend, und niemand hat sich seinem Vorgehen widersetzt! Vater, die Zeiten haben sich geändert, und es ist gut, dass auch Hassan dies endlich erkennt. Wir müssen uns gegen die Kastilier erheben, wenn wir von ihnen nicht immer mehr in die Enge getrieben werden wollen! Habt Ihr schon vergessen, dass unseren Vätern einmal das ganze Land mit Córdoba als blühender Hauptstadt gehört hat? Vor fünfhundert Jahren war Córdoba eine dichtbevölkerte Stadt mit über vierhundert Moscheen, sechshundert öffentlichen Bädern und zahllosen Medressen, deren Bibliotheken Tausende von Büchern beherbergten – und wie sieht es dort aus, seit die Kastilier es zurückerobert haben? Und dann die Schikanen und Erniedrigungen, die unsere Landsleute, die dort trotz allem weiter leben, seither ertragen müssen! Soll eines Tages auch Granada dieses Schicksal ereilen? Außerdem hat der Emir für morgen eine Versammlung einberufen.«

»Er hätte sich vorher mit uns beraten müssen«, beharrte Abdarrahman. »Die Tributzahlungen tun uns nicht weh, der Tod unserer Söhne dagegen sehr!«

»Das sieht die Mehrheit der Bewohner Granadas mittlerweile anders«, behauptete Yazid. »Vergesst nicht, wie oft die Kastilier in den letzten Monaten in die Vega eingefallen sind und wie viele Tote und welch grauenhafte Verwüstung sie dort hinterlassen haben. Das kann niemand länger hinnehmen wollen!«

Atemlos verfolgte Zahra das Gespräch zwischen ihrem Vater und Yazid. Sie sah, wie Raschid sein Messer ablegte und sich seinem Halbbruder zuwandte.

»Vater hat recht«, meinte er. »Wir können einen Krieg derzeit nicht gewinnen. Man darf Isabel nicht unterschätzen, nur weil sie eine Frau ist. Sie ist eine sehr starke Königin, und es ist eine unbestrittene Tatsache, dass sie in den wenigen Jahren, die sie erst regiert, ihr Land schon deutlich mehr in den Griff bekommen hat als ihr verstorbener Halbbruder Enrique1. Außerdem ist ihr Gemahl ein kluger Stratege und erfahrener Heerführer!«

»Das war ja zu erwarten, dass du dich auf die Seite der Christen schlägst.« Yazid maß ihn mit einem abfälligen Blick. »Aber wie solltest du auch nicht: Du bist ja selbst ein halber!«

»Solche Sätze will ich hier nicht hören!« Abdarrahman warf seinem Ältesten einen warnenden Blick zu. »Raschid ist ebenso ein Moslem wie du und seine Mutter, seit sie zu unserem Glauben übergetreten ist!«

Zahra sah, wie er ihrer Mutter zunickte, die ihm mit einem feinen Lächeln dankte. Aber auch für Yazid hatte ihre Mutter ein Lächeln. Zahra bewunderte sie für den Gleichmut, den sie gegenüber den Attacken ihres Halbbruders ob ihrer Herkunft an den Tag legte. Friede, einfach nur Friede, wenigstens hier in unserem Haus, das war alles, was in den Augen ihrer Mutter zu lesen war.

»Raschid ist ein Feigling – wie alle Christen!«, hetzte Yazid weiter.

Raschid schoss von seinem Platz hoch, doch Abdarrahman packte ihn am Arm und drückte ihn zurück. »Du bleibst sitzen!«, befahl er ihm. »Und du, Yazid, mäßigst deine Worte! Ich will nicht, dass ihr den Krieg zwischen den Mauren und Christen in unser Haus tragt, noch ehe er begonnen hat.«

»Dieser Krieg wäre auch für uns ein großes Unglück«, warf Deborah schüchtern ein. Wie alle Juden hatte auch sie viel von den Gewalttätigkeiten und Verfolgungen der Kastilier gegen ihre Glaubensbrüder gehört und fürchtete nichts mehr, als dass die Christen in das Maurenreich eindringen und sie des Schutzes, den die Mauren ihnen boten, berauben könnten.

Yazid sah sie an und verspürte nicht zum ersten Mal eine ihm fast die Sinne raubende Lust, dieses scheue Reh einmal unter sich liegen zu haben und ihr zu zeigen, wie sich ein echter Maure anfühlte, ehe Raschid nach ihrer Hochzeit seinen schwachen Christenschwanz in sie steckte. Noch ehe er etwas erwidern konnte, ergriff Hayat das Wort.

»Ein Krieg wäre für uns alle ein Unglück!«, sagte sie und blickte Yazid direkt an. »Und das sage ich nicht, obwohl, sondern gerade weil in meinen Adern maurisches Blut fließt. Nur der Friede sichert uns allen ein gutes Auskommen.«

»Allmählich frage ich mich, in was für einem Haus ich hier eigentlich lebe. Verräter am wahren Glauben seid ihr, ihr alle miteinander. Aber was will man auch anderes von einem Haus erwarten, in das eine christliche Sklavin einheiraten durfte!«

Ohne Vorwarnung klatschte Yazid der Handrücken seines Vaters ins Gesicht. »Dergleichen will ich nie wieder von dir hören!«

Es folgte ein Moment völliger Stille. Mit vor Zorn sprühenden Augen starrte Yazid seinen Vater an und wischte sich ein feines Rinnsal Blut unter der Nase weg.

Gebannt sah Zahra zwischen ihrem Vater und ihrem Halbbruder hin und her. Yazid warf Raschid einen hasserfüllten Blick zu, sprang von seinem Platz auf und rannte davon.

 

Die Stimmung während des Essens blieb gedrückt, so dass sich die meisten nach dem Dessert in ihre Räume zurückzogen. Einzig Zahra und Deborah blieben im Patio und ließen sich am Springbrunnen nieder, um endlich ungestört miteinander reden zu können. Doch kaum hatten sie die ersten Sätze gewechselt, kam Tamu und erklärte Zahra, dass ihr Vater sie in seinem Arbeitszimmer zu sehen wünsche.

Zahra stöhnte auf. »Beim Allmächtigen, die Vorfälle im Palast – eigentlich hatte ich gehofft, dass Vater von Yazid schon genug erfahren hat.«

»Ich glaube nicht, dass er Euch deswegen zu sich ruft«, erwiderte Tamu. »Auch nach Hayat hat er schicken lassen.«

Zahra hob erstaunt die Augenbrauen.

»Jetzt geht schon; Ihr wisst, wie ungern Euer Vater wartet!«

Zahra erhob sich, aber ehe sie sich auf den Weg machte, fragte sie Deborah noch, wie lange sie bleiben würde.

»Keine Sorge, meine Eltern erwarten mich nicht vor morgen zurück. Wir werden also die ganze Nacht zum Reden haben. Tamu hat meine Sachen in dein Zimmer gebracht!«

»Na, das ist doch wenigstens mal eine gute Nachricht«, freute sich Zahra und gab endlich Tamus Drängen nach.

 

Mit gebeugtem Rücken und über den Knien verschränkten Armen saß Abdarrahman auf dem Diwan, der seinem Schreibtisch gegenüberstand. Zu seinen Füßen lagen Sitzkissen, auf einem hatte Hayat bereits Platz genommen, ein anderes wies er Zahra mit einer bloßen Kinnbewegung zu. Bevor er zu reden begann, sah er seine beiden ältesten Töchter nachdenklich an.

»Ich denke, dir, Zahra, ist ebenso klar wie Hayat, dass dieser Krieg, wenn er tatsächlich über uns kommt, nur Unglück über uns bringen kann«, ergriff er schließlich das Wort. »Ihr wisst, dass ich mich nicht gern von den Ereignissen überraschen lasse, sondern lieber beizeiten plane und handele. Aus diesem Grund möchte ich, dass du, Hayat, möglichst bald zu deinem Mann nach Fès zurückkehrst, um dich hier keiner unnötigen Gefahr auszusetzen, und dass du, Zahra, deinen Mann nicht im übernächsten, sondern bereits im nächsten Frühjahr heiratest.«

»Vater, ich bitte Euch, jedes Jahr, das Ihr mir mit ihm erspart, ist eines mehr, in dem ich leben kann!«, begehrte Zahra auf. »Kamal ist dermaßen langweilig …«

»Was fällt dir ein, so respektlos von deinem zukünftigen Mann zu reden?«, fiel Abdarrahman ihr ins Wort. »Außerdem ist Kamal keineswegs langweilig, sondern trotz seiner jungen Jahre bereits ein angesehener Gelehrter, und du solltest froh sein, dass wir für dich nicht nur einen wohlhabenden, sondern überdies auch einen gebildeten Mann gewählt haben! Im Übrigen hast du Kamal erst ein einziges Mal und das nur für einen kurzen Moment gesehen. Wie kannst du dir da ein Urteil erlauben?«

Zahra blies die Backen auf. Ich weiß eben, was ich weiß, sollte das heißen, es auszusprechen wagte sie allerdings nicht. Sie wusste nicht, wie viel Geduld ihr Vater noch aufbringen würde, nachdem Yazid ihn schon so erzürnt hatte. Alles hätte sie darum gegeben, ihren Vater von seiner Wahl abzubringen, doch sie wusste, dass es ihr nicht zustand, ihn zu kritisieren. Aber wenn er die Hochzeit wenigstens noch ein wenig hinausgeschoben hätte …

»Gerade heute habe ich einen Brief von Kamal erhalten«, fuhr ihr Vater fort. »Er wird im nächsten Jahr an der Medresse von Fès lehren und schon bald dorthin übersiedeln. Ich dachte, ihr würdet euch freuen, dass ihr euch in Fès also regelmäßig sehen könnt.«

Zahra und Hayat tauschten einen Blick. Zahra erkannte, dass ihre Halbschwester von den Plänen ihres Vaters nicht weniger erschüttert war als sie – und sie wusste auch, warum: Hayat hasste ihr Leben in Fès. Sie mochte ihren Mann nicht, und auch er hatte nicht viel für sie übrig – aber dafür umso mehr für seine zweite Frau. Seit er diese geheiratet hatte, fühlte sich Hayat in Fès wie ein Gast im eigenen Haus und hatte vor Heimweh schon so manche Nacht durchgeweint. Da ihr Mann und sie einander meist aus dem Weg gingen, war sie, im Gegensatz zu seiner zweiten Frau, bislang auch noch nicht schwanger geworden, was ihre Stellung im Haus weiter untergrub, galt Mutterschaft doch als die wichtigste Aufgabe der muslimischen Frau. Da Leonor im Winter schwer erkrankt war, hatte ihr Mann Hayat gestattet, ihre Stiefmutter eine Zeitlang zu pflegen. Leonor hatte aus den beiden Jahren ihrer Sklavenzeit eine schwache Gesundheit zurückbehalten und litt oft unter wochenlangen Fieberanfällen, die sie jedes Mal so sehr schwächten, dass man um ihr Leben bangen musste. Seit einigen Monaten ging es ihr nun wieder gut, aber Hayat hatte ihre Rückreise mit immer neuen Ausflüchten hinausgezögert.

»Das war alles, was ich euch mitteilen wollte.« Abdarrahman entließ seine Töchter mit einem Kopfnicken. Hayat erhob sich rasch und mit verschlossener Miene, Zahra jedoch zögerte und überlegte, ob sie nicht doch noch einmal mit ihrem Vater reden sollte, beschloss dann aber, es an einem Tag zu versuchen, an dem er zugänglicher war als heute. So folgte sie ihrer Halbschwester und zog die Tür hinter sich zu. Als sich ihre und Hayats Augen erneut begegneten und sie den Kummer in den Augen der anderen sah, wurde es Zahra noch schwerer ums Herz. Sie umarmte Hayat, und wenn sie nicht ausgerechnet vor dem Arbeitszimmer ihres Vaters gewesen wären, hätte sie ihr in diesem Moment vielleicht sogar von Don Gonzalo erzählt und sie gefragt, warum sie am Mittag beim Gedanken an ihn immer hatte lächeln müssen …

3.

Sevilla

23. August 1478

Als Gonzalo an diesem Morgen das Wartezimmer des Empfangssaales im Alcázar von Sevilla betrat, um der Königin von dem Besuch in Granada zu berichten, lief Don Juan dort schon ungeduldig auf und ab. Sein prächtiger Purpurumhang flatterte ihm wie eine Wetterfahne im Sturm hinterher. Gonzalo begrüßte ihn mit einer angedeuteten, kaum noch als höflich zu bezeichnenden Verbeugung, die Don Juan mit grimmigem Kopfnicken erwiderte. Gonzalo ahnte, dass auch ihm die hitzige Auseinandersetzung, die sie auf ihrem Rückweg nach Sevilla »wegen des Maurenpacks« – so Don Juan – gehabt hatten, noch unter der Haut brannte. Gonzalo räusperte sich und ergriff als Erster das Wort. »Ich hoffe, Ihr habt Euch inzwischen von den Strapazen der Rückreise erholt.«

»Als ob einem alten Krieger wie mir so ein kleiner Ritt etwas ausmachte!« Don Juan blieb stehen und maß ihn mit einem verächtlichen Blick. »Aber es ist eben, wie ich Euch schon in Granada gesagt habe: Ihr Jungen habt nicht mehr das rechte Blut in den Adern, und deswegen müssen wir Alten zusehen, dass wir mit den Mauren fertig werden, ehe in unseren Truppen immer mehr Hasenfüße wie Ihr herumlaufen!«

Gonzalo beschloss, die Beleidigung zu überhören. Ein weiterer Streit mit Don Juan konnte seinem Vorhaben kaum dienlich sein, und so erwiderte er freundlich: »Ich bin mir sicher, dass wir mit der Zeit noch viel von Euch lernen werden« und zwang sich zu einem liebenswürdigen Lächeln, womit er Don Juan immerhin ein selbstgefälliges Grummeln entlockte.

»Ich habe gehört, dass Ihr mich gesucht habt …«

Gonzalo nickte. »Ich wollte mit Euch noch einmal in Ruhe über den Vorfall im Löwenhof reden.«

»Ich weiß nicht, was es da noch zu reden gibt. Es war, was es war – eine unerhörte Beleidigung unserer Heiligen Jungfrau und des Gottessohnes, die gesühnt werden muss!«

»Es war die dumme Bemerkung eines hitzköpfigen jungen Mannes, die dieser inzwischen gewiss bereut«, versuchte Gonzalo, ihn zu beschwichtigen, obwohl auch er nicht an diese Reue glaubte. Aber es lag ihm viel daran, den Unmut der Königin über die Mauren nicht noch mehr zu schüren. Jeder wusste, wie empfindlich sie auf Schmähreden gegen die christliche Lehre reagierte. »Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, diesen kleinen Zwischenfall Isabel gegenüber nicht zu erwähnen.«

»Ihr wollt der Königin verheimlichen, welch unglaubliche Beleidigung unserer Jungfrau und unseres Gottessohns wir in diesem arabischen Sündenpfuhl haben hinnehmen müssen?« Don Juan rang vor Empörung nach Luft.

»Aber sie ist doch unbedacht und in blinder Wut dahingesagt worden!«

»Dieses ganze Volk besteht nur aus Unbedachten und Blinden«, echauffierte sich Don Juan. »Und deswegen wird es Zeit, dass wir endlich mit ihnen aufräumen! Die Königin hat ein Recht darauf, zu erfahren, wie dieses Heidenpack unseren Glauben verhöhnt!«

Gonzalos Miene verhärtete sich. »In diesem Fall werde ich der Königin leider nicht vorenthalten können, dass Ihr diese Beleidigung provoziert habt.«

Don Juans kleine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Etwas anderes ist von so einem Landesverräter wie Euch auch nicht zu erwarten, aber warten wir ab, wessen Worte bei der Königin mehr Gewicht haben: die eines altverdienten Mitstreiters der christlichen Krone – oder die eines Emporkömmlings wie Euch, der wegen seiner Protesthaltung schon einige Jahre im Gefängnis gesessen hat und ohnehin als Maurenliebhaber verschrien ist!«

»Mit Verlaub, mein Herr, war ich nicht im Gefängnis, sondern in der Burg des Conde de la Cabra festgesetzt, und dann richtete sich mein Vorgehen damals keinesfalls gegen die Königin, sondern einzig und allein gegen ihren machthungrigen Halbbruder Enrique – und war damit durchaus im Sinne unserer geschätzten Majestät. Und nur weil ich die arabische Sprache gelernt und in meiner Jugend einige Zeit bei einem Onkel in Granada gelebt habe, bin ich noch lange kein Maurenliebhaber. Genau wie meine Familie stand ich schon immer auf der Seite Isabels und ihres Bruders …«

»Gerade wegen Eurer Familie verstehe ich nicht, wie Ihr so für die Mauren eintreten könnt«, fiel Don Juan ihm ins Wort. »Hat Euer älterer Bruder Alonso seine Ländereien nicht schon oft genug unter Einsatz seines Lebens gegen dieses maurische Diebespack verteidigen müssen? Und welche Lobreden man über Euren jüngeren Bruder Jaime hört: Er hat sich bereits bei mehreren Schlachten als heldenhafter Krieger hervorgetan. Ihr dagegen erweckt den Eindruck, als würdet Ihr lieber heute als morgen zu den Heiden überlaufen!«

»Ihr wisst genau, dass ich der Königin ein treuer Vasall bin und ihr folgen werde, wohin immer sie es mir befiehlt«, erwiderte Gonzalo mit neu aufflammendem Ärger. »Aber das bedeutet nicht, dass ich ihr raten muss, unser Volk und das der Mauren wegen der dahingeworfenen Worte eines Heißsporns in einen Krieg zu treiben, der über uns alle nur Unheil bringen kann.«

»Ach, und was ist mit der Weigerung der Mauren, weiter die Tribute zu entrichten? Und der Drohung des Sultans selbst? Säbelklingen und Lanzenspitzen – wollt Ihr auch das vor der Königin schönreden?«

»Bisher haben sich die Mauren noch immer in das Unvermeidliche gefügt, und das werden sie auch diesmal, wenn wir diplomatisch vorgehen.«

Don Juan und Gonzalo maßen sich mit einem langen Blick. Gonzalo ahnte, dass sein Widersacher sich fragte, wie gefährlich er ihm werden konnte, und der gleiche Gedanke schoss auch ihm durch den Kopf. Don Juan wusste gewiss, dass Gonzalo von seiner Familie, den Aguilars, im Zweifel kaum Unterstützung zu erwarten hatte. Als Erstgeborener hatte sein Bruder Alonso nach dem frühen Tod des Vaters, wie es der Sitte entsprach, die Ländereien geerbt und erwartete, dass Gonzalo selbst zusah, wie er sich durchs Leben brachte. Auch die Tatsache, dass Alonso letztes Jahr für Gonzalo die Hochzeit mit der nicht unvermögenden Leonore Sotomayor eingefädelt hatte, war keineswegs Ausdruck von Bruderliebe und Fürsorge, sondern lediglich Zeichen seiner Geschäftstüchtigkeit: Die familiäre Verbindung mit dem Haus Sotomayor hatte Alonso wichtige Handelsbeziehungen eingebracht. Doch auch wenn Gonzalo nicht mit der Rückendeckung seiner Familie rechnen konnte, so musste Don Juan zumindest seine entfernte Verwandtschaft mit König Fernando mit in die Waagschale legen. Besondere Vorteile hatte Gonzalo daraus zwar noch nicht gezogen, sondern sich wie jeder andere am Hof vom Page aus mühsam hocharbeiten müssen, aber trotzdem sollte ihm diese Tatsache einen gewissen Schutz vor Verunglimpfungen bieten. Don Juans Verhältnis zu den Königen war ein anderes: Er unterstützte Isabel und Fernando im Krieg gegen Portugal mit Gold und Soldaten und führte für sie kleinere Scharmützel gegen die Mauren, die allerdings gerade in der letzten Zeit mehrere anerkennenswerte Landgewinne eingebracht hatten …

»Wenn ich an Eurer Stelle wäre«, unterbrach Don Juan Gonzalos Gedankengang mit süffisantem Lächeln, »würde ich meinen Mund nicht so voll nehmen. Immerhin kursieren am Hof Gerüchte, die unserem König Fernando kaum gefallen dürften!«

»Gerüchte? Was für Gerüchte denn?« Gonzalo hob erstaunt die Augenbrauen. »Jeder weiß, wie ergeben ich der Königin bin!«

»Da sagt Ihr es ja selbst«, frohlockte Don Juan. »Aber selbst wenn unser geschätzter König inzwischen fünf Bastarde gezeugt hat, wage ich doch zu bezweifeln, dass er Ähnliches bei seiner Frau hinnehmen würde. Und wenn Ihr mir gleich in mein Gespräch mit der Königin reinredet, könnte es durchaus sein, dass ich selbst dazu beitrage, dass diese Gerüchte ihm recht bald zu Ohren kommen!«

Gonzalo wurde blass. Jetzt wusste er, worauf Don Juan anspielte: Am Hof erzählte man sich, dass Isabel einen wahren Narren an ihm gefressen habe – was den Kern seiner Beziehung zu Isabel seiner Ansicht nach zwar nicht im Entferntesten traf, aber er nahm an, dass die stets gelangweilten Hofdamen sich ein Vergnügen daraus machten, das Ihre zu diesen Gerüchten beizutragen. Er sah, wie sich Don Juan zufrieden über sein Bärtchen strich.

»Ich sehe, wir verstehen uns, mein Herr«, grinste er.

»Nein, mein Herr, wir verstehen uns nicht!« Allein die Empörung über Don Juans Unterstellung hatte Gonzalo für den Moment die Sprache verschlagen. »Und Ihr wisst, dass Eure Worte eine Majestätsbeleidigung sind, die Euch den Kopf kosten kann! Entweder Ihr entschuldigt Euch auf der Stelle, oder Ihr …«

»Gar nichts werde ich«, erwiderte Don Juan und trat so dicht vor Gonzalo, dass diesem dessen stark nach Knoblauch riechender Atem ins Gesicht schlug. »Aber Ihr werdet Euch gleich bei der Königin mit Euren maurenfreundlichen Kommentaren zurückhalten, sonst schwöre ich Euch, dass Eure Karriere am Hof schneller beendet sein wird, als Ihr Euren Hintern auf Euer Pferd wuchten könnt!«

Im dem Moment öffnete sich die Tür zum Empfangssaal der Königin; ein ganz in Königsblau gekleideter Diener nahm ihnen die Umhänge ab und forderte sie auf einzutreten. Gonzalo sah zwischen ihm und Don Juan hin und her – und wusste, dass er dem untadeligen Ruf der Königin zuliebe Don Juan zumindest für den Moment die Antwort schuldig bleiben musste.