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Der Roman beruht auf einer wahren Begebenheit: Von 1936 bis 1945 stellte eine spektakuläre Diebstahlserie in Schweizer Luxushotels die Polizei vor ein Rätsel. Bei über neunzig Einbrüchen wurden Schmuck, Uhren, Geld und sonstige Wertgegenstände im Gesamtwert von heute umgerechnet rund 3,5 Millionen Franken erbeutet. Erst 1946 konnte die Täterin ermittelt und verhaftet werden. Das Leben dieser Frau, die fast ein Jahrzehnt lang für die Ermittlungsbehörden ein Phantom geblieben ist, hat Christine Jaeggi zu ihrem Buch «Die Meisterdiebin» inspiriert. Ihre Protagonistin, die jüdische Kaufhauserbin Elise, flüchtet vor den Nationalsozialisten, die ihr alles genommen haben, aus Wien in die Schweiz. Als Emigrantin erhält sie keine Arbeitsbewilligung. Verzweifelt sucht sie einen Ausweg, um nicht als mittellos zu gelten und die Ausweisung zu riskieren. Zudem muss sie eine hohe Bürgschaft aufbringen, um auch ihre Mutter und ihre Schwester in die Schweiz zu retten. Und sie will Rache nehmen. Ein Nachwort der Journalistin Lena Berger, deren Blog-Artikel «Das 91. Zimmer» die Autorin auf den Fall aufmerksam gemacht hat, bettet den Roman in den historischen Kontext ein.
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Seitenzahl: 493
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Cover
Über das Buch
Impressum
Titel
Prolog
Zürich, 15.–16. Mai 1945
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Zürich, 16.–17. Mai 1945
Epilog
Nachwort zum historischen Hintergrund des Romans
Lena Berger
Schlusswort und Dank
Christine Jaeggi
Über die Autorin
Backcover
Christine Jaeggi
Die Meisterdiebin
Der Zytglogge Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
© 2025 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, BaselAlle Rechte vorbehaltenLektorat: Thomas GierlKorrektorat: Ulrike Ebenritter
Christine Jaeggi
Die Meisterdiebin
Roman
Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.Figuren, Hotels und Juweliere sind fiktiv.
Ein beklemmender Druck legte sich auf sie, als sie mit ihrem Dietrichsatz die 214 entriegelte. Wie immer, wenn sie ein Zimmer betrat, verschaffte sie sich zuerst einen Überblick. Ein schmaler Flur führte direkt in den Schlafraum, sie sah von hier aus das Bettende. Links lag das Bad, in dem sie ihre Suche startete. Ergebnislos. Schleichend näherte sie sich dem Bett, leises Atmen füllte den Raum. Kurz schwenkte sie mit der Taschenlampe über die Nachttische. Nichts. Sie verspürte den Drang, das Licht auf das Bett zu richten, um die Schlafenden zu sehen – doch das Risiko, sie zu wecken, war zu hoch.
Sie entdeckte den Schrank und öffnete ihn, fand auf einem Regalbrett die Wertsachen. Schweizer Franken, eine Brieftasche und eine Breitling-Männeruhr. Mehr nicht? Wo war der restliche Schmuck? Ein Schauer erfasste sie.
Sie zog die andere Schranktür auf. Ein paar Hemden und Hosen hingen ordentlich aufgereiht, am Boden lag ein Koffer. Sie hob den Deckel und ließ die Taschenlampe erneut aufblitzen. Geld! Viel Geld! Aber keine Schweizer Franken, sondern Reichsmark. Die konnten sie getrost behalten. Sie durchwühlte den Koffer und hielt plötzlich inne, als unter den Geldscheinen Goldbarren auftauchten. Unfassbar! Aber wo war der Schmuck? Etwa in der Nachttischschublade? Gerade als sie sich erhob, hörte sie ein Rascheln.
«Was zum ...», ertönte eine Männerstimme aus der Dunkelheit.
Ihr Herz setzte aus, Panik ergriff sie. Reflexartig zog sie die Waffe aus dem Beutel und richtete sie auf das Bett – in dem Moment ging das Licht an.
Ungläubig starrt Elise in die leere Holztruhe und beleuchtet sie mit der Taschenlampe. Wo ist der Schmuck? Das kann nicht sein! Sie hebt die Truhe heraus und wühlt wie eine Wahnsinnige in der kleinen Grube – obwohl es eher unwahrscheinlich ist, dass sie dort etwas findet. Feuchte Erde, Wurzeln, modriges Laub. Weit und breit kein Schmuck. Wie erschlagen setzt sie sich auf den Waldboden. Tannennadeln knirschen unter ihr. Mondlicht dringt durch die Bäume, ein Waldkauz ruft und klingt fast so, als wolle er sie auslachen.
Jemand hat ihre Beute geholt. Nur wer? Zwei Personen wissen zwar von ihrem Versteck, kennen aber den Ort nicht: Harri und ihre Schwester Adele.
Ein Rascheln im Unterholz reißt sie aus ihren Gedanken, sie dreht sich um. Stille.
Während sie die Truhe wieder vergräbt, jagen ihr mehrere Fragen durch den Kopf. Wurde sie beobachtet in jener Nacht vor ein paar Wochen, als sie zuletzt hier war? Sie erinnert sich, dass sie sich verfolgt fühlte wie von einem lauernden Schatten. Oder hat bloß ein Waldtier die Erde aufgescharrt und dadurch einen Jäger, Förster oder Spaziergänger auf die Truhe aufmerksam gemacht? Aber warum wurde sie dann leer wieder eingegraben? Weil die Person sie nicht mitnehmen, aber auch nicht offen herumliegen lassen wollte, antwortet Elises Verstand.
Wie auch immer: Der fehlende Schmuck ist nicht das Problem. Sie braucht ihn nicht. Vielmehr geht es ihr darum, endlich abzuschließen mit diesem Kapitel ihres Lebens; für sich selbst und für Harri.
Eine lähmende Müdigkeit überfällt sie, es ist bereits nach Mitternacht, und die Sehnsucht nach ihrem Bett lässt sie den Rückweg antreten. Während die Dunkelheit des Waldes Elise einhüllt wie eine schwere Decke, überlegt sie die ganze Zeit, was mit dem Schmuck passiert sein könnte.
Am nächsten Morgen fühlt sie sich, als hätte sie in der Nacht ein Panzer überrollt. Grübelnd hat sie wach gelegen, sich im Bett herumgewälzt; ihre Gedanken kreisten um Harri, aber auch um den fehlenden Schmuck. Obwohl sie sich die ganze Zeit einredete, dass ein Spaziergänger zufällig darauf gestoßen sein musste, bereitet ihr die Ungewissheit Sorgen. War es etwa doch Harri? Nein, unmöglich. Adele? Noch unmöglicher.
Verflucht! Sie kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Sie bestellt sich beim Zimmerservice einen Kaffee und trinkt ihn auf dem Balkon. Allmählich spürt sie, wie die Müdigkeit aus ihren Gliedern weicht und die Sinne zurückkehren. Vom See her weht ein frischer Wind über die Bäume und erfüllt Zürich mit einem Blütenduft, der an den ofenwarmen Kirschkuchen ihrer Großmutter erinnert. Die Morgendämmerung taucht die Stadt in ein trübes Blau. Amseln trällern sich Botschaften zu, ein Milchmann pfeift unbeschwert vor sich hin wie ein Wanderknabe. Der Friede ist greifbar an diesem Morgen. Kein Wunder, vor einer Woche endete der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Elise fallen die Worte ihrer Mutter ein: «Der Hitler ist besiegt, jetzt kann ich nachts wieder schlafen. Endlich kehrt Frieden ein.»
Nur: Sie kann nachts nicht schlafen. Und an Frieden glaubt sie nicht. Seit der Aneignung von Landstücken bekriegt sich die Menschheit, weshalb sollte sich das ändern? Ärger überkommt sie. Nicht auf die Menschheit, sondern auf ihre zermürbenden Gedanken. Sie darf sie nicht zulassen, muss nach vorne schauen und sich auf das Gute konzentrieren; wie das neue Leben mit Harri, das sie erwartet. Ein Leben frei von Vergeltungszwängen. Frei von der Angst, gefasst zu werden. Frei von Verpflichtungen. Harri will sie heiraten. Er wird sie abholen, sie werden zusammen auf sein Gestüt fahren und ...
Eine Straßenbahn rattert vorbei und holt Elise so abrupt aus ihrem Tagtraum, dass ihr beinahe die Tasse aus der Hand fällt. Die Zweifel, die sie die ganze Nacht wach gehalten haben, schießen zurück in ihr Bewusstsein wie energische Pfeile, und eine dunkle Wolke aus Angst legt sich um sie.
Wird Harri wirklich kommen? Oder hat ihn ihre Beichte vor ein paar Tagen so abgeschreckt, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will? In Anbetracht seiner Reaktion wäre das durchaus zu erwarten. Wie erschlagen verlässt sie den Balkon, stellt die Tasse auf den Schreibtisch, zündet sich eine Zigarette an und geht im Zimmer auf und ab. Rauch breitet sich um sie aus wie ein Nebelschleier.
War es am Ende doch ein Fehler, Harri alles zu erzählen? Nein. Nach dem Vorfall in Davos konnte sie nicht anders. An jenem Tag hatte sie einsehen müssen, dass ihre Rache ein verheerendes Ausmaß angenommen hatte, und deshalb beschlossen, aufzuhören und ein neues Leben zu beginnen. Dazu gehörte, dass Harri die ganze Wahrheit erfahren sollte, auch wenn sie dabei das Risiko einging, ihn zu verlieren oder er sie im schlimmsten Fall sogar der Polizei ausliefern würde.
Sie schließt die Augen und denkt zurück an ihr Gespräch; wie gut und befreiend es sich anfühlte, dem Mann, den sie liebt und dem sie vertraut, alles zu erzählen. Doch ihr Geständnis erschütterte Harri zutiefst. Sie hatte gewiss keinen Beifall erwartet, aber mit mehr Verständnis gerechnet. Nicht nur wegen der Umstände, die sie zu ihren Taten angetrieben hatten, sondern auch, weil er sie liebt. Doch wie sie da vor der Weide standen, um sie herum zwitschernde Vögel und grasende Pferde in einem gelben Meer aus Löwenzahn, wurde ihr bewusst, dass Liebe ihre Grenzen hat. Mit jedem ihrer Worte wurde Harri blasser. Dabei konnte ihn, Dr. Harald Falkenstein, Tierarzt und Pferdezüchter, für gewöhnlich nichts so schnell aus der Fassung bringen. Aber während ihrer Beichte lehnte er sich kraftlos an den Koppelzaun, die vertraute Wärme in seinen Augen verschwand. Als sie ihm von dem Schmuck im Wald erzählte, betrachtete er sie wie eine Fremde. Er wirkte so distanziert, als hätte er eine unsichtbare Mauer um sich herum errichtet.
«Wie konntest du nur, Elise? Wie konntest du nur?»
Sie brachte keine Antwort hervor und ließ seine darauffolgenden Worte wie einen kalten Regenschauer auf sich niederprasseln. In gewisser Weise konnte sie seine Reaktion nachvollziehen, immerhin hatte er erfahren, dass seine Verlobte eine der meistgesuchten Kriminellen der Schweiz war, so was steckt man nicht so leicht weg. Aber als er ihr Habgier als Motiv vorwarf und sie gar eine «diebische Elster» nannte, verspürte sie den Drang, sich zu verteidigen. Sie versuchte ihm klarzumachen, dass sie keineswegs gestohlen hatte, um sich selbst zu bereichern, sondern allein aus Gerechtigkeitssinn gehandelt hatte. Wie daraus eine Sucht geworden war, die sie nicht mehr kontrollieren konnte. Und dass es doch ihr gutes Recht gewesen sei, sich an denen zu rächen, die ihr und so vielen anderen alles weggenommen hatten. Dass sie eine Art Gleichgewicht hatte herstellen wollen.
Trotz ihrer Begründung ließ sich Harri nicht überzeugen: «Aber du hast offenbar nicht nur Nazis bestohlen», entgegnete er.
«Nein, aber reiche Leute, die nicht auf das Geld angewiesen waren. Meine Familie und ich jedoch brauchten es.»
«Na gut, deine ersten Raubzüge kann man ja noch nachvollziehen, immerhin hast du Geld für die Ausreise benötigt und für die Bürgschaft deiner Familie. Aber danach wart ihr in der Schweiz in Sicherheit. Du hättest nicht mehr stehlen müssen.»
«Doch! Ohne genügend Ersparnisse liefen wir Gefahr, ausgewiesen zu werden. Man hätte uns deportiert! Und wir wissen mittlerweile, wohin. In den Tod!»
Harri rieb sich über das Gesicht, das aschfahl geworden war. «Aber du hast anscheinend so viel gestohlen, dass du mit dem Verkauf nicht mehr nachgekommen bist. Warum sonst hast du den Schmuck im Wald vergraben?»
«Als Reserve. Und ich konnte nicht alles verkaufen. Spezialanfertigungen wie Siegelringe mit Familienwappen zum Beispiel, oder Stücke mit Gravuren, die ich nicht wegschleifen konnte.»
«Nicht wegschleifen», murmelte er kopfschüttelnd, und für einen kurzen Moment stahl sich ein Ausdruck von Verachtung in sein Gesicht. Nur sein Anstand hinderte ihn vermutlich daran, sie unverzüglich vom Gestüt zu verbannen.
«Elise, du weißt, wie sehr ich die Nazis verabscheue, aber sie aus Rache zu beklauen?»
«Sie hatten es verdient!»
«Darum geht es doch nicht! Natürlich hatten sie es verdient. Aber es gibt kein Recht auf Rache oder Selbstjustiz. Beides erfolgt aus Hass, und Hass führt zu noch mehr Hass. Für Gerechtigkeit wird irgendwann ein Gericht sorgen, wenn nicht zu Lebzeiten, dann spätestens vor Gott ... ‹Du sollst nicht stehlen› ist im Übrigen eines der Zehn Gebote!» Mit diesen Worten wandte er ihr den Rücken zu und sah seinem Zuchthengst Esprit nach, der über die Weide trabte, die schwarze Mähne wehend im Wind. Elise wollte etwas zu ihrer Verteidigung erwidern. Dass eine solche Aussage nur von jemandem stammen könne, dessen Leben ohne Unglück verlaufen war, ohne Ungerechtigkeit, ihres aber geprägt sei von beidem. Doch sie realisierte, dass Harri sie längst als Verbrecherin abgestempelt hatte und sie in dem Moment nichts mehr geradebiegen konnte. Zudem musste sie ihm widerwillig recht geben: Hass führt in der Tat zu noch mehr Hass, das hatte sie in Davos eingesehen. Auch, dass ihr Gefühl für Gerechtigkeit etwas aus dem Gleichgewicht geraten war. Davos. Bei dem Gedanken daran stieg ihr ins Bewusstsein, dass Harri die ganze Wahrheit noch gar nicht kannte. Doch auch, wenn sie wollte, durfte sie ihm von dem Mord nichts sagen, weil es dabei nicht um sie ging. So erzählte sie ihm – bis auf den Mord – von dem Vorfall in Davos; hoffte auf Nachsicht, schließlich war sie danach aus dem Delirium erwacht und hatte eingesehen, dass sie so nicht weitermachen konnte. Aber Harri blieb unnachgiebig.
«Ich sollte die Polizei rufen», sagte er, und Elise spürte, wie ihr das Blut aus den Wangen wich. Sie war sich dieses Risikos bewusst gewesen, doch sie hatte geglaubt, seine Liebe zu ihr wäre stärker als seine moralische Gesinnung.
«Dann tu, was du tun musst», erwiderte sie und sah ihm in die Augen, versuchte sich ihre Kränkung nicht ansehen zu lassen.
«Nein, ich werde dich nicht verraten. Aber ich weiß nicht, wie oder ob es überhaupt mit uns weitergehen kann.»
«Du ... willst mich verlassen?»
«Ich weiß es nicht, Elise. Ich habe gerade erfahren, dass du nicht nur kriminell bist, sondern mich auch die ganze Zeit belogen hast. Von wegen, du schreibst einen Roman!» In seiner Stimme schwang so viel Enttäuschung mit, dass es ihr das Herz zerriss. Ihre häufige Reisetätigkeit hatte sie damit begründet, dass sie an einem Kriminalroman schreiben würde, der genaue Recherchen erforderte.
«Ich muss jetzt erst mal allein sein», fuhr er fort. «Ich brauche Ruhe und Zeit, um über alles nachzudenken. Und das solltest du auch.» Er forderte sie auf, zurück nach Zürich zu reisen, sagte ihr, er würde sie im Hotel abholen oder sie anrufen, sobald er eine Entscheidung getroffen hätte.
Die folgenden vier Tage hatte sie gewartet und gewartet, wäre dabei fast durchgedreht. Bis sie gestern Abend den Einfall hatte, in der Nacht den restlichen Schmuck zu holen und ihn beim Polizeirevier zu deponieren. Heute hätte sie Harri angerufen und ihm von ihrer nächtlichen Aktion berichtet, in der Hoffnung, ihn milder zu stimmen.
Aber der Schmuck ist weg.
Elise drückt ihre Zigarette aus und setzt sich auf die Chaiselongue. Vermutlich hätte es sowieso nichts gebracht. Harri hatte sich bestimmt längst gegen sie entschieden und wusste nur noch nicht, wie er es ihr beibringen sollte.
Es ist, wie es ist. Wenn er sie verlässt, muss sie es akzeptieren. Sie trägt selbst schuld, hatte ihrer Liebe zu viel aufgelastet. Wie kann sie erwarten, dass ein unbescholtener und stets korrekter Bürger wie Harri, der jeden Sonntag zur Kirche geht, Verständnis hat, Vergeltung zu wählen für erlittenes Unrecht? Elise muss an seine Worte denken, die sich so eingeprägt haben: «Wie konntest du nur, Elise? Wie konntest du nur?»
Verflucht, wie konnte sie nur? Ihre Gedanken entführen sie an einen dunklen Ort voller Zweifel. Dass sie zu weit ging, hat ihr der Vorfall in Davos verdeutlicht, aber davor hatte sie immer gefunden, dass ihre Diebstähle gerechtfertigt waren. Hat sie sich getäuscht? Hätte sie ihr Schicksal akzeptieren sollen, so wie es auch andere getan haben?
Sie massiert sich die Schläfen, doch die Fragen in ihrem Kopf toben unbarmherzig weiter. Wann genau entwich ihr das Moralempfinden? Etwa als die Nazis sie und ihre Familie enteigneten? Als die Sorge um ihre Mutter und Adele sie beinahe verrückt machte? Als Ingrid und Lothar Braun ihr Leben zerstörten? Oder gar noch früher? In Sumatra, als ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn sie zu ihrem ersten Diebstahl verleitete?
Elise kommt es vor, als trübe ein roter Schleier ihre Klarsicht, und sie verspürt den Drang, ihr Leben zu reflektieren und Antworten auf ihre Fragen zu finden.
Das Buch, schießt es ihr durch den Kopf. Sie braucht das Buch. In den darauffolgenden Minuten durchsucht sie den bereits gepackten Koffer. Kleider und Schuhe landen auf dem Boden, Hüte und Perücken wirbeln durch die Luft. Als sie das braune, schon ziemlich lädierte Buch endlich in den Händen hält, setzt sie sich an den Schreibtisch, überfliegt die erste Seite mit Wolfis Caesar-Chiffre, die er an einem dieser tropisch schwülen Abende auf der Insel Sumatra entwickelt hatte.
Wolfi, ihr geliebter Bruder. Noch heute sieht Elise ihn vor sich: auf dem Bett liegend, den braunen Lockenkopf in das braune Buch vertieft, das eigentlich für Tagebucheinträge gedacht gewesen wäre – damit sich sein Schreibstil verbessere, so Lehrer Schulz. Doch Wolfi hatte anderes im Sinn. Während Elise versuchte, eine Mücke totzuschlagen, die es aus unerklärlichen Gründen durch das Moskitonetz geschafft hatte, erarbeitete er eine Geheimschrift, indem er jedem Buchstaben des Alphabetes mithilfe einer Cäsar-Chiffre einen anderen zuteilte. So wurde aus dem Wort Diebstahl beispielsweise INJGXYFMQ.
«Jetzt können wir alle unsere Geheimnisse aufschreiben, Elise.» Mit leuchtenden Augen erklärte er ihr sein Verfahren, mit dem angeblich bereits der römische Kaiser Julius Cäsar Nachrichten verschlüsselt hatte.
Die Erinnerung daran entlockt Elise ein Lächeln, und sie blättert um zu seinen ersten Einträgen. Stichwortartig hatte er seine kleinen Geheimnisse aufgelistet, notiert, dass er den Schwamm von Lehrer Schulz versteckt oder der Mutter einen Käfer in die Schmucktruhe gelegt hatte.
Schmunzelnd liest sie einen Eintrag nach dem anderen, blättert weiter. Beim Anblick ihrer eigenen Schrift zieht sich ihr Herz zusammen. Weit war Wolfi nicht gekommen, deshalb führte sie das Tagebuch fort. Genau wie er hat sie lediglich Stichwörter zu besonderen Vorkommnissen in ihrem Leben notiert; die Tragödie in Sumatra, die Erlebnisse mit Ingrid, ihrem Großvater, Jonathan, die Übernahme der Nazis, ihre Reise in die Schweiz. Schließlich folgte eine Auflistung ihrer neunzig Raubzüge, angefangen mit ihrem ersten Erfolg 1938 in Wien, bei dem sie der Gattin eines SS-Obersturmbannführers unter anderem eine Diamanthalskette entwendete, bis zu ihrem letzten vor zwei Wochen in Davos.
Elise überfliegt die Seiten. In Wolfis Geheimschrift hat sie sämtliche Details der Diebstähle festgehalten: wann, wo, was, Besonderes.
Sie staunt darüber, wie viel Raubgut sie in den sieben Jahren erbeutete, von Schmuckstücken über Silberfuchspelze bis hin zu Zinscoupons – sie schätzt den Wert insgesamt auf ungefähr eine Million Schweizer Franken.
Bei einigen Einträgen bleibt sie hängen, verliert sich in Erinnerungen.
Als ihr der 12. Juli 1940 ins Auge springt, breitet sich eine Welle von Wärme, aber gleichzeitig auch eine tiefe Traurigkeit in ihr aus. Ihre erste Begegnung mit Harri! Es erscheint ihr wie gestern, als sie ihn zum ersten Mal sah, damals auf dem Schiff, vor ihr das Seehotel Bellevue in Vitznau.
12. Juli 1940, Seehotel Bellevue, Vitznau:
Silberne Manschettenknöpfe, Siegelring, Rolex Oyster, 1500 Schweizer Franken, Diamanthandspiegel, Smaragdohrringe, Diamantuhr, Vacheron Constantin Herrenuhr, Goldene Brosche mit Juwelen, verschiedene Ringe.
Besonderes: Gewitter. Seeungeheuer. Begegnung Dr. Harald Falkenstein.
Das Seeungeheuer! Elise lacht, obwohl die ganze Situation an jenem Abend alles andere als lustig war und in einer Tragödie hätte enden können.
Hastig blättert sie weiter, und als sie auf das Grand Hotel Savoy im Mai 1941 stößt, überkommt sie ein Wechselbad der Gefühle. Manchmal liegen Freud und Leid so nah beieinander, aber sie würde jederzeit das Glück opfern, wenn dafür der Kummer vermieden werden könnte.
4. Mai 1941, Grand Hotel Savoy, Glion/Montreux:
Diamantcollier im Wert von ungefähr 80 000 Schweizer Franken, Perlenhalskette mit Saphir, Platinbrosche mit drei Brillanten, Brillantarmbanduhr, 16 000 Schweizer Franken, Goldringe, Manschettenknöpfe, Füllfederhalter, Herren-Armbanduhr Piguet, Cartier Reisewecker, Edelsteinpfau.
Besonderes: Wasilina.
Damals im Savoy erfüllte sie Stolz, auch wenn sie beinahe aufgeflogen wäre. Dank der Hilfe von Wasilina gelang es ihr zu entkommen – mit dem wertvollsten Schmuckstück, das sie je stehlen sollte. Zusammen mit Wasilina reiste sie nach Crans-Montana, Leukerbad, Davos, und sie fühlten sich wie die Königinnen der Welt. Aber dann ... Glück streift das Leben nur, verankern tut es sich nie.
Nachdem sich Elise wieder gefasst hat, überfliegt sie ein paar weitere, weniger spektakuläre, aber erfolgreiche Raubzüge. Davos gehörte zu ihren liebsten Zielen. Die Aufenthalte in dieser Nazihochburg und im Hitlerbad, wie es auch genannt wurde, kosteten sie zwar jedes Mal sehr viel Kraft, dennoch reiste sie jeden Winter wieder hin. Sie konnte sich die lukrative Ausbeute genauso wenig entgehen lassen wie die Gewissheit, hauptsächlich Nazis zu bestehlen. Außerdem wurde es ihr in Davos immer sehr leicht gemacht durch die Nachlässigkeit ihrer Opfer. Sie gingen in ihrer Überheblichkeit wohl nicht davon aus, selbst beklaut zu werden.
2. Dezember 1942, Hotel Silvretta, Davos:
Nutria-Pelzmantel, Silberfuchscape, 2400 Schweizer Franken, Smaragdbrosche, Goldene Manschettenknöpfe, Juwelenhalskette, Herrenarmbanduhr, Perlenensemble, Rubincollier, Kamera Contax, Pfauenfederstirnband mit Diamanten.
Besonderes: –
Mehrere Einträge im Winter 1942 zeigen auf, in welchem Rausch sie sich damals befand. Welche Ironie des Schicksals, dass es am Ende ausgerechnet Davos war, das sie sozusagen heilte.
Elise blättert weiter, Woche für Woche, Monat für Monat; sie wundert sich, wie sie das alles geschafft hat, ohne gefasst zu werden.
Ein weiterer Eintrag lässt sie aufseufzen. Der Korporal! Er hatte es ihr ganz schön schwer gemacht. Genau wie Harri hatte auch er sie in der Presse als «diebische Elster» bezeichnet.
30. November 1943, Schlosshotel, Zürich:
Zinscoupons, silbernes Zigarettenetui, lange Perlenkette, Perlohrringe, Perlarmband, 700 Schweizer Franken, Kamera Kodak Retina, goldene Halskette, Ring mit Amethyst, Silberfuchsstola.
Besonderes: Korporal Gretler.
Die Vorkommnisse in Zürich, aber auch die Aussicht auf eine ergiebige Wintersaison in den Bergen ließen sie die Stadt danach schnellstmöglich verlassen.
Als Elise auf das Hotel Cresta stößt, erstarrt sie. Die Erinnerung trifft sie wie ein Faustschlag in den Magen:
6. Dezember 1944, Hotel Cresta, Scuols-Tarasp:
200 Schweizer Franken, Silberkette mit Medaillon, Füllfederhalter aus Gold, Zigarettenspitze Silber, Smaragd-Ring, 5000 Schweizer Franken, Perlencollier, Saphirbrosche, Edelsteinarmband, Goldkette mit Blatt-Brillantenanhänger, Bergkristall.
Besonderes: abscheuliches Hotelpersonal, Josel Mandelbaum.
Sie versucht zu verdrängen, aber die Bilder kommen wieder hoch, eines nach dem anderen. Der braune Hut im Schnee. Der offene Koffer. Die Brücke. Das Blut.
Tränen tropfen auf das Papier, und sie wischt sie weg, überfliegt die nächsten Seiten, bis sie zum letzten Eintrag gelangt. Das Hotel Silvretta in Davos. Hier hatte sie nichts mehr gestohlen, dafür gab es einen Mord.
21. April 1945, Hotel Silvretta, Davos:
Ende
Elise lehnt sich zurück und starrt auf das Buch. Das ist es, sagt sie sich. Anhand ihrer Aufzeichnungen wird sie auf ihr Leben zurückschauen und herausfinden, wie alles so weit hatte kommen können, und zwar von Anfang an. Fakt ist, dass es in ihrem Leben einige Wendepunkte gab, die sie zu ihren Taten angetrieben haben und sie zur Elster werden ließen ... oder schlichtweg: zu einer Meisterdiebin.
Wolfi – mit richtigem Namen Wolfgang – war Elises Zwillingsbruder und gleichzeitig ihr bester Freund. Zwischen ihnen bestand eine Verbindung, wie sie vermutlich nur bei Geschwistern vorkam, die sich neun Monate die Gebärmutter geteilt hatten. Trotzdem fühlte sich Elise in seiner Gegenwart immer wie sein Schatten. Wolfi war der Sohn, den sich ihre Eltern nach der Geburt ihrer älteren Schwester Adele so sehnlichst gewünscht hatten, und machte das Familienglück perfekt. Sie blieb die Unsichtbare. Adele erhielt Beachtung wegen ihrer Schönheit, aber auch ihrer Verletzlichkeit – sie hinkte aufgrund einer angeborenen Hüftgelenksverrenkung –, und Wolfi punktete als Stammhalter. Doch Elise verspürte nie Neid auf ihre Geschwister. Zu groß waren ihr Mitleid mit Adele und ihre Zuneigung zu Wolfi. Aber sie konnte nicht bestreiten, dass sie sich nach mehr Aufmerksamkeit sehnte, besonders von ihrer Mutter. Der Alltag mit der Leitung des Kaufhauses, dem Haushalt, Adeles Arztbesuchen und Wolfis Streichen vereinnahmte diese so sehr, dass für Elise keine Zeit blieb. Ihre Mutter war oft überfordert, und der Umzug auf die indonesische Insel Sumatra half da nicht, im Gegenteil, er sorgte für zusätzlichen Stress. Nur blieb ihr keine andere Wahl, als ihrem Gatten zu folgen. Elises Vater, Peter Graf, war ein Handelsmann und, bevor er Elises Mutter begegnete, schon weit in der Welt herumgekommen. Er belieferte unter anderem Kaufhäuser mit seinen Waren, und so hatte er Selma Perlman kennengelernt, eine dunkelhaarige Schönheit, die tüchtig im Perlman, dem Kaufhaus ihrer Eltern, mithalf. Selma verliebte sich nicht nur in seinen Kaffee aus Java, die Gewürze aus Indien, die Seidenstoffe aus China und das Parfüm aus Frankreich, sondern auch in seine haselnussbraunen Augen und den dunkelblonden Lockenschopf.
Kurz vor Ausbruch des Großen Krieges investierte Elises Vater in eine Kautschukplantage auf Sumatra, um, wie er damals sagte, den Gummihunger Europas mit dem «weißen Gold» zu stillen. Nach dem Krieg übernahm er die Plantage eines verstorbenen holländischen Geschäftspartners, und nachdem er ein Jahr allein dort gelebt hatte, holte er die Familie zu sich. Für Selma eine Tortur. In einem Holzhaus voller Mücken, Käfer, Ameisen und Spinnen lebend, umgeben von Urwäldern mit Tigern und Schlangen, fehlte ihr das zivilisierte Leben in Wien und besonders das Kaufhaus, das sie seit dem Tod ihres Vaters zusammen mit ihrer Mutter geführt hatte. Ihren Unmut ließ sie die Familie jeden Tag spüren. Für Elise und Wolfi hingegen war Sumatra ein Abenteuer. Sie vermissten zwar ihre Freunde und Verwandten aus Wien, am meisten die Großeltern, doch sie fühlten sich auf der Insel bald wie zu Hause. Der größte Spielplatz lag sozusagen direkt vor ihrer Nase. Wenn sie keinen Privatunterricht hatten, tobten sie mit den Kindern der Tagelöhner in den Baracken oder in den Kautschukplantagen umher, spielten Verstecken, Fußball oder mit Würfeln. Wie auch an jenem Tag im Jahre 1920, an dem das Unheil seinen Lauf nahm.
Es begann mit den Koning-Knaben: dem vierzehnjährigen Ruben und seinem drei Jahre jüngeren Bruder Hendrik, den Söhnen von Herrn Koning, einem holländischen Geschäftspartner von Elises Vaters und ebenfalls Plantagenbesitzer. Elise und ihre Geschwister teilten sich mit den Koning-Knaben einen Privatlehrer, Herrn Schulz, einen hageren Mann aus Deutschland, den Selma engagiert hatte und der zusammen mit seiner schönen Tochter Constanze in ihrem Haus lebte. So kam es, dass die Koning-Knaben täglich mehrere Stunden bei ihnen verbrachten und sich schlimmer benahmen als eine Mückenplage. Ihr wahres Gesicht zeigten Ruben und Hendrik jedoch nur zwei Sorten Menschen: denen, die ihrer Meinung nach nicht zu ihrer Gesellschaftsschicht gehörten, wie den Einheimischen, und denen, die sie durchschaut hatten. Zu letzteren zählten Elise und Wolfi. Alle anderen vermochten sie mit ihrem engelhaften Aussehen zu blenden.
An besagtem Tag spielten Elise und Wolfi nach dem Unterricht draußen mit den einheimischen Kindern Fußball, und Elise sollte das Tor hüten. Betonung auf sollte. Ein Ball nach dem anderen rollte ihr zwischen den beiden Holzpfosten hindurch, da sich ihre Augen auf etwas anderes konzentrierten: die Koning-Brüder, die eindeutig etwas im Schilde führten. Hendrik schaute hinter den Bananenbäumen hervor und beobachtete das Geschehen lauernd wie Großmutters Katze die Vögel im Garten, bereit, jederzeit anzugreifen. Noch musste sich Elise keine Sorgen machen, denn Ruben saß auf der Veranda und plauderte mit Constanze, die sich von zwei Mädchen ihr goldbraunes Haar zu Zöpfen flechten ließ. Elise mochte Constanze nicht besonders, auch wenn sie ihr leidtat, weil ihre Mutter vor ein paar Jahren gestorben war und ihr Vater kaum Zeit für sie hatte. Wenn dieser nicht gerade unterrichtete, widmete er sich seinem Fachbuch über die Pflanzenarten Sumatras und wollte nicht gestört werden. Elises Mitleid mit Constanze änderte nichts daran, dass sie sie arrogant fand, und es ärgerte sie, dass ihre Mutter sie schon fast wie ein Familienmitglied behandelte und ihr immer wieder Komplimente für ihr hübsches Aussehen oder ihr Klavierspiel machte. Ruben war ebenfalls angetan von Constanze und wurde in ihrer Gegenwart zum Lämmchen, aber auch Constanze wirkte durch seine Anwesenheit wie ausgewechselt; verwandelte sich von der zickigen Vierzehnjährigen in eine kleine Dame, kokett lächelnd und mit gekonntem Augenaufschlag.
Elise bemerkte Adele, die etwas abseits in einem Korbstuhl saß und ihrer Lieblingspuppe ein neues Kleidchen aus rosarotem Garn strickte. Aufgrund ihrer Hüftgelenksverrenkung musste Adele eine Schiene tragen und war dadurch stark eingeschränkt, konnte oft nicht mitspielen. Sie ließ sich ihren Unmut darüber aber nie anmerken und beschäftigte sich ohnehin lieber allein, las in einem Buch, malte oder strickte ihren Puppen eine komplette Garderobe.
Irgendwann rief Selma nach den Mädchen. Die Schneiderin habe die neuen Röcke fertig, und sie sollten zur Anprobe reinkommen, auch Constanze.
Elise wurde unruhig. Auf keinen Fall konnte sie jetzt weg und ihre Freunde mit den Koning-Knaben allein lassen. Sie beobachtete, wie sich Constanze mit einem Lächeln von Ruben verabschiedete und Richtung Haus schritt. Adele humpelte auf sie zu. «Elise, komm!»
«Nein, ich kann jetzt nicht. Sag Mama, ich komme gleich nach.»
Adele runzelte die Stirn, hob dann die zierlichen Schultern und ging weiter.
Elise wusste, dass ihre Mutter zuerst Adele beachten würde, so blieb ihr noch etwas Zeit, um die Situation im Auge zu behalten. Gefasst schaute sie zu Hendrik, der bereits mit schelmischem Grinsen auf seinen Bruder zulief.
«Tor! Tor!», rief Wolfi, und kurz darauf sprach Ulung genervt auf Malaiisch auf Elise ein, weil sie schon wieder als Torwartin versagt hatte. Sie ignorierte ihn, den Blick nach wie vor fest auf Hendrik geheftet, der Ruben etwas zuflüsterte und ein fieses Lachen erntete. Schon bewegten sie sich auf sie und Wolfi zu wie zwei Füchse.
«Warum spielt ihr eigentlich immer mit diesen dummen Affen?», fragte Hendrik und lachte wie ein gackerndes Huhn.
Wolfi schnaubte. «Das sind keine Affen! Und dumm auch nicht! Wenn hier jemand dumm ist, dann ihr!»
«Wolfi!», zischte Elise warnend, doch er fuhr unbekümmert fort.
«Heute im Unterricht konnte keiner von euch die Algebraaufgabe von Lehrer Schulz lösen. Ich sage nur: dumm!» Er griff nach dem Fußball und warf ihn mit voller Wucht gegen Hendriks Bauch. Dieser wich gekonnt aus, wollte aber sogleich auf Wolfi zustürmen. Ruben packte ihn am Arm.
«Lass es.» Er hob den Kopf, trat auf sie zu und fixierte Elise mit schmalen Augen, die exakt die Farbe des Himmels hatten. Sie fragte sich damals, wie das Böse so schön sein konnte, und lernte, dass man einen Menschen niemals aufgrund seines Aussehens beurteilen durfte.
«Ihr seid Abschaum!», zischte Ruben. «Genau wie das Gesindel hier.» Er stieß Elise zur Seite und stürmte auf Bayu zu, Ulungs kleinen Bruder, der auf dem Boden saß und mit seiner Holzlokomotive spielte, seinem ganzen Stolz und einzigen Spielzeug, das er vor zwei Monaten von Elises Vater zum Geburtstag bekommen hatte. Ruben entriss Bayu die Lokomotive und ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden. Bayu schrie, streckte flehend seine Händchen danach aus. Doch Ruben hatte sich bereits erhoben. Düsterer Spott lag in seinen Zügen. «Für einen Affen viel zu schade ... Komm, Hendrik, wir gehen.»
Als die beiden außer Sichtweite waren, versuchten Elise und Wolfi vergeblich, den weinenden Bayu zu trösten. Elise beschloss, ihm ihren Plüschhund Barry zu schenken, und rannte ins Haus in ihr Zimmer, um diesen zu holen. Als sie die Treppe wieder runterpolterte, prallte sie fast mit ihrer Mutter zusammen. «Elise! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass im Haus nicht gerannt wird! Wo willst du eigentlich hin? Komm jetzt sofort zur Anprobe!»
«Ja, ja, gleich, Mama.»
«Nicht gleich! Jetzt! Ach, Kind, warum machst du es mir immer so schwer?»
Elise schwieg, da ihre Mutter bestimmt keine Antwort darauf erwartete. Sie schaute zu, wie sich diese mit einem Taschentuch über die feuchte Stirn wischte. Ihre Mutter hasste das feuchtwarme Klima auf Sumatra. Es sei nicht gut für ihre Haut, da sie andauernd gerötet sei und glänze. Sie seufzte – was sie besonders oft tat. «Was willst du mit dem Plüschhund?»
«Bayu schenken.»
«Warum? Den hast du von der Oma erhalten.»
«Ja. Aber ich habe zu viel Spielzeug.» Das stimmte tatsächlich. Dennoch liebte sie Barry über alles. Ihre Großmutter mütterlicherseits hatte ihn ihr vor drei Jahren aus der Schweiz mitgebracht. Barry war ein Bernhardinerhund mit braun-weißem Fell. An seinem Hals trug er ein rotes Band mit einem Schnapsfässchen, auf dem das Schweizer Wappen abgebildet war. Die Großmutter hatte erzählt, dass es Barry tatsächlich gegeben habe. Er sei anfangs des neunzehnten Jahrhunderts ein Rettungshund auf dem Schweizer Alpenpass des Grossen St. Bernhards gewesen und laut einer Legende habe er vierzig verschüttete Menschen gerettet.
Elise starrte auf den Hund, und ihre Mutter stieß erneut einen Seufzer aus. «Wie du meinst, Elise. Dann bring den Hund eben Bayu. Aber danach kommst du sofort zur Anprobe. Verstanden?»
«Natürlich, Mama.» Sie eilte hinaus und übergab dem noch immer traurigen Bayu ihren Barry. Er blinzelte die letzten Tränen weg, ein Lächeln umspielte seine Lippen.
«Terima kasih, terima kasih!», rief er, was «Danke» bedeutete. In den nächsten Minuten wurde er umzingelt von anderen Kindern, die sein Geschenk bewunderten.
Elises Freude darüber, einen Jungen glücklich gemacht zu haben, war getrübt vom Gedanken an Ruben und Hendrik. «Es ist so ungerecht», sagte sie zu Wolfi. «Immer kommen sie mit allem durch, und wir können nichts tun. Einfach nichts!»
Er schüttelte den Kopf. «Man kann immer etwas tun.»
«Was denn?»
Seine Augen leuchteten, als ob jemand zwei Kerzen darin angezündet hätte. «Ich habe einen Plan.»
Wolfis Plan wollten sie schon am nächsten Tag, einem Samstag, in die Tat umsetzen, bei einem Besuch zum Mittagessen bei den Konings bot sich die perfekte Gelegenheit dazu. Elise verspürte bereits zu Hause Aufregung, als ihr ihre Mutter die Haare kämmte, und rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Sie mochte es nicht, gekämmt zu werden, auch wenn sie die Mutter dann ganz für sich allein hatte. Aber in ihren braunen, wirren Locken wimmelte es oft nur so von Knötchen.
«Schlimmer als ein Vogelnest!» Selma rupfte mit dem Kamm durch Elises Haar, versuchte einen hartnäckigen Knoten zu entwirren.
«Au! Das tut weh!»
«Jetzt stell dich nicht so an. Was bist du auch heute so zappelig?» Ihre Blicke trafen sich im Spiegel: die grünblauen Augen der Mutter die haselnussbraunen von Elise, die sie und Wolfi von Vater geerbt hatten.
Ihre Mutter war eine auffallend schöne Frau mit ihrem dunkelbraunen, glänzenden Haar und dem blassen Puppengesicht. Auf früheren Fotos sah sie aus wie Schneewittchen aus dem Märchenbuch. Adele kam ganz nach ihr.
Sie schien Elises Bewunderung zu bemerken und reagierte mit einem Lächeln.
«Tut mir leid, Elise, aber sonst ist dein Haar irgendwann verfilzt und wir müssen es abschneiden. Außerdem möchtest du für heute bestimmt hübsch aussehen, nicht wahr?» Sie strich ihr sanft über die Wange und fuhr im nächsten Moment fort, an deren Haar zu rupfen.
Elise nickte, obwohl es ihr ziemlich gleichgültig war, ob sie hübsch sein würde. Hauptsache, Wolfis Plan funktionierte.
Sie fuhren in dem Ford, den sich der Vater aus Europa hatte importieren lassen. Wolfi durfte vorne neben dem Vater sitzen, die Frauen hinten. Auch Constanze war dabei, damit deren Vater ungestört an seinem Buch weiterschreiben konnte. Für gewöhnlich hätte sich Elise über Constanzes Anwesenheit geärgert, aber an diesem Tag passte sie genau in ihren und Wolfis Plan.
Während sich Selma mit Constanze über deren Leidenschaft, das Klavierspiel, unterhielt, drückte Elise die Nase gegen das Fahrzeugfenster. Dicke Wolkenbänke zogen über den Himmel und warfen Schattenflecke auf die Erde. Am Straßenrand saßen halbnackte Kinder und flochten Körbe, ein alter Mann auf einer Rikscha fuhr vorbei und schenkte Elise ein zahnloses Lächeln. Reisberge voller Insekten türmten sich an einem Marktstand, dahinter auf der Wiese lagen die Trümmer eines Hauses; eines von vielen, das den starken Orkan im Mai nicht überstanden hatte.
Wenig später fuhr ihr Vater einen von Palmen gesäumten Weg entlang bis zum Haus der Konings. Die weiße Villa mit den vier Säulen, die das Vordach stützten, wirkte an jenem Tag besonders einschüchternd auf Elise. Vielleicht, weil gerade eine große Wolke darüber schwebte, die es in Schatten tauchte. Oder weil Frau Koning wie eine Riesin auf der Veranda stand und zwei dünne Bedienstete rügte. Als sie den Wagen bemerkte, erhellte sich ihr empörtes, rotwangiges Gesicht und sie winkte, während die beiden Angestellten sofort auf den Wagen zueilten, um die Türen zu öffnen. Elise begrüßte die beiden überschwänglich, um Frau Konings Verhalten wiedergutzumachen.
Weshalb ließen sich die Einheimischen so herumkommandieren? Es war ihr Land, ihr Boden, waren ihre Bäume, ihre Tiere. Warum akzeptierten sie dieses ungerechte System? Elise suchte oft bei ihrem Vater nach Antworten, der ihr jeweils stolz etwas von Kolonialismus und Zivilisierungsmission erzählte. Als sie einmal erwiderte, wie falsch sie das fände, reagierte er aufgebracht und meinte, sie könne das als Kind sowieso noch nicht begreifen. Danach stellte sie ihm keine Fragen mehr. Ihrem Großvater väterlicherseits – der immer eine Antwort bereit hatte – schrieb sie in einem ihrer zahlreichen Briefe darüber, und er antwortete, dass das Leben leider so sei und Elise diese Ungerechtigkeit nur wiedergutmachen könne, indem sie diesen Menschen mit besonders viel Achtung und Freundlichkeit begegne. Was sie auch tat. Dennoch bekümmerte es Elise, nicht mehr zur Gerechtigkeit beitragen zu können, und aus diesem Grund lag ihr die erfolgreiche Umsetzung von Wolfis Plan besonders am Herzen. Sie würden sich an den Koning-Knaben rächen. Für Bayu.
Nach einem üppigen Mittagessen zogen sich der Vater und Herr Koning in den Wintergarten zurück, wo Zigarren und Whisky auf sie warteten. Die Mutter und Frau Koning sprachen im Salon über Stoffe und Bücher, während Constanze am Piano «Eine kleine Nachtmusik» spielte und von Ruben angehimmelt wurde. Sie sah bezaubernd aus in ihrem kornblumenblauen Kleid und der passenden Schleife im hellbraunen Haar. Der Kronleuchter über ihr ließ einzelne Strähnen leuchten wie Goldfäden. Die arme Constanze, dachte Elise. Sie wusste nicht, dass sie zum wichtigsten Teil ihres Plans gehörte, und spielte dennoch unbewusst perfekt mit, indem sie Ruben in ihren Bann zog.
Adele saß wie immer strickend auf dem Sofa, neben ihr ein gelangweilter Hendrik, der mürrisch vor sich hin starrte. Als Wolfi ihm vorschlug, zusammen zu spielen, musterte er ihn voller Argwohn, und Elise dachte bereits, er würde ihn abweisen. Aber offenbar war die Aussicht, mit seinen Spielsachen anzugeben, aufregender als Constanzes Klavierspiel, denn er erhob sich und wies Wolfi an, mitzukommen. Elise folgte ihnen. Obwohl ihre Familie die Konings schon mehrere Male besucht hatte, waren ihr und Wolfi die auf der ersten Etage gelegenen Zimmer von Ruben und Hendrik bisher immer verwehrt geblieben. Ein heller Raum erwartete sie, mit großem Bett in der Mitte und einem langen Regal voller Spielsachen, alle schön aufgereiht, fast wie in der Spielzeugabteilung des Kaufhauses. Eine Plüschgiraffe in ihrer Größe faszinierte Elise, und sie streichelte ihr über das borstige Fell.
«He! Finger weg!» Hendrik griff nach Elises Hand und funkelte sie erbost an.
«Ist ja gut. Beruhig dich.» Augenrollend wandte sie sich ab und beobachtete Wolfi, der sich den Soldatenfiguren auf dem Regal widmete. «Die sind ja grandios! Spielen wir Krieg?»
Jegliches Misstrauen Hendriks verflog augenblicklich, und er griff nach einem Panzer. «Ja! Holland gegen Österreich. Ich gewinne.»
Wolfi zeigte auf Elise. «Aber sie muss raus. Das ist nichts für Mädchen.»
Hendrik nickte eifrig. «Du hast recht.» Er wies zur Tür. «Raus, Elise!»
«Ihr seid gemein!» Gespielt schmollend verließ sie das Zimmer und schloss mit einem breiten Grinsen die Tür hinter sich. Alles lief nach Plan, doch nun musste sie sich beeilen, ihr blieb nicht viel Zeit. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sich niemand sonst hier oben aufhielt, öffnete sie die Tür neben Hendriks Zimmer und erblickte einen massiven Schreibtisch aus Holz, auf dem ein Schiffsmodell stand, dahinter zierte eine riesige Weltkarte die Wand. Es müffelte nach einer Mischung aus Eau de Cologne und Zigarren. Offenbar das Büro von Herr Koning. Erst nach zwei weiteren Fehlversuchen landete sie in Rubens Zimmer. Hier gab es kaum Spielzeug, und so sprang ihr der Teddybär auf dem Bett gleich ins Auge. Sieh einer an! Kichernd wandte sich Elise ab und fand endlich, wonach sie suchte. Rubens Lokomotiv-Sammlung. Wie oft schon hatte er davon erzählt und geprahlt, eines Tages selbst eine Lokomotive zu entwerfen.
Sie entdeckte Bayus Holzlokomotive sofort, da sie sich durch ihre Unscheinbarkeit von den anderen Modellen abhob. Ohne zu zögern, steckte sie die Lok in die Tasche ihres Rockes. Wolfi war der Meinung, Ruben würde es nicht auffallen, wenn die Holzlok fehlte, da er genug andere hatte. Sie würden sie Bayu zurückgeben und ihm einschärfen, er solle sicherheitshalber nicht mehr in Rubens und Hendriks Gegenwart damit spielen. Und falls Ruben den Verlust doch bemerken sollte, so würden sie alles abstreiten. Bei den Erwachsenen könnte er sie ja nicht verpetzen, weil er dann zugeben müsste, die Holzlok geklaut zu haben. Der perfekte Plan, dachten sie.
Elise wollte bereits wieder gehen, da streifte ihr Blick eine aufziehbare, rote Dampflok, die wie frisch poliert glänzte. Sie konnte die Augen kaum von ihr abwenden. Bayu würde sich bestimmt darüber freuen, schoss es ihr durch den Kopf, und schon griffen ihre Finger danach, ließen sie in ihrer anderen Rocktasche verschwinden. Jetzt aber raus aus dem Zimmer.
Unten angekommen beschlich sie ein mulmiges Gefühl, und als sie vor dem Salon stand, überlegte sie, die Dampflok wieder zurückzubringen. Ihre Taschen fühlten sich so schwer an, als würde ihr der Rock gleich zu Boden rutschen. Eine Angestellte schritt mit einem Tablett vorbei und schenkte ihr ein Lächeln. Dampf stieg aus der Teekanne. Elise fragte sich, ob man ihr den Diebstahl ansah, sie hatte das Gefühl, er stünde ihr auf die Stirn geschrieben. Flink huschte sie in den Wintergarten, wo sich ihr Vater mit Herr Koning unterhielt und gerade eine Zigarre anzündete. Sie versteckte sich hinter einem großen Palmentopf, um zu lauschen. Die beiden Männer sprachen über zum Bersten gefüllte Kautschuklager, Absatzflaute und Überangebot. Das Gesicht ihres Vaters war gerötet, kleine Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn und der Halbglatze, die umringt war von restlichen, blonden Haarlocken. «Die Ruber Growers’ Association sah schon vor drei Jahren die Gefahr einer Überproduktion.»
Herr Koning schwenkte sein Whiskyglas. «Der Krieg hätte einfach viel länger dauern müssen.»
Die Aussage bestürzte Elise. Wie konnte man sich einen länger andauernden Krieg wünschen? Von Großvaters Mitarbeiter Herrn Altmayer wusste sie, wie schrecklich der Große Krieg gewesen war. Er hatte sich dabei eine Beinverletzung zugezogen, und seither hinkte er wie Adele. Doch noch schlimmer war, dass er zusehen musste, wie seine Freunde vor seinen Augen «starben wie die Fliegen».
Sie hörte ihren Vater auflachen, was ihre Fassungslosigkeit noch steigerte. Kopfschüttelnd ging sie zurück in den Salon, wo Constanze «Papagenos Lied» von Mozart beendete und Beifall von Adele und Ruben erhielt.
«Spiel noch eines», rief Ruben, aber Constanze erhob sich gähnend.
«Nein, ich bin müde.»
Ruben legte den Kopf leicht schräg wie ein Hündchen lechzend nach einem Häppchen. «Möchtest du mein Zimmer sehen?»
Constanze hob gleichgültig die Schultern. «Warum nicht.»
Elises Puls raste. Ob er Constanze seine Lokomotivsammlung zeigen würde? Bestimmt!
Gerade als sie etwas sagen wollte, um die beiden aufzuhalten, erschien Wolfi und sah sie erwartungsvoll an. Erst als die beiden verschwunden waren, erkundigte er sich leise nach der Lokomotive. Elise spähte zu Adele, die zwar immer noch strickte, ihnen jedoch misstrauische Blicke zuwarf.
«Nicht hier», flüsterte Elise Wolfi zu. «Komm.»
Er folgte ihr in die Eingangshalle. «Was ist? Hast du die Lok nicht gefunden?»
«Doch, aber ...» Sie fühlte eine innere Hitze aufsteigen. «Ich habe noch etwas anderes genommen. Rubens rote Dampflok!» Sie zog sie aus ihrer Rocktasche. Glänzendes Rot blitzte auf, Wolfis Augen wurden riesig.
«Sie ist grandios, nicht? Ich dachte, Bayu hätte Freude daran.» Sie ließ die Lok wieder in die Tasche gleiten.
«Ja, aber Ruben wird es bemerken. Und ihm wird klar sein, dass wir es waren. Du musst sie zurücklegen.»
Sie schluckte. «Das geht nicht. Ruben zeigt Constanze gerade sein Zimmer.»
«Dann verstecken wir sie eben hier irgendwo.» Wolfi schaute sich um, seine Augen blieben an einer Kommode haften. In dem Moment erschien das Dienstmädchen und sah sie fragend an.
«Besser draußen. Komm mit.» Wolfi eilte zur Haustür, Elise folgte ihm. Feuchte Hitze schlug ihnen entgegen, als sie das Haus verließen. Sie hatten soeben den kleinen angrenzenden Park neben dem Gebäude betreten, um dort nach einem Versteck zu suchen, als sie hörten, wie die Tür geöffnet wurde. Sie erstarrten und drückten sich gegen die Hauswand.
«Verdammte Diebe!», schrie Ruben. «Wo seid ihr?»
«Bist du ganz sicher, dass sie es waren?», fragte Constanze.
«Natürlich», hörte Elise Hendrik sagen. «Elise muss es gewesen sein, als ich mit Wolfi gespielt habe.»
«Sie verstecken sich bestimmt in der Scheune», meinte Ruben. «Kommt.»
Elise beobachtete, wie sie in die entgegengesetzte Richtung rannten, und atmete auf. Doch viel Zeit blieb ihr und Wolfi nicht, um ein Versteck zu suchen.
Plötzlich wurde sie unsicher. «Ich sollte die Lok zurückgeben.»
«Nein!» Wolfi schüttelte energisch den Kopf.
«Du hast doch selbst gesagt, dass ...»
«Schon, ja. Aber eigentlich war es richtig, dass du sie genommen hast. Ruben hat das verdient. Er war gemein und muss bestraft werden.» Er sah sich um und zeigte zur Kautschukplantage gegenüber des Parks. «Wir verstecken uns dort im Wald, und dann vergraben wir die Lok irgendwo.» Seine Augen funkelten vor Entschlossenheit. Angesteckt von seinem Enthusiasmus willigte Elise ein, und so eilten sie zur Plantage. Die Zapfer und Zapferinnen, die Latexmilch ernteten, blickten ihnen nach, wie sie den Weg durch die Plantage rannten, zwischen Bäumen hindurch. Jemand rief etwas, doch sie verstanden kein Wort. Irgendwann, sie hatten eine weite Strecke zurückgelegt, hielten sie keuchend an. Wolfi stützte sich mit einer Hand an einen Baum. Eine kleine Schale war am Stamm befestigt, um die Latexmilch zu sammeln, die aus den Ritzen des Kautschukbaumes drang. Elise kannte das Verfahren von ihrem eigenen Anbau, ihr Vater hatte es ihr oft erklärt. Sie konnte es nicht gutheißen, weil ihr die Bäume leidtaten. Die Menschen ritzten ihre Stämme ein, um ihnen Milch zu entnehmen, nur damit sie Gummi herstellen konnten. Sie stellte sich in ihrer Fantasie manchmal vor, wie die Bäume den Menschen das Gleiche antaten: ihnen die Haut ritzten, um das Blut zu bekommen. Ein abscheulicher Gedanke. Sie schämte sich für die Menschheit.
Wolfi schien ebenso zu empfinden, denn sein Gesicht verzog sich beim Anblick des Baumes, und er streichelte über dessen Rinde, murmelte ein «armer Baum». Dann fing er sich wieder und sah sich um.
«Da, Elise!» Er zeigte zu einem Busch. «Da können wir die Lok vergraben. Komm, gib sie mir.»
Elise nahm sie aus ihrer Rocktasche und überreichte sie ihm. In der anderen Tasche befand sich noch immer Bayus Holzlok, und sie freute sich schon auf sein Gesicht, wenn sie sie ihm später überreichen würde.
«Was sagen wir Ruben und Hendrik?», fragte sie und folgte Wolfi zu dem Busch.
«Wir streiten alles ab.» Er kniete nieder und begann, seitlich des Busches zu graben.
«Aber sie wissen, dass wir es waren. Du hast sie doch vorhin gehört.»
Er erwiderte nichts und grub weiter, innerhalb kürzester Zeit war er voller Dreck. Elise graute bereits davor, ihrer Mutter gegenüberzutreten. Wie würden sie das erklären?
«Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei.»
«Musst du nicht.» Er schaute zu ihr hoch, sein Haar klebte bereits an der verschwitzten Stirn. «Elise, es ist doch nur gerecht, dass wir Ruben jetzt auch etwas genommen haben. Vielleicht wird er daraus lernen.»
Das bezweifelte sie, sprach den Gedanken aber nicht aus.
«Keine Angst. Es kommt gut.»
Sie nickte zögernd und beobachtete, wie Wolfi die Lok in die Grube legte und begann, sie mit Erde zuzuschütten. Der rote Lack verschwand nach und nach.
Plötzlich raschelte etwas hinter ihm, und im nächsten Moment sah Elise den hellgelb-grauen Kopf einer Schlange aus dem Busch herausragen, direkt über Wolfis nackten Waden. Ihr stockte der Atem. Sie wusste, dass es sich um eine giftige Kobra handelte. Eine solche hatte vor ein paar Wochen eine der Zapferinnen gebissen, die zwei Tage später verstarb.
«Wolfi!», schrie sie, als sie ihre Stimme wiederfand. «Da ist eine Schlange hinter dir!» In ihrer Hysterie dachte sie leider nicht mehr an die Worte ihres Vaters, wie man sich bei der Begegnung mit einer Schlange verhalten sollte: ruhig bleiben, langsam zurückweichen.
Ihr hysterisches Geschrei übertrug sich auf Wolfi. «Eine Schlange?», schrie auch er und drehte den Kopf um, sprang sofort auf, stolperte über die Grube und fiel um. Die darauffolgenden Sekunden, als die Schlange zubiss, würde Elise ihr Leben lang nicht vergessen.
Noch am selben Abend verstarb Wolfi trotz Behandlung des Arztes.
Nach Wolfis Tod war Elises Leben nicht mehr dasselbe. Nebst unsäglicher Trauer über den Verlust ihres Zwillingsbruders – es fühlte sich an, wie wenn ihr jemand ein Körperteil entrissen hätte – begleiteten sie fortan auch starke Schuldgefühle, die untermauert wurden von den stillen Vorwürfen ihrer Mutter. Sie gab sich zwar Mühe, diese zu verstecken, dennoch spürte Elise sie jeden Tag. Wie düstere Wolken schwebten sie über ihr. Sie wusste, dass ihre Mutter ihr die Schuld gab, und sie konnte es ihr nicht verübeln, weil sie tatsächlich die Schuld trug. Nach dem Unglück hatte sie alles gebeichtet: ihren Plan, sich an Ruben zu rächen und Bayus Spielzeug zurückzuholen, und den Diebstahl von Rubens Lokomotive. Sie hatte die ganze Schuld auf sich genommen und verschwiegen, dass Wolfi den Plan geschmiedet hatte – schließlich wäre ja alles gut gegangen, hätte sie die rote Lokomotive nicht an sich genommen. Allein deshalb hatten sie den Wald aufsuchen müssen. Das fand auch Selma. «Ihr seid also nur in den Wald gerannt, um diese Lok zu verstecken, die du gestohlen hattest?» Ihre Stimme klang schrill und unbarmherzig.
Elise hatte nur genickt, und bevor die Mutter etwas sagen konnte, wurde sie vom Vater beruhigt und weggeführt.
Am Ende richtete sich Selmas Wut nicht gegen Elise, sondern gegen ihren Mann. Sie machte ihn für alles verantwortlich, weil er die Familie nach Sumatra geholt hatte. Es verging kein Abend, an dem sie ihn nicht in einen Streit verwickelte, einmal hörte Elise, wie sie sagte, dass er allein Wolfis Tod zu verantworten habe. Kurz darauf schlug die Haustür zu, gefolgt von dem Geräusch des aufheulenden Motors.
Ein paar Wochen später verließen sie Sumatra, nur der Vater blieb zurück. Elise sah sich und Adele noch vor sich, weinend an der Reling des Schiffes stehend und dem Vater winkend; so lange, bis seine Gestalt in dem weißen Anzug zusammen mit der Küste verschmolz.
Während sie auf der Anreise keine Probleme gehabt hatte, so erlitt sie auf der Rückfahrt Seekrankheit, und als sie zitternd und schwitzend im Bett lag, nachdem sie sich gerade übergeben hatte, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als zu sterben. Ein Leben ohne Wolfi? Unvorstellbar.
Zurück in Wien erholte sie sich zwar körperlich, die seelischen Wunden jedoch blieben. Albträume von Schlangen und Wolfi quälten sie, und sie vermisste Sumatra trotz allem, was es ihr genommen hatte. Ihr fehlte der Vater, die Herzlichkeit der Malaien, die Früchte, ja sogar die Mücken und Spinnen. Ihre Mutter und Adele hingegen gewöhnten sich schnell wieder an Wien und die Vorzüge des Stadtlebens. Besonders die Mutter, die sich, kaum waren sie zurück, in die Arbeit im Kaufhaus stürzte. Elises Großmutter, der es altersbedingt oft an Energie fehlte, um ein Unternehmen zu leiten, schätzte die Unterstützung, und so verließ die Mutter jeden Tag frühmorgens das Haus und kehrte erst spät zurück. Die Haushälterin Danuta, eine fünfzigjährige, schlaksige Polin, kümmerte sich liebevoll um Elise und Adele, doch sie konnte die Mutter nicht ersetzen. Und Elise hätte ihre Mutter gebraucht, denn die ersten Wochen nach ihrer Rückkehr erwiesen sich als Qual. Besonders schwer fiel ihr der Einstieg in die Schule, was jedoch nicht am Schulstoff lag, sondern vielmehr an ihren Mitschülern, die sich mit ihrer kühlen Art komplett von den herzlichen Malaien unterschieden. Außerdem wurde Elise schmerzhaft bewusst, dass sie ohne Wolfi keinen einzigen Freund hatte. Als er noch lebte, hatte sie nie das Bedürfnis verspürt nach weiteren Freundschaften, schließlich teilten sie und Wolfi dieselben Interessen, liebten mehr oder weniger die gleichen Spiele – auch wenn dies bedeutete, dass sie sich ab und zu dem anderen zuliebe mal mit Puppen, mal mit Zinnsoldaten abgeben mussten –, und am wichtigsten: Sie verteidigten sich als eingeschworene Gemeinschaft gegen Kinder, die sie ärgerten. Aber nun gab es keinen Wolfi mehr, der sie beschützte, und so war sie den anderen Kindern schutzlos ausgeliefert, allen voran einem Mädchen namens Ingrid, das Elise seit einem Vorfall während der ersten Schulwoche als Feindin auserkoren hatte.
An jenem dritten Schultag an einer privaten Mädchenschule saß Elise während der großen Pause am Schreibtisch und las in ihrem Lieblingsbuch Robin Hood, als Ingrid mit ihrem Gefolge zu ihr stieß. Grüne Augen musterten Elise forschend. «Du bist die Elise Graf, oder?», fragte Ingrid und strich sich eine Strähne ihres strohblonden Bubikopfs aus dem Gesicht.
Elise nickte, daraufhin steckte Ingrid die Hände in die Rocktaschen und wippte leicht hin und her. «Ich habe gehört, eine Schlange soll deinen Bruder gefressen haben, stimmt das?»
Entsetzt riss Elise die Augen auf und erkannte hinter Ingrids Maske des Mitgefühls pure Sensationsgier. Die Mienen von Ingrids beiden Begleiterinnen verrieten, dass sich Ingrid soeben auf verbotenes Terrain vorgewagt hatte, beschämt blickten sie zu Boden.
Elise schloss ihr Buch und schaute Ingrid direkt ins Gesicht. Zahlreiche Sommersprossen zierten deren Stupsnase. «Nein. Er wurde gebissen und starb am Gift.»
Ingrid legte sich theatralisch eine Hand auf die Brust. «Wie entsetzlich! Hast du die Schlange etwa gesehen? War sie sehr groß? Wie sah ihr Kopf aus?»
Eine von Ingrids Freundinnen, Berta, ein dünnes Mädchen mit Brille, fühlte sich sichtlich unwohl. «Ingrid, komm, wir gehen», sagte sie, doch Ingrids Augen waren nach wie vor erwartungsvoll auf Elise gerichtet.
Damals wusste sie nicht, wie sie ihre Empörung und ihre Wut im Zaun halten konnte, und so stand sie auf und gab Ingrid einen heftigen Schups. «Du bist blöd!», rief sie. «Richtig blöd und gemein!» In diesem Moment betrat Lehrer Fink das Zimmer. Sie ahnte, dass dieser sie nicht mochte, obwohl sie sich bereits in den ersten Schultagen als gute und fleißige Schülerin gezeigt hatte. Ingrid jedoch gehörte zu seinen Lieblingsschülerinnen, und so glaubte er Elise kein Wort, als sie erklärte, dass Ingrid den Streit begonnen hatte. Am Ende musste sie sich bei Ingrid entschuldigen und bekam von ihrer Mutter Hausarrest. Sie riet Elise, Ingrid zukünftig zu ignorieren, was sich jedoch als kein leichtes Unterfangen erwies. Längst hatte Ingrid sie als ihr Lieblingsopfer auserkoren und betrachtete es als ihre Lebensaufgabe, sie zu schikanieren. So brachte sie unter anderem abscheuliche Gerüchte über sie in Umlauf, wie, dass sie die Schlange, die Wolfi getötet hatte, danach aufgegessen oder sich auf Sumatra mit einer ansteckenden Krankheit infiziert hätte. Elise beherrschte sich, ging nicht auf ihre Sprüche ein, auch wenn es in ihr brodelte wie in Danutas Suppentopf.
Doch Ingrid wurde immer schlimmer. Eines Tages behauptete sie, dass Wolfi nur von der Schlange gebissen wurde, weil er böse gewesen sei, und dass Gott ihn deshalb in die Hölle zum Teufel geschickt habe. Dort lebe er nun in ewiger Verdammnis. Auch wenn Elises Familie den jüdischen Glauben nur oberflächlich auslebte, so hielten sie sich an ein paar Rituale und vertraten die Eigenheiten ihrer Religion. Dazu gehörte, dass sie weder an eine Hölle noch an einen Teufel glaubten, sondern an den Scheol, den Ort, an den man nach dem Tod gelangt und wo die Seele gereinigt wird. Jeder Mensch musste mit sich ins Reine kommen, bevor er Gott nach dem Tod begegnete, und es wurde vermutet, dass im Scheol viele Fragen zum Leben beantwortet werden müssen.
Ingrid spürte wohl, dass Elise mit dem Begriff Hölle nicht viel anfangen konnte, und so beschrieb sie ihr die Hölle und den Teufel sehr detailliert in den fürchterlichsten Facetten ihrer Vorstellungskraft. Als sich Elise ausmalte, wie Wolfi irgendwo an einem dunklen Ort von einer behaarten Gestalt mit Hufen und Widderhörnern gequält wurde, überkam sie Übelkeit und sie rannte davon. Sie wusste, dass nur einer ihr jetzt helfen konnte: ihr Großvater. Seit ihrer Rückkehr aus Sumatra gab es zwei Lichtblicke in ihrem trostlosen Leben: zum einen die Besuche im Perlman, wo ihre Mutter sie allerdings nicht gerne sah aus Angst, sie könnte etwas beschädigen oder die Kunden vergraulen, zum anderen ihren Großvater väterlicherseits, Karl Graf. Er besaß ein kleines Uhren- und Juweliergeschäft, das Elise schon seit jeher faszinierte. Stundenlang konnte sie ihm dabei zuschauen, wie er im Hinterzimmer des Ladens Uhrwerke reparierte, Goldringe schmiedete, Diamanten schliff. Aber hauptsächlich schätzte sie die Gespräche mit ihm. Er half ihr dabei, sich mit Wolfis Tod auseinanderzusetzen, versicherte ihr, dass sie keine Schuld trage an dem Unfall. Wenn es ihr nicht gut ging, tröstete er sie und erteilte wertvolle Ratschläge. Als sie ihm an jenem Tag erzählte, was Ingrid über die Hölle und den Teufel gesagt hatte, schwieg er für einen Moment. Dann schob er die Brille ins Haar, legte die Lupe zur Seite, durch die er soeben einen Rohdiamanten inspiziert hatte, und fasste sie an den Schultern. Seine braunen Augen in dem von feinen Linien zerfurchten Gesicht mit dem weißen, gestutzten Bart sahen sie ernst an.
«Dieses Mädchen hat dir also gesagt, dass Wolfi in der Hölle ist?»
Sie nickte, und ihr Großvater schloss kurz die Augen.
«Meinst du, sie hat recht?», fragte sie. Wenn einer die Antwort kannte, dann er, davon war sie überzeugt. Er war ein sehr liberaler Mensch, auch hinsichtlich seiner religiösen Einstellung. Obwohl jüdisch auf dem Papier, sagte er immer, er wolle sich vom Gedankengut her keiner bestimmten Religion zuordnen. Er glaube zwar an einen Schöpfer, doch nicht an die Eigenheiten der einzelnen Religionen, sie würden ihn zu sehr einschränken. Niemand könne wissen, wie sie entstanden wären und was einen nach dem Tod erwartete. Das Leben sei ein riesiges Geheimnis, und es zähle allein, dass man das Beste daraus mache und Gutes bewirke. Mit seinen Freunden Elon, einem liberalen Rabbi, und dem Pfarrer Tobias, die ihn oft besuchten, diskutierte er stundenlang über Gott und die Welt, und auch wenn die Gespräche oft recht hitzig ausfielen, so lauschte Elise den dreien gerne, da sie immer freundlich und respektvoll miteinander umgingen und ihre unterschiedlichen Meinungen akzeptierten.
Erwartungsvoll blickte sie zu ihrem Großvater, der sich seine Worte offenbar sorgsam zurechtlegte.
«Elise, erstens, hör nicht auf diese Ingrid, sie will dich bloß provozieren. Das Mädchen ist zudem ohne Zweifel sehr einfältig, du kannst nur Mitleid mit ihr haben. Es wird dir bestimmt schwerfallen, aber du darfst ihr keine Aufmerksamkeit schenken. Genau das wollen solche Menschen erreichen.»
«Das hat Mama auch gesagt. Aber wie kann ich sie ignorieren, wenn sie mir solche Dinge sagt?»
Er tippte ihr mit dem Zeigefinger auf die Stirn. «Weil du viel klüger bist und genau weißt, dass Ingrid nur Unsinn erzählt. Und weshalb soll man Menschen beachten, die nur blödes Zeug von sich geben? Das ergibt doch keinen Sinn.»
Sie musste lächeln. «Du hast recht.»
«Und zweitens: Die Hölle und den Teufel haben sich die Menschen nur ausgedacht, um den Leuten Angst einzujagen, damit sie nicht so viel Schreckliches anstellen ... Gebracht hat es leider nichts ... Jedenfalls hatte Gott ganz sicher keine Finger im Spiel, als die Schlange Wolfi biss. Warum sollte er das tun? Sag es mir.»
«Weil ..., weil Wolfi böse war und deshalb bestraft wurde? Das hat Ingrid gesagt. Und wir haben doch Rubens Lokomotive gestohlen. Obwohl, also eigentlich habe ich sie gestohlen. Wolfi hatte nur die Idee, Bayus Holzlok zurückzuholen. Und das war ja auch unser gutes Recht ... Aber Rubens Lokomotive hätte ich nicht stehlen dürfen. Eigentlich hätte die Schlange mich töten sollen.»
Ihr Großvater schüttelte den Kopf. «Elise, hör zu. Wenn Ingrid tatsächlich recht hätte und Gott wirklich alle Menschen, die einen Fehler machen, bestrafen würde, müssten doch viel mehr Menschen von Schlangen gebissen werden oder sonst ein Unglück erleiden, nicht wahr?»
«Eigentlich schon.»
«Aber das ist nicht so. All die Verbrecher beispielsweise, die im Gefängnis sind. Sie leben noch. Und deine Großmutter, die eine sehr gütige und anständige Person war, die nie an sich selbst dachte und stets den anderen half, starb an den Folgen einer Grippe.»
Sie dachte an ihre Großmutter, die in der Tat einer der liebsten Menschen gewesen war. Und den besten Kirschkuchen auf der Welt gebacken hatte.
«Großmutter war ein sehr guter Mensch», gab sie ihrem Großvater recht. «Gott hätte keinen Grund gehabt, sie mit dem Tod zu bestrafen.»
«Ja. Manche mögen sagen, dass ihre Zeit gekommen war und Gott sie zu sich holte ... Aber ich glaube, Gott kann gar nicht darüber entscheiden. Es passiert einfach, ganz gleich, ob jemand gut oder schlecht war. Ich persönlich denke, er gab uns Willensfreiheit. Das Leben ist nicht vorherbestimmt, weder von ihm noch vom Schicksal. Er kann es auch nicht beeinflussen. Und in die Hölle schickt er niemanden.»
«Das sehe ich ein. Aber ... warum musste Wolfi dann sterben?»
Ihr Großvater starrte auf seine Lupe. «Weil das Leben zwar ein Geschenk ist, aber sehr viele Gefahren und Risiken mit sich bringt. Es hängt an einem seidenen Faden, und leider ist der von Wolfi viel zu früh gerissen. Das hätte niemand verhindern können.»
«Und wo ist Wolfi jetzt? Im Paradies ja nicht, du glaubst nicht an das Paradies, hast du zu Rabbi Elon gesagt.»
