Die Melodie der Wellen - Liane Wilmes - E-Book
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Die Melodie der Wellen E-Book

Liane Wilmes

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Beschreibung

Der Sommer klingt nach Meer.

Anna hat es vermasselt. Der jungen Geigerin bleibt nur noch eine Chance, um einen Platz am Leipziger Konservatorium zu ergattern und in die Fußstapfen ihrer verstorbenen Mutter zu treten. Doch wie soll sie bis Ende des Sommers ihre Prüfungsangst überwinden, um bei den Nachprüfungen zu brillieren? Anna muss sich ihren Ängsten stellen und fährt nach Langeoog, um ihren Vater kennenzulernen, einen berühmten Regisseur. An der Nordsee jedoch bringt nicht nur ihr Vater, sondern auch die Liebe alles gehörig durcheinander … 

Eine so romantische wie berührende Geschichte über Liebe, Verlust und große Träume.

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Als Anna vor der Prüfungskommission des Leipziger Konservatoriums steht, sich ihre Geige – das wertvollste Erbstück ihrer Mutter, eine echte Jan Kulík – unter das Kinn klemmt und den Bogen anhebt, weiß sie plötzlich keine einzige Note mehr. Und das, obwohl sie so lange auf diesen Augenblick hingearbeitet hat. Der Aussetzer vermiest Anna nicht nur die Aufnahmeprüfung, sondern auch den Sommer – so erscheint es ihr zumindest, als sie sich kurze Zeit später auf Langeoog auf einem Filmset wiederfindet. Denn ihr bester Freund sieht nur eine Möglichkeit, Annas Prüfungsangst in den Griff zu bekommen: Sie muss endlich ihren Vater kennenlernen, den berühmten Regisseur Albert Strauss. Doch nicht nur ihr Vater stellt Annas Sommer an der Nordsee auf den Kopf, sondern auch der charmante Schauspieler Leif und der geheimnisvolle Drehbuchautor Bosse …

Über Liane Wilmes

Liane Wilmes, geboren 1979 in Niedersachsen, studierte Allgemeine Sprachwissenschaft, Psychologie und Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaft in Kiel. Viele Jahre arbeitete sie als Redakteurin im Online-, Print- und TV-Bereich sowie als Lektorin und Übersetzerin in Hamburg. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Nähe von Lübeck.Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane »Hinter den Wolken leuchtet ein neuer Tag«, »Erst der Regen verzaubert das Licht« und »Das Glück tanzt aus der Reihe« erschienen.

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Liane Wilmes

Die Melodie der Wellen

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Impressum

Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...

Prolog

Kann noch irgendwer mein Herz schlagen hören?

»Sie beginnen mit einer Solosonate von Bach, entnehme ich meinen Unterlagen.« Es ist eine Feststellung, keine Frage. Der Saal ist so hell ausgeleuchtet, dass ich erkennen kann, dass der Toupet tragende Prüfer Spinat zu Mittag gegessen und sich anschließend nicht die Zähne geputzt hat. Ich schaffe es nicht, meinen Blick abzuwenden.

»Frau Novotna?«

Ich wünschte, irgendjemand würde einfach das Licht ausschalten. Beklommen räuspere ich mich und umklammere das Griffbrett meiner Geige wie einen Rettungsring auf der Titanic. Ich trage ein schwarzes, knielanges Etuikleid und ein Lächeln im Gesicht. Das Kleid, das unaufgeregteste und biederste Outfit, das mein Schrank hergab, klebt mir am Rücken und kleine Rinnsale aus Schweiß laufen mir die Schläfen herunter. Durch das angestrengte, zweifelsfrei maskenhaft wirkende Lächeln sind meine Gesichtsmuskeln eingefroren und tun höllisch weh.

»Oder ziehen Sie es vor, mit einer Caprice von Rode zu starten?« Ich könnte schwören, dass Ungeduld und Missbilligung in seiner überraschend hohen Stimme mitschwingen.

Ich bin eine der Letzten auf einer endlos langen Liste voll potenzieller Anwärter, die diese Woche zur Hauptprüfung an der renommierten Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig eingeladen wurden.

»Vielleicht besser mit Klavierbegleitung, Frau Novotna?« Auf den ersten Blick wirkt er alles andere als einschüchternd, eher wie ein gutmütiger Kinderarzt, aber den aufgeregten, verängstigten Gesprächen im Warteraum konnte ich entnehmen, dass seine Fassade bröckelt, sobald ein Prüfling seinen erlesenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Dann soll er nicht mit vernichtenden Kommentaren geizen und in besonders aussichtslosen Fällen sogar anfangen zu brüllen, als hätte man ihm das Fläschchen weggenommen. Mein Blick wandert von seinen grün gesprenkelten Zähnen zu dem Toupet, das leicht verrutscht in seiner gerunzelten Stirn hängt. Ich kann mich beim besten Willen nicht an seinen Namen erinnern.

»Anna?« Die Prüferin, die neben ihm sitzt, sieht wohlwollender aus als ihr älterer Kollege. Ihr Gesicht lässt vermuten, dass sie häufiger ein Fruchtsäurepeeling beim Kosmetiker macht, als ihr guttut. »Ihr eingereichtes Video aus der Vorauswahlrunde zeigt, dass Sie eine Menge Talent mitbringen. Und jeder ist bei einer so wichtigen Prüfung ein bisschen nervös. Am besten, Sie atmen ein paarmal tief durch, dann werden Sie den roten Faden schon wiederfinden. Beginnen Sie anschließend einfach mit demjenigen Ihrer erprobten Stücke, das Ihnen persönlich am meisten zusagt.« Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie der erste Prüfer gereizt seine buschigen Augenbrauen hebt.

Vielleicht hätte ich einfach gehen sollen, als ich mich vor zehn Minuten auf der Toilette zum dritten Mal übergeben musste. Doch ich war wild entschlossen, die Sache durchzuziehen. Was blieb mir auch sonst übrig?

Reiß dich zusammen, Anna! Sich derart elend zu fühlen, kann auch Vorteile haben. Schließlich entspringt Schöpfergeist oft aus der völligen Verzweiflung.

»Ich kannte Ihre Mutter, Frau Novotna. Eine talentiertere Studentin habe ich seither nicht wieder erlebt. Ihre Karriere war beispiellos.« Der Prüfer erweckt den Anschein, als fiele es ihm schwer, nachzuvollziehen, dass ich nichts von ihrem Genie abbekommen haben soll.

Ich spüre, wie mir das heute ausnahmsweise mal sorgfältig aufgelegte Make‑up über mein zweifellos brandrotes Gesicht läuft. Das Kleid haftet jetzt wie Frischhaltefolie an meinem Körper und die Locken fallen mir schweißnass und klebrig in die Stirn. Wahrscheinlich sehe ich aus wie ein blonder Paul Stanley von Kiss. Ich kann mich gerade noch davon abhalten, mir hysterisch Luft zuzufächeln, und setze stattdessen eine, wie ich hoffe, professionelle Miene auf. Andächtig hebe ich meinen Geigenbogen.

Welche sechs Werke hatte ich noch mal in den letzten Monaten akribisch vorbereitet? Womit wollte ich beginnen? Kabalewski? Bloch? Wie waren noch gleich die Noten? Ich schlucke ein paarmal, weil mein Mund so trocken ist, als wäre er voller Wattebäusche. Die Minuten fühlen sich an wie Stunden.

Jonah, der in einer der hinteren Reihen angespannt auf seinem Sitzplatz hin und her rutscht, räuspert sich ein bisschen zu laut. Ich wage es nicht, in seine Richtung zu blicken.

Das quietschende Geräusch, als der Prüfer entschlossen seinen Stuhl nach hinten rückt und sich von seinem Platz erhebt, lässt mich zusammenzucken. Ich habe keinen Schimmer, wie lange ich wie angewurzelt auf der kleinen Bühne stand. Oder ob jemand mit mir gesprochen hat. Verwirrt folge ich ihm mit meinem Blick, bis die schwere Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Ich weiß nicht, was beklemmender ist: vernichtende Kommentare oder dass er sich einfach wortlos davonmacht. Professor Pavel Procházka, so war sein Name. Ein Landsmann. Die Prüferin, Professor Birthe Neumann, hebt entschuldigend die Hände und bewegt die Lippen, aber ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt.

Schwer atmend lasse ich meine Violine sinken, eine goldgelbe Jan Kulík aus dem Jahr 1870. Das wertvollste Erbstück meiner Mutter.

Meine Augen fangen an zu brennen. Ich habe es vermasselt, ganz und gar. Ich bin mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Ich habe die Chance auf das Leben, das ich immer führen wollte, auf das ich mich seit einer halben Ewigkeit vorbereite und für das ich auf so vieles verzichtet habe, in ein paar sinnlosen Minuten vertan.

Wie durch einen Schleier nehme ich wahr, dass Jonah neben mir auftaucht und mich tröstend an seine Brust zieht. Dankbar atme ich seinen vertrauten Geruch ein, während ich gleichzeitig mit aller Kraft versuche, normal weiterzuatmen und die Tränen zurückzuhalten.

Ich bin heilfroh, dass meine Mutter diese Tragödie nicht miterleben muss.

Kapitel 1

»Kann ich etwas sagen?«

»Kann ich dich davon abhalten?« Stirnrunzelnd schüttele ich meine Locken aus dem Gesicht.

»Du darfst jetzt nicht einfach das Handtuch werfen, Annie! Oder willst du etwa den Rest deines Lebens in diesem drittklassigen Orchester die zweite Geige spielen?« Jonah bedeutet dem gelangweilt dreinblickenden Barkeeper, einem klapperdürren Typen mit platter Boxernase, eine weitere Runde Dirty Martini zu mixen. Zu dieser frühen Stunde ist der Laden noch ziemlich leer.

»Ich spiele die erste Geige, das weißt du genau«, verteidige ich mich und stecke mir eine Olive in den Mund.

Jonah lässt sich nicht beirren. »Das ändert nichts an der Tatsache, dass dein Talent in dieser stümperhaften Truppe komplett vergeudet ist. Und Geld verdienst du dort auch nicht.«

»Aber als Leiterin der Musiktheatergruppe verdiene ich Geld.« Wenn auch nicht gerade viel. Genau genommen liege ich etwa in einer Gehaltsklasse mit Erntehelfern oder dem Toilettenreiniger am Hauptbahnhof. Auf jeden Fall ist es viel zu wenig dafür, dass ich mich mit den unberechenbaren Launen von einer Horde von Zehn- bis Zwölfjährigen herumschlagen muss, die meines Erachtens allesamt viel zu früh in die Pubertät gekommen sind. Dennoch setze ich all meine Hoffnungen in diesen Job. Und ein Stipendium für das Konservatorium hätte mir auch keine großen Sprünge erlaubt.

»Annie, das größte Problem ist nicht dein Einkommen –«

»Wenn du wüsstest. Ich schulde der Bank so viel, obwohl ich so wenig habe.« Dankbar nehme ich meinen Dirty Martini entgegen, den dritten am heutigen Abend, und ignoriere die Miene des Barmanns, die deutlich macht, dass er für ein Mixgetränk mit Olivenlake keinerlei Verständnis aufbringen kann.

»Das größte Problem sind deine Ängste, die du dringend angehen musst, bevor im September die Nachprüfung stattfindet«, fährt Jonah fort, ohne auf meinen Einwand einzugehen.

Ich stoße ein ungläubiges Schnauben aus. »Ich gehe nicht zur Nachprüfung! Ich kann vielleicht einiges wegstecken, aber ich bin noch lange keine Masochistin. Bis ich dieses Debakel verarbeitet habe, ist die Hölle zugefroren.«

Drei Wochen liegt die vergeigte Prüfung nun zurück und das brennende Gefühl der Scham und des Versagens hat keinen Deut nachgelassen.

Ich leere mein Glas in einem Zug, als wäre es Zitronenlimonade, und schüttele mich. Ohne zu zögern, gibt Jonah der Boxernase ein Zeichen, noch eine Runde zu bringen. Er ist der perfekte schwule beste Freund – abgesehen davon, dass er nicht schwul ist. Und dass er nie mit ungemütlichen Wahrheiten hinterm Berg hält. Dabei könnten wir nicht unterschiedlicher sein: Er ist groß, Marathonläufer, fleißig, organisiert, ehrgeizig und entschlossen. Er hat glatte, beinahe schwarze Haare und sieht selbst zu Weihnachten aus, als hätte er gerade vier Wochen in der Karibik am Strand gelegen. Ich bin das personifizierte Chaos, auch wenn ich mir alle Mühe gebe, das Durcheinander zu bekämpfen. Außerdem bin ich viel zu klein für meinen Geschmack, alles andere als sportlich, sommersprossig, selbst im Hochsommer leichenblass und meine hellen Haare stehen wie rohe Fusilli-Nudeln zu allen Seiten meines Kopfes ab. Jonah sagt, das seien meine Antennen.

»Willst du mich betrunken machen, damit ich meine Meinung ändere? Denn das wird nicht passieren, Jonah. Nie im Leben.«

»Wenn du die Prüfung nicht wiederholst, dann war es das mit deinem Traum, in die Fußstapfen deiner Mutter zu treten. Diese Nachprüfung ist deine letzte Chance, Annie, das weißt du.«

Natürlich weiß ich das. Im Oktober werde ich sechsundzwanzig und damit habe ich das Höchstalter für Erstsemester überschritten.

»Dir bleiben also nur knapp zweieinhalb Monate, um deine Ängste in den Griff zu kriegen. Wenn du dich früher durchgerungen hättest, diese Prüfung zu machen – sagen wir, zwei oder drei Jahre –, bliebe dir dazu etwas mehr Zeit. Aber auch davor hattest du ja zu viel Angst.«

Es ist nicht sehr hilfreich, dass er mich ansieht, als wäre ich ein verlassener Welpe in einem Pappkarton.

»Schön, dass du mich unter keinen Umständen unter Druck setzen würdest. Im Übrigen bedeutet Prüfungsangst zu haben nicht, insgesamt ein ängstlicher Typ zu sein.«

Jonah schüttelt missbilligend den Kopf und langt beherzt in das Schälchen mit den Wasabinüssen, obwohl jeder weiß, dass man das in einer Bar auf keinen Fall tun sollte, wenn man nicht besonders scharf darauf ist, Urinspuren und Schlimmeres von weit über zwanzig Fremden mitzuessen. Angewidert schiebe ich die Schale außerhalb seiner Reichweite und wische mir die Hände an meiner schwarzen, zerrissenen Jeans ab.

»Annie, du überprüfst jeden Tag mehrere Male das Türschloss und siehst abends unter dem Bett nach, ob sich dort wahlweise ein Monster oder ein Serienkiller versteckt hält. Du wäschst dir aus Furcht vor Keimen und Bazillen häufiger am Tag die Hände, als ein Kettenraucher nach einer Kippe greift. Du hast Angst vor rundem Brot, Herrgott noch mal!«

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und nehme einen kräftigen Schluck von meinem neuen Cocktail. »Ich habe keine Angst vor rundem Brot. Ich esse nur quadratische Brote, damit der Käse besser draufpasst und kein Rand ohne Belag bleibt. Rundes Brot schmeckt mir nicht.«

Jonahs Schultern zucken, weil er offensichtlich nach Kräften versucht, nicht zu lachen. Meine harmloseren Marotten haben ihn schon immer mehr belustigt als mich. Ich bedenke ihn mit einem vernichtenden Blick.

Doch sein Vortrag ist anscheinend noch nicht abgeschlossen. Er setzt eine ungewöhnlich ernste Miene auf, als er mit leiserer Stimme fortfährt: »Du vermeidest es, deine eigene Meinung zu vertreten oder auch mal Nein zu sagen, weil du Angst hast, abgelehnt zu werden. Du hast solche Panik vor einer Enttäuschung, dass du keinen Mann wirklich an dich heranlässt. Du bist zu feige, deinen Vater zu suchen, weil du den Gedanken nicht ertragen kannst, zurückgewiesen zu werden oder ihn erneut zu verlieren.«

»Bei dir klingt es beinahe so, als wäre mein Leben total verkorkst. Dabei kann ich sehr wohl Nein sagen. Das wirst du hören, wenn du mich noch mal fragst, ob ich mit dir zu diesem albernen Outdoor-Zirkeltraining gehe.« Mit gerümpfter Nase setze ich mein Glas so energisch auf der langen Theke ab, dass der halbe Inhalt auf der Holzplatte landet und auf meine Jeans tropft. Mittlerweile fühle ich mich ziemlich benebelt, schließlich hatte ich nichts als einen grünen Salat zum Abendessen und habe aus Rücksicht auf meinen neuen gesünderen, im besten Fall zuckerfreien Ernährungsplan auf Nachtisch verzichtet. Außerdem konnte ich Alkohol noch nie sonderlich gut vertragen. Gereizt setze ich hinzu: »Und bei Fritz war ich nicht gerade besonders zurückhaltend, oder?«

»Bis du herausgefunden hast, dass er glühender Kate-Bush-Fan ist. Bei Aslan war es, weil er Stephen King liest, bei dem Mann mit den hohen Wangenknochen und den stahlblauen Augen, dessen Name nicht genannt werden darf, weil er eine Vorliebe für Kohlgerichte hat.«

»Du machst dir keine Vorstellung davon, wie seine Wohnung roch.«

»Annie –«

»Angst vor Ablehnung, Enttäuschung oder Verlust ist doch ganz normal. Wer will schließlich nicht gemocht werden? Und jeder Mensch hat auch eine mehr oder weniger ausgeprägte Angst, in wichtigen Situationen zu versagen.«

»Ich habe mich schlaugemacht, Annie. Leute mit Prüfungsangst haben das Gefühl, dass ihre gesamte Person auf dem Prüfstand steht. Du hast Panik vor Kritik oder einer negativen Bewertung, weil du befürchtest, als Individuum nicht ausreichend zu sein.«

Ich lege den Kopf schief. »Vielen Dank für die Diagnose, Sigmund. Steigen wir jetzt auf Gin Tonic um? Von den Oliven ist mir schlecht geworden.«

Als hätte ich nichts gesagt, streicht Jonah sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn und fährt unbeirrt fort: »Du trägst all diese Angst mit dir herum, weil dein Vater dich verlassen hat, als du ein Baby warst, und sich seither nicht für dich interessiert. Und weil deine Mutter dein Leben lang übertrieben hohe Leistungsanforderungen an dich gestellt und dir nie versichert hat, dass du perfekt bist, wie du bist.«

Ich zögere kurz. Der Laden ist inzwischen gut gefüllt, vor allem mit Studenten der nahegelegenen Universität, und der Barmann hat alle Hände voll zu tun. Geflissentlich übergeht er meine erhobene Hand und den Versuch, Augenkontakt herzustellen, weil er seine Mix-Künste anscheinend lieber bei einem klassischen Negroni als bei einem Dirty Martini unter Beweis stellt.

»Ich weiß das alles, Jonah«, erwidere ich schließlich kaum hörbar. »Ich habe nur keinen blassen Schimmer, wie ich an meiner lausigen Familiengeschichte etwas ändern könnte. Meine Mutter ist seit mehr als drei Jahren tot und mein Vater gondelt irgendwo in der Weltgeschichte herum und dreht den neuesten Blockbuster –«

»Er ist auf Sylt.«

»Wie bitte?«

»Dein Vater ist auf Sylt. Vielleicht auch auf Langeoog oder in St. Peter-Ording, so genau lässt sich das nicht sagen.«

»Woher weißt du das?«

»Jeder weiß das, der hin und wieder eine Klatschzeitung aufschlägt.« Sein markantes, braun gebranntes Gesicht verzieht sich zu seinem typischen jungenhaften Lächeln, das, wie ich weiß, die Frauenherzen reihenweise zum Schmelzen bringt.

»Ich hatte keine Ahnung und ich lese die Grazia.« Wider besseres Wissen kippe ich den letzten Rest meines Dirty Martinis herunter und fange an, dem Barkeeper ungeduldig mit der Hand vor der platten Nase herumzufuchteln, obwohl ich damit rechnen muss, dass das die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, ignoriert zu werden.

Jonah verdreht demonstrativ die Augen. »Wie auch immer, dir bleibt nicht allzu viel Zeit, dich deinen Ängsten zu stellen und ein positives Denkmuster zu entwickeln.«

Schnaubend greife ich nach Jonahs halbvollem Glas.

»Alles, was du brauchst, ist ein Neuanfang, Annie. Einen Reset-Knopf, den du drücken kannst. Damit du diese vermaledeite Prüfungsangst überwinden und in der Nachprüfung beweisen kannst, dass du Bériot und Vieuxtemps im Schlaf beherrschst. Du bist ohne Frage die Talentierteste von allen dort.«

»Was hat ein Reset-Knopf mit meinem Vater zu tun?«

Er hält einen Moment inne und starrt auf einen Punkt irgendwo über meinem linken Ohr. Seine Stimme klingt belegt, als er fortfährt: »Deine Mutter hat dir immer klargemacht, dass dein Vater dich nicht wollte, dass er kein Interesse hatte, eine Beziehung zu dir aufzubauen, und noch nicht mal Unterhalt für dich bezahlt hat – und das, obwohl er, wie wir inzwischen alle wissen, nicht gerade am Hungertuch nagt.«

»Vielen Dank, dass du meinem Gedächtnis so charmant auf die Sprünge hilfst.« Ich spüre, wie meine Zunge immer schwerer wird und mir kaum noch gehorchen will. Jonahs Glas habe ich mittlerweile ebenfalls geleert. Gereizt blicke ich zum Barkeeper hinüber, der endlich eine Reaktion auf mein hysterisches Winken zeigt und träge in unsere Richtung schlurft.

»Zwei Gin Tonic, bitte«, ordere ich mit zuckersüßer Stimme. Für den Bruchteil einer Sekunde stiehlt sich ein winziges Halblächeln in sein dünnes Gesicht, bevor er schnell wieder eine gelangweilte Miene aufsetzt. Anscheinend steht Gin Tonic in seinem persönlichen Mix-Ranking ein paar Stufen über Dirty Martini.

»Wenn du nun diesen ganzen Ballast hinter dir lassen und von vorne anfangen willst, befreit, furchtlos und samt Musikstudium an der Hochschule deiner Wahl, bleibt dir nichts anderes übrig, als deinen Vater endlich mit all dem, was er dir und deiner Mutter angetan hat, zu konfrontieren«, knüpft Jonah übergangslos an unser Gespräch an, sobald die Boxernase uns den schmalen Rücken zugekehrt hat. »Was du brauchst, ist einen Abschluss.«

»Ach, so spät ist es schon?« Demonstrativ halte ich mir meine nicht vorhandene Armbanduhr unter die Nase. Es ist nicht das erste Mal, dass Jonah mir, seit ich im Nachlass meiner Mutter auf ein Foto und einen nie abgeschickten, verzweifelten Brief stieß, vorschlägt, meinen Vater zu finden – der, wie sich herausstellte, einer der erfolgreichsten Regisseure des Landes ist.

»Es geht um deine Zukunft, Annie. Herrgott, es geht um dein Leben. Seit über drei Jahren weißt du, wer er ist. Du kannst ihn nicht länger ignorieren.« Vorsichtig greift Jonah nach meiner schweißnassen Hand, als würde er damit rechnen, dass ich einfach aufspringen und gehen könnte. »Und wer weiß? Vielleicht hatte er triftige Gründe für sein Verhalten. Vielleicht könnt ihr mit der Zeit sogar so eine Art Eltern-Kind-Beziehung aufbauen. Oder du findest heraus, dass er genau der Blindgänger ist, den deine Mutter dir beschrieben hat, und dass er es beim besten Willen nicht wert ist, dass du dir seinetwegen alle Chancen vermasselst. Dann kannst du zumindest versuchen, mit der ganzen verdammten Geschichte abzuschließen. Und zwar möglichst noch vor September.«

»Das macht einen Euro für die Fluchdose.« Mit wild klopfendem Herzen greife ich mit der freien Hand nach meinem randvollen Gin Tonic, den die Boxernase mir hinschiebt. Plötzlich fühle ich mich wieder stocknüchtern. »Himmel, welchen plausiblen Grund sollte es geben, sein eigenes Kind zu verleugnen? Natürlich ist er es nicht wert. Du hast offenbar zu viel Martini getrunken, Jonah. Du kannst nicht mehr klar denken.«

Unbeeindruckt hebt er die perfekt geformten Augenbrauen. »Wie man es dreht und wendet, du kommst nicht darum herum, deinem Vater gegenüberzutreten, Annie. Auf Sylt oder auf Langeoog. Oder in Sankt Peter-Ording.«

Die Fragen wirbeln wie ein Meteoritenschauer in meinem Hirn herum. Ächzend entziehe ich ihm meine Hand. »Du hast Nerven! Albert Strauss hat mich und meine Mutter fallen lassen wie heiße Kartoffeln. Niemals werde ich ihm das verzeihen können, das solltest du wissen. Manchmal fällt es mir schwer zu glauben, dass du mein bester Freund sein willst.«

»Ich bin nicht nur dein bester Freund, sondern auch dein Ehemann und damit für dein Glück mitverantwortlich.«

Schnaubend schüttele ich den Kopf. Mit sechs, nicht lange nach unserem ersten Schultag, haben wir geheiratet. Es war ein sonniger Septembertag, wir waren barfuß und trugen zueinander passende Micky-Maus-Badehosen. Als Hochzeitsgeschenk überreichte er mir feierlich einen kleinen Plastikschlumpf aus einem Überraschungsei. Die Schokolade hatten wir vorher gerecht geteilt. Wir haben uns jauchzend mit Wasserbomben beworfen, bis meine Mutter mich ein wenig ungehalten zum Geigeüben ins Haus rief.

»In guten wie in schlechten Zeiten, richtig?«

»Und die guten waren auf Klassenfahrt in der Neunten, als wir zum ersten Mal betrunken waren und herumgeknutscht haben?«

Doch Jonah lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. »Und ich weiß auch schon, wie du es anstellst, ohne dass dein Vater direkt Wind von der Sache bekommt und das Weite suchen kann. So, dass du dich langsam an die Sache herantasten kannst. Mir ist klar, dass du nicht der Typ für Hauruck-Aktionen bist.«

Als ich nicht reagiere und stattdessen äußerlich ruhig an meinem Glas nippe, setzt er voller Enthusiasmus hinzu: »Wie gesagt, er dreht gerade einen Film an der Nordsee. Meine Informantin hat schon angedeutet, worum es geht, irgendeine Gesellschaftskritik, versteckt in einem Liebesfilm und angereichert mit Elementen eines Musikfilms. Und es sollen auch einige Kinder mitspielen, die schon ein eingespieltes Team sind, schauspielern können und ihre Instrumente einigermaßen beherrschen. Und wie es der Zufall will, hat die Jugend-Musicalgruppe, die den Part ursprünglich übernehmen sollte, in letzter Minute wegen irgendwelcher Differenzen das Handtuch geworfen, und die Produzenten suchen händeringend nach Ersatz.«

»Sag nicht, du denkst dabei an meine Truppe widerspenstiger Halbwüchsiger?« Ich kann mir ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen. »Offensichtlich hast du noch nicht viele von ihnen spielen gesehen. Einen Albert Strauss können wir damit nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Zumindest nicht jeder von ihnen.«

»Ihr seid sowieso viel zu viele, einige müssen sicherlich zu Hause bleiben. Außerdem kannst du ihnen das, was noch fehlt, im Handumdrehen beibringen. Das ist für dich doch ein Kinderspiel, Annie. Ganz abgesehen davon ist die Verzweiflung der Produzenten, rechtzeitig vor den Sommerferien noch ein paar geeignete Darsteller zu finden, anscheinend ziemlich hoch. Da könnt ihr euch ruhig ein paar Patzer erlauben.«

»Auf keinen Fall, Jonah«, zische ich aufgebracht. »Dann gehe ich schon lieber zum Seelenklempner.«

»Bis September ist keine Zeit mehr, um eine Therapie erfolgreich abzuschließen. Und so effizient, wie den Kern des Problems beim Schopf zu packen, ist es sowieso nicht.«

»Was sollte ich meinem Vater denn sagen? Das kommt nicht infrage. Niemals. Ich will ihn gar nicht sehen.«

Es ist eindeutig Schuldbewusstsein, das über Jonahs Gesicht huscht. Einen Augenblick später hat er sich wieder im Griff. Um mich nicht ansehen zu müssen, greift er nach seinem Longdrink, als er leise murmelt: »Ich habe meiner Quelle zugesagt, dass ihr euch nächste Woche vorstellen werdet.«

»Wie bitte? Wie konntest du das tun? Und wer soll überhaupt diese geheimnisvolle Quelle sein?«

Er zögert nur den Bruchteil einer Sekunde. »Die Casting-Direktorin. Schmollmund, Beine bis zum Himmel –«

»Wie sollten wir uns irgendwo vorstellen, wenn wir keine Ahnung haben, was im Drehbuch steht?« Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu, bevor ich ein paar kräftige Schlucke von meinem Gin nehme und mich schüttele.

»›Man kann niemals den Ozean überqueren, wenn man nicht den Mut hat, die Küste aus den Augen zu verlieren‹, wusste schon Christoph Kolumbus«, erklärt er nachdrücklich.

Ich stoße einen theatralischen Seufzer aus. Jonah ist Dozent für Mittelalterliche Geschichte an der Uni Leipzig und treibt mich mit seinen Zitaten berühmter historischer Figuren regelmäßig an den Rand des Wahnsinns.

»Deine Mutter sah das genauso, wie du weißt. Jetzt müssen wir also nur noch die Kinder fragen, ob sie die Sommerferien über bei Albert Strauss’ neuestem Geniestreich mitmischen wollen, und die Eltern, ob sie damit einverstanden sind. Natürlich muss das alles schnell gehen, bevor die Frist verstreicht. Und dann müssen wir nur noch eine Zusage bekommen.«

»Ich höre immer wir! Das kommt nicht infrage, Jonah«, wiederhole ich ein bisschen zu laut. Schwankend erhebe ich mich von meinem Barhocker. Für meine Verhältnisse und meine Gewichtsklasse habe ich heute Abend viel zu viel Alkohol in mich hineingeschüttet. »Ich gehe nach Hause. Teilen wir uns ein Taxi?«

Jonah blickt wenig verstohlen in der Bar umher. »Hier laufen eine Menge einundzwanzigjähriger Augenweiden herum, die keine meiner Studentinnen sind und mit denen ich noch keine Bekanntschaft gemacht habe. Es wäre nicht fair, ihnen nicht die Möglichkeit dazu zu geben.«

»Wie selbstlos von dir.« Ich beuge mich zu ihm herüber und drücke ihm einen Kuss auf die glatt rasierte Wange.

»Es geht um dein Leben, Annie!«, murmelt er wieder und presst mich an seine Brust. »Und du musst zugeben, dass meine Idee vielleicht zu vierzig Prozent absoluter Irrsinn ist, der allem widerspricht, was du in deinem bisherigen Leben über deinen Vater in Erfahrung gebracht hast, aber zu sechzig Prozent auch die beste Chance, die du kriegen kannst.«

»Ich würde sagen achtzig, zwanzig«, stammele ich in seinen weichen Pullover hinein.

»Zwanzig Prozent sind besser als nichts. Komm schon, Annie. Du kannst nicht länger den Kopf in den Sand stecken und darauf setzen, dass sich deine Probleme in Luft auflösen.«

Ich versuche, mich aus seiner Umklammerung zu lösen. »Du willst doch deine Chancen bei den Ladys heute Abend nicht schmälern, indem du ein bisschen zu lange mit deiner guten alten Freundin schmust.«

»Versprich mir, dass du zumindest darüber nachdenken wirst. Dir läuft die Zeit davon, Annie. Versprich es mir!«

Unverdrossen stemme ich mich gegen seine Brust, bis er mich loslässt, und krame in meiner Tasche nach den Desinfektionstüchern. »Ich habe mich entschieden und sage vielleicht«, brumme ich, nur, damit er endlich still ist, und wende mich zum Gehen, ehe er noch etwas hinzufügen kann. Manchmal gibt es nichts Besseres, als das letzte Wort zu haben.

Kapitel 2

Wie sich herausstellte, dreht mein Vater derzeit auf Langeoog. Und entgegen meiner Annahme haben es einige meiner zwar mehr oder weniger theatererprobten, aber in der Filmlandschaft gänzlich unbedarften Musical-Kinder tatsächlich fertiggebracht, die langbeinige Casting-Direktorin von ihrer Tauglichkeit zu überzeugen. Möglicherweise war aber auch Jonah daran nicht ganz unbeteiligt, der ihr während des gesamten mehrstündigen Auswahlverfahrens nicht von der Seite wich und verheißungsvolle Blicke mit ihr tauschte.

Ich habe zwei Tage und Nächte gebraucht, um Jonahs Plan auseinanderzunehmen und intensiv von allen Seiten zu betrachten. Achtundvierzig Stunden, in denen ich viel zu viel billigen Rotwein von der Tanke getrunken und mir gewaltige Mengen Karamellschokolade einverleibt habe. Der Gedanke, einem wildfremden Mann gegenüberzutreten und ihm vorzuwerfen, dass er mich vor fünfundzwanzig Jahren jämmerlich im Stich gelassen und meine Mutter so sehr verletzt hat, dass sie es vorzog, für den Rest ihres Lebens allein zu bleiben, und er mir damit genug Traumata verpasst hat, dass es für drei Leben reicht, war mehr, als ich ertragen konnte. Außerdem konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie eine Konfrontation mit meinem verschollenen Vater auf die Schnelle etwas an meinen Ängsten, allen voran meiner Prüfungsangst, ändern sollte. Doch wie ich es auch drehte und wendete, ich hatte keinen Plan B. Seit ich alt genug war, um eine Achtelgeige zu halten, hatte ich, mit Ausnahme meiner rebellischen Phase, immer nur danach gestrebt, an der Leipziger Musikhochschule zu studieren, wie meine Mutter dreißig Jahre vor mir, und ebenso wie sie als erfolgreiche Violinistin ganze Konzertsäle zu füllen. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Mich meinen Ängsten zu stellen, war, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, der letzte brüchige Strohhalm, nach dem ich greifen konnte, bevor ich meinen Traum von einer Karriere als Konzertviolinistin an den Nagel hängen müsste.

Am Ende wollte ich das Schicksal entscheiden lassen. Sollten sich die Kinder wider Erwarten in die Herzen der Castingleute musizieren, würde ich Gummistiefel und Geige einpacken und an die Nordsee fahren. Wenn nicht, würde ich die Absage als Omen betrachten, den gesamten Tankstellenvorrat an Rotwein leerhamstern und mir die Decke über den Kopf ziehen. Oder mir einen unempfindlichen Therapeuten suchen.

Schließlich durften sieben von sechzehn Kindern mit nach Langeoog und ich habe es nach einem Blick in ihre und Jonahs strahlende Gesichter nicht übers Herz gebracht, einen Rückzieher zu machen. Also stehe ich mit diesen aufgeregt durcheinanderplappernden Dreikäsehochs nun an der Reling der MS Flinthörn und frage mich mit schweißnassen Händen und wild pochendem Herzen, worauf ich mich da eingelassen habe. Und ob es zum Umkehren wirklich zu spät ist.

Etliche Silber- und sogar ein paar Mantelmöwen kreischen am wolkenverhangenen Himmel, während die schaukelnde Fähre ihr ohnehin schon gemäßigtes Tempo so weit drosselt, dass sie am Anleger festmachen kann. Die rotbäckigen Touristen um uns herum mit ihren Sandalen-Socken-Kombinationen und grellbunten Outdoorjacken springen hektisch auf, noch ehe die Leinen vertäut sind. Ein wenig angespannt schnappe auch ich mir meinen Geigenkasten, die Kuriertasche und den geblümten Rollkoffer und taumele, die wilde Bande vor mir herscheuchend, an den mittlerweile menschenleeren Reihen vorbei Richtung Ausgang. Das dunkelblaue Meer schwappt aufgewühlt gegen die Kaimauer und schlägt gegen die Planken der anderen Boote.

Ein ganzer Haufen Leute tummelt sich schon am verregneten Anleger, um einen Platz in der kleinen, bunten Inselbahn zu ergattern, die den Fährhafen mit dem Ortskern von Langeoog verbindet.

»Anna, ich habe keinen Regenschirm eingepackt«, ächzt Leo, begnadete Querflötenspielerin und großer Fan britischer Heavy-Metal-Bands aus den Neunzigern. »Ich werde ja ganz nass.«

»Wir haben noch gar nicht richtig Mittag gegessen, Anna«, brummt Felix, kugelrunder Saxophonist, der beim Tanzen aussieht wie ein betrunkener Pinguin. »Und meine Lunchbox ist längst leer.«

»Du kannst meinen Apfel haben.« Der in sich gekehrte Filmfreak Miguel, der nie übt und mit seiner Geige trotzdem alle anderen in die Tasche steckt, kramt in seinem Rucksack herum.

»Ist die Bahn voll? Holt uns niemand ab? Müssen wir etwa laufen, Anna?« Quasselstrippe Lisa, deren Gitarrenspiel an guten Tagen glatt Ed Sheeran Konkurrenz machen könnte, setzt eine irritierte Miene auf. »Ich habe gelesen, dass die Inselbahn ganze sieben Minuten braucht, um die Strecke zum Ortskern zurückzulegen. Stell dir mal vor, wie lange wir zu Fuß brauchen würden. Und dann noch mit dem vielen Gepäck. Nerea hat zwei Koffer dabei.«

Ich bin keine Freundin großer Menschenansammlungen – all diese Keime und Mikroben –, doch auch ich habe wenig Lust, den Weg zu unserem Gästehaus bei dem Schmuddelwetter zu Fuß zurückzulegen – vor allem, weil mich sieben tellergroße Augenpaare nervös anblicken, offensichtlich in der Erwartung, dass ich eine Lösung für das Problem aus dem Ärmel schüttele. Zudem sind meine gepunkteten Gummistiefel natürlich ganz unten im Koffer versteckt. Also sehe ich zu, dass ich die Kinder, die sich heute, anders als üblich, widerstandslos zu fügen scheinen, an einigen der besonders orientierungslos dreinblickenden Gäste vorbeilotse, und erwäge gerade, für die nächsten sieben Minuten die Zähne zusammenzubeißen und uns mit in ein paar ohnehin für meinen Geschmack schon übervolle, quietschblaue und hellgrüne Abteile zu quetschen, als ich aus den Augenwinkeln eine hochgewachsene Gestalt im gelben Friesennerz ausmache, die mit einem durchnässten Pappschild wedelt. Anna Novotna und die Musikmacher, steht in großen, verschwommenen Lettern darauf.

Erleichtert schiebe ich die Kinder an den Menschentrauben vorbei zu dem älteren Mann mit dem schneeweißen Vollbart und der Hornbrille.

»Moin«, begrüßt er uns lang gezogen. Seine Nase sieht aus, als hätte er sie mal gebrochen, und er hat braune, spitzbübisch blitzende Augen. »Ik bün Tomte Bekensen. Un ji mööt de Musiker ut Leipzig wesen. Sünd wi nu vulltallig?«

Ohne Umschweife nimmt er Lisa ihre Gitarre und der frühreifen Nerea, die vermutlich ihren halben Kleiderschrank eingepackt hat, ihren zweiten Koffer aus der Hand und führt uns zu einer Kutsche, die ihre besten Tage längst hinter sich hat, aber deren hintere Sitzreihen immerhin mit einer gelben Plane überspannt wurden. Ein bedröppelt dreinblickender Haflinger und ein schwarzer Friese, die Herr Bekensen an einer Straßenlaterne festgebunden hat, kauen ungeduldig auf ihren Trensengebissen herum. Die Kinder geben sich alle Mühe, sich und ihr Gepäck auf den beiden langen Sitzreihen unterzubringen, doch es ist so beengt, dass ich meine Kapuze tief ins Gesicht ziehe und mich trotz des Regens gemeinsam mit meiner Violine freiwillig zu Tomte und Lisa auf den Kutschbock quetsche.

Wir haben uns kaum gesetzt, als das Mädchen mit todernster Miene das Wort ergreift: »Wir werden für sechs Wochen hierbleiben, also die gesamten Sommerferien lang. Zwischendurch dürfen unsere Eltern uns ein paarmal besuchen. Meine Mutter hat mir zum Abschied eine Kette geschenkt mit einem Foto von ihr und mir und meinem Vater und meinem kleinen Bruder im Anhänger. Es ist unser erster Film. Mikka stottert, aber er wurde trotzdem genommen, weil auch seine Rolle einen Sprachfehler hat. Das heißt, es dauert manchmal ziemlich lange, bis die Wörter aus seinem Mund kommen, und dann klingt es so, als würden Buchstaben darin feststecken. Ich bin elfeinhalb, aber ziemlich klein für mein Alter. Am 12.12. werde ich zwölf Jahre alt. Das können bestimmt nicht viele Menschen von sich behaupten. Wenn ich groß bin, werde ich mal Schauspielerin. Ich bin schon das dritte Mal auf Langeoog. Gehören die Pferde Ihnen, Herr Bekensen? Und können Sie eigentlich nur Platt oder auch Hochdeutsch?«

Ich bin Lisas ungebremste Redeschwalle gewohnt, doch Herr Bekensen starrt seine kleine, sommersprossige Sitznachbarin mit offenem Mund an. Seine Mundwinkel zucken verdächtig. »Merlin, der Haflinger, gehört mir und Blacky, der Friese, einer Nachbarin. Ich bin vor einiger Zeit zurück nach Langeoog gezogen, in die kleine Rosenkate hinter eurem Ferienhof, und helfe der Besitzerin hin und wieder bei den Dingen, die sie nicht mehr allein schafft. Bäume beschneiden, Reparaturarbeiten am Haus, Urlauber von der Fähre abholen, so was eben. Wenn sie mich lässt. Früher war ich Journalist in Hamburg«, führt er bereitwillig aus, während er die beiden Pferde geschickt an einer Reihe anderer Kutschen vorbeilenkt. Umständlich krame ich ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel aus meiner Tasche. »Und was die Sprache betrifft: Ich finde Plattdeutsch gemütlicher. Niederdeutsch ist zwar gefährdet, weil es nur noch wenige Leute gibt, die die Sprache sprechen, aber viele Kinder in der Region lernen sie jetzt wieder in der Schule.«

»Darüber habe ich gelesen. Ich habe auch viel über den Nationalpark gelesen. Ich wusste vorher nicht, dass mehr als zehntausend Tier- und Pflanzenarten im Wattenmeer zu Hause sind. Da vorne wächst zum Beispiel die Schwarze Krähenbeere, die ist essbar und kann bis zu achtzig Jahre alt werden.«

Inzwischen ist dem alten Mann vermutlich schwindelig vom Zuhören, aber Lisa hat noch mehr zu sagen. Sie fährt schonungslos fort, jeden Strauch, jede Blume und sogar die Highland Rinder, die auf einer Weide mit gesenkten Köpfen dem Regen trotzen, ausschweifend zu kommentieren.

Herr Bekensen nutzt eine kaum wahrnehmbare Pause, in der Lisa Luft holt, und wendet sich an mich. »Ich fürchte, wir müssen einen Umweg einplanen. Eine der Produktionsassistentinnen rief mich an, während ich auf Sie gewartet habe, um mich zu bitten, einen weiteren Fahrgast am Flugplatz einzusammeln. Anscheinend haben den anderen Kutscher die Windpocken erwischt.«

Ich wische mir eine tropfende Strähne aus dem Gesicht und will gerade etwas Zustimmendes erwidern, doch Lisa ist schneller als ich. Sie schüttelt ihre durchnässten Haare und erklärt stirnrunzelnd: »Kaum zu glauben, dass es heute regnet. Normalerweise scheint hier tausendfünfhundert Stunden im Jahr die Sonne. Selbst wenn es auf dem Festland trist und grau ist, kommt auf Langeoog die Sonne raus. Ich wette, der Himmel wird heute noch blau. Wenn ich hier mit Mama und Papa und meinem Bruder Urlaub gemacht hab, war das Wetter immer schön.«

Mich kann das Schietwetter jetzt, da wir unser Gepäck nicht mehr selbst tragen müssen und ein wenig schneller vorankommen, nicht länger aus der Ruhe bringen. Ich blende Lisas Geplapper aus, atme ein paarmal tief durch und lehne mich in meinem harten Sitz zurück, um meinen Blick über den kleinen Langeooger Wald, die Salzwiesen und das Wattenmeer in der Ferne wandern zu lassen.

Wie von allein schweifen meine Gedanken zu all den Ferienerzählungen von Jonah oder meinen Schulfreundinnen, in denen sie, oft in Begleitung einheimischer Kinder, mit den Rädern die Urlaubsgegend unsicher gemacht haben, am Strand nach Schätzen gruben, in den Dünen die Nester der Möwen beobachteten, mit Bodyboards in die Wellen tauchten und sie das pure Glück warm durchflutete. Immer waren ihre Knie aufgeschlagen, immer schien die Sonne und immer warteten ihre Mütter mit einem Glas eisgekühltem Kirschsaft auf sie. Die meisten Urlaube, die ich selbst mit meiner Mutter unternommen habe, waren Kurztrips in irgendwelche europäischen Haupt- und Kulturstädte, in denen wir tagsüber einen Haufen Museen und Galerien abgeklappert und abends Konzerte und Opern besucht haben.

Ich schüttele den Gedanken ab und fahre mir mit der feuchten Hand über das noch feuchtere Gesicht, gerade als Lisa wissen will: »Wissen Sie eigentlich, worum es in unserem Film geht, Herr Bekensen? Und dass der Film Vielleicht morgen heißt?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, verliert sie sich in Ausschweifungen über den geflohenen jüdischen Kleinkrämer Jonathan, der in den späten vierziger Jahren nach dem tragischen Tod seines Zwillingsbruders und seiner Schwägerin mit seiner jungen Frau Jezabel, den beiden traumatisierten Neffen Levi und Nathan, zwei Außenseitern, und zwei Familienhunden in seine deutsche Heimat zurückkehrt und ein kleines Häuschen am Meer mietet. Der depressive Jonathan findet keine Arbeit und verfällt dem Alkohol, so dass Jezabel, eine Musiklehrerin, sich gezwungen sieht, für wenig Geld eine Handvoll neuer Schüler aus einem nahegelegenen Waisenhaus aufzunehmen, um die Familie zu ernähren. Ein paar der Kinder erweisen sich als hochtalentiert, so dass Jezabel sie für den renommierten Musikwettbewerb am Hamburger Konservatorium anmeldet. Als Jonathan herausfindet, dass die Musikschüler die Kinder verstorbener Nazi-Schergen sind, verlangt er, dass Jezabel sie unverzüglich hinauswirft.

»Aber die Familie ist auf das Geld angewiesen.«

»Und außerdem blühen Levi und Nathan, also Mikka und ich, in der Gruppe der neuen Kinder richtig auf und finden zum ersten Mal in ihrem Leben richtige Freunde«, führt Felix weiter aus und beißt in einen Schokoladenkeks, den er bei Leo abgestaubt hat.

»Dazu kommt, dass Jezabel, auch wenn sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, Hans, dem superattraktiven Leiter des Waisenhauses, näherkommt«, ergänzt Nerea und schüttelt ihre lange, dunkelbraune Mähne aus.

»Also fährt sie heimlich fort, die Kinder zu unterrichten. Jonathan kommt aber leider dahinter, dass seine Frau ihn gleich doppelt hintergeht, und stößt sie nach einem Streit betrunken die Treppe herunter. Sie stirbt, bevor sie mit den Kindern nach Hamburg reisen kann. Ist das nicht ergreifend?« Lisa hat ihre Erzählung gerade abgeschlossen, als Herr Bekensen die Kutsche vor einem verwaisten Kinderspielplatz in die schmale Flughafenstraße lenkt. Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen, doch lassen die dunkelgrauen Wolken, die noch immer am Himmel hängen, wenig Hoffnung auf ein paar Sonnenstrahlen aufkommen.

»Ja, dat is andonelk. Aber dar sünd wi nu, up Tied as de Müürkers«, trällert er gut gelaunt und überhaupt nicht ergriffen und macht Anstalten, die Pferde zum nächstgelegenen Baum zu manövrieren, um sie dort festzubinden. Doch rings um den kleinen Ahornbaum lehnen mehrere Fahrräder, ebenso wie um alle weiteren Bäume in Sichtweite. Ratlos blickt er zu den kleinen Propellermaschinen hinüber, vor denen sich eine ansehnliche Menschentraube gebildet hat, allem Anschein nach hauptsächlich weibliche Teenies, aber auch einige miniberockte junge Frauen und sogar ein paar pink gekleidete Damen im besten Alter. Mehrere selbst gestaltete Plakate deuten an, dass sie auf einen Leif warten, Typ Sexiest Man Alive.

»Was ist denn hier los?«, murmele ich mehr zu mir selbst.

»Seit hier dieser Film gedreht wird, flippen die Touristinnen alle aus«, bemerkt Herr Bekensen und setzt dann mit zusammengekniffenen Augen hinzu: »Ist das etwa unsere Erdkundelehrerin?« Ungläubig kratzt er sich am Kopf.

Vorsichtig drücke ich Lisa meinen Geigenkoffer in die Hand, klettere ein bisschen steifbeinig vom Kutschbock und springe auf den unebenen, gepflasterten Weg, der zu dem schmucklosen, winzigen Terminal aus rotem Backstein führt und sich unter einer Menge Unkraut versteckt. »Bleiben Sie ruhig bei den Pferden, Herr Bekensen, ich kann unseren Fahrgast einsammeln.«

»Vielen Dank, Anna. Herr Andersson wartet im Terminal, wurde mir gesagt.«

Wie festgewurzelt bleibe ich stehen.

»Leif Andersson?«, stammelt Lisa, vielleicht zum ersten Mal überhaupt um Worte verlegen, und ein paar andere Kinder im Wagen schnappen hörbar nach Luft. Mir entgeht nicht, dass Miguel irritiert den Kopf schüttelt.

Herr Bekensen zuckt mit den Achseln. »Nun, der Name ist in unseren Breitengraden wahrscheinlich nicht sehr verbreitet. Irgend so ein Schauspieler mit Zahnpastalächeln. För mi seht se all gliek ut.«

»Welche Rolle spielt er denn?«, stottert Nerea beinahe ehrfürchtig.

»Im Drehbuch steht gar nichts von ihm.«

»Gab es noch einen Last-Minute-Wechsel, so wie bei uns Kindern?«

»O mein Gott! Das glaubt meine Schwester mir nie.«

»Ist er der Hans? Dann ist er mein Ersatzvater.«

»Vielleicht ist er auch der Aron. Der stirbt gleich am Anfang«, brummt Miguel unbeeindruckt.

Wie ein Stall voller Küken piepsen sechs der Kinder wild durcheinander. Bevor mich ihre Nervosität und Aufregung anstecken können, schiebe ich mir die Kapuze aus dem Gesicht und nehme Kurs auf die schmale Glastür der Ankunftshalle. Mit Blick auf die hysterische Meute von blondierten Achtzehnjährigen mit Rapunzelzöpfen und trotz des lausigen Wetters in superknappen Leopardenshorts mache ich nach ein paar Schritten noch einmal kehrt. »Können Sie mir für einen Augenblick Ihre Brille überlassen, Herr Bekensen? Und Julius, leihst du mir dein Basecap?«

Brille, Cap und meine Hände tief in den Taschen meiner dunkelblauen Regenjacke vergraben, steuere ich eilig an dem Menschenauflauf und ein paar Pfützen vorbei. Neben einer kleinen Gruppe von besonders ergeben wirkenden Jüngerinnen mache ich halt. »Kam der Flieger aus Bremen schon an? Mein Cousin zweiten Grades saß darin.«

Ich ernte erstaunte Blicke. »Sorry, keine Ahnung. Wir sind hier, weil wir auf Leif Andersson warten.«

»Tatsächlich? Den habe ich gerade gesehen.« Ich gebe mir alle Mühe, unbeteiligt dreinzuschauen. »Er sitzt in dem Hubschrauber dort drüben und wartet wohl darauf, dass sein Bodyguard ihm endlich einen Regenschirm bringt. Dabei regnet es gar nicht mehr.« Ich schiebe einen missbilligenden Zischlaut hinterher, als würden mir die Allüren berühmter Leute auf den Keks gehen.

»Wirklich?«, quietscht eine der drei jungen Frauen aufgeregt und ihre Barbiefreundin, die ebenso gut ihre Zwillingsschwester sein könnte, stößt ein Quieken aus wie ein Ferkel auf Ecstasy. Wer hätte gedacht, dass ich so überzeugend schwindeln kann? Jonah wäre überrascht.

Es dauert einen Moment, bis die Neuigkeit die Runde gemacht hat. Als sich die ersten Sympathisantinnen Richtung Helikopterlandeplatz aufmachen und sich ihnen immer mehr Wartende anschließen, stehle ich mich unbemerkt davon und haste schnurgerade ins menschenleere Terminal.

An einem zwergenhaften Schalter sitzt ein schmerbäuchiger Mann in zu großer Uniform, der gerade dabei ist, ein Kreuzworträtsel zu lösen.

»Guten Tag, die Produktionsfirma schickt mich. Ich bin hier, um Herrn Andersson abzuholen.«

Warum sollte er mir glauben? Sicher wird er gleich nach einem Ausweis fragen. Oder nach so einer Art Berechtigungsschein, der es mir gestattet, eine derart bedeutende Person auf meine Kutsche zu laden. Sonst wäre die Menge da draußen ja längst auf dieselbe Idee gekommen.

»Wartet im Büro.« Er deutet mit einer minimalen Kopfbewegung in Richtung einer unscheinbaren weißen Tür schräg hinter ihm. »Dann kann ich ja endlich Feierabend machen.« Und er erhebt sich schwerfällig, faltet die Zeitung zusammen und zieht einen schweren Schlüsselbund aus einer Schublade.

Ich komme gar nicht erst dazu, mich zu fragen, warum ich überhaupt nicht aufgeregt bin – schließlich hatte ich bisher noch nicht das Vergnügen, einer wirklichen, echten Berühmtheit zu begegnen –, denn kaum habe ich zaghaft an die Tür geklopft, wird sie auch schon voller Ungeduld aufgerissen.

Vor mir steht ein baumlanger Typ um die vierzig mit fragwürdigem Bürstenhaarschnitt und mustert mich aus halb geschlossenen Augen von den Haaren, die nach der Reise zweifellos aussehen wie ein Rattennest, bis zu den durchweichten, schlammverschmierten Sneakern. Das ist definitiv nicht Leif Andersson.

Leicht verunsichert werfe ich einen Blick an seinem übertrieben muskelbepackten, mit dem stattlichen Tattoo einer nackten Frau überzogenen Oberarm vorbei und entdecke ihn: Michelangelos Fleisch gewordenen Traum. Er sitzt am Fenster auf einem dieser harten Plastikstühle und tippt, ohne aufzublicken, auf seinem iPhone herum. Erst, als der Hüne sich gereizt räuspert, wird mir bewusst, dass ich Leif Andersson wie einer seiner irren Fans da draußen angestarrt habe. Endlich sieht er auf und fixiert mich mit seinen wachen, kieselsteingrauen Augen, als wäre ich ein Pantoffeltierchen unter einem Lichtmikroskop. Ich hoffe, dass mein Gesicht nicht knallrot anläuft. Irritiert presse ich die Lippen zusammen.

»Herr Andersson, Ihre Kutsche ist vorgefahren«, erkläre ich und kann nicht verhindern, dass mein Tonfall ein wenig ironisch klingt. Dass die Reihen schon gerammelt voll mit Halbwüchsigen sind, lasse ich unerwähnt. Das wird er noch früh genug feststellen.

»Das wurde aber auch Zeit. Wir haben hier den halben Tag vergeudet und uns die Beine in den Bauch gestanden, während da draußen diese Horden von Wahnsinnigen Wache geschoben haben, nur um ein Bild von Leif auf ihren Kanälen zu –«

»Vielen Dank, Frau …«, schneidet Leif Andersson dem Hünen das Wort ab und schenkt mir dann sein berühmt-berüchtigtes jungenhaftes, leicht melancholisches Lächeln.

»Novotna. Anna Novotna.« Am liebsten hätte ich seinem unverschämten Begleiter erklärt, dass wir erst vor ein paar Minuten darüber informiert wurden, dass wir – im Regen, mit sieben übermüdeten Minderjährigen im Gepäck – extra einen Umweg fahren müssten, um noch jemanden mitzunehmen. Und dass sein Klient, wenn er weiterhin als Schauspieler Erfolge feiern will, auf die Gunst dieser Horden von Wahnsinnigen angewiesen ist. Aber natürlich ringe ich mir stattdessen nur ein schmales Lächeln ab. Fremden gegenüber bin ich immer äußerst sanftmütig. Dennoch bin ich froh, dass Jonah mich jetzt nicht sehen kann und sich in seiner Ansicht bestätigt fühlt, ich würde meine Meinung nicht vertreten aus Angst, nicht gemocht zu werden.

»Ich muss mich für meinen Cousin entschuldigen. Erik hätte lieber einen richtigen Job, als mein Agent und Manager und gelegentlich auch Bodyguard zu sein.« Seine Stimme ist tief und melodisch. Noch immer grinsend, greift Leif Andersson nach einer hellblauen Cordjacke und folgt mir, ebenso wie sein grimmig dreinblickender Cousin, in die Ankunftshalle. Sein Gepäck kommt offensichtlich anders ans Ziel.

Er ist mir so vertraut. Ich habe augenblicklich das Gefühl, als würde ich ihn schon ewig kennen. Was wahrscheinlich daran liegt, dass mir sein Gesicht seit Monaten von jedem Titelblatt entgegenstrahlt. Seit er mit Fremdes Geheimnis jeden vorstellbaren Preis gewann und alle Publikumsrekorde brach.

Sein rabenschwarzer Haarschopf, der so gar nichts von seiner schwedischen Herkunft verrät, das markante Kinn und die geschwungenen Augenbrauen sehen aus wie mit Photoshop bearbeitet. Jonah wird vor Neid erblassen, wenn ich ihm später davon erzähle. Er gehört zu den Leuten, die ständig meinen, irgendwo auf der Straße einen Promi zu entdecken, und sich dann um keinen Preis von dieser Auffassung abbringen lassen, selbst wenn sich der angebliche Tagesschausprecher als unbekannte schwangere Frau entpuppt.

Wir haben Glück. Ein Blick durch die verschmierte Glastür verrät uns, dass mein Täuschungsmanöver die wartende Meute tatsächlich in Richtung Hubschrauberlandeplatz gelockt hat. Die Hartnäckigsten unter Leif Anderssons Anhängerinnen sehen aus, als stünden sie kurz davor, den dort geparkten Helikopter zu erstürmen. Vorsichtshalber krame ich dennoch Herrn Bekensens und Julius’ Tarnutensilien aus meinen Taschen hervor.

»Wir sollten uns besser beeilen«, stelle ich fest. »Lange wird es nicht mehr dauern, bis sie registrieren, dass der Hubschrauber hinter seinen abgedunkelten Scheiben leer ist.«

So viel muss ich ihm lassen, Leif Andersson verzieht keine Miene, als er sich die altmodische Hornbrille aufsetzt und das etwas eng geratene Basecap tief in die Stirn zieht. Mit einem hemdsärmeligen Schulterklopfen verabschiedet er sich von dem Hünen, der anscheinend direkt wieder nach Berlin zurückfliegt, und hält mir dann mit Armen wie Popeye, nachdem er eine Portion Spinat gegessen hat, ganz gentlemanlike die Tür auf.

»Duze ich Sie? Oder sieze ich dich?«, will er wissen, während wir das kurze Stück zur Kutsche hetzen. Einige mit Kajal umrandete Augenpaare schauen stirnrunzelnd in unsere Richtung, doch erfreulicherweise scheint niemand aus der Fanmenge Verdacht zu schöpfen. Hätten wir uns ein Rennen mit Heerscharen von Fahrrädern liefern müssen, hätte es sicherlich ziemlich düster für uns ausgesehen.

»Du darfst mich ruhig duzen«, höre ich mich entgegnen, als er wie selbstverständlich nach meiner Hand greift, um mir auf den Kutschbock zu helfen. Herr Bekensen gibt seinen Pferden ein Zeichen anzutraben, kaum, dass wir uns neben ihm auf die schmale Sitzbank gedrängt haben. Automatisch hebt Leif meinen Geigenkoffer auf und sichert ihn zwischen seinen Knien.

Lisa hat sich inzwischen, wahrscheinlich nicht ganz freiwillig, hinten zwischen ihre Kameraden gequetscht. Die Kinder tuscheln aufgeregt durcheinander und starren den neuen Fahrgast mit unverhohlener Neugier an.

»Ihr wart heute meine Retter in der Not«, lacht der und nimmt, sobald wir zurück auf die Hafenstraße gerumpelt sind, Brille und Cap ab, um sie seinen Besitzern zurückzureichen. Beim Anblick der Kinderhorde in der Kutsche hat er entgegen meiner Erwartung keine Miene verzogen. Julius presst seine Kappe voller Ehrfurcht an die Brust und Nerea bleibt im wahrsten Sinne des Wortes der Mund offen stehen. »Ich dachte schon, ich werde die Leute da draußen um ein Fahrrad bitten müssen, um zum Hotel zu gelangen.«