Die Memoiren des Miez - Regina Henscheid - E-Book

Die Memoiren des Miez E-Book

Regina Henscheid

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Beschreibung

In seinen Memoiren setzt sich der Kater Miez mit Fragen auseinander, die uns alle bewegen. Warum müssen wir unsere Mutter verlassen? Kann man mit einem Schmetterling befreundet sein? Mit unbestechlichem Blick beobachtet Miez Tiere und Nicht-Tiere, allen voran seinen Bruder und die zweibeinigen großen Wesen: die Menschen! Regina Henscheid hat ein Buch für Tier- und Menschenfreunde geschrieben, das sich durch seinen Humor und seine Beobachtungsgabe von den Fluten putziger Tierbücher souverän abhebt.

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EPUB

Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Regina Henscheid

Die Memoiren des Miez

Ihr Verlagsname

Mit 19 Zeichnungen der Autorin

Über dieses Buch

In seinen Memoiren setzt sich der Kater Miez mit Fragen auseinander, die uns alle bewegen. Warum müssen wir unsere Mutter verlassen? Kann man mit einem Schmetterling befreundet sein? Mit unbestechlichem Blick beobachtet Miez Tiere und Nicht-Tiere, allen voran seinen Bruder und die zweibeinigen großen Wesen: die Menschen!

Regina Henscheid hat ein Buch für Tier- und Menschenfreunde geschrieben, das sich durch seinen Humor und seine Beobachtungsgabe von den Fluten putziger Tierbücher souverän abhebt.

Über Regina Henscheid

Regina Henscheid veröffentlichte unter Pseudonym einen parodistisch-satirischen Roman zur Frauenfrage und arbeitete an einem Werk ihres Mannes Eckhard Henscheid mit (»Die Zwicks«).

Inhaltsübersicht

Für Eckhard, der ...VorspruchHerkunft und Neues LebenÜberraschung, Schreck und andere DingeViel ZornIn der Hohen Welt IIn der Hohen Welt IIViele Fragen und ein AbenteuerWir werden immer klügerKummer, Putschi, Schnee und HundEigenlob und Klärung aller Fragen

Für Eckhard, der viel riet und half

Vorspruch

Darf ich mich Ihnen vorstellen? Mein Name ist Miez. Ich weiß einfach, daß Miez mein richtiger Name ist, ganz gleich, wie man mich nennt oder ruft. Eigentlich war mir nämlich der Name Minnie zugedacht, aber so etwas Verzärteltes wie ein Minnie bin ich nicht; ich bin ein starkes schönes Tier, müssen Sie wissen.

Wahrscheinlich stamme ich aus der Familie der Bären oder der Hasen. Meine Abstammung herauszubringen fiel mir zunächst recht schwer, bis ich merkte, daß das eine große Wesen, das mit uns zusammenwohnt, mich vor allem »mein Bärchen« nennt (diese Verkleinerungsform nehme ich nicht weiter übel), seltener »mein Häschen« und nur einmal, als das Wesen nach langer Abwesenheit zurückkam und wohl vor Freude über das Wiedersehen mit mir verwirrt war, »mein Hündchen«. Da war es zunächst schwierig, bei aller Begabt-, ja Hochbegabtheit, sich auszukennen.

Andererseits, und das gab mir auch zu denken, hörte ich häufig von Besuchern unserer großen Wesen (es sind zwei) den Satz »Ach, da sind ja eure Katzen« oder die Frage »Wo sind denn eure Katzen?«, wenn sie ganz offensichtlich von uns sprachen (wir sind auch zwei). Kennen unsere Großen nicht die Wörter und ihre Bedeutung, oder sind die Besucher so dumm?

Neben mir und den zwei Großen gibt es also noch ein weiteres Wesen im Haus, ein Tier wie ich: meinen Bruder. Dieser ist mir allerdings nachgeordnet. Das sieht man daran – verzeihen Sie, daß ich gleich zu Anfang etwas Undelikates erwähne, aber es erhellt die ganze Situation –, also das sieht man daran, daß ich im Gegensatz zu ihm meine Häufchen in unserer Toilettenkiste niemals verscharre. Sobald ich mein Geschäft erledigt habe, steige ich aus der Kiste und gehe unbeschwert davon. Ich habe es einfach nicht nötig, in der Kiste zu graben und zu scharren, der Bruder aber: er schon. Er kratzt und gräbt, bis sein ganzes Häufchen verschwunden ist, und macht dabei oft ziemlich viel Lärm und Geräusch, als wollte er so noch auf seine Anstrengungen hinweisen. Das ist doch die Art der Schwachen, ich bitte Sie!

In unserer Gemeinschaft gibt es also zwei große Wesen und zwei kleine Wesen (uns), wobei wir aber durch unsere Geschmeidigkeit und unser Fell die Großen an Schönheit bei weitem überragen. Wir sind die Besonderen, die Einzigartigen, und ich, das können Sie mir gerne schon jetzt, nach dieser recht kurzen Bekanntschaft, glauben, ich bin von diesen Besonderen der noch extra Einzigartige.

Und genau darum will ich Ihnen meine erstaunliche Geschichte erzählen – zur Belehrung und zur Bewunderung, und das heißt, ich werde Sie belehren, Sie jedoch, Sie werden mich bewundern – müssen!

Herkunft und Neues Leben

Wir sind an einem anderen Ort zur Welt gekommen. Dort war es sehr ruhig, und es roch immer frisch wie der Wind, und es wehte und stürmte durch unser Haus. Dann tropfte und trommelte der Regen, und es wurde auf einmal ganz hell, und dann krachte und krachte es. Da hatten wir oft Angst und drückten uns an unsere Mutter. Sie war wunderbar rund und weich, aber auch stark und groß und fest und ganzganz schwarz. Als ich aus ihr herausgepreßt kam ins Freie, waren schon andere wie ich da, und nach mir kam noch einer: das war dieser Bruder hier neben mir. Unsere Mutter war aber auch gut, denn sie leckte uns alle sorgfältig ab, damit wir schnaufen konnten, und erlaubte uns, an ihr zu trinken, fast immer soviel wie wir wollten. Sie war sehr ruhig und über die Maßen zuversichtlich, selbst wenn manchmal Merkwürdiges geschah, und ihr trauliches Schnurren drang aus ihr heraus und tief in uns ein, und wir antworteten getrost sogleich und immerfort.

In unser Strohlager in der Scheune kam häufig ein großes Wesen und brachte unserer Mutter Essen und Trinken und sprach mit ihr. Sie erlaubte dem Wesen aber niemals, uns anzufassen, was dieses große Wesen wohl sehr gerne getan hätte. Beim kleinsten Anzeichen dafür fauchte die Mutter wild, und das Wesen wich zurück. So war unsere Mutter! Sie werden noch sehen, daß ich sehr viel von ihr geerbt habe. Uns ging es so gut bei ihr, aber wir mußten sie verlassen. Warum, weiß ich nicht, obgleich ich so viel darüber nachgedacht habe.

Etwas anderes war mir damals noch aufgefallen, aber es hatte mich nicht beunruhigt. Zweimal waren zwei andere große Wesen zu uns auf die Strohballen hinaufgekommen, immer in Begleitung des Essensbringerwesens. Ich verstand nicht, was sie redeten. Ich war vielleicht recht müde und hörte auch gar nicht zu. Das eine Wesen durfte uns sogar anfassen, aber nur kurz. Das hätte mich eigentlich stutzig machen sollen. Die Mutter drohte dann auch wieder wie gewohnt.

Bald darauf kam dieser ungeahnt grausam schreckliche Tag, den ich nienienie vergessen werde (manchmal schon, unter uns gesagt). Wieder kamen die zwei großen Wesen, mit dem Essensbringer, und sprachen mit der Mutter. Plötzlich packte das eine Wesen mich mit seiner Hand, packte auch noch einen anderen von uns Kleinen (diesen meinen Bruder eben) und trug uns einfach fort! Hoch in der Luft schwebten wir. Ich krallte mich gleich in das Wesen, damit ich nicht abstürzte. Aber das war sicher das ganz falsche Signal. Ich hörte unsere Mutter noch fauchen, jedoch gar nicht mehr so schlimm, und ich sah, wie sie uns hinterherlief, an den Boden geduckt. Aber die Großen waren schneller und taten uns in einen Käfig und mit dem stiegen dann alle in einen noch größeren Käfig (ein Auto, würde ich heute natürlich gleich sagen) und fuhren ganz weit fort mit uns, ganz weit, und nimmer sahen wir die Mutter wieder.

Als endlich das Schaukeln in dem wie beißend riechenden Auto, das auch noch so furchtbar donnerte und lärmte, aufhörte, schrie ich immer noch. Die ganze Fahrt hatte ich so laut geschrien, wie ich nur konnte, während der andere Kleine neben mir nur hin und wieder ein »Maunz« von sich gegeben hatte und trostlos vor sich hin gestiert. Schon damals merkte ich, was in mir steckt. Ich bin kämpferisch, ich mache Krach, wenn mir etwas nicht paßt, ich bin mutig und sehrsehr intelligent. So haben die Großen auch schnell Respekt vor mir bekommen und – weil sie den Unterschied zwischen uns nicht merken, dumm, nicht? – das, den Respekt, gleich auf jenen Bruder übertragen. Zu Unrecht, gewiß, sehr zu Unrecht.

Endlich hörte das Rumpeln auf. Es wurde wieder ruhig, aber wo waren wir? Als der Käfig aufgemacht wurde, schoß ich wie besinnungslos heraus, aber der Boden war glatt, und ich rutschte nur so herum, gefolgt von jenem. Wir rannten wie irre hin und her, wollten nicht in ein Körbchen, wollten nicht auf weiche Kissen (ich probierte sie später aber dann doch aus), wollten nicht in einen Karton mit unserem guten Stroh, rasten umher, bis ich dann den Schrank entdeckte, den Schrank in der Küche (die Worte kannte ich aber erst später). Unter diesem Schrank war endlich Sicherheit für uns zwei. Wie froh war ich da auf einmal über den Bruder und sein warmes Pelzlein, das muß ich schon sagen. Wir drückten uns eng aneinander und wichen bis zur hinteren Wand zurück. Zaghaft begannen wir, ganz leise zu schnurren. Von unserer Höhle aus beobachteten wir, langsam ruhiger werdend, wie die zwei großen Wesen sich auf den Boden legten, um mit uns zu sprechen, gleichsam lockend oder fiepend, auf jeden Fall wirkte es freundlich. Sie streckten die Arme nach uns aus, konnten uns aber nicht fassen. Ihre Hände reichten gerade an unsere Nasenspitzen. So konnten wir an ihnen schnuffeln. Der Geruch unterschied sich je nach dem Wesen, dem die Hand gehörte, und ich lernte, sie auseinanderzukennen.

Ich verstand zwar nicht, was sie eigentlich von uns wollten, aber sie strengten sich für uns an, so schien es mir.

Zwei Tage oder Stunden und zwei Nächte wohl saßen wir unverrückbar und unerreichbar unter dem Schrank. Bald legten wir uns schon fast behaglich auf die untergeschlagenen Vorderpfoten und beäugten geruhsam, ja fast ein wenig überlegen, das Getue der Großen durch den schmalen Spalt zwischen Fußboden und Schrank. Wie unendlich lang doch ihre Körper waren, wenn sie auf dem Boden lagen!

Gleich seitlich neben den Schrank hatten sie frisches weiches Futter hingestellt und etwas zu trinken. Auch das hatte uns besänftigt. Wenn sie nicht da waren, nahmen wir davon. Dann gab es da noch eine flache Schachtel mit Steinchen drin, und natürlich war ich es, der herausfand, daß dies der Platz für unsere Häufchen und das kleine Geschäft war. Ich stieg hinein und erledigte alles bestens. Der Bruder machte es sofort nach mit dem Unterschied, gleich beim ersten Mal, ich erwähnte es schon, daß er sein Häufchen sehr sorgfältig mit den Steinchen bedeckte und auch sogar noch meins. Da wußte ich: er erkennt meine Überlegenheit an und huldigt ihr. Das war mir nur recht.

Viel Zeit hatte ich, alles Neue zu bedenken und zu horchen. Die großen Wesen sprachen miteinander, sie sprachen überhaupt sehr viel und riefen uns mit den Worten wie »Miez«, »Miezerl« oder »Miezchen«. Das eine lockte mit »Komm doch, Ramirez, ko-omm!«. Das andere Wesen rief dann: »Minnie, hab kein Angsterl, komm doch!« (Wir kamen erst recht nicht.) Ihr werbendes Rufen und Flüstern blieb aber nicht ohne Wirkung auf mich; ich fühlte mich zuweilen unermeßlich hoheitlich. Der Bruder, so fand ich, sollte auch daran teilhaben, und so ließ ich mich herab, hin und wieder huldreich sein Gesicht abzuschlecken.

Langsam kam ich dahinter, daß sie uns unterschiedliche Namen gegeben hatten, aber wohl auch jedem von uns mehrere. Das war sehr verwirrend. Der »Minnie«, das sollte wohl ich sein, der »Ramirez« der Bruder. Er gewöhnte sich nicht so schnell daran und erschrak in der ersten Zeit immer, wenn sie seinen Namen riefen mit dem am Ende zischelnden »sss«-Laut. Mir gefiel aber am besten der Name »Miez«, und so nenne ich mich selbst: Miez Bär, oder Miez Bär-Hase (seltener), oder einfach Miez, Edler von Bär.

Daß dieser Ramirez mein »Bruder« ist, das wurde mir erst unter dem Schrank klar. Mir fiel dieses Wort ein, einfach so, und ich wußte, es bezieht sich auf ihn. Mir fallen noch viele andere Wörter ein, aber ich weiß nicht immer, was sie bedeuten; zum Beispiel ein sehr aufregendes Wort ist – Maus. Maus? Sogar: Mäuse. Was bedeutet das, was ist das? Mir wird immer ganz unruhig dabei. Einmal habe ich bei diesem Wort einen riesigen Haß bekommen und eine Gier! Ob das Maus, oder der, sehr groß ist? Wo ist es, er oder sie?

Die zwei Großen, vermute ich jedenfalls, sind auch Brüder, so wie dieser Ramirez und ich. Wir sind nicht gleich, das heißt, eigentlich schon, nur er ist dicker. Er ist in grauen Pelz gekleidet und hat Weiß im Gesicht und an den Beinen, ich aber bin schwarz mit Weiß. Wie mein Gesicht aussieht, weiß ich freilich nicht. Ich habe eine weiße, eine leuchtendweiße Schwanzspitze, die ich sehr an mir bestaune.

Nach einer gewissen Zeit verstand ich, daß die Großen nicht nur uns riefen, mit Namen, sondern auch sich. Und zwar riefen und rufen sie sich »Mann« und »Frau«. Es ist so: das Wesen, das immer »Frau« ruft, ist der Mann. Kompliziert, nicht? Und die Frau, die ruft immer »Mann«, wenn sie den anderen meint. Daran habe ich mich gehalten. Die Frau, sie riecht etwas feiner und schöner; der Mann faßt uns immer so fest an. Ich habe ihm schon oft deswegen einen Tatzenhieb gegeben. Dann wimmert er und zwickt den Ramirez. Der erlaubt es ihm, das Dummerl.

In der zweiten Nacht unter dem Schrank merkte ich plötzlich, wie mich mein Bruder anstupste, ja direkt schubste, und zwar nicht zum Essen hin oder zur Häufchenkiste, sondern nach vorne! Es war ganz still. Irgendwo mußten die Großen sein. Sie waren nicht immer da, aber jetzt waren sie zu ahnen. Wir krochen hervor und rochen erst mal an allen Sachen in der Küche. Sie schien uns in Ordnung, und so taten wir die ersten heimlichen Schritte in das riesengroße Haus, oder Heim oder Wohngelaß. Nach kurzer Zeit hörten wir ein regelmäßiges, leises Schnauben oder Schnaufen: da waren sie, der Mann und die Frau, beide hingestreckt, ganz flach lagen sie erhöht und mit etwas zugedeckt, so daß nur die Köpfe herausschauten. Ihre Augen waren zugemacht. Wir sahen uns verblüfft an. Sie schliefen! Ganz harmlos!

Leider gelang es uns in der Nacht nicht, hinauf zu ihnen zu springen, obwohl ich auf den Bruder stieg und mich dann an den Krallen hochziehen wollte. Ich rutschte immer wieder von ihm ab.

Wir verschwanden also wieder und schnupperten im ganzen Wohnungsgelaß alles sehr genau ab. Als die Großen am Morgen die ersten Geräusche machten, schossen wir eilig in unsere Höhle zurück. Wie wir dort die bequemste Haltung eingenommen hatten, nickte der Bruder mir zu. Das war gelungen, wollte er mir mit Nachdruck sagen. So war es.

Mit diesem Moment begann unser neues Leben, denn wir hatten auf einmal keine Angst mehr, oder nur noch selten. Von da an rasten wir ununterbrochen umher, kreuz und quer durch die Wohnung, um die vielen starren Beine der Sachen, die ich später »Möbel« nannte, und um die beiden riesigen Großen herum. Bald liefen sie uns nach, bald wir ihnen. Ich sprang als erster am blauen Bein des Mannes hoch und krallte mich darin fest. Dann rannte ich Ramirez nach, dann wieder er mir. Wenn wir davon genug hatten, kugelten wir umeinander oder strampelten, am Boden einander zugewandt liegend, mit allen Beinen gleichzeitig aufeinander ein, daß es nur so wirbelte. Die Großen staunten, begeistert, so verstand ich sie, wie schnell wir unsere vielen Beine bewegen konnten. Aber schon waren wir aufgesprungen und weggerannt und strampelten und kugelten woanders.

In der nächsten Nacht, als alles still war und ich grad ein wenig döste, kam wieder dieses Stupsen. Geräuschlos machten wir uns auf, gleich ins Zimmer, wo die Großen schliefen. Sie lagen, wie in der Nacht zuvor in – Betten! Jetzt wußte ich das Wort. Aber diesmal lag auf dem Boden davor ein festes Kissen. Ich sprang drauf, Ramirez mir nach, noch ein Sprung: ich stand auf dem Bett des Mannes. Wie flach er war! Schon war ich oben und ging auf ihm herum. Ramirez schaute mich groß aus seinen runden Augen an und maunzte leis warnend. Was ich mich traute! An der Seite des Mannes war die Frau. Ich purzelte vom Mann herunter. Neben mir schnuffelte aufgeregt mein Bruder. Da war der Arm der Frau. Sie lag auf der Seite, mit der Hand neben dem Kopf. Wir sahen uns an. Ramirez nickte. Wir zählten, das heißt, ich zählte stumm bis zwei, dann sprangen wir hinüber und drückten uns in ihren Arm. Sie murmelte, sicher etwas Freundliches, und strich über unseren Pelz. Sofort fingen wir an zu schnurren, Ramirez lauter als je zuvor.

Die Frau allerdings, sie schnurrte nicht. Sie hat auch bis heute nicht ein einziges Mal geschnurrt, und wenn wir uns noch so fest an sie drücken oder auf ihr herumtreten, um ihr zu zeigen, wie zufrieden wir sind. Dann erinnere ich mich an die Mutter und daran, daß sie uns immer die Milch herausgab, wenn sie auf der Seite lag und wir mit den Vorderbeinen abwechselnd weichpfotig auf ihren Bauch traten. Die Frau schnurrt gleichwohl nie. Ich habe schon oft darüber gerätselt. Der Mann kann’s auch nicht.

Es war aber die Frau, die das Kissen für uns hingelegt hatte, weil sie uns zu sich locken wollte. Das wußte ich gleich. Der Mann kann uns auch sehr gut leiden, aber auf die Idee mit dem Kissen wäre er nicht gekommen. Da ist er so einfallslos wie – Sie wissen schon wer (ich sage nur: ein recht naher Verwandter).

 

So schien unsere Welt fürs erste aufs beste eingerichtet, und der Schmerz über den Verlust der Mutter war zeitweise ganz vergessen. Wir hatten gutes Essen und Trinken, immer reichlich, wir hatten die Toilettenkiste, die inzwischen in einen anderen, kleinen Raum gewandert war, wo oft das Wasser rauschte und gluckerte, wir hatten eine große Wohnung zum Rennen und Jagen (leider nur: uns wechselseitig), und nachts lagen wir warm und sicher zwischen den zwei Großen. Wir brauchten nur aufzupassen, wenn sie sich schlafend umdrehten, daß wir unsere Lage mit der ihren veränderten. Das klappte bald sehr gut, ja 1 a. Von der Frau ging dann wie ein feines Vibrieren aus, das mich kurz vorher weckte. Wenn ich auf der Zudecke in der Nähe ihrer Kniekehle lag und sie sich dranmachte, sich ganz umzudrehen, so brauchte ich mich nur von ihrem sich wendenden Körper hochheben und dann absenken zu lassen, ein paar kleine Schritte zu tun und schon lag ich wieder in ihrer Kniekehle. Der einfältige Mann merkte von diesen Feinheiten (Finessen?) nichts, gar nichts, und schlief nur wie taub weiter.

Morgens trippelten und stapften wir ab jetzt so lange eilig auf der Frau herum – der Mann war auch hier weniger empfänglich –, bis sie aufstand und uns Dosen öffnete und hinstellte. Ich glaubte ein paarmal, nicht recht zu hören, denn es schien, als sei sie irgendwie verärgert.

Immer wieder entdeckten wir neue Spiele und Gegenstände. Da war eines Tages ein Ding mit einer Gittertür, und das Ding selbst war auch in einer Art Gitter gehalten. Es erinnerte stark an unseren ersten Käfig, aber an den dachte ich grade nicht. Kurzum, es war ein großer Korb, ja, und ich denke das Wort immer noch und trotz allem mit einem gewissen Grimm, es war, wie sich nur zu bald herausstellen sollte, unser Reisekorb. Er hatte einen flachen Boden, und darüber wölbte sich Flechtwerk. Die Tür stand offen, arglos sprangen wir hinein, nach der Überprüfung wieder heraus, schon lockte anderes. Nur, dies war eben keine Spielhöhle, wie wir merkten, als wir dann mitten im Schlaf auf dem Bett von der Frau geweckt wurden, ergriffen und in den Korb gesetzt. Die Tür ging zu, und wir hockten da, auf einer Art Polster allerdings. Da aber hätten Sie meine Schreie hören sollen! Der Bruder wich sogar ein wenig vor mir zurück, so laut war ich. Schließlich steckte ich ihn aber doch an, und er maunzte und fauchte noch besser als ich. Um es kurz zu machen – ich langweile mich ja schon selbst mit dem dauernden Geschrei –, nichts half, wir blieben drin, man trug uns ins Freie, aber nicht zum Auto, nein, viel weiter. Ich war die ganze Zeit wie blind vor Zorn und sah überhaupt nicht, was eigentlich um uns herum geschah. Auf einmal näherte sich aus der Ferne ein unbeschreiblicher Krach und Lärm, und etwas Riesiges blieb mit langgezogenem Quietschen stehen. Jawohl, es war eine Eisenbahn. Und das Ganze nannte sich: die erste Bahnfahrt von Miez Bär und seinem Bruder Ramirez Bär. Eine Zumutung das, eine empörende Unverschämtheit war das, eine Frechheit und ein Hammer (!)!

Als wir in der Bahn drin waren, sprachen uns allerlei Wesen durch die Gittertür hindurch an, aber ich verstand vor lauter wildem Protest nichts. Ich riß am Gitter, ich kratzte am Flechtwerk – vergebens. Die Frau setzte sich uns gegenüber und flüsterte mit uns. Was soll das, dachte ich. Mausmaus, knurrte es in mir, Mausmausmaus! Ich beruhigte mich erst, als R. sich an mich drückte und anfing, leis zu schnurren. Nun gut, so war es halt. Ist vielleicht doch nicht so schlimm. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß es immer besser ist, erst mal die Zähne zu zeigen oder die Krallen.

Wie es weiterging? Ich gebe Ihnen die Kurzfassung: Bahn, auch Zug genannt, hält, wir alle raus, ein Lärm, ein Unrat an Geruch und Zeugs um uns herum, unerträglich fast. Der Mann trug uns zu einem Auto (kannte ich schon), dann wieder ein Halt, dann gingen sie mit uns zu Fuß in einem Haus höher und höher (eine Treppe), und schließlich kam eine Wohnungstür. Da wurde mir doch sehr bang. Wer war denn da drin? Wir schlichen aus dem Korb. Aber was war das? Es roch ja wie bei uns zu Hause! Es gab da Betten, es gab eine Toilettenkiste, nein zwei, es gab gleich Futter und Wasser. Nach kurzer Zeit, zwei Monaten, vielleicht zwei Tagen, weiß nicht genau, war uns alles schon sehr gut vertraut. Wir verbrachten unsere Zeit wieder mit Jagen, Rennen, gut Essen, Trinken, Spielen, Schnurren, Schlafen. Die neue Wohnung, die ich noch viel besuchen sollte, immer zusammen mit meinem Verwandten, R., und von der aus ich – ich! – ein einzigartiges Abenteuer erleben sollte, nannte ich fortan die Treppenwohnung.

Ja, und jetzt glauben Sie, das ist alles, zwei Wohnungen, Bahnfahrten hin und her – ungewöhnlich, finden Sie, aber noch lange nicht sensazionell? Und wenn ich Ihnen sage, daß wir noch eine weitere, ebenfalls sehr edle und sehr hochgestellte Wohnung bewohnen?