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Die Mia - das Manifest der neuen Menschheit ist eine Hommage an die Weltgesellschaft der vor uns liegenden Zwanzigerjahre des zweiten Jahrtausends und beschreibt die schicksalhafte Begegnung zweier unterschiedlich entwickelter Zivilisationen. Die Menschen bekommen, vorerst unbemerkt, Besuch einer hoch entwickelten außerirdischen Zivilisation. Anders als in vorhergehenden Science-Fiction Visionen besteht allerdings nicht die Absicht, die Menschheit zu vernichten. Um das Überleben der Menschen auf dem Planeten Erde zu ermöglichen, müssen die Besucher einschneidende Veränderungen im Zusammenleben der Erdbewohner vornehmen. Allerdings sind die Bedingungen, unter denen das geschieht, nicht verhandelbar. Der Leser taucht in die Geschichten unterschiedlicher Protagonisten ein, die sich schlussendlich in einem gemeinsamen Ende verbinden. Es erwartet Sie ein spannender sozialkritischer Sci-Fi Roman, der Sie in die Vision einer menschenwürdigen Zukunft führt.
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kapitel 1: Der Tag der Minjha
Kapitel 2: Die Stadt der weißen Teufel
Kapitel 3: Die Crop Corporation
Kapitel 4: Schweiß und billiges Deo
Kapitel 5: William Burns
Kapitel 6: Feindliche Übernahme
Kapitel 7: Ein lohnendes Angebot
Kapitel 8: Kontrollverlust
Kapitel 9: Erster Kontakt
Kapitel 10: Die Begrüßung
Kapitel 11: Mia
Kapitel 12: Das Manifest
Kapitel 13: Der Abschied
Kapitel 14: Späte Gerechtigkeit
Kapitel 15: Der Kreis schließt sich
Epilog
Kuatoko war der jüngste Sohn des Häuptlings Maskua des Stammes der Comanchen im Tal des hungrigen Falken. Wie jeden Abend saß er auf dem höchsten Baum am Rande des Waldes. Der Pfad zum großen Wasser, so nannten die Indianer den Fluss, der ins Meer führte, schimmerte in allen Farben in der untergehenden Sonne. Das Meer selbst kannten sie nur von den Erzählungen der ältesten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals grenzte das große wolkenverhangene Gebirge mit dem weißem Haupt. So nannten sie die Berge, deren glitzernde Gipfel mit Schnee und Eis bedeckt waren.
Langsam neigte sich der Tag dem Ende entgegen. Das war für Kuatoko immer die schönste Zeit des Tages. In der warmen Luft flimmerte die Landschaft in einem warmen Orange. Das war der Moment, in dem der junge Häuptlingssohn seinen Ahnen im Herzen ganz nahe war. Kuatoko dachte dann oft an die Mutter seiner Mutter, die erst vor einigen Monden in die ewigen Jagdgründe einfuhr. Er las ihr jedes Wort von den Lippen ab. Mit ihrer Weisheit war sie wie eine Heilige für ihn.
In den Tagen vor ihrer letzten Reise sagte sie etwas zu ihm, was er bis heute nicht verstand. Nach langer Krankheit und durch das Fieber sehr geschwächt, sprach sie kaum verständlich. Sie fantasierte oft. Der Vater sagte, dass sie vor ihrer letzten großen Reise in die Schattenwelt zwischen hier und den ewigen Jagdgründen eintreten würde. Und immer, wenn Indianer das taten, waren ihre letzten Worte von großer Bedeutung.
Als er an ihrem letzten Abend an ihrem Lager saß und ihre Hand hielt, spürte er einen Strom, wie ein leichter Schlag von einem Zitteraal, durch seine Hand fließen. Sie stöhnte und ächzte die ganze Zeit. Sie schaute ihm tief in die Augen. Dann beugte er sich zu ihr. Sie flüsterte leise und er musste mit seinem Ohr ganz nahe an ihren Mund gehen, um sie zu verstehen.
„Hüte dich vor dem Geist, der aus der Kathme kommt. Hüte dich vor dem Geist, der die Dämonen hervor beschwört.“
Er wich leicht zurück, um ihr fragend in die Augen zu schauen. Dann beugte er sich wieder zu ihr.
„Der Tag der Minjha wird kommen”, ächzte sie, “Minjhaaa“
Das waren ihre letzten Worte. Einen Sonnenaufgang später ging sie für immer. Kuatoko würde diese letzten Worte nie vergessen. Er wusste natürlich, dass sie mit Kathme, das klassische Trinkgefäß der Comanchen, meinte. Mit dem Geist, den Sie erwähnte, verband er allerdings nicht das Getränk, was die weißen Teufel Whiskey nannten. Er kannte aber den Tag der Minjha. Sie gehörten zu der Sorte Fliegen, die als Plage auftraten, das Essen verdarben, bereits am nächsten Tag vergangen waren und vom heiligen Geist genommen wurden. Er konnte zwar ihre Worte verstehen, erkannte aber nicht den Sinn dahinter.
Wie jeden Tag, hielt er also auf dem größten Baum des Waldes Ausschau nach Tieren, die zum ersten Mal durch das Reservat streiften, wie dem Braunbären, Cumbah. Der Name bedeutete „mächtige Pranke“ und das ganze Dorf hatte großen Respekt vor diesem mächtigen Tier. Gerade jetzt, wo die Tage wieder kürzer und kühler wurden, streifte Cumbah öfters durch das Jagdrevier des Indianerstammes. Häuptling Maskua nahm seinen Sohn von früher Kindheit an mit auf die Jagd. Er lernte dort alles über jedes Tier und jede Pflanze. An der Farbe einer Raupenlarve konnte Kuatoko erkennen, an welchem Tag sie schlüpfen und zu welchem Schmetterling sie werden würde. Am Geruch des Waldes konnte Kuatoko erkennen, ob gerade ein Eber oder eine Sau mit ihren Frischlingen hindurch gestreift waren. Am Geruch erkannte er sogar die Anzahl der Wildschweine.
So saß er also auf seiner Aussicht und war in tiefer Eintracht mit der Natur, als plötzlich ein starker Geruch in seiner Nase brannte. Ohne Vorwarnung stank es fast unerträglich nach den weißen Teufeln. So nannten die Indianer die Siedler, die vor vielen Monden in das Land der Comanchen gekommen waren. Ein befreundeter Indianer vom Stamm der Cochita berichtete einmal von einer großen Schlacht am Fuß des weißen Berges. Eine blutige Schlacht mit vielen Toten Siedlern und Indianern soll es gewesen sein. Die Siedler waren mit Feuerrohren bewaffnet gekommen und töteten viele Indianer. Die Überlebenden nahmen sie gefangen. Hauptsächlich die Frauen und Kinder. Im Nebel der Nacht kamen die Cochita Indianer dann zurück, um sie zu befreien und sich beim weißen Teufel zu rächen. Die Rache war erbarmungslos und tödlich. Die gefangenen Indianer allerdings, waren verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Das war das erste Mal, dass Kuatoko vom weißen Teufel gehört hatte. Und während er täglich in seiner Aussicht saß und nach den wilden Tieren suchte, gehörten seit dieser Geschichte auch die weißen Teufel dazu.
Zuerst sah es aus, wie die Gischt eines Wasserfalles. Kuatoko kniff die Augen zusammen. Gegen die untergehende Sonne konnte er es nicht genau erkennen. Dann plötzlich sah er Rauch aus dem Wald am Ende des Tals herauf ziehen. In diesem Moment roch er Wildschweinfleisch über offenem Feuer. Und er wusste sofort, dass kein Indianer vor Sonnenuntergang Wildschwein auf offenem Feuer zubereiten würde. Zur Tarnung legten Comanchen feuchte Fichtenzweige in die Glut. Damit war das Feuer und der Geruch gebratenen Fleisches für Feinde nur schwer aus großer Ferne am Geruch zu erkennen. Das dort, am Ende des Tals, können nur unerfahrene Siedler sein, dachte Kuatoko. Doch ein Siedlertreck hier draußen? Noch nie waren die weißen Teufel so nahe an das Revier der Comanchen gekommen. Kuatoko machte sich plötzlich große Sorgen.
Nachdem die Sonne vom Horizont verschluckt wurde, stieg er ohne zu zögern vom Baum herab, streifte durch das hohe Gras zurück zu seinem Dorf. Er ging geradewegs zu seinem Vater und berichtete ihm von dem, was er gesehen und gerochen hatte. Unverzüglich befahl Häuptling Maskua zwei seiner Männer, die Siedler auszukundschaften. Er machte sich keine allzu großen Sorgen, schließlich gehörten zu seinem Stamm mehr Indianer als Knochen an einem großen Fisch waren und sie waren alle geborene Kämpfer, doch wollte er wissen, was die Siedler soweit hier draußen suchten. Sie waren Meister im Umgang mit Pfeil und Bogen. Im Nahkampf benutzten Sie Ihr langes scharfes Messer wie die natürliche Verlängerung ihres Armes. Äußerst geschickt waren sie auch darin, sich lautlos und unsichtbar heranzuschleichen. Bei Nacht kamen sie einem Gegner so nahe, dass dieser sie nicht bemerken würde, selbst wenn sie sich direkt hinter ihm befanden.
So ritten die beiden Späher also in die dunkle Nacht in die Richtung des Waldes aus dem der Rauch kam.
Am nächsten Morgen bemerkten die Indianer, dass die beiden Kundschafter hätten längst zurückgekehrt sein müssen. Nun war Häuptling Maskua allerdings beunruhigt. Er entschloss sich, mit einigen Kämpfern die Pferde zu satteln, um die beiden vermissten Späher zu suchen.
Kuatoko wollte seinen Vater gerne begleiten, doch der Häuptling untersagte es ihm und schickte ihn auf seine Aussicht, den großen Baum. Die Morgensonne stand hinter Kuatoko und die Sicht über das große Tal war glasklar. Er konnte seinen Vater und die anderen Indianer noch aus großer Ferne sehr gut erkennen. Sein Blick folgte noch lange den Reitern, die über die große, grüne Weite ritten, bis sie schließlich im dunklen Wald am Ende des Tals verschwanden.
Kuatoko war eigentlich gar nicht ängstlich. Angst hatten die Indianer nur vor der Rache der Naturgeister, die es tagelang regnen, die Flüsse überschwemmen lassen konnten und die große Weite bei langanhaltender Trockenheit mit Feuer entfachten. Was Kuatoko jetzt tief in seinem Inneren spürte, war eine ungekannte Unruhe. Er hätte sie nur zu gerne begleitet, auch um seinem Vater endlich beweisen zu können, dass aus ihm ein großer und mutiger Indianer geworden war.
Den ganzen Tag verbrachte er auf seinem Baum und hielt in gespannter Erwartung Ausschau. Seine gesamte Aufmerksamkeit allerdings galt jetzt weniger den wilden Tieren, als dem Eingang zum Wald dort am Horizont, in den die Männer zur Suche nach ihren Brüdern eingetaucht waren. Kuatoko saß dort noch weit bis nach Sonnenuntergang. Doch so sehr er auch hoffte, die rückkehrenden Indianer erspähte er leider nicht. Als Kuatoko seinen Aussichtsplatz verließ war er voller Sorge. In sich gekehrt und voller Gedanken an seinen Vater kehrte er in das Dorf zurück. Das ganze Dorf erwartete ihn bereits aufgeregt und alle fragten durcheinander nach dem Häuptling und seinen Männern. Sie wollten wissen, was Kuatoko gesehen hatte. Und wieso er nicht Bescheid gegeben habe. Doch er konnte nur wortlos in die erwartungsvollen Gesichter blicken und mit gesenktem Blick seinen Kopf schütteln. Und dann verstanden Sie. Sie realisierten, dass etwas schlimmes passiert sein müsste.
Der Älteste berief sofort den Rat ein und es kamen alle im großen Zelt zusammen. Eine große Unruhe war zu spüren, es wurde laut und aufgeregt durcheinander gesprochen. Nachdem er die Anwesenden um Ruhe gebeten hatte, eröffnete der Älteste seine Rede:
„Der Geist des Waldes hat unsere Männer verschlungen. Der weiße Teufel ist dort draußen und hat sich den Geist des Waldes zum Untertanen gemacht. Der Geist des Waldes tut jetzt das, was der weiße Teufel ihm sagt.“
Die Aufregung im Zelt war groß. Einige schrien nach Vergeltung. Andere stießen Kriegsschreie aus.
„Wir werden den Gott des Krieges um seine Hilfe bitten und uns morgen vor Sonnenaufgang auf die Suche nach unserem Häuptling und seinen Männern machen. Sollte der weiße Teufel, dem Häuptling etwas angetan haben, so würde die Rache der Comanchen unermesslich werden“, gellte der Älteste. Spätestens jetzt war auch der letzte Indianer in Kampfstimmung. Noch am Abend beschworen sie den Gott des Krieges, stimmten Kriegsgesänge an und tanzten sich in Ekstase. Kuatoko verfolgte die Zeremonie zurückhaltend. Er verließ sie als erster und machte sich auf den Weg in sein Zelt. Am nächsten Morgen würde er zum ersten Mal in den Kampf ziehen und nun endlich zum Krieger werden.
Kuatoko schreckte hoch! Der Tag war bereits angebrochen aber niemand hatte ihn geweckt. Er stürmte aus seinem Zelt und blickte um sich, doch die Pferde der Krieger waren verschwunden! Sie waren ohne ihn aufgebrochen, hatten ihn zurück gelassen. Er schnaubte vor Wut. Das wollte er so nicht auf sich sitzen lassen. Kuatoko hastete zurück in sein Zelt und packte sein Wegzeug. Die Axt, etwas Bisontalg, Brot, einen Feuerstein, Pfeile und den Bogen. Da öffnete sich plötzlich das Zelt. Kuatokos Mutter trat herein. Bevor er etwas sagen konnte sprach sei zu ihm:
„Ich weiß, dass du gehen musst. Doch bitte vergiss niemals: Alles was du da draußen tust, hat Auswirkungen auf dein Volk. Bedenke immer erst, was dein Vater getan hätte. Und dann handle weise.“
In ihrer Stimme lag Angst. So hatte er seine Mutter noch nie zuvor gesehen.
„Du musst jetzt gehen, mein Sohn!“, sie wollte keine großen Worte. Er nickte kurz, und blickte stumm auf den Boden. Mit beiden Händen nahm sie seinen Kopf und schaute ihn mit Tränen in den Augen an.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren schoss er aus dem Zelt, sprang mit einem Satz auf sein Pferd und trieb es so lange an, bis es pfeilschnell in die Steppe galoppierte. Die Mutter winkte ihm noch nach, doch er sah nicht mehr zurück. Er ritt wie der Wind über die große, grüne Weite, die nie zu enden schien; über die trockene heiße Steppe und durch das große Tal.
Nach einem Tagesritt, kam er an die Stelle, an der die Männer in den Wald geritten waren. Kuatoko war vom langen Ritt erschöpft, doch er musste noch tiefer in den Wald und nach seinem Vater und den Stammesbrüdern suchen. Auf dem feuchten Waldboden erkannte er die Spur eines jeden Pferdes; auch das Pferd seines Vaters. Sie waren langsamer geritten als auf ihrem Weg davor. Nach einiger Zeit erkannte er an den Spuren, dass die Indianer mit äußerster Vorsicht zu Fuß weiter geschlichen sein mussten. Die Feuerstelle der Siedler konnte jetzt nicht mehr weit sein. Und plötzlich roch er in der feuchtkalten Waldluft die Asche der erloschenen Feuerstelle. Die Brüder und den Häuptling hätte er ebenso am Geruch erkennen müssen. Das tat er aber nicht. Und das konnte nur bedeuten, dass sie nicht mehr in der Nähe waren. Er streifte weiter durch das Unterholz. Nach einer Weile entdeckte er die erkaltete Feuerstelle der Siedler.
Er war nur noch wenige Schritte davon entfernt, konnte aber niemanden entdecken, sie war menschenleer. Langsam, fast atemlos streifte er ringförmig um den Rastplatz der Siedler. Im feuchten Waldboden erkannte er immer noch die Spuren seiner Brüder. Doch da war noch etwas anderes.
Und dann erschrak er plötzlich. An den abgeknickten Zweigen der Büsche um ihn herum, einige Längen vor ihm las er an den abgebrochenen Ästen und dem aufgewühlten Waldboden, erkannte er, dass es einen heftigen Kampf gegeben haben muss. Urplötzlich waren da noch viele andere Spuren, die er nicht zuordnen konnte. Kuatoko blickte ratlos umher. Vor seinem inneren Auge sah er den Kampf ganz nahe ablaufen. Wie aus dem Nichts plötzlich neuen Männer durch das Dickicht gestürmt kamen und mit dem Vater und seinen Bewachern kämpften. Es war laut. Es war wild. Mit einer Hand strich er über die Spuren im Boden. Sie erzählten ihm, was passiert war. Sein Vater, der Häuptling und die Brüder waren in einen Hinterhalt geraten. Für Kuatoko war das ganze Geschehen unwirklich. Wie konnten sie nur in diesem Hinterhalt geraten und sich so unerwartet überfallen lassen? Und wo waren sie schließlich alle abgeblieben? Es hätte Verletzte oder gar Tote geben müssen. Wenn nicht seine Brüdern, dann vielleicht die Siedler. Noch nicht einmal Blut war zu sehen, keine Kleiderfetzen, nichts.
Vor seinem inneren Auge sah er den Kampf und sein Herz schlug wie wild, als wäre er direkt dabei gewesen. Er kniete auf dem Waldboden und untersuchte weiter die Spuren. Doch auch das half nichts. Er war nun vollkommen verwirrt und begriff nicht, was hier passiert war.
Die Feinde waren wie von Geisterhand gekommen und auch wieder verschwunden. Es sei denn; und nun blickte er nach oben in die Bäume. Ein Schrecken durchfuhr ihn. Plötzlich sah er sie im Geiste aus den Bäumen auf seinen Vater und die Brüder springen! Sie griffen von den Bäumen aus an! Doch, dass die weißen Teufel diese Kriegslist angewandt hatten war schier unmöglich. Es sei denn, dass sich der weiße Teufel mit einem anderen Indianerstamm zusammengeschlossen hatte und hier auf die Comanchen wartete.
Er zweifelte, denn kein ihm bekanntes Indianervolk schloss sich mit den weißen Teufeln zusammen. Sie alle waren mit dem weißen Teufel verfeindet. Die Geschichte von der großen Schlacht am Fuß des großen, weißen Berges kannte jeder Indianerstamm.
Seit dem hegten alle Indianer Rache gegen die Siedler. Aber kein Siedler war so gewandt, aus den Bäumen angreifen zu können, geschweige denn, dort über viele Stunden lautlos verweilen und auf den richtigen Moment zum Angriff warten zu können. Kuatoko begriff es einfach nicht. Ein kalter Schauer wanderte seinen Rücken herunter. Der Gedanken, dass sein Vater und zwei handvoll Kämpfer seines Stammes von den weißen Teufeln angelockt und in die Falle gegangen waren, ließ seine Nackenhaare aufstehen. Das konnte, nein, das durfte nicht sein. Und plötzlich hatte er das Gefühl, ebenfalls in eine Falle geraten zu sein. Vielleicht warteten sie nur auf die Nachhut, die den Häuptling und seine Männer suchen würde. Vor Schreck zog er seinen Kopf ein und kauerte noch tiefer am Boden und gab keinen Mucks von sich. Er wartete eine ganze Weile und war sich dann schließlich sicher, dass er an dem Platz dort alleine war. Dann bewegte er sich vorsichtig direkt auf die erloschene Feuerstelle zu.
Als er sie genauer betrachtete, erschrak er zutiefst vor dem, was dort in der Asche zu sehen war. Neben dem verkohlten Holz lagen mehrere große, verbrannte Stücke Wildschweinfleisch! Das Fleisch, was er Tage zuvor von seiner Aussicht aus über diese weite Entfernung gerochen hatte. Doch das gebratene Fleisch war nicht verzehrt worden. Das konnte nur Eines bedeuten! Dass dieses Feuer, das braten des Fleisches und der Geruch, der nicht auch nur annähernd verschleierten worden war, von vornherein als Falle für seine Brüder gedacht war.
Bis zu dem heutigen Tag waren die Indianer die Herren des Waldes. Sie konnten sich nahezu unsichtbar durch das Dickicht bewegen. Geräuschlos! Und nun musste er feststellen, dass sein Vater, der Häuptling der Comanchen mit seine Brüder in eine hinterhältige Falle geraten waren. Ohne jegliche Vorahnung, ohne Verdacht. Einfach so. Für einen kurzen Moment verließ ihn die Kraft seiner Beine und er fiel aus der Hocke auf den Boden. Es war der Schrecken, der ihn verzweifeln ließ. Er war so sehr verunsichert, dass er zu weinen anfing. Er schluchzte leise. Sie waren alle in eine hinterlistige Falle geraten, gefangen genommen und verschleppt worden. Nicht getötet, da war er sich sicher. Zumindest nicht an diesem Ort. Es gab kein Blut aber der Schock saß tief.
Kuatoko war bereits zwei Tage lang den Spuren seines Vaters, dem Häuptling Maskua, und seinen Brüdern gefolgt. Von der Feuerstelle aus wandte er sich gen Süden und entdeckte Spuren von weiteren Männern auf Pferden, die die gefangenen Indianer vor sich her trieben. Der Gedanke, dass die Siedler, zwei Handvoll Indianer einfach so überwältigen konnten ging ihm nicht in den Kopf. Es müssen auch Indianer eines anderen Stammes zur Hilfe da gewesen sein. Aber würden die mit dem weißen Teufel zusammenarbeiten, um ihr eigenes Volk gefangen zu nehmen? Wären sie getötet worden, hätte Kuatoko das verstehen können. Doch wieso wurden sie gefangen genommen? Ihm war mulmig zumute, so weit vom Dorf, seiner Mutter, seinen Brüdern und Schwestern entfernt. Kuatoko befand sich nun außerhalb der Welt, die er von klein auf kannte. Den Wald hatte er bereits vor vielen Stunden hinter sich gelassen. Hier, in der weiten Steppe war ihm die Umgebung fremd. Die Siedler, die gefangenen Brüder und sein Vater, der Häuptling, waren nicht zu sehen. Ihre Spuren jedoch sehr deutlich. Sogar etwas zu deutlich, wie er fand. Als ob sich die Siedler nicht vor der Rache und einer Befreiung der Gefangenen durch hunderte Comanchen fürchteten. Kuatoko ritt sehr leise und vorsichtig durch das hohe trockene Gras. Er wollte nicht auch in einen Hinterhalt und in Gefangenschaft geraten.
Abrupt hielt er Inne und sprang vom Pferd! Sein Reflex zwang Kuatoko in die Hocke. Sein Geruchssinn schlug in diesem Moment an. Doch was war das für ein Geruch? Es roch nach altem fauligem Fisch. Er strich sich mit der Zunge über die Lippen und vernahm einen leichten, salzigen Geschmack. Vor ihm lag in weiter Entfernung der höchste Punkt einer Hügelkette. Er musste die Kuppe erreichen, vielleicht konnte er von dort aus mehr sehen und noch besser riechen. Als er wieder auf sein Pferd stieg, warf er einen Blick hinter sich und schaute auf das unbekannte Land, durch welches er gestreift war. Am Horizont erkannte er im Abenddunst die Bergkette, an dem sich das große grüne Tal und die große trockene Steppe anschlossen. Ein ganzes Stück weiter im Norden lag dann sein Dorf. Kuatokos Herz wurde schwer bei dem Gedanken an seine Mutter und an die Heimat.
Kurz bevor Kuatoko die Hügelkuppe erreichte, stieg er ab und ging gehockt auf die Hügelkuppe zu. Oben angekommen, riskierte er vorsichtig einen Blick in das nächste Tal. Doch konnte er seinen Augen kaum trauen, bei dem was er nun sah. Vor ihm lag ein weites Tal, welches am großen blauen Wasser endete. Davon hatten ihm die Stammesältesten einmal erzählt. Dem großen Wasser und seiner Unendlichkeit. Doch das hatte er nicht erwartet. Er sah blaues Wasser, so weit sein Blick reichte. Kuatoko erschrak bei dem Anblick. So Viel Wasser hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Zwar kannte er den großen Fluss in seinem Tal, aber das hier war furchteinflößend und gleichzeitig unermesslich in seiner Schönheit. Der salzige Geruch war nun sehr deutlich. Hypnotisiert von diesem Anblick übersah Kuatoko zuerst die kleine Stadt, die direkt am großen Wasser lag.
Die weißen Teufel bauten ihre Tipis aus Holz, das konnte er erkennen. Bisher hatte er nur von anderen Indianern gehört, wie der weiße Teufel seine Tipis baut und jetzt sah er es mit seinen eigenen Augen. Auch erkannte er, dass die weißen Teufel mit riesenhaften Kanus auf das Wasser fuhren.
Die Spuren der Siedler und ihren Gefangenen führten direkt in die kleine Stadt. Es war bereits spät am Tag und die Sonne ging bald unter. Kuatoko entschied sich, ein Nachtlager einzurichten. Auf der abgewandten Seite des großen Hügels konnte er unentdeckt Rast machen. Nach dem Mahl, welches aus gekochten Buschwurzeln und einigen schmackhaften Königsmaden bestand, schlief er vor Erschöpfung sofort ein.
Jäh schreckte er hoch. Ein ohrenbetäubendes Geräusch weckte ihn. Er kannte dieses Geräusch. Es hörte sich an wie eine Büffel Stampede. Sein Lagerfeuer war erloschen. Kuatoko blickte um sich, stand auf und schwang sich gewandt einen Baum hinauf. In weiter Ferne erkannte er viele Männer auf Pferden. Es waren hundert, vielleicht zweihundert Männer. Sie ritten in die Nacht und waren nach kurzer Zeit nicht mehr zu sehen. Der Mond brachte zwar etwas Licht, aber der Staub, den die Reiter aufwühlten, verhüllte sie schließlich vollends. Nach einiger Zeit war das Galoppieren nicht mehr zu hören. Kuatoko stieg vom Baum herab und atmete erleichtert auf. Zum Glück waren sie nicht in seine Richtung geritten. Und auf einmal kam ihm ein Gedanke. Wenn diese Männer nun aus der Stadt ritten, dann könnte er dort unbemerkt nach seinem Vater und seinen Brüdern suchen. Er hatte etwas gegessen und eine Weile geschlafen. Somit war er ausgeruht und ausreichend gestärkt, um sich in die Stadt schleichen und wenn nötig, auch Kämpfen zu können. Er warf das Zaumzeug seines Pferdes um eine kleine Fichte. Mit dem Pferd wäre er zu laut gewesen und die Gefahr, entdeckt zu werden, viel zu groß. In lauernder Haltung ging er also zur Kuppe des Hügels, um einen Blick auf die Stadt am großen Wasser zu werfen. Die Lichter der Stadt schien durch die Nacht und die Dächer der hölzernen Tipis, die Häuser der Siedler, spiegelten den Mondschein. In gebückter Haltung schnellte er den Hang hinab. Nach einiger Zeit erreichte er den Rand eines kleinen Waldes. Mit seinem Messer, Pfeil und Bogen bewaffnet verließ er den schützenden Wald über eine kleine Steppe. Es war zwar inmitten der Nacht, doch aus der Stadt waren Geschrei und laute Stimmen zu hören. Männer lachten und Frauen keiften. Kuatoko hatte jetzt nur noch wenige hundert Fuß zur ersten Hütte zurückzulegen. Die Indianer waren zwar Meister darin, sich nahezu unsichtbar zu bewegen, allerdings war dies hier eine fremde Stadt und nicht die Wildnis in der er aufgewachsen war. Er wusste, er müsste besonders vorsichtig sein.
Die Häuser der Siedler waren auf Pfählen gebaut, so dass Kuatoko direkt unter den Fußboden des Hauses kriechen konnte, als er eines der äußeren Hütten erreichte. Hier verharrte er eine Weile und blickte sich vorsichtig um. Nach vorne sah er den großen Weg, der durch die Stadt zu führen schien. Es war zum Glück niemand zu sehen. Die Schreie und das Gejohle konnte er jedoch sehr genau hören. Es kam aus einer der Hütten in der Mitte der Stadt. Von dem ersten Haus aus, unter dessen Boden er lauerte, schlich er zum nächsten.
Von hier aus, konnte er nun sogar durch die Tür und die Fenster des auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegendes Gebäude schauen. Er vernahm jetzt die Sprache der weißen Teufel. Eine Sprache, die er noch nie zuvor gehört hatte und ihm völlig fremd war. Zum ersten Mal hörte er die Stimmen der weißen Teufel und ihm schauderte dabei. Diese Umgebung waren ihm derart fremd, dass er an seinen Fähigkeiten zweifelte, den Vater und seine Brüder finden und befreien zu können.
Was, wenn sie gar nicht mehr hier waren und bereits woanders hingebracht wurden. Kuatoko musste sich zusammenreißen und weiter umschauen, ob Anzeichen seiner Brüder zu erkennen waren. Und so schlich er weiter. Das nächste Haus war ein kleiner Schuppen und hatte keinen Hohlraum unter dem Fußboden.
Also schlich er langsam und lautlos um den Schuppen herum, als vor ihm plötzlich ein weißer Teufel stand. Kuatoko erschrak derart heftig, dass er fast einen Laut von sich gegeben hätte. Mit dem Rücken zu ihm, stand dort schwankend ein großer alter weißhaariger Mann. Kuatoko hechtete lautlos zwei Schritte zurück hinter ein Holzfass, sicherte mit einem Rundumblick alle Seiten ab und zog sein Messer, bereit zu töten, wenn es sein musste. Dies würde sein erster toter Feind sein. Sein Vater hatte ihm beigebracht, schnell und lautlos töten zu können, wenn nötig. Doch Kuatoko zögerte. Der alte weiße Teufel hatte ihn nicht bemerkt.
Dann hörte Kuatoko ein leises Plätschern und er erkannte, dass sich dieser Mann nur seiner Notdurft erleichterte. Innerlich atmete Kuatoko auf. Der weiße Teufel roch nach Bärenfell, Urin und einem beißenden Gestank, den Kuatoko noch nie vernommen hatte.
Dieser weiße Teufel stank so bestialisch, dass der Geruch von Kuatokos Nase bis seinen Rachen brannte. Dann machte er sich die Hose zu und schwankte lallend und singend zurück zwischen den Hütten hindurch in Richtung der Straße.
Kuatoko saß, von dem Gestank wie versteinert, hinter dem Holzfass. Er schauderte bei dem Gedanken daran, dass hier alle so stanken wie der alte weiße Teufel.
Die Gefahr, hier am Boden entdeckt zu werden, war einfach zu groß, wie diese Begegnung zeigte. Er musste sich verstecken und hoch auf die Dächer.
Kuatoko machte einen großen Sprung zum nächsten Haus an das eine Bretterwand schloss. Mit zwei gekonnten Sätzen hechtete er, ohne ein Geräusch zu machen, auf das Dach. Im Inneren des Hauses war es still. Es war ein großes Haus mit einem Stall und einem Tor nach hinten raus auf eine angrenzende Koppel. Er nahm den Geruch von Pferden war. Durch eine Dachluke sah er hinein und entdeckte einige Pferde. Sie waren dort zum übernachten abgestellt und trugen keine Sättel.
Geduckt schlich er sich an den vorderen Rand des Daches, an dem ihm eine halbhohe Holzwand Schutz bot. Von hier aus konnte er gut versteckt die Straße überblicken. Er musste nur darauf achten, aus dem Licht zu bleiben, dann würde ihn hier oben niemand bemerken. Am Horizont sah er bereits, dass es hell wurde. Und er wusste, ihm lief die Zeit davon. Mit einem kurzen Rundumblick sicherte er die Umgebung, ob man ihn oben auf dem Dach entdecken könnte. Hinter ihm lag ein kleiner Viehhof und dahinter gleich die weite Steppe. Das Haus war sehr hoch und lag etwas zurückgesetzt von der Straße. Für die nächsten Stunden war er an diesem Platz vorerst sicher.
Die Morgensonne schien heiß auf ihn nieder und weckte ihn. Das erste, was er hörte war der Lärm der Straße. Diese Geräuschkulisse, bestehend aus einer Sprache, die er nicht verstand und dem Traben der Pferde, vernahm er zum ersten Mal. Es brauchte eine Weile, bis er wach wurde. Die letzten Stunden waren kräfteraubend gewesen. Dann blickte er vorsichtig über die schützende Holzwand an der Vorderseite des Daches in die Stadt hinein. Solch ein Treiben hatte er noch nie vorher gesehen. Die staubigen Straßen waren voller weißer Teufel und es durchfuhr ihn ein kalter Schauer. Zum ersten Mal sah er sie von Nahem. Ihre Frauen waren in bunte Gewänder gekleidet. Die Männer trugen ihre Feuerrohre mit sich, als ob sie in den Krieg ziehen wollten.
Dann sah er zum ersten Mal eine Kutsche. Pferde zogen eine kleine, geschlossene Hütte aus Holz, deren Fenster mit Gittern versehen waren. Hinter den eisernen Gitterstäben sah Kuatoko Dreck verschmierte Gesichter mit Kriegsbemalung. Das waren Indianer, dachte er. Ob es seine Stammesbrüder waren, konnte er nicht erkennen, aber ihm wurde sofort klar, dass es sich um Gefangene handeln musste. Sein Blick folgte ihnen. In einiger Entfernung hielt der Wagen in einer großen Staubwolke vor einem Haus. Der Kutscher stieg herab und pfiff einmal laut. Ein zweiter Mann kam aus dem Haus, beide Männer gingen an die Rückseite des Pferdewagens und öffneten, mit Feuerrohren bewaffnet, die Tür. Es stiegen Indianer aus dem Wagen. Kuatoko zählte sechs Männer. An der Kleidung erkannte er, dass es sich nicht um seinen Vater und die Brüder handelte. Es musste ein anderer Stamm gewesen sein. Sie alle waren an den Händen gefesselt und hintereinander mit Ketten um den Bauch verbunden. Mit hängenden Köpfen und sichtlich erschöpft führte man sie in das große Haus am Ende der Straße.
Kuatoko überlegte, wie er sich am helllichten Tag von diesem Dach zu den Gefangenen schleichen konnte. Vielleicht fand er seinen Vater und seine Brüder ebenfalls dort. Oder vielleicht hatten die anderen Indianer sie zumindest gesehen und konnten etwas über ihren Verbleib berichten.
Es war nun absolute vorsichtig geboten, das wusste Kuatoko. Er musste vom Dach herunter steigen und die Stadt in einem großen Bogen durch die Steppe umgehen. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war sehr groß. Doch er konnte keinen einzigen Moment mehr abwarten. Gesagt, getan.
So kroch er von der Vorderseite zur Rückseite des Daches. Hier schaute er in den Hinterhof. Nach einem eiligen Rundumblick hockte er sich an den Rand des Daches und setzte zum Sprung an.
Plötzlich jedoch hörte er, wie sich unter ihm mit einem lauten Knarren das Tor öffnete. Er erschrak jäh und legte sich sofort flach auf das Dach. War er bemerkt worden? Wieso hatte er vorher von unten keine Geräusche gehört? So plötzlich, wie sich das Tor öffnete, so plötzlich vernahm Kuatoko den widerlichen Gestank des weißen Teufels. Es war derselbe, kaum erträgliche Gestank, den er am Abend zuvor bei dem alten Mann roch, der plötzlich im Dunkeln vor ihm stand. Er glaubte, dass es derselbe Mann war. Der ranzige Hut, die verdreckte Bekleidung; aber vor allen Dingen war es dieser widerliche Geruch. Der weiße Teufel stolperte durch die Tür nach draußen auf die Koppel. Außer eines gefüllten Wassertrogs war die kleine Koppel leer und ohne Pferde. Der alte Teufel ging schwanken zu dem Trog und stürzte sich Kopfwärts hinein, als wolle er sich ertränken. Kniend tauchte er mehrere Male seinen Kopf in das klare, kalte Wasser. Jedes Mal, wenn er den Kopf aus dem Wasser zog schnaufte und keuchte er laut.
Dann hielt er inne und drehte sich plötzlich um. Er lag nun Rücklings vor dem Trog und blickte direkt auf das Dach in Kuatokos Richtung. Kuatoko duckte sich sofort weg. Er hoffte, dass ihn der Alte nicht gesehen hatte und war wütend über sich, nicht vorsichtiger gewesen zu sein. Nach einer Weile hörte er den alten Mann husten und röcheln. Dann konnte er die schlurfenden Schritte hören und schließlich das Knarren des Tores, welches krachend ins Schloss fiel. Scheinbar hatte der alte Mann den Indianer auf seinem Dach nicht bemerkt. Kuatoko atmete auf. Das war knapp, dachte er. Um sicher zu sein, dass er nicht bemerkt worden war, wartete er einige Augenblicke.
Nach einiger Zeit, er hörte nun keinen Mucks von unten, kroch er vorsichtig zurück an den hinteren Rand des Daches, um einen Blick zu riskieren. Der Hof war leer. Er erkannte die Wasserspuren, die der weiße Teufel auf dem Weg vom Trog ins Haus hinter sich her gezogen hatte. Nun hockte er sich abermals auf, sicherte die Umgebung mit einem Blick, sprang mit einem Satz geschmeidig, wie ein Puma vom Dach und landete direkt vor dem Tor.
Diese neue Umgebung der Stadt kannte er nicht. Er hatte er panische Angst, entdeckt zu werden und sprang wie ein junger Hirsch geradewegs über die Koppel, mit einem großen Satz über den Wassertrog samt Umzäunung und rannte wie der Blitz in die Steppe. Nach einigen hundert Metern sprang er hinter einen Hügel und blickt zurück ob man ihn entdeckt hatte oder gar verfolgte. Doch keines von beiden war der Fall.
Nun machte Kuatoko sich weiter vorwärts, schleichend auf den Weg durch die Steppe bis zur Höhe des Hauses mit den Gefangenen Indianern. Sein Blick schweifte von rechts nach links. Wie ein Luchs observierte er die nebenliegenden Häuser und die Umgebung, um sicher zu gehen, von niemandem entdeckt zu werden.
Das Haus, in dem sich die Gefangen befanden, war aus Steinen gebaut und ragte nach hinten heraus weiter in die Steppe, als die angrenzenden Häuser. Hinter dem Gebäude standen einige Bäume und Büsche, welche das unentdeckte Heranschleichen einfacher machten. Auf der Rückseite des Gefängnisses erspähte er ein kleines Fenster mit eisernen Gitterstäben. Er schlich langsam und vorsichtig von Busch zu Busch. Nur noch wenige Schritte trennten ihn vom Gitterfenster, als plötzlich eine Wache auf der Rückseite erschien. Kuatoko zog den Kopf ein und legte sich flach auf den Boden.
Was er da sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Die Wache trug zwar die Kleidung des weißen Teufels, das Gesicht jedoch, war das eines Indianers. Es gab viele verfeindete Stämme der Comanchen, aber im Grunde waren diese Verfeindungen niemals ursprünglicher Art. Es ging immer nur um territoriale Streitigkeiten, die vom weißen Teufel angefacht wurden, um die verschiedenen Stämme zu verfeinden. Das machte es für den weißen Teufel einfacher, die Indianer zu unterjochen. Denn wenn sie sich gegenseitig töteten, konnte der weiße Teufel immer tiefer in das Land der Indianer eindringen und es für sich beanspruchen. Und scheinbar war die List der weißen Teufel mehr als erfolgreich. Sie hatten es tatsächlich geschafft, sich die Indianer zu Untertanen zu machen. Dieser Indianer, der sein eigenes Volk bewachte und mit dem weißen Teufel gemeinsame Sache machte, war für Kuatoko der schlimmste Verräter unter der Sonne, den er sich je hätte vorstellen können.
Ein unbeschreiblicher Ekel durchfuhr seinen Körper. Am liebsten wäre er aus dem Busch hervor gesprungen und hätte es diesem Verräter heimgezahlt. Doch er durfte sich nicht dem blanken Hass hingeben. Das würde schlimme Folgen für ihn und auch für seine Brüder haben, falls sie überhaupt noch in der Nähe waren.
Die Wache ging nun langsam an der Rückseite des Hauses vorbei und schaute sich um. Danach verschwand sie wieder. Kuatoko hielt noch eine ganze Weile unter dem Busch aus. Er musste jetzt wissen, wie oft die Wache patrouillierte. Als sie nach einer Weile wiederkam und nach einigen Schritten wieder verschwand, nutzte Kuatoko den Moment.
Er sprang unter dem Busch hervor und hechtete mit wenigen Zügen zu dem Gitterfenster an der Rückseite des Hauses. Mit einem vorsichtigen Blick hinein, konnte er im halbdunklen viele Indianer erkennen. Er schaute so vorsichtig hinein, dass sie ihn nicht bemerkten. Dann wechselte er die Seite, um den Rest des Raumes mit seinem Blick zu durchforsten. Dort waren fünfzehn bis zwanzig Indianer auf engstem Raum eingesperrt. Durch das Fenster vernahm er den Geruch von Kot und Urin. Es stank fürchterlich. Doch die Männer seines Stammes konnte er nicht entdecken. Es war zu dunkel im Inneren.
Bevor die Wache ihn entdecken konnte, zog er sich aufs Neue unter den Busch zurück, von dem aus er unentdeckt die Szenerie beobachten konnte. Er musste nun Ruhe bewahren und auf die Nacht warten. Dann könnte er die Wachen genau beobachten und die Chancen einer Befreiung erwägen. Der Busch, unter dem er lag, war groß genug, um ihm Schutz vor der glühenden Sonnenhitze zu gewähren. Er lag dort gut versteckt und könnte dort unbeobachtet verweilen bis die Nacht einkehren würde. Die Eindrücke der vergangenen Tage und Stunden hatten Kuatoko sehr geschwächt. Er hatte zwar noch Wasser in seiner Trinkflasche, doch an essen war nicht zu denken. Und er hatte wirklich großen Hunger. Kuatoko schlief ein.
Durch ein Streicheln auf seiner Haut wurde er geweckt. Ohne die Augen zu öffnen, spürte er Schuppen, die Haut einer Schlange. Eine falsche Bewegung würde seinen sicheren Tod bedeuten. In dieser Gegend gab es zwar auch Klapperschlangen doch die hätte sich bereits durch das Rasseln ihres Schwanzes bemerkbar gemacht. Es musste sich also um die gefährlichste Schlange dieser Gegend handeln, die Hornviper. Kuatoko hielt weiter seine Augen geschlossen. Er atmete flach. Die leiseste Bewegung könnte die Schlange auf ihn aufmerksam machen. Zu seinem Glück kroch sie von ihm weg. Das konnte er an der Richtung erkennen, an der die Schuppenhaut über seinen Arm strich. Er öffnete ein Auge zu einem winzigen Schlitz und sah, wie sie langsam davon kroch. Sie war noch nicht ganz ausgewachsen. Blitzschnell griff er mit einer Hand den Kopf der Viper. Ohne zu zögern brach er ihr mit Daumen und Zeigefinger das Genick. Sie war sofort tot.
Kuatoko lag immer noch unter dem Busch. Langsam ging die Sonne unter. Es war die Jagdzeit der Schlangen, doch diese war nun selbst einem hungrigen Jäger zum Opfer gefallen. Zuerst schnitt er der Schlange den Kopf ab. Dadurch entfernte er die Giftdrüsen und die die Blutgefäße der Schlange öffneten sich. Er hielt sie fest am Körperende und drückte die Schlange zum Kopf hin aus, während er ihr Blut trank. Die Indianer sagten dem Blut der Schlangen eine heilende Wirkung nach. Vor Kämpfen hatte das trinken des Blutes einer Schlange traditionellen Charakter und sollte dem Kämpfer Glück und Kraft bringen. Nachdem Kuatoko die Schlange gehäutet hatte, zog er ihr mit bloßen Fingern das Fleisch von den Knochen und aß es roh. Außer ein paar Beeren hatte er seit Tagen nichts gegessen und diese Mahlzeit kam ihm gerade recht. Er brauchte diese Stärkung aus Blut und Schlangenfleisch dringend.
Nachdem er die Hornviper verspeist hatte, fiel ihm auf, dass die Wache nicht mehr auf der Rückseite des Gefängnisses patrouillierte. Als die Nacht herein brach, schlich Kuatoko von seinem Versteck vorsichtig zum Gitterfenster des Gefängnisses und blickte abermals hinein. In der Dunkelheit der Nacht konnte er viel besser sehen. Er zählte 28 Indianer. Die Gesichter erkannte er nicht, dafür aber den Haarschmuck und die Gewänder. Er wollte ganz sicher sein, dass sein Auftauchen dort keine Unruhe und Aufmerksamkeit bei den Wachen verursachte. So schlich er zurück hinter seinen Busch und machte leise den Ruf der Comanchen nach. Er bestand aus zwei Rufen einer Eule, gefolgt von einem Ruf des Präriehuhns. Wäre also einer seiner Brüder dort gefangen, würde der mit einem Ruf antworten. Doch nichts geschah. Kuatoko konnte nichts vernehmen. Er wiederholt seinen Ruf. Und plötzlich hörte er eine leise Antwort; 2 Rufe einer Eule, gefolgt von einem Ruf des Präriehuhns. Seine Freude war riesengroß. Er war nun tatsächlich am Ziel und hatte seine Brüder gefunden. Er erkannte Bewegung hinter den Gittern, schlich vorsichtig an das Fenster heran und lehnte sich flach an die Wand.
Ohne hineinzuschauen flüsterte er leise:
„Indianer des Stammes der Comanchen.“
Eine Stimme aus dem Inneren antwortete:
„Indianer des Stammes der Comanchen.“
Kuatoko erkannte die Stimme seines Bruder Achatu, die rechte Hand des Häuptlings. Er zeigte nun sein Gesicht am Fenster.
„Kuatoko!“, flüsterte die Stimme, „welche Freude, dich hier zu sehen! Man hat uns im großen Wald gefangen genommen und hierher entführt! Die weißen Teufel wollen uns umbringen oder verkaufen! Einer der Wärter hat uns die Worte des weißen Teufels übersetzt. Im Morgengrauen werden wir fort gebracht!“
Achatu blickte ins Innere der Gefängniszelle und machte ein leises zischendes Geräusch. Aus dem Dunkeln kam nun der Häuptling der Comanchen, Kuatokos Vater Maskua, an das Fenster.
„Mein tapferer, mutiger Sohn! Ich wusste, du würdest kommen und nach uns suchen!“
„Still und leise, dass die Wachen keinen Verdacht schöpfen! Ich werde euch und meine Brüder befreien!“, sagte Kuatoko mit zitternder Stimme. Er war sichtlich bewegt, seinen Vater und seine Brüder in solch unwürdigen Zustand sehen zu müssen.
„Einige Häuser weiter stehen Pferde unter. Ich hole sie und breche dieses Fenster auf!“, sagte Kuatoko, „noch diese Nacht! Gebt mir etwas Zeit. Es ist sehr gefährlich hier und ich muss vorsichtig sein!“, sagte Kuatoko. Er schaute seinem Vater tief in die Augen und verschwand dann in der Dunkelheit. Die gefangenen Indianer hatten große Mühe ihre Freude zu verbergen.
Kuatoko schlich zu seinem Busch zurück. Von dort aus spähte er entlang der Häuser und schlich leise zu dem Haus, in dessen Stall er die Pferden gesehen hatte. Er hoffte zutiefst, dass sie noch dort waren. Als er an dem großen Haus mit der kleinen Koppel im Hof ankam, sprang er unhörbar auf das Dach. Durch die Dachluke sah er die Pferde stehen, wie die Nacht zuvor. Er kletterte leise hindurch in das Innere. Als er sich im Stall befand, entdeckte er eine Tür, die weiter in das Haus hinein zu führen schien und mit einem großen Eisenriegel verschlossen war. Das große Tor zum Hinterhof war nur mit einem Balken gesichert.
Plötzlich hörte er Schritte. Jemand öffnete die Tür. Geschwind und wendig wie ein Puma sprang Kuatoko an die Wand und dann mit zwei Sätzen auf die Querbalken unterm Dach. Schon öffnete sich die Tür. Der alte weiße Teufel betrat den Stall. Er hielt eine Lampe in der Hand, um seinen Weg zu leuchten. Er ging von Pferd zu Pferd, um nach dem Rechten zu sehen.
Durch das Licht der Lampe, konnte Kuatoko einige Pferde erkennen. Es waren die seiner Brüder. Im Licht der Lampe konnte er auch einige Sättel erkennen, die auf einem Sattelbock lagen. Und da; Kuatoko traute seinen Augen kaum, sah der eine große Menge Feuerrohre und Munition.
