Die Miniaturenmalerin - Marisa Jankers - E-Book

Die Miniaturenmalerin E-Book

Marisa Jankers

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Beschreibung

`Die Miniaturenmalerin´ erzählt die wahre Geschichte von Marisa Viassone. In den 1950er-Jahren erlernt sie die Kunstform der Miniaturenmalerei in Florenz. Sie will ihren Traum von einer Künstlerkarriere in die Tat umsetzen und macht sich als Miniaturenmalerin selbstständig. Doch das Leben kommt anders als erwünscht und sie sieht sich gezwungen, einen anderen Weg einzuschlagen. Marisas ungewöhnliche Lebensgeschichte führt vom Italien der Nachkriegszeit über die USA bis nach Deutschland. Als junge arbeitsuchende Italienerin kämpft sie zielstrebig und selbstbewusst für ihre Selbstständigkeit. Jahrzehnte später muss sie feststellen, dass sie nicht allen Menschen in ihrem Leben hätte vertrauen sollen. Sie kämpft weiter - diesmal für ihre Anerkennung.

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Die Miniaturenmalerin'' erzählt die Geschichte von Marisa Viassone. In den 1950er‐Jahren erlernt sie die Kunstform der Miniaturenmalerei in Florenz. Sie will ihren Traum von einer Künstlerkarriere in die Tat umsetzen und macht sich als Miniaturenmalerin selbstständig. Doch das Leben kommt anders als erwünscht und Marisa sieht sich gezwungen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte führt vom Italien der Nachkriegszeit über die USA bis nach Deutschland. Als junge arbeitsuchende Italienerin kämpft Marisa zielstrebig und selbstbewusst für ihre Selbstständigkeit.

Jahrzehnte später muss sie feststellen, dass sie nicht allen Menschen in ihrem Leben hätte vertrauen sollen. Sie kämpft weiter ‐ diesmal für ihre Anerkennung.

Die Autorin: Marisa Jankers, 1972 in Dortmund geboren, ist die Patentochter der Protagonistin und nach ihr benannt. Seit mehr als dreißig Jahren ist sie Polizeibeamtin in Nordrhein‐Westfalen. Als Vertreterin von Recht und Gesetz war es ihr ein besonderes Anliegen, den Betrug an ihrer Patentante in diesem biografischen Roman öffentlich zu machen. „Die Miniaturenmalerin“ ist ihr Debüt als Autorin.

www.marisas‐miniaturen.com

Für Marisa Schmitt Für Ursula und Elmar Schütz

INHALT

1. Kolumbien/Bogotá (1989)

2. Italien (1946 ‐ 1963)

3. USA (1963)

4. Deutschland (1964 ‐ 1993)

5. Südamerika (1993)

1

Kolumbien/Bogotá 1989

Die Hitze war unerträglich, dabei war es früh am Morgen. Quälende neun Stunden bis zum Abflug lagen vor ihr ‐ zu wenig Zeit, um ein Hotelzimmer zu nehmen und zu viel, um sich am Flughafen aufzuhalten. Ein freundlicher allein reisender Amerikaner hatte ihr den Besuch des Nationalmuseums ans Herz gelegt. Alle anderen aus ihrer Reisegruppe waren schon unterwegs, entweder um letzte Souvenirs einzukaufen oder um sich in der angenehm klimatisierten Flughafen‐Lounge einen Platz zu sichern. Beide Möglichkeiten langweilten sie. Ihre Andenken hatte sie bereits auf der Rundreise besorgt, wie sie es immer tat ‐nichts Großes und erst recht nichts Schweres, denn es musste alles in den Koffer passen, um am Check‐in‐Schalter nicht für Übergepäck bezahlen zu müssen. So fanden nur einige ausgewählte Stücke den Weg in ihren Koffer: zwei Tischdecken vom Markt in der Altstadt von Quito, ein Paar Alpaka‐Socken aus den peruanischen Anden, ein filigraner Silberring mit Inka‐Motiven, eine mit Blüten bestickte Bluse aus Venezuela, zwei Bastkörbchen für den Frühstückstisch und ein kleiner handbemalter Übertopf. Die meisten Einkäufe machte sie auf Dorfmärkten und in Touristengeschäften. So war sie sich beim Kauf von Schmuck nie ganz sicher, ob er überhaupt echt war. Das ein oder andere Mal war sie schon übers Ohr gehauen worden. Trotzdem mochte sie die vielen kleinen Andenken von ihren Reisen, von denen die meisten an den Wänden und in ihrer Vitrine zu Hause einen Platz fanden. Der kleine Blumenübertopf war für ihren Mann bestimmt. Er hatte sich ganz der Pflanzenwelt verschrieben. Die große Gärtnerei hinter ihrem Haus, die seine Großeltern aufgebaut hatten, betrieb er mit viel Herzblut, und zurzeit lief sie ganz passabel. Aber das Reisen war nichts für ihn. Er bevorzugte es, bei seinen Pflanzen und Tieren zu bleiben. So hatte sich Marisa mit ihm geeinigt, dass sie allein auf Reisen ging, während er sich um ihr Zuhause kümmerte. Unterwegs fand sie immer jemanden für ein nettes Gespräch, sei es beim Essen oder bei gemeinsamen Aktivitäten der Reisegruppe. Kontakte zu knüpfen war ihr nie schwergefallen. Nur gut, dass ihr Gepäck schon am Abend vorher abgeholt und vom Reiseveranstalter aufgegeben worden war. So konnte sie unbeschwert losziehen und sich die verbleibende Zeit in dieser reizvollen Stadt vertreiben. Der Gedanke, etwas Interessantes vor ihrer Abreise zu sehen, zauberte ihr ein Lächeln ins Gesicht. Zielstrebig ging sie in Richtung Taxistand.

„Al museo nacional, por favor!“, bat sie den Taxifahrer entschlossen von der Rückbank.

Sie hoffte, dass sie einen ehrlichen Mann erwischt hatte, der sie sicher absetzen würde, ohne zu viel Geld zu verlangen. Im Rückspiegel sah sie nur seine dunklen buschigen Augenbrauen. Als er kurz hochblickte und sie anlächelte, blitzte ein goldener Eckzahn hervor und seine warmen Augen strahlten sie über den kleinen Glasausschnitt an. Marisa schätzte ihn auf Ende fünfzig, ein bisschen übergewichtig ‐bestimmt Familienvater, vielleicht schon Großvater, zumindest machte er einen gemütlichen Eindruck. Ihre Zweifel über seine Aufrichtigkeit verflogen langsam.

„Sind Sie Spanierin?“, fragte er sie neugierig.

Durchaus hätte sie als solche durchgehen können. Ihre dunkelbraunen Augen und ihr schwarzes lockiges Haar hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Die Sonne der letzten Wochen hatte ihre Haut stark gebräunt.

„Ich bin Italienerin“, antwortete sie stolz, so wie immer, wenn sie unterwegs nach ihrer Herkunft gefragt wurde. Schließlich kannte fast jeder das kleine, außergewöhnliche Land, und jedes Kind wusste, dass es auf einer Karte wie ein Stiefel aussieht. Außerdem verehrte man auch in Südamerika den Papst. Die meisten Päpste waren nun einmal Italiener gewesen und hüteten ihre gläubigen Schäfchen von Rom aus.

„Wie kommt es, dass Sie Spanisch sprechen?“

„Ich habe ein bisschen in der Schule gelernt. Und weil ich gern reise, habe ich vor einigen Jahren noch einmal Spanischunterricht genommen.“

„Eine zweite Sprache zu sprechen ist ein Geschenk, sage ich immer meinen Kindern, vor allem wenn sie nicht lernen wollen. Ich habe nicht so ein großes Glück gehabt, dass ich zur Schule gehen konnte.“

„Oh ja, da haben Sie wirklich Recht.“

Welch kluge Worte von einem Taxifahrer mitten in Kolumbien, dachte sie erleichtert und war sich nun ganz sicher, einen guten Menschen als Fahrer zu haben.

Sie freute sich auf das Museum. Während ihrer Abiturzeit am Liceo Artistico in Florenz hatte sie von diesem Gebäude gehört. Kunst und Architektur, das schien ihr die perfekte Mischung für ihren letzten Tag in Südamerika zu sein.

Die Straßen waren gut gefüllt, aber da die Hauptverkehrszeit an diesem Dienstagmorgen schon vorüber war, dauerte die Fahrt in den Stadtteil Santa Fe über die Avenida El Dorado nur eine knappe halbe Stunde. Zwischen der 28. und 29. Straße hielt das Taxi an.

„Hier muss ich Sie rauslassen, gleich da vorne ist der Eingang, Señora.“

Der Preis für die Fahrt kam ihr angemessen vor, so dass sie den Betrag großzügig aufrundete. Dafür erntete sie erneut ein goldglitzerndes Lächeln. Sie hatte inzwischen ein Gespür für die Preise in Pesos bekommen, schließlich war sie seit sechs Wochen auf diesem Kontinent unterwegs.

Ein liebevoll begrünter Haupteingang empfing sie. Kurz überlegte sie, im Schatten der alten Bäume eine Pause einzulegen, aber der Gedanke verging, als sie die ganze Pracht des Gebäudes sah. Nach rechts und links sah man viele Meter lang nur Steinfassade, in der Höhe waren es sicherlich 15 Meter. In der geometrischen Mitte zwischen angedeuteten riesigen Steinsäulen lag der Eingang. Das gewaltige Eisengitter mit Rundbogen erinnerte an finstere Zeiten. Wer an dieser Stelle vor einhundert Jahren ausstieg, konnte nicht froh gewesen sein, dachte sie, denn ursprünglich war dies ein riesiges Gefängnis, das später zu einem Museum umfunktioniert worden war. Sicher war es angenehm kühl da drinnen.

Für wenige Pesos löste Marisa die Eintrittskarte und verschaffte sich einen kurzen Überblick auf den Tafeln hinter dem Eingang: Drei Etagen und vier Abteilungen, was will ich sehen, überlegte sie. Es ist genug Zeit, ich fange unten an und arbeite mich nach oben durch. Zur Sicherheit nahm sie eine Ausstellungsbroschüre mit, um nichts zu übersehen.

Das Innere des Gebäudes war so imposant wie seine Fassade. Die Flure erinnerten sie an ein Konvent in Mexiko mit seinem anmutigen Kreuzgang. Seine unzähligen in Weiß und Gelb gehaltenen Rundbögen hatten ihn damals derart zauberhaft mit Lichtstrahlen durchflutet, dass er ihr besonders in Erinnerung geblieben war. In diesem ehemaligen Gefängnis versuchte man ebenso das Tageslicht einzufangen. Die Wände waren strahlendweiß gestrichen und die kleinformatigen, vergitterten Rundbogenfenster ließen die Morgensonne grell hereinscheinen. Zwischen den Gebäudeteilen, die durch einen langen Hauptgang verbunden waren, luden gartenähnliche Innenhöfe zum Verweilen ein. Der Grundriss des Hauses war ein großes Kreuz. Die Exponate der Ausstellung wurden in den ausgedienten Gefängniszellen präsentiert, ohne Gittertüren, aber die ursprüngliche Funktion war noch deutlich zu erkennen.

Die Ausführungen über die ersten Menschen in Kolumbien 12.000 vor Christus waren Marisa zu frühgeschichtlich, und sie entschied, diese Räume zu überspringen. Auch die zweite Etage ließ sie zunächst aus, weil sie das Gebäude interessanter fand, als die ausgestellten Stücke. Außerdem pries die Broschüre an, dass die Exponate der zweiten Etage die berühmtesten seien und sie wollte sie sich für den Schluss aufbewahren. So erreichte sie über die Steintreppe die dritte Etage, die der Republik Kolumbien gewidmet war. In einem Raum stand eine alte Druckerpresse. Das Holz mit dunklen Gebrauchsspuren, fast schwarz von der Druckerfarbe, schätzte sie auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts.

„Die Patriotische Druckerpresse von Antonio Nariño, um 1791…“, begann sie auf dem Täfelchen neben der wuchtigen Holzapparatur zu lesen. Marisa grinste ‐ ein Stück Heimat, hier, so weit weg von Mainz. Mit Druckerpressen kannte sie sich aus. Seit Jahren führte sie Besuchergruppen durch die Museen ihrer Stadt und erklärte ihnen ausführlich, was Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert zur Erfindung des Buchdruckes veranlasst hatte. „…die immense Macht des gedruckten Wortes ‐ sie hatte die Welt verändert“, las sie weiter auf dem Täfelchen.

Kleinste Buchstaben auf Metallstiften, ein Blatt Papier, schwarze Farbe und ganz viel Druck. Wie oft hatte sie das ihren Besuchern schon vorgeführt an der alten Erfindung?! Als Erinnerung durften sie sich einen Ausdruck des „Vater Unser“ aus der berühmten Gutenberg‐Bibel mitnehmen. Das Gedruckte maß weniger als fünf mal fünf Millimeter. Mit einer Lupe konnten sie jedes Wort genau lesen, so gestochen scharf war diese Drucktechnik. Selbst nach unzähligen Führungen versetzte Marisa der Blick durch die Lupe auf das Druckergebnis noch in Erstaunen.

Miniaturformate begleiteten sie schon ihr ganzes Leben lang. Sie waren immer ihre Leidenschaft gewesen. Das erste Mal hatte sie an der Kunstschule von der Miniaturenmalerei gehört. Natürlich kannte sie die kleinen Medaillons und Ringe mit Porträts von bekannten Persönlichkeiten darauf, die die Juweliere in der Stadt den Touristen verkauften, aber als antike Kunstform hatte sie sie erstmals im Liceo Artistico kennengelernt. Die Miniaturen von Personen wurden schon vor Jahrhunderten gern gemalt und zeigten sehr detailliert ihr Aussehen. Künstler fertigten sie, damit ihre Auftraggeber sie als Erinnerungsstücke an nahestehende Menschen verschenken konnten. Schon bei den Römern in der Hellenistischen Zeit waren gravierte Miniatur‐Porträts auf Gemmen sehr beliebt. Etwa im 16. Jahrhundert kam die Porträtmalerei im Kleinformat in England auf. Über die Jahrhunderte wurden alle Techniken probiert, um die abgebildete Person so lebendig wie möglich darzustellen ‐ erst auf Pappkarton, dann auf Kupfer, Schiefer und Holz, mit schweren Ölfarben bis hin zu feinen Aquarellfarben.

Marisa war damals fasziniert von dem Gedanken, ein Bild so perfekt wie eine Fotografie mit der Hand zu malen, um es jemandem als Andenken schenken zu können. Sie erinnerte sich genau, wie Professor Baldini es ausgedrückt hatte: Der kurze Moment, in dem eine Fotografie entsteht, vermag niemals die Leidenschaft wiederzugeben, die ein Miniaturenmaler Stunde um Stunde in sein kleines Werk einfließen lässt. Er hatte empört darüber referiert, dass diese außergewöhnliche Kunst nie wieder Anerkennung finden würde, so lange es Fotoapparate gäbe und Miniaturen‐Porträts als Touristen‐Souvenirs unter ihrem wahren Wert verscherbelt würden. Sie wusste damals nicht genau, wie er das meinte, aber sie wollte diese Fertigkeit unbedingt erlernen – und tat es schließlich auch. Die großen Bauten, Denkmäler und Meisterwerke, mit denen sie in Florenz aufgewachsen war, konnten sie nicht so sehr beeindrucken, wie der Anblick eines Porträts durch die Lupe, in dem jede Haarsträhne so fein gemalt ist, dass es keinen Pinsel dafür geben dürfte. Diese liebevoll betonten Details berührten sie.

In Gedanken versunken betrat sie die zweite Etage des Museums und sah sich die Tafeln zur Vorgeschichte der Entstehung der kolumbianischen Nation an. Viele Bilder zeigten Simón Bolívar, den Mann, den man „El Libertador“, den Befreier nannte. Er war Mitte des 18. Jahrhunderts der Unabhängigkeitskämpfer mehrerer südamerikanischer und karibischer Länder und führte entscheidende Kriege gegen die spanischen Kolonialherren. Die Menschen verehrten ihn bereits zehn Jahre nach seinem Tod als Nationalhelden. Stolz schaute er von den Ölgemälden und Zeichnungen auf sie herab. Dann entdeckte sie ihn sogar auf drei Miniaturen. Sie hingen untereinander in einer Nische an der Wand. Lediglich die Glasabdeckung und die Schildchen verrieten, dass sie zur Ausstellung gehörten.

Zwei der Porträts waren ihr vertraut, als hätte sie sie erst gestern in einem Geschichtsbuch gesehen, dieses zugeklappt und es über Nacht weggelegt. Sie waren in kleine ovale Messingrahmen gefasst. Als Aufhängung diente ein Ring, der den Rahmen oben in der Mitte hielt. Beide zeigten den Mann mittleren Alters mit schlankem Gesicht, dunklen stechenden Augen und kräftigen Augenbrauen. Seine auffallend hervorstehenden Wangenknochen und die hohe Stirn mit kurzen zurückgekämmten Haaren ließen ihn wahrlich wie einen Helden wirken. Auf einem der Bilder trug er eine dunkle Jacke mit Halstuch und hohem Hemdkragen, auf dem zweiten eine Militärjacke mit aufwändiger Verzierung.

Marisa stutzte, ging näher heran. Sie nahm ihre Brille ab, rieb sich die Augen mit dem Handrücken und dachte, es sei die Wärme, die ihr schon den Verstand raubte. Sie ging dicht an die Miniaturen heran, sodass sie nur noch wenige Zentimeter davon entfernt war. Sie kniff ihr rechtes Auge zu und fuhr das gesamte Bild von oben nach unten ab, um jedes Detail überprüfen zu können. Aber sie konnte ihren Blick kaum scharf stellen, also setzte sie ihre Begutachtung mit dem rechten Auge fort. Sie spürte ihren Herzschlag am Hals pulsieren. Das Blut im Körper sackte schlagartig in ihre Beine. Sie hielt sich an der Wand fest, um nicht ins Wanken zu geraten. Erst nach einigen Sekunden konnte sie einen klaren Gedanken fassen. Sie setzte ihre Brille wieder auf uns las das kleine Schild neben den Miniaturen. Es hieß „Porträts von Simón Bolívar, von José María Espinosa Prieto, 1830 in Bogotá“.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Das sind meine ‐ das sind meine Miniaturen, ich habe sie gemalt!“

Empörung stieg in ihr auf. Sie wollte es herausschreien, doch ihr Mund war so trocken, dass kein Wort herauskam. Wer sollte sie auch hören? Niemandem war sie auf den drei Stockwerken bisher begegnet. Das Museum hatte gerade erst geöffnet und sie war offenbar die erste Besucherin heute Morgen. Sie starrte unentwegt auf die beiden kleinen Bilder ‐ ihre Bilder ‐ das wusste sie genau! Sie war fassungslos.

Sie brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln und um wieder Kontrolle über ihren Körper und vor allem ihre Sprache zu erlangen. Was mache ich jetzt? Ich muss mit jemandem sprechen und das alles aufklären. Eilig lief sie zurück zum Ausgang, wo sie ihren Eintritt bezahlt hatte.

„Entschuldigung, kann ich bitte mit dem Chef des Museums sprechen? Ich habe etwas Wichtiges entdeckt“, rief sie aufgeregt aus einiger Entfernung und fuchtelte mit den Händen herum. Die junge Kassiererin, die kurz vorher noch gelangweilt in ihrer Modezeitschrift geblättert hatte, sah erschrocken auf und schaute Marisa mit großen Augen an. „Bitte, bitte, es ist sehr wichtig, da ist ein großer Fehler in Ihrer Ausstellung.“

Die Frau griff zum Hörer des Telefons auf ihrem Tresen und hielt den Blick auf Marisa gerichtet. Nur zum Wählen schaute sie kurz auf die Wählscheibe. Nachdem am anderen Ende der Leitung offensichtlich jemand abhob, erklärte sie leise in die Sprechmuschel des Hörers, dass sie Hilfe am Eingang brauche. Marisa verstand zwar nicht jedes Wort, aber die junge Frau klang verunsichert und brachte ihr gegenüber nur ein gequältes „un momento por favor“ heraus.

Einige Minuten später erschien ein Mann in schwarzer Uniform am Eingang, mit großer Taschenlampe am Gürtel und dunkler Schirmmütze. An der goldenen Aufschrift, die auf der Brusttasche und am Ärmel eingestickt war, erkannte Marisa, dass er von der Haus‐Sicherheit war.

Seguridad del museo nacional ‐ na wunderbar, gleich wollen sie mich noch rauswerfen, dachte sie und war der Verzweiflung nah. Aber sie wollte nicht aufgeben, ohne ihr Anliegen der Museumsleitung vorgetragen zu haben. Denn es waren ganz sicher ihre Miniaturen, die da oben hingen und nicht die von Espinosa Prieto!

Zu ihrer Überraschung war der Mann von der Security die Ruhe selbst und versuchte höflich dem spanischen Kauderwelsch, das Marisa vor Aufregung von sich gab, zu folgen. Er lächelte, nickte und wies die junge Kassiererin an, das Sekretariat der Museumsleitung anzurufen, um die Situation zu schildern. Diese hörte verwundert den Behauptungen dieser aufgeregten Touristin zu und suchte dann die Telefonnummer auf ihrer Liste.

„Bitte“, flehte Marisa die beiden an, „ich habe sie gemalt, das ist die Wahrheit, ich schwöre es, ich habe sie in den Fünfzigerjahren für einen Freund gemalt. Und ich weiß nicht, warum sie hier hängen und warum ‚Prieto‘ darunter steht!? Bitte helfen Sie mir, das aufzuklären!“

Inzwischen waren weitere Personen zum Eingang gekommen. Zwei junge Amerikaner und ein französisches Paar wollten ihren Eintritt bezahlen und warteten nun geduldig. Eine Putzfrau hatte ihre Arbeit im benachbarten Flur eingestellt, um die Lage am Eingangstresen zu verfolgen. Das Telefonat dauerte, da am anderen Ende der Leitung offensichtlich niemand entscheidungsbefugt war. Derweil erzählte Marisa allen Anwesenden von ihrer unglaublichen Entdeckung. Und je mehr sie erklärte, desto mehr Details fielen ihr wieder ein. Sie hatte eine der Miniaturen nur als Probestück gemalt, wie konnte es nur hier in das Museum gelangen? Sie blickte in zweifelnde Gesichter.

Der Mann von der Security erklärte ihr, dass niemand im Haus sei, der sich heute ihre Geschichte anhören könne, sie solle morgen wiederkommen. Ihr Einwand, dass ihr Flug in fünf Stunden nach Deutschland ginge, half nicht weiter. Dann solle sie halt einen Brief schreiben oder von Deutschland aus anrufen, mehr könne er nicht für sie tun. Er sah ihre Enttäuschung und redete mit sanfter Stimme auf sie ein. Währenddessen führte er sie aus dem Eingangsbereich vor das Gebäude. Marisa folgte ihm widerwillig.

Draußen setzte sie sich auf die oberste Stufe. Die Sonne war hinter dunklen Gewitterwolken verschwunden. Marisa war wütend. Man wollte ihr nicht glauben. Sie konnte einfach nichts tun. Über ihr brach ein Gewitter los, das alles durchnässte. Eigentlich wollte sie laut schreien, aber als sie die Brille abnahm, schnürte es ihr den Hals zu und die Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie mischten sich mit den Regentropfen. So hilflos hatte sie sich seit Langem nicht gefühlt. Nun saß sie hier mit 51 Jahren und weinte bitterlich wie ein Kind.

2

Italien 1946 – 1963

Die Fahrt von Madrano nach Trient war beschwerlich. Marisa saß mit ihrer Mutter auf dem Beifahrersitz des kleinen Lasters. Ihre Mutter hielt ihre kleine Schwester auf dem Arm. Auf der Pritsche hinter ihnen lagen drei Koffer und die Aussteuerkiste ‐ das war alles, was übrig geblieben war, nachdem ihr Haus an der Etsch bei Kriegsbeginn ausgebombt worden war. Nun war der Krieg zu Ende und sie konnten wieder zurück in die Stadt. Mutter erzählte manchmal davon, wie herrlich ihr Garten dort gewesen war, und von der Bettwäsche aus weißem Seidendamast, bestickt von ihrer Mutter. Geblieben waren ihnen die Habseligkeiten hinter ihnen auf dem Heu zwischen den Apfelkörben. Der Bauer vom Nachbarhof fuhr jeden Samstag nach Trient, um seine Waren auf dem Markt zu verkaufen. Mutter hatte ihn gebeten, sie diesmal mitzunehmen. Vater war schon vor zwei Wochen vorausgefahren, um in Trient eine Wohnung, die er von einem Freund mieten konnte, zu reparieren und herzurichten.

Marisas kleine Schwester war vor einem Jahr in dem alten Bauernhaus in Madrano geboren worden. Marisa war sieben Jahre alt, und ihre Mutter erlaubte ihr schon kurz nach der Geburt, das Neugeborene auf dem Arm zu halten, eingewickelt in ein Handtuch. Sie war so stolz, dass sie plötzlich die große Schwester von einem so kleinen Lebewesen sein durfte. Als ihre Eltern überlegten, wie die Kleine heißen sollte, rief Marisa mit leuchtenden Augen „Mirella“. Alle ihre Puppen hatte sie so genannt. Der Name ihrer Schwester war gefunden.

Madrano lag hinter ihnen und Trient sollte wieder ihr Zuhause werden. Ihre Eltern hatten seit Langem versucht, zurück in die Stadt zu kommen. Das Landleben oben zwischen den Bergen war nichts für ihre Mutter. „Hier oben sind viel zu wenig Leute“, sagte sie immer. Es gab in diesem kleinen Ort nur Bauernhöfe, eine Telegrafenstation und ein Gasthaus. Die kleine Kirche war zwar sehr schön, doch fehlte der Pastor, um die Sonntagsmesse abzuhalten – er war alt und krank und konnte das Bett nicht verlassen. Einen Nachfolger gab es nicht. Wenn es nicht zu kalt war, ging man zur Messe hinunter nach Pergine, es dauerte jedes Mal eine Stunde – genau wie der Weg zur Schule, in die Marisa seit dem letzten Sommer ging. Sie war nicht traurig, diesen Ort zu verlassen. Sie wünschte sich, endlich eine Freundin in ihrem Alter zu finden, denn in Pergine waren alle anderen Kinder viel älter als sie und die meisten waren Jungen.

Die unbefestigte Straße hinab in das Flusstal der Etsch war holperig und Mirella schrie ohne Pause. Alle Versuche, sie zu beruhigen oder abzulenken, blieben erfolglos. Nach einer knappen Stunde erreichten sie endlich die Stadt und der Bauer setzte die kleine unvollständige Familie an der Adresse ab, die die Mutter ihm genannt hatte.

Sie standen vor einem Haus in der kurvenreichen Via di Pietrastretta. Marisa betrachtete es, während ihre Mutter mit den Koffern beschäftigt war. Es hatte kein Dach. Die Häuser rechts und links waren vollkommen in Ordnung, nur das, auf das ihre Mutter bei der Ankunft gezeigt hatte, war ohne Dach. Notdürftig hatte jemand die Trümmer im großen Vorgarten zur Seite geräumt, so dass man zumindest den Eingang benutzen konnte. Ungläubig und verunsichert sah sie ihre Mutter an.

„Das wird schon werden meine Liebe, wir machen es uns schön hier, glaub mir! Nimm den kleinen Koffer, Vater wird gleich hier sein“.

Vater ‐ das klang wohlig warm in ihren Ohren. Er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen, egal was auch passierte. Und für sie hatte er den schönsten Beruf der Welt. Er fertigte die Schuhe für die Soldaten in den Bergen ‐ für das Turiner Alpen‐Bataillon. Das war zumindest vor dem Krieg so gewesen. Damals hatte er eine eigene große Werkstatt, in der viele Männer mit Schürzen arbeiteten. Bevor sie nach Madrano fliehen mussten, durfte sie ihn einmal dort besuchen. Er zeigte ihr alles und sie konnte sich umsehen. Alle Arbeiter waren sehr nett zu ihr, als sie von Nähmaschine zu Nähmaschine ging und an jedem Tisch etwas Neues entdeckte, das ihre Neugier weckte. „Signorina Marisa“ hatten sie sie genannt und ihren Vater sprachen sie mit „Padrone Viassone“ an.

Sie erinnerte sich noch genau an den Geruch des schwarzen Leders, das zum Zuschneiden bereitlag. Es war auf einer Seite glatt und auf der anderen weich. Ihr gefielen die vielen hölzernen Schuhleisten in den verschiedenen Größen. Sie waren an der Wand in einem Regal aufgestapelt. Sie sahen abgenutzt aus und waren alle mit bunten Zahlen und Strichen bemalt, die sie damals noch nicht lesen konnte. Sie erinnerten sie ein bisschen an die Füße von Pinocchio, der Holzmarionette vom Holzschnitzer Geppetto, den jedes Kind in Italien kannte. Papa war groß und kräftig, viel größer als Mama und obwohl er für das Militär arbeitete, hatte sie ihn nie eine Uniform tragen sehen.

„Gina, Marisa – da seid Ihr endlich!“ Seine Stimme riss sie aus den Gedanken. Sie erkannte ihn, als er aus dem dunklen Hauseingang kam. Er trug eine schmutzige Hose, ein graues Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und wischte sich den Schweiß mit einem Taschentuch aus dem Gesicht, als er auf sie zukam.

„Ich habe alles für euch vorbereitet, lasst euch umarmen.“ Der feste Kuss ihres Vaters auf ihre Wange zauberte Marisa ein Lachen ins Gesicht. Cichin holte eine grüne kleine Frucht aus seiner Hosentasche und gab sie ihr in die Hand.

„Sieh nur, wir haben einen Feigenbaum vor dem Haus.“ Er deutete auf den großen Vorgarten. Erst jetzt sah Marisa, dass zwischen den Steinen und Dachziegeln ein großer Baum stand.

„Im Sommer werden wir die süßesten Feigen haben, die du je gegessen hast!“

Sie atmete tief ein und aus und war erleichtert. Selbst wenn ihr neues Haus kein Dach hatte, es würde schon alles gut werden.

Cichin war wenig Zeit geblieben. Die beiden einzigen bewohnbaren Zimmer waren kaum größer, als die, die sie in Madrano in dem alten Bauernhaus zur Verfügung hatten und sie mussten sich vorerst mit drei anderen Familien die Bäder und den Garten vor dem Haus teilen. Aber er war glücklich, dass der Krieg endlich ein Ende hatte. Er hatte schon zu viele Kameraden verloren und zwei Jahre getrennt von seiner Familie in Meran verbringen müssen, da sein Bataillon verlegt worden war. 1943, als Mussolini aus Deutschland nach Norditalien zurückkehrte, hatte Cichin sich ein Herz gefasst und war aus dem Militär desertiert so wie viele seiner Kollegen. Einige von ihnen hatten mit ihm und Gina in Madrano Unterschlupf gefunden und dort auf das langersehnte Ende des Krieges gewartet.

Erleichterung lag auch über Trient. Der letzte Bombenangriff lag inzwischen gut ein Jahr zurück und die Menschen fassten wieder Vertrauen, wenn sie abends schlafen gingen, dass sie nicht vom Fliegeralarm aus den Betten gerufen würden.

Hinter ihrem neuen Haus hatte Cichin eine kleine Werkstatt eingerichtet und für das Nötigste Pflanzkübel aufgestellt. Nutzpflanzen wie Zucchini und Tomaten waren schnell besorgt ‐ vielmehr getauscht, denn Cichin musste ab sofort als Zivilist seine Familie über Wasser halten. Er reparierte Taschen, Koffer, Körbe, Möbel, Fahrräder und vor allem Schuhe. Die Menschen bezahlten ihn mit Lebensmitteln, Pflanzen, Haushaltsgegenständen und manchmal auch mit Bargeld. Es reichte für die Familie und Gina Viassone brachte immer eine Mahlzeit auf den Tisch. Auch wenn es nicht viel war, musste niemand Hunger leiden.

Marisa besuchte die Grundschule. Fast alle öffentlichen Gebäude waren nach dem Krieg beschädigt, sodass die meisten Kinder lange Schulwege auf sich nehmen mussten. Zu Fuß brauchte sie eine dreiviertel Stunde. Trotzdem ging sie freiwillig jeden Morgen einen Umweg über den Domvorplatz, obwohl das ihren Weg um zehn Minuten verlängerte. Dort bewunderte sie zuerst die große Wasserfontäne des Neptun, der stolz mit seinem Dreizack in der Mitte des Brunnens stand und dann ließ sie ihren Blick über die riesige Kathedrale schweifen. Eigentlich ging sie mit ihrer Familie jeden Sonntag zur Messe hierhin, aber nur früh morgens war die Piazza leer genug, um die Details an den unterschiedlichen Gebäudeteilen sehen zu können. Sie freute sich, wenn sie wieder ein neues Relief oder Muster in der beigefarbenen Steinfassade entdeckte. Die Kirche beeindruckte sie. Sie war so perfekt und unversehrt, ganz anders als das Haus, in dem sie wohnte.

Es dauerte einige Monate, bis die öffentlichen Gebäude in Trient wieder nutzbar waren. Es gab auch neue Schulgebäude, weshalb Marisa zum dritten Mal die Schule wechseln musste. Gerade hatte sie sich an die anderen Kinder und den Schulweg gewöhnt, musste sie wieder von vorne beginnen. Für sie war es eine schreckliche Vorstellung. Aber diesmal fand sie Freundinnen in ihrer neuen Klasse. Ihr Schulweg war so kurz, dass ihr mehr Zeit zum Spielen blieb.

Im März 1946 stand Marisas Erstkommunion an. Wochenlang hatte sie den Vorbereitungsunterricht besucht und heute war es endlich soweit. Voller Freude war sie in der Frühe aufgewacht und wartete ungeduldig in ihrem Bett, bis ihre Mutter ihr das weiße Kleid und den Haarschmuck brachte. Es war ein kalter Morgen und sie war froh, dass ihr Kleid lange Ärmel hatte und sie elegante weiße Handschuhe dazu tragen durfte. Ihre Mutter nahm sich Zeit für sie, obwohl ihre kleine Schwester nebenan schon wieder schrie. Gina rief ihrem Mann energisch zu, er solle sich um Mirella kümmern, denn sie habe ein Kommunionkind einzukleiden und jetzt keine Zeit. Nachdem die zahllosen Knöpfe ihres Kleides endlich geschlossen, der Rüschenhaarreif mit dem Schleier richtig drapiert war und die Handschuhe inklusive weißem Beuteltäschchen angelegt waren, nahm ihre Mutter Marisas Kopf zwischen ihre Hände und betrachtete sie voller Stolz.

„Meine hübsche Kleine, wie eine Braut siehst du aus ‐ aber es fehlt noch etwas.“

Aus einem beigefarbenen Schmuckkästchen nahm sie eine goldene lange Kette mit einem filigran umrandeten Medaillon heraus. Es zeigte die heilige Jungfrau Maria mit dem Kind.

„Das ist der Anhänger, den ich zu meiner Kommunion getragen habe.“

Sie hängte ihn ihr um den Hals. Dann nahm sie noch ein goldenes Armband heraus und legte es um ihr Handgelenk. Es hatte große glänzende Glieder in Ypsilonform, die sich eng aneinanderreihten.

„Das ist von Papa und mir, wir haben dich lieb.“

Marisa war stolz und überglücklich. Das war ihr Tag, ab heute würde alles besser werden.

Die Kirche von San Pietro, in der sie die erste heilige Kommunion empfangen sollte, gefiel ihr nicht so gut, wie der große Dom mit seinem Vorplatz. Doch die Aufregung um ihre Person an diesem Tag ließ diesen Gedanken schnell in den Hintergrund geraten. Gemeinsam mit ihrer Schulfreundin stand Marisa in der zweiten Reihe der neugotischen Kirche und sah sich die frommen Kunstwerke an den Seitenaltären an. Sie war fasziniert, wie echt sie aussahen, das Jesuskind auf Marias Arm, davor ein Mann, der etwas von einem Blatt Papier las. So gut wollte sie auch einmal malen können, dachte sie bei sich.

Die Freunde und Verwandten, die noch in der Nähe wohnten, waren zu ihrem Fest gekommen. Nach dem Fotografentermin bei Pedrotti versammelten sich alle im Vorgarten ihres Hauses. Tische und Stühle stellten sie um den Feigenbaum herum auf. Mama hatte gekocht und gebacken und gemeinsam feierten sie in den frühen Abend, bis es zu kalt wurde, um draußen zu sitzen.

1948 hatte Cichin wieder eine Anstellung beim Militär bekommen, diesmal war er nach Florenz versetzt worden und es dauerte zwei Jahre, bis seine Familie nachkommen konnte. Marisa war damals zwölf Jahre alt gewesen und hatte das erste Jahr der Mittelschule in Trient gerade hinter sich. Schon wieder eine andere Schule zu besuchen, bereitete ihr großes Unbehagen. Dennoch weckte Florenz ihr Interesse, denn sie hatte schon Einiges über diese Stadt gehört. Wenn ihr Vater alle paar Wochen nach Hause kam, beschrieb er Florenz in den buntesten Farben ‐ die berühmtesten Bauwerke und ältesten Kunstsammlungen seien dort zu bestaunen und das Schönste sei ohnehin das warme Wetter. Ein Umzug in diese Stadt war ein Gedanke, mit dem Marisa sich anfreunden konnte.

Inzwischen hatte sie eine Vorstellung davon, was sie später einmal werden wollte – Malerin! Wann immer sie konnte, nahm sie ein leeres Blatt und einen Stift zur Hand und zeichnete los. Gebäude, Gegenstände, Pflanzen, Tiere, Menschen und Gesichter. Oft zeichnete sie ohne nachzudenken. Die Bilder kamen einfach aus ihrer Hand heraus. Dann verbesserte sie sie solange, bis sie sie zufrieden bei Seite legte. Es gab ihr ein Gefühl von tiefer innerer Ruhe, wenn sie fertig war und sah, was sie mit ihren Händen geschaffen hatte.

Welcher Ort könnte besser geeignet sein als Florenz, um Malerin zu werden?! Die Stadt, in der Leonardo da Vinci und Michelangelo gelebt und gearbeitet hatten, wäre ganz sicher eine gute Wahl.

Die Entscheidung lag nun fünf Jahre zurück und die Familie Viassone hatte sich gut in Florenz eingelebt. Die Stadt am Arno florierte. Mitte der 1950er‐Jahre blühte der Tourismus in der Stadt auf. Aus aller Herren Länder kamen Besucher, um die Bauwerke und die Kunst zu sehen. Viele Deutsche sah man in den Straßen flanieren. Sie hatten Italien zu ihrem Lieblingsreiseland erklärt und es schien in Deutschland als schick zu gelten, wenn man hier Urlaub machte.

Die Deutschen ‐ sie hatten den Krieg verschuldet und so viel Leid über die Welt gebracht. Nun saßen sie in ihren feinen Kleidern mit großen Hüten und Sonnenbrillen an der Promenade und tranken Eiscafé. Sie ließen sich den Wind um die Nase wehen, als sei nichts gewesen.

Die Familie Viassone war in dieser Zeit froh, endlich wieder ein Dach über dem Kopf zu haben und die schlimmen Zeiten des Krieges vergessen zu können. Sie fanden es nicht angebracht, die Deutschen zehn Jahre nach dem Krieg immer noch schlecht zu machen. Manchmal hörten sie andere Leute vorwurfsvoll über die deutschen Urlauber reden.

„Wer kann die Vergangenheit ändern? Sollen sie ruhig zu uns kommen und unser Dolce Vita kennenlernen, was soll das schaden?!“, pflegte Cichin dann zu sagen.

Für Marisa stand wieder ein neuer Schulabschnitt an, aber diesmal freute sie sich darauf. Sie hatte die Mittelschule in Florenz abgeschlossen und durfte endlich in die Oberstufe. Wochenlang hatte sie deshalb akribisch an ihrer Bewerbungsmappe für die staatliche Kunstschule gearbeitet, ihre besten Zeichnungen mit Kohle und Kreide zusammengestellt und anschließend gebangt, ob es für eine Annahme reichen würde. Als die Mutter ihr den Brief gab, setzten sie sich zusammen an den Küchentisch, um ihn zu öffnen. Mit zitternden Händen holte sie das Stück Papier heraus und fand in den vielen Sätzen endlich das erlösende Wort „…Zusage…“. Sie war so stolz. Endlich könnte sie eintauchen in die Welt der Kunst, das Liceo Artistico wartete auf sie.

Am Abend vor ihrem ersten Tag im Liceo saß die Familie beim Abendessen.

„Marisa ‐ bist du schon aufgeregt?“, fragte ihre Schwester Mirella, während sie mit der Gabel in ihrer Portion Penne Rigate herumstocherte.

„Aber nein“, flunkerte Marisa sie an. Die Wahrheit war, dass sie Angst hatte, an der neuen Schule keine Freunde zu finden. Seit Tagen hatte sie deshalb ein flaues Gefühl im Magen. Und obwohl die Tomatensoße, die ihre Mutter machte, herrlich nach frischem Knoblauch und Basilikum roch, hatte Marisa heute Abend keinen Appetit. Natürlich wollte sie das nicht zugeben, immerhin war sie siebzehn und fühlte sich ziemlich erwachsen.

Cichin warf seiner Frau Gina ein leichtes Grinsen zu, beide wussten, dass die neue Schule wichtig war für Marisa und sie viel aufgeregter war, als sie es vor der zehnjährigen Schwester zugab. Sie sollte natürlich viel lernen und mit ihrer Ausbildung eine gute Arbeit finden können. Sie waren stolz auf ihre Tochter, denn dass Marisa Talent zum Zeichnen und Malen hatte, das hatten sie schon früh erkannt. Es war auch keine Überraschung für sie, dass sie sich für die Kunst interessierte. Seit sie alle gemeinsam in Florenz lebten, machten sie an jedem Sonntag nach der Messe einen Spaziergang zu einem der vielen berühmten Bauwerke. Manchmal kamen Freunde mit und im Sommer machten sie anschließend in einem der vielen Parks ein Picknick. Marisa stand oft mit großen Augen vor den Gebäuden, so, als könne sie sich gar nicht sattsehen. Das waren wundervolle Familienausflüge. Gina und Cichin wussten, dass diese freudige Zeit mit ihren Töchtern bald vorbei sein würde. Marisa würde sicher als erste das Haus verlassen, sobald sie eine Arbeit gefunden hätte. Ein bisschen Wehmut machte sich in ihnen breit.

Nach dem Essen stand Cichin auf, ging in das Schlafzimmer und kam mit einer dunkelbraunen Ledertasche in der Hand zurück an den Tisch.

„Die habe ich für dich genäht, für deine neue Schule.“

Marisa sah ihn überrascht an. Zögerlich nahm sie das Geschenk mit beiden Händen entgegen und drückte es fest an ihre Brust. Cichin hob die Augenbrauen und riet ihr:

„Sei fleißig und lerne viel! Sei immer offen für Alles und höre den Menschen gut zu, dann kannst du ihre wahren Gründe erkennen für das, was sie tun ‐ das ist das Beste, was ich dir als Vater sagen kann.“

„Danke Papa.“ Marisa fiel ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Nun ging es ihr schon besser und sie blickte positiv in die Zukunft. Als sie wenig später Schreibmäppchen, Pinsel, Heft und Zeichenblock in die neue Tasche packte, stieg der unverwechselbare Geruch des frischen Leders auf – ganz so wie damals in Vaters Schuhmacherei. Sie hielt ihr Gesicht in die Tasche, nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase und lächelte.

Der Fußweg von der Via Vanni 45 bis zur Porta Romana kam ihr kurz vor. Sie war sich sicher, den besten Weg durch die florentinischen Häuserschluchten gewählt zu haben, sodass sie nach einer knappen halben Stunde ihr Ziel erreichte. Von der Piazzale am römischen Tor ging sie links in den Friedenspark und folgte dem Fußweg weiter zur Schule. Er führte geradewegs auf einen kreisrund angelegten Weg, der direkt vor dem Hauptgebäude lag. Die vielen schattenspendenden Bäume des Parks machten ihr das letzte Stück an diesem warmen Morgen angenehm zu gehen. Rund um das Liceo herrschte ein unruhiges Treiben. Viele junge Menschen tummelten sich vor dem Gebäude, riefen sich laut zu, lachten und begrüßten sich.

Marisa suchte den Eingang für die neuen Schüler. Vor lauter Menschen konnte sie ihn nicht erkennen. Die großen Buchstaben „INSTITUTO D´ARTE“, die in lateinisch anmutender Schrift auf der Fassade prangten, waren nicht zu übersehen ‐ aber wo musste sie sich für die Aufnahme melden?

Plötzlich spürte sie einen heftigen Stoß an der rechten Schulter und sie machte einen Satz nach vorne. Ihre neue Ledertasche rutschte ihr aus der Hand und fiel auf den staubigen Boden.

„Scusa“, hörte sie eine Männerstimme von hinten sagen.

Verunsichert drehte sie sich um. Ein gut aussehender junger Mann stand vor ihr, gebräunt, sportlich, aber mit Brille, die schwarzen Haare glatt zurückgekämmt und sein kurzärmliges Hemd weit aufgeknöpft. Seine goldene Halskette auf der Brust funkelte im Sonnenlicht auf.

„Ciao Bella, das war keine Absicht.“ Er bückte sich, klopfte den Staub von der Tasche und reichte ihr sie. „Wie kann ich das wieder gut machen?“

„Sag mir mal, wo ich hin muss! Ich bin neu hier“, fragte sie den Schönling fordernd, während sie den restlichen Staub von ihrer neuen Ledertasche entfernte. Sie war bemüht, dabei ihren weiten Rock und die weiße Bluse nicht zu beschmutzen.

„Unter den großen Buchstaben gehst du rein und meldest dich links an den Tischen. Wenn du Glück hast, steht dein Name auf der Liste!“, zwinkerte er ihr zu.

„Was soll das heißen? Wenn ich Glück habe?“, hinterfragte sie seine Bemerkung verdutzt, „ich habe einen Brief bekommen, dass ich heute hier anfangen soll.“

„Na dann ist ja alles gut“, sagte er lässig und drehte sich zu seinen Freunden um, die allesamt schon ein bisschen älter aussahen.

Wie frech, dachte sie sich, aber gut, sie wollte sich an ihrem ersten Tag nicht gleich von einem Jungen ärgern lassen, so ging sie zielstrebig in Richtung Haupttür des Institutes.

Als Marisa die Anmeldeprozedur hinter sich hatte, wurden alle Schüler vom Schuldirektor begrüßt und ihren Klassen zugewiesen. Einige ihrer Fächer auf dem neuen Stundenplan klangen wie Musik ihren Ohren: Malerei, Architektur, Zeichen‐ und Farbenlehre, Grundlagen der Bildhauerei, außerdem Fremdsprachen wie Englisch und Spanisch.

Das antike Renaissance‐Gebäude des Institutes war aus dem 16. Jahrhundert und früher ein Teil der Stallungen des königlichen Palastes Pitti gewesen. Die wunderschönen Boboli‐Gärten begannen direkt neben dem Friedenspark, den sie am Morgen durchquert hatte. Die Fassade mit ihren drei Rundbögen gefiel Marisa auf Anhieb. Ihr Herz pochte, als sie das Innere betrat. Entlang des lichtdurchfluteten Hauptflures waren Skulpturen aufgestellt. Sie alle zeugten von einer langen Tradition dieser Lehrstätte in der Kunst der Bildhauerei und Schnitzerei. Damals wie heute war die Schule die kreative Wiege vieler bekannter Künstler. Auf der Mailänder Triennale nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie sich der Welt präsentiert und ihre Schülerzahlen wuchsen danach stetig.

In diesem Flur waren alle Werke aus Gips. Auch die Modelle der großen Meister wie Michelangelo und Donatello waren darunter. Einige hatten sie als Vorlagen für ihre Skulpturen gefertigt, bevor sie sie aus kostbaren Marmorblöcken schlugen. Manche waren nachträglich hergestellte Kopien, die aus verschiedenen Museen zusammengetragen worden waren, um den Schülern zum Studium zu dienen.

Der Flur endete in einem großen runden Raum, der in seinem ganzen Durchmesser mit einer beeindruckenden Glaskuppel überdacht war. Darunter stand im hellen Tageslicht eine weiße Männerskulptur, sie maß sicher fünf Meter in der Höhe, in sportlicher Haltung, von allen Seiten zu bewundern. Dieser unbekleidete Mann überragte alles um sich herum und verkörperte die ganze Pracht des menschlichen ‐ nun ja ‐ des männlichen Körpers. Gegen ihn wirkte der berühmte David von Michelangelo vor dem Palazzo Vecchio fast mickerig. Dieser hier war die Kopie einer der beiden Dioskuren, die in Rom einen gigantischen Brunnen vor dem Präsidentenpalast zierten. Er zeigte, wie die verbrüderten Halbgötter ihre Pferde im Zaum hielten. Einer von ihnen stand nun in voller Pracht in diesem Atrium. Sein Anblick ließ Marisa vor Ehrfurcht innehalten.

Die ersten Wochen am Liceo vergingen wie im Flug. Marisa sog alles Wissen wie ein Schwamm in sich auf. Am meisten mochte sie die Fächer Zeichenlehre, Malerei und die Fremdsprachen. Sie fühlte sich, als könnte sie die Welt im Sturm erobern, wollte am liebsten schon ihre Koffer packen, um das große Abenteuer ihres Lebens endlich anzutreten. Sie wollte Länder bereisen und alle Kontinente sehen. Jede andere Kultur, von der sie hörte, faszinierte sie. Die asiatische Welt mit ihren fremden Buchstaben und fein verzierten Seidenkleidern. Der australische Busch mit seinen lebensfeindlichen Bedingungen ‐ wie können die Menschen dort leben, fragte sie sich. Auch der amerikanische Kontinent reizte sie, die Rocky Mountains im Norden und der Amazonas im Süden. Wie unglaublich groß und vielfältig die Welt war. Es gab so viel anzusehen, das wollte sie auf keinen Fall verpassen. Wenn es ihr irgendwann möglich wäre, wollte sie reisen ‐ und malen könnte sie überall in der Welt.

Mit viel Ehrgeiz machte sie jeden Tag ihre Hausaufgaben und lieh sich in der Bücherei den Lesestoff über alle Themen der Kunst, die sie interessierten. In den Pausen saß sie gern im Schatten und las. Ihre Freundinnen lenkten sie davon nur allzu gern ab. Kichernd setzten sie sich um sie herum und neckten sie, sie solle lieber mal zu Enrico herübersehen, er würde sie schon die ganze Zeit beobachten. Etwas genervt, aber insgeheim geschmeichelt, legte sie das Buch zur Seite und schaute kurz zu der Gruppe Jungen, die sich in einigen Metern Entfernung um die weiße Vespa von Enrico gescharrt hatte. Sie witzelten herum und Enrico lachte laut, während er sich mit einem Seitenblick vergewisserte, dass Marisa ihn dabei bemerkte.

„Nach dem Unterricht gehen wir in die Eisdiele an der Porta Romana ‐ schuldet er dir nicht noch ein Eis, weil er deine Tasche in den Staub geworfen hat?“, bohrte Angelina bei ihr nach, denn sie fand mit ihrer lockeren, frechen Art immer einen Grund, um sich von einem Jungen einladen zu lassen.

„Er hat sie nicht geworfen, er hat mich nur angestoßen und dann ist sie…“

„Ja ja ja, nur angestoßen… das war bestimmt kein Versehen“, stichelte Angelina weiter. „Also gut, du kommst mit! Ich sage ihm, er soll dir ein Eis ausgeben, als Widergutmachung.“

„Nein, nein, er ist gar nicht mein Typ“, intervenierte Marisa sofort. Gerade hatte sie es ausgesprochen, da merkte sie, wie wenig überzeugend das klang. Schon sah sie Angelina aufspringen und zu der Gruppe Jungen herübergehen. Sie schwang ausgiebig ihren hellgelben Faltenrock hin und her, dessen Gürtel ihre schmale Taille noch mehr betonte. Die Pfiffe der Jungen, die ihr erwartungsvoll zusahen, waren ihr sicher. Marisa hoffte, Enrico würde sie bei so viel weiblicher Konkurrenz überhaupt noch beachten.

In der Eisdiele an der Porta Romana trafen sich die Jungen und Mädchen der Oberstufe beinahe täglich, zumindest im Sommer. Selbst wenn die meisten von ihnen wenig Geld hatten, für ein kleines Eis reichte es fast immer. Enrico kam aus gutem Hause. Seine Eltern waren alteingesessene Kaufleute in Florenz. Nach dem Krieg hatten sie sich schnell wieder ein neues Geschäft aufgebaut. Er war einer der wenigen Jungen, die eine Vespa fuhren, zwar nicht das neueste Modell, aber in diesem Alter war alles besser als zu Fuß zu gehen, den Bus zu nehmen oder mit dem Fahrrad fahren zu müssen. Marisa gefiel seine Art. Er war immer lustig und ein bisschen draufgängerisch, manchmal war er etwas zu spontan für ihren Geschmack. Er war zwar nicht allzu romantisch, aber dafür charmant und ‐ er hatte ein Auge auf sie geworfen! Wann immer er konnte, holte er sie mit seiner Vespa ab und sie verbrachten ihre freie Zeit miteinander. Auch wenn die anderen mit dabei waren, genoss Marisa seine Aufmerksamkeit und sie gehörte endlich dazu. Sie fühlte sich einfach gut in seiner Gegenwart.

„Marisaaa!“, rief Angelina kurz vor dem Schulgebäude aufgeregt hinter ihr her. „Ich brauche deine Englisch‐Hausaufgaben!“

Marisa hasste es, wenn ihre Freundinnen in letzter Sekunde vor dem Unterricht von ihr abschreiben wollten. Meistens hatten sie aus reiner Faulheit ihre Aufgaben nicht gemacht und dann brauchten sie schnell jemanden, der sie aus der misslichen Lage herausholte.

„Immer ich ‐ was soll ich machen, wenn wir beide drankommen und unser Text genau gleich ist, das merkt Miss Mayford doch sofort?!“, fragte Marisa in der Hoffnung, Angelina würde von ihrem Vorhaben ablassen.

„Ich schreibe ihn ja nicht ab, ich will nur mal sehen, was du geschrieben hast, stell´ dich nicht so an – oder hast du schon vergessen, dass du mir Enrico zu verdanken hast?“, erinnerte sie sie unverblümt. Angelinas Totschlagargument saß. Marisa ließ das Gefühl, von ihr erpresst zu werden, nicht weiter zu, holte ihr Englischheft aus der Tasche und gab es der Kupplerin widerwillig, damit diese sich im Unterricht nicht blamieren würde.