Die Möglichkeit eines Wunders - Jan Schomburg - E-Book

Die Möglichkeit eines Wunders E-Book

Jan Schomburg

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Beschreibung

Ein unerhörter Abenteuerroman Bei den Séancen des Albert von Schrenck-Notzing trifft sich im München des Fin de Siècle ein Teil der Bohème. Unermüdlich erforscht der junge Freiherr mysteriöse Phänomene, schwebende Tische, Klopfgeräusche, vor allem aber Ektoplasma: ein Gebilde, das verschwindet, sobald es mit Licht in Berührung kommt. Ein Stoff aus dem Jenseits, sagen die Geisterseher. Materielle Abspaltungen des Unbewussten, sagt der Freiherr. Schlicht und einfach Betrug, sagen die Wissenschaftler. Nach dem Tod seiner Frau Ella, der Liebe seines Lebens, reist er nach Haiti und verliert sich um ein Haar in den unbeleuchteten Winkeln der Weltgeschichte. Dieser Roman fußt auf der realen Lebensgeschichte des Münchner Arztes, therapeutischen Hypnotiseurs und Forschers Albert von Schrenck-Notzing (1862 – 1929), der in die Geschichte als sogenannter Geisterbaron eingegangen ist, nicht zuletzt durch den ›Zauberberg‹ von Thomas Mann. Höchste Zeit also, dieser schillernden Figur ein nicht weniger schillerndes Denkmal zu setzen. Mit Fabulierlust und feiner Ironie holt Jan Schomburg einen gespenstischen Antihelden in unsere Gegenwart.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Bei den Séancen des Albert von Schrenck-Notzing trifft sich im München des Fin de Siècle ein Teil der Bohème. Unermüdlich erforscht der junge Freiherr mysteriöse Phänomene, schwebende Tische, Klopfgeräusche, vor allem aber Ektoplasma: ein Gebilde, das verschwindet, sobald es mit Licht in Berührung kommt. Ein Stoff aus dem Jenseits, sagen die Geisterseher. Materielle Abspaltungen des Unbewussten, sagt der Freiherr. Schlicht und einfach Betrug, sagen die Wissenschaftler. Nach dem Tod seiner Frau Ella, der Liebe seines Lebens, reist er nach Haiti und verliert sich um ein Haar in den unbeleuchteten Winkeln der Weltgeschichte.

Dieser Roman fußt auf der realen Lebensgeschichte des Münchner Arztes, therapeutischen Hypnotiseurs und Forschers Albert von Schrenck-Notzing (1862–1929), der in die Geschichte als sogenannter Geisterbaron eingegangen ist, nicht zuletzt durch den ›Zauberberg‹ von Thomas Mann. Höchste Zeit also, dieser schillernden Figur ein nicht weniger schillerndes Denkmal zu setzen. Mit Fabulierlust und feiner Ironie holt Jan Schomburg einen gespenstischen Antihelden in unsere Gegenwart.

Jan Schomburg

Die Möglichkeit eines Wunders

Roman

Um über alle geheime Sympathie oder gar magische Wirkung vorweg zu lächeln, muss man die Welt gar sehr, ja ganz und gar begreiflich finden. Das kann man aber nur, wenn man mit überaus flachem Blick in sie hineinschaut.

Arthur Schopenhauer

 

Weißt du, was den Okkultismus angeht, bin ich kein Gläubiger, aber ich möchte in einer Welt leben, in der das Wunder zumindest eine Möglichkeit ist.

Thomas Knoefel

ERSTER TEIL

DER PROZESS

»Vraiment! Da müsste ich doch verrückt gewesen sein!«, rief durchaus verzweifelt der arme Ceslav Lubicz Czynski in den holzvertäfelten Gerichtssaal des Oberbayerischen Schwurgerichts hinein.

In der darauf folgenden Stille war nun aber deutlich ein schweres Seufzen zu vernehmen, voll tief empfundenem Mitleid für den Angeklagten. Das Seufzen kam indes nicht von irgendjemandem. Es kam befremdlicherweise von der Baronin Hedwig von Zedlitz, und befremdlich war es deswegen, weil die Baronin als Zeugin der Anklage maßgeblich verantwortlich für die missliche Lage war, in welcher der Czynski sich befand. Man schrieb das Jahr 1895.

Was nun war geschehen?

Ceslav Lubicz Czynski und die Baronin Hedwig von Zedlitz waren in den heiligen Bund der Ehe getreten. Darüber waren sich alle Beteiligten des Prozesses einig. Über die Rechtmäßigkeit dieser Eheschließung jedoch sowie überhaupt über die Umstände, unter denen die unwahrscheinliche Liebesbeziehung zwischen dem ehemaligen Französischlehrer aus Russisch-Polen und der Adeligen aus bester Familie zustande gekommen war, herrschte umfassende Uneinigkeit.

Für Czynski war die Eheschließung die logische Folge einer vollkommen normalen Liebesbeziehung.

»Ich möchte wissen«, rief er aufgebracht in den Saal, »wer von den Anwesenden hier durch Heirat seine Zukunft nicht zu verbessern suchte!«

Es sei aber vor allem um die Verbesserung seiner materiellen Zukunft gegangen, trug auf der anderen Seite die Anklage vor, namentlich vertreten durch den Bruder der Geschädigten, Clemens von Zedlitz, Premierlieutenant der Reserve im 1. Garderegiment, derzeit Hilfsarbeiter beim Heroldsamt in Berlin. Dieser sah in Czynski einen gemeingefährlichen Hochstapler, der die Baronin zunächst im Zuge einer ominösen »medizinischen« Behandlung mithilfe hypnotischer Suggestion in sich verliebt gemacht und sie dann in einer illegitimen Scheinheirat mit falschem Pastor geehelicht habe, um sich so an ihrem nicht eben kleinen Vermögen zu bereichern.

Eine der zentralen Fragen, die es bei diesem Prozess zu klären galt, bestand also darin, inwiefern hypnotische Suggestion einen Menschen dauerhaft zu Handlungen animieren konnte, die dessen eigentlichem Willen zuwiderliefen. Ließ sich Liebe einflüstern? Zur Klärung dieser Frage bedurfte es Sachverständiger, die sich auf dem Gebiet der Hypnose auskannten.

Der Mann, dem seine zwar adeligen, jedoch verarmten Eltern den Namen Albert gegeben hatten, verfügte ohne Zweifel über diese Kenntnis. Mehrere Publikationen trugen seinen Namen, und seit beinahe fünf Jahren unterhielt er eine kleine, aber sehr gut besuchte Praxis. Er hatte Hysterikerinnen und Neurastheniker geheilt, hatte die Zitternden beruhigt und die Niedergeschlagenen aufgerichtet, sogar Störungen in den monatlichen Blutungen der Frauen vermochte er durch Suggestionen zu lindern.

Sein Talent zur hypnotischen Suggestion hatte Albert eher zufällig auf dem Geburtstagsfest eines Schriftstellers entdeckt. Halb Schwabing war damals versammelt gewesen und die Luft drückend schwül. Viele der Gäste waren Albert bekannt, den jungen Freiherrn aber kannte niemand. Nur mit halbem Ohr hörte er, dass jemand von einer Hypnose-Schau erzählte, wie sie zu der damaligen Zeit beliebt waren. Hiervon inspiriert drängte man unter Führung des Zeus von Schwabing, wie der Gastgeber gern genannt wurde, in ein großes Hinterzimmer, wo die schweren Perserteppiche an den Wänden ungerührt den fruchtlosen Versuchen gegenseitiger Hypnotisierung beiwohnten. Albert stand etwas abseits im Türrahmen und beobachtete die Bemühungen, anscheinend mit einem etwas spöttischen Lächeln, denn plötzlich rief der Gastgeber ihm zu:

»Probieren Sie es doch selbst, bevor Sie hier solche Blicke werfen!«

Albert wurde in die Mitte des Raumes geschoben und stand plötzlich vor der Chaiselongue, auf der ein Student zuvor schon von verschiedenen selbsterklärten Hypnotiseuren ohne jeden Erfolg bearbeitet worden war.

Er trat auf den Studenten zu, sah ihn an, der Student schaute zurück, noch den Schalk in den Augen, und dann, plötzlich – rasteten ihre Blicke ein. Albert bemerkte überrascht, dass es dem Studenten nicht mehr möglich war, seinen Blick zu lösen. Er wusste es mit völliger Sicherheit, als wäre eine Tür ins Schloss gefallen.

Dem Studenten wurden die Lider schwer. Er will, wusste Albert plötzlich, dass ich ihm erlaube einzuschlafen.

Und so tat er ihm den Gefallen.

»Schlaf«, sagte er schlicht, und noch bevor das Wort verklungen war, fiel dem Studenten der Kopf nach vorn auf die Brust. Die Zuschauer standen mit offenen Mündern da, aus unbeschreiblichem Grund war allen klar, dass dies nicht gespielt sein konnte. Verwundert betrachtete Albert den schlafenden Studenten.

Was für eine eigentümliche und mysteriöse Spezies doch der Mensch war.

Kurz erfüllte eine beinahe religiöse Stille den Raum, dann löste sich mit einem Mal die Sprachlosigkeit. Wild rief und lachte man durcheinander. Albert verspürte den Impuls, den Studenten umgehend wieder zu erlösen, ihn aufwachen zu lassen, wieder zur Normalität zurückzukehren.

Aber eine Sache musste er noch wissen.

»Dein rechter Arm …«, sagte er leise zu dem Studenten und spürte, wie sich dessen Aufmerksamkeit auf den rechten Arm richtete.

»Dein rechter Arm … wird jetzt so schwer, dass es dir unmöglich ist, ihn zu heben.«

Der Student schwieg, sein Kopf bewegte sich leicht.

»Versuch jetzt, deinen Arm zu heben.«

Der Körper des Studenten spannte sich, der Arm bewegte sich keinen Millimeter.

»Ich kann es nicht«, flüsterte der Student.

Albert nahm es den Atem.

Etwas war ihm ohne sein Zutun in die Hand gegeben worden – ein besonderes Talent, eine magische Begabung, die Macht der Suggestion. Er hatte nicht darum gebeten, aber nun war es so. Der Jubel der Umstehenden kam von weit weg. Das Wissen, dass in seinem Leben nach diesem Abend nichts mehr sein würde wie zuvor, erfüllte ihn kurz mit Melancholie. Um dem Lärm ein Ende zu bereiten, hob er die Hand.

»Ich zähle jetzt bis drei, dann wachst du auf.«

Er zählte, berührte die Stirn des Studenten und klatschte in die Hände, woraufhin der Student den Kopf hob, die Augen öffnete und sich verwundert umsah. Ein Schaudern durchfuhr ihn, als wollte er etwas abschütteln. Dann stand er von der Chaiselongue auf und ließ sich, immer noch sprachlos, von seinen Freunden auf die Schulter hauen.

Das verschämte Lächeln wollte indes nicht aus seinem Gesicht weichen, auch nicht, als er Albert noch einmal anblickte und diesen ebenfalls eine unerklärliche Scham überkam; sie waren wie zwei Kinder, die sich geküsst haben und dabei von den Erwachsenen entdeckt worden sind.

 

Nach Lektüre der Prozessakten war der Fall für Albert zunächst vollkommen eindeutig erschienen. Es war ja leicht nachzuvollziehen, dass der mittellose Kleinbürger Czynski seine aristokratische Herkunft aus litauischer Linie sowie den akademischen Lebenslauf erfunden hatte, um Eindruck auf die Baronin zu machen und durch Eheschließung an ihr Vermögen zu gelangen.

Und in der Tat: Der italienische Generalkonsul Ritter von Oldenburg nahm am zweiten Tag Stellung zu Czynskis angeblichen Diplomen und Adelstiteln und stellte fest, dass der von der »Reale Academia di medicina« verliehene Doktortitel keinesfalls real sei, insofern nämlich, als diese Institution überhaupt nicht existierte, ebenso wie es weder in Rom noch im restlichen Italien jemals eine »Società della croce bianca« gegeben habe, die Czynski laut einer vorliegenden Urkunde als »Ritter des Ordens vom Weißen Kreuz« auswies. Czynskis klägliche Versuche, sich herauszureden, ließen selbst seinen Verteidiger Bernheim deprimiert den Kopf schütteln.

Dann allerdings tauchte ein notariell beglaubigter Vertrag auf, der noch vor der Hochzeit auf Czynskis Initiative hin geschlossen worden war. Darin erklärte er seinen Verzicht auf das gesamte Vermögen der Baronin. Und kurz darauf gab die Baronin zu Protokoll, dass sie ihrem Ehemann wenigstens für ihren Todesfall sechstausend Mark Rente hatte vermachen wollen, der Czynski aber selbst diesen Passus aus dem Vertrag hatte streichen lassen. Und dann bestätigte die Baronin noch, Czynski habe erst am Morgen der Hochzeit, der sie zu diesem Zeitpunkt ja längst zugestimmt hatte, die Titel und Diplome überhaupt erwähnt – seine Herkunft sei vorher gar nicht zur Sprache gekommen und habe auch keinerlei Einfluss auf ihre Entscheidung gehabt.

Wenn aber Czynski seine erlogene Herkunft nicht dazu benutzt hatte, um sein Ziel – die Heirat mit der Baronin – zu erreichen, warum um alles in der Welt hatte er sie sich dann in so aufwändiger Weise erschlichen? Und wenn seine Lügen für die Zuneigung der Frau von Zedlitz nicht von Bedeutung waren, wodurch waren ihre Empfindungen hervorgerufen worden?

Ursprünglich hatte die Baronin Czynski wegen eines Magenleidens aufgesucht, woraufhin dieser ihr eine Reihe hypnotischer Sitzungen verschrieben hatte. Bei einer dieser Sitzungen war es dann dazu gekommen, dass der Pole ihr seine Liebe gestanden hatte. Sie war augenblicklich von starkem Mitleid übermannt worden und hatte in der Sitzung lange geweint, woraufhin er ihr eröffnet hatte, er wolle zum Protestantismus übertreten und sie heiraten.

»Ich glaubte«, sagte die Baronin mit zitternder Stimme, »ein gutes Werk tun zu müssen. Seine Liebe habe ich so richtig nicht erwidert. Weil aber etwas Trauriges geschehen war, fragte ich mich, ob ich ihn liebe und ihm ein besseres Leben verschaffen solle.«

Albert verstand zunächst nicht, was die Baronin mit dem Ausdruck etwas Trauriges meinte, und erst während der darauf folgenden Befragung durch den von der Verteidigung bestellten Professor Hirt ging ihm auf, dass sie so den ersten Geschlechtsverkehr mit dem Polen bezeichnete. Albert fand diese Ausdrucksweise befremdlich, noch eigentümlicher wurde die Angelegenheit aber dadurch, dass Professor Hirt die Terminologie übernahm.

»War das Traurige, was vorgekommen ist, auch eine Folge eines solchen Halbschlafes?«, hörte er den Professor fragen.

»Das kann ich nicht sagen. Aber er tat mir leid in seinem Elend«, antwortete die Baronin leise.

Albert betrachtete die etwa vierzig Journalisten, die die Aussagen der Baronin mitstenografierten und dadurch ein vielstimmiges Geräusch erzeugten, das dem Zischen einer Schlange ähnelte.

 

»Besser als im Roman«, raunte ein Mann Albert ins Ohr, als dieser erschöpft den Gerichtssaal verließ, »absolut fabelhaft.«

Albert murmelte eine Erwiderung und wollte schnell weiter, wurde jedoch am Ärmel festgehalten. Jetzt erinnerte er sich, dass er den Mann vom Fasching her kannte, wo dieser stets als Cäsar verkleidet gewesen war. Er war wohl Schriftsteller, hatte allerdings noch nie ein Buch veröffentlicht, sein Name war Alfred Schuler.

»Dann heute Abend? Am See?«

»Am See?«

»Das Gartenfest.«

Schuler zählte umständlich eine Reihe von Gästen auf, die auf einem enormen Gartenfest erwartet wurden.

»Ich würde ja gern«, sagte Albert, »aber der Prozess, die Akten, Sie verstehen …? Es ist für mich nicht der Abend für Enormes.«

»Sicher?«, fragte Schuler.

»Ganz sicher.«

 

Später, als er sich in einem Birkenwäldchen am Starnberger See wiederfand, auf dem Weg zu dem Fest, zu dem er ganz sicher nicht gehen würde, dachte er bei sich, wie unsagbar wankelmütig doch der Mensch war. Aus der Ferne war das schrille Kreischen einer Pavianherde zu hören, die sich ein exzentrischer Maler im Park seiner Villa hielt.

Die festlich gekleideten Gäste des Gartenfestes standen im Schein bunter Lampions auf der Wiese, die an den See grenzte, es mochten wohl um die hundert Menschen sein. Ein beleibter Mann, dessen dünne Stimme in verwirrendem Widerspruch zu seiner Statur stand, sang aus Gründen, die Albert nicht ersichtlich waren, Es geht ein dunkle Wolk herein, was nach Alberts Ansicht das traurigste Volkslied überhaupt war.

Und kommst du, liebe Sonn, nit bald,

so weset alls im grünen Wald,

und all die müden Blumen,

die haben müden Tod.

Albert ließ seinen Blick über die Gäste schweifen, von denen die meisten in heitere Gespräche vertieft waren und dem Sänger keinerlei Beachtung schenkten. Dann aber blieben seine Augen an einer Frau hängen, die dem Sänger aufmerksam zuhörte. Er betrachtete sie eine Weile und stellte fest, dass das Lied sie in der Tat ganz in seinen Bann gezogen hatte. Ihr Mund stand leicht offen, als sei sie von feierlichem Staunen erfasst.

Wer war bloß diese versunkene Frau?

Spärlicher Applaus war der Lohn für den Gesang. Der Sänger verbeugte sich, und die Frau wandte sich einem Kreis von Menschen neben ihr zu, schien aber noch leicht benommen, als müsste sie erst ins Hier und Jetzt zurückfinden. Sie drehte den Kopf, und für einen kurzen Moment traf ihr Blick den von Albert, der instinktiv wegsah.

Als hätte er hinter seinem Rücken auf ihn gewartet, stand Schuler vor ihm.

»Ich wusste, dass Sie kommen würden.«

»Dann können Sie in die Zukunft sehen?«, fragte Albert. Schuler ging nicht darauf ein und begann stattdessen, über den Prozess zu sprechen. Seine Beobachtungen waren zunächst erstaunlich genau, dann aber verlor er sich in verworrenen historischen Assoziationen über das heilige Blut der Urväter, dessen Potenz seiner Ansicht nach nur Rassen mit kraftvoller Blutleuchte zugänglich sei.

»Die blutleeren Völker dagegen, und dazu zähle ich vor allem die Preußen mit ihrer seelenlosen Naturwissenschaft und auch die Juden, sind gezwungen, sich mit der Ratio zu behelfen. Damit aber zerstören sie jeden wahren Glauben!«

Albert blickte unauffällig zu der Gruppe hinüber, in der die Frau, gemeinsam mit einer anderen jungen Dame, wohl ihrer Schwester, den Mittelpunkt eines lebhaften Gesprächs bildete. Nun gut, dachte er, ich habe morgen einen wichtigen Beitrag zu einem Prozess zu leisten, den man nicht nur in ganz München, sondern sogar über die Grenzen des Deutschen Reichs hinaus verfolgt.

»Ich könnte Ihren Ausführungen ewig zuhören«, sagte er zu Schuler, »aber leider zwingt der Prozess mich zu ausreichender Nachtruhe, bitte nehmen Sie es mir nicht übel.«

Albert betrat die Villa, um wenigstens noch dem Gastgeber Adieu zu sagen. Alle Türen und Fenster standen offen. Die sanft sich bewegenden Vorhänge gaben einem das Gefühl, nicht allein zu sein. In der Küche war die Haushälterin damit beschäftigt, kalte Hühnerschenkel auf einer Porzellanplatte anzurichten, auch sie hatte den Gastgeber nicht gesehen.

»Vielleicht in der Bibliothek?«, schlug sie vor und zupfte für die Dekoration einige Salatblätter ab.

In der Bibliothek standen drei große braune Ledersessel um einen etwas zu klein geratenen Tisch, auf dem ein einzelnes Buch lag. Alle Regale waren bis unter die Decke mit Büchern gefüllt, jedoch standen sie so ordentlich aufgereiht, dass Albert sich fragte, ob je eines davon gelesen worden war. Das Buch auf dem Tisch trug den Titel Die Welt als Wille und Vorstellung. Er schlug es auf, aber bevor er noch den ersten Satz gelesen hatte, glaubte er sich plötzlich beobachtet, und als er sich umwandte, stand da die Frau aus dem Garten. Sie musterte Albert mit einem leicht spöttischen Lächeln und sagte: »So, so.«

Mit dem aufgeschlagenen Buch in der Hand fühlte er sich aus irgendeinem Grund ertappt.

»Und Sie sind also der große Magnetiseur«, sagte die Frau.

»Wer sagt das?«, fragte er zurück, bemüht, ihren spöttischen Tonfall zu imitieren. Die Frau zuckte mit den Schultern.

»Das erzählt man sich wohl so.«

Albert legte das Buch zurück auf den Tisch.

»Haben Sie mich etwa in dem kurzen Augenblick, in dem sich unsere Blicke getroffen haben, suggestiv dazu aufgefordert, Ihnen in die Bibliothek zu folgen?«

»Ich dachte, Sie merken es nicht«, sagte Albert lächelnd.

»Haben Sie sich das von Ihrem falschen polnischen Baron abgeschaut?«

»Sie haben den Prozess verfolgt?«

»Es war nicht möglich, ihn nicht zu verfolgen.«

»Morgen ist der letzte Tag.«

»Und«, sagte die Frau und kam mit langsamen Schritten auf ihn zu, »wird der falsche Baron die gerechte Strafe dafür erhalten, dass er die Baronin in sich verliebt gemacht hat?«

»Was wäre denn wohl die gerechte Strafe für ein solches Vergehen?«, fragte Albert.

»Lebenslang. Ins Kittchen.«

Von draußen hörte man Gelächter und dann ein lautes Platschen, als wäre jemand in den See gesprungen oder hineingeworfen worden.

»Was hat der Czynski denn nur genau getan, um die arme Baronin in ihn verliebt zu machen? Hat er ihr tief in die Augen geschaut?«

»Das wohl auch«, antwortete Albert.

»Pfui, was für ein garstiger Mensch.«

»Bei den Sitzungen haben sich ihre Knie berührt, und dann hat er angefangen, ihr seine Hände aufzulegen und ihr über die Arme und auch über die Beine zu streichen.«

Die Frau schüttelte in gespielter Empörung den Kopf.

»Nein! Was hat er denn bloß noch getan?«

»Es ist dann allem Anschein nach auch zu zarten Küssen gekommen.«

»Und wohin küsste dieser Unhold sie?«

»Zunächst auf die Unterarme, dann auf die Stirn und schließlich berührten seine Lippen wohl sogar ihren entblößten Hals.«

»Skandalös«, flüsterte die Frau mit weit aufgerissenen Augen.

Albert fand sie hinreißend.

 

»Es ist gestern schon von der Verteidigung hervorgehoben worden«, begann der Obermedizinalrat Grashey sein Plädoyer, »dass ein ganz gewöhnliches Liebesverhältnis vorliege und von einer abnormen Liebe nichts zu erkennen sei, weil die Liebenden Briefe gewechselt und sich bald dahin, bald dorthin zusammenbestellt hätten, wie hundert andere verliebte Paare.«

Die Echtheit von Liebe zeige sich aber eben nicht am Vorhandensein oder Fehlen von Liebesbriefen und gegenseitigen heimlichen Zusammenkünften, sondern vor allem durch ihre Motivierung und Entstehung. Die Baronin sei zu einem willenlosen Opfer, einem Werkzeug in den Händen Czynskis geworden, dieser sei deshalb des Verbrechens gegen die Sittlichkeit nach § 176 Abs. 2 des Strafgesetzbuches für das Deutsche Reich schuldig zu sprechen.

Albert nickte dem Obermedizinalrat freundlich zu, sie waren beide von der Anklage als Gutachter benannt worden und standen somit auf derselben Seite. Dazu allerdings hatte Albert durchaus ein eigenes Interesse am Ausgang des Prozesses. Er empfand es als seine Pflicht, die Hypnose als wirksame Methode im allgemeinen Bewusstsein zu verankern, die in den falschen Händen großes Unheil anrichten konnte, in den richtigen aber auch viel Gutes. Der Breslauer Professor Hirt erhob sich, um als erster Gutachter im Auftrage der Verteidigung zu sprechen. Albert spürte eine erregte Überspanntheit, wie sie jemanden überkommt, der in der Nacht kein Auge zugetan hat.

Am Abend zuvor hatte er nach der Begegnung in der Bibliothek zunächst eine ganze Weile regungslos dagestanden, was ihm erst aufgefallen war, als die Haushälterin so plötzlich vor ihm auftauchte, dass er zusammenfuhr. Draußen im Garten lag das Fest in seinen letzten Zügen, ein voll bekleideter junger Mann stieg gerade aus dem Wasser. Niemand schenkte ihm Beachtung, und auch er selbst schien nichts Ungewöhnliches daran zu finden, im triefenden Anzug und schwappenden Stiefeln über die Wiese zu schlendern. Die Frau aus der Bibliothek war nirgends zu sehen. Albert hatte es verpasst, sie nach ihrem Namen zu fragen, und hätte sich dafür ohrfeigen mögen.

»Der Tod, das wollte ich vorhin noch sagen«, sagte Schuler, der unvermittelt wieder neben ihm stand, »ist die Saite, die zwischen Diesseits und Jenseits gespannt ist. Die Geburten kommen von dort, wohin die Toten gehen. Nur die Jugend vermag es, den Lebenden Seligkeitsschauer zu bringen, denn sie ist dem Jenseits noch zart verbunden.«

Schuler hob die Hand und ließ sie wieder sinken. Albert wusste nicht, ob es sich um ein Geheimzeichen oder eine Zuckung handelte. Er sah sich noch einmal um, ob er die Frau aus der Bibliothek nicht doch irgendwo erblickte.

»Aber es gibt kein Verständnis bei der Jugend! Diese Ignoranz! Ich suchte vorhin das Gespräch mit zwei jungen Frauen, Schwestern, Schaumgeborene, Nymphen und …«

»Zwei Schwestern?«, fragte Albert.

»… ich stieß auf reines Unverständnis.«

»Kennen Sie ihre Namen?«

»Natürlich kenne ich ihre Namen.«

»Wie sind ihre Namen?«

»Dora und Gabriele Siegle. Gabriele wird von allen nur Ella genannt.«

Aus irgendeinem Grund wusste Albert gleich, dass Ella die Frau aus der Bibliothek war.

»Sie wollten mit mir über die Oper reden, die sie am Freitag besuchen wollen, bevor sie am Samstag wieder nach Stuttgart abreisen«, fuhr Schuler fort, »doch fehlt ihnen jedes Verständnis für die dionysisch-kultische Dimension des Singspiels. Wie soll man da unser Zeitalter nicht verloren geben?«

Auf dem Heimweg hatte Albert erst auf dem Fahrrad durch den dunklen Wald, danach im Zug und später noch im Bett den Namen Ella in seinem Mund bewegt wie ein niemals schmelzendes Zuckerstück. Dabei war ihm aufgefallen, dass Ella rückwärts gelesen alle ergab, und er war von diesem Umstand so berauscht, dass er bis in die frühen Morgenstunden wach lag und, obwohl er kaum geschlafen hatte, in immer noch begeisterter Stimmung erwachte.

 

»Was nun die sogenannte pathologische Liebe anbelangt«, hörte Albert Professor Hirt sagen, »so frage ich, wodurch unterscheidet sie sich von der alltäglichen, physiologischen? Wenn Sie die Art der Entstehung der Liebe, wie sie hier vorliegt, als etwas vom juristischen Standpunkt aus Strafbares ansehen, dann ist jede Handlung, die bezweckt, ein Mädchen und überhaupt ein Weib verliebt zu machen, unerlaubt und strafbar. Denken wir einmal daran, was das gute Gretchen singt, nachdem sie dem Faust begegnet ist: ›Mein armer Kopf ist mir verrückt, Mein armer Sinn ist mir zerstückt!‹ und ›Nach ihm nur schau ich zum Fenster hinaus. Nach ihm nur geh’ ich aus dem Haus‹ – hat sie da nicht genau die gleichen Gefühle wie die Baronin gegenüber Czynski?«

Die Küsse, die Czynski der Baronin teils in hypnotisiertem, teils in wachem Zustande gegeben habe, seien ein allgemein übliches und keinesfalls juristisch relevantes Mittel, eine Frau sinnlich zu erregen und dem Koitus geneigt zu machen. Der Czynski müsse freigesprochen werden.

Nachdem der Professor sich wieder gesetzt hatte, hörte Albert, wie sein Name aufgerufen wurde. Alle Augen richteten sich auf ihn. Er stand auf, räusperte sich und holte tief Luft.

»Es ist bereits ausführlich von der Liebe gesprochen worden. Sie ist und bleibt ein Rätsel. Wie sie entsteht, ist unerklärlich, ebenso, warum sie bleibt oder bisweilen auch verschwindet. Ein Rätsel, ja, aber unterdessen wissen wir, welcher Bereich der menschlichen Seele uns dieses Rätsel stellt.

Bereits Augustinus wusste von einem Versteck des Geistes. Ein Verborgenes, das in uns ohne Unterlass denkt, ohne dass wir davon wissen. Seit einigen Jahren finden wir neue Begriffe für diese eigentümliche Zweiheit der menschlichen Seele. Wir verstehen, dass wir Doppelwesen sind, geteilt in zwei Sphären.

Der Hypnosearzt nun ist in der Lage, eine dieser Sphären vorübergehend stillzulegen – diejenige Sphäre nämlich, die wir das Oberbewusste oder schlicht das Ich nennen. Hinter dieser Rüstung erwartet uns ein Gebilde, das wir als das Unterbewusste bezeichnen: weich, nackt, schutzlos, offen für vielgestaltige Beeinflussung.«

Die Worte flossen gleichmäßig aus ihm heraus, und er sprach beinahe doppelt so lang wie die anderen Gutachter. Er redete über die Bedingungen der hypnotischen Suggestion im Allgemeinen, berichtete von Erfahrungen aus seiner eigenen Praxis und widmete sich dann ausführlich der Betrachtung des vorliegenden Falles.

»Kommen wir nun zurück zur Frage der Liebe. Wir alle wissen: Bisweilen geben sich andere Empfindungen als Liebe aus – wie zum Beispiel das Mitleid. Hätte die Baronin dem Czynski gegenüber eine tiefe Abneigung empfunden, wäre es ihm unmöglich gewesen, sie in eine Liebende zu verwandeln. Einem Menschen lässt sich nichts suggerieren, das dessen tiefsten Überzeugungen zuwiderläuft. Die vielleicht ohnehin poröse Begrenzung in der Seele der Baronin aber, die ihr Mitleid von der Liebe abtrennt, könnte ohne Zweifel durch geschickte Suggestion entfernt worden sein.«

 

Am Ende wurde der Czynski zwar der Urkundenfälschung sowie der Anstiftung zum Vergehen wider die öffentliche Ordnung für schuldig befunden und zu einer Gesamtgefängnisstrafe von drei Jahren sowie fünf Jahren Ehrverlust verurteilt, vom Verbrechen wider die Sittlichkeit jedoch freigesprochen. Die Geschworenen waren der Argumentation seines Gutachtens in den zentralen Punkten zwar nicht gefolgt, Albert aber dennoch in seltsam heiterer Verfassung. Es war ihm gelungen, eine Opernkarte für den morgigen Abend zu erwerben, und er fühlte das Billett in der Brusttasche seines Jacketts knistern wie einen notariell beglaubigten Vertrag mit der Zukunft.

WILLENLOS

In einem Zustand, der einer somnambulen Trance nicht unähnlich war, bemühte sich Albert, das Programmheft der bevorstehenden Oper zu studieren. Alles, was er bezüglich der Handlung schließlich erinnerte, als die ersten Klänge aus dem Orchestergraben emporstiegen, war, dass wohl eine Gänsemagd von einer Hexe gezwungen wurde, ein Brot zu backen, das dem, der es hälften isst, denganzen Tod bringen sollte. Irgendwann wurde noch ein Spielmann in einen Turm geworfen, und am Ende starb ein Paar und wurde von Schnee bedeckt.

Während die ihn umgebenden älteren Herrschaften in das Geschehen auf der Bühne und den vollen Klang des Orchesters versanken, wurde Alberts Blick immer wieder von einem Hals in der siebten Reihe angezogen, genauer gesagt: vom eigentümlich unsauberen Haaransatz unter den hochgesteckten Haaren, gezackt wie eine kleine Bergkette.

Er hatte sich fest vorgenommen, Ella Siegle in der Pause zufällig zu begegnen. Sie wurde von ihrer Schwester und einem hageren jungen Mann mit dünnem Schnurrbart begleitet. Jedes Mal jedoch, wenn er den Entschluss gefasst hatte, auf sie zuzugehen, blieb er im letzten Moment stehen, verbarg sich hinter einer Säule oder wandte sich ab; es war zum Verzweifeln. Neben ihm rief jemand schwülstig, schwülstig, schwülstig das Libretto!, woraufhin eine uralte Frau keuchend anmerkte, die Bernstein sei jetzt auch über ihrem Zenit.

Die zweite Hälfte der Oper verbrachte Albert ganz im träumerischen Anblick der zunehmend unerreichbar scheinenden Bergkette. Dann war es vorbei, elf Vorhänge waren zu ertragen, elf Mal wuchs mit dem Abschwellen des Applauses die Hoffnung auf eine Begegnung mit Ella im Foyer, doch elf Mal wurde der Vorhang wieder geöffnet, und dann ging es von vorn los mit Verbeugungen, Handküssen, Knicksen und gegenseitigen Ehrerbietungen.

Im Foyer konnte Albert Ella nicht entdecken, schnell drängte er nach draußen. Beschwerde einer dicken Frau im Hermelin ignoriert, Max-Joseph-Platz aber noch fast menschenleer. Also wieder hinein, wieder am Hermelin vorbei, Trottel zischte ihm der dazugehörige Mann zu, im Foyer hatten sich Trauben vor den Toiletten und den Garderoben gebildet, wenn man jetzt systematisch vorging, musste man ihr begegnen, es ging ja nicht anders.

Aber dann – ging es eben doch anders. Ella, ihre Schwester und der schnurrbärtige Mann waren wie vom Erdboden verschluckt. Fiebrig lief Albert von der Garderobe ins Foyer durch die Gänge und noch einmal ins Parkett, dann sogar auf die Ränge und wieder zurück.

Unterdessen hatte sich das Nationaltheater beinahe vollständig geleert. Eine kleine Gruppe stand noch im Foyer zusammen, ansonsten waren nur uniformierte Mitarbeiter des Theaters zu sehen. Ein letztes Mal schaute Albert in den Zuschauersaal, auch wenn er eigentlich wusste, dass Ella dort nicht sein konnte, und als sich seine Ahnung bestätigte, ließ er sich in einen der rot bespannten Stühle sinken und haderte mit seinem Schicksal.

Der Vorhang öffnete sich. Das helle Arbeitslicht der Bühne wurde angeschaltet; der Schnee, unter dem am Ende die Liebenden begraben worden waren, leuchtete hell. Von mehreren Seiten kamen Bühnenarbeiter in grauen Kitteln auf die Bühne und begannen, den Schnee, bei dem es sich in Wahrheit um eine Vielzahl winziger Schnipsel aus Papier handelte, mit großen Besen zu Haufen zusammenzukehren, die andere dann in große grüne Säcke stopften. Albert sah dem Reinemachen, das von scherzhaftem Rufen begleitet war, eine Weile zu, und im gleichen Maße, in dem sich die Schneelandschaft auf der Bühne auflöste, kehrte langsam die Vernunft zu ihm zurück. Auf der großen Freitreppe vor dem Nationaltheater begegnete er noch einmal dem Hermelin.

»Wie haben Sie mich geheißen?«, fragte Albert den Mann, der zusammenzuckte und instinktiv nach dem Arm seiner Frau griff.

»Ich … ich weiß nicht«, sagte der Mann stotternd, »ich …«

»Sie hatten ganz recht«, sagte Albert, »ich war ein Trottel.«

 

Festlich lag der Max-Joseph-Platz da, Opernbesucher standen in Grüppchen und wie von unsichtbarer Hand gleichmäßig verteilt im Schein der Gaslaternen. Albert durchschritt die Gruppen mit einem Gefühl der Befreiung; ein Schlummertrunk im Luitpold war jetzt genau das Richtige, nach zwölf wurde es da immer lustig. Er reihte sich in die Schlange bei den Droschken ein. Ein tiefer Atemzug frischer Nachtluft ließ ihn geradezu körperlich spüren, wie die pathologische Fixierung auf Ella Siegle aus seinem Körper wich. Das Schnalzen der Gerte, die Rufe der Kutscher, dampfende Pferdeäpfel.

Sein Blick blieb an zwei Menschen weiter vorn in der Schlange hängen. Erst als er deren Rücken eine Weile angeschaut hatte, bemerkte er, dass es sich um Ellas Schwester und den blonden Mann mit dem dünnen Schnurrbart handelte. Und kaum hatte er das realisiert, trat auch schon Ella zwischen zwei Droschken hervor. Wieso um alles in der Welt kam sie denn jetzt zwischen zwei Droschken hervor? Schon waren die drei an der Reihe. Ella und ihre Schwester stiegen ein, der dünne Schnurrbart rief dem Kutscher etwas zu, der Kutscher erwiderte etwas, worauf beide laut lachten und der Mann beim Einsteigen rief, das wollen wir gern auf uns nehmen!, und im nächsten Moment rollte die Droschke in den Abend hinaus.

Jetzt musste es sich zeigen, dachte Albert. Seine Beine stürmten an der Reihe der Wartenden vorbei, vorn baute sein Körper sich vor zwei jungen Herren auf, von denen der erste bereits den Fuß aufs Trittbrett der nächsten Droschke gesetzt hatte, und seine Lippen riefen:

»Es geht um eine Angelegenheit von Leben und Tod!«

Ohne eine Reaktion abzuwarten, sprang er in die Droschke und rief dem Kutscher zu, er möge schnellstens dem Fuhrwerk vor ihnen folgen. Empörte Rufe der Wartenden verfolgten ihn und den Kutscher, der sich von einer Angelegenheit auf Leben und Tod ein besonderes Trinkgeld erwartete.

Über die nun einsetzende Verfolgung lässt sich sagen, dass Albert zum ersten Mal in seinem Leben drei Ave Maria betete, von denen das erste die Funktion hatte, einer die Fahrt blockierenden Tram zu zügiger Weiterfahrt zu verhelfen, das zweite die Muskeln des Schwarzbraunen unterstützen sollte, während das dritte erfolgreich verhinderte, dass sich Ella oder ihre Schwester umdrehten, als es sich einmal nicht vermeiden ließ, direkt hinter der verfolgten Droschke zum Stehen zu kommen.

Nach bald einer halben Stunde endete die Fahrt, da hatte man Giesing bereits hinter sich gelassen und Harlaching erreicht. Der Kutscher hielt in angemessener Entfernung, so-dass Albert nicht gesehen werden, aber seinerseits beobachten konnte, wie die drei in der Harlachinger Restauration verschwanden. Im Hintergrund wurde das St.-Anna-Kircherl schon vom Vollmond beschienen.

Er brauchte eine Weile, um Ella im lebhaften Durcheinander des Biergartens mit den uralten Kastanien auszumachen. Sie stand inmitten einer Gruppe von ihr offensichtlich bekannten Menschen. Erleichtert registrierte Albert halb verborgen hinter dem Stamm einer Kastanie, dass mit keinem Mann besondere Vertraulichkeit bestand.

Er wurde auf einen Jungen mit strohblondem wildem Haar aufmerksam, der zwei Schäferhunde mit zerschnittenen Pansen fütterte. Als der Junge plötzlich den Kopf hob und ihn durchdringend musterte, wie es für ein Kind seines Alters durchaus ungewöhnlich war, kam Albert ein Einfall. Er ließ sich von der Bedienung einen Notizblock und einen Füllfederhalter bringen und schrieb einige Zeilen.

»Möchtest du dir vielleicht zehn Pfennige verdienen?«, fragte er dann den Jungen, der zusah, wie die Hunde die nun leeren Näpfe ausleckten.

»Sicher«, sagte er in breitem bayerischen Dialekt. Albert beugte sich zu dem Jungen hinunter.

»Siehst du die Frau im hellen Kleide, mit den dunklen Haaren und der silbernen Kette? Die, die jetzt gerade aus ihrem Glas trinkt?«

Albert zeigte ihm den zusammengefalteten Notizzettel und die zehn Pfennige. Der Junge schaute ihn skeptisch an.

»Warum bringen Sie ihr den Zettel nicht selbst?«

»Möchtest du dir nun die zehn Pfennige verdienen oder nicht?«

»Schon«, sagte der Junge und nahm die Nachricht und die zehn Pfennige.

»Und sag ihr nicht, wer die Nachricht geschrieben hat«, flüsterte Albert ihm noch hinterher. Er verbarg sich eilig hinter einer Kastanie und beobachtete, wie der Junge zu Ella ging. Überrascht, aber freundlich sah Ella ihn an, und er streckte die Hand aus und übergab ihr die Nachricht. Ella schien ihn etwas zu fragen, wie Albert aus der Entfernung sehen konnte, und als der Junge nur mit den Schultern zuckte, blickte sie auf und begann, sich umzusehen. Albert drehte sich weg, und als er vorsichtig wieder um die Kastanie herumschaute, faltete Ella gerade die Nachricht auseinander und begann zu lesen. Er glaubte, hoffte, ein Lächeln auf ihren Lippen zu sehen.

Die Nachricht lautete wie folgt:

Sie werden sehr müde. Ihre Augenlider werden schwer. Konzentrieren Sie sich ganz auf diesen Punkt: (an diese Stelle hatte Albert einen schwarzen Punkt gezeichnet). Wehren Sie sich nicht gegen die somnambule Trance, in die Sie nun fallen. Lassen Sie es einfach geschehen. Trinken Sie Ihr Glas aus und entschuldigen Sie sich bei Ihren Gesprächspartnern. Treten Sie dann nach draußen, wenden Sie sich nach links, gehen Sie den kleinen Weg entlang, bis Sie an eine Ulme kommen. Vor der Ulme steht eine Bank, von wo aus man hinunter auf die Isaraue blicken kann, setzen Sie sich dort hin und lassen Sie sich von dem Mann, der ebenfalls dort sitzen wird, nicht weiter stören. Er wird Ihnen keinen Harm zufügen.

Kaum hatte Albert den Biergarten hinter sich gelassen, wandte er sich nach links und ging den kleinen Weg entlang, bis er an eine Bank kam, die er von einer Wanderung erinnerte und von wo aus man über die gesamte im Mondlicht liegende Aue sehen konnte.

Ein Ast knackte. Sofort raste sein Herz, waren da nicht Schritte zu hören?

Aber am Ende des Weges erschien nicht Ella, sondern der Junge in der Krachledernen. Mit der gleichgültigsten Miene trat er auf Albert zu und streckte ihm einen zusammengefalteten Zettel hin. Kaum hatte er ihn genommen, drehte sich der Junge um und war schon beinahe wieder um die Wegbiegung verschwunden, als Albert rief:

»Warte, was …?«

Der Junge zuckte wie schon zuvor nur im Gehen mit den Schultern. Dann hörte Albert noch ein Klimpern und wie er zufrieden etwas zu sich sagte, das sehr nach Zwanzig Pfennige an einem Tag klang. Albert atmete einmal tief durch, dann faltete er mit zitternden Fingern die Nachricht auseinander.

Werter Herr Magnetiseur,

nun haben Sie mich bereits zum zweiten Mal magnetisiert, und langsam frage ich mich, ob das wohl zur Regel werden wird? Genau wie beim letzten Mal fühle ich mich meines Willens beraubt, ja, ich fühle mich ganz und gar willenlos. Sie schrieben nun von einem Mann, der mir keinen Harm antut.

Ich aber wiederum fühle mich in meinem derzeitigen somnambulen Zustand nicht in der Lage zu garantieren, dass ich dem Mann keinen Harm antun würde – weiß man denn, was das vorlaute Unterbewusste sich herausnimmt? Man ist ja nicht mehr Herrin seiner eigenen Sinne!

Morgen in aller Frühe fahre ich zurück nach Stuttgart, doch schon in einer Woche bin ich wieder in München, und ich schlage vor, dass wir uns dann am helllichten Tag zur Mittagszeit im Café Luitpold treffen – da bestünde die Chance, dass ich zumindest halbwegs bei Sinnen wäre.

Es grüßt Sie in somnambuler Ehrerbietung:

E. S.

ECHTE LIEBE

Nun liefen dem Patienten F. die Tränen herunter.

»Entschuldigung«, flüsterte er.

»Sie müssen sich nicht entschuldigen«, sagte Albert mit sanfter Stimme. Beinahe eine Viertelstunde dauerte es, bis der Tränenfluss des F. zum Erliegen kam. Dann sagte er leise:

»Ich lebe niemandem zur Freude, aber mir selbst zur höchsten Qual.«

Der Patient F. war des Verführungsversuches zu mutueller Onanie an einem öffentlichen Orte angeklagt, nach dem 1872 in Kraft getretenen § 175 des Reichsstrafgesetzes ein Vergehen gegen die Sittlichkeit. Aus Verzweiflung und in der Hoffnung auf Heilung hatte sich der F. in Alberts Hände begeben.

Vor einem Jahr hatte Albert einen verheirateten Mann behandelt, der wegen seines wiederkehrenden conträrsexualen Verlangens bereits mehrfach versucht hatte, aus dem Leben zu scheiden. Auf dessen Wunsch hin hatte Albert sich bereit erklärt, ihm eine Abneigung gegenüber dem mann-männlichen Verlangen zu suggerieren sowie seine heterosexuelle Lust zu verstärken. Seitdem kamen immer mehr Menschen zu ihm, deren sexuelle Sehnsüchte sich nicht in Einklang mit den sittlichen Vorstellungen des Kaiserreichs bringen ließen und die sich nichts mehr wünschten, als dass ihr Verlangen in geregelte Bahnen gebracht werde.

 

In seinem zwölften Lebensjahre wurde der F. laut eigener Angabe durch einen Mitschüler auf die Erektion des männlichen