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Nick führt ein Leben ohne klare Perspektiven, bis eines Tages die geheimnisvolle Amy auftaucht und ihm ewiges Leben anbietet. Fasziniert von ihrem Versprechen, nimmt er das Angebot an und wird von ihr in einen Vampir verwandelt. Im Clan findet er schließlich nicht nur Freunde, sondern auch das Zuhause, das ihm stets gefehlt hatte. Dort begegnet er Lizzy, einer faszinierenden Mischung aus Hexe und Vampirin, in die er sich unsterblich verliebt. Doch die scheinbare Idylle währt nicht lange. Ein drohender Kampf zwingt die Vampire, Bündnisse mit Werwölfen und Hexen einzugehen, um gemeinsam den bevorstehenden Angriff der Dämonen abzuwehren. Alte Legenden erwachen zum Leben und stellen Lizzy vor tödliche Gefahren.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die Mondtänzerin
Annie Mirwald
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB
1. Auflage
Oktober 2024
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2024 Infinity Gaze Studios
Texte: © Copyright by Annie Mirwald
Cover & Buchsatz: V.Valmont @valmontbooks
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.
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Södra Vägen 37
829 60 Gnarp
Schweden
www.infinitygaze.com
Mein erstes Buch möchte ich meiner Familie widmen.
Meinem Vater, der alles Handwerkliche konnte,
meiner sanftmütigen Mutter, die wunderbar kochte
und meinem großen Bruder,
der mit mir in der Welt herumgereist ist.
Sie haben mich immer unterstützt,
egal für wie verrückt sie meine Ideen hielten.
Ich vermisse euch so sehr
Die Mondtänzerin
Oft ist sie des Nachts fortgegangen,
vom Mondenschein völlig gefangen
Ihre Füße berührten den Boden kaum,
Sie schwebte schwerelos und frei im Raum.
höher und immer höher hinauf in die Sterne,
wurde sie umarmt vom Glanz aus der Ferne.
Die Sterne um sie herum erzählten Geschichten,
hatten viel über Raum und Zeit zu berichten.
Der Mond umschmeichelte ihr junges Gesicht,
betonte ihre Schönheit mit seinem fahlen Licht.
Sie schloss die Augen, öffnete leicht ihren Mund,
die scharfen Eckzähne taten ihre Herkunft kund.
Sie stachen weiß hervor in ihrem lieblichen Gesicht,
getötet hatte sie in dieser Nacht noch nicht.
So schön und doch so Tod bringend, das war ihr Los,
ihr Schicksal, ihre Zukunft, ohne Trost.
So vergingen die Jahrhunderte, verging die Zeit
und sie war gefangen in ihrer Unsterblichkeit.
Sie erlaubte sich nicht mehr zu lieben,
denn von all den Geliebten war ihr keiner geblieben.
Sie hatte noch keinen von ihrer Art gefunden,
der ihr Herz berührte,
der wie sie, diese warme Menschlichkeit spürte.
Sie alle töteten wie Tiere, mit Hass und Wut,
sie wollten nur eins, Blut und noch mehr Blut.
Ihre Langeweile kostete so manchen das Leben,
und es hatte nie Bedauern darüber gegeben.
manchmal spielten sie mit ihnen, ließen sie leiden,
wie die Bauern ihr Vieh auf den Weiden.
Sie tötete immer liebevoll und mit Erbarmen.
ihre Opfer starben geborgen in ihren Armen.
Einige Herzen schlugen zart wie eine Feder,
manche stark und laut, so anders war ein jeder.
Ihr Leben war so lang, so ewig lang.
und ihr Durst ein immerwährender Zwang.
Und so tanzt sie dann weiter, einsam durch die Zeit
unter dem silbernen Mond, bis in alle Ewigkeit.
Es hatte angefangen zu nieseln. Nick zog die Schultern hoch, streifte die Kapuze seines Hoodies über seine kurzen blonden Haare und vergrub seine Hände tief in die Hosentaschen. Der Abend war nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Das einzige Mädchen, das ihn interessierte, war weg, als er von der Toilette kam. Damit sah er auch keinen Grund mehr, länger in der Bar zu bleiben, am Monatsende war sein Geld immer knapp bemessen. Er war 20 Jahre, wohnte in einem winzigen Appartement und hielt sich mit Aushilfsarbeiten über Wasser. Wahrscheinlich wäre er der Kleinen sowieso nicht gut genug gewesen.
Aus dem Augenwinkel sah er neben sich in der dunklen Gasse eine Bewegung. Er blieb stehen und schaute genauer hin. Da lag ein Mann und ein Mädchen kniete daneben.
„Hi, kann ich euch helfen?“, fragte er halbherzig. Das Mädchen sah sich zu ihm um, es war die Kleine aus der Bar und ihr Mund war Blut verschmiert.
„Was zum Teufel...“, weiter kam er nicht, da stand sie schon vor ihm. So schnell, dass er sie überhaupt nicht kommen sah. Sie war ihm so nah, dass er den Geruch des warmen Blutes, gemischt mit dem Duft ihres Parfums deutlich wahrnahm. Er schloss die Augen, atmete tief durch die Nase ein und wunderte sich, dass er diesen eigentlich abstoßenden Geruch so aufregend fand. „Willst du mich töten oder küssen?“
Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn lachend an „na, du bist ja echt mal ein verrückter Typ. Hast du keine Angst vor mir?“
Als sie ihren Mund öffnete sah er ihre spitzen Zähne, die voller Blut waren. Er hatte nie an Vampirgeschichten geglaubt, jetzt musste er diese Einstellung wohl revidieren.
„Nein. Sollte ich Angst haben? Mir ist es egal, ob du mich tötest oder küsst, wobei mir das Zweitere lieber wäre. Du bist mir in der Bar schon aufgefallen.“
„Vielleicht küsse ich dich erst und töte dich dann.“
„Dann sterbe ich wenigstens mit deinen Lippen auf meinen, gar nicht mal so schlecht.“ Er grinste.
Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihm tief in seine strahlend blauen Augen. „Ich habe gerade jemanden umgebracht! Ist dir das egal?“
„Irgendwie schon. Ich kenne den Typ doch gar nicht und vielleicht hat er es ja sogar verdient. Und? Was ist jetzt mit meinem Kuss?“
Sie zog seinen Kopf runter und küsste ihn, zum Schluss biss sie ihn noch leicht in die Lippe, dann war sie weg.
Nick stand da, völlig verdattert, bis ihm einfiel, dass ein Stück weiter ein toter Mann lag. Es wäre vielleicht nicht gut, wenn man ihn hier sehen würde.
Er leckte das Blut von seiner Lippe und machte sich auf den Weg nach Hause. Irgendwie fühlte er sich, als ob er gerade aus einer Trance erwachte. Was für eine verrückte Nacht. Wieviel hatte er getrunken? War das alles wirklich passiert? Doch seine Lippe bewies ihm, es war passiert.
Nick griff sich seinen Skizzenblock und seinen Stift. Seit seiner Kindheit zeichnete er, manchmal schrieb er auch Gedichte, in der Schule war er deshalb immer ein Außenseiter geblieben. Er wurde oft gemobbt und blieb deshalb eher allein und in sich gekehrt.
Als er seine fertige Zeichnung begutachtete, fand er sie gelungen, das Mädchen war gut getroffen. So würde er sie nicht vergessen und falls doch, konnte er sie sich jederzeit mit seiner Zeichnung wieder in Erinnerung rufen.
Nick schlief nicht wirklich gut, er war verwirrt. Warum war er nicht ängstlich oder angewidert oder sonst noch was? Das einzige Gefühl, das er spürte war Verlangen, Verlangen nach einem Vampirmädchen, das ohne Bedauern einen Menschen getötet hatte. Wie sollte er sie wiederfinden? Wollte er sie wiederfinden? Ja, er wollte!
Am nächsten Tag trieb Nick sich in der Nähe der Bar herum, vergeblich. Die Gasse war gesperrt und die Polizei schien noch Spuren zu sichern, die Leiche war weg.
Er beschloss lieber am nächsten Tag noch mal wiederzukommen, heute war es zu brenzlig. Einer der Polizisten schaute schon die ganze Zeit zu ihm rüber.
Wie sollte er sie nur finden? Er wusste ja nicht mal, wie das Mädchen hieß und wenn ihn jemand fragen würde, wie sie aussah, dann war da nur ein verschwommenes Bild vor seinen Augen und je mehr Zeit verging, desto stärker wurde das Gefühl, dass sie aus seinem Kopf verschwand, als ob sie nie existiert hätte. Hatte sie ihn mit einem Vergessens-Zauber oder so etwas belegt? Was konnten Vampire überhaupt? Gut, dass er sie gestern gezeichnet und alles aufgeschrieben hatte.
Da er heute hier sowieso nichts mehr machen konnte, ging er nach Hause und klemmte sich hinter seinen Laptop. In der Suchmaschine erschienen unter dem Begriff Vampire über 300 Millionen Einträge. Nick versuchte mit ausgewählten Fragen die große Menge etwas zu filtern. Er nahm sein Buch zur Hand und trug die wichtigsten Erkenntnisse, die ihm am fundiertesten erschienen, ein. Sollte er sie finden, würde er sicher viel mehr über Vampire erfahren. Seine Liste mit Fragen war lang. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte ihm, dass es regnete. Er hatte keine Lust mehr auf recherchieren und beschloss in die Spielhalle zu gehen, seine Kumpels würden da sein und er musste noch ein paar Stunden rumkriegen, bevor seine Spätschicht an der Tanke anfing.
„Hi Bro, alles klar bei dir?“
Er nickte wortlos. Manchmal hasste er sein Leben, diese Eintönigkeit darin, die Spielhalle, seine Freunde, einfach alles. Und auch dieser Abend verlief wie die meisten davor, wenigstens schaffte er es heute pünktlich an der Tankstelle anzukommen. Einige seiner Kumpels besaßen getunte Autos und sie fuhren alle gemeinsam hin. Er zum Arbeiten, die anderen zum Bier holen und da abhängen. Sein Chef sah das nicht so gerne, aber solange sich niemand über die Jungs beschwerte, nahm er es hin.
Irgendwann kamen auch ein paar Mädchen dazu, die sich mit auf die Motorhaube setzten und Bier tranken. Manchmal endete die Nacht in einem Autorennen durch die Stadt.
Nach seiner Schicht trank Nick noch ein Bier mit den anderen, dann brachte ihn jemand nach Hause, für heute war er einfach durch.
Als er seine Türe öffnete, spürte er, dass etwas anders war. Seine Müdigkeit war schlagartig verflogen. Vorsichtig betrat er den kleinen Flur.
„Komm ruhig rein, ich werde dich nicht fressen.“ Sie lachte. Nick betrat den Raum. Da saß sie! Im Schneidersitz, auf seinem Bett. Lange blonde Haare, blaue Augen, sie war bildhübsch.
„Lädst du dich immer selber ein?“ Er zog seine Jacke aus und warf sie über den Kleiderhaken.
„Nur bei Jungs, die ich interessant finde. Soll ich wieder gehen?“ Sie zog einen Schmollmund, was sie ausgesprochen anziehend machte.
Nick zog sein Hemd aus.
„Na, du gehst aber ran!“
„Ich geh nicht ran, ich geh duschen.“ Er verschwand im Bad, streifte seine Hose ab und ließ unter der Dusche das warme Wasser über seinen Körper laufen.
„Ist hier noch ein Platz frei?“
Nick drehte sich um. Da stand sie und ließ ihren Blick ungeniert über seinen gut trainierten Körper gleiten.
„Tu dir keinen Zwang an.“
Der Spruch kam völlig cool, aber als sie ihr T-Shirt über den Kopf streifte, ihre Hose auszog und sich zu ihm in die Dusche stellte, war es mit seiner Coolness vorbei. Sie war atemberaubend schön, ihr Körper die pure Verheißung.
Seine Sinne reagierten sofort auf ihre Nähe und sie stöhnte lustvoll, als er sie an sich zog.
Als sie später nebeneinander im Bett lagen, drehte sie sich auf die Seite und sah ihn an. „Übrigens, ich heiße Amy.“
„Nick.“
„Ich finde dein Tattoo geil.“ Sie fuhr mit ihrem Finger darüber. „Eine Schlange, die sich um deinen Körper windet und dich in den Hals beißt, sehr sexy.“
„Mit Beißen kennst du dich ja aus.“ Er lächelte sie an. „Deine Engelsflügel über den Schultern sind aber auch der Hammer. Passen denn Engelsflügel zu deinem Naturell?“
Sie lachte. „Ja, sehr gut sogar. Weißt du denn nicht, dass Luzifer ein gefallener Engel ist?“
„Und du? Bist du auch ein gefallener Engel?“
Sie wurde ernst. „Irgendwie schon. Ich war ein nettes Mädchen, bevor ich verwandelt wurde. Nach einer Verwandlung ist der erste Hunger wie ein Blutrausch, du bist nicht mehr du selbst. Ich habe meine ganze Familie abgeschlachtet.“ Sie sprang aus dem Bett. „Wieso erzähle ich dir das eigentlich? Ich kenne dich überhaupt nicht! Der Sex mit dir war allerdings richtig gut. Hast du Kaffee?“
„Ich kann dir gerne einen machen.“ Er schlüpfte in seine Hose und ging barfuß zur Kaffeemaschine.
„Du hast einen richtig guten Body. Trainierst du?“
„Ich gehe viel Parkour, überwinde alle möglichen Hindernisse so schnell und effizient wie möglich.“
„Habe ich schon mal gesehen. Sieht ganz schön anstrengend und riskant aus. Hast du davon deine vielen kleinen Narben?“
Sie packte ihn von hinten am Hosenbund und zog ihn Richtung Bett. „Der Kaffee kann warten, mir ist gerade was Besseres eingefallen.“ Ihre Stimme war dunkel vor Verlangen.
Nick hatte nichts dagegen. Sie war wie eine Raubkatze und als sie erschöpft nebeneinander fielen, hatte sein Rücken ein paar Kratzer mehr.
„So, jetzt hätte ich gerne den Kaffee. Schwarz und stark.“
Nick hüpfte aus dem Bett und verbeugte sich. „Sehr wohl Mylady.“
Sie betrachtete ausgiebig seinen nackten Körper. „Du siehst gut aus, bist fit, sexy. Du würdest gut in unseren Clan passen. Du hättest Kohle für die allerneuesten Outfits und müsstest nicht mehr“, sie sah sich abfällig um, „hier leben. Die Arbeit an der Tanke wäre dann auch erledigt. Wir haben genug Geld!“
Er kam mit der Tasse dampfenden Kaffee ans Bett und grinste breit. „Hast du mich gestalkt?“
Sie nahm den Kaffee und lachte. „Ich hatte gerade nichts Besseres zu tun. Manchmal ist das Leben als Vampir echt langweilig!“
„Was bietest du mir an? Mich zu verwandeln? Du kennst mich doch gar nicht, weißt nichts über mich und mein Leben.“
„Ich habe dich beobachtet und gesehen, dass du nicht glücklich bist. Und, ja ich will dich verwandeln, ich will dich für mich, dass du mit mir kommst. Ich habe schon ewig lange nicht mehr jemanden wie dich kennengelernt. Unser Clan zieht regelmäßig weiter, du würdest einfach verschwinden und während deine Freunde alt werden und sterben, bleibst du für immer jung, zusammen mit mir. Gibt es denn jemanden, der dich vermissen würde oder den du wirklich vermisst?“
„Muss ich Menschen töten, um zu existieren?“
„Nein, wir brauchen nicht unbedingt frisches menschliches Blut. Wir nehmen Blutkonserven oder trinken manchmal das Blut von Tieren. Kriege ich noch einen Kaffee?“
„Klar“, er stand auf und füllte ihre Tasse. „Ich habe noch einige Fragen.“
„Nein, wir können nicht fliegen oder uns in Fledermäuse verwandeln. Ja, wir können bestimmte Menschen und Tiere kurzfristig unter unsere Kontrolle bringen. Nein, wir haben keine Angst vor Sonnenlicht, Knoblauch und Kreuzen, Ja, wir können besser sehen, hören und riechen und sind stärker als Menschen. Und last but not least, unsere Körper heilen fast von selbst und wir sterben nur unter bestimmten Voraussetzungen, wie durch Feuer.“
„Warum hast du den Mann getötet?“
Diese Frage hatte sie nicht erwartet, sie zögerte kurz.
„Er wollte mich vergewaltigen.“
Nick glaubte ihr, die Einzelheiten der Nacht existierten nur noch verschwommen in seinem Kopf und deshalb fiel ihm auch nicht auf, dass das nicht wirklich so richtig zu ihrem Verhalten in dieser Nacht passte.
„Okay, aber was macht dich so sicher, dass ich mit so einer alten Frau zusammen sein möchte.“
Sie schmiss ein Kissen nach ihm und beide begannen zu lachen. Nick ließ sich wieder ins Bett fallen und küsste sie.
„Du weißt ja noch gar nicht, wie alt ich bin!“
„Ich glaube, im Moment möchte ich das auch gar nicht wissen.“ Er zog sie wieder an sich.
Sie drückte ihn sanft weg. „Ich muss mal los, lass uns den dritten Durchgang auf später verschieben.“ Amy lächelte vielversprechend. Als sie weg war schlief Nick ein, er war hundemüde.
Als Nick aufwachte, war es schon später Nachmittag. Er reckte und streckte sich im Bett. Seine Gedanken wanderten zu Amy und er war sofort wieder erregt. Er hätte sie jetzt gerne neben sich liegen.
Nick nahm seinen Skizzenblock zur Hand und zeichnete Amy, nackt und verführerisch in seinem Bett.
Seine Gedanken rotierten. Sollte er sich verwandeln lassen? Was bot ihm das Leben, so wie es jetzt war? Er hasste es doch, oder nicht?
Seine Eltern hatte er nie kennengelernt, sie wollten ihn scheinbar nicht, er war in einem Pflegeheim aufgewachsen. Eine Zeitlang lebte er dann bei Pflegeeltern, ältere Leute, die keinerlei Verständnis für die Bedürfnisse eines Jugendlichen aufbrachten. Die schoben ihn irgendwann wieder ab, weil sie nicht mit ihm klarkamen, obwohl er sich bemühte, sich anzupassen. Es gab eigentlich niemanden, dem er ernsthaft etwas bedeutete. Die meisten hielten ihn für einen Freak. Wie oft wurde er dazu gezwungen sich mit seinen Fäusten zu verteidigen, wurde dafür als Schläger abgetan. Was würden sie erst sagen, wenn sie wüssten, dass er Gedichte schrieb. Er eckte ja jetzt schon manchmal mit seinen Bildern an.
Nick schüttelte den Gedanken ab, er musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Wollte er wirklich ewig leben? Reizvoll war es schon! Er würde die Welt sehen, wie sie sich veränderte. Vielleicht erleben, wie die Menschheit das Weltall eroberte oder kläglich an sich selber scheiterte. Und ewig hieß ja auch nicht ewig, er hätte immer die Möglichkeit sein Leben selber zu beenden. Was hatte Amy gesagt ´Feuer konnte Vampire töten`. Wäre zwar kein schöner Tod, aber immerhin eine Möglichkeit.
Ihm kam kurz der Gedanke, dass sie ihn nur aufgezogen hatte und er sie vielleicht nie wiedersehen würde. Na ja, dann wäre es eben so, zumindest war der Sex gut gewesen. Er grinste und ging unter die Dusche. Als er rauskam, lag sie nackend in seinem Bett. Nick legte sich ohne jeglichen Kommentar zu ihr und küsste sie erst fordernd und dann zärtlich. Er erforschte mit seinem Mund ihren ganzen Körper und das hörten sicher auch seine Nachbarn, denn sie war nicht gerade leise.
Als sie erschöpft nebeneinander lagen, sah er sie an. „Wird das jetzt zu einer obsessiven Gewohnheit, dass ich dich in meinem Bett finde?“
„Ich hatte dir doch einen dritten Durchgang versprochen.“ Sie grinste. „Und? Wirst du dich verwandeln lassen? Ich würde nur sehr ungerne auf den Sex mit dir und natürlich auch auf deine Gesellschaft verzichten.“ Sie machte eine kurze Pause „also, was ist? Bist du dabei?“
„Mal angenommen, ich sage ja, wie läuft das dann ab?“
„Ich nehme dich mit zu uns, da werde ich dich verwandeln und du wirst dortbleiben, bis sie dich gehen lassen. Das wird dann sein, wenn du keine Gefahr mehr für uns und Andere bist.“
„Wer ist ´sie`? Er sah sie fragend an.
Von einer Sekunde zur anderen nahm ihr Gesicht einen wütenden Ausdruck an. „Das sind die Ältesten des Clans. Sie bestimmen die Regeln.“ Leise fügte sie „noch“ hinzu. „Je mehr jüngere dazu kommen, desto eher können wir mehr Rechte für uns einfordern. Es wird Zeit für Änderungen!“ Als hätte man einen Schalter umgelegt, lächelte sie wieder.
„Das hört sich eher so an, als wolltest du mich für deine Zwecke benutzen.“
Sie lachte laut. „Das will ich auch, aber auf eine andere Weise, als du gerade vermutest.“ Amy zog ihn an sich. „Ich zeige dir jetzt mal ganz genau, wie ich dich benutzen will.“
Diesmal blieb sie bis zum Morgen. Im Gehen drehte sie sich um. „Ich will deine Entscheidung bis heute Abend.“
Er nickte ernst. „Die kannst du jetzt schon haben, ich bin dabei.“
Sie kam zurück, umarmte und küsste ihn. „Ich freue mich! Das wird super, du wirst schon sehen. Ich hole dich heute Abend ab. Regel alles, was du meinst noch regeln zu müssen und pack ein, was du behalten willst.“
So, die Entscheidung war gefallen und er glaubte zu spüren, dass es die richtige war.
Es gab nichts zu tun, außer den Job zu kündigen, es würde kein großer Verlust für Pete sein, er war nie sehr zuverlässig gewesen.
Er sah sich in seiner Wohnung um, es gab nicht wirklich viel, was er einpacken würde und das ging alles in seinen Rucksack. Das Wichtigste waren seine Skizzenblöcke und das Zeichenmaterial. Nick stopfte noch ein paar Klamotten dazu. Es standen noch genügend Kartons in der Ecke rum, in die er die restlichen Sachen schmiss. Die Miete war für diesen Monat bezahlt, sie müssten nur seine Kartons entsorgen.
„Das musst du dir noch abgewöhnen.“
Er zuckte nicht mal mehr. Langsam war er gewohnt, dass sie immer wie aus dem Nichts auftauchte.
„Was?“
„Nett zu sein. Lass doch einfach alles stehen und liegen. Oder möchte der Herr noch eben durchwischen?“
Sie quietschte albern, weil er sie packte und kniff.
Als sie die Wohnung verließen, drehte er sich nicht einmal mehr um. Vor der Tür stand ein aufgemotztes Cabrio, an dem ein schwarzhaariger Junge lehnte. Eine Narbe zog sich quer über sein Gesicht. Er hielt ihm die Hand hin. „Joe“.
„Nick.“
Er öffnete ihm die Beifahrertüre. „Du hast eine lange, harte Nacht vor dir Nick.“
Nick schmiss seine Tasche auf den Rücksitz. Amy hüpfte hinten rein.
Joes Fahrstil war mehr als sportlich und Nick genoss den Wind, der durch seine Haare fuhr.
Er schloss die Augen und plötzlich durchfuhr ihn ein Gefühl von Glück. Er würde ewig leben, nie krank werden und Amy an seiner Seite haben. Nick drehte sich zu ihr um, ihre langen blonden Haare flogen ihr um den Kopf und sie sah so heiß aus.
Eigentlich hatte er sich gar keine Gedanken gemacht, aber als sie ankamen, war er angenehm überrascht. Eine lange geschwungene Einfahrt durch ein parkähnliches Gelände führte zu einem großen Herrenhaus. Joe bremste so heftig, dass der Wagen seitlich zum Stehen kam und kleine Kieselsteine hochflogen.
Nick verzog keine Miene.
Er folgte Amy ins Haus, Joe fuhr wieder weg. Kurz bevor er eintrat, blitzten Erinnerungsfetzen von seinen Pflegeeltern auf, die oft abfällig, sogar ängstlich über ein abseits gelegenes Haus sprachen. Es war ihnen suspekt und gab Anlass für die wildesten Spekulationen. Scheinbar zu Recht.
„Die anderen sind, glaube ich, gerade beim Essen. Das würde ich mir an deiner Stelle jetzt aber sparen, denn das kommt eh gleich wieder raus. Ich zeige dir dein Zimmer, du wirst die anderen dann später kennenlernen.“
Er folgte ihr eine Treppe hoch und durch ein paar Gänge, bis sie stehen blieb und eine Türe öffnete. Sie trat zur Seite und ließ ihn eintreten.
„Mein Zimmer ist nebenan.“
Er schaute sich um. Es wirkte etwas Old-School, aber gemütlich und hatte alles was man benötigte, Bett, Tisch mit zwei Stühlen, Schreibtisch, Regale, einen großen Schrank, sogar einen Kamin.
Nick grinste breit.
„Was gibt es da zu lachen?“ Amy sah ihn fragend an.
„Ich dachte, ihr schlaft in Särgen.“
„Idiot“, sie knuffte ihn in den Rücken.
„Aua“, feixte er.
„Jedes Zimmer hat ein eigenes kleines Bad. Unten befindet sich die Küche und das Gemeinschaftszimmer, in dem wir auch essen. Es gibt eine Bibliothek, TV- und Gaming-Raum. Im Keller sind die Trainingsräume.“
Sie kam mit rein, setzte sich aufs Bett und sah ihn an. Nick stellte seinen Rucksack ab und setzte sich neben sie. Als er sie küssen wollte, entzog sie sich geschickt seinem Griff und ging zum Tisch. „Auch eine Coke?“, fragte sie. Er nickte.
„Könntest du bitte aufpassen, dass ich bei dieser Prozedur nicht sterbe?“
Sie kam mit zwei Dosen zu ihm und er nahm seine entgegen, setzte sie an und trank sie in einem Zug leer, ohne zu bemerken, dass sie ihn genau beobachtete.
„Glaub mir Nick, sterben ist einfacher.“
Das und ihr Gesicht, dass immer mehr verschwamm, waren das Letzte, an das er sich später erinnerte.
Nick wachte langsam auf. Er hörte jemanden qualvoll stöhnen und es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass er es selber war. Jeder Zentimeter seines Körpers schmerzte bestialisch. Die kleinste Bewegung tat ihm höllisch weh. Phasenweise dachte er, dass etwas ihn von innen heraus zerriss. Glücklicherweise döste er immer wieder weg, was auch daran lag, dass das Wasser in der Flasche, die neben ihm lag, mit Drogen versetzt war. Nick hatte das Gefühl, dass sein Körper in Flammen stand, dann fror er wieder erbärmlich.
Irgendwann wachte er auf und fühlte sich besser. Das Zimmer sah so aus, wie man sich eine Irrenhauszelle vorstellte, die Wände waren gepolstert und er lag gekrümmt und splitternackt auf dem Boden.
Er setzte sich auf und lehnte sich an die Wand, kurz darauf öffnete sich die Türe und Amy stand vor ihm.
„Hi mein Süßer. Wie fühlst du dich?“
„Als ob mich ein kompletter Zug überrollt hätte.“ Seine Stimme klang rau und fremd.
„Ich nehme dich mit auf dein Zimmer, da kannst du duschen und dir etwas anziehen. Dann erkläre ich dir alles weitere.“
Sie stützte ihn mit erstaunlicher Kraft bis in sein Bad. Ein kurzer Blick in den Spiegel offenbarte ihm, dass sein Körper mit getrocknetem Blut verklebt war und er genoss es unter der Dusche zu stehen.
Als er nackend wieder rauskam, stand Amy in der Türe. Sie zog eine Augenbraue hoch und spitzte ihre Lippen, als sie ihn betrachtete.
„Da bekomme ich schon wieder Appetit“.
Er lachte. „Ich glaube, dass wir das auf morgen verschieben müssen.“
„Schade“. Sie zuckte bedauernd mit den Schultern und verschwand wieder.
Nick zog sich an und folgte ihr zum Tisch.
„Setz dich, ich erkläre dir kurz ein paar Sachen. Coke?“
Nick sah sie skeptisch von der Seite an. „Die letzte ist mir nicht so gut bekommen.“
Amy grinste. „Das stimmt, aber das war nur zu deinem besten. Diese Coke hier ist völlig unverfälscht.“
„Danke“, er nahm die Flasche und trank sie in einem Zug aus. Erst jetzt bemerkte er, wie durstig er war. „Wie lange war ich weg?“
„Drei Tage.“
„Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern, außer an höllische Schmerzen.“
„Ich habe dich verwandelt, dein Körper hat sich verändert und die ersten Blutkonserven hast du schon getrunken. Es ist immer besser, wenn man es nicht richtig mitbekommt. Jetzt kannst du dich erstmal in Ruhe an alles gewöhnen, bevor du das nächste Mal Blut brauchst. Ich werde dir nach und nach alles erklären. Wenn du denkst, du bist soweit, werde ich dich den anderen vorstellen.“
Nick schaute an sich runter. „T-Shirt an, Hose an, Schuhe an. Yep, ich bin soweit.“
„Okay. Übrigens habe ich dir neue Sachen besorgt, sie hängen im Schrank.“
Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich in die untere Etage. „Hast du Hunger? Ich glaube, es ist noch was vom Abendessen übrig.“
„Im Moment nicht.“
Sie öffnete eine große Flügeltür, schob ihn durch und sagte laut „so Leute, das ist Nick.“
Einige schauten kurz rüber, andere reagierten gar nicht. Nur Joe begrüßte ihn mit „Hi Nick“. Nick sah vier Jungen und noch ein weiteres Mädchen. „Wow, da bin ich aber froh, dass sich alle so freuen mich kennenzulernen.“
Einer der Jungs sah ihn an. „Hurra, Amy hat da wohl einen kleinen Witzbold erwischt.“
Joe räusperte sich und grinste schief. „Mach dir nichts draus. So gehen sie am Anfang immer mit den Neuen um, war bei mir auch nicht anders. Das ändert sich, schließlich müssen wir ja noch Jahrhunderte zusammen verbringen.“
Amy nahm seine Hand und zog ihn weg. „Du wirst alle noch besser kennenlernen. Einige fehlen eh noch. Wir holen uns erst mal was zu essen.“
Im Weggehen hörte Nick noch „Tja Joe, da hat Amy dich wohl gegen einen Neuen eingetauscht.“
Amy holte verschiedene Sachen aus dem Kühlschrank und setzte sich auf die Arbeitsplatte.
„Warst du mit Joe zusammen?“
„Ja, das ist aber schon länger her und wir haben nichts mehr miteinander. Bist du eifersüchtig?“ Sie nahm eine Traube in den Mund und schob sie mit der Zunge zwischen seine Lippen.
„Nein, ich bin nicht eifersüchtig, da gab es ja auch schon Freundinnen vor dir“, sagte er und dachte ´und das waren nicht wenige`.
Nick wusste um seine Wirkung auf Frauen. Er hatte ein Bad Boy Image und viele Mädchen standen darauf. Dabei war er gar nicht so, aber bisher war es keine Beziehung wert gewesen, sein wirkliches Ich zu offenbaren. Ihm wurde bewusst, dass auch Amy noch nicht viel von ihm wusste. Im Moment bestand der größte Anteil der Anziehungskraft nur aus Sex, der allerdings echt gut war. Er grinste.
„Warum grinst du so?“ fragte sie mit vollem Mund.
„Ich habe gerade an den Sex mit dir gedacht. Zeigst du mir den Rest des Hauses?“
„Klar“, sie sprang von der Arbeitsplatte, „vor oder nach dem Sex?“
„Davor bitte, hinterher schaffst du das nicht mehr.“ Er kniff sie in den Po und grinste wieder, aber diesmal unverschämt.
Amy lachte laut. „Du bist wirklich ein verrückter Typ und so gar nicht von dir eingenommen. Also gut, unseren Gemeinschaftsraum und die Küche hast du ja jetzt gesehen, dann folge mir mal.“
Sie zeigte ihm das TV- und Gaming Zimmer, in dem ein riesiger Fernseher stand und diverse Spielekonsolen. Dann ging es weiter in die Bibliothek, in die er sich sofort verliebte. Amy ging direkt wieder raus. „Laaangweilig.“
Also da war Nick ganz anderer Meinung, schwieg aber. Sie gingen die Treppe runter in den Keller. „Hier sind die Trainingsräume.“ Sie öffnete die erste Türe. Die Auswahl der Trainingsgeräte brauchte sich hinter keinem Studio zu verstecken. An der Boxbirne stand jemand und drosch darauf ein. Seine Sachen waren schon durchgeschwitzt.
„Ach, hi Adam. Hier bist du.“ Der angesprochene trocknete sich sein Gesicht mit einem Handtuch und drehte sich um. Seine langen, weißen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden. „Der Neue?“ Nick sah in helle graue Augen.
Amy nickte in seine Richtung und drehte sich halb um. „Adam wird dich in Nahkampftechnik unterrichten, einen Raum weiter. Er ist ein Meister darin. Joe übt mit dir an den verschiedenen Waffen. Die findest du im übernächsten Raum. Alle müssen immer gut gelüftet werden, um das ganze Testosteron rauszukriegen.“
„Sehr witzig Amy“, knurrte Adam.
„Immer wieder gerne Adam! Komm, lass uns gehen, viel mehr gibt es nicht zu zeigen. Du wirst im Laufe der Zeit alles in- und auswendig kennenlernen. Die Häuser unterscheiden sich in der Aufteilung nicht so sehr. Die Ältesten möchten sich nicht dauernd umgewöhnen. Alte Leute halt.“ Ihre Stimme und ihre Mimik sprachen Bände, was sie darüber dachte. Kurze Zeit später waren sie in seinem Zimmer, Amy hatte Getränke und Süßigkeiten aus der Küche geholt.
Sie lagen nebeneinander auf dem Bett.
„Ich habe noch so viele Fragen.“
„Und wir haben noch so viel Zeit für Antworten. Aber gerade jetzt würde ich gerne andere Dinge mit dir machen als Frage- und Antwortspiele.“
Er war jedes Mal wieder erstaunt, wie schnell sie ihre Sachen ausziehen konnte. Nick zog sie auf sich und drehte sich mit ihr, so dass sie unter ihm lag. Er hielt ihre Arme über ihrem Kopf fest und sie wand sich stöhnend unter seinem Griff. So hatte er sich noch nie beim Sex gefühlt, er war brutal und nahm sich das, was er wollte. Amy schien es zu gefallen. Amy..., sie brachte eine Seite in ihm zum Vorschein, die er bis dahin selber noch nicht kannte und er wusste nicht, ob sie ihm gefiel.
Sie lag nach Luft schnappend neben ihm. „Das Vampirsein bekommt dir!“, stieß sie atemlos hervor. Er antwortete nicht.
´Das Vampirsein`. Irgendwie realisierte er noch gar nicht, dass er jetzt ein Vampir war. Plötzlich spürte er das Bedürfnis allein zu sein. Er musste mal zur Ruhe kommen und nachdenken, darum war er dankbar, dass Amy beschloss, in ihr Zimmer zu gehen und dort zu schlafen. Er küsste sie abwesend und genoss die Ruhe, nachdem sie weg war.
Nach einer ausgiebigen Dusche ging er zum Fenster und sah hinaus. Er war jetzt ein Vampir! Was hieß das nun genau? Er spürte eigentlich keinen Unterschied. Oder doch? Fühlte er sich nicht irgendwie stärker, aggressiver? Konnten Vampire eigentlich schlafen? Naja, Amy konnte es jedenfalls. Ohne es richtig zu merken, war er schon auf dem Weg in die Bibliothek. Durch die großen Fenster gab es genug Licht, um sich zurechtzufinden. Er suchte sich eine gemütliche Ecke, schaltete die kleine Lampe an und begann zu zeichnen.
Nick wurde durch ein Klopfen an seiner Tür geweckt. Er war noch lange in der Bibliothek gewesen, um zu zeichnen.
Joe schaute um die Tür. „Kommst du mit runter zum Frühstück?“
„Gib mir fünf Minuten.“
„Okay, ich warte vor der Tür.“
Als die beiden unten ankamen, saßen schon einige am Tisch. Die meisten schauten auf ihr Handy und guckten nur kurz hoch oder hoben eine Hand zum Gruß.
Joe lachte. „Also familiär ist anders, aber du hast ein gutes Leben hier.“
In dem Moment kam Adam rein. Er sah Nick an „ich erwarte dich in dreißig Minuten unten zum Training.“
„Und das war es mit dem guten Leben“, witzelte Joe.
Nick nahm nur etwas Toast und trank zwei Tassen Cappuccino. Die Maschine, die hier stand, hatte Restaurant Qualität. Er liebte Kaffee in allen Variationen, sie würde also seine beste Freundin werden.
Als er rausging, klopfte Joe im auf die Schulter. „Viel Glück!“
Nick wusste nicht, warum er Glück brauchen sollte, er war es gewohnt, sich zur Wehr zu setzen, einige Jahre Kampfsport und ein Leben in einem Heim schulten seine solide Kampferfahrung.
Als er die Türe öffnete, stand Adam mit dem Rücken zu ihm an den Matten. Nick legte seine Jacke auf den Stuhl und drehte sich um. Da traf ihn auch schon ein Tritt mit voller Wucht und schleuderte ihn an die Wand.
Nick schüttelte kurz seinen Kopf und versuchte Luft zu bekommen.
„Erste Lektion: du musst immer mit einem Angriff rechnen.“
„Und was ist mit Fairness?“
„Zweite Lektion: im Kampf geht es nicht darum fair zu sein, sondern zu gewinnen, wenn es sein muss, mit allen Mitteln.“
Nick grinste schief. „Okay, dass kriege ich hin.“
Er schlug sich ganz gut, war aber dennoch deutlich unterlegen. Adam hielt sich jetzt etwas zurück, aber mit einem Fußtritt aus der Drehung holte er Nick von den Beinen. Der schlug hart auf dem Boden auf und stöhnte. „Autsch! Das tat weh. Ich dachte, als Vampir spüre ich keine Schmerzen mehr!“
„Doch, spürst du. Wärst du noch ein Mensch, würdest du jetzt schon mit gebrochenen Knochen und inneren Verletzungen im Krankenhaus liegen.“
„Warst du schon immer so arrogant oder rufe nur ich diese schlechte Seite in dir hervor?“ Nicks Stimme tropfte vor Sarkasmus.
Adam sah ihn erstaunt an. „Wie kommst du darauf?“
„Vielleicht, weil du mir gerade die Seele aus dem Leib prügelst, statt mit mir zu trainieren?“
„Sei froh, dass ich mit dir arbeite, wenn Alex da ist, macht er das. Dagegen bin ich echt harmlos.“
„Wer ist Alex?“
„Mein Bruder. Er ist gerade mit meiner Halbschwester Lizzy unterwegs, um einen Auftrag zu erledigen.“
Adam lächelte ihn entschuldigend an. „Ob du es glaubst oder nicht, eigentlich bin ich für die Bibliothek zuständig. Da fühle ich mich auch eindeutig wohler. Ich vertrete nur manchmal Alex, wenn er unterwegs ist. Das mit der Kraft und den Schmerzen wird noch besser, dein Körper braucht noch etwas Zeit, um sich komplett zu verwandeln.“
„Danke für die Info, dass lässt mich hoffen. So, du bist also der Bibliothekar, so hast du gar nicht auf mich gewirkt. Ich habe noch nicht viel von der Bibliothek gesehen, aber das wenige hat mich schwer beeindruckt. Würdest du mir alles zeigen?“
„Gerne! Sollen wir direkt hin?“ Man merkte Adam an, dass er dafür brannte.
Nick bejahte und humpelte hinter ihm her.
Als er die imposanten Flügeltüren öffnete, schien die Morgensonne durch die großen Buntfenster und zauberte die Farben auf die Regale und Böden. Kleine Staubkörner wirbelten durch die Luft und es sah aus, als ob sie im Sonnenlicht tanzten.
Hunderte von Büchern standen in dunklen Holzregalen die bis an die Decke reichten. Mit verschiebbaren Leitern konnte man auch die oberen Reihen erreichen. Einige der großen bunten Fenster stellten Szenen aus dem Vampirleben dar. Es gab gemütliche Sitz- und Schreibecken.
Nick war total begeistert von der Bibliothek. Da konnte er in Ruhe seine Gedichte schreiben und Skizzen machen.
Adam bedeutete ihm zu folgen und führte ihn in den hinteren Bereich. Dort verbarg sich eine kleine Couchecke.
„Hier kannst du deine Bücher liegen lassen, die anderen sind nie in dem Bereich, die findest du hauptsächlich beim Gaming.“
„Amy macht auch nicht gerade den Eindruck, dass sie so oft hier ist.“
„Amy“, Adams Stimme klang abfällig. „Sorry, ihr seid zusammen, oder? Ich bin kein Fan von ihr, aber um sie geht es jetzt ja auch nicht. Setz dich, ich erkläre dir ein paar Sachen.“
Nick setzte sich und Adam kam mit einigen Büchern unter dem Arm zu ihm. Er legte sie vor Nick hin, es ging um Vampire, Werwölfe, Hexen und Dämonen.
