Die Moritat der Organspenderin - Tina Ariam - E-Book

Die Moritat der Organspenderin E-Book

Tina Ariam

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Beschreibung

Rye, England, ca. 1884. Durch die unkenntlich gemachten Gesichter weiß Henri nie, wer auf ihrem Operationstisch landet. Für die örtlichen Schmuggler entnimmt sie den Leichen ihre Organe. Für die wirklich wichtigen Kunden stiehlt sie das Wissen der Toten. Doch dann liegt plötzlich der britische Thronfolger auf ihrem Tisch. »Als der Moritatensänger sein Lied anstimmte, wollte Henri ihm den Hals umdrehen.«

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über den Umgang mit Moritaten

(Contentwarnungen)

Liebe Leser*innen,

eine Moritat ist ein Totenlied, von einem Bänkelsänger vorgetragen. Er besingt die schauerlichen Geschichten von armen Seelen, die oftmals tragisch und manchmal auch recht abrupt, aber meist durch die Hand anderer ihren Tod gefunden haben. Es wird nicht beschönigt, sondern wahrhaftig und so traurig und ehrlich erzählt, wie das Leben sein kann.

Genau das erwartet euch auch in diesem Buch: Wahrhaftige Erzählungen über Tod, Mord, Blut, Verbrechen, körperliche und seelische Gewalt und genaue Beschreibungen von operationsähnlichen Situationen.

Bereit? Dann lasst mich anstimmen!

Inhalt

1 10

2 18

3 32

4 40

5 47

6 53

7 62

8 66

9 72

10 78

11 83

12 96

13 110

14 118

15 131

16 141

17 149

18 157

19 165

20 173

21 182

22 200

23 208

24 216

25 225

26 234

27 240

28 247

29 257

Die Organspenderin: Ruth Walsh 262

30 280

31 287

Epilog 294

Die Begleiter des Todes: 300

Der Moritatensänger und die Organspenderin 300

Danksagung 302

WREADERS E-BOOK

Band 236

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book-Ausgabe

Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Druck: epubli – Neopubli GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Jasmin Kreilmann

Lektorat: Anna Zauner, Nyura Sheva

Satz: Annina Anderhalden

www.wreaders.de

Für meine kleine Schwester, die Henris Geschichte wahrscheinlich ein kleines bisschen mehr liebt als ich.

Hört her, ihr Ladys und Gentlemen!

Ihr Räuber und Diebe, lasst mich euch erzähl’n

von Rye, einem Ort, so klein und unscheinbar,

dass ihr mir nicht glauben werdet, was dort geschah.

Wie Kipling schon sagte: seht an die Wand.

Schließt die Augen, sonst hättet ihr den Toten erkannt,

der nachts, still und heimlich, durch die Straßen getragen

auf einem alten, quietschenden und klapprigen Wagen.

Mit Ritzen und Ratschen und geschickten Griffen

wird das Beste herausgepickt, die Organe entrissen,

an den Meistbietenden verkauft – seid ihr interessiert?

Ist doch schrecklich makaber, worüber ihr euch amüsiert.

Denn in Rye, ganz versteckt und sicher verborgen,

liegt das Haus der Organspenderin.

Ich habe gehört, erst vor ein paar Wochen,

dass sie hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Sodass nur die besten Toten ihr werden gebracht,

wie immer in der tiefsten und schwärzesten Nacht.

Drum, wie Kipling schon sagte: seht an die Wand.

Klingt das Hufgetrappel auch noch so interessant.

Denn wenn sie erfährt, dass ihr sie habt gesehen,

dann wird sie auch bald vor eurer Türe stehen.

Nun woher ich das weiß, das wollt ihr hier wissen.

Ganz einfach, damit ihr eine schöne Moritat könnt genießen.

Denn betrachtet man es ruhig und konzentriert,

so ist es nur natürlich, was in Rye so passiert.

Jeder stirbt, auch ich und du ganz bestimmt,

und vielleicht, wenn ihr Pech habt, durch die Organspenderin.

1

Henri betrachtete den Leichnam und verzog das Gesicht. Er war kalt. Sie hasste es, wenn die Toten kalt zu ihr kamen, denn dann wurde ihr nur bewusst, dass sie genau das waren: tot.

Der helle Körper, welcher auf dem Tisch gebart und dessen Körpermitte lediglich durch ein dreckiges Laken bedeckt war, brachte Henris Magen zum Rumoren.

Der Mann war noch jung. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er sah kräftig und stramm aus. Die Muskeln waren gut ausgeprägt, jedoch zierten seine Hände deutliche Narben, von denen einige erst kürzlich hinzugefügt worden waren. Sie ließ den Blick weiter über den Körper gleiten. Er war gut erhalten und abgesehen von den Wunden noch einwandfrei. Schöne Haut. Deutliche Muskeln. Feste Waden. Straffe Oberschenkel. Ein gutes Exemplar, und Henri hoffte, dass auch das Innere vielversprechend war.

Sie ließ ihren Blick weiter über den Körper gleiten und als sie schließlich den Kopf des Mannes erreichte, zuckten ihre Mundwinkel.

Der Kopf war immer etwas Besonderes – denn er fehlte.

Fein säuberlich war er dem Toten abgetrennt worden, sodass sogar Henri den Hut vor so filigraner Arbeit ziehen musste. Sie wollte gar nicht daran denken, wen Mama Beth angeheuert hatte. Diese machte sich nie die Mühe, sauber zu sein. Die junge Frau erinnerte sich an all die entsetzlich entstellten Leichen, die Mama Beth ihr gebracht hatte.

Jemand trat an ihre Seite und Henri machte sich nicht die Mühe, sich umzuwenden. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er neben ihr wohl das Gesicht verzog. Er mochte die Toten ebenfalls nicht. Scott überragte die junge Frau um einen halben Kopf und doch fühlte sie sich neben dem Mann nicht klein, sondern ihm ebenbürtig.

»Bereit?«, fragte er schließlich in die Stille hinein.

Sie war es nicht – wie immer.

Aber sie hatte keine Wahl – wie immer.

»Ja«, flüsterte sie deshalb.

Mit einem Kopfnicken deutete Henri auf den kleinen, rollbaren Tisch neben sich, auf dem sie sämtliche Utensilien peinlich genau aufgereiht hatte. Dabei fiel ihr Blick auch auf die Regale an der Wand. Unzählige und teilweise befüllte Einmachgläser standen in diesen. Sie stammten von Kunden, die ihre Ware nie abgeholt hatten.

»Ich beginne in drei … zwei … eins.«

Das vertraute Klackern in ihren Ohren zu hören, brachte Henri dazu, sich wieder zu Scott umzuwenden. Er stand neben dem Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand und drückte vorsichtig den Knopf nach unten, der in diesen eingelassen war. Ein mechanischer Arm, der einen Stift in der Hand hielt, begann zu rattern und brachte sich in Position.

Der junge Mann wandte sich um und gab Henri mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie beginnen konnte. Sie stand der Apparatur immer noch skeptisch gegenüber, doch Scott liebte solche Spielereien. Sie ersparte ihnen zumindest lästige Schreibarbeit.

»Achtzehnter September, 1884«, begann er zu diktieren und kaum, dass seine Stimme durch den Raum gedrungen war, begann die Hand wie von selbst auf dem untergelegten Blatt Papier zu schreiben. Henri beobachtete das alles mit einem Schmunzeln.

»Name unbekannt. Nummer 84-09-18-1. Männlich. Alter ungefähr Anfang dreißig. Durchtrainiert. Körper perfekt erhalten. Kopf fehlt.«

Scott verschränkte die Hände hinter dem Rücken und begann damit, im Raum hin und her zu schreiten. Wie jedes Mal, wenn er das tat, nahm sich Henri die Zeit, ihn ein wenig genauer zu betrachten. Seine braunen Haare hingen ihm ins Gesicht und er musste sie mit einer Hand zurückstreichen. Als er an ihr vorbeitrat, reichte sie ihm ein Haarband, das er dankend nickend annahm, ohne seine Ausführungen zu unterbrechen. Geschickter als Henri es ihm zugetraut hatte, band sich der Mann die Haare zu einem kleinen Zopf zurück.

Er versuchte, die Leiche so gut wie möglich zu beschreiben und auch die Umstände, durch die sie auf Henris Tisch gelandet war. Scott benutzte einen Code, den Henri inzwischen nicht mehr verstand. Früher einmal hatten sie sich gemeinsam die Worte überlegt und sich dabei vor allem an einem Schachspiel orientiert. Mama Beth war die Königin. Henri und Scott sahen sich zwar eher als Bauern, doch um den Code verständlich zu halten, hatten sie versucht, sich mit anderen Figuren zu identifizieren.

»Der Springer hat den Auftrag der Königin angenommen und bewegt sich vorwärts.«

Springer. Das Pferd. Das war Scott. Ein Querdenker, der ständig versuchte, sich über die ausgesprochenen Befehle hinwegzusetzen und seinen eigenen Weg zu finden. Es passte gut. Als er den Satz von sich gab, wandte er sich kurz zu Henri um und sie konnte ein Funkeln in seinen grünen Augen erkennen. Das Hemd, das er trug, war nur lose in die Hose gestopft worden, ließ ihn schmuddelig und chaotisch wirken und passte so gut, dass Henri ihm am liebsten auch noch den letzten Zipfel aus der Hose gezogen hätte.

»Der Turm wird den Auftrag ausführen.«

Turm. Das war Henri. Sie fühlte sich nicht wie ein Turm, aber der Bischof, welcher an der Seite des Königspaares stand, traf noch weitaus weniger auf sie zu. Scott schlenderte zurück zum Schreibtisch und zu der Maschine, welche die Seite gerade einmal bis zur Hälfte gefüllt hatte. Er hatte die Handschrift eingestellt. Klein und verschnörkelt, um es schwieriger zu machen, diese zu entziffern.

Über den Stuhl vor dem Tisch hatte Henri seine Jacke gehängt, an welcher der ein oder andere Flicken zu erkennen war. Viel zu oft schon hatte sie Scott gesagt, dass er diese schwarze Bomberjacke wegwerfen und sich eine neue kaufen sollte. Sie war sogar bereit dazu, ihm das Geld beizusteuern. Doch Scott war stur.

Henri war in solchen Dingen weitaus skrupelloser.

»Wir beginnen mit dem Eingriff.«

Das war das Stichwort.

Scott drückte auf den Knopf und die mechanische Hand hob sich erneut, fuhr zurück in ihre Ruheposition und nun konnte sich auch Henri wieder bewegen und frei sprechen. Sie wollte die Berichte nicht verfälschen.

»Du kannst anfangen. Brauchst du noch etwas?«

Die junge Frau blickte an sich hinab. Sie trug ihre blutverschmierte Schürze und wusste insgeheim, dass sie es wohl auch dieses Mal nicht verhindern konnte, ihren Operationssaal in einen Saustall zu verwandeln.

»Nein. Lass uns anfangen.«

Scott gab einen verstehenden Laut von sich und griff nach seiner Schürze, ehe er sich diese umband und an ihre Seite trat. Henri nahm das Messer zur Hand. Sie hatte das schon so oft getan und doch konnte sie nicht verhindern, dass ihre Hände jedes Mal zitterten, wenn sie kurz davor war, das erste Mal in frische Haut zu schneiden.

»Ganz ruhig«, dröhnte eine dunkle Stimme in ihrem Hinterkopf. »Tief durchatmen. Setzen Sie das Messer vorsichtig unter dem Hals an.«

Henri gehorchte. Sie hob ihre Hand, führte sie langsam an den Hals des Toten und konnte nicht umhin, sich noch einmal zu fragen, wie sein Kopf wohl ausgesehen hatte. Ob er mit einem Lächeln auf den Lippen gestorben war? Ob seine Augen eine Sanftheit in sich getragen hatten oder voller Zorn und Ernsthaftigkeit gewesen waren? Vielleicht gab es etwas, das ihn für Henri erkenntlich machen würde – eine Narbe, ein Muttermal oder eine Tätowierung.

Sie bekam die Gesichter der Toten nie zu sehen. So war es besser, denn nur so konnte sie sicher sein, Unbekannte auf ihrem Tisch vorzufinden. Sie wollte nicht wissen, wer sich vor ihr befand, wer gestorben war und wen sie kurz davor war zu schänden.

Henri drückte das Messer vorsichtig durch die Haut des Toten und versuchte, einen möglichst geraden Schnitt nach unten zu setzen. Sie hatte das alles schon so oft getan, dass es wie in Trance geschah und als die junge Frau das Messer schließlich absetzte, betrachtete sie ihr Werk. Da reichte Scott ihr bereits die Klammern, mit denen sie die Hautlappen befestigen konnte, um einen guten Blick auf die Innereien des Toten zu bekommen.

»Er hat geraucht und das nicht zu wenig. Die Lungen sind unbrauchbar.«

»Schade. Die verkaufen sich gut.«

Henri griff nach dem Hammer und begann vorsichtig damit, die Rippen zu zertrümmern. Sie wurden nicht mehr benötigt und waren ihr im Weg. Scott trat um den Tisch herum und hatte bereits eine Pinzette in der Hand, mit welcher er versuchte, alle Bruchstücke, die Henri nicht sofort erwischte, aus dem Toten zu zupfen. Sie mussten vorsichtig vorgehen. Bestimmte Innereien durften nicht beschädigt werden.

Ein übel riechender Duft schlug in Henris Gesicht. Sie verzog dieses sofort und wandte sich sogar kurz ab, um Luft zu holen. Schnell blickte sie sich nach dem Tuch um, das sie oftmals über Nase und Mund zog, damit der beißende Gestank des Toten sie nicht zu sehr ablenkte. Sie rügte sich dafür, nicht schon früher daran gedacht zu haben. Auch Scott nutzte den Moment, um sich ebenfalls eines umzulegen.

Henri wandte sich wieder dem Toten zu und sofort stieg ein sanfter Rosenduft in ihre Nase. Kurz nur schloss sie die Augen, denn Erinnerungen an ihre erste Operation strömten auf sie ein. Rosen. Das war das Parfum jener Frau gewesen, die auf diesem Tisch gelegen hatte. Henri konnte sich noch gut an ihr Gesicht erinnern. Es hatte sich in ihre Erinnerungen gebrannt und es verging kein Tag, an dem sie nicht daran dachte. Auch deswegen wusste sie es zu schätzen, dass die Toten nun gesichtslos zu ihr kamen.

»Henri? Alles in Ordnung?«

»Ja. Tut mir leid. Ich war in Gedanken.«

»War es Ignacio?«

Henri schüttelte den Kopf. Scott brauchte nur zu wissen, dass es ihr gut ging. Er hatte inzwischen sämtliche Reste der Rippen aus dem Körper entfernt. Nun begann die wichtige Arbeit. Henri atmete tief durch und blickte zum Fußende des Toten. Dort hatte Scott bereits die nötigen Gläser aufgestellt, in die Henri die Organe platzieren sollte.

Konzentriert griff sie nach ihren Instrumenten und nahm den Blick immer nur kurz von der Leiche, um Scott mit einem Kopfnicken Anweisungen zu geben. Sie sprach nie viel während der Operationen. Vorsichtig löste sie die notwendigen Organe, holte die Leber, beide Nieren und die Milz aus dem Körper. Obwohl Scott es ihr bereits gesagt hatte, konnte Henri nicht umhin, sich selbst noch einmal davon zu überzeugen, dass die Lunge tatsächlich unbrauchbar war.

Die junge Frau bemerkte Scotts aufmerksamen Blick auf ihr. Beinahe schien er sie mit seinen Augen zu durchbohren und selbst nach all den Jahren, die sie dieser Arbeit inzwischen nachgingen, hatte sie sich immer noch nicht daran gewöhnt.

Erst als sämtliche Organe in den Gläsern verpackt waren und Henri den Toten wieder geschlossen hatte, erlaubte sie es sich, sich umzusehen. Ihre Instrumente waren, wie auch Teile des Bodens, in Blut getränkt und allein bei dem Gedanken daran, das alles heute noch aufwischen zu müssen, verzog sie das Gesicht.

»Gut gemacht!«, drang Scotts lobende Stimme an ihr Ohr, doch sie hatte dafür nur ein leichtes Schmunzeln übrig. Sie zog das Tuch nach unten.

»Wie sieht es mit der Entsorgung aus?«

»Einen Moment!«

Scott hatte bereits einen Stift in der Hand und begann damit, die einzelnen Gläser zu beschriften. Henri wandte sich ab. Sie mochte den Anblick der in den seltsamen Flüssigkeiten schwimmenden Organe nicht. Es kam ihr immer noch sonderbar vor, dass sie diese Teile gerade aus einem Mann geholt hatte, der wahrscheinlich heute Morgen noch gelebt hatte. Noch einmal blickte sie auf den Toten. Sie hatte sich nicht viel Mühe dabei gegeben, die Wunde wieder zu verschließen, denn sie wusste nur zu gut, was mit der Leiche geschehen würde.

»Scott?«

»Ja. Nur noch dieses Glas. Moment.«

Der Mann winkte ab und kritzelte irgendetwas auf einen Zettel, ehe er ihn mit Klebstoff auf dem Glas befestigte. Er diente dazu, die richtigen Organe vom richtigen Toten an die richtigen Kunden zu liefern.

»Wir müssen die Toten nicht entsorgen, keine Angst. Mama Beth schickt morgen früh jemanden mit einem Karren.«

»Gut.«

Henri hasste es, sich auch noch darüber Gedanken machen zu müssen. Sie wollte die Toten nur in ihrem Operationssaal sehen und dann so schnell wie möglich wieder vergessen.

»Bringen wir ihn in die Kammer.«

Henri nickte. Sie wischte sich ihre blutigen Hände an der Schürze ab, nur um festzustellen, dass vieles von dem Blut bereits getrocknet war. Scott hatte einen kleinen Schubkarren geholt, den er neben den Tisch abstellte und machte sich nun daran, den Toten in den Karren zu schieben, als wäre er eine Puppe.

Denn nun war er nicht mehr wichtig. Henri hatte ihm alles entnommen, was noch gebraucht werden konnte. Nun war er nur ein Toter und damit eine Belastung für jeden, der mit ihm in Verbindung gebracht wurde. Als er in den Schubkarren plumpste, brachte Scott ihn sofort in die anschließende Kammer. Henri rührte sich nicht vom Fleck, während sie ihm hinterher sah. Sie wusste nicht, wann sie den kleinen Raum das letzte Mal betreten hatte, aber sie wollte die Toten darin auch nicht sehen.

Morgen früh, wenn sie vielleicht noch schlief, würde die Kammer von der anderen Seite geöffnet werden und jemand würde all die Toten entsorgen, die Scott und sie in dieser Nacht noch darin stapelten.

Henri rannte ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken, wie viele Leichen sie bereits in die Kammer gebracht und mit ihrem Verschwinden aus dieser auch aus ihrem Gedächtnis gelöscht hatte.

»Du denkst wieder zu viel, Henri.«

Sie erschrak aus ihren Gedanken, als Scott ohne Toten und ohne Schubkarren aus der Tür trat und sie hinter sich schloss. Auch er wischte sich die Hände an seiner Schürze ab, obwohl sie nicht in Blut getränkt waren. Er versuchte so wohl einfach, das Gefühl des Toten abzuwischen.

»Lass mich das noch schnell beenden. Hilfst du mir?«

Henri gab einen zustimmenden Laut von sich und ergriff zusammen mit Scott die Behälter, um sie in eine weitere Kammer zu bringen. Eine für die Toten und eine für die Ware, die ihre Kunden dort abholen würden. Rechterhand lag die Kühlkammer mit den restlichen Leichen für diesen Abend.

Als sie gemeinsam sämtliche Behälter in die Warenkammer gebracht hatten, ließ sich Henri schwerfällig auf einen Stuhl fallen und betrachtete das Chaos, das sie angerichtet hatte. Blut. Überall Blut.

»Ich beende den Bericht in drei … zwei … eins.« Scott betätigte den Knopf und Henri beobachtete ihn dabei, wie er erneut diktierte, dass die Operation gut verlaufen war, dass sie den Patienten, wie die Leiche liebevoll genannt wurde, geheilt hatten und er wohl in den nächsten Tagen entlassen werden konnte.

Geheilt: Sie hatten ihm alles entnommen, was entnommen werden konnte.

Entlassung: Er würde abgeholt und irgendwo verscherbelt werden.

Manche der Leichen wurden verbrannt und verstreut. Andere zerteilt und begraben. Wieder andere wurden gänzlich zertrümmert, bis sie nur noch eine eklige Masse waren und irgendwo ausgekippt, sodass niemand auch nur auf die Idee kommen würde, dass es sich hierbei einst um einen Menschen gehandelt haben könnte.

Als Scott den Bericht beendet hatte, ließ auch er sich schwerfällig auf einen Stuhl fallen. Die Leichen so auszunehmen, zehrte immer noch an den Nerven und Henri bezweifelte, dass sie sich je wirklich daran würde gewöhnen können.

»War es das für heute?«, fragte Henri nach, auch wenn sie bereits ahnte, dass Scott sie enttäuschen würde. Wenn Mama Beth an sie herantrat, dann war es nie auch nur ein einziger Mensch, der operiert werden musste.

»Tut mir leid, Henri. Drei weitere liegen in der Eiskammer.«

Die junge Frau seufzte schwer. Das würde eine lange Nacht werden.

2

Nach einer anstrengenden Nacht genoss es Henri umso mehr, sich am darauffolgenden Abend in das Mermaid Inn zurückzuziehen. Vor allem dann, wenn es noch relativ leer war. Sie saß an der Theke und beobachtete den Automaten dabei, wie er ihr ein Pint zapfte.

Er war Schrott und doch faszinierend.

Seine Einzelteile passten nicht zusammen, hatten unterschiedliche Farben und viele der Schrauben mussten ausgetauscht werden. An einigen Stellen zeichneten sich bereits deutliche Rostflecken ab. Er quietschte fürchterlich und eines der Augen war ausgebrannt. Ein billiges Teil, das seinen Dienst dennoch gut verrichtete und auch Henri erwischte sich immer wieder dabei, wie sie jeden Handgriff des Automaten genau beobachtete.

Zuckend und zischend streckte er schließlich den metallenen Arm aus und stellte das Pint etwas grob auf dem Tresen ab. Die dunkle Flüssigkeit schwappte über das Glas und spritzte auf das helle Holz. Die junge Frau griff nach dem Glas und wollte es dem Automaten aus der Hand nehmen, doch dessen metallische Finger waren fest um das Pint geschlossen. Sie zog vorsichtig daran, ehe sie sich schließlich doch eingestehen musste, dass die Maschine das Glas nicht hergeben wollte.

»John?«

Henri hob den Kopf und sah sich nach dem Barmann um. Der schlaksige Mann warf sich das Geschirrtuch über die Schulter, ehe er energisch auf den Automaten zutrat. Mit einem leisen Grummeln aus den mit Bart umschlungenen Lippen betrachtete er die Situation nur einen kurzen Augenblick, ehe er ausholte.

»Dämliches Teil!«

Henri beobachtete mit einem Schmunzeln, wie der Barmann dem Automaten einen saftigen Tritt verpasste. Mit einem Ruck wandte sich der Metallmann um, nahm das Glas mit und warf es gegen die Rückwand der Theke, ehe er stotternd zum Stehen kam.

»Was war das, Henri? Ein Stoud?«

»Ja.«

Grob schob John den Automaten zur Seite, sodass er die Theke entlangrollte und schließlich gegen die Steinwand prallte. Henris Mundwinkel zuckten leicht, als der Automat es sogar wagte, ein kleines Stück wieder zurückzurollen, als wollte er John provozieren und sich dafür rächen, so forsch behandelt worden zu sein.

»Ich brauche dringend einen Neuen«, murmelte der bärtige Mann leise, während er nach einem Glas griff und das Bier zapfte. »Glaubst du, Scott könnte ihn sich nochmal ansehen?«

»Das wird er bestimmt«, versicherte Henri dem anderen.

»Das hier geht auf mich.«

»Danke, John.«

Kaum hatte der Barkeeper das Glas auf den Tresen gestellt, packte es die junge Frau und zog es an sich. Die Operationen hingen Henri immer noch nach. Ihre Hände hatten wieder zu zittern begonnen und allein der Gedanke an die Toten ließ sie erschaudern. Sie brauchte Halt, auch wenn es nur ein verdammtes Glas voll dunklem Bier war. Henri bemerkte den Blick des Barmannes auf ihre Hände, weshalb sie beschloss, schnell das Thema zu wechseln.

»Ich habe gehört, gestern war ein Sänger hier«, begann Henri leise. »Ein Moritatensänger.«

»Erinnere mich nicht daran.« John grummelte leise und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es war ein junger Bursche, der wohl noch nicht viele Pubs gesehen hat. Noch während des ersten Liedes haben ihn meine Gäste nach draußen gejagt.«

»Tatsächlich? Hat er so schief gesungen?«

»Nein. Seine Stimme war lieblich und hell und wäre besser für einen Barden geeignet gewesen. Aber es war das Lied, an dem sich die Leute gestört haben. Da kommt dieser Idiot nach Rye, in das legendäre Mermaid Inn, und dann wagt er es tatsächlich, die Moritat der Organspenderin zu singen.«

Henri erschauderte merklich. Sie zitterte so sehr, dass sogar ein Schwall des Biers über den Rand des Glases schwappte. Beinahe augenblicklich begann der Automat, sich zu bewegen und zog Johns Aufmerksamkeit auf sich. Er trat zu dem Metallmann und schob ihn hinter der Theke in die richtige Position zurück, sodass er Zugriff zu den Gläsern und den Zapfhähnen hatte. Wie immer, wenn er sich über den Automaten beschwerte, gab John ihm doch noch eine Chance.

»Das nächste Mal, wenn sich ein Sänger in dieses Pub wagt, packe ich ihn am Kragen und werfe ihn sofort wieder nach draußen!«, murmelte der Mann leise zu sich, als er eine Klappe am Rücken des Metallmannes öffnete und den Inhalt genauer betrachtete.

»Sie bringen dir Kunden«, gab Henri mit einem sanften Lächeln zu bedenken.

»Kunden, die ich nicht nötig habe. Mein Pub ist das verdammte Mermaid Inn!« John wandte sich ab, ließ den Blick mit einem stolzen Schimmern in den Augen über den ganzen Raum schweifen und Henri ließ es sich nicht nehmen, diesem zu folgen.

Das Pub war klein, bot gerade einmal Platz für etwas mehr als dreißig Personen und das nur, wenn sie alle dicht gedrängt beieinander standen. Gegenüber der Theke war ein großer, direkt in den Stein gehauener Kamin über die gesamte Rückwand angefertigt worden. Ein kleines Feuer prasselte leise vor sich hin. Das wohlige Knacken des Holzes war wie Musik in Henris Ohren. Draußen fegte der kalte Wind an den Fensterläden.

Ihr Blick wanderte weiter an die Wand neben dem Kamin. Dort hingen die notwendigen Utensilien zur Wartung des Feuers und direkt davor stand ein kleiner Tisch. Er war perfekt platziert, um die Klappe zu verdecken, die in die Wand eingelassen worden war und es ermöglichte, so gut wie ungesehen zu kommen und zu gehen.

»Das legendäre Mermaid Inn«, griff Henri Johns Worte auf. »Das Pub der Schmuggler von Rye.«

»Man kennt mich in ganz England!«, stieg der Barmann sofort mit ein. »Du kannst dir nicht vorstellen, von woher Menschen kommen, um nur einmal das berüchtigte Pub zu sehen, in dem die berühmte Schmugglerin Mama Beth einkehrt. Ich brauche mich um meinen Ruf nicht zu sorgen. Das erledigt sich von selbst … Dämlicher Schrotthaufen!«

Der Automat hatte schon wieder gebockt und einiges der goldgelben Flüssigkeit verschüttet, die er eben in einen Krug füllen wollte. Mit einem festen Tritt versuchte John, ihn zu reparieren, was ihm erstaunlicherweise dieses Mal auch sofort gelang. Der Automat griff erneut nach dem Krug und hielt ihn unter den Zapfhahn.

Henri schmunzelte, hob die Hände und löste das Haarband aus ihren kurzen Haaren, da sich ein paar Strähnen gelöst hatten, die sie nun störten. Sie band es erneut, dieses Mal fester.

»Tut mir leid, Henri. Ich halte dich auf, habe ich recht? Du bist doch sicher hier, um etwas zu essen.«

»Ja«, gestand sie leise. Sie fühlte sich nach jeder Operation ausgelaugt und schwach und ihr Magen bettelte förmlich danach, richtig gefüllt zu werden. Gerade deshalb suchte sie nach diesen anstrengenden Nächten immer das Mermaid Inn auf.

»Setz dich schon mal. Ich bringe es dir, wenn es fertig ist.«

Henri bedankte sich mit einem Kopfnicken und wandte sich von dem Tresen ab. Das Pub war nur mäßig besucht. An einem der Tische, die an den Fenstern standen, saß ein Pärchen, zwei Tische weiter ein übriggebliebener Gast von gestern, der seinen Rausch ausschlief. Er schnarchte leise. Henri schlenderte zwischen den Tischen und Stühlen, die mitten in dem kleinen Raum standen, hindurch und steuerte jenen an, welcher direkt rechts neben dem großen Kamin an der Wand lag. Mit einem zufriedenen Seufzen auf den Lippen ließ sie sich auf die Holzbank sinken und stellte ihr Glas ab. Sie lehnte sich an die kalte Wand und war dem Wirt dankbar dafür, dass er den Kamin gut eingeheizt hatte. Dennoch griff sie nach der Felldecke, welche auf der Bank gelegen hatte und legte sich diese über die Beine.

Sie ließ den Blick im Raum schweifen. Noch war nicht viel los, aber das würde sich wohl in weniger als einer Stunde ändern. Dann erst strömten die Menschen in die Pubs, um sich zu unterhalten und gut zu essen. Auch wenn der Moritatensänger gestern bei den Männern und Frauen nicht überzeugt hatte, so hoffte Henri insgeheim, dass sich auch heute jemand hierher verirren würde. Sie sehnte sich nach guter Musik und überlegte, ob sie bei der nächsten Operation nicht vielleicht doch das Radio einschalten sollte. Manchmal beruhigten sie die sanften Klänge, die aus diesem drangen. Doch jetzt genoss sie die Ruhe.

Das war es, was sie nach Operationen brauchte. Abstand und Ruhe. Henri schloss einen Moment die Augen, atmete durch und lauschte den Geräuschen um sich herum. Da war das sanfte Prasseln des Feuers, das laute Atmen des Trunkenboldes, das Flüstern des Pärchens und John, der mit den Gläsern und Flaschen hantierte. Ab und zu glaubte Henri sogar, das Klackern der Zahnräder des Automaten zu hören.

In diesen Momenten wurde ihr bewusst, wie sehr sie das Mermaid Inn und Rye eigentlich liebte.

Mit einem Ruck wurde plötzlich die Tür geöffnet und im ersten Augenblick war sich Henri sicher, dass es nur Scott sein konnte. Sie öffnete die Augen, doch als sie den eigentlichen Neuankömmling erkannte, sank sie in der Bank zusammen.

»Eustace, guter Freund«, brüllte John durch das gesamte Pub. »Was führt dich hierher nach Rye? Komm her. Setz dich! Ich lasse dir ein Pint von deinem liebsten Bier zapfen«, begrüßte der Wirt den anderen Mann überschwänglich.

Mit einem breiten Lächeln im Gesicht trat der leicht dickliche Mann an den Tresen, wo er seinen Hut ablegte. Henri beobachtete die beiden weiterhin. Da nicht viele Menschen im Pub waren, wurden ihre Stimmen bis zu ihr getragen.

»Du wirst doch heute Abend hier auftreten, oder?«, plapperte John auch schon weiter. »Du glaubst gar nicht, was für einen Reinfall ich gestern hatte. Es war ein Idiot hier, der tatsächlich das Lied über die Organspenderin angestimmt hat.«

»Ob er je wieder lebend aus der Stadt kommt?«, kommentierte der andere und Henri konnte das breite Lächeln in seiner Stimme förmlich hören. Eustace war ebenfalls ein Moritatensänger. Er war jemand, der in Rye gerne gesehen und gehört wurde. Wenn es sich herumsprach, dass er hier war, konnte John mit einem vollen Pub und einer ebenso gut gefüllten Kasse rechnen.

Henri wandte sich ab, während Eustace den Blick durch den Raum schweifen ließ. Erst als sie sich sicher war, dass der andere ihr wieder den Rücken zugewandt hatte, wagte sie es aufzusehen.

Eustace hatte sich in all den Jahren nicht verändert. Er trug immer noch sehr vorteilhafte Kleidung, die seinem Körperbau schmeichelte. Sie war dunkel gehalten, womit er die schaurigen Moritaten nur noch mehr zu unterstreichen wusste. Seine Schultern wirkten trotz der dunklen Kleidung breit und verhalfen ihm zu einer gewissen Stärke.

Dass Eustace hier war und auch Scott jeden Moment eintreten könnte, war ein Problem. Immer wenn die Tür geöffnet wurde, zuckte Henri kurz zusammen und seufzte erleichtert, als es doch nicht ihr guter Freund war. Alle, die den Pub betraten, begrüßten Eustace ausgiebig, manche mit einem Händeschütteln und andere klopften ihm sogar ermutigend auf die Schulter. Ein paar wenige versprachen, ihn auf ein Pint einzuladen. Sie alle aber erhofften sich ein paar Moritaten und Henri überlegte mehr als einmal, ob sie nicht durch die geheime Tür neben dem Kamin verschwinden sollte. Durch das anschließende Inn führte ein Weg nach draußen und würde es Henri so erlauben, Scott vor dem Pub abzufangen.

Als sie erneut darüber nachdachte, konnte sie erkennen, wie dem Wirt die Fish and Chips durch die Durchreiche gegeben wurden, die sie bestellt hatte. Er und Eustace tauschten kurze Worte aus, ehe John auf sie deutete. Quälend langsam wandte sich der Moritatensänger um und als er Henri entdeckte, bogen sich seine Lippen zu einem mehr als nur breiten Grinsen nach oben. Ohne nachzufragen, entriss er John den Teller und stapfte auf die junge Frau zu.

Nun musste sie handeln.

»Henri …«

Weiter kam er nicht. Henri hatte dem Stuhl, welcher ihr gegenüberstand, einen heftigen Tritt versetzt, sodass er Eustace entgegen kippte. Der Mann stolperte unbeholfen über diesen, torkelte und steuerte direkt auf den Kamin zu. Geschickter als es wohl alle Anwesenden erwartet hatten, fing sich Eustace gerade noch rechtzeitig. Er hatte auch den Teller mit Henris Bestellung weiterhin fest umklammert und erstaunlicherweise – mit Ausnahme von ein paar Chips – nichts auf dem Boden verstreut.

»Suge! …«

Henri unterdrückte die Stimme in ihrem Hinterkopf. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, während Eustace mit seinem üblichen breiten Lächeln und einer galanten Handbewegung die anderen Gäste beschwichtigte. Die wütenden Blicke, die sie Henri dabei zuwarfen, wusste die junge Frau zu ignorieren. Noch einmal trat Eustace auf sie zu und Henri überlegte, die Prozedur mit dem zweiten Stuhl zu wiederholen. Doch sie bemerkte rechtzeitig, dass der Sänger nun besonders aufmerksam war.

»Nun, du musst zugeben, dass er das durchaus beeindruckend gemacht hat.«

»Ich wollte dir nur deine Bestellung bringen, Henri.« Mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen stellte Eustace den Teller vor ihr auf den Tisch.

»Hau ab.«

Ihre Stimme zitterte und Henri rügte sich dafür. Mit einem Kopfnicken deutete sie zu John, doch entgegen Henris Aufforderung zog der Mann sich den umgekippten Stuhl heran und nahm auf diesem Platz. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück, während er Henri mit einem zufriedenen Lächeln beobachtete.

»Manchmal kann ich nicht glauben, wie grundverschieden ihr beide seid«, murmelte der Moritatensänger leise zu sich selbst. Henri biss sich fest auf die Unterlippe und umfasste das Messer in ihrer Hand fester. Die Worte waren nicht an sie gerichtet gewesen und doch kränkten sie die junge Frau sehr. Sie wollte keine Ähnlichkeiten zu der Moritat haben. Sie wollte nicht wie die Organspenderin sein.

Auch Eustace schien ihren Unmut zu bemerken.

»Nur zu, iss!«, sprach er an Henri gewandt. »Ich kann warten, bis du fertig bist. Dann können wir reden. In Ruhe und vielleicht bei einem guten, dunklen Pint.«

Die Selbstgefälligkeit des Mannes brachte die junge Frau dazu, ihre Fäuste zu ballen.

»Schlag zu!«, forderte eine liebliche Stimme in ihrem Hinterkopf, doch Henri gab dieser nicht nach.

Ohne Eustace aus den Augen zu lassen, begann sie zu essen. Sie sprach bewusst kein Wort, sah nur immer wieder zur Tür und wusste nun nicht mehr, ob sie Scotts Auftauchen erhoffen oder sich wünschen sollte, dass er doch nicht kam.

Eustace hingegen war unruhig. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, sah sich immer wieder um und begann, mit seinen Fingern zu spielen. Er seufzte manchmal leise, öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben. Ab und zu zuckte sein Kopf einen Moment, als würde er jemandem lauschen, der nicht da war.

Da der Mann mit dem Rücken zu den anderen Gästen des Pubs saß, bemerkten sie seine Unruhe nicht. Irgendwann begann er, mit dem Fuß auf und ab zu wippen, sich fest auf die Unterlippe zu beißen und als er schließlich sogar die Hände immer wieder zu Fäusten ballte, beschloss Henri, ihn nun doch aus seiner misslichen Lage zu befreien.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich im Moment nichts für dich habe, Eustace.« Die junge Frau rügte sich über die Sanftheit in ihrer Stimme und doch konnte sie sich nicht dazu durchringen, ihn noch mehr anzuklagen. Sie konnte ihm ansehen, wie sehr er litt.

»Gar nichts?«, fragte der Mann mit einem Funken Hoffnung in der Stimme nach und Henri schüttelte sofort den Kopf.

»Gar nichts«, wiederholte sie bewusst seine Worte. »In letzter Zeit gab es viele Aufträge von Mama Beth. Ich hatte kaum Zeit, um mir einen eigenen Vorrat anzulegen, geschweige denn irgendetwas abzuzapfen. Erst gestern musste ich drei Leichen ausnehmen.«

»Und da ist nichts für mich übrig geblieben? Komm schon, Henri. Ich kenne dich. Nein, ich kenne Scott. Er hat doch sicherlich das ein oder andere von dem Zeug weggesperrt. Für die harten Tage, du weißt schon.«

Eustace hatte sich ein wenig weiter nach vorn gebeugt. Er sprach leise und bedacht, sah sich immer wieder um, als würde sich auch nur einer der Anwesenden für ihr Gespräch interessieren. In seinen Augen glitzerte eine Gier, die Henri einen kalten Schauer über den Körper jagte. Das war es, was Eustace so gefährlich und so verdammt unberechenbar machte.

»Henri. Ich brauche neuen Stoff!«

»Ich kann es sehen«, antwortete die junge Frau ebenso leise. Eustace’ Auge zuckte immer wieder und auch seine Finger schlossen sich um Henris Glas, nur um es im nächsten Moment wieder loszulassen. Sein Bein wippte. »Versuche es wie die anderen Sänger und hör dich um, lausche Geschichten und erfinde eine Melodie. Sei der verdammte Moritatensänger, für den du dich ausgibst. Ich habe kein Wissen, das ich dir geben könnte. Bitte lass mich in Ruhe.«

»Eustace!«

Henri zuckte zusammen und ließ die Gabel, die sie eben aufgenommen hatte, wieder fallen. Auch Eustace senkte den Kopf und duckte sich weg, als würde er jeden Moment einen Schlag erwarten, der jedoch ausblieb.

»Was führt dich hierher nach Rye, alter Freund?«

Scott war zu ihnen getreten und hatte eine Hand fest auf die Schulter des Moritatensängers gelegt. Die junge Frau bemerkte durchaus, wie fest er seine Finger in den Stoff von Eustace’ Kleidung krallte, als bestände die Möglichkeit, dass der Mann floh.

»Als ob du das nicht wüsstest!«, murmelte Henri leise. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht und einem Pint in der Hand gesellte sich Scott zu ihnen, quetschte sich an Eustace und dem Kamin vorbei, ehe er sich auf seinen Platz fallen ließ. Das Glas stellte er sanft auf dem Tisch ab, beugte sich ein wenig weiter nach vorn und wandte sich an Eustace, ohne das Lächeln zu verlieren.

»Wir hatten einen Deal. Du tauchst hier nur auf, wenn du dich vorher bei uns gemeldet hast. Wir verkaufen dir nichts mehr, wenn du einfach vor unserer Tür stehst. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass du dann nur Probleme in Form von Leichen bringst.«

»Ja, ich weiß. Aber ich brauche neuen Stoff und ich weiß, dass ihr immer welchen habt. Ich kann bezahlen. Dieses Mal sofort. Ich habe alles Geld hier, das ihr braucht.«

»Das Dreifache!«

»Was? Das ist zu viel, Scott.«

»Das Dreifache oder gar nicht!«

»Du bist ein verdammtes Schwein.«

»Ich bin ein Geschäftsmann. Also, schlägst du ein? Du hast doch eine so wunderschöne, dunkle und rauchige Stimme. Ich bin mir sicher, dass du heute Abend genug einnehmen kannst, um dir die Geschichte zu leisten.«

Henri ließ die beiden Männer reden und diskutieren. Immer wieder warfen sie Argumente hin und her. Eustace versicherte, ein guter Kunde zu sein, das Geld bei sich zu tragen und nicht einmal auf die Zahlungen der Zuhörer heute angewiesen zu sein. Scott hingegen nutzte diese Information, um noch mehr herausschlagen zu wollen, denn Eustace kam unangekündigt und deshalb mussten sie auf Reserven zurückgreifen. Henri lauschte den Lügen, die Scott dem anderen erzählte und jenen, mit denen Eustace antwortete. Und doch herrschte zwischen den beiden Männern eine sonderbar freundschaftliche Stimmung, die Henri nie wirklich nachvollziehen konnte. Beinahe wirkte es, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen. Obwohl sie diskutierten, zierte die Lippen beider ein sanftes Lächeln, als würden sich zwei Freunde necken. Scott wusste, welche Worte den anderen schmerzten, und auch Eustace hackte immer wieder neckend auf dem anderen herum. Henri ließ ihnen den Moment und genoss es sogar ein wenig, die beiden Männer so ausgelassen miteinander sprechen zu sehen. Auch sie sollten Mama Beth, Rye und ihre Verpflichtungen für einen Augenblick vergessen.

Doch bald wanderten ihre Gedanken wieder zu dem eigentlichen Kern des Gespräches. Eustace hatte mit seiner Behauptung recht gehabt. Sie lagerten immer ein wenig Wissen auf Vorrat, das der Sänger dann in seine legendären Moritaten verwandeln konnte.

»Makaber. Finden Sie nicht, Miss Walsh?«, murmelte wieder die dunkle Stimme in Henris Gedanken.

»Das ist dein Job!«, fügte die liebliche hinzu.

Während die beiden Männer weiterhin argumentierten, sah Henri, wie sich das Pub immer mehr füllte und alle Augen wie gebannt auf Eustace lagen, als rechneten sie damit, dass er jederzeit auf den Tisch springen und ein Lied vortragen würde. Nach dem Reinfall von gestern sehnten sich alle nach einem guten Sänger und das war Eustace, auch wenn er süchtig nach etwas war, das niemand hier wohl je fassen konnte.

»Der Eingriff ist heute Abend!«, beharrte Eustace plötzlich. Henri wurde wieder aufmerksamer, denn nun betraf es sie ebenfalls.

»Heute Abend?« Scott schüttelte vehement den Kopf. »Vergiss es! Ich weiß nur zu genau, wie das hier alles ausgehen wird. Du wirst deine Lieder singen, die Gäste werden dich einladen und du schlägst kein Pint aus. Betrunken können wir dich nicht gebrauchen. Wir haben das einmal gemacht und dich dabei fast getötet.«

»Vielleicht hätten wir es tun sollen«, fügte Henri hinzu und entlockte Scott damit ein leises Kichern. Sie sprachen heute noch oft darüber, dass sie beinahe Eustace Moon, einen der bekanntesten und beliebtesten Moritatensänger Englands, auf dem Gewissen gehabt hätten.

»Okay«, knurrte Eustace schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Morgen dann, nachdem ich meinen Rausch ausgeschlafen habe. Und ich bin bereit, das Dreifache zu zahlen, wenn der Stoff gut ist. Das Zweifache als Anzahlung vor dem Eingriff.«

Scott nickte und streckte die Hand aus, in welche Eustace einschlug. Das Licht im Kamin flackerte und Henri bemerkte, wie alt Eustace geworden war. Dabei trennten sie nicht einmal viele Jahre. Sein Gesicht war von Falten geprägt und verzerrt, die Augen sahen müde aus und er war dürrer, als Henri ihn in Erinnerung hatte. Manchmal zuckten seine Hände und ein Blick unter den Tisch gab Henri zu verstehen, dass er immer noch unruhig mit den Beinen wippte.

»Eustace! Wir warten!«, brüllte jemand durch den Raum und der Moritatensänger war mit einem Mal wie ausgewechselt. Seine Lippen bogen sich weit nach oben und die Schwerfälligkeit wich aus seinem Gesicht. Die Augen begannen zu leuchten und Henri stand nun wieder der Mann gegenüber, den sie nicht ausstehen konnte.

»Natürlich«, antwortete Eustace, während er sich erhob. »Tut mir leid. Ein Pint und ich bin bereit, euch eine Geschichte zu erzählen, die ich in Cornwall aufgenommen habe. Ihr glaubt gar nicht, was ich dort in einem kleinen Dorf erlebt habe. Ein Pint, John!«

Eustace schob sich einen Stuhl zurecht und stieg über diesen auf einen der Tische. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Seine rauchige Stimme hatte einst wie ein Singvogel geklungen, doch Henri fand, dass sie nun weitaus besser zu den morbiden Gesängen passte. Engelsgleiche Stimmen, die von Mord und Leichen, dunklen Gassen und makaberen Praktiken sangen, wirkten nicht richtig.

»Hört, hört, ihr Bewohner von Rye. Ich habe euch eine neue Geschichte mitgebracht!«, begann Eustace laut, als ihm irgendjemand ein Pint in die Hand gedrückt hatte. Er drehte sich auf dem Tisch und wollte auf Nummer sicher gehen, dass ihm auch jeder die Aufmerksamkeit schenkte, die er verdient hatte.

»Tut mir leid, Henri. Aber das Dreifache …«

Henri nickte, winkte aber ab. Das war eine viel zu große Summe, als dass sie diese einfach hätten ablehnen können. Scott hatte richtig gehandelt. Sie brauchten jedes Geld, das sie aus Mama Beths harter Hand befreien könnte.

»Er ist zu gierig«, hallte eine Stimme in ihrem Kopf.

»Leider ist er nun mal der beste Kunde, den wir haben«, murmelte Scott leise weiter.

Während Eustace sein Lied trällerte, lauschten die anderen Besucher des Pubs aufmerksam. Keiner sprach oder wagte es, den Sänger zu unterbrechen. Henri kannte die Ballade, die er von sich gab, bereits.

»Erinnerst du dich an sie?«, fragte die junge Frau leise nach.

»Natürlich«, antwortete Scott sofort.

Eustace sang von einem Mädchen aus Cornwall, das in einem kleinen Dorf gelebt hatte. Sie war als Hexe beschimpft worden. Niemand hatte mit ihr gesprochen und die Menschen hatten sie wie einen Geist behandelt. Sie war ausgeschlossen und gleichzeitig eingeschlossen gewesen. An den Rand des Dorfes gedrängt und doch vom Wohlwollen der anderen abhängig.

»Hexe schimpft er sie«, murmelte Scott leise und nun war es Henri, die zustimmte. Sie schloss die Augen, um sich zu erinnern. Ihr kam es vor, als wäre es gestern gewesen, dabei waren bereits etliche Jahre vergangen.

Sie sah die junge Frau immer noch vor sich auf dem Operationstisch liegen. Henri hatte sie schlank in Erinnerung, die Haut beinahe weiß und die Hände von harter Arbeit gezeichnet. Dies war eines der wenigen Male gewesen, in denen sie sich gewünscht hatte, sie hätte den Ausdruck im Moment ihres Todes gesehen. Man hatte ihr das sanfte Lächeln gelassen. Peinlich genau waren ihr nicht nur die Augen ausgekratzt, sondern das gesamte Gesicht abgeschabt worden, damit Henri sie niemals den Vermisstenbildern zuordnen konnte. Doch sie hatte mehr gesehen, als ihr lieb war.

»Sie war stumm gewesen.«

Henri umschloss das Glas fester. Ihr Magen rumorte bei dem Gedanken an das Mädchen. Ihre Stimmbänder waren nicht ausgeprägt gewesen. Wenn sie etwas gesagt hatte, so hatte es wahrscheinlich wie ein leises Krächzen geklungen. Ihr war es so nicht möglich gewesen, um Hilfe zu schreien, als sie langsam und qualvoll getötet worden war.

Henri verzog das Gesicht, als Eustace von ihr sprach, als hätte sie die Männer verzaubert und diese in ihr Schlafzimmer gelockt. Doch sie selbst kannte die Spuren, die sie in ihrem Schritt entdeckt hatte und alles, was ihr angetan worden war, war nicht freiwillig geschehen.

»Wir hätten ihre Geschichte nicht hergeben dürfen.«

»Ich weiß, Henri. Ich verspreche dir, dass ich besser aufpasse!«

Sie war noch jung gewesen, noch nicht lange volljährig, doch umso länger allein und nicht stark genug, um sich zu wehren. Letztendlich war sie ertränkt worden, im Fluss des Dorfes, bis sich ihre Lungen gänzlich mit Wasser gefüllt hatten. Dort hatte man sie gefunden, in einen Wagen gepackt und nach Rye zu Henri gebracht, bevor es zu spät gewesen wäre.

Die junge Frau lauschte Eustace’ Worten, der nun von einem Fluch sprach, der die Dorfbewohner seither heimsuchte und Henri wünschte sich, dass zumindest dies der Wahrheit entspräche. Und sollte je einer von ihren Schändern auf Henris Tisch landen, so würde sie ihn mit Freuden ausnehmen und seinen Körper höchstpersönlich zerstückeln.

»Henri?«

»Ja?«

»Lass uns gehen. Ich denke nicht, dass du noch eine Moritat von Eustace erträgst und wir wissen beide, dass er es nicht bei einer belässt. Wer weiß, welche Geschichten er noch auskramt, die wir nicht hören wollen.«

»Du hast recht.«

Mit einem schweren Seufzen auf den Lippen erhob sich die junge Frau und sah aus den Augenwinkeln, wie Scott sein Pint in einem Zug leer trank. Henri senkte den Kopf, zog die Schultern etwas an und war dem anderen dankbar dafür, dass er den Arm um sie legte und alle Fragen, warum sie denn so früh schon gingen, für sie beantwortete.

»Soll ich dich nach Hause begleiten?«, fragte Scott beinahe augenblicklich, als die Tür des Pubs hinter ihnen zugefallen war und die Stimmen nur noch dumpfe und ferne Laute waren, die Henri leicht zu ignorieren wusste.

»Nein, schon gut.« Sie winkte ab. »Ich denke, ein kurzer Spaziergang wird mir guttun. Sieh nur zu, dass du morgen rechtzeitig bei mir bist. Ich will nicht eine Sekunde mit ihm alleine sein.«

Mit einem Kopfnicken deutete Henri zurück auf das Pub. Es war bereits dunkel geworden, lediglich die wenigen Fenster warfen Licht nach draußen. Der Hinterhof wirkte nun umso düsterer und bedrohlicher. Die hohen Wände des Pubs ragten auf wie Klauen, die sich jederzeit auf sie stürzen könnten.

»Henri?«

»Tut mir leid, hast du etwas gesagt?«

Sie war so von dem düsteren Anblick des Pubs gefesselt gewesen, dass sie einen Moment vergessen hatte, dass sie nicht alleine war.

»Nein, schon gut. Ich versuche, Eustace morgen vor dem Pub abzupassen, damit er nicht auf die Idee kommt, sich alleine auf den Weg zu dir zu machen. Meine Apparatur liegt noch im Operationssaal, oder?«

»Ja.«

»Gut. Ich bringe die Phiolen mit dem nötigen Wissen.«

»Danke, Scott. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Henri.«

Scott hob die Hand zum Abschied und trat durch das große und dunkle Tor des Inns in die Mermaid Street, während Henri sich umwandte und den schmalen Pfad in Richtung Mint Street schlenderte. Eustace’ Stimme klang immer noch in ihrem Hinterkopf und sie war froh, als sie das Pub so weit hinter sich gelassen hatte, dass kein Mucks mehr an ihre Ohren drang.

»Ein Glück, dass du nicht auch süchtig geworden bist«, sprach eine leise Stimme und Henri gab einen zustimmenden Laut von sich.

Ein Glück, dass sie rechtzeitig damit aufgehört hatte, sich selbst das Wissen der Toten zu injizieren.

3

Als Henri mitten in der Nacht die Augen öffnete, wusste sie, dass Fremde in ihr Haus eingedrungen waren. Sie setzte sich auf, wollte sich umsehen, doch sofort bemerkte sie die schemenhaften Umrisse in der Dunkelheit. Fahles Mondlicht fiel durch ihr Fenster. Das Herz pochte so laut in ihren Ohren, dass sie glaubte, keinen einzigen klaren Gedanken fassen zu können. Der silberne Schein umrahmte die großen Gestalten und das Metall der Pistolen, die sie trugen, warf ein wenig davon zurück.

Henri krallte ihre Hände in die Bettdecke, um ihr Zittern zu verbergen. Ein Fluch lag auf ihren Lippen, den sie jedoch nicht wagte auszusprechen. Sämtliche Waffen waren auf sie gerichtet und die Männer, welche sie fest in der Hand hielten, blieben in den Schatten des Zimmers verborgen.

Henri betrachtete die Eindringlinge so gut es ihr im schwachen Mondlicht möglich war. Langsam wandte sie den Kopf um und wagte es nicht, den Mund zu öffnen, aus Angst, eine Kettenreaktion auszulösen. Henri glaubte, sechs Männer zu erkennen. Sie waren in dunkle Kleidung gehüllt, hatten Nase und Mund mit Tüchern bedeckt, standen um ihr Bett herum und ließen die junge Frau nicht eine Sekunde aus den Augen.

»Miss Henriette Walsh.«

Ein kalter Schauer jagte über ihren gesamten Körper, als die dunkle und kratzige Stimme an ihre Ohren drang. Henri verzog das Gesicht. Sie mochte es nicht, wenn sie mit ihrem gesamten Namen angesprochen wurde.

»Einen Moment«, fügte der Fremde hinzu. Ein Zischen ertönte. Henri brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, welchen Weg die Funken zurücklegten, bis sie die Lampe erreichten, die auf ihrem Nachttisch stand. Eine Dampfkugel wurde entzündet und spendete kurze Zeit später ein sanftes Licht. Der Unbekannte hatte den Schalter betätigt und das Zimmer wurde in ein mattes, gelbes Licht getaucht. Nun konnte auch Henri besser sehen. Sie hatte sich verzählt. Es waren keine sechs, sondern nur zwei Männer, während ein weiterer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihrem Bettende stand. Das Grinsen in seinem Gesicht verhieß nichts Gutes. Die Zähne waren weiß und die Statur schmächtig. Wahrscheinlich hatte er deswegen auf bewaffnete Männer zurückgegriffen, auch wenn er sie um einen halben Kopf überragte. Er trug ebenfalls vorwiegend dunkle Kleidung, machte sich jedoch nicht die Mühe, sein Gesicht zu verbergen. Es war schmal und doch kantig. Wie jene der Lords und Ladys am königlichen Hof.

»Ich habe aus vertraulichen Quellen erfahren, dass Sie eine sehr gute Ärztin sind, Miss Walsh.«

»Es kommt ganz darauf an, mit wem Sie das Vergnügen hatten«, gab Henri zurück, sprach jedoch nur leise, um das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Immer wieder wandte sie sich zu den anderen Männern um und versuchte, besondere Merkmale zu erkennen, die sie später an Mama Beth weitergeben konnte. Bisher hatte die Schmugglerkönigin noch jeden aufgespürt und seiner gerechten Strafe zugeführt.

»Ich spreche nicht von den einfachen Operationen, die Sie für Beth ausführen. Ich habe – mit Verlaub – Kontakt zu weitaus fähigeren Ärzten, als Sie es sind. Soweit ich informiert bin, haben Sie nicht einmal ein Studium an einer Universität abgeschlossen. Und Sie wagen es, sich Ärztin zu nennen?«

»Ich nenne mich nicht Ärztin. Das tun andere. Ich bin lediglich eine Schmugglerin.«

Die Stimme des Mannes war dunkel, aber nicht so sehr wie jene von Eustace. Sie wirkte ruhig und bedacht, als würde er sich jedes Wort, das er von sich gab, genau überlegen und auch Henri mahnte sich zur Vorsicht. Ein Mann, der mit Worten umzugehen wusste, war immer ein gefährlicher Gegner.

»Dass sie schlagfertig sind, wurde mir ebenfalls erzählt.« Der Mann verzog keine Miene. Er schritt langsam im Raum auf und ab. »Sie fragen sich sicher, warum ich an Sie herangetreten bin, Miss Walsh. Mein Name ist Leland. Meinen Nachnamen brauchen Sie nicht zu kennen. Wie bereits erwähnt, habe ich aus einer vertraulichen Quelle erfahren, dass Sie hier in Rye gewisse Dinge mit Leichen anstellen.«

Henri presste die Lippen fest aufeinander. Der Unterton in der Stimme des anderen gefiel ihr nicht. Er schien mehr zu wissen, als ihr lieb war. Sein Akzent klang etwas unbeholfen. Vielleicht Amerikaner?

»Ich meine natürlich nicht ihren läppischen Handel mit irgendwelchen Organen.« Leland winkte ab.

»Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen.« Henri krallte sich etwas in die Bettdecke, um ihre Unsicherheit zu verbergen. »Aber ich handle nur mit Organen. Wenn Sie wollen, schneide ich Ihnen jeden Körper auf – gegen die richtige Bezahlung natürlich – und dann entnehme ich diesem alles, was sie möchten. Mit mehr kann ich nicht dienen.«

»Ich denke, Sie können mit deutlich mehr dienen, Miss Walsh.«

Henri sagte nichts, da es nichts zu sagen gab, doch in ihrem Hinterkopf flüsterte ihr eine leise und doch drängende Stimme sanft ins Ohr.

»Er weiß Bescheid.«

Die junge Frau biss sich leicht auf die Unterlippe, damit nicht doch ein Wort ihren Mund verließ.

»Nun, dann würde ich Sie bitten, aufzustehen und sich in Ihren Operationssaal zu begeben. Der Tote liegt bereit und ist sogar noch warm.«

»Kutabare!«

Henri zuckte kurz zusammen.

»Aufstehen!«, brüllte Leland, als sie sich nicht sofort bewegte. Die junge Frau gehorchte. Quälend langsam stieg sie aus dem Bett. Einerseits hatte sie Angst davor, dass jede unüberlegte und zu schnelle Bewegung ihr Tod sein könnte und andererseits wollte sie Zeit, um nachzudenken. Langsam ging sie zu ihrer Kleidertruhe, griff wahllos nach einer Jacke und schlüpfte in eine einfache Hose. Die Männer waren nicht einmal anständig genug, um ihren Blick abzuwenden, sondern nutzten den Moment, um auch noch zu gaffen. Henri verzog das Gesicht.

»Los! Sie gehen voran!«

Leland packte sie grob am Arm und schob sie voraus. Sie öffnete ihre Zimmertür und trat die Stufen in den Wohnraum nach unten, in dem sich eine schmale Kochnische befand. Henri zog die Jacke enger, ging langsam durch den Raum und zuckte selbst immer wieder zusammen, wenn die Holzbalken unter ihren Füßen knarrten. Wenn sie nur irgendwie Scott Bescheid geben könnte.

»Das können Sie nicht, Miss Walsh. Mister Yeats wohnt am anderen Ende der Stadt. Kooperieren Sie und wir alle kommen vielleicht mit dem Leben davon!«

Henri presste ihre Lippen fest aufeinander, um der rauen Stimme in ihren Gedanken nicht zu antworten. Doch da meldete sich die sanfte Stimme mit einem Unterton, welcher der jungen Frau einen kalten Schauer über den Rücken jagte.

»Ich wusste, wir hätten uns bewaffnen sollen. Siehst du das, Henri? Mit einer verdammten Waffe wäre das nicht passiert. Wie sollen wir ihnen nun einen Denkzettel verpassen und dafür sorgen, dass sie es nie wieder wagen, sich mit uns anzulegen? Hm!?«

Henri verließ das kleine Haus durch die Hintertür in den schmalen Garten. Dieser war von hohen Steinmauern umringt und ein gepflasterter Weg führte über den Rasen. Henri erschauderte, als sie nach draußen trat und die Kälte ihr ins Gesicht schlug. Augenblicklich zog sie die Jacke enger und rügte sich dafür, ohne Socken in ihre Schuhe geschlupft zu sein. Mit wenigen Schritten durchquerte sie den Garten und kam an einer weiteren, in die Wand eingelassenen Holztür an. Früher hatte sich dahinter ein Lagerraum befunden.

Henri griff nach dem Schloss, welches an der Tür angebracht worden war. Scott hatte es angefertigt. Er hatte es bei einem Mechaniker gelernt, hatte er ihr gesagt, doch insgeheim wusste die junge Frau, dass das erlogen war. Sie umfasste das Schloss, erkannte jedoch sofort, dass es bereits aufgebrochen war. Henri griff nach der kalten Klinke und drückte sie nach unten. Schnell trat sie die wenigen Treppen nach unten in den Raum, in dem es nur wenig wärmer war als draußen.

Doch das ihr sonst so vertraute Bild war gestört.

Auf dem Tisch lag bereits eine Leiche, umringt von zwei weiteren vermummten und bewaffneten Männern.

»Nur zu, Miss Walsh. Treten Sie näher. Das ist Ihr heutiger Patient.«

Leland schlenderte an ihr vorbei. Er machte große Schritte und Henri konnte das breite, selbstsichere Grinsen in seinem Gesicht nur zu gut erkennen. Er hatte den Kopf leicht gehoben, als er an die andere Seite des Tisches trat und sich mit seinen Händen auf diesen stützte.

Henri schluckte schwer und folgte ihm erst, als sie den Lauf einer Pistole im Rücken spürte. Die Leiche, die ihr gebracht worden war, war nackt und auch ihre Instrumente lagen mehr oder weniger bereit. Einer der Männer hatte sie wohl wahllos aus den Schubladen gegriffen und einfach auf ihren Wagen fallen gelassen. Wie von selbst schweifte ihr Blick zu dem Gesicht des Toten.

Auch Leland war es wichtig, dass Henri nicht erkannte, wen genau sie da operierte. Es lag ein Laken über dem Kopf der Leiche.

»Ich bitte Sie höflichst, sich an die Arbeit zu machen, Miss Walsh.«

»Ich weiß immer noch nicht, welche Organe ich für Sie entfernen soll. Sie haben sich in meinem Schlafzimmer sehr vage gehalten.«

Henri versuchte zu erkennen, wer da vor ihr lag. Es musste ein hohes Tier sein, dachte sie bei sich. Vielleicht der Bürgermeister von Rye? Doch der schlanke Körper des Toten passte nicht zu Thomas Gray. Henri schätzte den Mann ein wenig älter, als sie es war. Sein Körper war gut ausgeprägt, die Muskeln trainiert, auch wenn er etwas mehr auf den Hüften vertragen könnte. Henri ließ den Blick ungeniert weiter über den nackten Körper wandern. Leland hatte sich nicht die Mühe gemacht, den Unterleib zu bedecken. Vorsichtig streckte sie die Hand nach dem Mann aus und zuckte erneut zusammen, als sie dessen Haut berührte.

»Woher …?«

»Wie gesagt, ich habe eine sehr vertrauenswürdige Quelle.«

Die Leiche war noch warm! Das war kein gutes Zeichen. Warme Leichen waren perfekt für das, was Leland von ihr verlangte. Henri trat einen Schritt zurück. Sie begann zu ahnen, dass der Mann vielleicht sogar hier auf ihrem Tisch umgebracht worden war, dass er ihren Operationssaal noch lebend betreten hatte, wenn auch nicht ganz freiwillig. Die Handgelenke waren von Seilen abgeschürft sowie auch seine Fußgelenke. Er hatte einige blaue Flecken, war wohl geschlagen worden.

»Nun sollte Ihnen klar sein, was ich will, Miss Walsh.«

Henri bemerkte, wie Leland an ihre Seite trat und freundschaftlich den Arm um sie legte. Doch die junge Frau schob den Arm zur Seite, nur damit Leland ihn einen Moment später noch einmal um sie schlingen konnte, dieses Mal jedoch deutlich fester.

»Ich will das Wissen, Miss Walsh, und ich weiß, dass Sie es mir geben können. Also machen Sie sich an die Arbeit oder Sie haben eine Kugel im Kopf!«

Als Leland sich von ihr löste, ließ er es sich nicht nehmen, ihr noch einmal auf den Hintern zu schlagen.

»Dreckiger Bastard. Dafür solltest du ihm die Eier abschneiden! Dreh dich um und schlag ihm mit deiner Rechten zwischen die Beine, damit er nie wieder eine Frau glücklich machen kann. Dann reißen wir ihm seinen verdammten …«

Henri drängte die Stimme in ihrem Hinterkopf zurück. Sie hob den Kopf und sah sich noch einmal im Raum um. Noch nie hatten sich so viele Lebende hier eingefunden. Und alle Blicke waren auf sie gerichtet. Henris Herz schlug ihr bis zum Hals, schnürte ihr die Luft ab und als sie erkannte, dass Leland bereits unruhig mit den Fingern auf den Tisch klopfte, beschloss sie zu handeln. Sie trat um den Tisch herum und schlenderte bewusst langsam zu einem der Regale an der Wand, vor welchem sie sich auf den Boden hockte. Eine der großen Fliesen ließ sich hochheben, wenn man sie am Rand ein wenig eindrückte und gab ein kleines Loch frei.

Henri griff nach der versteckten Holzkiste und öffnete sie. Wie immer hatte Scott sich gut um die Apparatur gekümmert und es lag alles für einen Eingriff bereit. Henri verfluchte ihn dafür.

Auf ein weiches Tuch gebettet lag die Maschine da, an der Scott so viele Tage, Wochen und Monate gearbeitet hatte. Henri erinnerte sich noch gut daran, wie er all sein Werkzeug manchmal sogar hierher in den Operationssaal genommen hatte, um daran zu schrauben. Vor allem aber erinnerte sie sich an die ersten Tests.

»Die ersten erfolgreichen Tests«, fügte die dunkle Stimme in ihrem Kopf hinzu.