Die Mühle am Floss - George Eliot - E-Book

Die Mühle am Floss E-Book

George Eliot

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Beschreibung

Das Leben ist nicht leicht für die ungestüme Maggie Tulliver, die ihren Bruder Tom verehrt und verzweifelt versucht, die Anerkennung ihrer Eltern zu gewinnen. Dennoch ist es eine unbeschwerte Kindheit, die sie in der idyllischen Umgebung der Dorlcoter Mühle verlebt – bis der Vater die Mühle verliert und Tom die Schulden der Familie begleichen muss. Zunehmend gerät Maggie zwischen die Fronten der vier Männer in ihrem Leben: des Vaters, ihres Bruders, eines Verehrers und ihres Jugendfreunds, der zufällig der Sohn des Erzfeindes ihres Vaters und Bruders ist. Die ergreifende Geschichte eines ungleichen Geschwisterpaars, die nach vielen Wirrungen in einer alles verschlingenden Flutkatastrophe endet, gilt als Eliots autobiographischster Roman. – Mit einer kompakten Biographie der Autorin.

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EPUB

Seitenzahl: 1068

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George Eliot

Die Mühle am Floss

Aus dem Englischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Eva-Maria König

Reclam

Englischer Originaltitel: The Mill on the Floss

 

1983, 2022 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH

Coverabbildung: Tyne & Wear Archives & Museums / Bridgeman Images

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2022

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962004-6

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020662-1

www.reclam.de

Inhalt

Erstes Buch: Junge und Mädchen

Kapitel 1: An der Dorlcoter Mühle

Kapitel 2: Mr Tulliver von der Dorlcoter Mühle erklärt, was er Toms wegen beschlossen hat

Kapitel 3: Mr Riley gibt seinen Rat hinsichtlich einer Schule für Tom

Kapitel 4: Tom wird erwartet

Kapitel 5: Tom kommt heim

Kapitel 6: Die Tanten und Onkel kommen

Kapitel 7: Die Tanten und Onkel treten auf

Kapitel 8: Mr Tulliver zeigt eine schwache Seite

Kapitel 9: Nach Garum Firs

Kapitel 10: Maggie beträgt sich schlimmer, als sie erwartete

Kapitel 11: Maggie versucht, ihrem Schatten davonzulaufen

Kapitel 12: Mr und Mrs Glegg daheim

Kapitel 13: Mr Tulliver verwirrt das Lebensknäuel noch weiter

Zweites Buch: Schulzeit

Kapitel 1: Toms erstes Halbjahr

Kapitel 2: Die Weihnachtsferien

Kapitel 3: Der neue Schulkamerad

Kapitel 4: Neues Lernen

Kapitel 5: Maggies zweiter Besuch

Kapitel 6: Eine Liebesszene

Kapitel 7: Die goldenen Pforten werden durchschritten

Drittes Buch: Der Niedergang

Kapitel 1: Was daheim geschehen war

Kapitel 2: Mrs Tullivers Teraphim oder Haushaltsgötter

Kapitel 3: Der Familienrat

Kapitel 4: Ein flüchtiger Schimmer

Kapitel 5: Tom setzt sein Messer an die Auster

Kapitel 6: Das verbreitete Vorurteil gegen das Geschenk eines Taschenmessers zu widerlegen

Kapitel 7: Wie eine Henne zu einer Kriegslist greift

Kapitel 8: Tageslicht über dem Wrack

Kapitel 9: Dem Familienregister wird ein Punkt hinzugefügt

Viertes Buch: Das Tal der Demütigung

Kapitel 1: Eine Variante des Protestantismus, die Bossuet unbekannt war

Kapitel 2: Das zerrissene Nest wird von Dornen durchbohrt

Kapitel 3: Eine Stimme aus der Vergangenheit

Fünftes Buch: Weizen und Unkraut

Kapitel 1: Im Roten Grund

Kapitel 2: Tante Glegg lernt Bobs breiten Daumen kennen

Kapitel 3: Das schwankende Gleichgewicht

Kapitel 4: Eine zweite Liebesszene

Kapitel 5: Der gespaltene Baum

Kapitel 6: Der schwer errungene Triumph

Kapitel 7: Tag der Abrechnung

Sechstes Buch: Die große Versuchung

Kapitel 1: Ein Duett im Paradies

Kapitel 2: Erste Eindrücke

Kapitel 3: Vertrauliche Momente

Kapitel 4: Bruder und Schwester

Kapitel 5: Hier zeigt sich, dass Tom die Auster geöffnet hatte

Kapitel 6: Die Gesetze der Anziehungskraft zu illustrieren

Kapitel 7: Philip tritt wieder auf

Kapitel 8: Wakem in neuem Licht

Kapitel 9: Wohltätigkeit im Gesellschaftskleid

Kapitel 10: Der Bann scheint gebrochen

Kapitel 11: Auf dem Feldweg

Kapitel 12: Ein Familientreffen

Kapitel 13: Von der Flut fortgetragen

Kapitel 14: Erwachen

Siebentes Buch: Die endgültige Rettung

Kapitel 1: Die Rückkehr zur Mühle

Kapitel 2: St. Ogg’s spricht sein Urteil

Kapitel 3: Hier zeigt sich, dass alte Bekannte uns überraschen können

Kapitel 4: Maggie und Lucy

Kapitel 5: Der letzte Konflikt

Schluss

Anhang

Anmerkungen

Nachwort

Zeittafel

Erstes Buch: Junge und Mädchen

Kapitel 1

An der Dorlcoter Mühle

Eine weite Ebene, wo der breiter werdende Floss zwischen seinen grünen Ufern der See zueilt und die liebende Flut, die ihm entgegenströmt, seinen Lauf mit einer ungestümen Umarmung auffängt: Auf dieser mächtigen Flut werden die schwarzen Schiffe – beladen mit frischduftenden Tannenplanken, mit prallen Säcken voll ölhaltiger Samen oder mit dunkel glänzender Kohle – zur Stadt St. Ogg’s hingetragen, die ihre alten gefurchten roten Dächer und die breiten Giebel ihrer Verladeplätze zwischen den niedrigen bewaldeten Hügeln und dem Flussufer hervorsehen lässt und das Wasser unter dem flüchtigen Schein dieser Februarsonne mit sanftem Purpur färbt. Weit nach jeder Seite erstrecken sich das üppige Weideland und die Flecken dunkler Erde, die für die Aussaat des breitblättrigen grünen Getreides bereitet ist oder schon einen Hauch Farbe der zarten Herbstsaat zeigt. Von den Mengen aufgerichteter goldener Getreidegarben des letzten Jahres sind noch Überreste da, die sich in Abständen zwischen den Heckenzäunen erheben, und überall wachsen Bäume entlang den Heckenzäunen: Die fernen Schiffe scheinen ihre Masten zu heben und ihre rotbraunen Segel dicht zwischen den Ästen der ausladenden Esche zu blähen. Genau bei der Stadt mit ihren roten Dächern fließt der Nebenfluss Ripple mit munterer Strömung in den Floss. Wie anmutig der kleine Fluss ist mit seinen dunklen, sich kräuselnden Wellen! Er erscheint mir als lebendiger Begleiter, während ich am Ufer entlangwandere und auf seine leise, sanfte Stimme lausche wie auf die Stimme eines, der taub ist und liebevoll. Ich erinnere mich an jene großen, ins Wasser hängenden Weiden. Ich erinnere mich an die Steinbrücke.

Und hier ist die Dorlcoter Mühle. Ich muss ein paar Minuten hier auf der Brücke stehen bleiben und sie ansehen, obwohl die Wolken bedrohlich sind und der Nachmittag weit fortgeschritten ist. Sogar in dieser blätterlosen Zeit des scheidenden Februar ist es erfreulich, sie anzusehen – vielleicht verleiht die frostige, feuchte Jahreszeit diesem gepflegten, behaglichen Wohnhaus, das so alt ist wie die Ulmen und Kastanien, die es vor dem stürmischen Nordwind schützen, noch einen besonderen Zauber. Der Fluss führt jetzt viel Wasser und liegt hoch in dieser kleinen Weidenpflanzung und ertränkt beinahe den Grasrand des Anwesens vor dem Haus. Da ich so auf den vollen Strom schaue, auf das lebhafte Gras, den zarten grünen Schimmer, der die Umrisse der mächtigen Stämme und Äste mildert, die unter den kahlen roten Zweigen glänzen, bin ich verliebt in die Nässe und beneide die weißen Enten, die ihre Köpfe hier zwischen den Weiden tief in das Wasser tauchen, ungeachtet des wenig anmutigen Aussehens, das sie der trockeneren Welt oben bieten.

Das Rauschen des Wassers und das Dröhnen der Mühle schaffen eine verträumte Taubheit, die das Friedliche der Szene noch zu erhöhen scheint. Es ist wie ein großer Vorhang aus Schall, der einen von der dahinterliegenden Welt abschirmt. Und jetzt donnert der riesige Planwagen daher, der mit Getreidesäcken heimkommt. Der rechtschaffene Fuhrmann denkt an sein Essen, das zu dieser späten Stunde im Ofen traurig dahintrocknet; aber er wird es nicht anrühren, bevor er nicht seine Pferde gefüttert hat – diese starken, geduldigen Tiere, die mit ihren sanften Augen, so meine ich, in mildem Vorwurf zwischen ihren Scheuklappen hervorschauen, weil er so fürchterlich mit der Peitsche knallt, als ob sie dieser Ermunterung bedürften. Wie recken sie doch ihre Schultern schon aufwärts zur Brücke, mit umso größerer Anstrengung, weil sie bald daheim sind. Man sehe sich nur ihre großen, zottigen Hufe an, die die feste Erde zu greifen scheinen; die geduldige Stärke ihrer Nacken, die sich unter dem schweren Kummet beugen, die mächtigen Muskeln ihrer sich mühenden Schenkel! Ich würde sie gern über ihrem schwerverdienten Futter wiehern hören und sehen, wie sie mit feuchten, vom Geschirr befreiten Hälsen ihre Nüstern begierig in den morastigen Teich tauchen. Jetzt sind sie auf der Brücke, und geschwinder traben sie wieder hinunter, und der Bogen des Planwagens verschwindet an der Wegbiegung hinter den Bäumen.

Jetzt kann ich meine Augen wieder der Mühle zuwenden und das rastlose Rad beobachten, das Wasser wie Diamanten spritzen lässt. Das kleine Mädchen dort beobachtet es auch: Sie steht schon auf demselben Fleck am Wasser, seit ich auf der Brücke haltmachte. Und der merkwürdige weiße Hund da mit dem braunen Ohr scheint in vergeblichem Protest gegen das Rad zu springen und zu bellen. Vielleicht ist er eifersüchtig, weil seine Spielgefährtin mit der Bibermütze von dessen Bewegung so eingenommen ist. Ich meine, es wäre Zeit für die kleine Spielgefährtin hineinzugehen; dort ist ein helles, flackerndes Feuer, das sie locken will, das rote Licht scheint nach draußen unter dem dunkler werdenden Grau des Himmels. Es ist auch Zeit für mich, meine aufgestützten Arme von dem kalten Stein der Brücke zu nehmen …

Ja, meine Arme sind tatsächlich schon ganz steif. Ich habe meine Ellbogen gegen die Lehnen meines Sessels gedrückt und geträumt, ich stünde auf der Brücke vor der Dorlcoter Mühle, die noch so aussah wie vor vielen Jahren an einem Februarnachmittag. Bevor ich in meine Träume versank, wollte ich erzählen, worüber Mr und Mrs Tulliver sprachen, als sie am hellen Feuer in der Wohnstube zur Linken saßen, gerade an dem Nachmittag, von dem ich träumte.

Kapitel 2

Mr Tulliver von der Dorlcoter Mühle erklärt, was er Toms wegen beschlossen hat

»Was ich will, weißt du«, sagte Mr Tulliver, »was ich will, ist, Tom ’ne gute Ausbildung zu geben, eine, wo er sein Brot mit verdienen kann. Das war’s, was ich im Kopf hatte, als ich ihn zu Mariä Verkündigung von der Lehranstalt abgemeldet hab. Ich will ihn jetzt zu Mittsommer auf ’ne richtig gute Schule schicken. Die zwei Jahr’ auf der Lehranstalt hätten ja wohl gereicht, wenn ich aus ihm ’nen Müller oder Bauern machen wollte, denn er hat jetzt schon mehr Schule gehabt als ich in meinem ganzen Leben. Die Gelehrsamkeit, für die mein Vater bezahlt hat, war Prügel auf der einen Seite und das Alphabet auf der andern. Aber Tom soll so was wie ’n Gelehrter sein, damit er mit den Tricks mitkommt, die diese Kerle gebrauchen, die gut reden und verschnörkelt schreiben können. Er könnt’ mir dann bei den Prozessen und Schlichtungen und all dem helfen. Ich will kein’ richtigen Advokaten aus dem Jungen machen – es tät’ mir leid, wenn er ein Schurke würde – aber so ’nen Ingenieur oder Verwalter oder ’nen Auktionator und Schätzer, wie Riley, oder ein’ von diesen schlauen Geschäftsleuten, die nur Gewinn haben und nie Ausgaben, außer für ’ne schwere Uhrkette und ’nen hohen Bürostuhl. Das ist fast alles dasselbe, und die kommen auch mit dem Gesetz ins Reine, glaub ich, denn Riley sieht dem Advokaten Wakem so scharf ins Gesicht wie eine Katze der andern. Er hat keine Angst vor ihm.«

Mr Tulliver sprach zu seiner Gattin, einer hübschen blonden Frau mit einem fächerförmigen Häubchen. (Es ist jetzt schon furchtbar lange her, dass fächerförmige Häubchen getragen wurden – demnach müssten sie bald wieder in Mode kommen. Damals, als Mrs Tulliver fast vierzig war, waren sie neu in St. Ogg’s, und man fand sie entzückend.)

»Ja, Mr Tulliver, du weißt es am besten; ich hab nichts dagegen. Aber sollt’ ich nicht lieber ein paar Hühner schlachten und die Tanten und Onkel nächste Woche zum Essen einladen, so dass du hören kannst, was Schwester Glegg und Schwester Pullet dazu zu sagen haben? Ein paar Hühner müssen sowieso bald geschlachtet werden!«

»Du kannst jedes Huhn auf dem Hof schlachten, wenn du willst, Bessy, aber ich werde weder Tante noch Onkel fragen, was ich mit meinem eigenen Jungen machen soll«, sagte Mr Tulliver herausfordernd.

»Meiner Seel!«, sagte Mrs Tulliver, erschreckt über diese angriffslustige Redeweise. »Wie kannst du so sprechen, Mr Tulliver? Aber so verächtlich sprichst du ja immer von meiner Familie, und Schwester Glegg sagt, ich sei schuld, obwohl ich doch so unschuldig bin wie ein ungeborenes Kind. Ich hab doch noch nie gesagt, es sei nicht gut für meine Kinder, dass sie Onkel und Tanten haben, die über genug zum Leben verfügen. Doch wenn Tom auf eine neue Schule gehen soll, dann hätt’ ich’s gern, wenn er wohin ginge, wo ich für ihn waschen und flicken kann; sonst bekommt er besser Kattun als Leinen, weil ja eins so vergilbt ist wie das andre, bevor es ein halbdutzendmal gewaschen ist. Und dann könnt’ ich dem Jungen, wenn der Koffer hin- und hergeht, einen Kuchen schicken oder Schweinspastete oder einen Apfel, denn er kann wohl was extra gebrauchen, der Gute, egal, ob sie das Essen knapp bemessen oder nicht. Meine Kinder können so viel essen wie andere auch, Gott sei’s gedankt.«

»Schon gut, wir werden ihn nicht außer Reichweite des Botenwagen schicken, wenn sich was Passendes findet«, sagte Mr Tulliver. »Aber du darfst uns wegen der Wäsche keine Steine in ’n Weg legen, wenn wir keine Schule in der Nähe bekommen können. Das will mir nicht recht gefallen, Bessy, dass du immer, wenn du ’nen Knüppel im Weg liegen siehst, meinst, du könntst nicht drübersteigen. Du würdst mich wohl noch dran hindern, einen guten Fuhrmann einzustellen, nur weil er ’n Muttermal im Gesicht hätt’.«

»Meiner Seel!«, sagte Mrs Tulliver in milder Überraschung. »Wann hab ich je was gegen einen Mann gesagt, nur weil er ein Muttermal im Gesicht hatte? Ich mag doch Muttermale sogar gern, weil mein Bruder, der nun schon unter der Erde ist, ein Muttermal auf der Stirn hatte. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass du je einen Fuhrmann mit einem Muttermal hättst einstellen wollen, Mr Tulliver. Da war John Gibbs, und der hatte ebenso wenig ein Muttermal, wie du eins hast, und ich war doch ganz dafür, dass du ihn einstellst, und so hast du’s getan, und wenn er nicht an Lungenentzündung gestorben wär’, als wir Dr. Turnbull noch für die Behandlung bezahlt haben, dann würd’ er sehr wahrscheinlich heut noch den Wagen fahren. Vielleicht hatte er ein Muttermal irgendwo, wo man es nicht sehen kann, aber wie sollt’ ich das wohl wissen, Mr Tulliver?«

»Nein, nein, Bessy, es ging mir ja gar nicht um das Muttermal; ich wollt’ damit was anderes sagen, aber gleichviel – Reden ist ein verwirrendes Geschäft. Ich denk drüber nach, wie man am besten die richtige Schule für Tom findet, denn ich könnt’ wieder Pech haben, wie mit der Lehranstalt. Ich will nie wieder was mit ’ner Lehranstalt zu tun haben; auf welche Schule ich Tom auch schicke, es wird keine Lehranstalt sein, es soll eine sein, wo die Jungen ihre Zeit anders zubringen als mit Schuheputzen für die Familie und Kartoffellesen. Es ist ’ne ganz ungewöhnlich schwierige Sache, rauszufinden, was für ’ne Schule man am besten nimmt.«

Mr Tulliver schwieg eine Minute oder zwei und schob die Hände tief in beide Hosentaschen, als ob er hoffte, dort einen Vorschlag zu finden. Offensichtlich wurde er nicht enttäuscht, denn schon sagte er: »Ich weiß, was ich tun werd – ich werd’s mit Riley besprechen. Er kommt morgen wegen dem Wehr, um zu schlichten.«

»Nun, Mr Tulliver, ich hab die Laken für das beste Bett rausgelegt, und Kezia hat sie ans Feuer gehängt. Es sind nicht die besten Laken, aber sie sind gut genug, dass jemand drin schlafen kann, wer’s auch sei; denn was die besten Leinenlaken angeht, so würd’ ich’s bereuen, dass ich sie gekauft hab, wenn wir nicht drin aufgebahrt werden würden. Und wenn du morgen sterben solltest, Mr Tulliver, sie sind wunderbar geplättet und bereit und riechen nach Lavendel, so dass es ’ne Freude wär’, sie auszubreiten; und sie liegen links in der großen eichenen Wäschetruhe ganz hinten, und ich würd’s nie jemandem außer mir anvertrauen, sie rauszunehmen.«

Als Mrs Tulliver den letzten Satz aussprach, zog sie einen Bund glänzender Schlüssel aus der Tasche, hielt einen davon hoch und rieb zufrieden lächelnd mit Daumen und Finger daran entlang, während sie ins helle Feuer sah. Wäre Mr Tulliver hinsichtlich seiner ehelichen Verbindung ein empfindlicher Mann gewesen, so hätte er vermuten können, dass sie den Schlüssel nur herauszog, um ihrer Vorstellungskraft nachzuhelfen, mit der sie bereits den Zeitpunkt sah, da er in einem Zustand sein würde, der das Hervorholen der besten Leinenlaken rechtfertigte. Glücklicherweise war er das nicht, er war nur empfindlich, wenn es um sein Recht auf die Wasserkraft ging. Überdies hatte er die Angewohnheit aller Ehemänner, nicht genau hinzuhören, und seit seiner Erwähnung von Mr Riley war er ganz offensichtlich mit dem prüfenden Befühlen seiner Wollstrümpfe beschäftigt gewesen.

»Ich glaub, ich hab’s getroffen, Bessy«, war seine erste Bemerkung nach kurzem Schweigen. »Riley ist doch wohl ’n Mann, der ’ne Schule wissen sollte; er ist selbst zur Schule gegangen und kommt viel rum zum Schätzen und Schlichten und all dem. Und wir werden morgen Abend Zeit haben, drüber zu reden, wenn das Geschäftliche erledigt ist. Ich möchte, dass Tom so ’n Mann wird, wie Riley einer ist, weißt du – der so gut reden kann, als ob’s alles für ihn aufgeschrieben wär’, und der ’ne Menge Wörter kennt, die nicht viel bedeuten, so dass man sie bei Gericht nicht zu fassen kriegt, und der dazu ’ne solide Kenntnis vom Geschäft hat.«

»Na ja«, sagte Mrs Tulliver, »wenn’s drum geht, schön zu reden und alles zu wissen und mit gebeugtem Rücken zu gehen und das Haar zurückzukämmen, so hätt’ ich ja nichts dagegen, wenn der Junge so erzogen würde. Aber diese schönredenden Männer aus den großen Städten tragen meistens ’ne falsche Hemdbrust, und sie tragen ’ne Krause, bis sie ganz unordentlich ist, und verbergen sie dann unter ’nem Latz; ich weiß, dass Riley das tut. Und dann, wenn Tom nach Mudport gehen und da wohnen soll, wie Riley, dann wird er ein Haus haben mit ’ner Küche, in der man sich vor lauter Enge kaum umdrehen kann, und er wird niemals frische Eier zum Frühstück bekommen und drei Treppen hoch schlafen, wenn nicht vier, was weiß ich, und er wird verbrannt sein, bevor er runterkommen kann.«

»Nein, nein«, sagte Mr Tulliver. »Ich denke nicht daran, dass er nach Mudport gehen soll. Ich möcht’, dass er sich ein Büro in St. Ogg’s einrichtet, bei uns in der Nähe, und zu Hause wohnt. – Aber«, fuhr Mr Tulliver nach einer Pause fort, »wovor ich etwas Angst hab, ist, dass Tom nicht die rechte Sorte Verstand hat für ’nen gewitzten Mann. Ich mein, er ist ein bisschen langsam. Er schlägt nach deiner Familie, Bessy.«

»Ja, das tut er«, sagte Mrs Tulliver und nahm die letzte Behauptung als ein für sich sprechendes Urteil auf. »Es ist wunderbar, dass er so gern ordentlich viel Salz in der Brühe mag. Genauso war’s bei meinem Bruder, und davor bei meinem Vater.«

»Trotzdem scheint es doch ein wenig schade zu sein«, sagte Mr Tulliver, »dass der Junge nach der Seite der Mutter schlägt und nicht das kleine Mädel. Das ist das Schlimmste dabei, wenn man zwei Zuchten kreuzt: Man kann niemals vorausberechnen, was dabei rauskommt. Die Kleine schlägt nach meiner Seite; sie ist zweimal so aufgeweckt wie Tom. Zu aufgeweckt für ’ne Frau, fürcht ich«, fuhr Mr Tulliver fort und wiegte bedenklich den Kopf. »Es ist nicht so schlimm, solange sie noch klein ist, aber ’ne scharfsinnige Frau ist nicht besser als ’n langschwänziges Schaf – sie wird keinen höheren Preis damit erzielen.«

»Es ist schlimm, solang sie noch klein ist, Mr Tulliver, denn es führt alles nur zu Ungezogenheit. Wie ich sie zwei Stunden lang in einer sauberen Schürze halten soll, geht schon über meinen Verstand. Aber jetzt, wo du mich drauf gebracht hast –«, setzte Mrs Tulliver hinzu, stand auf und ging zum Fenster, »ich weiß nicht, wo sie jetzt ist, und es ist schon fast Zeit zum Teetrinken. Ach, das dacht’ ich mir ja – da wandert sie am Wasser auf und ab, wie ’ne Wilde, sie wird eines Tags noch reinfallen.« Mrs Tulliver klopfte kräftig ans Fenster, gab ein Zeichen zum Hereinkommen und schüttelte mit dem Kopf. Diesen Vorgang wiederholte sie mehrmals, bevor sie zu ihrem Stuhl zurückkehrte.

»Du redst von Aufgewecktheit, Mr Tulliver«, bemerkte sie, als sie sich setzte, »aber ich bin sicher, dass das Kind in manchen Dingen ’n halber Schwachkopf ist, denn wenn ich sie raufschicke, um irgendwas zu holen, vergisst sie, wofür sie gegangen ist, und setzt sich vielleicht im Sonnenschein auf’n Fußboden und flicht ihr Haar und singt vor sich hin wie ein Geschöpf aus Bedlam, und ich wart hier unterdessen die ganze Zeit. Das gab’s in meiner Familie nie, Gott sei Dank, und auch nicht so ’ne braune Haut, mit der sie wie ’n Mulatte aussieht. Ich will ja die Vorsehung nicht rausfordern, aber es ist doch hart, dass ich nur ein Mädchen habe, und das eine ist so wunderlich.«

»Ach, Unsinn!«, sagte Mr Tulliver. »Sie ist so ’n feines schwarzäugiges Mädel, wie man’s sich nur wünschen kann. Ich weiß nicht, worin sie anderer Leute Kinder nachstehen soll, und sie kann schon fast so gut lesen wie der Pastor.«

»Aber ihr Haar will sich nicht kräuseln, da kann ich mit machen, was ich will, und sie ist wie toll, wenn ich’s auf Papier rollen will, und ich hab alle Mühe, dass sie stehen bleibt und es mit dem Eisen locken lässt.«

»Schneid’s ab – schneid’s ganz kurz«, sagte der Vater ungeduldig.

»Wie kannst du nur so reden, Mr Tulliver? Sie ist so ’n großes Mädchen, schon über neun und groß für ihr Alter, zu alt, um ihr Haar kurz schneiden zu lassen; und ihre Kusine Lucy hat ’nen Lockenkranz um den Kopf und kein Haar, das aus der Reihe tanzt, ’s ist wohl hart, dass meine Schwester Deane das hübsche Kind haben sollte. Ich bin sicher, dass Lucy mehr nach mir schlägt als mein eignes Kind. – Maggie, Maggie«, fuhr die Mutter in einem halb zuredenden, halb ärgerlichen Ton fort, als dieser kleine Missgriff der Natur das Zimmer betrat, »warum sag ich dir wohl immer, dass du vom Wasser wegbleiben sollst? Eines Tages wirst du reinfallen und ertrinken, und dann wird’s dir leidtun, dass du nicht auf deine Mutter gehört hast.«

Maggies Haar bestätigte die Klagen ihrer Mutter auf schmerzliche Weise, als sie die Mütze wegwarf. Mrs Tulliver, die wollte, dass ihre Tochter einen Lockenkopf hätte wie ›anderer Leute Kinder‹, hatte es über der Stirn zu kurz schneiden lassen, um es noch hinter die Ohren zu kämmen, und da es gewöhnlich eine Stunde, nachdem die Lockenpapiere herausgenommen waren, wieder glatt war, warf Maggie unaufhörlich ihren Kopf zurück, um das dunkle, schwere Haar aus den glänzenden schwarzen Augen zu halten – eine Bewegung, die ihr ganz das Aussehen eines kleinen Shetlandponys gab.

»Oje, oje, Maggie, was denkst du dir dabei, die Mütze so hinzuwerfen? Nimm sie mit nach oben, sei ein braves Mädchen, und lass dir die Haare bürsten, und zieh um Himmels willen ’ne andre Schürze an und andre Schuhe, und komm und setz dich wieder an deine Flickenarbeit, wie ’ne kleine Dame.«

»Oh, Mutter«, sagte Maggie heftig aufbegehrend, »ich will aber meine Flickenarbeit nicht machen.«

»Was, keine hübsche Flickenarbeit für ’ne Decke für deine Tante Glegg?«

»Ist ’ne blöde Arbeit«, sagte Maggie und warf ihre Mähne zurück, »Stoff in Stücke zu reißen und ihn wieder zusammenzunähen. Und ich will nichts für meine Tante Glegg machen – ich mag sie nicht.«

Maggie beendete ihren Auftritt, indem sie, die Mütze am Band hinter sich herschleifend, hinausging, während Mr Tulliver hörbar lachte.

»Ich weiß wirklich nicht, wie du drüber lachen kannst, Mr Tulliver«, sagte die Mutter leicht gereizt. »Du bestärkst sie nur in ihrer Ungezogenheit. Und ihre Tanten meinen dann wieder, dass ich es bin, die sie verwöhnt.«

Mrs Tulliver war, was man eine sanftmütige Person nennt; als Kind hatte sie nie wegen eines geringeren Anlasses als Hunger und Nadelstichen geweint, und von der Wiege an war sie gesund, blond, mollig und einfältig gewesen, kurz, die Zierde ihrer Familie, was Schönheit und Liebenswürdigkeit anlangt. Aber Milch und Milde halten sich nicht besonders gut, und wenn sie nur ein wenig sauer werden, können sie jungen Mägen ernstlich schlecht bekommen. Ich habe mich oft gefragt, ob die frühen Madonnen von Raffael mit den blassen Gesichtern und dem etwas dümmlichen Ausdruck ihre Milde noch bewahrten, als ihre kräftigen und willensstarken Knaben etwas zu alt wurden, um ohne Bekleidung auszukommen. Ich glaube, sie müssen sich auf schwachen Protest verlegt haben und immer mürrischer geworden sein, je unwirksamer er wurde.

Kapitel 3

Mr Riley gibt seinen Rat hinsichtlich einer Schule für Tom

Der Herr mit der weiten weißen Halsbinde und der Krause am Hemd, der so vergnügt mit seinem guten Freund Tulliver Branntwein und Wasser trinkt, ist Mr Riley, ein Herr von wächserner Gesichtsfarbe und dicken Händen, der für einen Auktionator und Schätzer recht gebildet, aber dennoch großherzig genug ist, um einfachen Bekannten vom Lande mit gastfreundlichen Gewohnheiten leutselig zu begegnen. Mr Riley sprach von solchen Bekannten als von ›Leuten von der alten Schule‹.

Die Unterhaltung war zu einem Stillstand gekommen. Mr Tulliver hatte, nicht ohne besonderen Grund, davon Abstand genommen, zum siebten Mal die kühle Bemerkung zu zitieren, mit der Riley sich Dix weit überlegen gezeigt hatte, und wie Wakem damit endlich einmal den Kürzeren gezogen hatte, nun da die Sache mit dem Wehr durch Schlichtung beigelegt war, und wie es überhaupt nie Streit wegen der Höhe des Wasserstandes gegeben hätte, wenn jeder sich so benähme, wie er sollte, und wenn der Gottseibeiuns die Advokaten nicht gemacht hätte. Mr Tulliver war im Großen und Ganzen ein Mann von gesicherten traditionellen Ansichten, aber in ein oder zwei Punkten hatte er sich auf seinen eigenen Verstand verlassen und war zu mehreren zweifelhaften Schlüssen gelangt, unter anderem, dass Ratten, Kornwürmer und Advokaten vom Gottseibeiuns geschaffen seien. Unglücklicherweise gab es niemanden, der ihm sagte, dass dies wilder Manichäismus sei, sonst möchte er seinen Irrtum wohl eingesehen haben. Aber heute war klar, dass das gute Prinzip triumphierte; diese Angelegenheit mit der Wasserkraft war doch irgendwie ein vertracktes Geschäft gewesen, obwohl es, von einer Seite aus betrachtet, so klar wie Wasser schien. Aber so groß die Verwicklung auch gewesen war, sie hatte Riley nicht in die Knie gezwungen. Mr Tulliver trank seinen Branntwein etwas stärker als gewöhnlich, und für einen Mann, von dem man wohl annehmen konnte, dass er ein paar überzählige Hunderter auf der Bank hatte, sprach er seine Hochschätzung für die geschäftlichen Talente seines Freundes mit ziemlich unvorsichtiger Offenheit aus.

Aber das Wehr war ein anhaltender Gesprächsgegenstand, man konnte ihn stets von neuem an derselben Stelle und völlig unverändert wieder aufnehmen; doch wie man weiß, gab es noch ein anderes Thema, für das Mr Tulliver dringend Mr Rileys Rat benötigte. Dies war der besondere Grund dafür, dass er nach seinem letzten Schluck eine Weile schwieg und seine Knie nachdenklich rieb. Er war kein Mann der plötzlichen Übergänge. Dies war eine verwirrende Welt, wie er oft sagte, und wenn man seinen Wagen in Eile fährt, so kann man leicht auf eine dumme Ecke stoßen. Mr Riley war indessen nicht ungeduldig. Warum sollte er auch? Selbst Hotspur muss geduldig gewesen sein, möchte man meinen, wenn er in Pantoffeln am warmen Feuer reichlich Schnupftabak nehmen und Branntwein schlürfen durfte, ohne zahlen zu müssen.

»Mir geht da ’ne Sache im Kopf rum«, sagte Mr Tulliver schließlich mit etwas leiserer Stimme als gewöhnlich, wobei er den Kopf wandte und seinen Gast ins Auge fasste.

»Ah«, sagte Mr Riley mit sanftem Interesse. Er war ein Mann mit schweren, wächsernen Lidern und hochgewölbten Augenbrauen, der in allen Lebenslagen immer gleich aussah. Die Unbeweglichkeit seines Gesichts und die Angewohnheit, eine Prise Schnupftabak zu nehmen, bevor er eine Antwort gab, machten ihn für Mr Tulliver dreimal so orakelhaft.

»Es ist ’ne besondere Sache«, fuhr er fort; »es ist wegen Tom, meinem Jungen.«

Als dieser Name fiel, schüttelte Maggie, die, ein großes geöffnetes Buch im Schoß, auf einem niedrigen Schemel am Feuer saß, ihr schweres Haar zurück und schaute eifrig auf. Es gab wenige Geräusche, die Maggie auffahren ließen, wenn sie über ihrem Buch träumte, aber Toms Name wirkte so gut wie die schrillste Pfeife; augenblicklich war sie auf der Hut, mit funkelnden Augen wie ein Skyeterrier, der Unheil wittert, oder auf jeden Fall entschlossen, jeden herauszufordern, von dem Tom ein solches drohte.

»Sehen Sie, ich will ihn zu Mittsommer auf ’ne neue Schule schicken«, sagte Mr Tulliver. »Er kommt jetzt zu Mariä Verkündigung von der Lehranstalt, und ’n Vierteljahr will ich ihn so rumlaufen lassen; aber danach will ich ihn auf ’ne richtig gute Schule schicken, wo sie ’n Gelehrten aus ihm machen.«

»Nun«, sagte Mr Riley, »es gibt keinen größeren Vorzug, den Sie ihm geben könnten, als eine gute Ausbildung. Nicht, dass ein Mann«, so fügte er mit bedeutungsvoller Höflichkeit hinzu, »nicht auch ohne viel Hilfe von den Schulmeistern ein ausgezeichneter Müller, Bauer und ein verflixt vernünftiger Kerl dazu sein könnte.«

»Ich glaube Ihnen«, sagte Mr Tulliver augenzwinkernd und legte dabei den Kopf auf die Seite, »aber so ist’s nun mal. Ich will Tom ja gar nicht Müller oder Bauer werden lassen. Ich versprech mir nichts davon. Wenn ich ihn zu ’nem Müller oder Bauern machen würde, dann würd’ er freilich erwarten, die Mühle und das Land zu übernehmen, und mir bedeuten, dass es Zeit ist, aufzuhören und über mein späteres Ende nachzudenken. Nee, nee, ich hab das oft genug an Söhnen gesehn. Ich werd nie meine Jacke ausziehn, bevor ich zu Bette geh. Ich will Tom ’ne Ausbildung geben und ihn in ’n Geschäft stecken, dann kann er sein eignes Nest baun und braucht mich nicht aus meinem zu stoßen. Schön und gut, wenn er’s kriegt, wenn ich unter der Erde bin. Ich lass mich nicht mit Brei abspeisen, bevor ich nicht meine Zähne verloren hab.«

Dies war offensichtlich ein Punkt, der Mr Tulliver besonders wichtig war, und der Impetus, der seiner Rede ungewöhnliche Schnelligkeit und Nachdruck verliehen hatte, zeigte sich noch Minuten später unerschöpft in einem trotzigen Kopfschütteln und einem gelegentlichen »nee, nee«, gleich einem verstummenden Knurren.

Diese zornigen Anzeichen wurden von Maggie genau beobachtet und trafen sie bis ins Mark. Tom, so schien es, sollte fähig sein, seinen Vater aus dem Haus zu treiben und die Zukunft in irgendeiner Weise durch seine Bosheit ins Tragische zu wenden. Dies war unerträglich, und Maggie sprang von ihrem Schemel auf, ohne an das schwere Buch zu denken, das polternd ins Kamingitter fiel, und als sie zwischen den Knien ihres Vaters stand, sagte sie halb weinend, halb entrüstet:

»Vater, Tom würde nie ungezogen zu dir sein, das weiß ich genau.«

Mrs Tulliver war nicht im Zimmer, weil sie ein besonderes Gericht für das Abendessen überwachen musste, und Mr Tullivers Herz war gerührt, so dass Maggie wegen des Buches nicht gescholten wurde. Mr Riley hob es ruhig auf und betrachtete es, während der Vater mit einer gewissen Zärtlichkeit auf seinen harten Zügen lächelte und seinem kleinen Mädchen auf den Rücken klopfte und dann ihre Hände hielt, während sie zwischen seinen Knien stand.

»Holla! ’s darf keiner was Böses über Tom sagen, was?«, sagte Mr Tulliver und sah Maggie mit einem Augenzwinkern an. Dann wandte er sich leiser an Mr Riley, als ob Maggie es nicht hören könne: »’s ist unerhört, wie sie versteht, wovon man redet. Und Sie müssten sie lesen hören – ohne Stocken, als ob sie schon alles im Voraus wüsste. Und immer über ihr’m Buch! Aber es ist schlecht – ganz schlecht«, fügte Mr Tulliver hinzu und unterbrach seinen tadelnswerten Lobpreis, »für ’ne Frau ist das nichts, so klug zu sein. Es wird sich zum Schlimmen wenden, fürcht ich. Aber, mein Gott« – und hier gewann der Lobpreis deutlich wieder die Oberhand – »sie liest die Bücher und versteht sie besser als die Hälfte von den Erwachsenen.«

Maggies Wangen begannen sich vor Aufregung zu röten. Triumphierend dachte sie, dass Mr Riley jetzt vor ihr Respekt haben würde; es war offensichtlich gewesen, dass er sie vorher kaum für beachtenswert gehalten hatte.

Mr Riley blätterte in den Seiten des Buches, und sie konnte seinem Gesicht mit den hochgewölbten Augenbrauen nichts entnehmen. Aber schon sah er sie an und sagte: »Na komm, erzähl mir ein wenig über dieses Buch; hier sind Bilder, ich möchte wissen, was sie bedeuten.«

Maggies Röte vertiefte sich noch, und ohne zu zögern ging sie zu Mr Riley und blickte über seinen Ellenbogen in das Buch. Eifrig hielt sie es an einer Ecke, warf ihre Mähne zurück und sagte: »Oh, ich sage Ihnen, was es bedeutet. Es ist ein furchtbares Bild, nicht wahr? Aber trotzdem muss ich es immer anschauen. Die alte Frau im Wasser ist eine Hexe; sie haben sie hineingeworfen, um herauszufinden, ob sie eine Hexe ist. Und wenn sie schwimmt, ist sie eine Hexe, und wenn sie ertrinkt – und tot ist, wissen Sie –, dann ist sie unschuldig und keine Hexe, sondern nur eine arme, dumme alte Frau. Aber was nützt ihr das dann, nicht wahr, wenn sie ertrunken ist? Nur, glaube ich, dass sie dann in den Himmel kommt und Gott es an ihr wiedergutmacht. Und dieser schreckliche Schmied, der die Arme in die Seiten stemmt und lacht – oh, ist er nicht hässlich? – wissen Sie, wer er ist? Er ist in Wirklichkeit der Teufel« (hier wurde Maggies Stimme lauter und nachdrücklicher) »und gar kein richtiger Schmied; denn der Teufel nimmt die Gestalt von bösen Männern an und geht herum und lässt die Leute böse Dinge tun, und er ist ganz oft in der Gestalt eines bösen Menschen, weil nämlich die Leute, wenn sie sähen, dass er der Teufel ist, und wenn er so brüllte, weglaufen würden, und dann könnte er nicht mit ihnen machen, was er will.«

Mr Tulliver hatte Maggies Darlegung in sprachlosem Staunen gelauscht.

»Was ist das denn eigentlich für ein Buch, das das Mädel da hat?«, rief er schließlich aus.

»Die Geschichte des Teufels, von Daniel Defoe. Nicht ganz das Richtige für ein kleines Mädchen«, sagte Mr Riley. »Wie kam es unter Ihre Bücher, Tulliver?«

Maggie sah verletzt und entmutigt drein, während ihr Vater sagte: »Nun, es ist eins von den Büchern, die ich bei Partridges Versteigerung gekauft hab. Sie war’n alle gleich eingebunden – sehen Sie, ist ’n guter Einband – und ich dachte, ’s wär’n wohl alles gute Bücher. Jeremy Taylors Heiliges Leben und Sterben ist dabei; ich les an Sonntagen oft drin.« (Mr Tulliver fühlte sich diesem großen Schriftsteller auf eine gewisse Weise verbunden, weil auch er Jeremy hieß.) »Und es sind noch mehr davon da, zumeist Predigten, glaub ich; aber sie haben alle den gleichen Umschlag, und da dacht’ ich, sie wär’n wohl auch alle von derselben Sorte. Aber anscheinend darf man das nicht von außen beurteilen. Das ist ’ne verwirrende Welt.«

»Also«, sagte Mr Riley in einem ermahnenden und gönnerhaften Ton und tätschelte Maggies Kopf, »ich rate dir, Die Geschichte des Teufels fortzulegen und irgendein hübscheres Buch zu lesen. Hast du denn keine hübscheren Bücher?«

»Oh, doch«, sagte Maggie und lebte wieder etwas auf in dem Wunsch, die Vielfalt ihrer Lektüre zu rechtfertigen. »Ich weiß, dass in dem Buch keine hübschen Geschichten stehen, aber ich mag die Bilder gern, und ich denke mir nämlich selbst Geschichten zu den Bildern aus. Aber ich habe auch Äsops Fabeln und ein Buch über Kängurus und so und Des Pilgers Reise.«

»Ah, ein schönes Buch«, sagte Mr Riley, »du könntest kein besseres lesen.«

»Aber da ist auch eine Menge über den Teufel drin«, sagte Maggie triumphierend, »und ich werde Ihnen das Bild von ihm in seiner wahren Gestalt zeigen, wie er mit Christian kämpft.«

Maggie lief sofort in eine Ecke des Zimmers, sprang auf einen Stuhl und holte von dem kleinen Bücherbord eine abgegriffene alte Bunyan-Ausgabe, die sich sofort und ohne die geringste Mühe, es zu suchen, bei dem Bild, das sie brauchte, öffnete.

»Hier ist es«, sagte sie und lief wieder zu Mr Riley, »und Tom hat es für mich mit seinem Farbkasten bunt ausgemalt, als er in den letzten Ferien zu Hause war; der Körper ist ganz schwarz, sehen Sie, und die Augen sind rot wie Feuer, weil er innerlich voll Feuer ist, und das scheint aus seinen Augen heraus.«

»Genug jetzt!«, sagte Mr Tulliver entschieden, weil er anfing, sich ein wenig unbehaglich zu fühlen bei diesen freien Äußerungen über die Erscheinungen eines Wesens, das mächtig genug war, Advokaten hervorzubringen. »Stell das Buch wieder weg und lass uns von dem Zeug nichts mehr hören. Es ist, wie ich’s mir dachte – das Kind lernt ja mehr Schlimmes als Gutes aus den Büchern. Geh und sieh nach, wo deine Mutter ist.«

Maggie stellte das Buch sofort zurück. Sie fühlte sich einerseits zurückgesetzt, andererseits aber nicht geneigt, nach ihrer Mutter zu sehen, und so fand sie einen Kompromiss, indem sie sich in eine dunkle Ecke hinter dem Stuhl ihres Vaters zurückzog und sich mit ihrer Puppe beschäftigte, der gegenüber sie ab und zu, wenn Tom nicht da war, Ausbrüche von Zärtlichkeit hatte. Sie kümmerte sich zwar nicht um deren Kleidung, verschwendete aber so viele warme Küsse an sie, dass die wächsernen Wangen ein abgezehrtes, ungesundes Aussehen bekommen hatten.

»Haben Sie so was schon mal gehört?«, sagte Mr Tulliver, als Maggie sich zurückzog. »Schade, dass sie nicht der Junge ist – sie hätt’s mit all den Advokaten aufnehmen können, sie bestimmt. Es ist ’ne ganz wunderliche Sache«, fuhr er mit leiserer Stimme fort, »denn ich hab die Mutter genommen, weil sie nicht allzu gescheit war und außerdem ’ne gutaussehende Frau, und weil sie aus ’ner Familie kommt, die wirtschaften kann wie kaum eine; aber ich hab absichtlich sie und nicht eine der Schwestern genommen, weil sie ’n bisschen schwach schien, denn ich wollt’ mir an meinem eignen Herd keine Vorschriften machen lassen. Aber nun sehn Sie, wenn ein Mann selbst Verstand hat, dann weiß man nie, wo der wieder auftaucht; und so ’ne nette, sanfte Frau kriegt dann dumme Jungen und kluge Mädchen, als ob die Welt auf’n Kopf gestellt wär’. Das ist ’ne ungewöhnlich verwirrende Sache.«

Mr Rileys Ernsthaftigkeit wich, und er bebte ein wenig, als er wieder eine Prise Schnupftabak nahm, bevor er sagte:

»Aber Ihr Junge ist doch nicht dumm. Ich sah ihn, als er letztes Mal hier war, wie er sich Angelgerät machte, und er schien das ganz gut zu können.«

»Ja, schon, er ist nicht grade dumm, er kommt mit Dingen draußen gut zurecht, und er hat ’nen gesunden Menschenverstand, er packt die Dinge von der rechten Seite an. Aber er ist nicht sehr fix im Sprechen, wissen Sie, und er kann kaum lesen, er hält’s bei keinem Buch lang aus und buchstabiert ganz falsch, wie ich gehört hab, und er ist so schüchtern bei Fremden, und man hört ihn nie schlaue Dinge sagen wie das kleine Mädel. Aber ich will ihn jetzt auf ’ne Schule schicken, wo sie ihn ein bisschen geschickter mit Zunge und Federhalter machen und ’nen schlauen Burschen aus ihm machen. Ich will, dass mein Sohn denen gleichkommt, die mir immer voraus waren, weil sie ’ne bessre Schulbildung hatten. Nicht dass ich, wenn die Welt so geblieben wär’, wie Gott sie gemacht hat, nicht hätt’ meinen Weg gehen können und mich nicht unter den Besten behauptet hätt’, aber es hat sich alles so verdreht und in so unvernünftige Wörter verwickelt, dass man sich gar nicht mehr auskennt und ans Falsche gerät. Alles windet sich nur so rum, und je mehr man selbst gradraus ist, desto verwirrter ist man.«

Mr Tulliver nahm bedächtig einen Schluck und schüttelte melancholisch den Kopf in dem Bewusstsein, die Wahrheit zu bestätigen, dass ein völlig gesunder Verstand in einer verrückten Welt wohl kaum eine Heimat findet.

»Sie haben ganz recht, Tulliver«, bemerkte Mr Riley. »Besser, jetzt noch ein bis zwei Hunderter auf die Ausbildung Ihres Sohnes verwenden als sie ihm im Testament vermachen. Ich weiß, dass ich versuchen würde, es genauso zu machen, wenn ich einen Sohn hätte, obwohl ich, weiß Gott, nicht so viel Geld flüssig habe wie Sie, Tulliver; und obendrein habe ich noch das Haus voller Töchter.«

»Nun mein ich, dass Sie wohl ’ne Schule wissen, die genau das Richtige für Tom wär’«, sagte Mr Tulliver und ließ sich durch Mitgefühl für Mr Rileys Mangel an finanziellen Mitteln nicht von seiner Absicht abbringen.

Mr Riley nahm eine Prise und hielt Mr Tulliver durch ein Schweigen in Spannung, das durchaus absichtlich schien. Dann sagte er:

»Ich weiß eine sehr gute Möglichkeit für jemanden, der das nötige Geld hat, und das haben Sie ja, Tulliver. Es ist nämlich so, dass ich keinem Freund empfehlen würde, einen Jungen auf eine normale Schule zu schicken, wenn er sich Besseres leisten kann. Aber wenn jemand für seinen Jungen höhere Bildung und Erziehung da suchte, wo der Lehrer sein Gefährte sein würde, und dieser Lehrer ein ausgezeichneter Mensch wäre, dann weiß ich den rechten Mann. Ich würde diese Möglichkeit nicht jedem gegenüber erwähnen, weil ich nicht glaube, dass jeder, auch wenn er es versuchte, Erfolg hätte, dort anzukommen, aber ich sage es Ihnen, Tulliver, unter uns.«

Der unbewegte, fragende Blick, mit dem Mr Tulliver das orakelhafte Gesicht seines Freundes beobachtet hatte, wurde ganz interessiert.

»Dann lassen Sie’s hören«, sagte er und setzte sich in seinem Sessel zurecht mit der Wohlgefälligkeit eines Mannes, den man wichtiger Mitteilungen für würdig erachtet.

»Er war in Oxford«, sagte Mr Riley bedeutungsvoll, machte den Mund wieder zu und sah Mr Tulliver an, um die Wirkung dieser anregenden Information zu beobachten.

»Was, ein Pastor?«, sagte Mr Tulliver ziemlich misstrauisch.

»Ja, und ein Magister. Der Bischof hat, soweit ich weiß, eine hohe Meinung von ihm; freilich, es war der Bischof, der ihm seine jetzige Unterpfarre übertrug.«

»Ja?«, sagte Mr Tulliver, für den diese Dinge unvertraut und daher recht wunderlich waren. »Was kann er dann mit Tom wollen?«

»Nun, es ist so, dass er gern lehrt und seine Studien weiterführen möchte, und ein Geistlicher hat wenig Gelegenheit dazu wegen all der Pflichten in seiner Pfarre. Er möchte daher ein oder zwei Knaben als Schüler aufnehmen, um seine Zeit nutzbringend zu verwenden. Die Jungen würden ganz zur Familie gehören – das Beste auf der Welt für sie, ständig unter Stellings Augen.«

»Aber meinen Sie denn, sie würden dem armen Jungen zweimal Pudding geben?«, sagte Mrs Tulliver, die nun wieder auf ihrem Platz saß. »Er mag so gern Pudding, und er muss doch noch wachsen, ’s wär’ schrecklich, sich vorzustellen, dass sie ihn knapp hielten.«

»Und wie viel Geld würde er wollen?«, sagte Mr Tulliver, dessen Instinkt ihm sagte, dass die Dienste dieses vortrefflichen Magisters einen hohen Preis haben würden.

»Nun, ich kenne einen Geistlichen, der hundertfünfzig Pfund für seine jüngsten Schüler nimmt, und er ist nicht zu vergleichen mit Stelling, dem Mann, von dem ich spreche. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass einer der wichtigsten Leute in Oxford sagte: ›Stelling könnte die höchsten Ämter bekommen, wenn er wollte.‹ Aber er macht sich nichts aus Universitätsämtern. Er ist ein ruhiger Mann, keiner, der viel Aufhebens macht.«

»Umso besser, umso besser«, sagte Mr Tulliver, »aber hundertfünfzig – das ist ein außerordentlicher Preis. Ich hatte nicht vor, so viel zu zahlen.«

»Lassen Sie es sich gesagt sein, Tulliver – eine gute Ausbildung für das Geld ist preiswert. Aber Stelling ist mäßig in seinen Forderungen, er ist nicht raffgierig. Ich bezweifle nicht, dass er Ihren Jungen für hundert nimmt, und das würde sonst kaum ein Geistlicher tun. Ich werde ihm schreiben, wenn Sie wollen.«

Mr Tulliver rieb sich die Knie und schaute nachdenklich auf den Teppich.

»Aber wahrscheinlich ist er ’n Junggeselle«, bemerkte Mrs Tulliver dazwischen, »und ich halt gar nichts von Haushälterinnen. Mein Bruder, der nun schon unter der Erde ist, hatte mal ’ne Haushälterin, und die nahm die Hälfte Federn aus dem besten Bett und packte sie ein und schickte sie weg. Und man weiß nicht, wie viel Leinen sie mitgehn ließ – Stott hieß sie. Es würd’ mir das Herz brechen, Tom irgendwo hinzuschicken, wo ’ne Haushälterin ist, und ich hoffe, du hast das nicht vor, Mr Tulliver.«

»In dieser Hinsicht können Sie beruhigt sein, Mrs Tulliver«, sagte Mr Riley, »denn Stelling ist mit einer so netten, kleinen Frau verheiratet, wie man sie sich nur zur Ehefrau wünschen kann. Es gibt keine gütigere Seele auf der Welt; ich kenne ihre Familie gut. Äußerlich ähnelt sie Ihnen, sie hat auch helles, lockiges Haar. Sie kommt aus einer guten Familie in Mudport, und in der Gegend wird nicht jeder Antrag erhört. Aber Stelling ist kein gewöhnlicher Mann. Er ist eher ein besonderer Mensch im Hinblick auf die Leute, die er zu seinen Bekannten wählt. Aber ich glaube, er hätte nichts dagegen, Ihren Sohn zu nehmen – ich glaube es nicht, wenn ich es ihm nahelege.«

»Ich wüsst’ nicht, was er gegen den Jungen haben könnte«, sagte Mrs Tulliver in einem Anflug mütterlicher Entrüstung, »so ’n netter, frischer Junge, wie man ihn sich nur wünschen kann.«

»Aber da ist noch was, das mir durch ’n Kopf geht«, sagte Mr Tulliver und wandte sich Mr Riley zu, nachdem er den Teppich lange und gründlich betrachtet hatte. »Wär’ ’n Pastor nicht beinah zu hochgelehrt, um ’nen Jungen zu einem Geschäftsmann zu erziehn? Soviel ich von Pastoren weiß, haben die so ’ne Gelehrsamkeit, von der man gar nicht viel sehn kann. Und das ist’s nicht, was ich mir für Tom wünsche. Ich will, dass er rechnen kann und schreiben wie gedruckt und schnell begreift und weiß, was die Leute meinen und wie man Dinge in Wörter wickelt, die nicht strafbar sind. Das ist ’ne besonders feine Sache«, schloss Mr Tulliver und schüttelte den Kopf, »wenn man jemanden wissen lassen kann, was man von ihm hält, ohne dafür zahlen zu müssen.«

»Oh, mein lieber Tulliver«, sagte Mr Riley, »Sie sind im Irrtum über die Geistlichkeit; die besten Schulmeister sind Geistliche. Die Schulmeister, die keine Geistlichen sind, sind normalerweise ziemlich gewöhnliche Leute.«

»Ja, der Jacobs ist so einer, in der Lehranstalt«, warf Mr Tulliver ein.

»Ganz sicher – Männer, die in anderen Berufen erfolglos waren, höchstwahrscheinlich. Dagegen ist ein Geistlicher nach Beruf und Ausbildung ein Gentleman, und überdies hat er das Wissen, das einem Jungen eine gute Grundlage gibt und ihn vorbereitet, jedweden Berufsweg mit Ehre einzuschlagen. Es mag Geistliche geben, die reine Buchgelehrte sind, aber Sie können sich darauf verlassen, dass Stelling keiner ist; er ist ein Mann, der mit offenen Augen durch die Welt geht, lassen Sie es sich gesagt sein. Geben Sie ihm nur einen Fingerzeig, und das genügt. Sie sprechen vom Rechnen. Nun, Sie brauchen Stelling nur zu sagen: ›Ich möchte, dass mein Sohn ein gründlicher Arithmetiker wird‹, und dann können Sie alles Weitere ihm überlassen.«

Mr Riley schwieg einen Augenblick, während Mr Tulliver, der hinsichtlich geistlicher Lehrer nun etwas beruhigt war, innerlich vor einem erdachten Mr Stelling den Satz »Ich möchte, dass mein Sohn Arittmatik lernt« probte.

»Sehen Sie, mein lieber Tulliver«, fuhr Mr Riley fort, »wenn Sie einen gründlich gebildeten Mann wie Stelling haben, der kann ohne Weiteres jede Art von Unterricht erteilen. Wenn ein Handwerker den Gebrauch seiner Werkzeuge kennt, kann er eine Tür ebenso gut wie ein Fenster machen.«

»Ja, das stimmt«, sagte Mr Tulliver, nun schon fast überzeugt, dass Geistliche die besten Schulmeister sein müssten.

»Ich sage Ihnen, was ich für Sie tun will«, sagte Mr Riley, »und ich würde das nicht für jeden tun. Ich werde Stellings Schwiegervater aufsuchen oder ihm ein paar Zeilen schreiben, wenn ich nach Mudport zurückkomme, und sagen, dass Sie Ihren Sohn gern zu seinem Schwiegersohn geben würden, und ich bin sicher, dass Stelling zurückschreibt und Ihnen seine Bedingungen nennt.«

»Aber es eilt doch nicht, oder?«, sagte Mrs Tulliver. »Ich hoffe, Mr Tulliver, dass du Tom nicht vor Mittsommer an der neuen Schule anfangen lassen willst. Er hat mit der Lehranstalt zu Mariä Verkündigung angefangen, und du siehst, was draus geworden ist.«

»Ja, ja, Bessy. Brau niemals mit schlechtem Malz auf St. Michael, sonst schmeckt’s beim Anzapfen nicht«, sagte Mr Tulliver augenzwinkernd und lächelte Mr Riley zu mit dem natürlichen Stolz eines Mannes, der eine reizende, mollige Frau hat, die ihm an Verstand deutlich unterlegen ist. »Aber, ’s ist wahr, ’s hat keine Eile, das hast du genau getroffen, Bessy.«

»Trotzdem wäre es sicher gut, die Absprache nicht zu lange hinauszuschieben«, sagte Mr Riley ruhig, »denn Stelling könnte noch Anfragen von anderen haben, und ich weiß, dass er nicht mehr als zwei oder drei Zöglinge aufnehmen würde, wenn überhaupt. Wenn ich Sie wäre, würde ich mich, glaube ich, sofort mit Stelling deswegen in Verbindung setzen; der Junge braucht ja nicht vor Mittsommer geschickt zu werden, aber ich würde sichergehen und dafür sorgen, dass niemand Ihnen zuvorkommt.«

»Ja, da ist was dran«, sagte Mr Tulliver.

»Vater«, rief Maggie dazwischen, die sich unbemerkt wieder an die Seite ihres Vaters gestohlen hatte und mit geöffneten Lippen zuhörte, wobei sie ihre Puppe auf den Kopf hielt und deren Nase gegen das Holz der Lehne presste, »Vater, ist es weit weg, wo Tom hingehen soll? Werden wir nie hinfahren und ihn besuchen?«

»Ich weiß es nicht, mein Mädel«, sagte der Vater zärtlich. »Frag Mr Riley, er weiß es.«

Schon stand Maggie vor Mr Riley und sagte: »Wie weit ist es, bitte, Sir?«

»Tja, es ist ein langer, langer Weg von hier«, antwortete Mr Riley, weil er der Meinung war, dass man mit Kindern, sofern sie nicht unartig waren, immer scherzhaft sprechen sollte. »Du musst dir Siebenmeilenstiefel borgen, um dorthin zu gelangen.«

»Das ist Unsinn!«, sagte Maggie, warf ihren Kopf verächtlich zurück und wandte sich ab, während die Tränen ihr in die Augen schossen. Sie begann Mr Riley nicht mehr zu mögen; es war offensichtlich, dass er sie für dumm und unwichtig hielt.

»Ruhig, Maggie, was fällt dir ein, einfach Fragen zu stellen und loszuplappern?«, sagte ihre Mutter. »Komm und setz dich auf deinen kleinen Schemel und halt jetzt den Mund. Aber«, fügte Mrs Tulliver hinzu, weil ihre eigene Besorgnis erregt war, »ist es so weit, dass ich nicht für ihn waschen und flicken könnte?«

»Ungefähr fünfzehn Meilen, mehr nicht«, sagte Mr Riley. »Sie können ganz bequem an einem Tag hin- und zurückfahren. Oder – weil Stelling ein gastfreundlicher, angenehmer Mensch ist, wird er sich freuen, wenn Sie über Nacht bleiben.«

»Aber für die Bettwäsche ist’s zu weit, fürcht ich«, sagte Mrs Tulliver traurig.

Hier nun wurde das Abendessen hereingetragen, und so war die Schwierigkeit vertagt und Mr Riley der Mühe enthoben, eine Lösung oder einen Kompromiss vorzuschlagen – einer Mühe, der er sich sonst ohne Zweifel unterzogen hätte; denn, wie man sieht, war er ein Mann von sehr verbindlichen Manieren. Und er hatte es wirklich ohne bestimmte Erwartung eines handfesten, sicheren Vorteils für sich selbst unternommen, Mr Stelling seinem Freund Tulliver zu empfehlen, trotz der feinen Hinweise auf das Gegenteil, die einen allzu scharfsinnigen Beobachter hätten irreführen können. Denn nichts ist irreführender als Scharfsinn, wenn er auf die falsche Fährte gerät, und Scharfsinn, der davon ausgeht, dass die Menschen für gewöhnlich aus ganz bestimmten Motiven heraus und mit einem bewusst angestrebten Ziel im Auge handeln und sprechen, dieser Scharfsinn verschwendet mit Sicherheit seine Energie auf ein Gedankenspiel. Verschworene Heimlichkeit und ausgeklügelte Schliche, um ein selbstsüchtiges Ziel zu erreichen, gibt es nur in der Welt des Dramatikers reichlich; sie erfordern eine zu intensive geistige Tätigkeit für viele unserer Mitchristen, als dass sie sich ihrer schuldig machen könnten. Es ist leicht genug, das Leben unserer Nächsten ohne so viel Mühe zu beeinträchtigen; wir können es tun durch träge Einwilligung und durch träge Unterlassung, durch banale Unaufrichtigkeiten, für die wir kaum einen Grund wissen, durch kleine Täuschungen, die durch kleine Übertreibungen wettgemacht werden, durch taktlose Schmeicheleien und plumpe Anspielungen. Wir leben von der Hand in den Mund, die meisten von uns jedenfalls, mit unserer kleinen Familie unmittelbarer Wünsche; wir tun kaum anderes, als ein Bröckchen zu erhaschen, um die hungrige Brut zu sättigen, und denken selten an Saatkorn oder Ernte des nächsten Jahres.

Mr Riley war ein Geschäftsmann und seinen eigenen Interessen gegenüber nicht unempfindlich, doch stand er mehr unter dem Einfluss kleiner Eingebungen als weitsichtiger Pläne. Er hatte kein Übereinkommen mit Reverend Walter Stelling getroffen, im Gegenteil, er wusste sehr wenig von jenem Magister und seinen Fähigkeiten, vielleicht nicht genug, um eine so nachdrückliche Empfehlung, wie er sie seinem Freund Tulliver gegeben hatte, vertreten zu können. Aber er glaubte, dass Mr Stelling ein ausgezeichneter Kenner der alten Sprachen sei, denn Gadsby hatte das gesagt, und Gadsbys Vetter lehrte in Oxford, und das war eine bessere Begründung dieser Annahme, als es sogar seine eigenen unmittelbaren Beobachtungen gewesen wären; denn obwohl Mr Riley einen kleinen Hauch von den alten Sprachen an der Freien Schule zu Mudport mitbekommen und das Gefühl hatte, Latein im Allgemeinen zu verstehen, so war doch eine Fähigkeit, Latein im Besonderen zu verstehen, bei ihm nicht ausgebildet. Zweifelsohne war ihm ein feiner Geschmack von seinem jugendlichen Kontakt mit De senectute und dem vierten Buch der Äneis geblieben, aber dieser hatte aufgehört, erkennbar klassisch-antik zu sein, und war nur noch in seinem verfeinerten und wirkungsvollen Auktionsstil wahrzunehmen. Und dann war Stelling doch von Oxford, und die von Oxford waren schon immer – das heißt, nein, es waren die von Cambridge, die schon immer gute Mathematiker gewesen waren. Aber ein Mann mit Universitätsbildung konnte lehren, was er wollte, insbesondere ein Mann wie Stelling, der bei einem Essen in Mudport aus politischem Anlass eine Rede gehalten und seine Sache so gut gemacht hatte, dass man allgemein sagte, dieser Schwiegersohn von Timpson sei ein schlauer Bursche. Von einem Mudporter aus der Pfarre St. Ursula war zu erwarten, dass er es nicht unterlassen würde, einem Schwiegersohn von Timpson einen Dienst zu erweisen, denn Timpson war einer der tüchtigsten und einflussreichsten Männer im Kirchspiel und hatte eine Menge Arbeit, die er in die richtigen Hände zu legen wusste. Mr Riley mochte solche Männer, ganz abgesehen von dem Geld, das vielleicht durch ihr gutes Urteil von weniger würdigen Taschen in seine eigenen gelenkt werden könnte; und es würde ihm eine Genugtuung sein, bei seiner Rückkehr zu Timpson zu sagen: »Ich habe Ihrem Schwiegersohn einen guten Schüler gewonnen.« Timpson hatte zahlreiche Töchter, und Mr Riley fühlte mit ihm; zudem war Louisa Timpsons Gesicht mit den hellen Locken über dem eichengeschnitzten Kirchenstuhl ihm seit fast fünfzehn Jahren sonntäglich vertraut: So war es natürlich, dass ihr Mann ein empfehlenswerter Lehrer sein musste. Überdies wusste Mr Riley keinen anderen Schulmeister, den er aus irgendeinem Grund statt seiner hätte empfehlen sollen, warum also sollte er nicht Stelling empfehlen? Sein Freund Tulliver hatte ihn nach seiner Meinung gefragt, und es beeinträchtigt stets den freundschaftlichen Umgang, wenn man sagt, man habe keine Meinung abzugeben. Und wenn man dann seine Meinung äußert, dann ist es reine Dummheit, es nicht mit einem Anschein von Überzeugung und wohlbegründetem Wissen zu tun. Man macht eine Meinung zu seiner eigenen, wenn man sie ausspricht, und natürlich erwärmt man sich selbst für sie. Sobald Mr Riley also Stelling empfohlen hatte, von dem er zunächst einmal nichts Schlechtes wusste und dem er nur Gutes wünschte, wenn er ihm überhaupt etwas wünschte, da fing er schon an, voller Bewunderung an den Mann zu denken, der von höchst glaubhafter Seite empfohlen war, und gewann bald ein so warmes Interesse an der Sache, dass er, falls Mr Tulliver es am Ende abgelehnt hätte, Tom zu Stelling zu schicken, seinen ›Freund von der alten Schule‹ für einen ausgemachten Dummkopf gehalten hätte.

Falls man Mr Riley ernstlich tadelt, weil er eine so wenig begründete Empfehlung gab, muss ich sagen, dass man zu streng mit ihm ist. Warum sollte man damals von einem Auktionator und Schätzer, der sein Latein von der Freien Schule so gut wie vergessen hatte, erwarten, dass er eine peinliche Gewissenhaftigkeit zeigte, wie sie nicht einmal immer von Herren der gelehrten Berufe ausgeübt wird, und das auf unserer gegenwärtigen fortgeschrittenen Stufe der Moralität?

Zudem kann ein Mann voll der Milch menschlicher Freundlichkeit es kaum unterlassen, eine gutherzige Tat zu tun, und man kann nicht nach allen Seiten gutherzig sein. Die Natur selbst bringt gelegentlich einen lästigen Schmarotzer bei einem Tier unter, gegenüber dem sie sonst keine bösen Absichten hat. Und dann? Wir bewundern ihre Fürsorge für den Schmarotzer. Hätte sich Mr Riley gescheut, eine Empfehlung zu geben, die nicht auf gesicherter Kenntnis beruhte, dann hätte er Mr Stelling nicht zu einem zahlenden Schüler verholfen, und das wäre nicht so günstig gewesen für den hochwürdigen Herrn. Man bedenke auch, dass all die angenehmen kleinen verschwommenen Vorstellungen und Selbstgefälligkeiten, die Mr Rileys Bewusstsein bei dieser Gelegenheit ausmachten – gut mit Timpson zu stehen, Rat zu erteilen, wenn man ihn darum gebeten hatte, seinem Freund neuerlich Respekt einzuflößen, etwas zu sagen und es mit Nachdruck zu sagen, mit anderen geringfügigen und unschätzbaren Zutaten, die vom warmen Feuer und vom Branntwein herrührten –, nichts als Leere gewesen wären.

Kapitel 4

Tom wird erwartet

Es war eine schwere Enttäuschung für Maggie, dass sie nicht mit ihrem Vater zusammen Tom im Einspänner von der Lehranstalt abholen durfte, aber der Morgen war zu feucht, so sagte Mrs Tulliver, als dass ein kleines Mädchen in ihrer besten Haube ausgehen dürfe. Maggie war ganz entschieden gegenteiliger Ansicht, und es war eine direkte Folge dieser Meinungsverschiedenheit, dass sie, als ihre Mutter dabei war, die widerspenstige schwarze Haarfülle auszubürsten, plötzlich unter deren Händen fortlief und ihren Kopf in eine Wasserschüssel tauchte, die in der Nähe stand – in dem rachsüchtigen Entschluss, dass es dann heute auch keine Locken mehr geben solle.

»Maggie, Maggie«, rief Mrs Tulliver aus, die hilflos und behäbig mit den Bürsten auf dem Schoß dasaß, »was soll nur aus dir werden, wenn du so ungezogen bist? Ich werd’s deiner Tante Glegg und deiner Tante Pullet erzählen, wenn sie nächste Woche kommen, und dann mögen sie dich gar nicht mehr leiden. Oje, oje! Sieh dir deine saubere Schürze an, nass von oben bis unten. Die Leute werden denken, dass es ’ne Strafe für mich ist, dass ich so ein Kind habe, sie werden denken, dass ich was Böses getan habe.«

Bevor sie mit ihren Vorhaltungen fertig war, war Maggie schon außer Hörweite und auf dem Weg zu dem großen Speicher, der unter dem alten, steilen Dach lag, und sie schüttelte beim Laufen das Wasser aus ihrem schwarzen Schopf wie ein Skyeterrier, der dem Bad entronnen ist. Dieser Speicher war Maggies Lieblingszuflucht an einem nassen Tag, wenn das Wetter nicht allzu kalt war; hier konnte sie ihre bösen Launen auslassen und laut zu den wurmstichigen Dielen und wurmstichigen Simsen und den dunklen, von Spinnweben überzogenen Dachsparren reden; und hier bewahrte sie einen Fetisch auf, den sie für all ihr Unglück strafte. Es war dies der Rumpf einer großen hölzernen Puppe, die einst mit runden Kulleraugen über leuchtendroten Wangen vor sich hingestarrt hatte, aber jetzt völlig gesichtslos war durch eine lange Reihe stellvertretend erlittener Leiden. Drei in den Kopf geschlagene Nägel erinnerten an ebenso viele Krisen in Maggies neun Jahren irdischen Kampfes. Die Idee zu dieser ausschweifenden Rache war ihr durch das Bild in der alten Bibel gekommen, auf dem Jael Sisera umbrachte. Der letzte Nagel war mit einem heftigeren Schlag als gewöhnlich eingeschlagen worden, denn damals stellte der Fetisch gerade Tante Glegg dar. Aber sofort danach hatte Maggie sich überlegt, dass sie, wenn sie zu viele Nägel hineinschlüge, sich nicht mehr gut vorstellen könnte, dass es dem Kopf weh tat, wenn sie ihn gegen die Wand schlug, noch könnte sie ihn trösten und so tun, als ob sie ihm Umschläge machte, wenn ihr Zorn nachgelassen hatte, denn sogar Tante Glegg konnte einem leidtun, wenn man ihr so sehr weh getan und sie so gedemütigt hatte, dass sie ihre Nichte um Verzeihung bat. Seitdem hatte sie keine Nägel mehr hineingeschlagen, sondern sich dadurch Beruhigung verschafft, dass sie den hölzernen Kopf gegen den rohen Backstein der Schornsteine, die als zwei viereckige Pfeiler das Dach stützten, abwechselnd scheuerte und schlug. Und dies tat sie auch an diesem Morgen, als sie auf dem Speicher war, und schluchzte die ganze Zeit mit einer Leidenschaft, die jede andere Form des Bewusstseins verdrängte, sogar die Erinnerung an den Kummer, der sie hervorgerufen hatte. Als die Schluchzer schließlich ruhiger wurden und das Schinden weniger wütend, ließ sie ein plötzlicher Sonnenstrahl, der durch das Drahtgeflecht auf die wurmstichigen Balken fiel, den Fetisch fortwerfen und zum Fenster laufen. Die Sonne kam wirklich durch, und das Geräusch der Mühle klang wieder fröhlich, die Türen der Kornkammer standen offen, und Yap, der putzige weißbraune Terrier, lief, ein Ohr nach hinten geschlagen, umher und schnüffelte herum, als ob er einen Gefährten suche. Es war unwiderstehlich. Maggie warf ihr Haar zurück und lief die Treppe hinunter, griff nach ihrer Mütze, ohne sie aufzusetzen, sah vorsichtig über den Flur und rannte dann schnell hindurch, damit sie ihrer Mutter nicht begegnete, und schon war sie im Hof und drehte sich um und um wie eine Besessene und sang beim Wirbeln: »Yap, Yap, Tom kommt heim!«, und Yap tanzte bellend um sie herum, als ob er sagen wollte, wenn es an Lärm fehle, dann sei er gerade der Rechte.

»He, he, Miss, du wirst schwindlig und in’n Schmutz falln«, sagte Luke, der erste Müller, ein großer breitschultriger Mann von vierzig Jahren mit schwarzen Augen und schwarzem Haar, durch eine allgemeine Mehligkeit gedämpft wie eine Aurikel.

Maggie hörte auf zu wirbeln und sagte, ein wenig schwankend: »Oh, nein, es macht mich nicht schwindlig, Luke; darf ich mit dir in die Mühle gehen?«