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Der 15jährigen Lysann eröffnet sich die Welt der Liebe auf eine andere, seltsame, verstörende Weise. Die Verbundenheit zu ihrer verstorbenen Oma, die Erfahrung des ersten Verliebtseins, erst zaghaft, dann wild und hungrig, ihr inniger Kontakt zu einer Liebe aus längst vergangenen Tagen, die tiefe Freundschaft zu Conny, einer anderen Außenseiterin - all das spiegelt eine junge Seele wider in dem Spannungsfeld zwischen verzweifelter Suche und dem Sehnen nach Schutz und Heimat. Der Roman "Die Mühle am Fluss" berichtet von drei Abschnitten im Leben einer jungen Frau. Schicksalhafte Begegnungen, Abschiede, Katastrophen, Neuorientierungen und die zwanghafte Verknüpfung von Tod und Liebe sind es, die Lysanns Weg begleiten.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2014
René Löwendorf
Die Mühle am Fluss
Die Mühle am Fluss
René Löwendorf
Die Mühle am Fluss
Tredition-Verlag
René Löwendorf Die Mühle am Fluss Roman
ISBN: 978-3-8495-8208-1 (Paperback)
ISBN: 978-3-8495-8209-8 (Hardcover)
Für Martina G.
ERSTER TEIL
Februar 2085
-1-
„Als ich sie zum ersten Mal sah – damals, so viele Jahre ist es her – ihr scheuer Blick, die klaren, grünen Augen, ihr graziler Gang, die staunend-neugierige Art, wie sie ihre Welt entdeckte. Ich hatte sie nicht erahnen können – die Tiefgründigkeit, die unfassbare Fülle ihres Herzens. Mit all dem Leid, all der Liebe und Sehnsucht, das es imstande war, aufzunehmen. Der Welt und ihrem Wahnsinn entgegenzutreten, Paroli zu bieten. Das war ihre Notwendigkeit, ihre Mission. Die Essenz ihrer Liebe. Wie kristallklar sie doch war. Immer. Uneingeschränkt. Fluch und Segen, mögen manche zu bedenken geben. Ich aber sage: es waren diese drei Eckpfeiler, die das Gewölbe ihrer Seele emporhoben. Die Liebe. Der Tod. Und die Liebe über den Tod hinaus.“
ZWEITER TEIL
Mai 2014
-2-
Eine Karawane soll durch das unvergleichlich schöne Rot ziehen. Durch meine Wüste. Weiß umhüllte Beduinen schwanken in elegant fließenden Bewegungen auf ihren Kamelen. Der Wind trägt Wortfetzen der Männer zu mir. In einer rauen, mir unbekannten Sprache. Ich versuche, meine Augen nicht zu fest geschlossen zu halten. Denn dann sterben meine roten Dünen – und zurück bleibt eine tote, schwarze Fläche. Ich genieße das Rot. Die kahlen Äste sind fort, die eben noch vor der Sonne hin und her wogen. Rot bedeutet Leben – und es hilft mir, die liebevoll tröstende Wärme der Sonnenstrahlen einzufangen. Wie kraftspendend doch die Gleichmäßig meiner roten Wüste unter rotem Himmel ist – jenseits der kunterbunten Hektik, jenseits jeglicher Pflichten und aller Vernunft.
Da, meine Mutter. Sie ruft nach mir. Ich bin überrascht über die Besorgnis, die in ihrer Stimme spürbar ist. War ich denn so lange weg? Zögernd nehme ich Abschied von meiner Wüste, den Beduinen und ihren Kamelen, wie sie die scharfen Kämme der Sanddünen queren und ihrer Bestimmung wieder ein Stück näher gekommen sind. Meine geöffneten Augen wandern automatisch nach unten, um dem gleißenden Licht zu entgehen. Braun statt Rot. Totes Frühlingslaub bedeckt den Boden in diesem kleinen Waldstück zwischen Forellenteich und Bahndamm. Überall stehen dreckig-weiße Birken mit dunklen Tupfern. Es riecht nach feucht-moosiger Rinde. Hinter einer schwarzen Pfütze schwingt sich eine Ente schwerfällig und schimpfend in die Lüfte.
Der Weg zurück zu der Wiese am Teich kommt mir lang vor. Staubgraue Wolken schieben sich vor meine Sonne. Noch-mals komme ich an dem liebevoll gepflegten Grab vorbei. Hier haben wir letzten Herbst unseren ‚Easy‘ beerdigt. Ungefähr dort, wo er so gern gespielt hat mit seinem quietsch-gelben Ball. Der liegt jetzt bei ihm im Grab. Ebenso ein langer Brief, den ich ihm geschrieben hatte. Komisch, geweint habe ich damals gar nicht. Erst viel später, Tage, nachdem ‚Easy‘ unter der Erde war. Ich stellte mir vor, wie die Seele eines kleinen, langohrigen Hundes mit einer verkrüppelten Hinterpfote den Weg durch das Licht fand. Zu einer Welt ohne Entbehrungen und Angst. Jedes Mal, wenn diese tröstenden Gedanken von mir Besitz ergriffen, spürte ich, dass er irgendwie bei mir war. Mein ‚Easy‘. Der bis dahin mein ganzes Leben begleitet hatte. Humpelnd, stets treu an meiner Seite. Eine Hummel brummt gemütlich zwischen den Stiefmütterchen auf seinem Grab umher. Das plötzliche Kreischen eines Güterzugs zerreißt die Idylle. Mutter packt bereits die Sachen zurück in den Picknickkorb. Ich hatte gar nichts gegessen, bemerke ich fast gleichgültig.
Der Zug ist laut. Schrebergärten mit Fahnen rauschen vorbei. Auf einer Terrasse spielen Kinder Tischtennis. Von ihrem Balkon aus blickt eine Frau in die Ferne und zieht gierig an ihrer Zigarette. Ich denke an Zugvögel, die die Wüste überqueren. Gibt es das eigentlich – Zugvögel in der Wüste? Vielleicht Kraniche oder Wildgänse, die der Kälte ihrer Heimat entfliehen? Aber ob die tatsächlich den gefährlichen Weg über die Wüste wählen? Weil ich zweifle, sterben sofort die ersten. Sie fallen einfach vom Himmel und landen hart auf dem roten Sand. Meine Schuld, denke ich, empfinde aber nichts dabei. Wir sind angekommen und stehen nun auf dem Bahnhofsvorplatz. Den letzten Bus, der samstags fährt, haben wir um wenige Minuten verpasst.
Endlich erreichen wir das dreckig-graue Acht-Familienhaus mit unserer Wohnung. Bis vor kurzem strahlte sie für mich Wärme, sogar Geborgenheit aus. Jetzt aber erscheint sie mir düster und freudlos - wie ein verregneter Novembertag. Na ja, es muss an mir liegen. Denn sie hat sich ja nicht verändert, unsere alte Wohnung, in der ich die kompletten fast sechzehn Jahre meines Lebens verbracht habe. Die wir so liebevoll ausgestattet haben, Mutter und ich. Wir haben uns bemüht, alles farbenfroh und lebendig einzurichten. Merkwürdig: es ist mein Daheim; hier sind so viele meiner Erinnerungen zu Hause. Doch irgendwie schwindet meine Vertrautheit mit unseren neunzig Altbau-Quadratmetern mehr und mehr. Warum auch immer.
Als ich im Flur meine Schuhe abstreife, brennt sich Grün in meine Augen. Grün: die Kissen auf dem Ausziehsofa. Die Vorhänge in meinem Zimmer. Die abwaschbare Tischdecke in der Küche. Mutter dreht das Radio lauter, das tagsüber immerwährend leise angestellt bleibt. Musik, zu der man tanzen könnte, denkt sie jetzt vielleicht.
Meine Oma erscheint im Flur und lächelt mir zu. Ich empfand zum ersten Mal die Unergründlichkeit der Trauer, als sie letzten Sommer starb. Das Gefühl, vergeblich nach einer vertrauten Hand zu tasten, war völlig unbekannt für mich – in der ersten Zeit war ich nur umgeben von kalter Einsamkeit, die meine Orientierungslosigkeit nach Omas Tod vollends ausfüllte. Doch dafür nahm mich die Erinnerung zärtlich in ihre tröstenden Arme, fast wie eine große Schwester. Immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, besucht mich Oma, um Trost zu spenden, um mir beizustehen.
„Lysann“, sagte Oma einmal, damals, als ich die erste oder zweite Klasse besuchte und Opa Gerd noch lebte. „Deine Augen. So grün wie Smaragde sind sie.“ „Oder wie Flaschenbier“, grinste Opa postwendend und zwinkerte mir zu, was von Oma mit mahnendem Kopfschütteln quittiert wurde.
Wie Smaragde. Ich sehe in den Spiegel, der in meinem Zimmer über der weißen Kommode hängt. Sie sind grün wie … - mir fällt kein Vergleich ein. Wie eine Oase – inmitten der Wüste, schießt es mir durch den Kopf. Ich stehe ruhig da und betrachte mich. Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich meine Sommersprossen mag. Von der Nasenwurzel aus verteilen sie sich - der Form eines Flügelpaares gleichend – über meine Wangen. Das schulterlange braune Haar muss ich mir immer wieder aus dem Gesicht streichen. Bin ich hübsch, vielleicht sogar … attraktiv? ‚Attraktiv‘ – was für eine blödsinnige Frage, ermahne ich mich, nicht zum ersten Mal. Mutter und ich haben es schwer genug, irgendwie über die Runden zu kommen. Da muss ich bestimmt nicht mit solch überflüssigen Ideen anfangen. OK, ich werfe einen letzten Blick in den Spiegel. Die Wangenknochen. Sie sind ein wenig eingefallen. Aber sonst … gefalle ich mir. Und Punkt.
Mutter ruft zum Abendbrot. Sie erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei. Ich antworte nicht sofort, worauf sie mich besorgt anschaut und fragt, ob mich irgendetwas traurig mache. Ich sehe in ihre müden grauen Augen und entgegne, es sei nichts. Ich kaue bedächtig und sehe hinaus in die Dämmerung. Ein bleicher Halbmond spendet kaum spürbares Licht. Jetzt wird es kalt draußen. Ich stelle mir Leute vor, die durch das Grau gehen. Die vielleicht kein Zuhause haben, nicht einmal in einem heruntergekommenen Acht-Familienhaus. Es sind so viele Menschen; in meiner Vorstellung sind sie alle einsam und niedergeschlagen. Die Zugvögel fallen mir ein. Jetzt bereue ich, dass ich sie habe sterben lassen. Nur, weil ich kein Vertrauen hatte.
-3-
Die Wohnung riecht nach frischen Frühstückshörnchen. Ich atme den Duft ein und versinke in Erinnerungen. Damals, als ich klein war. Damals, als Pa noch da war. Der Duft stößt eine Tür in mir auf. Ich setze mich auf mein Bett und rufe mir winzige Erlebnisfetzen in mein Gedächtnis zurück. Pa, wie er meinen Puppenwagen repariert hat, ich ihm vor Glück in die Arme falle und weine. Pa und Mutter, wie sie sich im Bad küssen und erschrocken wie Schulkinder voneinander weichen, als ich plötzlich hereinkomme. Es sind wunderschöne Erinnerungen. Ich mag diese Sonntage. Es ist, als könnte ich das Rad der Zeit wieder zurückdrehen und alles leimen, was zerbrochen ist.
Nach dem Frühstück wollen wir hinausgehen und am Fluss spazieren gehen. Die Sonne ist so herrlich und tröstend. Im Treppenhaus hören wir aus der Wohnung von gegenüber einen langgezogenen Ruf. Kein Zweifel: jemand ruft um Hilfe. Erschrocken stutzen wir. Dann aber, als der Ruf ein zweites Mal ertönt, erkennen wir, dass es Cora ist. Cora ist der Papagei von Frau Granz, einer etwa 90jährigen Frau. Sie lebt allein. Frau Granz mag Mutter und mich. Sie hat Mutter schon einige Geheimnisse ihres Lebens anvertraut. Auch einen Schlüssel für den Fall, dass mal etwas passiert, hat sie ihr gegeben. Nun stehen wir da. Wir lauschen. Aber nichts ist mehr zu hören. Mutter klingelt an. Sie will sich vergewissern, ob alles in Ordnung ist. Nichts geschieht. Wir versuchen, leise zu atmen, um besser lauschen zu können. Nichts. Da, plötzlich. Cora schreit erneut: „Hilfe, hiiiilfe!“. Mutter zieht die Stirn in Falten und geht hastig zurück in unsere Wohnung. Sie kehrt mit einem Schlüssel zurück. Der Schlüssel hängt an einem blauen Band mit dem orange leuchtenden Werbeslogan einer Baumarkt-Kette.
In Frau Granz‘ Wohnung empfängt uns der vertraute Geruch nach altem Holz, Zimt und Kamillentee. Das Ticken der Standuhr zerhackt die Zeit in kleine Scheibchen. Mutter geht in die Küche. Mich zieht es geradeaus in Richtung Wohnzimmer. Von der Diele aus sehe ich sie liegen, hinter der halb geöffneten Wohnzimmerglastür. Ich spüre, wie sich meine Sinne schärfen. Frau Granz liegt vor mir. Ist sie tot? Nein, sie atmet flach. Ihr leerer Blick ist nach oben zur Decke gerichtet. Neben ihr liegt eine Frauenzeitschrift auf dem zerschlissenen Teppich. Ein Artikel über Prinzessin Mette-Marit liegt obenauf. „Ist ihr Modestyle zu bürgerlich?“ lese ich mit bebenden Lippen.
Ich sage nichts. Ich bin hier, allein mit einer alten Frau. Um uns herum ist eine gläserne, undurchdringliche Wand. Ich fühle, wie ich mich zu ihr setze und meine warme Hand ihre kalk-weiße Stirn berührt. Es besteht kein Zweifel. Sie spürt die Wärme. Sie spürt meine Hilfe. Ihre braunen Augen schenken mir Dankbarkeit. Mich durchströmt Ruhe und Entschlossenheit. Sie muss früher eine schöne Frau gewesen sein, kommt es mir zum ersten Mal in den Sinn. Ihre Augen erzählen von Sanftmut und von viel Leid. Ich bemerke den Notarzt erst, als er mir seine Hand auf die Schulter legt.
-4-
Altrosa. So nennt Mutter die Farbe der spitzenverzierten Deckchen auf dem Wohnzimmerschrank aus Eiche. Ein alter Fernseher, filigrane Tassen, die hochkant auf ihren Unter-tassen stehen, eine Bibel und ein Jahre altes Telefonbuch. Merkwürdig. Jetzt riecht es nur noch nach altem Staub. Betäubende Einsamkeit wohnt in allen Ecken. Ohne Mutter würde ich hinauslaufen. Oder zu den schweren Schallschutzfenstern, sie aufreißen und den Kopf weit hinaus in den Frühlingsnachmittag strecken, um Luft zu bekommen. So aber gehen wir behutsam durch die Wohnung und wollen den Papageienkäfig samt Cora holen. Frau Granz hatte Mutter darum gebeten, als sie zum Notarztwagen getragen wurde. Wie mit allerletzter Kraft habe sie gesprochen, erzählte mir Mutter später.
Cora klebt hinten in der Ecke zwischen Fenster und Telefontisch. Der Papagei scheint mir wie eine bunte Insel des Lebens inmitten eines dunklen, teak-farbenen Ozeans, in dem der Tod wohnt. Überall ballt sich die allgegenwärtige Wehmut wie ein Schwarzes Loch im Weltall. Einsamkeit und Furcht, konzentriert auf die kleine Wohnung einer alten Frau.
Cora ist alles andere als laut und schrill, wie ich sie sonst kenne. Verstört und leise verharrt sie in ihrem Käfig. Schon am Vormittag, als Frau Granz so da lag und Mutter den Notarzt rief, sagte Cora nichts. Ahnt sie, dass Frau Granz vielleicht nie mehr zurückkommen wird? Mutter hebt vorsichtig den Käfig an und trägt ihn hinaus in den Flur. Ein unzufriedenes Knurren ist die Antwort. Ich betrachte das Bild, das eingezwängt in einen Eichenrahmen über dem Sofa hängt. Der düstere, graue Himmel drängt sich mir als erstes auf. Ein Pferdekarren. Der Weg ist von Schlamm aufgeweicht. Der Karren scheint stecken geblieben zu sein und ein unermüdlicher Bauer treibt das Pferd an. In dem fleischfarbenen Fleck, der das Gesicht des Bauern darstellt, spüre ich Wut und Ohnmacht. Vielleicht ist bald Abend und er hat noch einen weiten Weg vor sich. Und in dem Wald im Hintergrund sammeln sich bereits die Räuber. Mit schartigen Dolchen. Armer Bauer. Seit wie viel Jahren kämpft er verzweifelt gegen Schlamm und Zeit? Mutter ermahnt mich zu kommen. Ich solle nicht träumen. Wahrlich kein schöner Traum, sage ich mir. Wir gehen hinüber in unsere Wohnung. Cora ist gerettet.
-5-
Jetzt ist es dunkel. Ich weiß, warum Mutter mich bittet, sie zu begleiten, als sie nochmals in Frau Granz‘ Wohnung geht. Mutter dreht den Schlüssel um. Die Tür springt einen Spalt auf. Wie ein Windhauch kommt es mir vor. Es ist die Angst, die entweichen will. Angst vor dem Tod. Angst vor der Wehmut. Angst vor dem bitteren Eingeständnis, ein unerfülltes Leben gelebt zu haben. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Wir gehen hinein. Mutter flucht kurz, als sie nicht sofort den Lichtschalter findet. Wir bleiben im Flur stehen. Horchen wir auf Geräusche? Wie albern, sollten wir denken. Vogelfutter für Cora. So lautet unser Auftrag für diese Mission. Wir öffnen zaghaft die Küchenschränke. Eine Kaffeemühle, Zwieback, Mehltüten, Muskatnüsse. Nichts. Kein Futter für verwaiste Papageien. Vielleicht ja im Wohnzimmer. Ich zögere, als ich Mutter folge. Der große Eichenschrank steht der Wand mit dem Bild gegenüber, erinnere ich mich. Bauer, Schlamm und Räuber sollten mir gleichgültig sein, solang ich Ihnen den Rücken zukehre. In den Schubladen nichts für hungrige Papageien. Briefe, Einkaufszettel, Kugelschreiber, ausgeschnittene Zeitungsartikel.
Langsam öffne ich eine Schranktür. Auf ihr droht ein Astloch, das einem zornigen Gott mit wilder Frisur gleicht. Die Tür ist erst eine Handbreit auf, als mir etwas Schweres entgegen fällt. Ein brauner Schuhkarton. Da, er bricht auseinander. Sein Inhalt – Briefe, Zettel, Schwarzweiß-Fotos - ergießt sich auf den Teppich. Ich knie mich hin. Ein Bild zeigt eine Frau mit einem Hut. Ihr Gesicht scheint gebräunt, ihr Strahlen ist unbändige Lebensfreude. Im Hintergrund ein Flugzeug. Ein sehr altes Flugzeug, stelle ich fest, ohne wirklich Ahnung zu haben. Ist die Frau von einer weiten Reise zurückgekehrt. Ist sie noch glücklich angesichts der Erlebnisse im Urlaub? Freut sie sich auf das, was kommt? Ich betrachte das Bild näher. Ist das Frau Granz? Wie alt war sie, als das Foto jemand schoss, den sie mochte, vielleicht sogar liebte. Woher will ich das wissen, frage ich mich verdutzt. Vielleicht 40, 45? Es ist das erste Mal, dass mir jemand jugendlich erscheint, der bereits jenseits der 20 ist. Meine Hände zittern.
Ich zieh‘ ein weiteres Bild aus dem Stapel. Hier stehen Uniformierte nebeneinander und umrahmen zwei Frauen; das Ganze offenbar in einem Bierzelt. Die eine Frau lächelt vergnügt, der anderen scheint die Situation etwas peinlich. Die angehobenen Mundwinkel vertreiben nicht das Unbehagen und die Sorgen aus ihrem Gesicht. Die Bärtigen in ihrer Schützenfestkleidung, die links und rechts der Frauen aufgereiht sind, kümmert das nicht. Trotz ihres glasigen Blicks versuchen sie, ernst und gewichtig in die Kamera zu schauen. Wahrscheinlich wegen der Uniformen.
Ich habe die Bettdecke über den Stuhl geworfen. Jetzt ist ganz viel Platz auf meinem Bett. Der Karton, den ich notdürftig repariert habe, ist schwer und drückt mein dunkelblaues Bettlaken herunter. Ich im Schneidersitz auf meinem Bett, vor mir die braune, zerschlissene Schatzkiste. Als Mutter das Papageienfutter endlich gefunden hatte, ermahnte sie mich, wieder zurückzugehen. Sie zog in Frau Granz‘ Schlafzimmer die schweren, beschfarbenen Vorhänge zu, als ich schnell und leichtfüßig in unsere Wohnung huschte, den kaputten Karton samt hineingestopftem Inhalt unterm Arm. Jetzt wohnen all die Erinnerungen bei mir. Unter meinem Bett. Es ist späte, stille Nacht. Die weißen Sterne über der schlafenden Stadt sind in das Schwarz gemeißelt.
Zur Sicherheit habe ich mein Zimmer abgeschlossen. Er liegt vor mir, der Schatz voller vergessener Gedanken. Gedanken, die viel bedeutet haben: Freude, Leid, Liebe, Trauer. Es sind nicht meine Gedanken. Und wenn es nicht meine Geschichte ist, die hier in einem braunen Quader schlummert, warum liegt mir so viel an ihr? Ist es überhaupt rechtmäßig, was ich hier tue? Es sind private, wahrscheinlich intime Unterlagen einer alten Frau, die im Sterben liegt. Denn den schweren Schlaganfall – so mutmaßte Mutter – würde Frau Granz wohl nicht überleben. Sollte ich mich schämen? Für den … Diebstahl? Nichts regt sich in meinem Gewissen. Fast kommt es mir vor, als würde ich der Sterbenden einen letzten wichtigen Dienst erweisen.
Mit aller Vorsicht ziehe ich einen braun-verblichenen Zettel aus einem Kuvert. Er muss einmal weiß gewesen sein, als er beschrieben wurde. Damals, vor Jahrzehnten. Die Schrift ist sorgfältig, ebenmäßig, fast elegant. Dennoch: die Zeilen wurden hastig zu Papier gebracht. Ohne nachzudenken, betrachte ich zunächst das Ende des Schreibens. „In ewiger Liebe und Treue! Dein Fritz“ ist dort zu lesen. Der Brief beginnt mit „Meine liebste Anni“. Auf dem Umschlag steht Annegret Kampmann als Empfängerin. Annegret – das ist Frau Granz‘ Vorname, weiß ich von Mutter. Schon vor einiger Zeit hatte Mutter mir das eine oder andere aus Frau Granz‘ Leben erzählt. Denn es hatte einen einzigen Tag gegeben, an dem sich Frau Granz ihr unter Tränen offenbarte. Damals – ich war gerade erst in die 5. Klasse gekommen – war die Beerdigung des kleinen Philipp aus dem 1. Stock. Er ist sechs Jahre alt geworden. Dann hat er seinen Kampf verloren gegen den Gehirntumor.
Nach der Trauerfeier und dem anschließenden Beisammensein mit Kaffee und Kuchen und einer Stimmung, die während des gesamten Vormittags nichts von ihrer Niedergeschlagenheit eingebüßt hatte, gingen Mutter und ich hinauf in unsere Wohnung. Im Treppenhaus hinter uns schleppte sich Frau Granz die Stufen herauf. Sie schluchzte. Vielleicht wegen ihrer Anteilnahme, vielleicht, weil die Antwort auf die dringende Frage fehlte, warum Gott das zulässt. Vielleicht auch, weil eine alte Wunde in ihr zu bluten begann. Kinder. So gern hätte sie welche gehabt. Mit Fritz, der großen Liebe ihres Lebens, wie ich nun vermute. An solchen Tagen muss die Einsamkeit, die bei ihr wohnte, wie eine eiserne Decke gewesen sein, die alles unter sich erstickte. Mutter lud sie ein auf ein Gläschen Sherry. Frau Granz blieb lange.
Als ich in einer neuen Welt ohne den kleinen Philipp und seine großen, neugierigen Augen zu Bett ging, taute Frau Granz auf. Mutter erfuhr, dass sie als junge Frau geheiratet hatte. Noch während des Krieges. Ihr Mann sei in Russland vermisst, auf dem Rückzug vor der Roten Armee. Nach einigen Jahren hatte sie den Status einer Witwe. Sie lernte einen neuen Mann kennen, einen gutsituierten Makler, sagte Mutter. Der brachte einen Sohn mit in die Beziehung. Frau Granz war bereit für ein neues Leben voller Ordnung und Glück. Doch der Mann weigerte sich, mit ihr den Bund der Ehe einzugehen. Dann – wie aus heiterem Himmel – verließ er sie. Jahre später bekam sie einen Brief von ihm. Der Sohn habe irgendwo in Amerika seinen Uni-Abschluss geschafft und werde nun Anwalt. Und er selbst habe aus einer Geschäftsidee nach anfänglichen Problemen viel Geld gemacht, beschäftige jetzt über 100 Leute und habe kürzlich seine Haushälterin geheiratet. Wie kann ein bereits gebrochenes Herz nochmals zerstört werden, frage ich mich.
In dem vergilbten Stück Papier, das ich sorgsam in den Händen halte, lese ich, dass Fritz immerfort an seine Anni denkt. Ständig begegnet ihm ihre Liebe. In jedem Sonnenstrahl, der sich im Fluss widerspiegelt, an dem seine Kompanie gerade Halt macht. In jedem Rotkehlchen, das von einem Ast aus den Tag begrüßt. Welche Wärme in diesen Zeilen wohnt, wundere ich mich. Welche Liebe. Eine Liebe, die nicht fordert, die an nichts geknüpft ist. Ich wage nicht, nach einem Foto von Fritz zu suchen. Nein, ich stelle ihn mir vor. Beklommen schiebe ich den Schatz unter das Bett und knipse das Licht aus.
-6-
Wie lang sitze ich schon so da? Weiße Wolken ziehen hinter dem Küchenfenster vorbei. Mutter ist zur Arbeit. Ich müsste in der Schule sein. Aber ich will nicht frühstücken, zum Unterricht hetzen und mir unterwegs eine passende Erklärung für die Verspätung ausdenken. Nein. Ich bleibe hier sitzen. Die Welt und der Wahnsinn, der in ihr tobt, müssen ohne mich auskommen. Wieder und wieder rufe ich es in mein Gedächtnis zurück. Es geschah mitten in der Schwärze der Nacht. Oder war es eine Art Traum? Ich klammere mich an den Gedanken, weiß aber, dass es dafür einfach zu wirklich war.
Ich fühlte in der Nacht die Geborgenheit einer vertrauten Hand auf meinem Unterarm. Ich spürte, es war Oma. Seit ihrem Tod vor einigen Monaten hatte sich ein festes Band der Liebe und des Vertrauens zwischen uns entwickelt. Viel tiefgründiger als zu der Zeit, als sie noch lebte. Immer, wenn sie mich seit ihrem Tod besuchte, schenkte sie mir Geborgenheit inmitten einer kalten Wüste, die sich Leben nennt. Auch in der vergangenen Nacht war ich dankbar für ihre Berührung, ebenso aber auch in ängstlicher Vorahnung einer Besonderheit, einer Botschaft, die sie im Gepäck hatte. Einer Botschaft, die mein Leben verändern würde, die der früheren Unbekümmertheit meiner Kindheit den endgültigen Todesstoß versetzen würde.
Zunächst war es ein regungsloser Schatten. Er verharrte hinter Oma. So als ob er darauf wartete, dass man ihn endlich aufrief. Ein junger Mann, stellte ich dann doch erstaunlich ruhig fest. Seine nussbraunen Augen ruhten auf mir. Ich weiß nicht wie, aber diese Augen nahmen mich gefangen. Sie entführten mich. Weit weg in die Ferne. In die Unendlichkeit. Es gibt kaum Worte, um unsere Reise zu beschreiben. Horizonte verschmolzen zu einer unfassbar rasanten Linie und flogen an uns vorüber. Gleißendes Licht umgab uns. Trauer oder Liebe – all das waren nur Worthülsen. Es gab kein Staunen, keine Verwunderung – nur so etwas wie stille Ehrfurcht. Und eine Wärme, die all die Zweifel und Sorgen unter sich begrub.
Ich lass einen Bleistift durch die Finger kreisen. Ich sitze da. Eine Fliege schwirrt ziellos durch den Raum und durchbricht die gläserne Stille. Ich betrachte das Kalenderbild über dem Kühlschrank. Ein Foto ist zu sehen von einer weißen Kirche. Vor ihr stehen rosa erblühte Kirschbäume. Im Hintergrund ein wolkenloses Blau. Wie simpel die Vorstellung von Harmonie und Glück doch sein kann. Gebündelt in einer einzelnen Szene. Was aber liegt jenseits von ihr? Im Verborgenen? Ich stelle mir schwarzgekleidete Menschen vor, die gramgebeugt die weiße Kirche betreten. Einige der Frauen weinen und werfen klagend die Arme in Richtung Himmel. Dieser erstarrt in kühlem, teilnahmslosem Grau. Es ist der kleine Philipp, den sie betrauern. Philipp mit seinem bleichen Gesicht und schmalen Mund, der so viele Tränen der Freude und des Leids vor sich gehabt hätte. Ich stehe auf, gehe zum Kalender und will das Blatt wegwerfen. Dann aber zögere ich und hänge ihn einfach nur verkehrt herum wieder an den Nagel über dem Kühlschrank. Der aufdringliche, tiefblaue Himmel will mir trotzdem nicht aus dem Sinn.
-7-
Unsere Absätze klappern laut auf dem schwarzen Steinfußboden. Meine beste Freundin Stella und ich durchqueren das Schulgebäude, denn wir haben gleich Unterricht im Neubau. Komisch, denke ich mir, warum nur riecht es in Schulfluren immer nach Staub und alten Orangenschalen. Das war schon in meiner Grundschule so und auch in der Realschule, die ich vor zwei Jahren verließ. Jetzt besuche ich das städtische Gymnasium. Kunst, abgesehen von Geschichte und Englisch mein Lieblingsfach, steht auf dem Plan. Unterwegs plappert Stella aufgeregt auf mich ein. Stella ist von Natur aus gesprächig. Eigentlich sogar aufdringlich. Wir sind grundverschieden, wurde uns nicht nur einmal gesagt. Ich, die eher Unterkühlte, Ruhige – Stella, die Laute, Angriffslustige. „Heute verteilt sie die Einladungen für Samstag“, schießt es aus ihr heraus. Es geht um die anstehende Geburtstagsparty von Conny. Sie wird 16 und hat – so wurde schon gemunkelt – das komplette Haus ihrer Eltern zur freien Verfügung.
Stella droht auszuflippen, wenn sie nicht bedacht wird. Denn das werde mit Sicherheit die geilste Party des Jahres. Mit total süßen Jungs, fügt sie hinzu und zieht dabei vielsagend die Augenbrauen hoch. Meine Schritte werden langsamer. Ich stelle mir das zur Disco umfunktionierte Wohnzimmer vor. Auf dem Sofa Bier- und Cola-Flecken. Conny, wie sie die Raucher und Kiffer auf die Terrasse scheucht. Die Musik ist dröhnend laut, verschwitzte Gesichter brüllen sich Gesprächsfetzen zu. Dann beginnt eine Ballade – wahrscheinlich hat sich eines der Mädchen als DJ durchgesetzt. Die Stimmung nimmt eine spürbare Kurve. Missmutsäußerungen und gleichzeitig die ersten Paare, die sich engumschlungen auf die Tanzfläche trauen. Ich sehe in die Gesichter. Ein Moment, die Fassade abzulegen. Und einfach die Nähe zu genießen. Die Intimität des Augenblicks, getragen durch das harmonische Fließen der Musik.
Und da. Langsam, wie aus einer fernen, nebelgrauen Dämmerung kommt er näher und wird immer deutlicher. Inmitten der Tanzenden erkenne ich einen jungen Mann. Er trägt einen gepflegten, sehr altmodischen hellgrauen Leinen-anzug. Er erwidert nicht meinen Blick. Stattdessen ruhen seine sanften, nussbraunen Augen auf seiner Partnerin. Sie ist wunderschön. Ihre Gesichtszüge sind weich und ihre Glückseligkeit erfasst den ganzen Raum. Es gibt nur noch dieses eine Paar. Dieses eine Lied, das niemals enden soll. Die ganze Welt ist trunken vor Glück. Doch die ganze Welt wird auch dieses Mal keine Ausnahme machen: die Ewigkeit der innigsten Zweisamkeit währt viel zu kurz. Immer.
„Na, wieder am Träumen?“ Stella spricht extra etwas lauter, damit Mitschüler in der Nähe das Urteil über mich bestätigt wissen, das sie längst gefällt haben. Lysann, die Träumerin, die in ihrer eigenen Welt lebt. Es ist OK, dieses Image. Ich bin sogar ein wenig stolz darauf. Jetzt haben wir den Kunstraum erreicht. Unsere Kunst-Lehrerin, Frau Decarmono ist noch nicht da. Conny huscht zwischen den Sitzreihen hin und her und verteilt Einladungskarten. Das muss eine Riesenparty werden, vermute ich. Denn mehr als die Hälfte der Klasse ist eingeladen. Der Rest tut gleichgültig. Stella und ich nehmen fast gelangweilt die frühlingsgrüne Einladungskarte entgegen. Plötzlich staune ich über die Freude, die ich empfinde. Eine schöne Einladung, denke ich, und lese aufmerksam die Zeilen auf sonnig-gelbem Grund, den ein paar blaue Vögel vergnügt überqueren. Stella sagt beiläufig „Na ja, hat ein bisschen was von Kindergeburtstag“. Aber ich will meine Vorfreude nicht so einfach torpedieren lassen. Conny hat offenbar jede Karte eigenhändig beschrieben und bemalt.
Genau zwei Wochen nach Connys Geburtstag werde auch ich 16. Ich hatte mich mit Mutter vor kurzem darüber unterhalten, diesmal eine Party zu feiern. Ganz entgegen meiner bisherigen Gewohnheit. Na ja, eigentlich war es Mutters Idee, mit der ich mich dann aber doch anfreundete. Sie war Feuer und Flamme. Ohne Zweifel endlich eine Chance, die triste Eintönigkeit des Alltags zu bekämpfen. Nun freute auch ich mich zum ersten Mal wirklich auf meine Party. Natürlich würde ich Conny einladen. Und Stella. Und … ich stockte. Mein Freundeskreis ist eher klein. Und ich habe in der letzten Zeit auch keine Energie darin investiert, Freundschaften zu pflegen. Jetzt – da meine Geburtstagsparty ansteht – bekomme ich die Quittung, stelle ich missmutig fest. Die Vorfreude auf meine Party verflüchtigt sich langsam und unaufhaltsam. Die anderen in der Klasse haben Recht. Ich bin wirklich sonderbar. Und selbst von meiner besten Freundin unterscheide ich mich in sehr vielen Punkten. Na ja, zumindest in den wichtigsten.
Meine trüb-grauen Gedanken werden jäh gestört. Frau Decarmono ist endlich gekommen, wie immer mehrere Minuten zu spät. Ihr schwarzes Haar hängt in Strähnen über ihr schwitzig-glänzendes, vollwangiges Gesicht. Sie braucht ein paar Momente, um Luft zu holen. Dann entrollt sie ein Plakat. Den Kunstdruck, der zum Vorschein kommt, erkenne ich sofort. Pa hat mir den gleichen Druck zu meinem letzten Geburtstag geschenkt. Er zeigt ein Bild, das Vincent van Gogh vor langer Zeit gemalt hat. Ein gelbes Kornfeld unter einem drohenden, tiefblauen Himmel, Raben fliegen einem trostlosen Horizont entgegen. Bei seinem letzten Besuch zwischen Weihnachten und Sylvester haben Pa und ich uns über das Bild unterhalten. Damals hing es noch in meinem Zimmer neben dem Bücherregal. Er war stolz darüber, wie viel ich auch ohne seine Hilfe deuten und erkennen konnte.
Pa ist Kunstrestaurator und lebt in Paris. Zumindest seitdem er uns vor einigen Jahren verließ. Er hatte während eines Auftrages in Frankreich eine andere Frau kennengelernt. Er zog zu ihr nach Paris. Mutter ist nie über die Demütigung hinweggekommen. Zuerst war es Wut, dann Hass, jetzt nur noch dumpfe Gleichgültigkeit. Mutter scheint mit allem abgeschlossen zu haben. Sie ist 44 Jahre alt, doch das Leben ist für sie nur noch Erinnerung. Wenn es mich nicht gäbe. Pas Liebe zu der Frau aus Paris hielt nur ein Jahr. Trotzdem blieb er dort. Zu tief war der Graben zu uns, zu verlockend die bunte, pulsierende Weltstadt.
Bilder berühmter Künstler – das war in letzter Zeit seine Art, Zugang zu mir zu finden. Wahrscheinlich hat er es verlernt, mir seine Zuneigung zu zeigen, möglicherweise kann und will ich ihm dazu aber auch einfach keine Möglichkeit geben. Das Band jedenfalls ist gerissen. Vielleicht könnte ich es kleben, doch ich sah bislang keinen Sinn darin. Mutter, ein Schatten ihrer selbst, ist mit meinem Tun, meinem Leben verknüpft. Immer. An guten und schlechten Tagen. Deshalb braucht Pa sich nicht einzubilden, dass er sich auf Knopfdruck und dann, wenn es ihm passt, meiner Liebe sicher sein kann. Er verließ nicht nur Mutter. Er verließ auch mich. Mich, der sich damals eine komplizierte Welt erschloss, voller Widersprüche, Sehnsüchte und Enttäuschungen. Wie sehr hätte ich sie gebraucht, die Stabilität, die nur ein Vater zu schenken vermag.
Frau Decarmono ist tief beeindruckt über mein Wissen zu van Goghs Bild. Als ich dann aber zu detailliert über Kompositionslinien, Pinselduktus und Farbpsychologie berichte und anfange, allgemeine Merkmale des Impressionismus zu erörtern, wandelt sich ihre Stimmung. Ich habe ihr – ohne es zu wollen - den kompletten Wind aus den Segeln genommen. Den Wind, den sie doch so dringend für den Spannungsbogen ihres sonst eher eintönigen Unterrichts einberechnet hatte. Klar, merke ich sofort an den gespielt müden Blicken der Klassenkameraden. Ich hab’s mal wieder übertrieben. Mein Sonderwissen in Kunst oder Geschichte ist zwar irgendwie beeindruckend, vor allem aber nervt es.
-8-
Nach der Schule schlurfe ich gedankenverloren nach Hause, öffne die Haustür und denke, während ich das Treppenhaus hinaufgehe, nochmals an Pa. Diesmal überkommt mich nicht nur ein kritisches Kopfschütteln angesichts seiner Fehler. Ich empfinde blinden Zorn. Pa, der Mutter und mir so viel angetan hat. Noch nie hatte ich auch nur den Hauch eines Bedauerns von Pas Seite verspürt. Ist es Arroganz, ist es Gefühllosigkeit, hat er denn überhaupt kein Verantwortungsgefühl, kocht es in mir, als ich die Haustür aufschließe und in die Küche gehe. Ich knalle meine Schultasche in die Ecke und dann seh‘ ich ihn auf dem Küchentisch liegen – einen Brief aus Paris. Von Pa.
