Die Mutprobe - Lisa Lercher - E-Book

Die Mutprobe E-Book

Lisa Lercher

4,4

Beschreibung

Alptraumhafte Heimkehr Anlässlich eines Klassentreffens kehrt Sabine in ihr Heimatdorf zurück, das sie jahrelang erfolgreich gemieden hat. Sie will eigentlich noch am selben Abend zurück nach Wien, da verschwindet Max, der kleine Sohn Ihrer Jugendliebe Leonhard, spurlos. Sie bleibt - wenn schon nicht ihm zuliebe, so doch wenigstens, um seine Frau moralisch zu unterstützen. Doch der unverhofft lange Aufenthalt in der alten Heimat wird zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, auf der sie sich ihrem schlimmsten Alptraum stellen muss: Ist Max wie sie selbst vor so langer Zeit ein Opfer sexueller Gewalt geworden? Der mitreißende vierte Krimi von Lisa Lercher besticht durch lebendige Beschreibungen und lässt einen bis zum Ende nicht los. Vielschichtige Figuren und überraschende Wendungen halten die LeserInnen in Atem, detaillierte Beschreibungen und glaubhafte Dialoge lassen sie die beklemmende Atmosphäre am dörflichen Schauplatz atmen. Ein Roman, der einfühlsam die Folgen einer Traumatisierung schildert und dabei tief in die Gefühlswelt seiner Figuren eintaucht. "Die Mutprobe" wurde im September 2009 in einer Koproduktion des ORF/MDR erfolgreich verfilmt. ***Packend inszeniert, bestürzend realistisch und außerordentlich lebendig.*** Weitere Krimis von Lisa Lercher: - Der letzte Akt. Kriminalroman - Der Tote im Stall - Ausgedient. Kriminalroman - Zornige Väter. Kriminalroman - Mord im besten Alter. Kriminalroman

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Lisa Lercher

Die Mutprobe

Kriminalroman

© 2014HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Überarbeitete E-Book-AusgabeOriginalausgabe: Milena Verlag, Wien 2006

ISBN 978-3-7099-3568-2

Coverbild: www.photocase.com/kallejipp

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Für meine Eltern

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Epilog

Prolog

Die Flamme ihres Feuerzeugs leuchtet hell. Sie zündet ihre Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug. Das Papier fängt sofort Feuer. Es krümmt sich in der Hitze. Die bläulichen Flammen züngeln hinauf, lecken an dem Gesicht. Das Papier rollt sich ein, verglüht. Schwarze Flocken lösen sich, werden Richtung Felsen getragen. Ihr Blick folgt ihnen, bis sie von der Nacht verschluckt werden. Die Zigarette hängt lässig an ihrem Mundwinkel. Der Rauch beißt in den Augen.

Sie lässt den Rest des Fotos fallen. Fast hätte sie sich verbrannt. Sie bläst auf ihren Finger, steckt ihn kurz in den Mund. Sie nimmt sich das nächste Foto vor und noch eines. Es macht ihr Spaß. Sie wirft die Zigarette zu Boden, tritt sie aus und klopft Reste der Asche von ihrem Mantel.

Dann zieht sie den Brief aus der Tasche. Auch an den hat sie gedacht. Hätte ihn gerne in kleine Fetzen zerrissen, vom Wind ins Dorf wehen lassen. Warum eigentlich nicht? Sie zerpflückt das Papier, akribisch, in immer kleinere Stücke, auch das Kuvert. Sammelt das Häufchen in ihrem Schoß, packt es und geht damit ganz weit nach vorn, bis zu der einsamen Lärche, die sich am äußersten Ende des Felsens ihren Platz erkämpft hat. Sie atmet tief ein, bläst die Papierteilchen hinaus. Sie tanzen in der Luft, flattern über dem Abgrund. Sie sieht ihnen nach, bis auch das Letzte verschwunden ist.

Und jetzt tanzen? Mit lautem Geheul? Sie lacht, fühlt sich erleichtert, hätte sich schon viel früher zu einem solchen Ritual aufraffen sollen.

Sie wippt versuchsweise mit den Zehen. Es fühlt sich gut an. Tanzen. Sie knöpft den Mantel auf, legt ihn über die Lehne der Bank. Sie braucht Bewegungsfreiheit.

Ein Knacken lässt sie zusammenfahren. War ganz in der Nähe. Die Härchen in ihrem Nacken stellen sich auf, Gänsehaut rieselt über ihren Rücken. Ihre Augen durchforsten das Dämmerlicht.

Der Mond rutscht zur Gänze hinter die Wolke. Sie kann nichts erkennen. Es knackt wieder, diesmal weiter entfernt.

„Sicher ein Reh“, flüstert sie leise.

Sie beginnt zu summen, stellt sich breitbeinig hin. Ein wenig unsicher noch. Der Ton macht sie ruhiger. Aus ihrem Bauch soll er kommen, anschwellen, gewaltig werden. Ihre Füße kommen in Bewegung, zaghaft noch. Sie stampft auf, zweites Mal, heftiger, öffnet den Mund, um einem „Hach!“ Platz zu machen, atmet die Angst aus. Bewegt sich selbstsicherer, springt und stampft. Immer mehr Laute purzeln aus ihr heraus.

Sie schwingt die Arme, schleudert den Kopf, nach vor, zur Seite, nach vor. Wirft ihn nach hinten. Der Mond ist ihr Zeuge. Sie heult. Wie ein Tier. Ist nun zu allem bereit.

„Hör auf!“ Der Griff stoppt sie jäh. An ihrem Ärmel festgekrallt, unterbricht er den Tanz. Zu benommen ist sie, um auf Anhieb zu erfassen. Dann endlich, erst Verwunderung, dann Scham. Wie lange schaut er mir schon zu?

„Hast du noch immer nicht genug?“ Sein Ton ist zornig, wutentbrannt.

Sie richtet sich auf, spürt noch die Kraft des Tanzes. „Was wollen Sie?“

„Na was wohl?“ Sein Tonfall ist schneidend, die Augen zu Schlitzen verengt.

Sie zerrt an ihrem Ärmel. „Lassen Sie mich!“

Er hält sie fest. „Warum bist du zurückgekommen? Ist es dein schlechtes Gewissen?“

Sie schluckt, spürt Angst. „Verschwinden Sie endlich! Sonst …“ Ihre Stimme kippt.

„Was willst du? Mir drohen?“ Er lacht höhnisch auf. Sein Gesicht gefährlich nahe, sie dreht ihren Kopf zur Seite.

Er fasst nach ihrem Kinn. „Schau mich an!“ Sein Griff schmerzt.

Er WILL mir weh tun. Die Erkenntnis trifft sie im Kern. Panik schlägt über ihr zusammen, wie eine Welle, sie ringt nach Luft. Sie möchte schreien, die Hände an den Kopf pressen, schreien, bis die Welt um sie in Stücke zerspringt.

Er packt sie fester, schüttelt sie, schlägt ihr ins Gesicht. „Du“, keucht er. „Du bist schuld.“

Ihr Jochbein schmerzt. Seine Hand ist kantig und hart. So wie er selbst. Sie zittert.

„Er war’s. Er hat alles kaputt gemacht.“ Sie stößt es hervor, hofft, dass ihre Wahrheit ihn rührt, er einhält, zur Besinnung kommt, sie gehen lässt.

Ihre Worte bewirken das Gegenteil, kippen wie Öl in sein Feuer. „Halt’s Maul!“, brüllt er. „Halt endlich dein verdammtes Maul.“ Ein zweiter Schlag trifft, diesmal die Nase. Etwas löst sich, tropft warm auf ihre Lippen. Auch das rührt ihn nicht.

Beklemmende Angst. Ihr Überlebenstrieb siegt. Sie windet sich, reißt an ihrem Ärmel, versucht, ihn von sich zu stoßen.

Vergeblich. Seine Augen blitzen drohend, sind wie kleine Schwerter, die sich in ihren Hals bohren.

Er wird mich umbringen. Sie denkt es erstaunlich klar. Erwürgen? Mit seinem Schal erdrosseln? Sie wägt die Möglichkeiten ab. Flucht? Daran denkt sie zuletzt. Wirst immer Opfer sein! - Der Satz hat sich tief in ihr Bewusstsein gegraben.

„Ich mach dich fertig.“ Sein Mund ist dem ihren sehr nah. In einem Liebesfilm würde er sie küssen.

Er drängt sie nach hinten, hat seine Finger um ihren Kragen gekrallt, achtet nicht auf das Blut, das nun auf seine Hand tropft.

Sie wird ihn verraten. Die Spur, das Blut auf dem Boden, noch nach Monaten nachweisbar. Für Hoffnung ist es nie zu spät.

Er schiebt sie weiter, sie stemmt sich dagegen. Ihre Stiefelsohlen rutschen im Gras.

Er keucht. Sie kämpfen verbissen, wortlos. Sie wendet den Kopf, der Abgrund ist bedrohlich nah.

Ein Wimmern entkommt ihren Lippen.

Er gewinnt an Boden.

Sie schreit auf. Aus Gewohnheit, ist innerlich ganz klar. Braucht ihre Kraft, sucht verzweifelt nach einem Ausweg.

Er stößt sie wieder nach hinten.

Die Stiefelsohlen bieten wenig Halt. Sie versucht, einen Absatz ins Gras zu bohren. Der Boden ist hart, sie rutscht, will sich festhalten, rudert mit den Armen.

Ein Schritt zurück, ihr Fuß tastet ins Leere. Schreck weitet ihre Augen.

Sein Blick bleibt entschlossen.

1

Die Tische sind U-förmig aufgestellt. Sabine sieht es durchs Fenster. Sie war ewig nicht hier. Nicht, dass sie das Dorf vermisst hätte. Sie hat sich fest vorgenommen, hier herzukommen. Vor ihrem vierzigsten Geburtstag. Und sie hat es geschafft. Eigentlich müsste ich stolz auf mich sein.

Einige haben die Köpfe zusammengesteckt und unterhalten sich. Sabine reißt sich von dem Anblick los und biegt um die Hausecke in Richtung Eingangstür. Der Wirt hinter der Theke grüßt freundlich und deutet zum Extrazimmer.

Sie bleibt einen Moment stehen, die Hand am Türrahmen. Ein paar bekannte Gesichter schauen neugierig zu ihr hin. Sie setzt ein fröhliches Lächeln auf. „Hallo zusammen, ich bin’s, die Sabine.“

Vereinzelt wird gelacht.

„Hallo. Grüß dich. Servus“, wird sie begrüßt.

Sie schüttelt Hände.

„Gerhard, hallo. Elfi, na so was. Grüß dich, Konrad.“

Den hätte ich fast nicht wieder erkannt. Alt schaut er aus. Macht das die Glatze? Nur bei zwei Gesichtern muss sie passen. Peinlich, dass mir die Namen nicht eingefallen sind. Sie überspielt es gekonnt, lobt, dass so viele gekommen sind. Nach 25 Jahren haben alle etwas zu erzählen und es zeigt sich, was aus den Wünschen, Träumen und Hoffnungen geworden ist. Einer der ehemaligen Lehrer sitzt am Tischende. Nur er hat sich Zeit genommen?

„Mia ist noch nicht da?“ Sabine vermisst die Kollegin. Sie war die einzige, die sich ab und zu bei ihr gemeldet, losen Kontakt gehalten hat.

„Sie kommt später. Steckt irgendwo im Stau.“

Sabine schaut sich nach einem Platz um, bemerkt Klaus, der von den Toiletten her kommt. „Klaus, lange nicht gesehen.“

Er mustert sie. Es dauert einen Moment, bis er sie erkennt. Sie merkt es am Grinsen, das bis in seine Augen reicht. „Sabine. Ich glaub’s nicht. Dass du dich wieder einmal her traust.“

Trauen? Ein wahres Wort. Sie geht nicht darauf ein.

„Du hast dich fast nicht verändert“, schmeichelt er. „Immer noch das Rauscheengerl mit den blitzblauen Augen.“

Christkindl, so haben sie sie manchmal genannt, wegen der hellblonden, gekräuselten Haare. Und Rauscheengel, seit sie beim Krippenspiel als Erzengel Gabriel die Ankunft des Heilands verkündigt hat. Sabine hat diese Spitznamen nie gemocht. „So herzig“, haben die Leute immer gesagt und ihr dabei die Wange getätschelt.

„Aber geh. Grau werd ich langsam“, schwächt sie ab.

„Seh’ ich nicht. Bei dem Licht. Außerdem werden wir alle nicht jünger.“

Du hast dich sehr verändert ... der Bart und die Stirnglatze. Auch ein kleines Bäuchlein zeichnet sich unter dem gestreiften Hemd ab. Wahrscheinlich vom Bier.

„Rauchst du?“ Klaus hält Sabine die Zigarettenpackung hin.

„Nein danke“, lehnt sie ab. „Das hab’ ich mir Gott sei Dank schon vor Jahren abgewöhnt.“

„Bring mir noch ein Krügerl!“, ruft er der Serviererin zu.

Sabine hat Lust auf ein Glas Wein. Nicht, wenn ich später noch fahren muss. „Einen gespritzten Apfelsaft.“

Die Kellnerin nickt.

„Und die Karte. Habt ihr schon bestellt?“

„Ich hab’ keinen Hunger.“ Klaus reicht der Servierkraft sein leeres Glas. Er zündet seine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug.

„Sonst noch Wünsche?“ Die Kellnerin schaut fragend in die Runde.

„Jetzt erzähl!“ Sabine setzt sich zu Klaus. „Kommt Leonhard auch?“

„Schon. Wenn er nicht gerade Schafe schert oder Käse macht“, witzelt Klaus.

„Leonhard und Schafe, wie das?“

„Da merkt man, dass du ewig nicht mehr da warst.“ Klaus schaut sie neugierig an.

Sie hört die Frage hinter der Feststellung. „Wieso hat Leonhard Schafe?“, fragt sie erneut.

„Er versucht sich als Bauer, verkauft Käse, manchmal Fleisch und natürlich die Wolle.“

„Und davon kann er leben?“ Die Frage ist berechtigt, Schafzucht hat hier keine Tradition.

Klaus zuckt die Schultern. „Das musst du ihn schon selber fragen.“

„Leonhard. Bauer?“ Sabine schüttelt den Kopf. „Dieser Weltenbummler und Revoluzzer. Das hätte ich ihm nie zugetraut.“

„Ja, ja. So geht es.“ Klaus nimmt das frische Bier entgegen, trinkt einen Schluck und stellt das Glas auf dem Bierdeckel ab.

„Und du, was ist aus dir geworden? Auch ein Bauer, vielleicht?“, versucht sich Sabine an einem Scherz.

„Seh’ ich etwa so aus?“

„Wie ein Bauer? Keine Ahnung. Wie sehen die denn heutzutage aus?“

Klaus geht nicht darauf ein. „Wär’ vielleicht gar keine so schlechte Idee gewesen. Die Arbeit in der Natur hat mir schon immer getaugt.“ Er seufzt: „Nein, nein, ich bin Tischler geworden.“

„Ach so?“ Die Finger sind alle noch dran. „Und wo arbeitest du?“

„Beim Binder, der Tischlerei, da im Ort.“

„Kenn’ ich, da bin ich vorbei gefahren.“

Klaus nickt und trinkt wieder von seinem Bier. „Ja, ja und du?“

„Nichts Besonderes. Ich bin in der Telekommunikationsbranche, Assistentin der Geschäftsführung.“

„Interessante Arbeit?“

„Geht so. Mir gefällt’s.“ Sabine klingt überzeugend.

„Familie?“

„Nein, sollte wohl nicht sein.“ Das Thema ist ihr unangenehm. „Du?“

„Ja, zwei Kinder, Mädchen. Die eine ist schon aus dem Haus.“

Sabine fällt auf, wie wenige Worte ihre Unterhaltung braucht. In aller Knappheit ist vieles gesagt, 25 Jahre zusammengefasst.

„Wollt’s Fotos sehen?“ Martha drängt sich neben Sabine auf die Bank und schiebt das adventliche Tischgesteck mit Kiefernzapfen und Bienenwachskerze zur Seite.

Eigentlich nicht! Sie will nicht unhöflich sein. „Gern.“ Sabine rückt ihren Apfelsaft ein Stück von sich weg und beugt sich über die Fotos. Schnappschüsse von einem Einfamilienhaus, üppig blühende Pelargonien auf dem Balkon.

„Da wohn’ ich, in Kärnten, gleich hinter der steirischen Grenze. Mein Mann ist Eisenbahner, wir haben gebaut“, erklärt Martha. „Und das sind die Kinder. Manfred, der Älteste, Marianne und Theresa, unser Nesthäkchen.“

Fett, dieses kleine Kind. Sicher auch verwöhnt. In Augenblicken wie diesen ist sie besonders froh, kinderlos geblieben zu sein. „Schön“, sagt sie lapidar. „Hübsche Kinder.“

Martha scheint mit ihren Kommentaren zufrieden.

„Gefällt’s dir in Kärnten?“

„Gut. Ich hab’ mich eingelebt. Am Anfang braucht es seine Zeit, bis einen die Einheimischen akzeptieren. Aber ich komm’ immer noch gern heim, die Eltern, weißt eh“, sprudelt Martha los.

„Und du? Wo hat es dich hinverschlagen? Dich sieht man ja überhaupt nie mehr hier. Kommst du eigentlich noch manchmal?“

„Nein. Ich hab’ ja niemanden mehr hier“, rechtfertigt sich Sabine. „Meine Mutter ist in die Stadt gezogen. Das weißt du wahrscheinlich eh. Und zu den beiden Onkeln haben wir nie viel Kontakt gehabt.“ Sie beobachtet Martha. Ob sie mir glaubt?

„Das Landleben vermisst du nicht?“ Martha war schon immer so. Eine von denen, die den Kopf in den Sand stecken. Oder wie diese drei Affen. Augen zu, Ohren zu, Mund zu. Was will ich bloß hier?

„Nein. Ganz bestimmt nicht.“ Sabine schüttelt den Kopf. „Ich bin ein Stadtmensch geworden. Ohne die Hektik und das brodelnde Leben könnte ich gar nicht mehr sein.“ Sie lacht, überspielt, dass das Gespräch sie nervt.

„Kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde verrückt ohne die Natur. Nur graue Häuser, stinkige Luft und dieser Straßenverkehr.“ Martha streicht liebevoll über das Bild mit ihrem Haus.

Dumme Kuh. „Dafür habe ich die kulturellen Möglichkeiten, die Oper, die Museen ...“, verteidigt Sabine die Stadt.

„Die Oper ist nichts für mich. Kino, ja …“

Fachlehrer Kindler, der ehemalige Klassenvorstand, unterbricht das Gespräch. Sabine atmet auf. Kindler klopft mit einem Kaffeelöffel gegen sein Glas. „Darf ich um eure Aufmerksamkeit bitten!“

Es dauert ein wenig, bis das Stimmengewirr abgeebbt ist. „Es gibt hier den Wunsch, eine kleine Vorstellungsrunde zu machen, bevor alle ihr Essen bestellt haben“, kündigt er an. „Und dann möchte ich gleich die Gelegenheit nutzen und euch allen Grüße vom Herrn Oberschulrat bestellen. Er wäre gern gekommen, hat aber einen dringenden Termin wahrnehmen müssen.“

Der war doch gar nicht eingeladen! Sabines Hände werden feucht. Sie wischt sie an ihrer Hose ab.

„Was, vorstellen sollen wir uns?“ Martha kichert nervös.

„Eine kleine Runde, ein paar Worte, was ihr beruflich macht, Familie und so“, beruhigt Kindler.

„Kein Grund zur Aufregung“, sagt nun auch Klaus.

Sabine spürt, wie ihre Anspannung nachlässt.

„Wo fangen wir an?“ Kindler schaut zuerst nach rechts, dann nach links.

„Mach’ ich gleich“, ergreift Gerhard die Gelegenheit. „Dann hab’ ich es hinter mir.“

Ein paar aus der Runde lachen.

„Also, ich hab’ Elektriker gelernt, in Leoben. Und bin bei der Firma geblieben, bis sie Pleite gegangen ist.“

„Wegen dir?“

Die Pointe war vorhersehbar wie das Lachen, mit dem sie quittiert wird. Gerhard lacht mit. Sabine erinnert sich, dass er damals schon gern den Klassenkasperl gespielt hat.

„Nein, aber ihr werdet es nicht glauben: Die Firma, bei der ich dann gearbeitet habe, ist auch in Konkurs gegangen.“

Neuerliches Gelächter, selbst Sabine grinst. „Bei dir muss man wirklich aufpassen.“

„Genau“, bestätigt Gerhard. „Also hab’ ich zur Bahn gewechselt ...“

„Und wer sonst nichts kann, geht zur Post oder Eisenbahn.“

Der hat es nötig. Sabine hat Kurts glasigen Blick wohl bemerkt. Auch die verräterische Gesichtsfarbe ist ihr nicht verborgen geblieben. Ist das noch immer derselbe Schnaps?

„Du bist ja nur neidig, weil sie dich nicht genommen haben.“ Gerhards Antwort klingt scharf. Um ihn betretenes Schweigen.

„Sicher.“ Kurt stürzt seinen Schnaps hinunter und stellt das Glas unsanft auf den Tisch.

„Was haben die zwei miteinander?“, flüstert Sabine in Klaus’ Richtung.

Der schüttelt abwehrend den Kopf. „Jetzt nicht.“

„Geh, reißt’s euch zusammen.“ Ernst klopft Gerhard gutmütig auf die Schulter und wirft Kurt einen warnenden Blick zu.

„Wahrscheinlich hoffst du, dass du mit fünfzig in Pension gehen kannst“, lenkt Erwin ab.

„Wenn die Bahn nicht vorher Pleite macht.“ Hermanns Kommentar löst die Spannung endgültig. Es wird wieder gelacht.

„Hast du Familie?“

„Ja, ich bin verheiratet, hab’ zwei Kinder, ein Mädchen und einen Buben. Die Tochter arbeitet als Krankenschwester in Liezen. Der Sohn macht nächstes Jahr die Matura. Hoffentlich“, schließt Gerhard und nickt seiner Nachbarin zu.

„Also ich bin die Elke, heiße jetzt Perner und wohne noch im Ort. Wir haben zum Haus meiner Eltern dazu gebaut und ich hab’ auch zwei Kinder. Zwei Buben, die beide in die Handelsakademie gehen.“ Elke überlegt, ob sie noch etwas vergessen hat. „Ach ja. Ich hab’ bis vor einem Jahr als Sekretärin gearbeitet und mach’ jetzt die Buchhaltung für meinen Mann. Der ist selbstständig und arbeitet als Manager für Volksmusikgruppen.“

„Dann kennst du den Hansi Hinterseer persönlich?“ Das spöttische Grinsen um Heinz’ Mundwinkel weist darauf hin, dass die Frage nicht ernst gemeint ist.

„Ja“, antwortet Elke schlicht, „ist ein netter Kerl.“

Heinz greift verlegen nach seinem Bier.

„Da bist jetzt baff,“ Klaus boxt ihn freundschaftlich in die Schulter, „gell?“

„Gib Ruh’, hör lieber zu.“

„Hallo, hallo!“, ruft plötzlich Ernst, der gegenüber sitzt. „Du kommst gerade richtig.“

Sabine dreht sich zur Tür um.

Mia steht beim Eingang und strahlt in die Runde. „Mensch riesig, super. So viele“, staunt sie. Die Freude ist ihr deutlich anzumerken. Sie schüttelt Hände und umarmt einige ihrer ehemaligen Klassenkameradinnen. Herzlich wie immer.

„Sabine, Mensch, lass dich drücken. Ich wär’ echt sauer gewesen, wenn du nicht gekommen wärst.“ Mia droht ihr scherzhaft mit dem Finger. Die Jahre in Deutschland sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Das merkt man nicht nur an den Vokabeln, sondern auch am Akzent, der sich in ihr Steirisch mischt.

„Ja, ich freu’ mich auch, dass du da bist.“ Sabine windet sich aus der Umarmung. Solche Vertraulichkeiten sind ihr unangenehm. Mia hat sich seit ihrem letzten Zusammentreffen kaum verändert. Ihre Haare sind immer noch leuchtend rot. Sie färbt sie mit Pflanzenfarbe, erinnert sich Sabine. Auch ihre Kleidung ist immer noch ausgefallen, ein eng anliegender Wollrock, ein leuchtend türkiser Kaschmirpullover und um die Mitte eine Schärpe. Ihr Blau unterstreicht das Türkis und wiederholt sich in den Stiefeln.

„Ich setz’ mich nachher zu euch, wenn ich alle begrüßt hab’.“ Mias braune Augen blitzen.

„Maria, ...“

„Ich nenn’ mich jetzt Mia“, unterbricht sie Ernst.

Andrea verdreht die Augen.

„Dann also Mia. Wir sind grad bei der Vorstellungsrunde“, sagt er und streckt ihr die Hand entgegen.

„T’schuldigung, sorry, hab’ ich nicht gewusst.“ Mia bleibt hinter Ernst stehen. Sie lächelt Sabine zu.

„Die Mia ist ein richtiges Energiebündel.“

„Wie damals“, bestätigt Klaus mit einem bewundernden Blick.

Starrt er auf ihren Busen? Sabine traut Männern grundsätzlich nicht.

„Ja, wie damals“, wiederholt sie nachdenklich.

„Ich bin dran“, ergreift die Nächste in der Runde das Wort. „Also ich habe ...“

Sabine schiebt ihre Erinnerungen beiseite und konzentriert sich auf den Bericht.

Die Stimmung ist heiter. Sabine hat sich zusehends entspannt. Nach dem üppigen Schweinsbraten hat sie sich nun doch zu einem Glas Wein entschlossen.

„Weißt du noch ...“, beginnt Mia ein neues Kapitel im Abschnitt Erinnerungen. „... wie wir damals die Kühe vom Malzbichler grün angestrichen haben?“

Klaus prustet ins Bier. „Genau. Die Kühe. Weit sind wir ja nicht gekommen ...“

„Weil uns der Andi verpetzt hat, dieses Gfrast“, fällt ihm Mia ins Wort.

„Und wie der Malzbichler ausgezuckt ist ... ich hab’ geglaubt, der hat gleich einen Herzkasperl“, ergänzt Sabine.

„Ja, das waren Zeiten.“ Klaus streift seine Zigarette am Aschenbecher ab. „Meine Alten haben ganz schön getobt. Mit dem Gürtel hab’ ich’s gekriegt, so wild war mein Vater. Hat wahrscheinlich Angst gehabt, dass ich auf die schiefe Bahn komm’.“ Klaus grinst.

„Mit dem Gürtel?“

„Ja“, antwortet Klaus ungerührt. „Oft hat er’s ja nicht getan. Die paar Mal kann ich an meinen Fingern abzählen“, rechtfertigt er die Erziehungspraktiken seines Vaters.

„So was hat es öfter gegeben. Die Renate ist immer mit dem Kochlöffel gehaut worden.“

„Wenn die Mutter sie erwischt hat.“

„Genau, die ist doch immer davon gerannt und ihre Mutter mit wehenden Schürzenzipfeln laut schimpfend hinterdrein.“ Klaus lacht.

„Ich find’ das nicht witzig.“ Der Kommentar ist Sabine herausgerutscht. Hier haben immer andere Regeln gegolten. Warum kann ich nicht einfach den Mund halten?

„Was regst du dich auf? Ihre Mutter hat sie sowieso nie eingeholt.“ Klaus mustert sie kühl. „Das war damals eben so. Ganz normal, oder nicht?“

„Schon. Aber das mit dem Gürtel ...?“ Mia schüttelt betroffen den Kopf.

„Sag bloß, du bist nie gehaut worden?“, wundert sich Klaus.

„Nein, nie“, wehrt sich Mia entrüstet. Und nach einem Moment „... doch, ein Mal, eine Ohrfeige von meinem Vater. Da hab’ ich meine kleine Schwester in der Wiege gezwickt.“

„Das zählt nicht“, sagt Klaus. „Seit ich selber Kinder habe, verstehe ich ganz gut, warum einem hie und da die Hand auskommt. Manchmal betteln sie darum.“

Sabine setzt zu einer Entgegnung an, überlegt es sich dann aber doch anders. Wozu streiten? Er kapiert es sowieso nicht. Sie schaut auf die Uhr, eigentlich sollte sie langsam fahren.

„Du willst doch nicht schon wieder gehen?“ Mia hat die Geste richtig interpretiert. „Mensch, Sabine. Das kannst du mir nicht antun. Jetzt, wo wir uns quasi wieder gefunden haben.“ Mia streift die Ärmel ihres Pullovers auf. Der Wirt hat gut geheizt. Sabine hat ihre Weste auch schon ausgezogen.

„Genau, Sabine. Du kannst noch nicht gehen. Und überhaupt, warum bleibst du heute Nacht nicht hier? Ein Zimmer kriegst du im Gasthaus. Du kannst aber auch bei mir zu Hause schlafen.“

Sabine horcht nach, ob sich hinter der Einladung ein Annäherungsversuch verbirgt.

„Klaus, Klaus“, schäkert Mia und droht ihm scherzhaft mit dem Zeigefinger. „Du alter Lustspecht. Was täte da deine Frau sagen?“

„Nichts. Wir haben ein Gästezimmer“, erwidert er ein wenig beleidigt.

„Sag, warum ist eigentlich der Kurt den Gerhard vorhin so angefahren?“, wechselt Sabine das Thema.

„Ach, geh.“ Klaus windet sich. „Ich red’ nicht gern nach, was die anderen so herumerzählen.“

Klaus’ Zögern macht Sabine nur noch neugieriger.

„Angeblich hat er ein G’schichtl mit der Angelika gehabt.“ Renate hat das Gespräch offenbar verfolgt. Sie sieht aus, als würde sie auch gerne die Details loswerden. Tratschweib.

„Angelika? Die Frau vom Gerhard?“

„Geschiedene Frau.“

„Mit Kurt?“ Sabine rümpft die Nase.

„Bei dem Angebot auf dem Land, darf man nicht so wählerisch sein. Und hast du sie schon einmal genauer angeschaut?“ Renates Augen glitzern boshaft.

Sabine grinst.

Klaus‘ Handy läutet. „Ja?“

„Ich hab’ mir drüben beim Brauner ein Zimmer genommen. Du weißt ja, die Frau Brauner ist meine Tante Fini“, wendet sich Mia an Sabine.

Klaus steht auf und stellt sich zum Fenster. Wahrscheinlich ist der Empfang dort besser.

„Die haben sicher noch was frei. Um diese Jahreszeit gibt es ja sonst keine Urlauber hier. Bleib doch bitte...“, redet Mia weiter auf Sabine ein.

Klaus‘ Gesichtsausdruck ist sehr ernst, als er sich zum Tisch umdreht.

Sabine hebt abwehrend die Hand. „Ich glaub’, da ist was passiert“, unterbricht sie Mia.

„Passiert?“ Mia richtet sich erschrocken auf. Ein paar andere am Tisch horchen auf.

„Was ist passiert?“, fragt nun auch Ernst.

2

Klaus lässt sein Handy zurück in die Jackentasche gleiten. „Dem Leonhard sein Max ist noch nicht heimgekommen“, erklärt er dann und stützt sich auf die Lehne seines Sessels. „Er macht sich ziemliche Sorgen.“

„Hat er schon eine Abgängigkeitsanzeige gemacht?“

„Die nehmen sie nach der kurzen Zeit noch gar nicht auf“, wendet Heike ein. „Da muss er schon mindestens eine Nacht lang weg sein.“

„Blödsinn. Das ist vielleicht in den amerikanischen Filmen so, aber bei uns nicht“, widerspricht Gerhard. „Die werden natürlich tätig. Was glaubst du? Der Max ist ja noch ein kleines Kind. Worauf soll man da denn warten?“

Heike zieht den Kopf ein und wird rot.

„Wer ist verschwunden?“, mischt sich nun auch der ehemalige Klassenvorstand ein.

„Der Zuckmayr Max, der jüngste vom Leonhard seinen Buben“, erklärt Klaus. „Er hätte zum Abendessen zu Hause sein sollen und ist noch immer nicht aufgetaucht. Der Leonhard hat Angst, dass dem Buben was passiert ist.“

„Das wollen wir nicht hoffen“, murmelt Kindler. Er hat seinen Mantel in der Hand und war dabei, sich zu verabschieden. „Der Bub ist grad in einem schwierigen Alter, immer auf Dummheiten aus und die Grenzen austesten. Der wird schon wieder nach Hause kommen“, versucht er fachkundig zu beruhigen.

„Ja, ich hab’ auch einmal eine Nacht in einem Heustadel geschlafen“, bringt Ernst ein. „Mit dem Fünfer im Halbjahreszeugnis hab’ ich mich nicht nach Hause getraut.“

„Aber jetzt gibt’s doch kein Zeugnis.“

„Aber Schularbeiten.“ Fachlehrer Kindler knöpft seinen Mantel zu.

„Dass der so gelassen bleibt“, flüstert Mia.

„Das ist die jahrzehntelange Erfahrung“, nimmt Sabine den Lehrer in Schutz, obwohl sie findet, er hätte feinfühliger reagieren können.

„Ich hab’ mich wirklich sehr gefreut, dass du auch gekommen bist.“ Der Lehrer greift nach Sabines Hand und schüttelt sie herzlich. „Dieses Klassentreffen war ein wirklicher Erfolg. Bei der Klasse, die mich im letzten Jahr eingeladen hat, ist nicht einmal die Hälfte gekommen.“

„Mich hat es auch gefreut“, antwortet Sabine höflich. Kindler ist einer von denen, die sie in guter Erinnerung hat.

„Wirst sehen, der Bub kommt schon noch nach Hause.“ Kindler legt seine Hand auf Klaus‘ Schulter.

„Wollen wir es hoffen.“

Während sich der Lehrer weiter verabschiedet und schließlich das Extrazimmer verlässt, trommelt Klaus mit den Fingern nervös auf die Tischplatte. „Mir lässt das keine Ruhe. Der Leonhard ist sonst nicht so. Der schreit nicht gleich Feuer, nur weil es irgendwo raucht.“

„Vielleicht können wir helfen“, schlägt Mia vor.

„Helfen? Wir? Wie?“ Sabine sieht ihre Reisepläne massiv gefährdet. Sie hat sich ein paar Tage Urlaub genommen. Das Wochenende wollte sie in der Therme in Köflach verbringen. Die Entscheidung, davor noch zu dem Klassentreffen zu fahren, hat sie sich bis zum Schluss offen gelassen. Aber mehr als einen Abend in dem Ort? Das kann sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

„Na wenigstens hingehen könnten wir und nachfragen.“ Mia klingt sehr bestimmt. „Was meinst du?“ Sie erhofft sich Unterstützung von Gerhard.

„Weiß nicht.“ Er zuckt die Schultern und streicht die Haare an seinen Schläfen glatt.

„Aber ja. Wenn sie uns nicht brauchen, können wir immer noch gehen. Ein Kind, um diese Zeit, ...“, greift Klaus Mias Vorschlag auf.

„Wie alt ist er eigentlich, der Max?“

„An die zehn, vielleicht elf.“

„So ein kleines Kind hat der noch?“ Sabine wundert sich.

„Also was ist? Fragen kostet nichts.“ Mia drückt Sabine das Weinglas in die Hand. „Trink aus und komm mit. Schließlich hast du immer den besten Draht zu Leo gehabt.“

Das stimmt. Aber es ist lange her. Außerdem … Sabine sträubt sich. Klaus ist bereits aufgestanden.

Andererseits hab’ ich mich drauf gefreut, Leo nach all der Zeit wieder zu treffen. Ob er sich wohl sehr verändert hat? „Na gut, vorher lässt du mir sowieso keine Ruhe“, gibt sie sich geschlagen.

„Gehen wir!“

„Soll ich mitkommen?“ Aus Gerhards Tonfall kann man schließen, dass er nicht gerade darauf erpicht ist, das gemütliche Gastzimmer zu verlassen.

„Lass nur. Wir schauen einmal, was wir tun können und wenn wir Unterstützung brauchen, dann komm’ ich sowieso vorbei und hol’ euch“, winkt Klaus ab. Er zieht seinen Anorak aus einem Berg von Mänteln und Jacken hervor.

„Ist gut. Wir halten die Stellung.“ Gerhard wendet sich seinem Bier zu.

Mia schlüpft ebenfalls in ihren Mantel. Er ist schwarz, fast knöchellang mit einer großen silbernen Schnalle am Gürtel.

Fehlt nur noch ein spitzer Hut und sie kann bei Harry Potter mitspielen.

Auch Renate und Heike mustern Mia verstohlen. Dann stecken sie die Köpfe zusammen. Heike lacht.

Mia ignoriert die beiden. Sie schlägt ihren Kragen hoch und zupft den Schal zurecht.

Ihre Selbstsicherheit möchte ich haben. Sabine kommt sich in ihrem abgetragenen Wollmantel schäbig vor. Ein Ziehen macht sich hinter ihrer Schläfe bemerkbar. War das zweite Glas Wein etwa zu viel?

Sabine scheut den Gang durch das Dorf. Lieber würde sie mit dem Auto fahren.

„Die paar Meter, die gehen wir zu Fuß!“

„Außerdem hast du Alkohol getrunken, da solltest du sowieso nicht mehr fahren.“

„Zwei gegen einen. Das ist unfair. Und wegen der zwei Achterl. Schneller wären wir halt“, versucht es Sabine noch einmal.

„Nichts da. Das wär’ doch gelacht“, bleibt Klaus fest. „Jetzt komm schon.“ Sie weicht ein wenig zurück, als sie seinen Bieratem riecht.

Mia hängt sich bei ihr ein. „Da links?“

Klaus nickt. „Jawohl. Da hinunter.“

Sabine hofft, dass sie niemanden treffen, vor allem keinen, der sie erkennt. Für heute ist ihr Bedarf an Erinnerungen gedeckt.

Ein paar Jugendliche stehen in einer Hofeinfahrt. Sie unterhalten sich.

Beim Heimatmuseum biegen die drei Klassenkollegen ab. Es ist ein alter Getreidespeicher, den der Gemeinderat mit viel Aufwand renovieren hat lassen. Sabine erkennt das Museum am Hinweisschild. Drinnen war sie noch nie.

„Ist es noch weit?“ Sie jammert aus Prinzip.

„Ein kleines Stück noch“, gibt Klaus zurück, als ob er ein Kind bei Laune halten müsste.

Sie kommen am Marktbrunnen vorbei und an der Mariensäule. Die Säule habe ich in der vierten Volksschulklasse aus dem Gedächtnis in mein Heimatkundeheft gezeichnet. Sehr brav, hat die Lehrerin unter die Zeichnung geschrieben. Sabine schnaubt durch die Nase.

„Ist was?“ Mia schaut sie fragend von der Seite her an.

„Es ist komisch, nach all den Jahren wieder hierher zu kommen. Ich mein’, alles schaut aus wie immer und ist doch irgendwie kleiner. Die Perspektiven verschieben sich. Den Marktplatz zum Beispiel hab’ ich als riesig in Erinnerung und jetzt ist es eben ein kleiner Platz, nicht viel größer als der Beserlpark um die Ecke von meiner Arbeit.“

„Klar, damals warst du ja auch ein Kind und jetzt schaust du dir alles aus der Warte einer Erwachsenen an, die noch dazu in der Stadt wohnt, wo auch die Dimensionen ganz andere sind.“ Mia hat erfasst, was Sabine meint.

„Genau.“ Sabine ist froh, dass Mia an ihrer Seite ist. Alleine möchte sie hier nicht unterwegs sein. Sie beschließt, auf jeden Fall noch heute zu fahren. Das Thermenhotel in Köflach hat sicher einen Nachtportier.

„Hier wohnt er?“ Mia ist sichtlich überrascht. „Da war doch früher der Schneider, oder?“

„Nein, das Haus hat dem Platzer gehört, der war Schuster, nicht Schneider. Das Haus ist ein paar Jahre leer gestanden. Leonhard macht ein richtiges Schmuckstück daraus.“ Klaus’ Anerkennung ist nicht zu überhören.

Weiter hinten steht noch ein Baugerüst. Was dort gearbeitet wird, ist in der Dunkelheit nicht zu erkennen.

„Vorsicht, da liegen Bretter“, warnt Mia.

Sabine hat sie zu spät bemerkt und stolpert über eine der Kanten.

„Hoppla, pass auf.“ Mia drückt ihren Arm.

„Die Einfahrt ist noch nicht asphaltiert. Gehen wir lieber auf den Brettern, wer weiß, was da für ein Dreck liegt“, bestimmt Klaus und geht auch gleich voraus.

Mia balanciert hinterdrein. Sabine hält sich an Mias Schulter fest.

Kaum hat Klaus den Finger von der Glocke genommen, wird die Tür auch schon von innen aufgerissen.

„Ach du ... ihr seid es“, stellt Leonhard fest.

Sabines Herz schlägt eine Spur schneller. Gut erhalten! Sie mustert ihn eingehend. Seine Haare sind immer noch struppig. Der kleine Wirbel an der Stirn ist auch noch da. Das Grau an den Schläfen verleiht ihm einen zusätzlichen Reiz. Sein Gesicht ist schmal und kantig. Er sieht müde und sehr besorgt aus. Er ist verheiratet, vergiss es.

„Du hast wohl mit Max gerechnet“, beginnt Mia mitfühlend.

Jetzt hat er mich bemerkt.

„Mia. Was ... und Sabine, du auch hier?“ Über sein Gesicht huscht ein nervöses Grinsen. Er hat sich gleich wieder in der Gewalt. „So eine Überraschung. Bei uns ist momentan ... Ihr müsst schon entschuldigen …“

„Eh klar.“ Klaus klopft seinem Freund auf die Schulter. „Wir wollten schauen, ob wir irgendwas tun können.“

Leonhard seufzt. „Kommt’s herein.“ Er tritt zur Seite um sie vorbei zu lassen. „Sabine“, er schüttelt den Kopf, als sie an ihm vorbei geht.

„Ja?“

„Wir haben uns ewig nicht gesehen.“

„So oft wie heute hab’ ich diesen Satz lange nicht gehört.“

Den Kommentar hätte Mia sich sparen können. Sabine folgt den anderen in die Küche.

Es ist ein altmodisch eingerichteter Raum mit einer Kredenz und einem Tischherd, einer großen Eckbank und einem alten Bauerntisch, an dem sicher schon etliche Generationen gesessen sind.

Eine stämmige Frau mit dunklen Haaren und einem herzförmigen Gesicht hält das Schnurlostelefon an ihr Ohr. „Kevin bist du sicher? Hast du ihn wirklich nicht gesehen?“ Sie spricht Deutsch mit einem Akzent, den Sabine nicht zuordnen kann. „Gut. Ruf an, wenn du von ihm hörst!“ Sie schaltet das Telefon aus und legt es vor sich auf den Tisch. „Schon nach zehn. Da ist ganz sicher etwas passiert“, sagt sie besorgt.

„Das ist Melina, meine Frau. Meli, das sind Mia und Sabine. Wir sind zusammen in die Schule gegangen.“

So sieht sie also aus. Ein ziemlich fraulicher Typ. Dass er auf so was steht?

Die Frau nickt. Sie nimmt die drei gar nicht richtig wahr.

„Der kann was erleben, wenn er nach Hause kommt“, schimpft Leonhard. „Uns solche Sorgen zu machen. Was denkt sich der Bengel?“

„Du meinst, er treibt sich irgendwo herum?“

„Mein Sohn treibt sich nicht herum.“ Melina klingt sehr bestimmt. „Er ist ein braves Kind.“

„So hat Klaus es sicher nicht gemeint“, murmelt Leonhard beschwichtigend.

„Wie lange ist er schon verschwunden?“

„Er hätte um sieben zum Essen da sein sollen.“ Leonhard starrt auf die Küchenuhr. „Zuerst haben wir gedacht, dass er die Zeit übersehen hat, aber als er um acht immer noch nicht da war, ist Meli unruhig geworden.“

„Glaubst du auch, dass ihm etwas passiert ist?“ Mia lässt Melina bei dieser Frage nicht aus den Augen.

„Ich mache mir solche Sorgen.“ Melina wischt sich über die Augen, aus denen Tränen purzeln.

„Meli.“ Leonhard streichelt seiner Frau über den Rücken.

Wie er sie angreift. Die schlafen wahrscheinlich noch miteinander. Sabine spürt einen kleinen Stich. Nie würde sie sich eingestehen, dass sie eifersüchtig ist, Sehnsucht nach solchen Berührungen hat. Nein, ganz bestimmt nicht.

„Er wird schon wieder kommen. Wirst sehen“, versucht er seine Frau zu trösten.

Mia setzt sich zu Melina an den Tisch und nimmt ihre Hände. Sabine wundert sich über die vertrauliche Geste. Die beiden haben sich doch gerade erst kennengelernt.

„Können wir euch irgendwie helfen?“

Die Blicke des Ehepaars kreuzen sich.

„Wir haben bis jetzt alle in seiner Klasse durchtelefoniert, bei den Nachbarn war ich auch schon. Und bei der Gendarmerie hab’ ich angerufen, grad vor einer halben Stunde“, zählt Leonhard die bisherigen Bemühungen auf. „Der Posten ist in der Nacht nicht besetzt, Einsparungsmaßnahmen, ihr kennt das eh.“