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Als der letzte Büchsenöffner abbricht, kommt es in einem geheimen Brandenburger Bunker zur Meuterei. Nach 60 Jahren unter der Erde ist die Disziplin von Josef, Otto, Konrad und Fritz endgültig aufgebraucht und der Rest einer vergessenen Wachmannschaft der Waffen-SStaucht plötzlich im Deutschland des Jahres 2004 auf. Ans Tageslicht treten vier schwer bewaffnete Gespenster der Vergangenheit. Verfolgt von begeisterten Neonazis, hysterischen Medien und der Polizei schlagen sich die ebenso verstörten Opas bis in die "Reichshauptstadt" durch und richten ein heilloses Chaos an. „Eine scharfe Satire, wie sie geschichtsträchtiger und aktueller nicht sein könnte. Sehr sehr lesenswert!“ Radio Fritz, RBB „Bizarr und beißend, doch nie pietätlos.“ Der Standard, Wien „Waal stellt äußerst delikate Fragen auf brillante Art und Weise, wie etwa die nach dem historischen Gedächtnis, Kadavergehorsam oder nationaler Identität.” El País, Madrid
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Hans Waal
Bis auf die üblichen Verdächtigen der Zeitgeschichte sind alle Figuren frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen, Namen, Verhalten oder Funktion sind Zufall oder unvermeidlich, jedenfalls keine böse Absicht.
Copyright © 2008 by Hans Waal / Holger Witzel Alle Rechte vorbehalten.
Holger Witzel / Steinstraße 15 / D – 04275 Leipzig
www.hanswaal.de
„Die Nachhut“ erschien 2008 zuerst im Plöttner-Verlag Leipzig und ab 2010 als Taschenbuch im Aufbau Verlag Berlin.
Unter dem Titel „La Retaguardia“ liegt eine Übersetzung auf Spanisch vor: Copyright © 2010 by Lengua de Trapo, Madrid.
Die Übersetzung wurde vom Goethe-Institut gefördert.
Dieses Werk einschließlich aller Teile ist urheberrechtlich geschützt.
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EDITION DUMDIDELDEI ・LEIPZG
E-BOOK ISBN 9783757957438
PRINT ISBN 9783757956165
für Ruth Anders (1916–2007)
28. MÄRZ 2004: Heute muß Karfreitag sein, und daran –
meine liebe Liesbeth – kann selbst Otto wenig ändern.
Stel Dir nur vor: Er hat gerade erst den Jahreswechsel befohlen! Dabei spürt man im äußeren Postengang schon deutlich, wie die Erde taut und der Beton schwitzt
– daß Frühling wird. Wir hängen der Wirklichkeit mindestens zwei Monate hinterher, eher mehr. Nach meiner Rechnung möchten es inzwischen ganze 79
Tage sein.
Zuweilen werde ich das Gefühl nicht los, Otto vergißt den Tagesbefehl sogar absichtlich. Um Papier zu sparen? Wegen der Truppenmoral? Was weiß ich.
Womöglich denkt er sich aber auch gar nichts dabei, denn an anderen Tagen läßt er mich gleich wieder zwei Formulare ausfül en, weil er den Mittagsschlaf mit der Nachtruhe verwechselt. Oder weil es sonst nicht mehr viel zu befehlen gibt. Ich kann Dir viel eicht sagen ...
Wenn nicht gerade eine Beförderung ansteht oder eine Beisetzung, interessiert das genaue Datum hier unten sowieso keinen mehr. Jahreszeiten haben für die Kameraden jede Bedeutung verloren. Wahrscheinlich feiern wir sogar den Geburtstag des Führers seit Jahren im Hochsommer. Konrad meint, das wäre auch egal. Ich bin mir da nicht so sicher, aber Befehl ist Befehl.
Schon gut, Liesbeth, ich weiß, was Du jetzt wieder sagen wirst: Ich sol nicht so viel grübeln und jede Stunde zählen, die Tage und Monate – und die Schaltjahre nicht zu vergessen! Es mag ja sein, daß sich 6
Zeit mit Zeitrechnung nicht wirksam vertreiben lässt: Ein Jahr wird nicht kürzer davon – aber Liesbeth – es wird auch nicht mehr! Und das ist doch schon al erhand Trost: Ein Jahr bleibt ein Jahr. Dafür braucht niemand Befehle, nicht mal Jahreszeiten, die mir immer noch am meisten fehlen, neben meinem Piano und Dir natürlich.
Sieh es mir also nach! Ich möchte mir nur vorstel en, was Du gerade machst, wie Du wohl aussiehst und was du trägst, ob es ein Kleid ist oder ein dicker Mantel, ob Du am Ofen in unseren Lieblingsbüchern schmökerst oder mit den anderen Mädchen im Strandbad tobst.
Oder am Wyschtyter See? Hält unser Steg noch? Warst Du mal wieder dort? Ich hoffe, al ein!
Bei uns hat sich seit meinem letzten Eintrag wenig getan: Josef schläft die meiste Zeit. Otto verfäl t zusehends. Und Konrad kocht und ißt und kocht – an ihm perlt al es ab wie an einem frisch gewichsten Stiefel.
Immer öfter verschwindet er mehrere Stunden in der Werkstatt und atmet absichtlich Lösungsmittel ein. Dann sei al es gut, sagt er, und manchmal beneide ich ihn insgeheim für diese dumpfe Gleichgültigkeit.
Und bei Dir? Wie geht es Mutter, Gisela und Wolfgang? Mein Gott – das Wölfchen! Wahrscheinlich ist der Kleine inzwischen selbst seit Jahren an der Front.
Und Vater? Ich muss mich wohl endgültig von dem Gedanken verabschieden, er könnte noch leben. Auch davor schützt die elende Rechnerei – vor falschen Hoffnungen. Ich bete, daß er wenigstens einen ehrenvol en Rittertod gefunden hat, wie er sich das immer gewünscht hat.
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Ein von Jagemann stirbt nicht im Bett, er stirbt im Feld oder nie! Oft denke ich an seine Worte und höre ihn über meine Wehwehchen lachen, wenn ich klein und krank im Bett lag. Nun muss ich mich in seinem Namen auch noch für meine traurige Laufbahn schämen: Ein von Jagemann, verdammt zum Warten und der Befehlen eines klapprigen Greises ausgeliefert, der just in diesem Moment wieder brül t wie ein Ochse, und niemand weiß warum. Es wird wirklich immer schlimmer mit Otto!
Unter normalen Umständen dürfte er nicht mal mehr eine Schar Pimpfe befehligen. Laut Soldbuch ist er fast 90 Jahre alt. Ein Bein gehorcht ihm gar nicht mehr, das andere selten, gelegentlich macht er sich naß. Sein blindes Auge verbirgt er unter einer Augenklappe, und so wie er das andere zusammenkneift, würde ich meinen Sold der letzten 50 Jahre darauf wetten, daß er damit auch nicht mehr viel sieht. Wenn er beim Morgenappel seinen gesunden Arm zum Gruß erhebt, braucht er hinterher jedes Mal eine halbe Stunde Frischluft. Und siehst Du, so gibt es doch immer noch etwas Neues zu vermelden: Die Flaschen mit reinem Sauerstof sind nämlich al e. Josef hat deshalb extra für Otto einen Schlauch vom Belüftungssystem abgezweigt – vor der Filteranlage! Was bei einem Gasangrif wird? Tja, das habe ich natürlich auch zu bedenken gegeben, aber glaube bloß nicht, es hätte einen interessiert!
Oft erinnert mich Otto an Oma Luise, kurz bevor sie starb. Weißt Du das auch noch: Wie sie sich selbst nicht mehr im Spiegel erkannte? So ähnlich ist es auch mit ihm: Man stel t seinem Kommandeur in al er Form eine 8
Frage, und der schaut einen an, als stünde Iwan persönlich vor seinem Schemel.
Welcher Teufel hat den alten Hohmann nur geritten, als er auf seinem Totenbett – es muss um das Jahr 1989
gewesen sein – die Ältesten-Regel befahl? Täglich frage ich mich das. Als letzter ausgebildeter Offizier mußte er natürlich seine Nachfolge regeln. Aber war und bin ich nicht der Einzige in der Mannschaft, der eine solche Laufbahn wenigstens anstrebt? Nur eben leider auch nach wie vor der Jüngste in DB 10. Lach nicht! Sicher ist das al es relativ. Und selbstverständlich werde ich auch Otto gehorchen, bis er das Kommando für immer an den Herrgott abgibt.
Weißt Du, was ich inzwischen glaube? Warum ich Dir überhaupt immer noch schreibe, als könntest Du es nächste Woche lesen? Weshalb ich die Zeit noch in Stunden messe und Vaters alte Soldatenuhr lieber einmal zu oft aufziehe als einmal zu wenig? Ich glaube: Hoffnung ist am Ende auch nur eine Frage der Disziplin.
Wir dürfen nur nicht mit dem Schicksal hadern oder zweifeln, nicht an uns, nicht an Gott und erst recht nicht am Endsieg. Dann läßt sich sogar die Zeit bezwingen, die unser größter Feind geworden ist. Man muß sie kennen und exakt berechnen. Dann ist sie nichts weiter als die Frist zwischen zwei Befehlen, die Stunde zwischen zwei Kontrol gängen oder die Woche, mit der die Dienste wechseln.
Diese Woche habe ich Küchendienst – schon wieder.
Deshalb laß Dich für heute umarmen von Deinem Fritz!
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28. MÄRZ / Nachtrag: Oh Gott, Liesbeth: Ungeheuerliches geht vor. Wie es aussieht, werden wir noch heute raus gehen. Raus! Und ich sol schuld sein.
Später mehr. F.
BEN: Das kannst du jetzt schwach finden oder gleichgültig, Evelyn, von mir aus auch typisch, aber für mich war es am Anfang ein Job wie jeder andere, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr, und so wie ich das sah, war es bei meinem Chef nicht anders.
Gerd Busch hatte im Wesentlichen auch nicht mehr vor, die Welt zu verändern. Dafür war er als Kameramann viel zu professionel , dafür konnten wir keine Spesen abrechnen und wenn du mich fragst, war er dafür auch einfach schon zu alt. Busch lächelte nicht einmal mehr über die anderen Weltverbesserer, sondern hielt einfach drauf – und fertig.
Ein Auge zugeknif en, das andere am Sucher, so ließ er sich wie ein Dackel an der Leine über die Wiese zerren, Frauchen mit dem Mikro voran, ich hinterher, rein äußerlich ein Team, aber Busch ließ sich auch davon wenig anmerken. Er wirkte beinahe cool, und man könnte sogar nüchtern sagen, wenn er nicht genau dafür konstant zweieinhalb Promil e gebraucht hätte.
Dieser Pegel vor al em war mein Job, außerdem natürlich der Ton, ausreichend Akkus und was sonst noch zu den Aufgaben eines Kameraassistenten zählt.
Leiter, Monse! Wo bleibt der Galgen, Monse? Stativ, mehr Kabel, Monse hier und Monse da; Ben oder gar Benjamin nannte er mich nie. Aber mit der richtigen 10
Mischung aus Cola und Wodka in seinem Blut konnte man es mit Gerd Busch trotzdem aushalten. Dann hielt er auch selbst einiges aus, sogar einen Ostersonntag wie diesen.
Mitten in einem Wald, etwa hundert Kilometer nordwestlich von Berlin, hatte sich der traurige Rest der deutschen Friedensbewegung versammelt. Es sol te wohl so etwas wie eine Demonstration sein, Ostermarsch nannten sie es nach guter alter Tradition, aber es passierte nichts, was auch nur eine halbe Minute Sendezeit wert gewesen wäre: Keine Polizei, nicht mal ein paar Skinheads störten die gediegene Langeweile der Protestausflügler. Sie lungerten einfach nur friedlich auf einer großen Lichtung herum, kämpften mit Pappschildern gegen unsichtbare Jagdbomber und einen Wind, der immer zorniger daran zerrte. Einige Kinder weinten, weil sich ihre Luftbal ons losgerissen hatten, andere hielt es nicht mehr auf den Stelzen.
Die Lichtung war viel zu groß, um von ein paar hundert Menschen ein halbwegs eindrucksvol es Fernsehbild hinzubekommen. Lass es meinetwegen auch tausend gewesen sein – jedenfal s al es kein Grund, sich dermaßen ins Zeug zu legen, wie Busch es tat. Wir hätten einen Kran gebraucht, irgendwas Hohes für eine mittelmäßig aufregende Totale. Er aber probierte es in al en möglichen Einstel ungen, über Kopf und aus der Hüfte, liegend oder aus der Bewegung heraus. Al ein mit der Masse seines Körpers pendelte er dabei jeden Kameraschwenk geschmeidig aus, planierte mit seinen Cowboystiefeln al e Maulwurfshügel im Weg und drehte sogar Interviews beinahe wackelfrei ohne Stativ.
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Vor ein paar Zelten hockten Jugendliche und lauschten einem Liedermacher, der barfuß auf einem Leiterwagen stand. Unter seiner Gitarre trug er einen ausgeleierten Strickpul over, der sich am Rol kragen schon mit dem Vol bart zu verfilzen begann. Der ganze Kerl sah aus, als wol e er die eigene Zunft veralbern, aber of enbar meinte er es ernst. Sein Publikum kannte al e Lieder auswendig, Mädchen vor al em blinzelten den alten Sack ungeschminkt an, dabei waren die meisten kaum älter als 25, weder dick noch hässlich, und nach einer Dusche hätte man jede zweite glatt mit in die Stadt nehmen können, mit anderen Klamotten sogar in einen angesagten Club. Aber so?
So trottete ich meinen Kol egen seit Stunden hinterher, beladen mit Taschen, Gurten und al em Krempel, den ein altmodischer Kameramann sonst noch zu brauchen glaubt – und natürlich mit einem Auge immer bei seinem Schnurrbart.
Al ein dieser Bart! Buschig war gar kein Ausdruck dafür. Es war ein wildes Gestrüpp aus grauen Drähten und weit mehr als das übliche Statussymbol al er Kameramänner jenseits der Fünfzig. Busch benutzte ihn als Taschentuch und bewahrte von jeder Mahlzeit ein paar Reste darin auf. Eingeweihten aber diente der Schnauzer vor al em als zuverlässiger Seismograf: Das kleinste Zucken galt als Erdbebenwarnung. Vibrierte er schon, nutzte auch Wodka nichts mehr.
Ganze Drehtage hatte Busch mit seinen Wutanfäl en schon versaut, Auftraggeber vergrault, drauf geschissen.
Selbst wenn er mal Recht hatte – bevor Praktikantinnen weinten oder sich Interviewpartner bei der Chefredaktion 12
beschwerten, achtete ich lieber auf das Frühwarnsystem. Und so hatte es, seinem Schnurrbart sei Dank, zumindest zwischen uns beiden nie größeren Ärger gegeben, bis auf das Übliche bei etwa dreißig Jahren Altersunterschied unter Kol egen, also gefühlten hundert.
Komisch, und das darfst du mir bitte nicht übel nehmen, Evelyn: Aber bis ich dich näher kannte, hat mich auch das genaue Alter von Busch nie gekümmert.
Eher fragte ich mich, wie oft er für die Dauerwel e in seinen dünnen grauen Locken unter der Haube saß, warum er sich nicht mit der gleichen Hingabe um seinen Bart kümmerte und wie das al es überhaupt einmal Mode gewesen sein konnte? Lauter Dinge, die man dann doch nie fragt. Er war einfach alt für mich, viel eicht 55, viel eicht auch fünf Jahre mehr. Nachmittags sah er meist älter aus.
Es war schon spät am Nachmittag, als ich mir langsam Sorgen zu machen begann. Busch hatte seit Stunden keinen Schluck mehr verlangt, aber war noch immer bei der Sache, als ginge es um eine dieser Großdemonstrationen der 70er oder 80er Jahre, an die er sich – und leider auch seine jungen Kol egen – so gern und oft erinnerte. Glaubte man seinen Geschichten, war er seinerzeit überal dabei und immer ganz nah dran, in Brokdorf oder gegen den Nato-Doppelbeschluss, bei den Schlachten um die Startbahn Süd – oder war es Nord? Egal. Wie bei einem Kriegsveteranen, der die einzig wahre Kameradschaft beschwört, strahlten dann seine Augen. Angeblich sei es damals nicht nur um »Fun« gegangen, wie er meinen 13
Lebensstil grob umschrieb. Und Bilder seien das noch gewesen, Bilder!
Tatsächlich muss er für seine Aufnahmen sogar ein bisschen berühmt gewesen sein – damals. Und auch deshalb kam es mir wie ein Wunder vor, dass er eine lahme Veranstaltung wie diese überhaupt länger als zehn Minuten ertrug, eine Demo ohne Wasserwerfer und Randale. Gerd jedenfal s machte das al es nichts aus, aber mich umso nervöser.
Nach jedem zweiten Song des Liedermachers kletterte ein neuer Redner auf die provisorische Bühne.
Sie klagten oder prangerten an, redeten oder beteten, meist war das schwer zu unterscheiden. Nur einmal, nachdem man eine Oma auf den Wagen gestemmt hatte, kam so etwas wie Unterhaltung auf. Sie reckte ihr knochiges Fäustchen in den Himmel, zitterte vor Wut und wurde immer wieder von ihrer eigenen Stimme überholt, während sie die Tiefflieger verfluchte, die angeblich genau über ihrem kleinen Häuschen noch mal richtig Gas gaben.
Neben ihr stand ein Pfarrer und lächelte betreten. Er trug einen schwarzen Talar, hatte der Alten eben noch das Mikrofon justiert und riss es ihr sofort wieder aus der Hand, als sie mit ihren Verwünschungen fertig war. Dann gab er dem Liedermacher ein Zeichen und stimmte ein neues Lied an, das überhaupt kein Ende nehmen wol te.
Die Leute begannen sogar an verschiedenen Stel en immer wieder von vorn, bis al e durcheinander sangen:
»Herr, gib uns deinen Fri-ie-den ...«
Dieses Wochenende war jedenfal s im Eimer und Busch musste die Nase von diesem Singsang mindestens ebenso vol haben, gar nicht zu reden von der jungen Frau, die uns unermüdlich über die Lichtung scheuchte. Sein Wutanfal war überfäl ig.
Sie hieß Julia oder Jessi, irgendwas mit J, und war mir vorher beim Sender nie aufgefal en. Die jungen Frauen bei Kanal 5 hießen al e irgendwas mit J. Sie sahen auch immer al e gleich aus in ihren gesteppten Jacken und imitierten Reiterhosen und hielten jeden Mist für »großes Kino«. Diese Mädchen wol ten unbedingt ins Fernsehen, hatten sich auf dem Weg dahin in eine Redaktion verirrt und ließen sich dort nach Kräften ausbeuten. Manche taten sogar so, als seien wir Kol egen. In Wirklichkeit, so hatte es mir Busch einmal erklärt, wurden wir auch dafür bezahlt, ihren Ehrgeiz zu ertragen und notfal s den Beitrag zu retten. Die »Küken«, wie er sie nannte, gehörten eben zum Deal und waren seiner Meinung nach genau so lange das, bis der Chef wieder mal Abwechslung unter seinem Schreibtisch brauchte. Bei Gelegenheit sagte er das den Küken auch ins Gesicht, meist »ein für al e mal«, was seine Lieblingsfloskel war. Und wenn sie das nicht schluckten oder daraufhin Theater machten, von wegen Sexismus oder so, flogen sie auch schon mal aus seinem Auto.
Gerade erst hatte er sich einen neuen Van gekauft, schneeweiß und mit al en Schikanen. Besonders stolz war er auf das Handschuhfach, in dem nicht nur eine Anderthalb-Liter-Flasche Cola Platz fand – sondern zwei. Eine Flasche Wodka wäre auch noch rein gegangen, aber aus irgendeiner Scham, die sonst gar nicht seine Art war, mixte sich Busch seinen Treibstoff stets zu Hause vor und tarnte ihn dann in Pfandflaschen 15
als Cola pur. »Um es zu schonen«, fuhr er das neue Auto ausschließlich selbst, auch wenn das üblicherweise der Assi machte. Weil ich das ehrlich gesagt auch besser konnte als er, hielt mich Busch am Steuer für einen Irren, aus vielen ähnlichen Gründen sowieso. Und selten war ich so zufrieden damit wie an diesem Tag.
Es ging mir von Anfang an nicht besonders. Ich hätte viel eicht auf die Nacht zuvor verzichten sol en. Aber, Mann, wer sagt schon ab, wenn er im Doro auflegen darf? Die Besitzer des Clubs waren zufrieden gewesen.
Schon am Mittwoch sol te ich ihren Schuppen wieder heizen, denn der Haus-DJ hatte sich gerade nach Ibiza abgesetzt. Mit etwas Glück konnte ich sein Nachfolger werden – Resident im Doro! Dann hätte ich die Fernsehkohle nicht mehr gebraucht und endlich davon leben können, vom Plattentel er in den Mund sozusagen, hätte mehr Zeit für eigene Nummern, DJ Ben auf al en Flyern der Stadt ...
Träume dieser Art mussten mich wohl auch auf der viel zu frühen Fahrt von Berlin noch einmal übermannt haben, denn ich war erst wieder aufgewacht, als der Wagen über Wurzeln rumpelte und Busch über ein Funkloch schimpfte. Bis auf uns, einen Imbisswagen und eine Gulaschkanone, die nicht recht dazu passen wol te, hatten sich die Friedensaktivisten tatsächlich al e zu Fuß mehrere Kilometer tief in den Wald geschleppt. Doch ob es nun hundert Spinner waren oder tausend, lila Tücher oder weiße – die Frage war eher, wen das überhaupt noch interessierte heutzutage? Außer uns waren nicht mal andere Journalisten da. Al ein Julia oder Jessi ließ sich davon nicht beirren.
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Mindestens 50 Demonstranten hatte sie in den ersten drei Stunden schon ihr Mikro unter die Nase gerammt.
Und es sah ganz danach aus, als hätten wir erst Feierabend, wenn ihr auch noch der letzte Hippie verraten haben würde, warum er hier ist. Mit einem fröhlichen »Hal i-Hal o« überrumpelte sie die Trantüten.
Bei jedem »Äh« nickte sie gespannt und bedankte sich für vol ständige Sätze mit einem anschmiegsamen Lächeln. Womöglich war es einer ihrer ersten Tage bei Kanal 5, denn ihrem Elan konnten selbst die immer gleichen Phrasen nichts anhaben, die sie zu hören bekam: Vom Frieden im Kleinen und im Großen und in Deutschland im Besonderen ... Die Antworten rauschten nur so durch meine Kopfhörer und wenn sich doch mal eine dazwischen verhedderte, dachte ich lediglich an den kleinen Frieden auf dieser Lichtung und die Cola-Flaschen im Handschuhfach. Der Van parkte inzwischen mehrere hundert Meter entfernt am Waldrand. Busch schnaufte schon hörbar. Am Himmel braute sich auch etwas zusammen. Und vorsorglich regelte ich schon mal das Mikrofon auf Nul herunter, was meine Trommelfel e schonen würde, fal s Busch gleich explodierte.
Den Interviews schadete das nicht, denn die Kamera lief schon seit einer Stunde nicht mehr mit. Busch hatte sie einfach ausgeschaltet und tat nur noch so, als würde er den ganzen Quatsch gewissenhaft aufnehmen. Nicht mal das hatte sie gemerkt. Aber niemand wol te nachher im Schnitt wegen anderthalb Minuten Ostermarsch stundenlang Material sichten – vorausgesetzt, der Beitrag hatte überhaupt eine Chance, in die Nachrichten zu kommen.
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»Was glotzt du denn so«, knurrte Busch, als der Kanon ungefähr in die 20. Runde ging. Er sah dabei nicht mal vom Sucher auf, aber sein Bart vibrierte deutlich. Und er meinte mich.
»Nichts. Ich dachte nur ... Brauchst du viel eicht irgendwas aus dem Auto?«
Busch drehte sich mitten im Interview so abrupt zu mir um, dass es Jenny – vor Schreck fiel mir sogar ihr Name wieder ein – das Mikrofon aus der Hand riss.
»Was sol ich denn jetzt bitte brauchen?!«
»Stativ, Regenschirm. Keine Ahnung. War nur nett gemeint, Mann!«
Auf mein Stichwort vom Regenschirm begann es prompt zu nieseln. Möglicherweise hatten mich auch erst die ersten Tropfen darauf gebracht. Busch al erdings wusste genauso gut wie ich, was gemeint war. Und wenn er etwas noch mehr hasste als Drehen mit Küken oder Stativ, dann genau solche Andeutungen. Er brauchte mir das nicht noch einmal »ein für al e Mal« zu erklären. Ich sah es auch so unter seiner Nase beben und hatte den Kopf schon eingezogen, als Jenny dazwischen ging.
»Geht’s noch?«
Mehr sagte sie nicht, aber lächelte wie eine Grundschul ehrerin. Ganz stil war es plötzlich auf der Lichtung geworden, der Kanon aus, keine Redner mehr.
Und wahrscheinlich nahm ich Jenny in diesem Moment sogar das erste Mal richtig wahr: Sie trug weder eine gesteppte Jacke noch Reiterhosen, sondern einfache blaue Jeans. Den ganzen Tag hatte sie noch nicht einmal »großes Kino« gesagt und unser muf liges 18
Schweigen geradezu professionel ertragen. Erst hatte ich das mit Schüchternheit verwechselt – aber nun war klar: Sie dachte gar nicht an uns, sondern nur an ihren Beitrag. Geht’s noch? So einfach war das. Und obwohl sie sicher nicht mal ahnte, worum es ging, ließ Busch sofort von mir ab.
»Selbstverständlich«, sagte er, bückte sich nach dem Mikro und überreichte es ihr wie einen Blumenstrauß.
Fehlt eigentlich nur noch, dass er sich entschuldigte.
Aber da prasselte zu seinem Glück der Regen richtig los.
Jenny rannte als Erste. Busch versuchte, die Kamera unter seiner Jacke zu verbergen, und wenig später drängelten wir uns al e unter das schmale Dach des Imbisswagens. Jeder schnaufte, tropfte, fluchte. Jenny aber nutzte die Enge sofort für ihr nächstes Interview.
Busch parierte und ich konnte es kaum glauben: War das noch Gerd oder nur ihr Hintern?
Der Pfarrer hieß Kuhn, schüttelte seinen nassen Talar und wol te erst nicht vor die Kamera, weil ihm seine letzten Haare kreuz und quer über der Stirn klebten.
Busch half ihm mit einem Kamm. Und dann erfuhren wir doch noch, worum es in diesem Wald eigentlich ging.
Möglicherweise hörte ich auch nur das erste Mal richtig zu, denn Busch hatte die Kamera diesmal an und ich musste auf den Ton achten.
Die Lichtung, so der Pfarrer, gehörte zu einem riesigen Sperrgebiet, dem sogenannten »Bombodrom«: Über 140 Quadratkilometer Wald und Heide, das sol ten wir uns mal vorstel en – seit Jahrzehnten Kriegsspielplatz. Schon die Nazis hätten Teile davon militärisch genutzt. Dann hatten die Russen die 19
Landschaft mit Bomben und Artil erie umgepflügt. Die Bundeswehr hätte mit ihren Jagdbombern am liebsten nahtlos weitergemacht, nur hatte niemand mit dem Widerstand der umliegenden Dörfer gerechnet. Deren Einwohner schossen seit der Wende und dem Abzug der Roten Armee mit Demonstrationen und Prozessen zurück. Sie hatten genug von Lärm und wackelnden Häusern und wol ten in dem verbotenen Wald wieder Pilze sammeln. »Freie Heide« hieß ihre Bürgerinitiative.
Und dass Deutschland Bombenübungsplätze nicht mehr bräuchte, war lange kein schlechtes Argument vor den Gerichten gewesen.
»Seit ein paar Jahren dürfen sie nichts mehr abwerfen«, sagte Pfarrer Kuhn vol er Stolz, »nur noch fliegen.« Doch während sich der Streit mühsam von einer Instanz zur nächsten schleppte, jagten deutsche Tornados längst wieder über fremde Länder und nach jeder Niederlage vor Gericht, so beklagte sich der Pfarrer, tiefer über die kleinen Häuser am Rand der Heide.
»Gerade Deutschland«, sagte Kuhn, und weil Jenny verständnisvol nickte und das Mikrofon weiter vor seinen Mund hielt, sagte er es gleich noch mal: »Gerade wir!«
Es nutzte nur al es nichts. Auf unseren Aufnahmen würde kein Wort davon zu verstehen sein, so laut drosch der Regen auf das Dach des Imbisswagens. Da konnte ich an meinen Knöpfen drehen wie ich wol te, aber als ich kapitulierend die Hände hob, bestrafte mich Busch dennoch mit einem bösen Blick.
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Wider Erwarten gingen Jenny dann doch die Fragen aus. Busch schwenkte noch einmal sorgfältig die leere Lichtung ab, während mir die kalte Brühe in den Nacken lief, denn das schmale Dach reichte leider nicht für al e.
»Haben wir es jetzt?«, fragte ich vorsichtig.
Aber meine Kol egen hörten mich nicht. Busch schob dem Pfarrer ein Bier vor die Nase und sie palaverten los wie alte Freunde am Stammtisch. Gleich, so fürchtete ich, würden sie Zoten reißen, sich abwechselnd auf Schulter und Schenkel hauen und bestimmt noch einige Stunden so verbringen. Dann warf mir Busch jedoch plötzlich den Autoschlüssel zu, was so viel hieß wie: Hol schon mal den Wagen. Und auf dem Weg durch Matsch und Regen fragte ich mich erneut, auf welchem Trip dieser Kerl heute war. Dass er mich sogar seine Karre fahren ließ!
Ganz am Anfang meiner trostlosen Assi-Karriere hatte er mir mal was von »Distanz« erzählt, der angeblich wichtigsten Tugend für Reporter. Wir seien lediglich das
»Fernglas der Zuschauer, nur Chronisten«, wie er sagte.
Leere Worte. Spätestens heute hatte sich Busch klar auf eine Seite geschlagen, auf die Seite von Leuten zudem, die einen ziemlich egoistischen Kampf führten. Was wussten wir denn, ob die Fliegerei nicht doch nötig war?
Und »ausgerechnet Deutschland« – warum denn ausgerechnet nicht? Es musste doch Gründe geben, warum eine Regierung so und nicht anders entschied, so wie es Gründe gab, für die sie gewählt wurde. Gründe gab es immer. Und wenn es sie gab, mussten die Bomber schließlich auch irgendwo üben. Am Ende mochte Busch diese Leute einfach, den selbst 21
gestrickten Liedermacher, die selbstbewussten Dorfbewohner und ihren selbstgerechten Kampf gegen Goliath. Das musste es sein: Ihre Renitenz war eine Rückblende in seine eigene große Zeit. Nostalgie.
Womöglich war es dem »Chronisten« damals auch schon nicht nur um »Bilder« gegangen, um Wasserwerfer und Sitzblockaden, denn »Bilder« hatte es heute definitiv nicht gegeben.
Vorsichtig lenkte ich den Van über die Wiese. Busch hatte inzwischen sein zweites Bier ausgetrunken, aber konnte sich trotzdem nur schwer losreißen. Die Theke, der Pfarrer – irgendwas hielt ihn zurück. Jenny war es jedenfal s nicht mehr, denn die saß längst im Wagen. Als auch Busch endlich einstieg, befahl er mir mit einer herablassenden Geste, den Fahrersitz zu räumen.
Selbstverständlich musste ich dafür im Regen noch einmal um sein Auto herumlaufen, während er einfach vom Beifahrersitz hinter das Steuer rutschte und beiläufig fragte, wie alt wir eigentlich seien.
»25«, antworte Jenny arglos, »warum?«
Ich kannte das alberne Ritual schon, aber weil er regelmäßig darauf bestand, stöhnte auch ich gelangweilt: „27. Immer noch 27.“
Gleich würde er fragen, was nur mit den jungen Leuten heute los sei, kein bisschen Engagement mehr, kein Funken Widerstand und so weiter, ob wir jemals Tränengas geschmeckt hätten, wie das den Gaumen kitzelt und überhaupt.
»Wisst ihr überhaupt, wie Tränengas schmeckt?«
»Oh Mann, Busch, bitte!«
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»Was? Na los, ich höre: Habt ihr jemals den Kopf hingehalten, euch gewehrt oder für irgendwas gekämpft?«
Natürlich hätte ich ihn blubbern lassen können, seine Monologe einfach ausblenden wie immer, Kopfhörer auf und mich an meinen Tunes berauschen, aber es ging nicht anders: Einmal musste ich mich schließlich auch wehren, den Kopf hinhalten und Busch ein für al e Mal sagen, was ich schon immer wol te.
»Na und«, sagte ich, und vermutlich sagte ich es sogar eine Spur zu laut: »Was hat es denn genutzt?«
Das saß. Er sah er mich von der Seite an, als hätte ich ihm einen Dolch zwischen die Rippen gestoßen.
»Ich meine euer Scheiß-Brokdorf und die ganzen Legenden! Am Ende ging es trotzdem ans Netz. Auf der blöden Startbahn West heben heute die Ferienbomber ab und ob Pershing Zwei oder Drei – wahrscheinlich hat die ganze Wettrüsterei sogar den Kalten Krieg beendet, weil dem Ostblock die Kohle ausgegangen ist.«
Jenny saß hinter uns und hatte nicht mitbekommen, wie Gerds Halsschlagadern pumpten. Stattdessen plante sie offenbar einen Beitrag, der die Welt verändern sol te.
»Was meint ihr«, fragte sie, »sol en wir viel eicht noch einen Aufsager machen?«
Ich drehte mich zu ihr um. Auch Busch starrte wütend in den Rückspiegel. Jenny aber blinzelte nur verständnislos zurück. Der Aufsager war ernst gemeint.
Sie wol te den Zuschauern tatsächlich noch einmal vor der Kamera erklären, was ihre Interviewpartner schon hundertfach erklärt hatten, mit Regenschirm und Mikrofon in der Hand – selbstverlebter Reporterkitsch.
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»Viel eicht trägt es ja auch was Größeres«, sagte sie,
»eine halbe Stunde Reportage oder so. Ist doch ein Hammer, dass es solche Leute noch gibt ...«
»Nein«, sagte Busch scharf, beugte sich über meine Beine und ließ das Handschuhfach aufschnappen. Bart und Kehlkopf zuckten synchron, als er trank. Dann warf er mir die Flasche in den Schoß und ließ den Wagen an.
Darauf erlaubte ich mir auch einen Schluck und dass sich Busch nicht einmal darüber aufregte, zeigte nur, wie schwer er wirklich beleidigt war.
Der Van schlingerte im Schlamm, während sich die Scheinwerfer durch den Wald tasteten. Jeder von uns wunderte sich, wo die ganzen Demonstranten auf einmal geblieben waren, aber behielt es für sich. Erst als der dichte Regen nahtlos in Dämmerung überging, raschelte Jenny mit einer Landkarte und stel te Mutmaßungen über die Richtung an. Gerd aber fuhr stur gerade aus, als wüsste er schon.
Eine halbe Stunde später war es richtig dunkel. Nach einer weiteren Stunde hatten wir zweimal gewendet, uns noch einmal gegenseitig angeschrien und schließlich vergeblich den Weg zurück zur Lichtung gesucht. Gerd und ich klebten mit der Stirn an der Scheibe, aber mehr als fünf Meter Sicht ließ der Regen kaum zu. Und diese Waldwege sahen al e gleich aus.
»Halt«, rief Jenny, »da war wieder eins!«
Busch setzte sofort zurück, doch das gleiche Schild hatten wir erst vor ein paar Minuten gesehen:
»Militärischer Sicherheitsbereich«, stand darauf, außerdem irgendwas von Blindgängern, etlichen Verboten und Lebensgefahr.
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»Vorhin stand es aber rechts«, sagte ich. »Nein, wir kamen nur von vorn«, knurrte Busch. »Egal«, stöhnte Jenny und hörte sich nun überhaupt nicht mehr an wie eine geduldige Grundschul ehrerin. »Können wir nicht einfach mal in eine Richtung fahren?«
28. MÄRZ 2004 / Nachtrag II: Drei Einträge für einen Tag, das gab es noch nie in al den Jahren und kommt Dir sicher wie Verschwendung vor. Doch die Dinge überschlagen sich nun und wol en deshalb umso exakter und zeitnah protokol iert sein.
Wenn man so wil , bin ich sogar an al em Schuld.
Dabei ist mir nur ein Büchsenöf ner abgebrochen, ein Missgeschick – und nachgerade lächerlich, was jetzt daraus gemacht wird.
Der Dorn brach gleich nach der ersten Drehung an seiner schmalsten Stel e, wo er das Blech teilt. Viel eicht habe ich zu schräg angesetzt oder verzogen – was weiß ich. Es musste eben schnel gehen! Das Rindfleisch brutzelte schon in der Pfanne. Aber Konrad, der mir wie stets in der Küche half, kam wenig später mit leeren Händen aus dem Vorratstrakt zurück.
Erst habe ich noch gelacht, so entsetzt, wie er auf die Dosen mit Bohnengemüse starrte. Konrad hört nicht mehr besonders gut, das hätte es sein können. Oder sein Gehirn war wieder mal von der Leimschnüffelei verkleistert, und er hatte den neuen Öf ner schlicht vergessen, den er holen wol te. Doch al das war es nicht. Es sei der Letzte gewesen, flüsterte er und hielt das verstümmelte Werkzeug theatralisch in die Lampe.
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Nehmen wir eben ein Bajonett, sagte ich und schob erst mal das Fleisch vom Herd. Oder Josef würde irgendwas bauen, dem Juden fal e sicher etwas ein ...
Aber Konrad schnitt meine Worte mit einer scharfen Handbewegung ab, als dürfte ich seine Andacht nicht mit derart praktischen Überlegungen stören.
Bis auf das ewige Fauchen der Belüftung war es stil in der Anlage. Ich wol te gerade zum Seitengewehr greifen, das vorschriftsmäßig an meinem Koppel baumelte, als Konrad mir beschwörend eine Hand auf den Arm legte und mit großen Augen flüsterte: Ob ich denn nicht verstünde? Eines Tages werde es auch die letzte Büchse sein. Es sei ein Zeichen. Das Ende. Ein Fanal. Dann sank er erschöpft auf einen Schemel.
Unwil kürlich drehte ich mich zur Tür. Irgendwo da hinten döste Otto vor sich hin, der solche Sprüche keinesfal s hören durfte. Wegen einer ähnlichen Lappalie hatte er Konrad schon vor einem halben Jahr beinahe erschießen lassen und das – bei al em fehlenden Respekt – sogar zu Recht: Zersetzung ist unser größter Feind, der einzige womöglich. Warum mußte Konrad auch immer gleich al es in Frage stel en, als wäre es nicht so schon schwer genug für jeden von uns? Er sei mein Freund, sagte ich ihm, aber wenn er nicht gleich das Maul halte, würde ich das melden.
Zwei Sekunden starrte er mich noch an, dann beugte er sich wieder über die Pfanne und rührte weiter im Rindfleisch. Ich dachte wirklich, damit wäre die Sache ausgestanden und versuchte es mit dem Bajonett: Rein damit, aufhebeln, nachfassen – es war auch damit kein 26
Problem. Aber dann warf Konrad plötzlich den Löf el hin und grunzte: Dann melde es doch!
Er sprach absichtlich laut und wurde mit jedem Wort lauter. Na los, schrie er schließlich durch die ganze Anlage, oder sol ich anfangen: Reichsführer, ich melde, der von Jagemann hat was zu melden!
Sogar Josef muß davon wach geworden sein und kam verschlafen in die Küche. Otto brauchte etwas länger. Und wir nahmen erst Haltung an, als sein Sessel um die Ecke rol te. Was denn los sei, fragte er mich, Essenfassen oder was?
Jawohl, mein Reichsführer, zwei Minuten noch.
Meine Stimme zitterte, aber Konrad zog sich ohne ein weiteres Wort in die Vorratsstol en zurück. Er fragte nicht einmal, ob er wegtreten dürfe, dabei ist Otto eher pingelig in diesen Dingen. Zum Glück sah er diesmal darüber hinweg oder hatte es gar nicht gesehen mit seinem einen Auge.
Solange die Kameraden stil vor sich hin löf elten, konnte ich den Vorfal noch verschweigen. Denn noch immer hält sich jeder an das ungeschriebene Gesetz, bei den Mahlzeiten keine Gesprächsthemen zu verschwenden. Erst als al e fertig waren, meldete ich beiläufig den defekten Büchsenöffner und spielte –
albern genug – eine Sache herunter, die an sich keine große war. Es sei von al em noch genug da, erklärte ich: Hunderte Konserven Wurst, sogar Rindfleisch aus dem Sonderkontingent, Gemüse natürlich und massenhaft Dosenbrot. Erst vor zwei Wochen hatte ich mit Konrad aus Langeweile Inventur gemacht. Und mit keinem Wort erwähnte ich seinen übertriebenen Auftritt.
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Verstehst Du, Liesbeth? Ich Idiot wil ihn da raus halten – und was passiert? Er kommt dazu, als hätte er nur auf ein Stichwort gewartet und steckt die anderen auch noch an mit seiner Hysterie. Und ausgerechnet Josef – sonst eher bedächtig – nahm das garstige Wort zuerst in den Mund: Sabotage.
Der Verdacht stand eine Weile im Raum wie eine heimliche Blähung, die ihre Wirkung erst al mählich entfaltet: Otto wol te mich dann natürlich sofort erschießen lassen, schrie nach einem Standgericht –
Insubordination! Wenigstens waren Josef und Konrad noch so weit bei Vernunft, sich an unser stil es Abkommen zu erinnern: Denn würden wir diese Art von Ottos Befehlen nicht seit Jahren vorsätzlich übergehen, wäre keiner von uns mehr am Leben.
Nun sitzt Dein armer Saboteur also im Arrest, was für sich genommen nicht schlimm wäre. Viele schöne Tage habe ich hier schon verbracht und mich immer ein wenig wie auf Fronturlaub gefühlt: Essen aufs Zimmer. Ab und zu eine Partie Schach mit dem Wachposten. Ruhe. Man hat ja sonst keinen Ort für sich. Während Otto Böttcher als Kommandeur seit Jahren das andere Gästezimmer bewohnt, wirkt hier noch al es wie neu, eine Pracht aus vertäfelten Wänden und schweren Möbeln. Nur das Grammophon ist leider kaputt. Wie oft habe ich Dich schon hierher geträumt, in Gedanken gestreichelt und mich doch wieder nur selbst berührt. Heute ist mir nicht mal danach zumute.
Draußen debattieren die Kameraden nun schon seit Stunden. Aus den wenigen Worten, die durch die Türen 28
dringen, läßt sich schließen, daß sie längst nicht mehr nur über mein Schicksal reden. Wieder einmal scheint sich al es um das eine Thema zu drehen, das uns seit Monaten spaltet und keinen mehr kalt lässt, seit die Detonationen über uns aufgehört haben. Es geht um Befehl 343/45, unseren Auftrag, letztlich um al es.
So ein durchtriebener Hund! Plötzlich durchschaue ich auch die Dosenöffner-Af äre und könnte Konrad unter anderen Umständen für diesen Schachzug sogar bewundern: Wie er al e verrückt macht, ohne dass es auf ihn zurückfäl t. Wie er gleichzeitig seinen schärfsten Widersacher ausgeschaltet hat – geradezu genial.
Trotzdem bleibt es dabei: Wir dürfen den Bunker auf keinen Fal verlassen. Es wäre Fahnenflucht, nichts weiter.
Sicher bringt Konrad draußen gerade wieder seine LieblingsDienstvorschrift in Stel ung, die angeblich den eigenmächtigen Rückzug versprengter Truppenteile rechtfertigt. Wie oft wir darüber schon gestritten haben!
Josef Stahl hält sich wahrscheinlich wie immer raus oder drängt auf eine Mehrheitsentscheidung, weil er weiter Halma spielen wil . Üblicherweise verbietet Otto die Diskussion dann ganz, bevor es zum Schwur kommt. Zu viel Für und Wider ist ihm einfach zu anstrengend. Aber so, wie es sich heute anläßt, kann man sich darauf auch nicht mehr verlassen.
Es ist 18 Uhr durch, als mich die Kameraden endlich aus dem Arrest holen: Al e sind völ ig aus dem Häuschen.
Diesmal hat es Konrad also geschafft und wird selbst vor Aufregung immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt.
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Josef packt schon. Otto tut, als habe er den Ausstieg selbst befohlen. Und natürlich werde auch ich mich seinem Befehl beugen, aber – Liesbeth – frag nicht, wie es mir dabei geht! In einer Stunde sol Ausrüstungsappel sein. Befohlen sind Marschgepäck und Verpflegung für zwei Tage. Josef verteilt zusätzlich Munition und hat sogar an Schutzbril en gedacht, die ursprünglich zu einer Höhensonne für die hohen Herrschaften gehörten. Vor al em Josef, das weiß ich genau, hat sie heimlich oft benutzt, bis die Quarzlampe kaputt ging. Nun wil er uns damit das ungewohnte Tageslicht erträglich machen, aber selbst keine aufsetzen – und rate mal warum: Wegen seiner Frisur! Also nimmt Konrad eine Bril e, ich die andere. Otto hat ja seine Augenklappe. Und während wir uns al e noch einmal rasieren, laufen Wetten, ob draußen Tag ist oder Nacht. Als wenn uns da oben nicht Schlimmeres erwartet!
Bis auf das aktuel e Heft muss ich meine Aufzeichnung zurücklassen. Auch deshalb möchte ich an dieser Stel e noch einmal ausdrücklich meinen Protest gegen die befohlene Befehlsverweigerung dokumentieren. Sol te man meine Notizen eines Tages finden, wird man darin al es nachlesen können, leider auch al es Private an Dich. Doch glaub mir, Liesbeth, niemand muß dabei erröten. Nichts Schmutziges ist an unserer Liebe, nicht in Worten, fast nichts in Gedanken und – ach, Du weißt selbst, was al es unerfül t blieb.
Viel eicht macht ja gerade das die größte Liebe aus?
20 Uhr – Abmarschbereitschaft: Das kleine grüne Notlämpchen leuchtet auf, als wir die Tür zur 30
Gasschleuse öffnen. Die Handsirene, die leeren Käfige der Kanarienvögel, darunter die Kiste mit den Gasmasken. Jede Kleinigkeit, jede Ecke in DB 10 habe ich so oft betrachtet. Und jetzt sol es das letzte Mal sein? Ein seltsames Gefühl ist das, beinahe wie Wehmut.
Der Haupteingang im Süden ist seit 20 Jahren verschüttet. Niemand weiß, wie es oberhalb des Notausstiegs aussieht. Eine unheimliche Anspannung macht sich breit. Konrad und Josef stemmen sich gegen das Drehkreuz. Die Zangenmechanik der ersten Drucklufttür quietscht sofort, dann bewegen sich die Bolzen. Dahinter die Treppe – unversehrt. Gott steh uns bei!
BEN: Es war fast Mitternacht, als Busch plötzlich auf die Bremse trat. Wie ein Yo-Yo am Ende der Schnur flog ich in den Gurt. Und ob es nun Rehe waren oder Sekundenschlaf – geschenkt. Mit müden Augen sieht jeder Gespenster. Deshalb musste er nicht ewig in die Finsternis starren und stur behaupten, vor ihm seien eben zwei Gestalten über den Weg gehuscht. Gerade wol te ich zaghaft anbieten, das Steuer zu übernehmen, da drehte er sich hel wach zu mir um.
»Wackersdorf«, sagte er, »nur damit das ein für al e Mal klar ist: Wackersdorf war nicht umsonst!«
Zufrieden nahm er den letzten Schluck aus seiner Colaflasche, und selbst wenn ich gewusst hätte, was er meinte, hätte ich sicher nichts mehr gesagt.
Wackersdorf? Meinetwegen! An einen Fahrerwechsel war jedenfal s nicht mehr zu denken. Doch dann räumte 31
Busch auf einmal von sich aus das Steuer. Und es muss nicht unbedingt an mir gelegen haben, aber kaum war ich zehn Minuten gefahren, meldete sich das erste Handy zurück, dann das zweite und schließlich sogar Jenny.
»Da, ein Licht!«
Sie hatte es zuerst gesehen und jauchzte, als wären wir tagelang verschüttet gewesen. Im Lichtkegel einer Straßenlaterne tauchte ein gelbes Schild auf: Gossow hieß der Ort, Landkreis Ostprignitz-Ruppin, und Jenny fand ihn sogar auf ihrer Karte. Die nächste Autobahnauffahrt war angeblich auch nicht weit. Ihr Glück wäre fast perfekt gewesen, wenn nicht gleich am ersten Haus im Dorf eine blasse Bierwerbung geleuchtet hätte.
»Dorfkrug« stand darüber in Fraktur, darunter:
»Gabi’s Pension.« Und ich wusste sofort, was zu tun war. Busch nickte nur wohlwol end, als ich davor anhielt.
»Jungs«, fragte Jenny, »was sol das? Viel eicht schaffen wir es jetzt doch noch in die Frühnachrichten!«
Busch war schon ausgestiegen. Ich angelte meine Jacke vom Rücksitz und bat Jenny augenzwinkernd um Verständnis, solang er noch in Hörweite war. Ehrlich gesagt verstand ich sie auch nicht: Die Redaktion hatte den Beitrag abgeschrieben. Wir waren al e müde und hungrig. Warum Buschs Laune noch einmal leichtfertig aufs Spiel setzen?
»Hast du denn keinen Hunger?«, fragte ich, als Busch schon an der Kneipentür war. Aber Jenny schüttelte nur wütend den Kopf. Ich hielt ihr die Tür auf. Sie stieg demonstrativ auf der anderen Seite aus. Ich freute mich 32
über die völ ig verdreckte Karre, doch Jenny vermutete, ich lachte über sie.
»Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder?«
Mit verschränkten Armen blieb sie neben dem Wagen stehen und schaute mich vorwurfsvol an. Der Regen spülte al erdings al es Harte aus ihrem Gesicht, und nach einer Minute konnte sie auch nicht mehr anders und lächelte ohnmächtig zurück.
Als wir die Gaststube betraten, fuhren ungefähr zehn Köpfe herum und sanken sofort wieder über ihre Biere.
Breite Rücken, blaue Arbeitsjacken, von hinten sahen sie al e gleich aus und so, als säßen sie jeden Abend hier, um zu trinken und möglichst wenig zu sprechen. Al es, was zu sagen war, stand mit Lötkolben auf Holzbrettchen, die rings um die Theke hingen.
»Zwischen Leber und Milz passt immer ein Pils« – von der Art.
Hinter einer Barrikade aus Gläsern hantierte eine dicke Frau mit einer Schnapsflasche, vermutlich Gabi.
Sie war 40 oder 60 Jahre alt, trug ein ebenso schwer bestimmbares Gewand zwischen Kleid und Kittel, lila und braun und musterte uns misstrauisch, bevor sie den letzten von drei Wodka einschenkte. Busch musste seine Finger in die Gläser tauchen, nur so bekam er al e mit einer Hand weg. In seiner anderen Hand erkannte ich drei von diesen Holz-Knubbeln, an denen üblicherweise die Schlüssel von Gästezimmern baumeln.
Zwei Männer rückten ihre Stühle etwas zur Seite.
Busch nickte ihnen freundlich zu, baute die Schnäpse an einem freien Tisch auf und legte die Schlüssel daneben.
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»Zimmer Nummer 1, 2 und 3«, sagte er, »nun ist ausgebucht.«
Jenny sagte nichts. Mehr als ein halbherziges »Na dann: Prost!« fiel mir auch nicht ein. Die dicke Wirtin wackelte in die Küche.
Sicher hatte Busch auch schon Essen für uns bestel t.
Man konnte das unverschämt oder fürsorglich finden. Ich für meinen Teil war froh, dass er überhaupt wieder menschliche Züge zeigte. Jenny empfand of enbar nichts dergleichen.
»Außerdem habe ich morgen früh einen wichtigen Termin.«
»Wir auch«, sagte Busch und ließ seinen Blick durch die Wirtschaft wandern, ohne Jenny auch nur zu streifen.
Sie folgte seinen Augen in die hinterste Ecke, wo ein paar junge Männer ihre kahl rasierten Köpfe zusammen steckten.
»Mit dieser Thorwart, der neuen Wunderwaf e beim BKA ...«
»Wir auch.«
Busch grinste. Sie seufzte. Mir war jeder Dreh recht.
Und wahrscheinlich hörte ich deinen Namen in diesem Moment sogar zum ersten Mal.
»Dann wisst ihr auch, dass es ein längeres Stück werden sol und Matti persönlich für Evelyn Thorwart ...«
»Jetzt pass mal auf, Mädchen, ein für al e mal: Matti persönlich ist mir persönlich scheißegal. Mir persönlich knurrt nämlich der Magen und ganz sicher fahre ich heute Nacht nicht mehr zurück. Da muss sich Matti eben persönlich um einen neuen Termin bei dieser komischen Nazitante kümmern. Al es klar?«
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Busch schob seinen Kopf über den Tisch wie ein Raubvogel, der notfal s auch zuhacken würde. Jenny hielt seinem Blick trotzdem noch einige Sekunden stand, bevor sie endgültig aufgab. An ihrer Nasenspitze sammelten sich ein paar Tropfen, und ich war nicht sicher, ob es nur Regenwasser war. Ein unbehagliches Schweigen machte sich breit.
Wenn ihr der Chef ein »größeres Stück« versprochen hatte, war das tatsächlich eine seltene Chance für ein
»Küken«, so selten wie größere Stücke im Programm von Kanal 5 überhaupt. Niemand wusste das besser als Busch, der sich darüber sonst immer gern bei Matti beklagte. Mir war das gleich: Groß oder klein, Feierabend oder nicht. Hauptsache, es wurde bezahlt.
Um die Idee mit dem Taschentuch beneidete ich Busch dennoch, jedenfal s im ersten Moment. Umständlich hatte er es aus seiner Jacke gekramt. Es sah nicht mehr ganz frisch aus, aber immerhin: Wenn er es diskret über den Tisch geschoben hätte, wäre viel eicht eine ganz nette Geste daraus geworden. Wie er es ihr jedoch hinwarf, war es genau das Gegenteil: der blanke Hohn.
Jenny sprang sofort auf, grif nach einem Schlüssel und kippte absichtlich ihr Schnapsglas um. Wortlos stapfte sie zur Theke, neben der eine Treppe nach oben führte und ein Lötkolben-Brettchen den Weg zu den Gästezimmern wies. Ein dünnes Rinnsal Schnaps bahnte sich den Weg über unseren Tisch und tropfte auf Buschs Hose. Er drehte sich nach den anderen Gästen um, grinste schief und breitete eins der Taschentücher über der Schnapslache aus. Fast sah er ein wenig verlegen aus.
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»Schade um den Schnaps. Was hat sie auf einmal?«
»Was sie hat? Mann, das war viel eicht ihr erster Beitrag – er wäre es zumindest gewesen!«
»Wusste ich doch nicht – ist natürlich schade.«
»Schade? Du bist viel eicht manchmal ein Arsch!«
Das war noch untertrieben, aber auch ganz schön mutig für meineVerhältnisse.
Busch bestel te trotzdem noch zwei Runden. Jennys Zigeunersteak teilten wir uns. Und damit du Bescheid weißt, Evelyn – das stand wortwörtlich so in der Karte!
EVELYN: Eins kannst du mir glauben, mein Lieber: Es waren sicher nicht die rassistischen Speisekarten in irgendwelchen Brandenburger Dorfkneipen, die mir den Schlaf raubten. Aber auch das sol natürlich keine Entschuldigung dafür sein.
Seit Wochen ging das schon so, jede Nacht: Ich lag steif auf dem Rücken, starrte auf die Tapete meiner Zimmerdecke und konnte das in guten Nächten –
wunderbar geborgen – sogar genießen. Wann sonst heutzutage fühlt sich Zeit noch so intensiv an? Nicht mal mein Telefon konnte mir hier etwas anhaben. Ich ließ es einfach klingeln und rührte mich nicht. Tagsüber hätte ich das im Leben nicht geschafft. Schlaf gehörte zu den wenigen Dingen in meinem Leben, die sich noch nie hatten erzwingen lassen. Die Angst vor dem Telefon war hingegen neu, wenn auch nicht weniger lächerlich für eine Frau knapp über 40. Letztlich zählte auch noch die Klingelmelodie meines Handys zu diesen Peinlichkeiten, aber für Greensleeves war ich wenigstens vol und ganz verantwortlich.
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Nach »and who but my« hatte der Anrufer aufgegeben, noch mitten im Refrain, und fast ein wenig stolz summte ich die Melodie zu Ende. Wie immer schätzte ich die Zeit, bevor ich auf die Uhr sah, und glaubte fest daran, das hätte irgendeinen Einfluss: Je genauer die Schätzung – desto besser für mich.
Manchmal koppelte ich sogar ein Omen für den nächsten Tag an diesen Aberglauben, genau wie früher, als die Klassenarbeit schon so gut wie geschrieben war, wenn ich auf dem Schulweg kein einziges Mal die Fugen zwischen den Gehwegplatten betrete hatte. Damals funktionierte das noch ausnahmslos. Erst wenn die Regeln mit einem erwachsen werden, braucht man ständig Ausnahmen zur Selbstbestätigung. Nur eine galt nach wie vor: Man durfte auf keinen Fal darüber reden, nicht über diese kleinen Tricks und erst recht nicht über Gefühle. Viel eicht war das die wichtigste Regel überhaupt.
Ich hatte mich für vier Uhr und zehn Minuten entschieden. Ein Auto donnerte über das Kopfsteinpflaster der Pappelal ee. Sein Scheinwerferlicht huschte durch mein Schlafzimmer und über die Zeiger an meinem Handgelenk. Es war noch nicht mal drei.
Selten lag ich so daneben. Aber wenn ich ehrlich war, hatte ich in letzter Zeit auch keine einzige Fuge ausgelassen.
Schwer plumpste mein Arm zurück auf die Bettdecke.
Aus der Kneipe gegenüber drang Gelächter. Noch immer widerstand ich dem Drang, das Handy vom Nachttisch zu reißen und die Mailbox abzuhören. Nur stolz war ich nicht mehr darauf: Drei Uhr – keine Zeit eigentlich für 37
Berlin, für das Leben in dieser Stadt. Vor ein paar Wochen gehörte ich selbst noch dazu. Und jetzt? Jetzt lag ich wach im Bett wie eine alte Frau und fürchtete mich vor meinem eigenen Telefon. Ich hatte Angst, dass es gleich wieder klingeln könnte, Angst vorm Rangehen und davor, es nicht zu tun. Manchmal spürte ich die Funkwel en schon vorher, wie sie meinen Puls beschleunigten und – na also: Wieder zuckte es auf meinem Nachttisch. Greensleeves was al my joy. Von wegen! Noch tiefer kroch ich unter die Decke: Geh nicht ran, Evelyn! Hast du es eben nicht gehört. Sol en sie dich doch mal!
Schil er war dran.
Angeblich tat es ihm leid, aber er habe schon dreimal, und ob er mich etwa geweckt habe ...
»Nein«, unterbrach ich barsch, »ich war noch wach.«
Noch oder schon, was spielte das für eine Rol e?
Darauf, dass ich das Telefon nicht hören wol te, wäre einer wie Schil er sowieso nie gekommen. Leute wie ihn interessierte Schlaf nicht, der seiner Mitmenschen schon gar nicht. Der Kerl brachte mich immer sofort in Rage.
»Wir haben ein Problem«, sagte er. »Davon gehe ich aus um diese Zeit.« Schil er war an sich kein umständlicher Typ. Er war mein Assistent und hatte mich bisher nie spüren lassen, dass es andersherum eigentlich richtiger gewesen wäre. Al es, was die neue Sonderermittlungsgruppe gegen Rechtsextremismus betraf, stammte von ihm: die Idee, das Konzept, sogar die Abkürzung »SoRex«. Er hatte die Leute ausgesucht, operative Pläne für den bundesweiten Einsatz erarbeitet und als sein Baby endlich laufen sol te, hatte man ihm 38
ausgerechnet eine Frau vor die Nase gesetzt, ausgerechnet mich. Es war also nicht seine Schuld, aber auch nicht meine, dass ich mich ihm gegenüber ständig benahm wie ein alter Feuerwehrhauptmann.
»Jetzt sag schon«, fragte ich, »wo brennt’s denn?«
»Sie werden lachen«, antwortete Schil er, »aber es brennt tatsächlich und zwar ein Bus auf der A 24.«
»Na und? Sind wir die Feuerwehr oder was?«
Ich hasste mich dafür und konnte doch nicht anders: Genau wie ich Schil er von Anfang an duzte, während er mich hartnäckig siezte, musste ich ihm ständig ins Wort fal en. Er dagegen atmete nur etwas lauter als nötig.
»Die Kol egen vor Ort gehen von einem Anschlag aus, deshalb haben sie uns angefordert.«
»Und weiter?«
»Wie es aussieht, liegen sie richtig.«
So lief das immer: Je unwirscher meine Zwischenfragen, desto mehr verlegte sich Schil er darauf, nur noch brav zu antworten. Es war eine von diesen blöden Kommunikationsfal en, die wir beide aus diversen Seminaren kannten – theoretisch.
»Gibt es Verletzte?«
»Nicht der Rede wert, nur der Fahrer. Es ist nur ...«
»Tote?«
»Nein. Schlimmer.«
Nun ließ er mich zappeln. Auch das gehörte zum Spiel. Nur blieb Lars Schil er für seine 30 Jahre und die Umstände unserer zwanghaften Beziehung dabei stets erstaunlich gelassen.
Noch vor kurzem hätte ich bei einem wie ihm nicht mal einen Termin bekommen. Der Kanzler persönlich 39
hatte ihn nach einer geschmeidigen Karriere beim Bundeskriminalamt als Experten für innere Sicherheit in sein Wahlkampfteam geholt. Darauf war Schil er immer noch unheimlich stolz, auch wenn er hinterher wieder ins Glied treten und seine leichtfertig dahin gedachten Ideen nun umsetzen sol te. Die SoRex war eine davon.
Dass sich die Regierung nach ihren Lichterkettenwahlkampf überhaupt noch daran erinnerte, war auch für mich eine Überraschung gewesen. Vorher waren Neonazis auf Bundesebene nie ein großes Thema gewesen. Lediglich ein paar wackere Sozialarbeiter in der ostdeutschen Provinz hatten immer wieder Alarm geschlagen. In Berlin war in mir als kleine Referentin einer Bundestagsabgeordneten seit Jahren wie Kassandra vorgekommen, die damit al e nervte, aber nie für vol genommen wurde. Erst nach dem hundertsten Toten und etlichen regionalen Demonstrationen hatten die Trauerkerzen auch in den Augen der Politiker zu leuchten begonnen. Irgendjemand hatte den Innenminister auf meine Arbeit in antifaschistischen Netzwerken aufmerksam gemacht. Ich hatte sogar einen Verdacht, wer das gewesen - und dass es für Wolf am Ende wieder nur ein Schachzug im täglichen Spiel um die Macht war, aber es ging ja um die Sache: Für ein Feigenblatt war die SoRex beim Bundeskriminalamt ziemlich hoch angebunden und das Problem in meinen Augen sowieso jeden Versuch wert.
Schon deshalb konnte ich nicht kneifen, weil niemand wusste, wie lange das Interesse an meinem Thema noch halten würde. Dafür kannte ich Politiker zu gut, besonders diesen einen, aber das musste auch Schil er 40
gar nicht genauer wissen. Für seinesgleichen war es schwer genug, einen Vorgesetzten zu akzeptieren, der sich die Beine rasierte und keine Ahnung von Polizeiarbeit hatte. Ich hoffte, dass es nur das war. Mehr als Zickigkeit hatte ich al dem kaum entgegenzusetzen, außer viel eicht noch meine Stärke, am Telefon schweigen zu können, bis es wehtat. Denn das hielt Schil er selten lange aus.
»Amerikaner«, sagte er plötzlich, als sage das al es.
Ephraim schnurrte im Schlaf und ich steckte meine kalten Füße unter sein Fel , während Schil er endlich mit der ganzen Geschichte herausrückte: Demnach war ein Bus mit amerikanischen Austauschschülern auf der Autobahn Richtung Hamburg verunglückt. Polizisten vom Revier Dreieck Dosse hatten ihn mit dem Heck in der Luft gefunden. Fahrgäste irrten im Wald umher, manche über die Fahrbahn. Nicht al e seien sofort ansprechbar gewesen, was aber – so Schil ers Vermutung – auch am Englisch der Brandenburger Beamten gelegen haben konnte. Etwa die Hälfte der 50
jungen Amerikaner sei mit leichten Verletzungen in Krankenhäuser der Umgebung verteilt wurden, die anderen waren schon wieder auf dem Rückweg nach Berlin.
»Und weiter«, platze ich in seine erste Atempause.
»Nichts weiter – außer dass die US-Botschaft seit Stunden Druck macht und das Auswärtige Amt verrückt spielt. Jede Minute ruft hier ein hohes Tier an. Aber sonst nichts!«
Schil er geriet nun doch hörbar in Gefahr, etwas von seiner Fassung zu verlieren: »Wir können das höchstens 41
noch zehn Stunden deckeln«, flüsterte er aufgeregt in den Hörer, »übermorgen – spätestens – steht es in jeder Zeitung.«
»Wieso deckeln? War der Busfahrer betrunken?«
»Nein! Ach so – mein Fehler: Auf den Bus wurde geschossen. Zwei Projektile haben wir schon gefunden.
Aber al ein die Frontscheibe hat sechs Löcher!«
Begeistert horchte ich auf: So hatte ich den ewig lässigen Schil er noch nie erlebt, müde, gereizt, fast ein wenig ungehalten. Mein Fehler, hatte er gesagt. Sein Fehler! Das naive Weibchen war zwar auch nur einer meiner notdürftigsten Tricks – aber immerhin: Ich war auf dem richtigen Weg.
»Trotzdem: Was haben wir damit zu tun?«
»Wenn Sie mich ausreden lassen könnten – bitte!«
Ich konnte, aber schrieb mir heimlich einen zweiten Punkt gut und erfuhr auf dem Weg in meine Küche, dass die Kol egen bei der Suche nach verstreuten Schülern eine automatische Waffe am Waldrand gefunden hatten.
Was eine »MP 44« war, sagte mir zwar nicht viel. Umso genauer wusste es Schil er.
»Eine Maschinenpistole, Kaliber 7,92, auch Schmeisser genannt.«
»Weil sie dort weggeschmissen wurde?«
»Nein«, rief er, »so hieß der Konstrukteur, meine Güte!«
Lächelnd sortierte ich abgelaufene Joghurts in meinem Kühlschrank hin und her. Leider fand ich keinen Essbaren mehr – und Schil er viel zu schnel zum richtigen Ton zurück.
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»Eine alte Wehrmachts-Knarre ist das. Der dicke Elber – Sie wissen schon, ein echter Waf ennarr -
erkennt jede Flinte im Dunkeln und war ganz begeistert.«
»Typisch Mann ...«
»Fachmann«, verbesserte mich Schil er und raschelte mit Papier. »Von diesem Sturmgewehr wurden nur ein paar tausend gebaut und an besondere Einheiten verteilt, Fal schirmjäger, Waf en-SS – so was. Erst ziemlich spät im Krieg entwickelt. Elber meint sogar: zu spät.«
»Wie: zu spät? Was meint er denn damit?«
»Keine Ahnung«, log Schil er und wusste es doch genauso gut wie ich. »Aber jetzt kommt’s: Die Waf e sieht aus wie neu, wie konserviert oder noch nie benutzt.
Bis heute Nacht: Sie war quasi noch warm. Das Kaliber passt auch. Wir haben ...«
Den Rest hörte ich nur noch mit einem Ohr. Ich hatte damit zu tun, mich über diesen Elber zu ärgern.
Gleichzeitig musste ich anerkennen, dass in dieser Nacht of enbar lauter ausgeschlafene Beamte Dienst hatten: Nur zwei Stunden nach dem Unfal war die SoRex alarmiert. Kurz darauf stand meine kleine Einsatzgruppe schon am Tatort. Und wenn al es stimmte, was Schil er zu berichten hatte, war die Waf e nun bereits auf dem Weg nach Wiesbaden. Dieses Tempo war fast unheimlich. Al ein der Antrag für eine Laboruntersuchung beim BKA wäre auf dem üblichen Dienstweg wochenlang durch die Republik geirrt.
Richtig freuen konnte ich mich trotzdem nicht darüber: Hätte die Polizei in den letzten Jahren nur ab und zu 43
halb so schnel reagiert, wäre eine SoRex gar nicht nötig gewesen. Wie oft hatten Polizisten ratlos vor einem halbtoten Kubaner gestanden. Fast immer lungerten in der Nähe ein paar grinsende Jugendliche mit verdächtig kurzen Haaren herum und sahen der Polizei bei der Arbeit zu. Später stand in den Berichten, ein fremdenfeindlicher Hintergrund sei nicht auszuschließen.
Die Beamten mussten dafür nicht mal auf dem rechten Auge blind sein. Sie konnten nur rechtsextreme nicht mehr von anderen Kids unterscheiden, weil es kaum noch andere gab. So wie Schil er einen verkappten Nazi of enbar nicht von einem Fachmann unterscheiden konnte. Oder wol te? Um diesen Elber würde ich mich auch noch kümmern. Ich musste nur aufpassen: Aus Versehen hatte Schil er den Kol egen bestimmt nicht denunziert.
»Brauchst du mich vor Ort«, fragte ich.
»Nein«, sagte Schil er etwas zu schnel .
»Ich habe morgen diesen blöden Fernsehtermin ...«
»Ich weiss. Deshalb brauchen wie ja einer Sprachregelung. Wenn die schon davon wissen, sol ten wir ... «
Ich wol te von Schil er nicht wissen, was wir sol ten. Er sol te einfach anrufen, wenn es etwas Neues gab. Und bevor er weitere Widerworte fand, legte ich auf.
Das Interview mit Kanal 5 hatten Pressestrategen der Regierung arrangiert. Eine reine PR-Geschichte: Schaut her, jetzt tun wir wirklich was! Schon deshalb wäre ich nie auf die Idee gekommen, das Fernsehen könnte aktuel e oder gar kritische Fragen stel en. Schil er dagegen hatte auch daran gedacht.
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Er kannte sich mit solchen Sachen aus, war immer im Bild und wahrscheinlich sogar gern im Fernsehen. Sol te ich viel eicht doch anders mit ihm umgehen? Ihn womöglich selbst hinschicken?
Schil er würde jede Frage parieren, ohne eine einzige zu beantworten, sogar solche, die ich unter anderen Umständen selbst gestel t hätte und deshalb am meisten fürchtete: Wie man zum Beispiel ohne jede Ausbildung über Nacht Polizistin werde? Oder: Frau Thorwart, was ist eigentlich der Unterschied zwischen amerikanischen Austauschschülern und toten Kubanern? Täuscht der Eindruck oder ist die Polizei immer so schnel ?
Mindestens zehn lästige Fragen dieser Art fielen mir auf Anhieb ein – aber nur halb so viele Ausflüchte.
Womöglich würde man sogar fragen, ob es stimme, dass ausgerechnet in meiner Truppe Nazisprüche üblich seien?
An dieser Stel e brach ich das fiktive Interview ab: Kein Kommentar mehr! Schluss jetzt, bevor sich meine Ängste einmal mehr zu einer handfesten Paranoia auswuchsen.
Schil er konnte sowieso nicht einspringen. Er würde noch bis morgen früh an der Autobahn stehen. Ich selbst fror schon bei dem Gedanken daran wie ein rasierter Pudel im Winter. Nicht mal Schadenfreude konnte mich wärmen. Ich schob es auf unser unterkühltes Verhältnis, meine Müdigkeit und diesen Geizkragen von Hausbesitzer, der schon Ostern die Heizung abstel en musste – bis ich merkte, woran es wirklich lag: Noch immer kauerte ich barfuß und mit eingeschlafenen Beinen vor meinem offenen Kühlschrank. Es knirschte in 45
al en Gelenken. Rheuma, Bettflucht, Demenz. So fängt es an. Was dieser Job aus einem macht – was er aus mir macht!
Mein Bett zumindest musste noch warm sein.
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Als ich wieder aufwachte, musste ich die Uhrzeit nicht einmal schätzen. Es war schon hel draußen und sowieso al es zu spät: Knapp fünfzehn Minuten blieben mir noch, um aufzustehen, mich fertig zu machen und ins Ministerium zu fahren – viel zu wenig für eine Frau in meinem Alter, zu wenig al ein für den Weg.
Ich hatte mich auf meine beste Freundin Hanka verlassen, auf den Wecker am Handy, meine innere Uhr und verschwendete nun mit geschlossenen Augen auch noch ein paar kostbare Sekunden für mögliche Ausreden: Plötzlich krank? Auto kaputt? Ein Missverständnis bei der Verabredung? Al es sinnlos, durchschaubar, lächerlich. Ich besaß ja nicht mal ein Auto. Ganz absagen? Das war immerhin ein wohliger Gedanke, der mich noch einige Augenblicke wärmte, als ich schon ziel os durch die kalte Wohnung irrte.
